Und dann, eines Tages - Alison Mercer - E-Book

Und dann, eines Tages E-Book

Alison Mercer

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Beschreibung

Vom Verlieren und Wiederfinden einer großen Liebe

Eines Tages flieht Anna Jones vor dem Regen in eine Londoner Buchhandlung – und steht plötzlich vor Victor, ihrer ersten großen Liebe. Siebzehn Jahre sind seit der Trennung vergangen, und doch konnte sie Victor nie vergessen. Diese zufällige Begegnung ist dazu bestimmt, Annas Leben zu verändern. Doch erst muss sie bereit sein, sich der Geschichte ihres gebrochenen Herzens zu stellen.

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Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Über das Buch

Annas Leben steckt in einer Sackgasse: Sie verliert ihren Job, ihre langjährige Beziehung befindet sich in einer Krise und gute Freunde sind rar. Bis sie eines Tages völlig durchnässt vor dem Regen in einer Buchhandlung Zuflucht sucht und dort Victor wiedersieht. Victor ist Annas erste große Liebe. Seit der gemeinsamen Unizeit vor fast zwanzig Jahren hat sie ihn nicht mehr gesehen. Dies ist der Moment, der Annas Leben vollkommen verändern wird. Doch die Begegnung bringt auch die Geister der Vergangenheit zurück. Warum zerbrach jener enge Freundeskreis, der Annas Jahre an der Universität so sehr prägte? Was passierte damals wirklich, als Anna und Victor sich trennten? Bevor sie einen Neuanfang wagen kann, muss Anna bereit sein, sich ihren schmerzhaften Erinnerungen stellen.

»Alison Mercer erzählt tief berührend vom Finden und Verlieren der ersten großen Liebe und von einer Wiederbegegnung, die alles verändert.«   Star

Über die Autorin

Alison Mercer wurde im englischen Reading geboren und verbrachte ihre Studienzeit in der Stadt Oxford, die auch Schauplatz ihres Romans Und dann, eines Tages ist. Heute lebt die Autorin mit ihrer Familie in Oxfordshire.

ALISON MERCER

Und dann, eines Tages

Roman

Aus dem Englischen von Ute Brammertz

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

After I Left You bei Transworld Publishers,

a Random House Group Company, London

Deutsche Erstausgabe 07/2014

Copyright © 2014 by Alison Mercer

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014

by Diana Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion  |  Lisa Scheiber

Umschlaggestaltung  |  t.mutzenbach design, München

Umschlagmotiv  |© shutterstock

Satz  |  Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

ePub-ISBN 978-3-641-13908-7

www.diana-verlag.de

Für P – den Paradigmenwechsel

T E I L1

2011

DAS TAL

Als sie sich umdrehte, sah sie ihn direkt an, und er hatte das außergewöhnliche Gefühl, dass sie richtiggehend in ihn hineinsah, als kenne sie ihn und wisse alles über ihn, als könne sie in ihm lesen wie in einem Buch.

Aus: Das Ende des Mr. D. von Benjamin Dock (1978)

1

Anna Jones?

2011

»Anna? Du bist es doch, oder?«

Ich blickte von dem Tisch mit den Neuerscheinungen auf, und da stand er. Victor Rose starrte mich an, eine Augenbraue hochgezogen. Kein Wunder, denn ich musste lächerlich aussehen. Ich hätte mir keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können, um der verflossenen Liebe meines Lebens über den Weg zu laufen.

Meine Haare tropften. Ich war klitschnass, außerdem trug ich ein grässliches bodenlanges lilafarbenes Kleid über dem Arm. Es war völlig offensichtlich, dass es sich um ein Brautjungfernkleid handelte. Was sonst würde ich mit einem derart rüschigen und mädchenhaften, einem derart hoffnungsvoll-romantischen Kleid anstellen? Selbst die nasse Cellophanhülle reichte nicht aus, um seinen Satinglanz zu verbergen.

Und jetzt errötete ich wie ein Teenager in Gegenwart eines umschwärmten Idols. Als ich bemerkte, dass mir der Mund offen stand, schloss ich ihn schnell. Sprechen konnte ich auf gar keinen Fall.

Victor … In jeder Hinsicht Victor … Dunkelhaarig, dunkle Augen, groß, gut gebaut, diese aufrechte, stramme Haltung … Aber alt! Na ja, nicht alt, aber mittleren Alters, mit ergrauten Schläfen, Ringen unter den Augen und Fältchen in den Augenwinkeln.

Zugenommen hatte er allerdings nicht. Er legte wohl immer noch Wert darauf, in Form zu bleiben. Außerdem war er insgesamt nicht der Typ, der dazu neigte, Fett anzusetzen.

Als ich das letzte Mal so dicht bei ihm gestanden hatte, war er erst zweiundzwanzig gewesen. Meine letzten Worte an ihn waren auch an das Mädchen an seiner Seite gerichtet gewesen und an die anderen, den Rest des engen kleinen Kreises, der wir einst gewesen waren. Damals war es mein sehnlichster Wunsch gewesen, keinen von ihnen jemals wiederzusehen.

»Hallo, Victor«, sagte ich. »Wie geht es dir?«

»Gut, danke«, erwiderte er. »Und dir?«

»Oh, prima. Ein bisschen durchnässt.«

»Es ist ziemlich mies da draußen«, pflichtete er mir bei.

»Wie ich sehe, hast du dir etwas Lesestoff besorgt«, sagte ich mit Blick auf die Tüte in seiner Hand. Trug er einen Ehering? Ich konnte es nicht richtig sehen.

»Die allerneueste postmoderne avantgardistische Belletristik … Nein, gar nicht. Fünf-Freunde-Bücher für meine Tochter.«

»Die Bücher habe ich früher geliebt«, sagte ich.

»Ja, sie ist auch eine ziemliche Leseratte«, meinte Victor.

Ich war versucht, mehr zu erfragen, hielt es aber nicht für ratsam. Victors Leben, und was daraus geworden war, hatte schließlich nichts mit mir zu tun – dafür hatte ich gesorgt.

Ja, ich hatte ihn einst geliebt, aber er war nicht der Einzige, an den ich im Laufe der Jahre gedacht und den ich vermisst hatte. Es war nie nur um uns gegangen. Und jetzt ging es überhaupt nicht um uns, und das würde auch so bleiben.

»Es war nett, dich wiederzusehen«, sagte ich, »aber ich sollte mich besser auf den Weg machen.«

Unbewusst trat ich einen Schritt zurück, und ich merkte erst, dass ich an den Tisch neben mir gestoßen war, als ein Bücherstapel krachend zu Boden fiel.

»Lass mich dir helfen«, sagte Victor. Ich faltete das Brautjungfernkleid zusammen und legte es auf den Boden. Wir machten uns daran, die Bücher aufzusammeln, und auf einmal war er mir sehr nahe, so nahe, dass ich nur meine Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren …

Doch nein, das war bloß eine verrückte Eingebung, die Art selbstzerstörerischer Unsinn, die einem manchmal einfach so durch das Gehirn schießt. Es war nur der Schock, ihn einfach so aus heiterem Himmel zu sehen: Jemand, der jahrelang nur in der Erinnerung und in Träumen existiert hatte, der beinahe zu einem Gespenst geworden war, kniete jetzt neben mir auf dem Boden einer Buchhandlung, siebzehn Jahre älter als bei unserer letzten Begegnung und vollkommen real. Kein Wunder, dass ich nicht recht wusste, was ich mit mir anfangen sollte.

Sobald der Bücherstapel wieder mehr oder weniger an seinem Platz war, sah ich zu Victor hoch. Zu meiner Erleichterung tat mein Herz nichts Außergewöhnliches.

»Danke«, sagte ich. »Ich mache mich dann besser auf den Weg. Ich bin spät dran.«

»Musst du gleich weiter?«, fragte er. »Wir könnten doch vielleicht einen Kaffee trinken gehen. Ein bisschen quatschen.«

»Es tut mir leid, ich kann nicht. Ich bin bloß wegen des Regens hier hereingekommen. Ich muss zurück in die Arbeit.« Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. »Eigentlich schon seit fünf Minuten. Ich beeile mich besser. Mach’s gut, Victor. Hoffentlich gefallen deiner Tochter ihre neuen Bücher.«

Ich wandte mich zum Gehen – diesmal darauf bedacht, nichts umzuwerfen – und hielt schon auf den Ausgang zu, als ich ihn sagen hörte: »Hast du nicht etwas vergessen?«

Ich blickte zurück, und da war er und hielt mir das Brautjungfernkleid entgegen.

»Danke.« Ich ergriff es.

Er holte einen Regenschirm aus seiner Plastiktüte. »Ich könnte dich begleiten. Dann wirst du nicht noch einmal nass.«

»Oh, der Regen hat sich mittlerweile bestimmt gelegt«, wehrte ich ab.

»Schauen wir mal«, meinte er, und wir machten uns gemeinsam auf den Weg zum Eingang des Ladens.

Es goss immer noch in Strömen. Vor den gläsernen Eingangstüren drängte sich ein bunt zusammengewürfelter Haufen Passanten und sah zu, wie der Regen in den Pfützen auf dem Gehsteig aufspritzte.

»Wohin gehen wir?«, fragte Victor.

»Richtung Leicester Square«, antwortete ich.

Er schob sich durch die Tür und öffnete seinen Regenschirm, und ich folgte ihm nach draußen auf die Straße. Ein kleines Stück gingen wir schweigend nebeneinander her. Dann bot er mir seinen Arm mit den Worten an: »Auf diese Weise bleibe ich auch trocken«, und mir wurde klar, dass er den Regenschirm ausschließlich über meinen Kopf gehalten hatte.

Was blieb mir anderes übrig? Es schüttete wirklich. Ich nahm seinen Arm, und wir schlenderten in aller Öffentlichkeit die Charing Cross Road entlang, als wären wir immer noch ein Liebespaar oder zumindest Freunde.

Problematisch war nur, dass es sich gut anfühlte. Manche Menschen verfallen in Laufschritt, andere sind zu langsam. Manche sind zu klein oder zu groß oder stolpern dahin und schaffen es nie, denselben Rhythmus zu finden. Doch wir gingen mehr oder weniger im Gleichschritt nebeneinander her, ohne das geringste Aneinanderstoßen, Zerren oder Drängen. So war es bei uns schon immer gewesen, bis zu dem Zeitpunkt, als ich ihn am Flughafen in Los Angeles zurückließ und nach Hause flog, um mein letztes Jahr in Oxford zu beginnen. Als ich ihn das nächste Mal sah, tanzte er mit einer anderen.

»Gibt es einen besonderen Anlass?«, fragte Victor.

»Du meinst das Kleid? Ja, sicher. Tippy heiratet. Erinnerst du dich noch an Tippy?«

Tippy war meine Halbschwester. Wir hatten dieselbe Mutter, und ihr Vater – mein Stiefvater – war der einzige Vater, den ich je gekannt hatte. Wir waren zusammen aufgewachsen und auf dieselbe weiterführende Schule gegangen, standen einander allerdings nicht sonderlich nahe. Ich war gerührt, weil sie mich gebeten hatte, eine ihrer Brautjungfern zu sein, doch gleichzeitig wünschte ich mir, sie hätte ein vorteilhafteres Kleid ausgesucht.

»Klar erinnere ich mich«, antwortete Victor. »Als ich sie kennenlernte, ging sie noch zur Schule. Ich fasse es kaum, dass sie alt genug ist, um zu heiraten. Aber sie dürfte wohl über dreißig sein.«

»Ja, richtig erwachsen«, sagte ich. »Herzlichen Glückwunsch übrigens zur neuen Stelle. Ich habe in der Zeitung davon gelesen.«

Victor war vor Kurzem zum künstlerischen Leiter des Ploughshare ernannt worden, eines Londoner Theaters, das bekannt dafür war, neue oder vergessene Stücke aufzuführen, die durch gelegentliche Auftritte von Stars aus Hollywood oder aus erfolgreichen Fernsehserien aufgepeppt wurden. Als ich las, dass er die Leitung übernahm, hatte ich mich – nur einen Augenblick lang – wahnsinnig glücklich gefühlt, beinahe, als handelte es sich um meinen eigenen Triumph.

»Danke«, sagte Victor.

»Wirst du Clarissa herüberholen?«, fragte ich unwillkürlich.

Clarissa. Clarissa Hayes. Sie war immer der Star in unserem kleinen Freundeskreis gewesen. Und mittlerweile war sie richtig berühmt: überall auf der Welt bekannt, ein Publikumsliebling, jedermann ein Begriff.

Ich musste nur in der U-Bahn die Rolltreppe vorbei an den Werbetafeln nehmen oder spätabends den Fernseher einschalten, und da war sie. Blond, rothaarig oder manchmal brünett, ihr Akzent normalerweise, aber nicht immer, amerikanisch. Gekleidet in Dienstmädchenuniform oder einen Latex-Catsuit oder einen Reifrock aus Vorkriegszeiten, aber dennoch unverwechselbar Clarissa. Es war jedes Mal wieder seltsam, sie zu erblicken, wie ein kleiner Stups aus einem anderen Leben.

»Ich habe sie nicht gefragt«, antwortete Victor. »Anna, wahrscheinlich ist dieser Zeitpunkt auch nicht schlechter als jeder andere, um das Folgende zu sagen, da sich mir vielleicht keine weitere Gelegenheit bieten wird. Es tut mir wirklich leid, wie alles gelaufen ist.«

»Mir auch«, sagte ich. »Aber das Leben geht weiter, nicht wahr?«

»Allerdings«, stimmte er mir zu.

Die Rauchglasfassade von Blake Fitzgerald Accountants ragte vor uns empor. Unsere Zeit war abgelaufen.

Ich zog meinen Arm aus Victors Armbeuge. »Da wären wir.«

Haltgemacht hatten wir unter den Säulen des Portikus, den man bei der Kernsanierung des georgianischen Gebäudes stehen gelassen hatte. Der Regen hämmerte hörbar darauf nieder.

Victor ließ den Regenschirm sinken.

»Tja …« Er zögerte. »Heißt du immer noch Anna Jones? Wie ich zugeben muss, habe ich dich ein- oder zweimal im Internet gesucht und versucht herauszufinden, was du so treibst. Doch ich konnte keine Spur von dir entdecken.«

»Ich halte mich eben recht bedeckt.«

»Bist du je wieder dort gewesen?«

»Am St. Bart’s, meinst du?«

St. Bartholomew’s, das gewöhnlich mit seinem Spitznamen bezeichnet wurde, war das College in Oxford, an dem wir einander vor beinahe zwanzig Jahren das erste Mal begegnet waren. Ich war nur ein einziges Mal wieder dort gewesen, ein paar Monate nach unseren Abschlussprüfungen. Es war mein Abschied sowohl von dem Ort als auch den Menschen gewesen, die ich dort gekannt hatte, und es lag mir fern, je wieder zurückzukehren.

»Ich weiß, dass du nicht zu den Ehemaligentreffen gehst«, sagte Victor. »Sie führen dich als verschollenes Mitglied. Ich habe mich bloß gefragt, ob du je hinfährst und dich umsiehst.«

»Ich hege kein sonderliches Interesse daran zurückzublicken«, erwiderte ich.

»Aha«, sagte er. »Du bist mir also immer noch böse.«

»Bin ich nicht.«

»Wenn du es wärst, könnte ich es dir nicht verübeln.«

»Ich denke einfach nicht darüber nach. Über nichts davon. Es ist sehr lange her.«

Einer der Steuerberatergehilfen kam nach draußen und blieb stehen, um seinen Regenschirm aufzuspannen. Er war jung und großspurig, hatte erst seit ein paar Jahren den Studienabschluss und genoss es offensichtlich, sein Gehalt in Designerkleidung zu investieren.

Er musterte mich von Kopf bis Fuß. »Sind Sie nicht die Aushilfssekretärin? An Ihrer Stelle würde ich schnell wieder reingehen. Nadia dreht mal wieder durch.«

»Nur noch eine Minute«, sagte ich.

»Zeit ist Geld«, erklärte mir der Gehilfe, »und Sie werden nach Zeit bezahlt.«

Sein Blick huschte rasch über mich und dann über Victor. Anschließend zuckte er mit den Schultern und ging die Straße entlang.

»Das ist ja ein Charmeur«, stellte Victor fest.

»Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich muss wirklich los. Auf Wiedersehen, Victor.«

Er machte Anstalten, etwas zu sagen, doch der Zauber, der uns die Zungen gelöst hatte, war nun gebrochen, und ich blieb nicht stehen, um ihm zuzuhören. Stattdessen drehte ich mich um, eilte in das Gebäude und nahm die Rolltreppe zu den Büroräumen ganz oben.

Nadia, die Sekretärin, mit der ich zusammenarbeitete, wartete bereits auf mich. Bei meinem Eintreten starrte sie mich zornig an und tippte auf ihre Armbanduhr.

»Sie sind spät dran«, erklärte sie.

»Es tut mir leid«, antwortete ich. »Ich musste das hier abholen.«

Ich hielt das lilafarbene Brautjungfernkleid in die Höhe. Nadias Lippen kräuselten sich.

»Das hängen Sie besser außer Sicht in den Schrank«, sagte sie. Mit diesen Worten zog sie sich ihren Regenmantel an, griff nach Handtasche und Regenschirm und stolzierte hinaus.

Ich hängte das Kleid weg, wie sie es mir gesagt hatte, und ging auf die Damentoilette, um mir die Haare unter dem Händetrockner zu föhnen. Es dauerte eine Weile – ich hatte sie mir im Laufe des letzten Jahres wachsen lassen, und sie waren jetzt richtig lang, wenn auch nicht so lang wie zu Studentenzeiten, als Victor mir gesagt hatte, er hoffe, ich würde sie mir nie abschneiden lassen.

Ich hatte es dann kurz nach unserer Trennung getan. Es war eine Erleichterung gewesen, in dem Friseursalon zu sitzen und zuzusehen, wie mein altes, vertrautes Ich verschwand.

Zurück an meinem Schreibtisch überprüfte ich am Computer die Telefonanlage. Hoppla, ein verpasster Anruf, und da war auch eine Nachricht.

Ich setzte mein Headset auf und klickte auf Abspielen.

Es war Victor.

»Das hier ist eine Nachricht für Anna Jones. Ich dachte nur, ich sollte erwähnen, dass Meg wirklich gern von dir hören würde. Ihre E-Mail-Adresse lautet [email protected]. Mach’s gut.«

Klick.

Meg! Die süße, blonde, rundherum brave Meg, die Pfarrerstochter, die sich am eifrigsten darum bemüht hatte, Kontakt zu halten.

Ich konnte sie mir gut vorstellen, kaum gealtert, die ansonsten glatte Stirn leicht gerunzelt, während sie versuchte, den Dingen auf den Grund zu gehen:

Victor, was hat Anna deiner Meinung nach letztlich dazu bewogen, auf Distanz zu gehen? Ich hätte nie gedacht, dass es für immer wäre. Ich habe wirklich gehofft, dass sie mit der Zeit darüber hinwegkäme. Es war wohl einfach zu viel, alles kam auf einmal … Aber trotzdem ist es schade, nicht wahr? Da kann man nichts machen. Ich hoffe bloß, dass sie glücklich ist, wo auch immer sie stecken mag …

Ich wusste, dass ich die Nachricht einfach löschen sollte. Doch stattdessen notierte ich mir Megs E-Mail-Adresse auf einem Post-it. Und dann schrieb ich Victors Nummer, die auf dem Bildschirm vor mir aufgeführt war, gleich darunter, in ganz kleiner Handschrift, faltete das Post-it und steckte es in meine Handtasche. Dann entfernte ich den Vermerk seines Anrufes aus dem System und machte mich an die Arbeit.

Das hier war es, das hier war mein richtiges Leben – die Schreibtische, die Bildschirme, die Telefone, der Geruch nach Pulverkaffee und Mittagessen aus der Mikrowelle, der Nachmittag, der sich bis zum Feierabend in die Länge zog, die Busfahrt zurück nach Südlondon und zu Pete.

Pete: mein Freund. Während meiner Begegnung mit Victor hatte ich kein einziges Mal an ihn gedacht. Andererseits waren fünf Minuten mit einem Ex-Freund keine große Sache. Wahrscheinlich würde ich es gar nicht erwähnen. Pete wusste, dass meine Zeit an der Uni nicht gut geendet hatte, und ich nicht gern darüber sprach. Warum sollte ich jetzt etwas daran ändern?

Victor gehörte nicht zu meinem richtigen Leben, ebenso wenig Clarissa oder Meg oder irgendwelche anderen früheren Freunde. Vor langer, langer Zeit hatte ich geglaubt, sie wären die besten, lustigsten, die interessantesten und begabtesten Menschen, die ich mir jemals als Freunde hätte wünschen können. Doch bei ihnen war ich nicht in Sicherheit gewesen. Ich war schlafwandlerisch auf die Katastrophe zugesteuert.

Und jetzt war ich darüber hinweg und außer Reichweite. Mit Victors Telefonnummer und Megs E-Mail-Adresse in der Handtasche gab es da allerdings das Problem, dass ich einfach nicht recht wusste, ob das so bleiben würde.

2

Ich habe keine Angst

Mein erster Gedanke vor der Glasfront des Cafés war, wie wütend sie aussah. Dies schien kein guter Anfang für unsere von Victor inspirierte Beziehungspflege zu sein, und ich war kurzzeitig versucht, die Flucht zu ergreifen und mich per SMS zu entschuldigen. Doch ich zögerte einen Augenblick zu lang. Meg sah mich und winkte, und ich winkte zurück, schob die Tür auf und trat ein.

Die anderen Gäste saßen an den vorderen Tischen, im Licht, doch Meg saß auf einem Sofa weiter hinten, wo es dämmriger war, ein Stück von allen anderen entfernt. Als ich näher kam, wurde mir klar, warum. Um sie herum befanden sich drei Kinder, und es war offensichtlich, dass sie alle zu ihr gehörten.

Sie stand auf, um mich zu begrüßen, und gab mir einen raschen, geistesabwesenden Kuss auf die Wange, um sich dann zu bücken und ein Spielzeug aufzuheben und es dem Baby in dem Buggy neben ihr zurückzugeben. Das Baby ließ es auf der Stelle wieder fallen und zeigte hoffnungsvoll darauf. Meg hob das Spielzeug auf und gab es erneut zurück, wobei sie mahnend »Schluss!« sagte. Das Baby blickte betreten drein und fügte sich.

Das rief mir die Autorität in Erinnerung, die sie schon immer besessen hatte, gleich damals, als ich ihr zum ersten Mal begegnet war. Wenn unsere kleine Gruppe so etwas wie ein moralisches Zentrum gehabt haben sollte, dann war es Meg gewesen. Wenn Meg etwas akzeptabel fand, zerbrach sich der Rest von uns nicht weiter den Kopf darüber, und hatte sie Einwände, dann war es höchste Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen.

Wir vertrauten ihr nicht so sehr aufgrund ihrer Kirchenbesuche, oder weil sie konsequent war, sondern aufgrund ihrer Überzeugung. Allerdings war sie sich nie zu gut gewesen, die Regeln so zu interpretieren, dass sie zu dem passten, was ihr gefiel. Andernfalls hätte sie ein langweiliges kollektives Gewissen abgegeben.

Sie wandte sich mir zu. »Anna, wie reizend, dich zu sehen«, sagte sie mit einem Lächeln. »Du hast dich kein bisschen verändert!«

»Du dich auch nicht«, sagte ich, auch wenn ich es nicht so meinte, denn natürlich war Meg anders. Damals hatte sie bei formellen Dinners im College serviert, um sich etwas Geld dazuzuverdienen, und hatte sich strikt an ihr wöchentliches Budget gehalten. Mittlerweile hatte sie sich eine subtile, aber eindeutige Patina des Vermögens zugelegt.

Sie war nicht protzig, aber gut gekleidet: eine graue Tunika aus Jersey, die sie perfekt umschmeichelte, und eine Jeans, die passte, als wäre sie maßgeschneidert. Ihre Haare hatten einen weichen und natürlichen Goldton, der auf einen teuren Friseur schließen ließ, und sie war weniger kurvenreich, dafür durchtrainierter als früher, trotz der drei Kinder, die sie seitdem bekommen hatte. Ich fragte mich, ob sie einen Personal Trainer hatte. Oder vielleicht ging sie bloß diszipliniert ins Fitnessstudio.

Es gab noch einen anderen offensichtlichen Unterschied zu der Meg, die ich am St. Bart’s gekannt hatte: Abgesehen von einem eleganten Goldarmband trug sie keinerlei Schmuck. Kein Kruzifix am Hals und keine Ringe.

»Es tut mir leid, dass du warten musstest«, sagte ich.

»Nein, nein, wir waren früh dran. Ada, nicht an deinem Kleid. Lass dir von Mummy ein Feuchttuch geben.«

Ada, das mittlere Kind, zog einen Schmollmund, streckte aber die Hände aus, um sie sich säubern zu lassen. Dann lief sie davon, um auf die Bühne hinter uns zu klettern, die manchmal für Live-Musik oder Lyriklesungen benutzt wurde – ich hatte den Ort unseres Treffens gewählt. Am Anfang unserer Beziehung waren Pete und ich oft am Wochenende hier gewesen, auch wenn wir immer seltener miteinander auszugehen schienen, je länger wir zusammenwohnten.

»Mummy, kann ich eine Cola haben?«, fragte Megs ältestes Kind.

»Nein, Iris, ganz bestimmt nicht. Koffein ist nun wirklich das Letzte, was du brauchst.«

Iris blickte missmutig drein und verschränkte die Arme. »Mir ist langweilig«, erklärte sie. »Hier gefällt es mir nicht.«

Meg achtete nicht auf Iris und ließ sich wieder auf dem Sofa nieder.

»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich hatte nicht damit gerechnet, die Kinder heute dabeizuhaben.«

»Ist schon in Ordnung. Es ist schön, sie kennenzulernen.«

»Ich hatte wirklich gehofft, dass wir so richtig quatschen könnten. Ich möchte hören, was du die ganzen Jahre über getrieben hast.«

»Tja, und ich möchte alles über dich und Jason hören«, entgegnete ich, ließ mich neben ihr nieder und hoffte, sie würde nicht darauf beharren, dass ich von mir erzählte.

Jason, Megs unglaublich reiche bessere Hälfte, war an der Uni nie Teil unserer kleinen Clique gewesen. Er hatte im Grunde mit niemandem herumgehangen, sondern die meiste Zeit im Computerraum verbracht, den er nur gelegentlich verließ, um zu essen oder Vorlesungen zu besuchen. Die ersten Millionen hatte er verdient, indem er sein Internetunternehmen kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase verkaufte.

Ich war erst wieder ein paar Jahre nach dem Crash in der Zeitung über seinen Namen gestolpert, als er als Chief Executive einer zunehmend erfolgreichen Online-Partnerbörse zutage trat und mit einer schwangeren Meg beim einjährigen Firmenjubiläum abgebildet wurde. Im Allgemeinen schienen sie sich jedoch alle Mühe zu geben, das Licht der Öffentlichkeit zu meiden. Jason gab keine Interviews, ließ sich nicht den Experten heraushängen und fand nur selten außerhalb der Wirtschaftsseiten Erwähnung.

»Ich habe die Bilder von euch beiden gesehen, am Tag, nachdem er sein Unternehmen an die Börse gebracht hat«, sagte ich. »Du trugst diese unglaublichen Diamantohrringe, aber er sah genau wie immer aus. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, habt ihr am Strand von Brighton Fish and Chips gegessen.«

»Ja, das dürfte stimmen.« Unsere Blicke begegneten sich, und Meg fügte hinzu: »Victor hat es dir nicht erzählt, oder?«

Ich dachte daran, wie ich neben ihm gestanden hatte, während der Regen auf den Portikus trommelte. Ich hatte ihm kaum die Gelegenheit gegeben, mir irgendetwas zu erzählen.

»Mir was erzählt?«

»Jason und ich haben uns getrennt.«

»Oh, Meg, das tut mir leid! Ich hatte keine Ahnung.«

Sie atmete tief aus, und einen Augenblick sah sie zutiefst unglücklich und jäh gealtert aus. Dann fasste sie sich wieder, ihr Gesicht glättete sich, und ihre Miene hellte sich auf.

»Eigentlich ist es okay«, sagte sie. »Es läuft relativ zivilisiert ab. Jason hat die Kinder normalerweise jeden Samstag. Heute musste er zu einer Geschäftsbesprechung, weshalb ich sie mitgebracht habe. Aber er tut alles, damit es ihnen an nichts fehlt. Das tun wir beide. Eines muss man ihm lassen, er ist ein absolut hingebungsvoller Vater.«

»Das hast du vorhin aber nicht über ihn gesagt«, meldete sich Iris zu Wort, die älteste Tochter, die mittlerweile in dem Sessel gegenüber von unserem Sofa saß und sich die Zeit damit vertrieb, gegen den Beistelltisch zu treten.

»Iris, was habe ich dir über kleine Lauscher gesagt?«, fragte Meg.

»Aber Mummy, ich kann nichts dafür, dass ich zuhöre. Sonst gibt es ja nichts zu tun. Wir sollten nach Hause fahren. Dann könnten wir wenigstens mit unserem Spielzeug spielen.«

»Das ist vielleicht gar keine so üble Idee«, warf ich ein.

Meg überlegte kurz. »Echt? Ich parke gleich um die Ecke, und es ist nicht weit. Aber nur, wenn es dir auch bestimmt nichts ausmacht.«

»Wirklich nicht«, versicherte ich. »Es ist schön zu sehen, wo ihr wohnt.«

Und ich wollte es sehen. Diese Meg war so anders als diejenige, die ich gekannt hatte – war glamourös, gepflegt, weltgewandt, wohlhabend –, und doch so vertraut, dass ich nicht bereit war, sie mir jetzt schon entgleiten zu lassen.

Megs Wagen stellte sich als Minivan mit den Ausmaßen eines kleinen Lieferwagens heraus. Als wir schließlich alle Platz genommen und uns auf den Weg gemacht hatten, sagte Meg: »So, genug jetzt von mir und Jason. Wie sieht es bei dir aus?«

»Okay«, sagte ich. »Ja, gar nicht übel.«

»Bist du liiert?«

»Mhm, sind vor etwa einem Jahr zusammengezogen.«

»Und deine Arbeit? Victor hat etwas von wegen Buchhaltung erwähnt?«

»Das ist eine Übergangslösung. Früher habe ich im Verlagswesen gearbeitet, aber vor zwei Monaten hat man mich entlassen.«

»Das tut mir leid«, sagte Meg. »Das muss entmutigend sein. Hoffentlich findest du bald etwas.«

»Danke. Ganz bestimmt. Es ist nur eine Frage der Verbissenheit.«

»Du schaffst das schon.« Meg seufzte. »Du hast bestimmt viel bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als ich.«

»Ach, das würde ich nicht sagen.«

»Nein, im Ernst. Ich habe nicht mehr gearbeitet, seitdem Iris auf der Welt ist. Ich hatte das Gefühl, die Arbeit an den Nagel hängen zu müssen, um mich um die Kinder kümmern zu können – Jason war immer so viel unterwegs, und ich dachte, einer von uns beiden sollte da sein. Und wer würde mich jetzt haben wollen? Was habe ich einem Arbeitgeber schon zu bieten? Ich bin super im Veranstalten von Kindergeburtstagen. Das war’s dann auch schon.«

Bei Jasons beträchtlichem Vermögen konnte doch wohl keine dringende finanzielle Notwendigkeit bestehen, weswegen sie sich eine Arbeit suchen musste? Allerdings war sie schon immer so gewissenhaft gewesen, so fleißig, dass ich mir recht gut vorstellen konnte, wie unbehaglich die Vorstellung sein musste, vollständig von einem Ex-Partner abhängig zu sein.

Im Anschluss an ihr Studium hatte sie eine Stelle als Managerin in der Lebensmittelindustrie ergattert. Es war eine pragmatische Berufswahl gewesen. Sie wollte nach London ziehen, und das war das beste Angebot, das ihr gemacht wurde. Als sie die Stelle antrat, hatte ich bereits den Kontakt zu ihr abgebrochen, sodass ich nie erfuhr, wie es ihr erging.

»Vielleicht könntest du dich selbstständig machen«, schlug ich vor.

»Vielleicht, aber ehrlich gesagt habe ich all mein Selbstvertrauen eingebüßt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich jemand ernst nehmen würde. Ich meine, wer bin ich schon? Ich bin die Ex von Jason Mortwell und Mutter seiner drei Kinder. Wer würde da schon investieren? Letztlich bin ich nichts weiter als noch eine Frau mittleren Alters, die auf dem Abstellgleis gelandet ist.«

»Bei dir klingt das, als wärest du bloß eine Art Vorzeigegattin oder so was. Du hast einen Uniabschluss, und du hattest einen Beruf.«

»Hatte. Genau«, erwiderte Meg. »Und die Sache mit der Vorzeigegattin trifft es vielleicht besser, als du denkst. Du weißt doch, wie er es während des Studiums die ganze Zeit über auf mich abgesehen hatte, aber glaubte, keine Chance zu haben? Es ist schon komisch, wie sich die Machtverhältnisse in einer Beziehung ändern können.«

»Was ist eine Vorzeigegattin?«, meldete sich Iris von der Sitzreihe hinter uns.

»Eine hübsche Dame, die schöne Anziehsachen hat«, erklärte Meg, »aber nur, weil ihr Mann sie ihr kauft, weil sie nämlich kein eigenes Geld hat.«

»Wie eine Prinzessin«, stellte Iris fest.

»Genau«, sagte Meg.

Dann leise, damit Iris es nicht hören konnte – selbst ich konnte die Worte kaum verstehen: »Nicht dass Jason sich je zu einer Heirat hätte breitschlagen lassen.«

Wir ließen die Hauptstraße hinter uns und fuhren in eine belaubte Prachtallee mit großen Villen hinter Mauern und Toren, durch sorgfältig gepflegtes Blattwerk vor Blicken geschützt. Sie waren alle unterschiedlich – pseudo-georgianisch hier, modernistisches Glas und Holz dort, da drüben der Versuch eines kleinen viktorianischen Schlösschens.

»Weißt du was, es tut gut, mit dir darüber zu sprechen. Zumindest hast du mir nicht geraten, alle Register zu ziehen und zu versuchen, ihn zurückzuerobern«, sagte Meg.

»Wieso, hat denn jemand gesagt, dass du das machen solltest?«

»Ach, Clarissa hat jede Menge Strategien parat, die ich ihrer Meinung nach ausprobieren sollte. In ihrem tiefsten Innern ist sie eine Romantikerin und will, dass die Beziehungen anderer halten.«

Meine eigenen Erfahrungen mit Clarissa sahen anders aus, doch das konnte ich schlecht sagen. Und überhaupt, inwiefern war das alles jetzt noch von Bedeutung?

»Victor sieht die Sache viel pragmatischer«, fuhr Meg fort. »Wenn erst einmal ein gewisser Punkt überschritten ist, gibt es seiner Meinung nach kein Zurück mehr, und man kann sich nur noch eine Niederlage eingestehen und einsehen, dass Schluss ist.«

Sie sah mich rasch von der Seite an, als wollte sie sehen, ob es mir etwas ausmachte, Victors Meinung zum Thema Trennung zu hören. Immerhin waren wir beide, er und ich, vor langer Zeit selbst einmal zu eben dieser Einschätzung gekommen.

Ich schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln – tatsächlich freute es mich, nun Gelegenheit zu haben, über ihn zu sprechen. »Wie geht es Victor? Es scheint ihm gut zu gehen.«

»Jetzt schon«, erwiderte sie. »Vor ein paar Jahren hat er eine schlimme Zeit durchgemacht. Er hat kurz hintereinander beide Elternteile verloren. Sein Vater starb zuerst, und nicht lange danach seine Mutter. Du erinnerst dich doch noch, wie hingebungsvoll sie immer war. Dann ging seine Ehe in die Brüche.«

»Armer Victor«, sagte ich. »Das muss schrecklich für ihn gewesen sein.«

»Er ist seitdem keine Beziehung mehr eingegangen, und ehrlich gesagt könnte ich mir vorstellen, dass es auch so bleiben wird.«

»Früher oder später wird er bestimmt jemanden kennenlernen«, meinte ich.

»Ich glaube nicht, dass er das möchte«, sagte Meg. »Ihm liegt bloß seine Arbeit am Herzen. Und natürlich Beatrice – das ist seine Kleine. Er ist ein toller Vater. Allerdings war er dafür auch geschaffen, findest du nicht? Er hatte schon immer etwas Beschützerisches an sich.«

»Ja«, stimmte ich ihr zu.

Beatrice. Ein merkwürdiger Zufall. Meg hatte ganz gewiss vergessen, dass es sich dabei um meinen zweiten Vornamen handelte. Victor wahrscheinlich auch. Ich glaubte mich zu entsinnen, dass er David hieß, nach seinem Vater. Sicher war ich mir allerdings nicht.

Wie dem auch sei, wenn es sich bei dem Gespräch um einen Test gehandelt hatte, hatte ich ihn ganz manierlich bestanden. Mein Herzschlag ging mehr oder weniger regelmäßig, und mein Mund war nur eine Spur trocken. Es hatte Andeutungen bezüglich der Vergangenheit gegeben, und ich hatte so getan, als wäre ich in der Hinsicht ganz entspannt. Ja, sogar gleichgültig.

Sie bog in eine Auffahrt ein und hielt vor einem weitläufigen, zwischen den Weltkriegen erbauten roten Backsteinhaus, das wahrscheinlich eines der schönsten Häuser war, in das man mich je eingeladen hatte, es sah aus wie im Märchen.

»Himmel, dieses Haus ist ja riesig!«, entfuhr es mir.

»Ich weiß, wir haben großes Glück«, sagte Meg. »Komm herein.«

Wir durchquerten eine große, kühle Küche mit rot gefliestem Boden und makellosen Kupfertöpfen, die neben einem gewaltigen Herd hingen, und betraten ein angrenzendes Wohnzimmer, das mit Kindersesseln in Bonbonfarben möbliert war. Ein gewaltiges hölzernes Schaukelpferd stand in einer Ecke neben einem handgemachten Puppenhaus von der Art, die zur Weihnachtszeit in den Sonntagsbeilagen der Zeitungen auftaucht und mehr als die durchschnittliche monatliche Hypothekenrate kostet. Es gab verschiedene Spielzeugkisten und Regale voll von Büchern und noch mehr Spielsachen.

Meg steckte Jasmine, das Baby, in ihren Laufstall und schaltete den Fernseher für die älteren Mädchen an. »Heute kriegt ihr eine Stunde extra, solange ihr Mummy mit ihrer Freundin quatschen lasst«, sagte sie und wandte sich dann mir zu. »Möchtest du dich gern umsehen?«

Vom Gefühl her ein bisschen wie eine Touristin in einem herrschaftlichen Anwesen – neugierig und befangen und wohl wissend, dass man nichts umwerfen durfte, da es von unschätzbarem Wert sein könnte –, folgte ich ihr in ein riesengroßes Wohnzimmer. Es war wunderhübsch – cremefarben, üppig mit Brokat ausgestattet und ruhig – mit einem glänzenden Flügel und Vasen voller Blumen und einer Fensterbank mit Blick auf eine lange grüne Rasenfläche, doch gleichzeitig war es merkwürdig leer und verlassen. Jasons Verschwinden hatte seine Spuren hinterlassen: Das Haus roch nach Duftkerzen, frisch geschnittenen Rosen und Abwesenheit.

»In diesem Haus ließe sich gut Verstecken spielen«, meinte ich.

»Haben wir auch schon gemacht«, antwortete Meg, »bei unserer Einweihungsfeier, damals im Jahr … oh … es muss 2005 gewesen sein. Wir hatten damals erst Iris. Sie hat das ganze Fest verschlafen.«

Wir warfen einen Blick in das Esszimmer mit seinem langen Mahagonitisch und das Arbeitszimmer, in dem sich nur wenige Bücherregale, aber viele voller Stolz aufgehängte Kinderzeichnungen befanden, und gingen dann nach oben, um uns die Zimmer der Mädchen anzusehen – rosa und prinzessinnenhaft, mit passendem Badezimmer. Um die Ecke befand sich das Elternschlafzimmer, in dem Meg nun ohne Jason in einem gewaltigen Himmelbett mit Voilevorhängen schlief. Versteckt am Ende des Flures, neben einem weiteren Badezimmer, befand sich noch ein Schlafzimmer, weiß gestrichen, mit lackierten Dielenbrettern. Einziger Farbklecks war ein Ölgemälde von einer in Scheiben geschnittenen Zitrone, das gegenüber vom Bett hing.

Von irgendwoher kannte ich das Gemälde. In Megs Haus wirkte es deplatziert, zu kühn, zu frisch, zu … zu gelb. Es deutete Intensität an und eine Vorliebe für Aperitifs und knallige Details anstatt des harmonischen Impressionismus der übrigen Einrichtung.

»Das ist Michaels Zimmer«, erklärte Meg. »Du bist ihm einmal begegnet, erinnerst du dich noch? Michael Hayes, Clarissas Sohn.«

Da fiel mir das große gerahmte Foto auf, das auf der Kommode stand, und die verräterischen langen roten Locken, die sich in einer längst vergangenen Sommerbrise von Clarissas Gesicht und Schultern hoben. Es war eine viel jüngere Clarissa, die in einem ärmellosen Sommerkleid picknickte, mit einem ebenso rothaarigen Kleinkind mit feisten Beinchen, das zwischen ihren nackten Beinen saß und die Hände nach der Satsuma ausstreckte, die sie gerade schälte. Michael … und Clarissa, als junge Mutter.

Neben dem Picknickfoto befand sich ein kleineres Schwarz-Weiß-Porträt von Mandy Martin, Clarissas Mutter, die Schauspielerin war und in einer Sitcom mitwirkte. Mandy war als 1970er-Version eines altmodischen Hollywoodstars gestylt – schimmernder Lipgloss, hauchdünner Schleier, eng anliegendes Kleid. Sie sah jung und frisch aus, jünger als ich selbst jetzt war.

Da wusste ich, wann ich das Zitronengemälde schon einmal gesehen hatte. Im Haus von Clarissas Mutter, in dem ich einst eine der magischsten und überraschendsten Nächte meines Lebens verbracht hatte.

Abgesehen davon war Michaels Zimmer ziemlich kahl. Kaum Bücher, keine CDs, keine Stereoanlage, keine exotischen Überwürfe, keine Leuchtsterne an der Decke oder Poster von Popsternchen an den Wänden. Nichts, das typisch Schülerwar oder auch nur typisch junger Mann. Ich entdeckte nur Rastlosigkeit und den Drang, woanders zu sein.

Vor langer Zeit, als ich selbst noch ein Teenager war, hatte mein Schlafzimmer die gleiche Nachricht ausgesandt, jene, die Eltern im ganzen Land dazu bringt, ihrem Nachwuchs vorzuwerfen, er würde sie bloß als Hotel ausnutzen: Ich brauche euch – im Moment: Also komme ich zurück, aber nur, bis ich endgültig verschwinde.

»Michael ist derzeit bei Clarissa in L. A.«, sagte Meg.

»Ist er denn oft hier?«, fragte ich.

»Im Grunde wohnt er hier. Jedenfalls während der Ferien. Er hat gerade seinen Abschluss am St. Edmund’s gemacht – er ist dort Internatsschüler gewesen.«

Clarissa hatte dieselbe exklusive Londoner Schule besucht, Victor ebenfalls, ein Jahr vor ihr. Sie hatten sich bei ihrem Antritt im St. Bart’s bereits gekannt, wenn auch nur flüchtig. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte angenommen, dass wir alle im selben Boot sitzen würden, alle Fremde, alle gemeinsam Fuß fassend. Doch wie sich herausgestellt hatte, war dem nicht ganz so gewesen. Und es war überhaupt kein Boot, sondern eine willkürlich zusammengewürfelte Flotte, und man lief ständig Gefahr, sich mit der Besatzung zu zerstreiten, zu der man zufälligerweise gehörte, oder irgendwo zu stranden oder in eine Flaute zu geraten oder einen Koller zu kriegen oder als blinder Passagier auf hoher See ausgesetzt zu werden …

»Nach Mandys Tod haben wir gesagt, Michael könne zu uns kommen, wann immer es nötig sein sollte«, erklärte Meg.

»Mandy? Mandy Martin ist tot? Tut mir leid, es ist nur … Ich kann es nicht fassen. Da hast du mich jetzt echt überrumpelt. Ich hatte ja keine Ahnung!«

Wie konnte mir das entgangen sein? Mandy war einst der Liebling der Nation gewesen, jeden Samstagabend im Fernsehen, eine attraktive Frau mit Grips, der Star einer Erfolgsserie. Es musste Nachrufe gegeben haben, eine Meldung in den Nachrichten. The Primrose Path musste doch gewiss auf dem einen oder anderen digitalen Sender wiederholt worden sein, und selbst wenn nicht, konnte es nicht völlig aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden sein.

Zu meinem Entsetzen stand ich kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ich sagte mir, es sei nur der Schock, so ohne Vorwarnung und erst im Nachhinein.

»Es ist mittlerweile zwei Jahre her«, sagte Meg. »Krebs. Sie war erst siebenundfünfzig.«

»Ich wünschte, ich hätte es gewusst. Ich hätte Blumen schicken können oder etwas in der Art.«

Sobald ich die Worte ausgesprochen hatte, wurde mir klar, dass ich es nicht getan hätte. Wie auch, nachdem ich jeglichen Kontakt zu Clarissa abgebrochen hatte?

»Clarissa hat um Spenden für den Tierschutzverein gebeten«, sagte Meg. »Du weißt doch, wie sehr Mandy Katzen geliebt hat.«

»Ja, ich erinnere mich noch.«

»Michael hat es sehr mitgenommen«, fügte Meg hinzu. »Er hatte viel Zeit mit ihr verbracht.«

»Er kann von Glück sagen, dich als eine Art Tante zu haben«, sagte ich.

»Ich kann von Glück sagen, dass ich ihn habe«, erwiderte Meg. »Mit Jason hat er auch Kontakt gehalten. Von seinem Dad hat er nie allzu viel zu Gesicht bekommen, und er liegt Jason wirklich sehr am Herzen. O je, ich glaube, Jasmine weint.«

Sie schloss die Tür zu Michaels Zimmer und eilte nach unten, um Jasmine aus dem Laufstall zu holen. Ich folgte ihr in gemächlicherem Tempo, immer noch um Fassung ringend.

Victor. Meg. Jason. Michael. Clarissa. Mandy.

Wer würde als Nächstes auftauchen?

Meg erwärmte eine Flasche Milch in der Mikrowelle, während sie das Baby auf dem Arm hielt. Nachdem Jasmine das Fläschchen geleert hatte, schlummerte sie auf der Stelle ein, und Meg sah erleichtert zu mir auf.

»Sie ist so ein braves Mädchen«, sagte sie. »Zum Glück.«

»Du hast keine Nanny?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe bei allem anderen Hilfe – dem Haus, dem Garten. Ich will mich selbst um meine Kinder kümmern. Jason hat jetzt jemanden angeheuert, wenn er sie hat, aber das liegt daran, dass er nie eine Windel gewechselt hat, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Ich glaube, insgeheim hat er Angst vor Kacka. Chief Executive eines Unternehmens, das eine der am meisten besuchten Websites in der westlichen Welt hat, und er kommt nicht mit ein bisschen körperlichem Ausscheidungsprodukt klar.«

»Tja, ich finde, du machst das einfach prima«, sagte ich. »Ich weiß nicht sonderlich viel über Kinder, aber sie wirken sehr …«, was war das richtige Kompliment? Ich warf einen Blick auf Jasmine, die friedlich in Megs Armen döste, und ergänzte, »zufrieden.«

»Und du hast nie den Wunsch verspürt, selbst eines zu haben?«, fragte Meg.

Einen Moment lang starrten wir einander an, während ich versuchte, meine Standardantwort abzurufen, auf die ich bei dieser Frage stets zurückgriff – Nein, eigentlich nicht, vielleicht bin ich einfach nicht besonders mütterlich veranlagt.

»Es tut mir leid, das war anmaßend von mir«, meinte Meg rasch. »Es ist bloß, weil wir uns früher einmal so gut gekannt haben. Ich habe das Gefühl, dich so etwas fragen zu können.«

Ich holte tief Luft und entschied mich, die Wahrheit zu sagen.

»Es ist mir natürlich in den Sinn gekommen. Aber es schien nie der richtige Zeitpunkt zu sein, und das ist in Ordnung so. Ich glaube nicht, dass ich mich jemals wirklich mit Kindern gesehen habe. Es ist nicht so, als hätte ich einen großen Lebenstraum verfehlt.«

»Nein, das ist wahr«, stimmte Meg mir zu. »Ich war diejenige, die immer eine Familie haben wollte.«

»Und du hast sie bekommen.«

»Ich habe die Kinder bekommen. Bloß den Ehemann habe ich niemals gekriegt«, sagte Meg. »Jason hat eine Heirat nie auch nur in Betracht gezogen. Da war er völlig stur. Selbst als wir drei Kinder hatten. Er meinte beharrlich, es sei eine lähmende Konvention und würde unsere Beziehung zunichtemachen, was ziemlich ironisch war, wenn man bedenkt, wie die Sache ausgegangen ist. Es war ein bisschen eine Streitfrage zwischen uns, wie du dir wahrscheinlich vorstellen kannst. Mein Dad war sehr nachsichtig, und Brian auch – du erinnerst dich doch noch an meinen Bruder, er ist mittlerweile auch Pfarrer. Aber ich wusste, dass es sie gestört hat. Tja, mich hat es auch gestört. Na ja, immerhin bedeutet es, dass wir uns nun nicht scheiden lassen müssen.«

Sie sah auf Jasmine hinab und strich über eine Locke des weichen Babyhaares. »Ich hatte immer furchtbare Angst, ich könnte Jason so verlieren, wie mein Dad meine Mum verloren hat«, meinte sie. »Und ich habe ihn verloren. Aber nicht durch einen Todesfall. Er ist am Leben, und es geht ihm gut, und ich lebe ebenfalls, und wir sind trotzdem nicht zusammen.«

Sie sah zu mir hoch, und ihre Miene war verbittert. »Ich denke, er kann es noch immer nicht ganz glauben, dass ich ihm niemals verzeihen werde. Aber er hatte ein kurzes Liebesabenteuer, als ich schwanger war. Wie hätte ich ihm danach noch vertrauen können?«

»Vielleicht ist es mit Vertrauen ein bisschen wie mit dem Glauben«, sagte ich. »Vielleicht kann man es verlieren und später wiederfinden. Ich weiß es nicht. Mit Gewissheit weiß ich nur, dass es schwierig ist, mit jemandem zusammen zu sein, wenn das Vertrauen einmal gebrochen ist.«

Meg zögerte, und ich wusste, dass gleich ein Geständnis käme, das sie einige Überwindung kostete, und das mir Unbehagen bereiten würde.

»Anna, ich möchte, dass du weißt, dass mir leidtut, was geschehen ist«, sagte sie. »Es war eine schreckliche Zeit. Insbesondere für dich. Du warst am nächsten dran. Und alles geschah auf einmal. Ich weiß, dass wir sehr jung waren, aber ich weiß nicht, ob das viel rechtfertigt. Ich fühle mich schlecht deswegen. Wir haben dich im Stich gelassen. Wir waren nicht für dich da.«

»Für dich war es auch keine leichte Zeit«, entgegnete ich.

»Das war es nicht. Es war scheußlich, wie alles zu Ende gegangen ist. Wenn man bedenkt, wie alles am Anfang war … Ich habe letztens die alten Fotos hervorgekramt, um sie Michael zu zeigen. Er geht nach Oxford. Ans St. Bart’s. Ich habe die eine oder andere Träne vergossen, wie ich zugeben muss. Es war ihm offensichtlich ziemlich peinlich. Willst du sie ansehen?«

Wollte ich mir ansehen, wie wir ausgesehen hatten, als wir noch unschuldig waren? Ja – auf einmal schon.

»Wenn es dir nicht zu große Umstände bereitet.«

»Möchtest du das Baby nehmen?«

»Ich habe keine sonderlich große Erfahrung mit Babys.«

»Ach, sie ist nicht wählerisch«, sagte Meg. »Jeder warme Schoß tut’s.«

Sie legte mir das Baby in die Arme und ging davon, während ich betete, dass sie nicht allzu lange wegbleiben würde. Doch eigentlich hatte das warme, leichte Gewicht des Kindes in meinen Armen etwas überraschend Schönes an sich. Als Meg zurückkehrte und das Album auf den Tisch vor mich legte und Jasmine zurücknahm, überließ ich sie ihr fast widerwillig.

»Das ist bloß das erste Trimester«, sagte Meg und ließ sich neben mir nieder. »Es gibt noch reichlich, falls du Interesse haben solltest.«

Ich hatte überhaupt keine Fotos von unserer Studienzeit. Damals besaß ich keinen Fotoapparat, und unsere offiziellen Jahrbuchfotos und die wenigen Schnappschüsse, die man mir gegeben hatte, hatte ich weggeworfen.

Doch hier war alles, aus Megs Blickwinkel, einsortiert und mit ihrer klaren, runden Handschrift akribisch beschriftet.

Da war Megs Zimmer im ersten Jahr, die Wohnheim-Kargheit abgemildert mithilfe von flauschigen Kissen und Töpfen mit Fleißigen Lieschen. Da war die Bibliothek von St. Bart’s, prächtig wie eine gotische Kapelle. Da war der mittelalterliche, ausladende Innenhof mit seinen blassen Steinen und den Farbtupfen der Selbstkletternden Jungfernrebe an der einen Seite, so unangreifbar und zufriedenstellend strukturiert wie eine säuberlich gelöste Gleichung.

Und da waren wir alle, an einem frostigen Herbstmorgen aneinandergequetscht auf einer Bank mit Blick auf den Fluss, glücklich und vollständig und selbstsicher, ein Rudel, das sein Revier überschaute.

Wir waren nicht zu Bett gegangen. Wir hatten die ganze Nacht hindurch geredet. Ich erinnerte mich an das Reden, nicht daran, was wir diskutierten, sondern wie es sich anfühlte, sagen zu können, was immer mir in den Sinn kam, und zu wissen, dass man mir zuhörte, und dass mir jemand antworten würde. Es war ein angenehmer Luxus, offen und gleichzeitig höchst befreiend, als würde sich etwas tief in meinem Innern, das wie der Stängel eines Farngewächses fest zusammengerollt gewesen war, endlich entwinden.

Und dann war es draußen vor den Fenstern allmählich heller geworden – wir saßen in Victors Wohnzimmer, das er sich mit Barnaby teilte –, und Keith sagte: »Lasst uns vor dem Frühstück spazieren gehen.« Und wir waren ihm, einer großen, dünnen, leicht niedergeschlagenen Gestalt in hautenger schwarzer Jeans und Doc-Martens-Stiefeln und einem lächerlich langen und weit geschnittenen Umhang, hinterhergetrottet.

Keith unternahm häufig lange einsame Spaziergänge, und wenn wir uns gemeinsam nach draußen wagten, schlug er gewöhnlich vor, wohin wir gehen sollten und wie wir dorthin kämen. Es war sein Einfall gewesen, sich einen Moment auf jener Bank niederzulassen und die Aussicht sowie die kalte Brise zu genießen, die vom Fluss aufstieg.

Ich saß in der Mitte, eingewickelt in einen sehr langen roten Schal, Victor auf der einen Seite und Clarissa auf der anderen. Meg war neben Clarissa und lachte über etwas, das diese gerade gesagt hatte. Victor diskutierte mit Barnaby, der ein Tweedjackett trug und versuchte, sich eine Pfeife anzuzünden; ein kräftig gebauter, auf bullige Art gut aussehender junger Kauz mit philosophenhaft gerunzelter Stirn und strohblondem Haar.

Keith musste das Foto geschossen haben. Ich war die Einzige, die sich anstrengte, breit für ihn zu lächeln. Ich strahlte und sah auf törichte, das Schicksal herausfordernde Art glücklich aus, als hätte es absolut keinen Ort gegeben, an dem ich lieber gewesen wäre.

Auf der nächsten Seite …

Da waren wir im Hauptinnenhof, unter dem mit der Selbstkletternden Jungfernrebe bedeckten Bogen. Im Covered Market. Vor der Hertford Bridge, der Seufzerbrücke Oxfords. Wir waren wie Touristen, die Sonderurlaub bewilligt bekommen hatten und bleiben durften, uns nicht mehr der Tatsache bewusst, dass unser Besuch dennoch nur vorübergehend sein würde. Clarissa und ich, Arm in Arm. Barnaby, wie er mich Huckepack trug. Victor, der sich über den Geburtstagskuchen zu freuen schien, den Meg ihm gebacken hatte, während Clarissa sich über seine Schulter beugte und so tat, als blase sie die Kerzen aus. Ich, den Kopf auf den Armen an einem Schreibtisch in der Bibliothek, fest eingeschlafen.

Clarissa und ich dominierten Megs Version unserer Geschichte. Die Jungs tauchten nur auf, wenn wir da waren, und nie ohne uns. Folglich überraschte es mich, als ich auf einen Schnappschuss von Keith stieß, unbeholfen in einem der Dinosaurierabdrücke draußen vor dem Naturkundemuseum stehend, als versuchte er halbherzig, eine Pose einzunehmen, obwohl er das Foto insgeheim einfach nur hinter sich bringen wollte.

Er hielt eine Zigarette in der einen Hand und eine braune Papiertüte in der anderen und blinzelte mit leicht verwirrter Miene in die Kamera, als fühlte er sich irgendwie ausgenutzt und wollte sagen: »Muss das hier wirklich sein?« Auf dem nächsten Bild hatte er die Kippe fallen gelassen und hielt die braune Papiertüte hoch, um sein Gesicht zu verdecken.

»An dem Tag war er wirklich genervt von mir«, sagte Meg. »Ich hatte ihm eigentlich dabei helfen sollen, ein Weihnachtsgeschenk für dich auszusuchen. Er sagte mir, ich sei zu nichts zu gebrauchen und würde dich kein bisschen kennen, und bestand darauf, eine Ewigkeit in jedem Antiquariat in ganz Oxford zu verbringen.«

»Ich kann mich noch erinnern, wie er mir das Buch gegeben hat. Es war immer noch in der Papiertüte«, sagte ich. »Ich habe es noch irgendwo, auch wenn ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich es nie gelesen habe.«

»Fühl dich deswegen nicht schlecht«, meinte Meg. »Ich glaube, er hat es ziemlich genossen, die Regale zu durchforsten. Ich war es, die gelitten hat. Zum Schluss haben mir die Füße höllisch wehgetan.«

»Ich fühle mich nicht schlecht«, leugnete ich, obwohl dem so war.

Ich blätterte um, und da war ich mit Victor.

Wir saßen uns an einem Tisch in dem Café auf der anderen Straßenseite von St. Bart’s gegenüber. Die Glasscheibe hinter uns war beschlagen, und wir trugen noch unsere Mäntel. Wir saßen spiegelverkehrt zueinander: Wir hatten beide Kaffeetassen vor uns stehen, und unsere Hände ruhten daneben auf dem Tisch, als würden wir sie jeden Moment ausstrecken und einander berühren.

»Junge Liebe«, sagte Meg.

»Damals waren wir noch gar nicht zusammen.« Ich schlug das Album zu.

»Weißt du, demnächst findet das alljährliche Gaudy statt«, sagte Meg. »Im November. Es würden dich bestimmt alle wahnsinnig gern sehen, wenn du dafür zu haben wärest.«

»Ich weiß nicht so recht«, antwortete ich.

Oxford hatte keine Ehemaligentreffen: Dort gab es sogenannte Gaudys. Es hatte seine ureigene Sprache und zahlreiche tote Sprachen noch dazu, die es am Leben zu erhalten galt, seine eigenen Regeln, seine eigene Art, Dinge zu handhaben. Wie ein Prisma ließ es die Welt draußen nur herein, um sie zu verändern, ohne sich selbst transformieren zu lassen. Es war ein alter Ort, der der Jugend gehörte, die stets nur auf der Durchreise war, und die, in meinem Fall, nach dem Weggang für immer fortblieb.

»Wir alle vermissen dich, weißt du«, sagte Meg. »Ich bin mittlerweile bei zwei von diesen Veranstaltungen gewesen, und es ist toll, alle zu sehen. Aber es lässt einen immer an diejenigen denken, die nicht da sind.«

»Jetzt zurückzukehren kann ich mir eigentlich nicht vorstellen«, meinte ich. »Nach all der Zeit wäre es einfach … seltsam. Und überhaupt bin ich nicht derselbe Mensch wie damals.«

»Aber das ist sonst auch niemand. Und irgendwie sind sie es doch auch wieder. Das ist das Merkwürdige daran. Wie dem auch sei, ich sehe nicht ein, warum ich mich bloß wegen Jason verstecken sollte. Er ist entschlossen hinzugehen, und ich sehe nicht ein, weshalb ich ihm die Sache erleichtern sollte, indem ich mich drücke. Es wird ganz bestimmt peinlich werden. Die meisten Leute haben wahrscheinlich keine Ahnung, dass wir getrennt sind. Aber sie werden es schon merken, nicht wahr? Am Ende des Abends wird es für keinen mehr eine Neuigkeit sein.«

»Meinst du wirklich, dass es die Sache wert ist?«, fragte ich.

»Natürlich ist es das. Ich habe ein Recht, dort zu sein. Ich gehöre ganz genauso dorthin wie er.« Meg tippte nachdrücklich auf das Fotoalbum vor uns auf dem Tisch, den Beweis ihrer Zugehörigkeit. »Und weißt du was, für dich gilt das ebenfalls. Wir können unseren Ex-Partnern gemeinsam die Stirn bieten. In der Gruppe ist man sicherer. Es werden viele da sein. Victor zu meiden wird nicht schwer sein, solltest du das wollen. Auch wenn er mir den Eindruck macht, als wolle er ziemlich gern ein bisschen mit dir quatschen, nach all der Zeit. Wie dem auch sei, wovor sollte man letztlich schon Angst haben müssen?«

»Ich habe keine Angst vor Victor«, behauptete ich, obwohl ich mir nicht völlig sicher war, ob das stimmte.

Meg dachte einen Augenblick nach, dann streckte sie die Hand aus und drückte meine entschlossen. »Sieh mal, vielleicht trete ich dir zu nahe, wenn ich das jetzt sage, aber ich werde es trotzdem sagen, denn wenn ich es nicht tue, wer dann? Auf mich macht es den Anschein, als würdest du möglicherweise immer noch Schuldgefühle mit dir herumtragen wegen dem, was passiert ist, und ich finde, es ist an der Zeit, dass du loslässt.«

»Was loslässt?«, ertönte eine junge Stimme irgendwo hinter uns. Ich drehte mich um und erblickte Iris, die uns mit wachsamer Neugier beobachtete.

»Himmel noch mal, Iris, schleich nicht so herum!«, schalt Meg. »Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass du die Gespräche Erwachsener nicht belauschen sollst?«

»Aber ich habe Hunger«, sagte Iris. »Die Tür war offen. Und es ist Zeit zum Mittagessen.«

»Sie hat nicht ganz unrecht«, meinte ich mit Blick auf meine Uhr. »Ich sollte aufbrechen und nicht länger eure Zeit beanspruchen.«

»Denk bloß nicht, dass du Hals über Kopf losstürzen musst«, erwiderte Meg. »Du kannst gern zum Essen bleiben.«

»Danke, nein, ich sollte mich auf den Weg machen.« Ich stand auf.

»Und ich bin auch total durstig«, drängelte Iris. »Ich verdurste.«

»Tja, du wirst schon noch eine Minute warten müssen, während ich mich von unserem Besuch verabschiede«, erklärte Meg.

Sie erhob sich vorsichtig, ohne das Baby aufzuwecken, das unsere ganze Sitzung mit dem Fotoalbum hindurch friedlich geschlafen hatte. Ich folgte ihnen bis in die Eingangshalle. An der Tür sah Meg sich um, um sicherzugehen, dass Iris nicht in Hörweite herumlungerte. »Ich habe aber recht, nicht wahr? Es ist nicht wirklich die Sache mit Victor und Clarissa, die dich abhält. Es ist der ganze andere Kram.«

»So könnte man es ausdrücken.«

»Du warst auf keinen Fall verantwortlich, Anna. Es war nicht deine Schuld, und es gab nichts, was du hättest tun können, um es zu verhindern.«

»Ich weiß«, sagte ich.

»Melde dich wieder, ja?«, bat Meg. »Wie auch immer du dich wegen des Gaudy entscheidest, ich würde mich wirklich gern wieder mit dir treffen. Es war toll, dich zu sehen. Hat mich so an damals erinnert.«

»Mich auch«, stimmte ich ihr zu.

»Kann ich dich nicht vielleicht zurück zur U-Bahn-Station fahren? Würde nicht einmal eine Minute dauern.«

»Nein, wirklich, es ist nicht weit, und mir ist nach einem Spaziergang.«

Meg beschrieb mir den Weg, und ich drückte die Klinke hinunter, stieß die Tür weit auf und trat aus ihrem Leben zurück in meines.

Doch aus irgendeinem Grund fühlte es sich nicht ganz wie meines an. Es war, als sei alles ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten, wie ein Bild an der Wand, an das man gestoßen ist, und das nun schief hängt. Und dieses Gefühl verließ mich selbst dann nicht, als ich die Stufen zu meiner eigenen Haustür hinaufstieg.

3

Welche Normalsterbliche hätte da

eine Chance?

Pete war unterwegs, und mein Zug hatte Verspätung, also blieb mir reichlich Zeit, meine Fassung wiederzuerlangen, zwischen meinem Treffen mit Meg und dem nächsten Termin an diesem Wochenende: Tippys Junggesellinnenabschied.

Wir hatten ein Abendessen und eine Übernachtung im Garden Maze Hotel gebucht, einem umgebauten Herrenhaus im Regency-Stil gleich außerhalb von Deddenham in Berkshire, wo Tippy und ich aufgewachsen waren. In meiner Jugend hatte Deddenham für alles gestanden, dem ich entkommen wollte: Es war sicher, ordentlich, makellos, behaglich modern und absolut langweilig. Doch Tippy musste sich dort viel verwurzelter gefühlt haben. Sie lebte seit ihrer Rückkehr von der Universität ganz in der Nähe, und sie und George, ihr Verlobter, hatten schließlich ein Haus gekauft, das sich um die Ecke von unserem Elternhaus befand.

Als ich in das Hotelrestaurant eilte, saßen die anderen bereits für ein festliches Abendessen bei Tisch. Alles an ihnen glitzerte und funkelte, und auf meinem Weg über den pastellfarbenen Teppich kam ich mir in meinem kleinen Schwarzen recht deplatziert vor.

Tippy saß wie Jesus beim letzten Abendmahl, wenn auch mit blinkenden Teufelshörnern, in der Mitte der langen Tafel. Sie erzählte gerade eine Anekdote, die beim Sonntagsbraten in unserem Elternhaus niemals zum Besten gegeben worden war. Es ging um ein eindeutiges Angebot, das man ihr während eines Auslandsjahres in Peru gemacht hatte.

Ich blieb hinter ihr, bis sie fertig war. Sie stand ziemlich schwankend auf und umarmte mich ungewöhnlich stürmisch. Die Kellnerin erschien mit einer frischen Flasche Champagner, und jemand regte einen Toast auf die Erfahrung an, und Tippy erzählte von einem Ex-Freund, der einen Spitznamen für seinen Penis gehabt hatte.

»Er hat ihn das Biest genannt«, erläuterte sie, »und ich muss schon sagen, eine Schönheit war das Ding ganz bestimmt nicht!«

Allgemeines Gelächter brach aus, und es wurde erneut ein Toast ausgesprochen: »Auf das Biest und Tippys viele Eroberungen!«

Ich zog mich auf den leeren Platz am anderen Ende der Tafel zurück, bestellte etwas zu essen und machte mich daran, in Gedanken die Verbindungen zwischen den Frauen um mich herum zu ziehen.

Ich erkannte Tippys Bande aus der Schule wieder, die zwei Stufen unter mir gewesen war. Damals war ich ein Bücherwurm, der mit den Mädchen von der Christian Union abhing und davon träumte, mit Künstlern und Bohemiens befreundet zu sein, während Tippys Freundinnen langbeinige, majestätische Gestalten waren und ständig Intrigen spannen, die mit Jungs zu tun hatten. Mittlerweile waren sie fast alle verheiratet oder Mütter oder beides und wirkten weniger frech und unverblümt, als ich sie in Erinnerung hatte. Auch wenn ich den Verdacht hegte, dass sie vielleicht schon bald kein Blatt mehr vor den Mund nehmen würden, wenn sie erst einmal etwas mehr Wein intus hätten.

Da waren ein paar frühere und aktuelle Kolleginnen von Tippy aus dem Kaufhaus in Reading, in dem sie als Managerin arbeitete, und die kleine Schwester ihres Verlobten, Alexia, eine Kunststudentin in einem Makramee-Oberteil, die mindestens zehn Jahre jünger als die übrigen Mitglieder der Runde sein musste. Doch die meisten Frauen waren Freundinnen von Tippy aus Unizeiten. Sie waren der Kern der Gruppe, die lebhaftesten Rednerinnen, diejenigen, die Tippys Geschichten längst ausnahmslos zu kennen schienen und sie dennoch erneut hören wollten, und die sich ihres früheren und zukünftigen Platzes in Tippys Leben am sichersten zu sein schienen.

An meine eigenen Studienfreunde wollte ich nicht denken. Ich hatte mich zwei Jahrzehnte lang dazu erzogen, so wenige Gedanken wie möglich an sie zu verschwenden. Doch nachdem ich zuerst Victor und dann Meg getroffen hatte, war es schwieriger denn je, die alte Disziplin an den Tag zu legen, und ich driftete unwillkürlich in eine spekulative Träumerei ab.

Was, wenn alles anders gekommen wäre, wenn sich keines der schlimmen Dinge je ereignet hätte? Hätte ich dann inmitten von ihnen Abendessen gehen können und lachen und plaudern und in Erinnerungen schwelgen, ohne mir auch nur vorzustellen, dass solch ein Treffen in einer anderen, traurigeren Welt völlig unmöglich wäre?

Doch nein … In Wirklichkeit würde ich selbst niemals ein solches Abendessen veranstalten. Ich hielt Kontakt zu ein paar alten Kolleginnen aus den zwei Jahren, die ich nach dem Uniabschluss unterrichtet hatte, sowie aus meiner kurzen Zeit in einem Lehrbuchverlag, und dann waren da die Freundinnen aus Abendkursen, die Chor-Freundinnen und die Freundinnen aus dem Laufverein, doch ich hielt sie alle voneinander getrennt. Und ich betrank mich nicht mit ihnen. Und ich unterhielt sie nicht mit Sex-Beichten. Doch während ich meinen nachgeschenkten Wein nicht anrührte, schlugen Tippys Freundinnen voll zu, und als der Hauptgang abgeräumt wurde, ging es mit der Lautstärke aufwärts, während die Hemmungen immer mehr abnahmen.

Marina, Tippys beste Freundin aus ihrer Zeit an der Exeter University, berichtete kreischend, wie sie ihre Jungfräulichkeit bei einer Feier der Young Farmers’ Association im Gebüsch verloren hatte, und dann klatschte Tippy in die Hände und sagte: »Ausgezeichnet! Hören wir uns die Geschichten von allen an. Mein erstes Mal war mit Anton de Valery, an Silvester, in Annas Zimmer. Nach etwa einer Minute war es vorbei. Eigentlich wäre ich schrecklich enttäuscht gewesen, wenn ich nicht so zufrieden mit mir gewesen wäre, weil ich es endlich hinter mich gebracht hatte.«

Dann beugte sie sich vor, sah den Tisch hinunter zu mir und fügte hinzu: »Ich habe es nur getan, weil ich sauer war, dass du mir zuvorgekommen warst.«

»Bloß ganz knapp«, erwiderte ich.

Die Anekdoten prasselten nieder, schwappten um das andere Tischende, während alle zuhörten und aufheulten, und bald schon käme ich an die Reihe.

Alexia, Tippys betont künstlerische zukünftige Schwägerin, erhielt leicht schockierten Beifall für einen Bericht über einen flotten Dreier, an dem der Bassist einer Indie-Rockband beteiligt war, von der ich kaum gehört hatte. Dann herrschte kurzzeitig Schweigen, das von Tippys Worten gebrochen wurde: »Anna, du bist dran.«

»Es war mein erster Freund«, sagte ich. »Victor Rose.«

Allgemeines Aufseufzen ging um den Tisch. »O ja, ich erinnere mich noch an Victor«, sagte Tippy. »Er war ein bisschen ein Möchtegernschauspieler, nicht wahr? Ich frage mich, was aus ihm geworden ist.«

»Ich glaube, es geht ihm ganz gut«, antwortete ich.

»Er hat diesen Film gedreht, nicht wahr? Der nicht sonderlich erfolgreich war. War es nicht ein Road-Movie, bei dem alles rückwärts erzählt wurde oder so? Wie dem auch sei, wir sind jedenfalls auf peinliche Einzelheiten aus. Lass also die Katze aus dem Sack: Wann und wo? Und hat er was getaugt?«

Die Kellnerin erlöste mich, indem sie mit der Dessertkarte