Und das ist jetzt der Dank?! - Vanessa Jakob - E-Book

Und das ist jetzt der Dank?! E-Book

Vanessa Jakob

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Beschreibung

Ein Roman auf der Grundlage einer wahren Geschichte und mit realen autobiographischen Einschüben, der ansonsten frei erfunden ist. Eine traurige, aber auch fröhliche, tiefgreifende und berührende Geschichte einer Frau, die sich fest vornimmt, bei ihrem eigenen Kind alles anders zu machen und dann mit dem plötzlichen Tod der eigenen Eltern umgehen muss; wodurch so viele tiefe alte Wunden wieder aufreißen. Und eigentlich - eigentlich müsste sie doch traurig sein.

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Seitenzahl: 547

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ich widme dieses Buch meiner wundervollen Tochter Jana Celine und danke ihr für ihre Geduld und dafür, dass sie in meinem Leben ist.

Weiterhin danke ich Andrea, Bernd, Clausi, Karen, Lasse und Susanne für ihre reichliche Unterstützung und Motivation.

Inhaltsangabe:

Bettina ist Mitte 40, alleinerziehend und lebt noch bei ihren Eltern - aus Kostengründen. Mehr ist mit ihrem schmalen Gehalt nach der Scheidung von ihrem Ehemann nicht drin. Die Eltern haben die Tochter aufgenommen, weil „es sich so gehört“ und die Tochter will eigentlich nur noch weg. Die Erkenntnis, dies finanziell nicht zu meistern, setzt ihr gewaltig zu.

Der plötzliche Unfalltod der Eltern ist Erlösung und Schrecken zugleich. Doch ihre stets bevorzugte ältere Schwester Henni und die Erinnerungen an eine Kindheit voller Gewalt und Gefühlskälte machen Tini mehr zu schaffen, als die Erkenntnis, nicht einmal traurig über den Tod der Eltern zu sein.

Sie ist hin- und hergerissen, soll sie das Erbe annehmen? Kann sie es auch innerlich annehmen? Oder besser nicht annehmen? Was soll sie nur tun? Schwere Entscheidungen sind von Tini zu treffen, während ihre geldgierige Schwester und ihre eigene Konstitution ihr permanent Knüppel zwischen die Beine werfen und sie so nicht nur mental in die Knie zwingen. Wäre da nicht ihre Tochter Janine, könnte sie einfach aufgeben. Aber so geht das nicht. Sie muss stark sein, für ihr Kind und für ihre eigene Zukunft. Denn wenn sie das Erbe nicht annimmt, verliert sie auch ihr Zuhause.

Nur gut, dass da noch Piet ist, der sie nicht ausschließlich als Notarzt auffängt…

Mutter: „Und das ist nun der Dank?!“

Tochter: „Ja! Genau das ist der Dank, Mutter! Du kannst von einem Lebewesen, das du in das Leben schubst, ohne es nach seiner Meinung zu fragen, keine Dankbarkeit erwarten. Allenfalls für das Leben selbst ist das Kind möglicherweise dankbar. Sagen muss es das aber ganz bestimmt nicht. Schon gar nicht, wenn alles, was nach diesem Geschenk kam, dann nicht mehr so toll war.

– Denk mal drüber nach, Mutter!“

Vanessa Jakob, geb. 1969 in Flensburg, gibt hier ihr Romandebüt und lässt in die frei erfundene Geschichte um Bettina Brodersen jede Menge autobiografische Teile mit einfließen: Der uralte Nachbar, der sie im zarten Teenageralter bedrängte, die Schwester, die sie schon als Baby hasste und mit dem Kinderwagen in den Graben schob und die heruntergefallene Colaflasche, wegen der sie von ihrer Mutter mal wieder eine Tracht Prügel bezog, sind nur einige der Dinge, die auf wahren Begebenheiten beruhen.

Vanessa Jakob lebt heute nach wie vor mit ihren (quicklebendigen) Eltern und ihrer fast erwachsenen Tochter in einem kleinen Dorf an der Ostsee. Inzwischen haben sie sich zusammengerauft und leben nun schon 14 Jahre zusammen in einem Haus. Jeder respektiert den anderen und es ist fast wie eine richtige Familie…

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1 - Freitag, 7. Mai

Kapitel 2

Kapitel 3 - Samstag

Kapitel 4 - Sonntag

Kapitel 5

Kapitel 6 - Montag

Kapitel 7 - Freitag

Kapitel 8 – Samstag

Kapitel 9 – Samstag

Kapitel 10 – Sonntag

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13 – Montag

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16 – Dienstag

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22 – Mittwoch

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26 – Donnerstag

Kapitel 27

Kapitel 28 – Freitag, Tag der Beerdigung

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42 (Donnerstag)

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45 (Freitag)

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Prolog

Mein 18. Geburtstag fiel auf einen Mittwoch. Mir war egal, dass es mitten in der Woche war. Feiern wollte ich auf jeden Fall an genau diesem Tag. Ich hatte auch schon drei Freundinnen eingeladen. Wir wollten ein bisschen zusammensitzen, Sekt trinken, was essen und lachen. Zwei meiner Gäste waren Schwestern, beide über 18 und im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis. Tara jedoch, war zu dem Zeitpunkt erst 13. Sie war für ihr Alter schon ziemlich „erwachsen“, oder wir anderen drei waren einfach noch ein bisschen kindlich. So oder so verstanden wir vier uns super und wollten auf jeden Fall diesen wichtigen Tag zusammen feiern.

Schon Tage vorher stieg die Stimmung. Wir telefonierten und alberten rum. Mit Taras Eltern hatte ich besprochen, dass Kerrin sie abholen und wieder nach Hause bringen sollte. Die Eltern waren einverstanden, kannten mich ja auch schon als gerngesehenen Gast bei sich zu Hause.

Meiner Mutter sagte ich Bescheid, dass ich Freunde zu Besuch bekäme, an meinem Geburtstag, an diesem Mittwoch. Mitten in der Woche. Meiner Mutter passte das gar nicht. Sie verbot mir die Feier schlichtweg.

„Mama, das kannst du vergessen. Dann bin ich 18 und ich feiere, wann ich will!“

„An einem Mittwoch und noch dazu mit einer Minderjährigen dabei, das kommt ja mal gar nicht in Frage!“

„Doch, Mama, kommt es.“

„Das werden wir ja noch sehen.“

„Stimmt, werden wir.“

Meiner Mutter sagte ich Bescheid, dass ich Freunde zu Besuch bekäme, an meinem Geburtstag, an diesem Mittwoch. Mitten in der Woche. Meiner Mutter passte das gar nicht. Sie verbot mir die Feier schlichtweg.

„Mama, das kannst du vergessen. Dann bin ich 18 und ich feiere, wann ich will!“

„An einem Mittwoch und noch dazu mit einer Minderjährigen dabei, das kommt ja mal gar nicht in Frage!“

„Doch, Mama, kommt es.“

„Das werden wir ja noch sehen.“

„Stimmt, werden wir.“

Mein Geburtstag fing schön an. Auch von meiner Mutter bekam ich ein Geschenk, zusammen mit meinem Vater. Weil meine Mutter schon um 6:00 Uhr den kleinen Laden neben dem Miethaus, in dem wir wohnten, aufgemacht hatte, übergab mein Vater mir mein Geschenk. Es war eine silberne Armbanduhr. Der Hinweis darauf, dass ich sie bekam, weil ich in letzter Zeit immer öfter unpünktlich gewesen war, wäre nicht nötig gewesen. Aber meine Eltern waren eben so. Ich kannte sie nicht anders. So wischte ich diese Bemerkung weg wie eine Fliege und freute mich einfach über das wirklich schöne Stück.

Auf dem Weg zur Schule kam ich an dem Laden meiner Mutter vorbei. Unsere Blicke trafen sich kurz. Ich zögerte eine Sekunde, wollte ihr die Möglichkeit geben, etwas zu sagen. Doch da hatte sie sich schon wieder umgedreht und geschäftig die Zeitungen vom Vortag zusammengebunden. „Remittenten machen“. Ich wusste, dass sie das immer morgens früh machte. Aber an diesem Tag wirkte es so fadenscheinig. Das negative Gefühl stach mir direkt ins Herz. Ich sah weg. Innerlich baute ich mich mit Gewalt wieder auf:

„Es ist dein Geburtstag! Dein 18.! Ab heute kann dir keiner mehr was sagen, schon gar nicht deine Mutter! Also Kopf hoch. Heute ist ein toller Tag! Sooo ein toller Tag. Lächeln!“

So albern es war, diese Worte im Geiste zu sich selbst zu sagen, so erfolgreich war es auch. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht und als der Bus kam und ich meine Freundin Steffi sah, die strahlte, wie ein Honigkuchenpferd, wurde aus dem Lächeln das breiteste Grinsen, das der Busfahrer wohl an dem Tag zu sehen bekam. Fragend sah er mich an, öffnete die Türen und schon stürzte Steffi heraus, umarmte mich heftig und sprang um mich herum wie ein Flummi.

„Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday, liebe-“

„Steffi, pscht! Nicht. Die gucken schon alle.“

„Jawoll. Und knallerot im Gesicht bist du auch“, lachte meine Freundin mich breit an.

„Super! Vielen Dank auch!“ Ich tat beleidigt, hielt das aber keine zwei Sekunden durch.

Wir sprangen in den Bus zurück, hielten uns an einer Stange fest und ich erzählte dem etwas klein geratenen, schlanken, blonden Wirbelwind von Freundin vor mir, wie meine Mutter sich verhalten hatte und zeigte ihr lächelnd mein Geschenk.

„Bist jetzt aber nicht traurig, oder? Deine Eltern sind eben scheiße.

Das weißt du doch nicht erst seit heute.“

„Schon. Tut aber trotzdem weh. Grad an meinem 18.!“

„Kopf hoch jetzt! Heute wird nicht an was Trauriges gedacht, heute ist happy birthday.“

Sie holte Luft, als wollte sie gleich wieder singen. Da hielt ich ihr die Hand vor den Mund. Wir prusteten beide los und kamen eine halbe Stunde später immer noch lachend an der Schule an. Steffi war drei Jahre jünger als ich – vielleicht hatte ich einen Tick mit jüngeren, wer weiß, aber wir verstanden uns einfach gut. Steffi war einfach wie der Sonnenschein in meinem zu der Zeit ziemlich düsteren Leben. Wenn sie auftauchte, war für Melancholie kein Platz mehr.

Die gute Stimmung hielt den Vormittag über an. Mittags fuhren Steffi und ich wieder zusammen nach Hause. Am Nachmittag kaufte ich für meine Geburtstagsfeier ein, meine Mutter sah ich nicht. Wann immer ich am Laden vorbei kam, sah ich sie nicht. Nachbarn gratulierten mir im Vorbeigehen, Freunde riefen an, auch meine Oma meldete sich am Telefon. Sie war damals 66 Jahre alt und hatte alle Geburtstage der Kinder, Schwiegerkinder und Enkelkinder im Kopf. Auch zu den Hochzeitstagen rief sie grundsätzlich an und sagte ein paar nette Worte. Ich mochte meine Großmutter sehr. Sie war die Mutter meiner Mutter und als es mit ihrer Tochter und mir einmal besonders schlimm war, rief ich sie auch an und bat sie, einmal mit ihrer Erstgeborenen zu sprechen.

Sie sagte es mir zu und ich fühlte mich gleich besser. Als wir uns ein paar Monate später auf einer Familienfeier trafen, fragte sie, ob es nun besser gehe mit meiner Mutter. Sie hätte das gehofft, denn angerufen habe sie sie nicht. – Ich war schwer enttäuscht und habe sie nie wieder um Hilfe gebeten.

Abends kamen Kerrin, Anja und Tara pünktlich und alle zusammen zu meinem Geburtstag. Ich hatte ein eigenes Zimmer auf dem Dachboden. Es war der einzige ausgebaute Raum auf dem Dachboden, der ansonsten eben Boden war. Überall Gerümpel und blanke Dachbalken. Aber mein Zimmer war top:

Fußbodenheizung, zwei Fenster und ganz für mich allein. Nur, dass ich auf dem Weg in mein Reich durchs Treppenhaus und an der Wohnungstür meiner Eltern vorbei musste, somit auch an dem Spion in der Tür, hinter dem sich meine Mutter bei jedem Geräusch im Treppenhaus blitzschnell positionieren konnte, um nur nichts zu verpassen, das war nicht so klasse.

Meine Freunde kamen die Treppe herauf, passierten die Tür der Wohnung meiner Eltern und sahen verschwörerisch zum Spion.

Hinter der Tür tat sich was, das konnte ich auch eine Etage darüber hören, als ich am Treppengeländer lehnte, um die Mädels willkommen zu heißen. Einen Moment hielt ich die Luft an. Kam meine Mutter jetzt heraus aus der Wohnung? Würde sie meine Freunde zusammenfalten? Doch nichts passierte. Kerrin, Anja und Tara nahmen die letzten Stufen und schlossen mich nacheinander in ihre Arme.

Es wurde ein schöner Abend. Die Stimmung war super, wir spielten irgendwelche Spiele, erzählten uns Geschichten und lachten. Musik kam aus dem Radio, war aber genau mein Geschmack an dem Abend, wir „Erwachsenen“ tranken Sekt, für Tara gab es Cola. Sie nahm uns das nicht übel, nein, auf keinen Fall. Im Gegenteil. Mit hoch erhobenem Glas stieß sie fleißig an. Kerrin stieg nach einem Glas Sekt auch auf Cola und Knabbereien um, sie war an diesem Abend Fahrer. Es war ein wirklich schöner Ausklang dieses Tages, meines 18. Geburtstages.

Kurz vor Mitternacht schickte ich meine Gäste nach Hause. Weil um die Zeit schon die Treppenhaustür unten am Haus abgeschlossen war, brachte ich sie alle vier die Treppe hinunter. Die drei gingen voraus, ich bildete das Schlusslicht. Wir kicherten albern und bemüht leise, was uns nicht ganz gelang. Als ich die Wohnungstür meiner Eltern passierte, flog diese urplötzlich auf und meine Mutter schoss im Nachthemd hervor. Ich hatte sie so oft genau so gesehen: Wutentbrannt! Ich wusste nicht, ob ich mir vor Angst in die Hose machen sollte, oder ob ich ihr mit genauso großer Wut begegnen sollte. Die Wut gewann die Oberhand und Zornesfalten wischten in Sekundenbruchteilen die Fröhlichkeit aus meinem Gesicht.

Im nächsten Moment holte meine Mutter mit der Rechten aus, zielte in Richtung meines Gesichts. Ich wich zurück, doch sie traf mich noch an der Nasenspitze. Was sie sagte, während sie schlug, habe ich vergessen. Aber meine Antworte nicht:

„Das war das letzte Mal, dass du mich geschlagen hast! Wag das ja nie wieder, MAMA!“

Dann ging ich mit dem letzten Rest von Stolz an meinen geschockten Freundinnen vorbei die Treppe hinunter. Den Kopf hoch erhoben und mich alle paar Stufen bitterböse zu der Frau zurückblickend, die mich geboren hatte, aber auch wohl der einzige Mensch auf der Welt war, der mich in genau diesem Moment abgrundtief hasste.

Meine Mutter schloss wortlos ihre Tür. Leise fiel sie ins Schloss. Erst dann folgten meine Freundinnen mir nach unten. Ich hielt ihnen schon die Tür auf und versuchte ein Lächeln. Anja nahm mich in den Arm, wollte mich trösten. Doch ich winkte ab, tat so, als hätte mich das alles gar nicht sonderlich berührt. Mit traurigen Gesichtern verschwanden meine Freundinnen in der Dunkelheit.

Ich schloss die Haustür ab und ging nach oben auf meinen Dachboden. Hinter der Tür meiner Eltern gab es nicht das leiseste Geräusch. Es wäre mir in dem Moment auch egal gewesen, wenn meine Mutter nach dieser Auseinandersetzung tot umgefallen wäre. Als sie mich schlug, starb sie auch für mich. Doch der Schmerz im Herzen, der blieb.

Oben angekommen, schloss ich die Tür hinter mir ab und ließ den Schlüssel stecken, damit niemand hereinkonnte. Ich legte mich auf mein Bett, zog mir die Decke über den Kopf und weinte. In meinem Körper war kein Gefühl mehr. Allein meine Nasenspitze pierte. Mehr spürte ich nicht.

Kapitel 1 - Freitag, 7. Mai

„Ja, stimmt, die Info hab ich auch.“

„Weißt du, wer gefahren ist?“

„Nein. Vattern, nehme ich an, taub und blind wie der ist - war.“

Das „war“ fiel mir noch schwer.

„Aber die waren doch auf der Rückfahrt, da ist Muttern doch immer gefahren.“

„Nur, wenn er gesoffen hat. Also nur nachts.“

„Na und? Kann doch sein, dass sie mal fahren durfte.“

„Nie im Leben am helllichten Tag. Nee, mir hat der Polizist aber auch nicht gesagt, wer der Unglücksfahrer war.“

„Was hast du der Polizei gesagt, wo du warst?“

„Na hier, zu Hause.“

„Allein?“, kam die bohrende Frage.

„Ja, allein! Du auch?!“, kam meine Antwort gereizt zurück.

„Nein, ich war Schwimmen mit den Lütten!“

„Und Manfred?! Wenn du schon so anfängst!“

„Der war bei einem Kollegen, hat ihm beim Bauen geholfen. Der hat also auch ein Alibi, nur du anscheinend nicht…“

„Jetzt mach aber mal ‘nen Punkt! Du konntest unsere Herrschaften Erzeuger genauso wenig leiden, wie ich. Deshalb bringe ich sie aber nicht um!!“

„Naja, immerhin wohnt Ihr in einem Haus. An das Auto hättest du herankommen können.“

„Genau! Und mit meinem umfangreichen technischen Wissen hätte ich den Wagen so manipulieren können, dass erst auf der Rückfahrt was passiert! Ich, die sogar zum Reifenwechseln in die Werkstatt fährt! Was soll das? Willst du mir in die Schuhe schieben, unsere Eltern um die Ecke gebracht zu haben??“

„Nein, natürlich nicht. War ja nicht so gemeint. Aber - was machen wir denn jetzt?“

„Was meinst du?“

„Na mit dem Erbe. Ausschlagen oder annehmen?“

„Boh, das ist deine einzige Sorge? Ich weiß gerade mal eine halbe Stunde, dass meine Eltern tot sind, lass mich damit erstmal klarkommen!“, antwortete ich genervt. Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille. Also fuhr ich etwas gemäßigter fort: „Lass uns da drüber später nachdenken, ja? Dafür haben wir Zeit genug. Erstmal will ich - nachdenken. Sowas entscheidet sich doch nicht von einem auf den anderen Tag. Das braucht Zeit. Ich brauche dafür Zeit. Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, sag ichs dir. Kann aber dauern. Janine weiß auch noch nichts von dem Unfall. Die kommt gleich nach Hause und dann muss ich ihr erstmal in Ruhe beibringen, dass ihre Großeltern nicht mehr am Leben sind.“

„Na, die wird schön die Ohren hängen lassen, dass ihre edlen Spender nicht mehr spenden werden.“

„Henni, jetzt hör aber auf! Janine wird sicher todtraurig sein! Aber ehrlich traurig. Ehrlicher als wir beide zusammen! Und jetzt habe ich zu tun!“

Klack. Meine Schwester hatte aufgelegt. Kein Gruß, kein Wort. 'Die ist so von Hass zerfressen', dachte ich. Ich schüttelte den Kopf und ließ ihn in meine Hände fallen. Und er kam mir plötzlich unendlich schwer vor. Ebby, meine kleine Hündin, sprang zu mir aufs Sofa und schob ihren Kopf unter meinem Arm durch. Ich sah in ihre braunen Knopfaugen und dann kamen mir doch die Tränen.

Diese treue Seele blickte mir direkt ins Herz und da fühlte ich doch etwas. In dem Moment realisierte ich zum ersten Mal ein kleines bisschen, dass etwas Schlimmes passiert war, was mein Leben veränderte, ob ich nun wollte, oder nicht: Meine Eltern waren tot! Meine Eltern, die ich liebte und hasste, immer im Wechsel. Nur zum Schluss war es eigentlich gar kein Gefühl mehr.

Es war nur noch Leere da. Es tat nicht mal mehr weh. Die ganzen Sticheleien, die Wohnung mit fingerdick Schimmel an den Wänden. Es tat nicht mal mehr weh.

Aber meine Tiere. Was sollte mit meinen Tieren werden? Wenn wir hier ausziehen müssen, weil jemand anderes dieses Haus kauft - das ich ihm verkaufen würde - wo sollen wir dann hin? Eine Frau, ein Teenager, zwei alte Hunde und 26 Vögel. Wo sollen wir hin? - Und wenn ich das Erbe ausschlage? Dann kann ich mir den neuen Hauseigentümer nicht mal aussuchen, weiß nicht, wer hier kauft und was er damit macht und dann ist unsere Zukunft noch unsicherer.

Ich hatte kein Problem damit, dass meine Eltern das Zeitliche segnen. Nicht mehr in den letzten Jahren. Sie waren mir egal. Es war soviel passiert. Sie waren mir gleichgültig. Aber diese paar Jahre, bis ich meine Tiere überlebt hätte und mein Kind volljährig wäre, diese paar Jahre hätte ich hier noch durchhalten müssen.

Oder vielmehr wir alle hätten das durchhalten müssen, denn meinen Eltern gefiel der Zustand ganz offensichtlich auch nicht.

Oft genug hatten sie mich das merken lassen. Weshalb arbeitete ich denn weiterhin im Büro, obwohl ich den Job eigentlich nicht leiden konnte und mir meine Arme vom vielen Schreiben wehtaten. Weshalb denn? Doch nur, um meine Ruhe vor meinen Eltern zu haben. Weil ihnen meine Arbeitslosigkeit ja derart peinlich war, dass sie ständig auf mir und Janine herumhackten.

Das war wirklich der einzige Grund für mich, lieber einen ungeliebten, als gar keinen Job zu haben. Aber diese ewigen Sticheleien, diese Intrigenschmiederei gegen mich, sogar auf dem Rücken meines Kindes. Sie nahmen auf nichts und niemanden Rücksicht. Auf mich schon mal gar nicht. Irgendwann war da nur noch Taubheit in meiner Seele. Wie eingeschlafene Beine. Taube Haut, taubes Herz.

Was sagte meine Freundin Regine einmal? 'Wir können unsere Eltern nicht ändern. Wir können nur fürchterlich aufpassen, dass wir selbst nicht so werden wie sie'. Und daran hielt ich mich. Was für eine Freude, wenn ich meine Tochter ansah. Wir machten so vieles anders: Sie war 16 und fand es immer noch normal, manchmal abends zu mir unter die Decke zu kriechen. Sie kam zu mir zum Kuscheln, sie drückte mich einfach so und schwärmte anderen Teenies von ihrer coolen Mutter vor, während die nur noch über ihre „Alten“ meckerten und schon rauchten und tranken.

Das ging meiner Kleinen so völlig ab. Ich war total stolz auf mein Kind und überglücklich, sie zu haben. Und das sagten und zeigten wir uns auch. Das war so ganz anders, als die Beziehung, die ich zu meinen Eltern gehabt hatte.

Ich war nicht traurig. Ich habe nicht geweint, als der Polizeibeamte mir von dem tödlichen Unfall erzählte und in meinen Augen nach Schuldgefühlen suchte. Ich war erschrocken, aber nicht traurig. Eher gleichgültig. Natürlich hat er mich verdächtigt, mich nach meinem Alibi gefragt. Ich hatte keins. Ich war bei meinen Tieren. Allein. Nicht mal die Hunde hatte ich mit draußen. Ok. Ich hatte zwischendurch einmal mit meiner Nachbarin geschnackt und mit meinem Exfreund telefoniert, der gegenüber wohnt. Aber einen Anruf kann man weiterleiten. Und meine Nachbarin und ich redeten erst seit zwei Monaten wieder miteinander. Nichts wäre leichter für sie, als mir jetzt eins auszuwischen, wenn sie es wollte.

Abgesehen davon hatte ich schon ein kleines bisschen Ahnung von Autos. Immerhin füllte ich Öl selbst nach, wechselte Lampen selbst, Scheibenwischer sowieso und überbrückt hatte ich auch schon mal. Also hier und da einen Schlauch abziehen, das könnte der Bremsschlauch schon gewesen sein. Zumindest hatte ich keine Angst vor dem Motorraum des Autos. Ich hätte also vielleicht auch das Potential nach einer Manipulationsmöglichkeit zu suchen.

Andererseits hatte ich noch nie auf dem Fahrersitz des Mercedes meiner Eltern gesessen, geschweige denn die Motorhaube geöffnet. Ich wüsste gar nicht, wo ich da suchen sollte.

Mein einziges Alibi war die saubere Voliere. Die Polizisten haben ernsthaft Fotos vom Volierenboden gemacht - ich vorsichtshalber in deren Beisein auch, als Beleg für mich selbst, falls ich tatsächlich Gefahr liefe, festgenommen zu werden. Mit den Fotos könnte ein Vogelhalter ziemlich genau sagen, wann die Voliere zuletzt gereinigt wurde. 26 Vögel machen ungefähr 26 Häufchen in 30 Minuten. Man muss also eigentlich nur die Häufchen zusammenzählen.

In meinem Kopf schlugen die Gedanken Purzelbäume. Dann noch dieses unerfreuliche Telefonat mit meiner Schwester. Sie hat es eben nicht gern, wenn sie Unrecht hat. Das Chaos wurde immer größer. Eigentlich sollte ich meine Beruhigungstropfen nehmen. Aber wenn die Polizei nochmal wieder käme und ich dann vielleicht Alkohol im Blut hätte? War Alkohol in meinem Beruhigungsmittel? Ich wusste es nicht. Trotzdem, kein Risiko eingehen. Aber ein Tee müsste gehen.

Ich ging in die Küche, öffnete die Schranktür und nahm einen Karton heraus, auf dessen Vorderseite mein Ordnungssinn und ich „Hustenmedizin, Beruhigungstee, Schlafmittel,

Heuschnupfenmittel“ drauf geschrieben hatten und stellte ihn neben den Herd. Dann setzte ich Wasser auf.

Mit der Tasse Beruhigungstee in der Hand setzte ich mich dann in meinen großen schwarzen Schaukelstuhl, nahm ein Bein hoch und umschlang es mit dem freien Arm. Schluck für Schluck trank ich meinen Tee und nach ein paar Minuten wurde es auch tatsächlich besser. Es fühlte sich gut an, dieses Gefühl, wie ich nach und nach ruhiger wurde. Ich holte tief Luft und lehnte meinen Kopf an die Rücklehne des Schaukelstuhls an. Längst war die Teetasse leer, aber ich hielt sie weiterhin in der Hand. Als würde das Chaos wieder losbrechen, wenn ich die Tasse losließe. Es hatte so etwas Beruhigendes.

Als es an der Tür klingelte, zuckte ich zusammen. Es klingelte wieder und wieder und die Hunde schlugen an. Mit den Hunden, die um mich herumsprangen und bellten, ging ich zur Wohnungstür. Ich stieß sie auf, die Hunde rannten raus, den Flur entlang bis zur Haustür. Janine war da, winkte ihrem Vater nochmal zu, der im Auto saß und dann wegfuhr. Dann fiel mein Kind mir um den Hals, strahlte und begann munter drauflos zu plappern, was sie alles erlebt hatte. Ich ließ sie gewähren, versuchte ein Lächeln und hörte ihr zu, während wir in unsere Wohnung gingen. Ich schloss die Tür hinter Kind und Hunden und lehnte mich an den Türrahmen zum Zimmer meiner Großen.

Janine redete ohne Unterlass. Es muss ein toller Tag gewesen sein.

Ich hörte ihr zu wie in Trance und sagte nichts.

Auf einmal hielt sie inne, guckte sie mich an, legte den Kopf schief, die Stirn in Falten und fragte direkt heraus: „Ist was?“

Ich sah sie an wie ertappt und nickte langsam. Dann setzte ich mich auf ihr Bett.

„Komm, setz' Dich zu mir, ich muss dir was erzählen.“

„Was ist denn los? Mami, du machst mir Angst.“

„Janine, es ist etwas passiert. Etwas sehr Schlimmes sogar. Du musst jetzt stark sein, ja?“

„Ja, kann ich. Sag schon, was ist los? Ist was mit Bernhard, oder mit den Hunden? Ist ein Vogel gestorben? Oder - ist was mit Oma und Opa?“

Die ganze Zeit hatte ich still den Kopf geschüttelt, bei der Frage nach ihren Großeltern stoppte ich diese Bewegung und sah Janine traurig an.

„Oma und Opa?“, fragte Janine mit zitternder Stimme.

„Sie hatten einen Unfall.“

„NEIN!!“, schrie Janine. „NEEEEIIINNN!!“

„Mein armer Schatz“, flüsterte ich und nahm mein Kind in die Arme. Sie schluchzte und weinte fürchterlich. Am ganzen Leib zitterte sie. Es kam mir wie Stunden vor, die sie in meinen Armen lag wie ein kleines Kind, das seinen besten Freund verloren hatte.

Nach einer Weile fragte sie: „Sie sind jetzt im Himmel bei Tinka und sitzen auf einer Wolke, stimmt’s?“, schluchzte Janine mit zitternder Stimme. Da kamen auch mir die Tränen und wir weinten bitterlich - Nur ich, ich weinte wegen meiner geliebten Katze…

Kapitel 2

Am Abend saß ich mit einem Glas Wein auf dem Sofa. Mein Exfreund Bernhard saß mir gegenüber und ließ mich reden. Ich redete mir alles von der Seele. Den ganzen Stress, den ich immer mit meinen Eltern hatte, den ewigen Streit, die Intrigen. Sogar bestohlen hatte meine Mutter mich. Als ich 14 war, hatte sie sich immer fleißig von meinem Konfirmationskonto bedient und wenn sie wieder Geld hatte, den Fehlbetrag nachgezahlt. Natürlich konnten sich auf diese Weise in all den Jahren keine Zinsen ansammeln. Als ich als Volljährige nach dem Geld fragte, leugnete sie zu wissen, wo das Sparbuch wäre. Das sei weg, gab sie an. Ich fragte bei der Bank nach, bekam eine Zweitschrift ausgehändigt und sah die ganzen Ein- und Ausgänge. Ich hob sofort alles Geld ab, um sicherzugehen, dass sich meine Mutter nicht noch einmal an meinem Konto bediente.

Mit 16 wurde ich von einem alten Nachbarn begrabscht. Doch meine Mutter glaubte mir kein Wort, ließ ihn weiterhin im Besitz eines Schlüssels zu unserem Haus. Stattdessen stellte sie mich als Lügnerin hin. Bis zu ihrem Tode hat sie mir das wohl nicht geglaubt.

Und die ewigen Schläge brannten sich in meine Seele wie ein niemals erlöschendes Feuer. Meine Schwester hatte sie schon als Baby verhauen, hatte mein Vater mir mal im Vertrauen gesagt.

Damit wollte er allen Ernstes das Verhalten meiner Mutter rechtfertigen. Und ich solle mich mal in ihre Situation versetzen. Kein Wort von Verständnis oder Verhaltensänderungsabsichten. Er wollte darüber auch nicht mit meiner Mutter reden. Sie wüsste sehr genau, was er von Schlägen hielt. Aber das waren immer nur Schläge im Allgemeinen, die verurteilte er wegen seiner eigenen Kindheit. Obwohl ein Nachkriegskind, wurde weder er noch eines seiner Geschwister geschlagen. Stattdessen wurden sie bei Fehlverhalten ignoriert, wobei er nicht sicher sei, was erträglicher gewesen wäre: Ignoriert zu werden oder verprügelt, bis man nicht mehr sitzen kann. Uns, seine eigenen Kinder, hat er nie beschützt.

Und meine Mutter schlug uns weiter, ich glaube jeden einzelnen Tag im Jahr.

Ich hatte eine furchtbare Kindheit. Meine Schwester ebenso. Aber sie ist dadurch nur hart geworden, verbittert. Ich wurde depressiv.

Mit 13 versuchte ich, mir das Leben zu nehmen. Ich saß hinter dem Sofa versteckt, damit mich keiner so schnell finden sollte. Ich hatte ein kleines Taschenmesser mit einem Plastikgriff, der wie Perlmutt silbern schimmerte. Ich liebte dieses kleine Taschenmesser. Mit ihm fühlte ich mich sicher und wichtig. Meine Eltern hatten mir mit einem Umzug vom geliebten Land in die triste Stadt alles genommen, was ich liebte: Meine Freunde, meinen Wald und meine Pferde.

Ich war damals mehr draußen als im Haus. Im Haus gab es Schläge und die unkontrollierte Wut meiner Mutter. Draußen waren meine Freunde und der Reiterhof in der Nachbarschaft. Ich war jeden Tag dort. Und ich war eine gute Reiterin. Durfte sogar Kindern, die mit dem Reiten anfingen, Unterricht geben. Das war meine Welt! Dort war ich glücklich. Zu Hause nie.

Dann, von einem Tag auf den anderen, zogen wir um. Ich wurde nicht informiert, bekam nur die Anweisung, meine Sachen zusammenzupacken, wir würden nach Flensburg ziehen - JETZT!

In dieser Nacht zogen wir dann wirklich um. Wir Kinder waren es ganz offensichtlich nicht wert, erklärt zu bekommen, warum. Von da an wohnten wir zu viert in einer l-½-Zimmer-Wohnung in der Stadt in einer der übelsten Gegenden. Und ich hatte nichts mehr:

Keine Freunde, keine Pferde, nicht mal mehr Natur. Mein Wald, der bislang hinter unserem Haus zum Toben und Spielen einlud, war gegen drei alte Kastanienbäume auf dem Nachbargrundstück eingetauscht worden. Durch eine Mauer vor Fremden geschützt.

Ich wurde zunehmend in mich gekehrter. Aus dem eigentlich fröhlichen Kind, das sich nicht so leicht unterkriegen ließ, wurde ein trauriger, melancholischer Teenager.

Eines Tages saß ich hinter dem Sofa. Ich holte mein kleines Taschenmesser heraus, klappte es auf und begann, an meinem Unterarm zu ritzen. - Doch es passierte nichts! Das Messer war nicht scharf genug, es passierte nichts! Wieder und wieder ritzte ich an meinem Unterarm herum, doch mehr als rote Striemen gab es nicht. Mir schossen die Tränen in die Augen, so dass ich nichts mehr sehen konnte, und ich ritzte weiter und weiter. Schließlich gab ich auf. Nicht einmal das konnte ich!

Bernhard hörte mir still zu. Er sagte nichts, ließ mich einfach reden - und weinen. Ich weinte über meine Kindheit, über meine Jugend, über meine abgöttische Liebe zu den Tieren, über meine traurige Seele, über mein ganzes verpfuschtes Leben. Über meine Eltern weinte ich nicht.

Bernhard setzte sich zu mir und nahm mich in den Arm. Und das tat so gut. Wir waren „nur“ Freunde, aber schon sehr gute Freunde.

Ich war froh, dass es ihn gab. Und dass es ihn genau jetzt gab.

Nach einer Weile hatte ich mich soweit gefangen, dass ich mir die Tränen aus dem Gesicht wischte und mein Glas mit Wein nachfüllte. Ich setzte mich ein Stück zurück und nahm einen Schluck.

„Was mache ich denn jetzt?“

„Was meinst du?“, fragte Bernhard.

„Na mit meinen Eltern. Meine Schwester ergießt sich in Wutausbrüchen und in ihrem wasserdichten Alibi. Vom Erbe will sie auch nichts haben, das hat sie jedenfalls gesagt, als die Alten noch lebten. Also wird sie wohl auch nicht die Beerdigung organisieren. Und was ist mit dem Betrieb? Was ist mit den Mietern? Führe ich das alles weiter oder schlage ich aus oder verkaufe ich? Was soll ich machen? Wenn ich ausschlage oder verkaufe, säge ich an dem Ast, auf dem ich sitze!“

„Musst du das denn alles sofort entscheiden?“

„Nee. Im Moment ermittelt die Polizei ohnehin noch wegen eventuellen Mordes - auch gegen mich! Stell dir das mal vor! Ich bin schon froh, dass die mich nicht festgenommen haben.“

„Hast du denn kein Alibi?“

„Nee, außer dem Telefonat mit dir und einem Gespräch mit Elena könnten nur die Vögel bezeugen, dass ich zu Hause war. Pah!

Super Zeugen! Die Voliere geputzt habe ich und die Ruhe genossen. Eltern nicht da, Kind nicht da. Das war schon schön.“

„Naja, ich habe bei der Polizei ja die Zeit angegeben, zu der wir telefoniert haben und wie lange. Das ist ja schon mal was. Wenn die was in der Hand hätten, hätten sie Dich schon lange abgeholt.

Mach dir mal keine Sorgen. Elena wird ja auch für Dich ausgesagt haben.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher. Sie hätte jetzt die Gelegenheit, mit mir abzurechnen, weil ich Reinhard doch das Geschäft kaputtgemacht habe.“

„Das glaub ich nicht. Immerhin wäre das ja sowas wie ein Meineid. Das riskiert keiner so ohne weiteres.“

„Hoffentlich. - Nein, du hast bestimmt recht. Wenn die Polizei was in der Hand hätte, wären sie schon lange hier. Allerdings haben sie alles versiegelt. Die ganzen Türen und auch die Schlösser zur Garage und zum Carport, wo das Wohnmobil drinnen steht. Nicht, dass ich hier was wegschaffe…“

Genau in diesem Moment hob Joy, meine weiße Schäferhündin, die die ganze Zeit entspannt zu meinen Füßen geschlafen hatte, den Kopf und knurrte leise in Richtung Fenster.

„Nanu, hast du eine Fledermaus gehört, Joy?“, fragte Bernhard belustigt. Da sprang das Tier auf, bellte wie verrückt, rannte zum Fenster und stellte sich mit den Vorderbeinen auf die Fensterbank. Das hatte sie schon lange nicht mehr gemacht. Irgendwas regte sie fürchterlich auf. Das Fenster ging zum Hofplatz hinaus, von wo aus man zum Carport mit dem Wohnmobil und zu meinen Vögeln kommen konnte. Joy hörte nicht auf zu bellen, stellte sogar die Nackenhaare zu einer Mähne auf. Ebby kam dazu geflitzt, sprang auf die Rücklehne des Sessels, der vor dem Fenster stand und bellte mit. Der Krach war immens. Ich mahnte die Hunde, sie sollten still sein, aber es war nichts zu machen. Bernhard war aufgesprungen und sah suchend aus dem Fenster. Die Hofbeleuchtung war angegangen und das Flutlicht blendete ihn.

„ Da ist einer! Ich laufe mit den Hunden nach hinten. Gib mir die Schlüssel!“, stieß Bernhard hervor.

„Ich komme mit!“

„Quatsch, viel zu gefährlich!“

Da hörten wir wie an dem großen Tor zum Carport gerüttelt wurde.

Ich zuckte zusammen, guckte erschreckt Bernhard an. Das Tor hatte mein Vater selbst gebaut, es war massiv aus langen Holzleisten geschraubt. Eine Weile würde es sicher einem Aufbruchversuch standhalten. Bernhard und ich sahen uns an, verstanden uns ohne Worte. Schon rannten wir durch die Wohnung. Ich griff mir die Schlüssel, der Schlüsselkasten fiel mit lautem Krach zu Boden. Es war mir egal. Ich wollte wissen, wer da auf dem Hof war. Wir liefen den Hausflur entlang. Bernhard rannte aus der Haustür heraus und rief mir noch zu:

„Ich schneide ihm den Weg ab. Lauf du mit den Hunden hinten raus!“

Weg war er. Ich lief weiter durch den Flur nach hinten, mein Herz klopfte bis zum Hals, die Hunde machten mich rasend mit ihrem Gebell. Vermutlich hatten sie schon die komplette Nachbarschaft geweckt. - Und Janine! Mich durchzuckte es eiskalt. Nicht dass meinem Kind noch etwas passierte! Ich rannte zurück und machte so leise wie möglich die Wohnungstür zu, unverständige Blicke meiner Hunde erntend. Dann wieder in die andere Richtung zum Hinterausgang. So schnell ich konnte, schloss ich die Tür auf und ließ die Hunde raus. Joy duckte sich in Angriffshaltung und wie ein gestreckter Pfeil schoss sie nach vorn. Ebby dicht neben ihr.

Sie hatten was im Visier, kein Zweifel. Ich hörte jemanden schreien. Ich rannte so schnell ich konnte meinen Hunden hinterher. Meine blöden Schlappen behinderten mich beim Laufen, ich fiel hin, schlug mir die Knie auf dem Hofplatz auf. Aber das registrierte ich gar nicht richtig. Ich rappelte mich auf, ein kurzer Blick nach rechts: Am Carport hing das Vorhängeschloss, scheinbar unversehrt.

Der Schrei war der von einer Frau, schoss mir durch den Kopf.

Meine Hunde bellten, als hätten sie ihre Beute gestellt. Wieder ein Schrei, dann ein Fluchen:

„Lasst mich los, verdammt! Joy, hau ab, ich bins doch! Ebby! Ah, nicht küssen! Mann, verdammt!“

Inzwischen war ich herangekommen. Bernhard stand am Grundstücksrand, die Hände in die Hüften gestemmt und grinste kopfschüttelnd. Ich kam dazu, rieb mir die Knie und leuchtete mit der Taschenlampe in das Gesicht - meiner Schwester.

„Henni? Was sollte das denn werden?“

„Ruf erstmal deine Köter zurück. Ich komm ja gar nicht wieder auf die Füße!“

„Ja, sie könnten Dich zu Tode küssen!“

„Nun mach schon! Joy, lass das, Ebby, nicht pinkeln. Ich bin doch nicht Manfred. Mann nun lasst mich doch endlich in Ruhe, verdammt!“

Meine Hunde hatten meine Schwester erkannt und da sie offenbar deutlich nach meinem Schwager roch, bepinkelte sich Ebby prompt vor lauter Freude. Sie liebte meinen Schwager sehr. Die Hunde mussten die Aktion für ein tolles Spiel gehalten haben.

Meine ziemlich übergewichtige Schwester rappelte sich indes jappsend auf. Ich pfiff einmal kurz und Sekunden später standen meine beiden treuen Vierbeiner links und rechts neben mir. Ich war direkt erstaunt, ließ es mir aber nicht anmerken. Henni rappelte sich auf, kletterte schnaufend den Abhang herauf, zerstochen von den Brombeerbüschen und dreckig vom Sturz.

Schließlich stand sie vor mir und es dauerte eine Weile, bis sie sich soweit erholt hatte, dass sie den kläglichen Versuch unternehmen konnte, sich zu rechtfertigen:

„Naja, ich wollte das Wohnmobil rausholen, das braucht doch keiner. Aber wir können es brauchen. Muss ja keiner wissen. Und du brauchst das doch auch nicht.“

„Na super! Mich wollen sie einbuchten, weil ich kein Alibi habe, und versiegeln hier alle Schlösser, damit ich nichts klaue und meine eigene Schwester belastet mich noch mehr mit einem echten fetten Diebstahl! Na schönen Dank auch!!“

„Das - das wollte ich ja nicht. Hätte doch eh keiner gemerkt. Das hätten wir dann schon noch abgesprochen.“

„Wann denn? Während oder noch bevor ich im Knast gesessen hätte?!“

„Och Mann, so war das doch nicht gemeint.“

„Nee lass mal. Ich hab schon verstanden. Jeder ist sich selbst der Nächste, stimmt’s? Wo ist Manfred denn? Sitzt der nichtsahnend zu Hause vor der Glotze oder hier in der Nähe im Auto?“

„Oben“, murmelte Henni betreten.

„Was?!“

„Oben auf dem öffentlichen Parkplatz im Auto!“

„Hattet Ihr eine Zeit ausgemacht, wann er die Bullen anrufen sollte und sagen, dass ich das Wohnmobil geklaut habe, oder was?!“

„Nee, wir wollten es ja erstmal verstecken.“

„Ihr wolltet es erstmal verstecken?! Das Ding ist so groß wie ein Linienbus!!“

„JAAA, ist ja gut, war 'ne Scheiß-Idee!!“

„Ruf Manfred an, er kann Dich abholen!“

Mit hängendem Kopf trottete Henni neben uns die Auffahrt hinauf zur Straße. Oben kam Manfred uns ohne Licht am Wagen entgegen. Weil er in solchen Dingen aber keine Erfahrung hatte, oder einfach nur, weil es ohne Licht und im Dunkeln recht schwer war, einzuparken, fuhr er frontal gegen die halbhohe Mauer, die Parkfläche und Grundstück voneinander trennte. Es gab einen kleinen aber unüberhörbaren Knirschlaut. Manfred ging sofort voll in die Bremsen, so dass der gerade mal ein Jahr alte Wagen vorne herunterging und der nun schon verbeulten Motorhaube auch noch ein paar zusätzliche unschöne Schrammen verpasste. Nun legte er hastig den Rückwärtsgang ein und setzte ein Stück zurück. Dabei fuhr er seine Ehefrau an, die gerade hinten um den Fiat herumhastete. Die schrie verhalten auf, Manfred zuckte zusammen und mit einem hastigen Seitenblick erkannte der 150-Kilo-Mann mich und auch Bernhard im Dunkeln. Ertappt sah er schnell wieder weg, guckte urplötzlich nur noch starr geradeaus.

Ich klopfte an die Scheibe, widerwillig ließ Manfred sie herunter und sah zu mir hoch wie ein Schüler, den der Lehrer beim Abschreiben erwischt hat.

„Lasst so einen Scheiß in Zukunft nach, ja?! Danke!!“

Manfred nickte, kurbelte das Fenster hoch und Henni zischte: „Los, weg hier jetzt! Gib endlich Gas!“

Ruckelig fuhr das Auto vom Hof, nach ein paar Metern ging auch das Licht an. - Besser so.

Ich sah den beiden kopfschüttelnd nach, musste direkt ein bisschen lachen. Bernhard nahm mich in den Arm, drückte mich an sich. Nach einer Weile gingen wir Arm in Arm auf den Hofplatz zurück.

Die Hunde trotteten fröhlich nebenher, sahen aber immer wieder zu uns hoch. Anscheinend hätten sie viel lieber weiter „Möchte-Gern-Diebe-Jagen“ gespielt… Am Carport sahen wir uns die Bescherung an: Das Siegel war beschädigt, aber die beiden hatten ja keinen Schlüssel, also hatten sie wohl versucht, mit einem Kuhfuß das Schloss aufzubrechen. Das Teil lag noch vor der Tür.

Meine Hunde hatten Henni wohl mächtig erschreckt. Weiter war aber nichts passiert.

Zusammen gingen wir um das Haus herum, sahen uns im Schein der Taschenlampe die versiegelten Schlösser an. Alles war in Ordnung. Offenbar hatte dem Wohnmobil Hennis und Manfreds einziges Interesse gegolten. Bernhard begleitete mich in meine Wohnung zurück.

„Soll ich heute hier übernachten?“, fragte er einfühlsam.

„Das würdest du tun?“. Ich war dankbar für dieses Angebot.

„Wenn du möchtest.“

„Ja bitte, ich würde mich besser fühlen, wenn jemand da ist.“

„Ist doch klar.“ Dankbar nickte ich ihm zu.

Ich schloss die Tür hinter uns ab. Mein erster Weg führte in Janines Zimmer. Ich ging leise ein paar Schritte hinein und lugte um die Ecke. Aber Janine hatte von dem ganzen Trubel tatsächlich nichts mitbekommen. Sie schlief tief und fest. Ich ging zu ihrem Bett, strich ihr mit der Hand zärtlich über die Wange, wie jeden Abend, und sagte fast tonlos: „Schlaf schön, mein Schatz.“ - Auch wie jeden Abend. Als wäre nichts passiert. Ich lächelte und ging dann leise wieder raus.

Kapitel 3 - Samstag

Am nächsten Morgen, als ich die Augen aufschlug und mir die Sonne ins Gesicht lachte, dachte ich „Was für ein schöner Tag“ und lächelte zufrieden. Dann, wie ein Faustschlag, fiel mir wieder ein, was gestern passiert war und dass dies alles andere als ein schöner Tag war. Ich war voller Unsicherheit, wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Ich setzte mich auf und schlang meine Arme um die Knie. Ich machte mich ganz klein, so als wäre ich gar nicht da. Mein Herz begann so laut zu klopfen, dass ich es bis in den Hals hinein hören konnte. Meine Gedanken rasten durch meinen Kopf, wurden immer hektischer. In meinem Körper ein Gefühl wie tausend Ameisen. Alles kribbelte. Grauenvoll! Mit einem Ruck stand ich auf, als könnte ich so die Gedanken so überlisten und sie könnten mir nicht schnell genug folgen, wenn ich nur flinker war als sie. Ich wollte aus meinem Zimmer hasten - und hätte beinahe Bernhard umgerannt.

„Nanu, schon wach?“

„Ja - äh, ich - äh, ich muss mich fertigmachen. Gassi gehen und die Vögel versorgen und dann zur Arbeit. Zur Arbeit, ja. Ich muss mich beeilen.“

Bernhard hielt mich fest.

„Tini, gestern sind deine Eltern bei einem Autounfall tödlich verunglückt, glaubst du wirklich, dass du jetzt einen guten Job machen kannst?“

Ich starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, als hätte er etwas Unfassbares gesagt. Dann schlug mir die Wahrheit wie eine Watschen ins Gesicht. Er hatte ja Recht. Was sollte ich wohl auf Arbeit? Es ging um wichtige Daten, die ich da einzugeben hatte. Wenn ich nicht bei der Sache war - und ich glaubte, nicht einen einzigen klaren Gedanken fassen zu können, der länger als 3 Sekunden in meinem Kopf bleiben konnte, ehe er vom nächsten verjagt werden würde - wenn ich also nicht bei der Sache war, konnte das unter Umständen Folgen für die Patienten haben. Völliger Blödsinn, in so einer Situation arbeiten gehen zu wollen!!

Ich ließ den Kopf hängen, die Schultern auch und mich bereitwillig von Bernhard ins Bad schieben.

„Außerdem ist Samstag“, hörte ich ihn hinter mir sagen.

„Geh Dich waschen. Ich hab den Tisch schon gedeckt, Kaffee ist auch gleich fertig.“

Ich nickte nur stumm und trottete davon. 'Samstag, ach so,

'Samstag', waberte es durch meinem Kopf.

Nachdem ich nur noch halb so schlimm aussah wie vorher, ein bisschen Schminke, ein bisschen Styling, und dann doch die hoffnungslose Erkenntnis, das Chaos in meinem Kopf nicht vor meinem Kopf wegwaschen zu können, setzte ich mich an den Frühstückstisch. Aber Hunger hatte ich nicht, nicht mal Appetit. Dabei hatte Bernhard sich alle Mühe gegeben. Sogar Blumen standen auf dem Tisch. Wo auch immer er die her hatte.

„Ich war schon mit den Hunden draußen. Sie waren auch erfolgreich. Die Sorge bist du also los.“

„Und welche nicht?“

„Deinen Chef anrufen musst du schon selbst.“

„Oh. Ja, mach ich gleich“, und griff nach dem Telefon.

„Tini, das hat Zeit. Du kannst ihm doch ohnehin nur aufs Band sprechen. Aber bitte iss erstmal was. Wenigstens ein halbes Brötchen.“

„Ich kann ihn schon selber sprechen. Heute ist Notfallsprechstunde. Aber essen - nee, ich mag nicht.“

„Hast du gestern eigentlich was gegessen?“

„Klar.“

„So. Und was?“

„Zum Frühstück - da waren die Polizisten schon da. Aber mittags, da hatte ich -“, ich stockte.

„Auch nichts, richtig?“

Ich sah zu Boden. Als ob ich jetzt Lust auf Essen hatte. In meinem Kopf war Jahrmarkt.

„Ein halbes Brötchen, komm schon.“

„Na gut, aber echt nur ein halbes.“ Widerwillig biss ich in das Rundstück.

Den ersten Bissen wollte ich erst nicht behalten, beim zweiten war die Gegenwehr schon nicht mehr so groß und ab dem dritten verlangte mein Magen nach mehr. Dann, zwei ganze Brötchen später, ging es mir etwas besser. Der Jahrmarkt war nur noch ein kleiner Frühlingsrummel und auch nicht mehr so laut. Die Tasse Kaffee genoss ich schon fast.

Das Telefonat mit meinem Chef war ganz gut, weil ich ihn selbst nicht am Rohr hatte, sondern Sandra, meine Kollegin. Ich erzählte kurz, was passiert war und sie sagte, sie würde mir einfach pauschal eine Woche Urlaub eintragen. Ich solle anrufen, wenn ich mehr bräuchte. Dann sprach sie mir auch im Namen der Kollegen und vom Chef ihr aufrichtiges Beileid aus. Daran musste ich mich erst noch gewöhnen. Das würde mir wohl in nächster Zeit öfter passieren, dass mir jemand sein Beileid aussprechen würde. Und dann? Wie reagieren? Traurig? Weinend? In mir war nur Leere.

Artig bedankte ich mich und legte auf.

Das Problem war nicht das Ableben meiner Eltern. Das war halt so und nicht zu ändern. Was mich fertigmachte, war diese schreckliche Ungewissheit, wie es überhaupt zu dem Unfall gekommen war. Was war denn da bloß passiert? Ich brauchte Klarheit und das so schnell wie möglich. Und nicht zuletzt: Bin ich noch verdächtig? Soll ich die Firma weiterführen? Was ist mit der Beerdigung?

Ich stand wortlos vom Frühstückstisch auf, holte mir einen DinA 4 Block und schrieb alle meine Fragen auf. Bernhard sah mir zu und ließ mich gewähren. Als ich etwa ein knappes Dutzend Fragen zusammenhatte, schnappte ich mir das Telefon und rief als erstes bei Karl an. Das war der Dorf-Polizist hier, der mich gestern auch informiert und befragt hatte. Zusammen mit irgendeinem Kollegen, den ich nicht kannte. Bäderdienst oder wie sich das nannte. Im Sommer bekamen die Polizisten an den Küsten immer Verstärkung von irgendwelchen jungen Beamten. Und nun war Mai. - Im Mai hatte mein Vater Geburtstag. 69 wäre er geworden…

Ich verscheuchte mit einem Kopfschütteln die Gedanken und wählte Karls Nummer.

„Hallo Karl, Bettina hier. “

„Oh, hallo Bettina. Wie geht es dir heute?“

„Geht so. Bin ziemlich durch den Wind. Aber ich habe ein paar Sachen auf dem Herzen, die ich wissen muss.“

„Ok, schieß los.“

„Wie ist der Stand der Ermittlungen? Bin ich noch verdächtig?“

„Über den genauen Sachstand kann ich dir keine Auskunft geben.

Nur soviel: Wir ermitteln noch. Verdächtig bist du aber nicht mehr.“

„So? Wie kommt das? Meine Vögel werden mein Alibi doch nicht bestätigt haben…“

„Die nicht, aber deine Nachbarin und dein Exfreund. In dem verbleibenden Zeitfenster kannst du keine Manipulation vorgenommen haben. Außerdem haben wir Gregor befragt zu Deinen Kenntnissen um Autotechnik. Und der hat dein - na sagen wir mal - grundsätzliches Knowhow über Autos bestätigt.“

„Gregor hat sich bei der Frage kaputtgelacht, richtig?“

„So kann man es auch sagen. Damit bist du raus aus der Nummer.“

„Puh, das ist ja schon mal was.“ Erleichtert holte ich kurz und hörbar Luft.

„Karl, mal ehrlich. Du kanntest meine Eltern doch auch. Die sind auch ganz allein in der Lage gewesen, das Auto von der Straße zu bringen!“

„Dazu darf ich nichts sagen. Wie gesagt: Wir ermitteln noch.

Warum ist es für Dich wichtig, ob du noch verdächtig bis?“

„Wegen dem Geschäft natürlich. Ich muss doch die Mieter informieren und mir Kenntnisse über das Erbe verschaffen. Ob ich es ausschlagen oder annehmen soll. Schon wegen Janine. Ich will da doch nicht ins Messer laufen. Meine Schwester und ich waren uns immer einig, den ganzen Kram zu verkaufen oder gleich das Erbe auszuschlagen. Aber vielleicht war das Unternehmen ja doch nicht so marode, wie wir immer dachten. Der Laden muss doch weiterlaufen, erstmal jedenfalls. So wie ich meinen Vater kenne - äh, kannte, äh, also so wie er war, saßen ihm die Banken doch immer im Nacken. Jetzt würden die doch sofort ihre Chance wittern. Das kann ja nicht im Sinne meiner Eltern sein. Das wollten sie doch bestimmt so nicht. Nachher läuft mir die Zeit weg. Ich weiß doch nicht, was ich jetzt machen muss, und in welcher Reihenfolge.“

Ich hatte geredet und geredet, wie ein Wasserfall. Und wie mit einem Freund eben, aber nicht wie mit dem ermittelndem Beamten in einem immer noch Mordverdachtsfall und nicht bloß einem kleinen Auffahrunfall. Kurz herrschte Stille. Ich wurde mir meiner Situation gewahr, mir wurde heiß, ich lief rot an und ließ in Windeseile nochmal alle meine Worte revuepassieren. Hatte ich was Falsches gesagt? Hatte ich mich nun doch noch verdächtig gemacht? Konnte mir irgendwas zum Nachteil ausgelegt werden? Verdammt!

„Keine Panik“, sagte Karl dann in mein Gedankenwirrwarr hinein.

„Verwalten darfst du da nichts, aber ohne das Einverständnis der Erben, und das sind Henni UND du, können auch die Gläubiger nichts machen. Und frag' mal bei dem Notar Deiner Eltern nach, ob ein Testament vorliegt. Das mit der Beerdigung regelst du?“

Ich nickte stumm.

Und dann leiser: „Hast du jemanden, der dir hilft?“

„Ja. Bernhard ist hier.“

Bernhard lächelte mich zustimmend an und nickte. Ich lächelte diesem großen gut gebauten und sonnengebräunten Mann zu, der gerade bemüht war, möglichst leise den Frühstückstisch abzuräumen. Er wollte nicht stören. Bernhard war ein Schatz.

Warum hatten wir uns eigentlich getrennt? Im Bett lief es immer prima. Aber das Zwischenmenschliche, da hatte jeder von uns seinen eigenen eingefahrenen Weg. - Ich riss mich aus meinen Gedanken. Wie konnte ich in dieser Situation an Sex denken? - Durfte ich überhaupt an Sex denken? Oder nur nicht an Sex mit Bernhard? - Ich schüttelte den Kopf, schloss kurz die Augen.

„Karl, wann werden die - äh, die - äh, anders: Wann kann ich einen Bestatter beauftragen?“

„Noch sind die Leichen nicht freigegeben, wenn du das meinst. Ich gebe dir aber sofort Bescheid, wenn es soweit ist. Und um gleich die nächste Frage vorweg zu nehmen: Ich habe sie identifiziert. Da braucht keiner von Euch mehr hin.“

„Oh Karl, ich danke dir. Ich glaube, das hätte ich nicht geschafft. Vielen Dank.“

Ich war unglaublich erleichtert. Damit war eine schwere Last von meinen Schultern genommen. Zumindest das blieb mir erspart!

Ich sah auf meinen Zettel. Was wollte ich noch fragen? - Nichts.

Die genauen Todesumstände waren ja noch nicht bekannt.

Vielleicht wollte ich DIE Antwort aber auch gar nicht hören. Ich fragte nicht. Jetzt war ich ein gutes Stück weiter und wusste Bescheid. Doch eins noch: Der Bruch letzte Nacht…

„Eine Frage noch: Was ist mit den Siegeln auf den Schlössern?

Wenn ich in die Wohnung will, muss ich die Siegel beschädigen.“

„Kein Problem. Du hast ja mein ok. Hat Bernhard unser Gespräch vielleicht rein zufällig mitgehört?“

„Nein, wieso?“

„Mach mal den Lautsprecher an, Tini!“

Ich tat wie mir befohlen und drückte den entsprechenden Knopf.

„Ok.“

„So. Hiermit hast du, Bettina Brodersen, das OK von mir, Karl Fedders, dass du alle Siegel auf allen Schlössern zur Wohnung und was sonst noch so versiegelt wurde, entfernen darfst. Hat Bernhard mitgehört und hast du alles verstanden?“

Bernhard und ich wie aus einem Munde: „Jawohl!“, und hielten die Handkante auf Zack an die rechte Schläfe wie bei der Armee.

Wir grinsten uns an.

„Na prima. Dein Humor kommt auch langsam wieder durch.“ Karl lachte auf.

„Aber angekommen ist das, ja? Gut. Mach ruhig die Siegel ab.

Aber nur Blümchen gießen, ja?“

„Wieso nur Blümchen gießen?“, stutze ich.

„Na, solange das Testament noch nicht eröffnet wurde, hat kein Erbe ein Recht auf Zugriff oder Nutzung des Erbes. Jetzt liegt die Nachlasspflegschaft beim Nachlassgericht. Erst, wenn dort oder beim Notar Deiner Eltern ein Erbschein beantragt wurde bzw. Das Eröffnungsprotokoll des Nachlasses vorliegt, darfst du an die Unterlagen. Ist doch klar, sonst könnte sich ja eine von Euch Schwestern einen Vorteil gegenüber der anderen verschaffen - wenn man denn so böse denken will. Das würde natürlich keine von Euch beiden tun, aber Gesetz ist Gesetz. Außerdem hab ich schon Pferde vor der Apotheke… Also erst das Erbe ausschlagen oder annehmen und dann in die Unterlagen gucken!“

Ich stutzte. Ich wollte doch eigentlich erst Klarheit über die Finanzlage haben, ehe ich ausschlage - bzw. annehme. Sollte das jetzt heißen, ich müsste mich erst entscheiden, ohne eine Ahnung über die wirkliche Finanzlage zu haben? Mit fester Stimmt antwortete ich:

„Geht in Ordnung, Karl. Danke.“

„Alles klar. Bis dann, Tini. - Und bis dann, Bernhard.“

„Jo, tschö Karl.“

Ich ließ mich zurückfallen und kippte längs aufs Sofa. In diesem Moment hätte ich sofort einschlafen können. Ich fühlte mich so schwer, so schlapp, total k.o. Und ich hatte geschwitzt. Das Telefonat war anstrengend und aufregend. Besser gings mir aber eigentlich nicht. Zumindest hatte ich aber etwas mehr Klarheit. Etwas jedenfalls. Das mit dem Nachlassgericht ging mir nicht so recht in den Kopf.

Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, da klingelte das Telefon. Im Display stand in großen Lettern 'LIEB SCHWESTERLEIN'. So hatte ich Henni einmal eingegeben, als wir gerade mal wieder Krach hatten und da es irgendwie passte, ließ ich den Eintrag so.

„Hallo Henni, gut geschlafen?!“ Die kleine Stichelei konnte ich mir nicht verkneifen.

„Was? Äh ja, hab ich. Du auch?“

„Den Umständen entsprechend. Was gibt’s?“

„Ich wollte wissen, was wir denn jetzt machen sollen?

Ausschlagen oder annehmen. Wir waren uns doch einig, auszuschlagen, oder?“

„Ich habe doch gesagt, ich will mir das erst noch überlegen.“

„Du willst WAS?!“

„Du hast mich genau verstanden!“

„Aber wir waren uns doch einig. Wir haben das 100mal besprochen. Ist alles Schrott, alles Mist, der Alte hat nur gepfuscht, wo er auch immer dran war!“

„Henni, ich möchte bitte noch eine Weile darüber nachdenken, was ich mache. Das wird ja wohl erlaubt sein! Unsere Eltern sind noch keine 24 Stunden tot und deine einzige Sorge gilt dem Erbe. So emotionslos bin ich leider nicht. Ich brauche noch ein bisschen.

Ich gebe dir dann Bescheid, wie ich mich entschieden habe!“

„Das brauchst du gar nicht! Ich schlage auf jeden Fall die Erbschaft aus. Und ich hab mich auch schon informiert. Für die Kleinen und für mich schlage ich aus. Und Nadine macht das auch.

Wir sind uns einig. Mach du was du willst, wenn du das vor Janine verantworten kannst…!“

„Kann ich, sorg' Dich nicht.“

Kurze Pause.

„Hältst du das für richtig?“

„Henni! Jetzt is aber mal gut -“

Klick. Aufgelegt.

„Henni?“

Tut tut tut.

Ich guckte Bernhard an, er guckte mich an, wir zuckten synchron mit den Schultern.

„Hast du was anderes erwartet? Kritik konnte deine Schwester doch noch nie gut ab.“

„Hast Recht. Nur leider muss sie da nun durch. Irgendwas in mir lässt mich nicht einfach so das Erbe ausschlagen. Ich habe da so ein komisches Bauchgefühl. Und das muss ich erstmal abklären.“

„Mach das. Vielleicht ist ein gesunder Zweifel auch gar nicht so falsch. Ich meine, wenn alles Mist und Schrott war, was deine Eltern gemacht haben, wie konnten sie sich ein großes Auto und ein dickes Wohnmobil erlauben? Vielleicht findest du ja einen Schatz.“ Bernhard lächelte mir zu.

„Ja, vielleicht“, lächelte ich zurück. Meine Stimmung hellte sich etwas auf.

„Aber wenn ich gar nicht in die Bücher gucken darf, von Rechts wegen…“

„Kriegt das denn einer mit, wenn du doch reinsiehst?“

„Nein, eigentlich nicht. Ist ja keiner mehr da, der das bemerken könnte…“

„Stimmt. Und ich bin mir sicher, deine Eltern haben damit gerechnet, dass ihre Kinder nicht blauäugig in ihr etwaiges Verderben rennen. Sie würden es dir nicht übelnehmen, wenn du versuchst, einen Überblick zu bekommen, da bin ich mir sicher.“

„Und was mache ich mit Janine?“

„Um die kümmere ich mich. Geh' so bald wie möglich der Sache nach. Ich bin doch gerne der Babysitter.“

„Babysitter - das hört Janine gar nicht gern…“, ich grinste breit.

„Oki, dann nenn mich eben Animateur. Ist das besser?“

„Und wie. Ich danke dir, Bernhard. Für alles.“

Bernhard war ein Schatz. Vielleicht war das ja der Schatz, den ich finden könnte, weil ich ihn möglicherweise eine lange Zeit übersehen habe. Ich hatte eine Nachbarin, die über ihren zweiten Ehemann gesagt hatte, er wäre ihr 6er im Lotto. War Bernhard auch so ein Lottogewinn und ich hatte es nur noch nicht bemerkt?

Kapitel 4 - Sonntag

Janine schrie im Schlaf. Ich schreckte aus dem Schlaf hoch, ein Blick auf die Uhr: Vier Uhr morgens. Ich sprang aus dem Bett und lief zu meinem Kind. Sie saß im Bett, die Hände links und rechts am Kopf, als wollten sie ihn festhalten, weinte bitterlich.

„Mami, ich habe geträumt, das Oma und Opa tot sind. Das war doch ein Albtraum, oder?“

Ich sah mitfühlend in ihre traurigen Augen, biss mir seitlich auf die Lippe. Zu gern hätte ich ihr gesagt, dass es nur ein Traum war.

Aber die Wahrheit sah anders aus. Ich konnte meine Gefühle nicht zurückhalten. In dem Moment kamen auch mir die Tränen. Weil mein Kind unglücklich war. Sie litt und ich litt mit ihr.

Wortlos nahm ich sie in die Arme und ließ sie schluchzen. Lange weinte sie, zitterte und krallte sich an mir fest. Ich nahm es hin, es tat weh, aber ich sah es als Strafe dafür, dass ich nicht um meine Eltern trauerte. Dafür musste man doch bestraft werden, oder? Für Ungehorsam und falsches Verhalten wird man mit Schmerzen bestraft. So habe ich es gelernt…

Ich bin klein, vielleicht fünf Jahre alt. Ich bin in der Küche. Es ist Sommer. Ich reiche kaum über den Küchentisch, stelle aber doch eine schwere und fast volle Flasche Cola darauf. Die Flasche ist schwer und aus Glas, so wie sie es vor 35 Jahren noch waren.

Doch ich habe es nicht ordentlich gemacht. Die Flasche steht zu weit auf der Kante. Ich merke es nicht, mache die Tür zur Speisekammer zu, drehe mich von der Flasche weg. Hinter mir kracht sie zu Boden. Ich zucke zusammen, bin starr vor Schreck.

Mein Kopf ist leer, ich sehe mit vor Angst weit aufgerissenen Augen zur Küchentür. Ich zittere. Es wird nass zwischen meinen Beinen, ich mache mir in die Hose. Ich zittere vor Angst. Ich höre das Trampeln. Meine Mutter stampft den Flur entlang, laut und wütend schimpfend. Ich halte mir schützend die kleinen Arme vor das Gesicht. Nicht ins Gesicht, bitte nicht ins Gesicht, zuckt es durch mein Gehirn. Meine Mutter steht vor mir. Groß und kräftig und unglaublich wütend. Ich hatte die Cola nicht nehmen dürfen, es war verboten, Cola zu trinken. Ich hätte fragen müssen, ich habe nicht gefragt. Ich weiß das, meine Hose ist nass, mein Herz schlägt bis zum Hals, mein ganzer Körper zittert, die Tränen laufen mir über das Gesicht. Meine Mutter reißt mich am Arm hoch, schüttelt mich, schreit mich an. Sie schleudert mich herum, meinen Rücken zu ihr. Sie greift nach hinten, reißt sich den Schuh vom Fuß und holt damit aus. Sie schlägt mich. Der Schuh knallt mit unglaublicher Wucht auf meinen Hintern. Immer und immer wieder. Ich habe Angst, ich habe Schmerzen. Es tut so unglaublich weh. Auf dem Hintern und im Herz. Meine Mutter hat kein Herz, meine Mutter schlägt mich. Hoffentlich hört sie bald auf. Ich wollte doch nur ein Glas Cola. Nur ein Glas Cola…

Janine weinte immer noch. Aber leiser. Und ich weinte auch. Wie damals.

Nach einer Weile hob Janine den Kopf.

„Mami, bist du auch so traurig wegen Oma und Opa? Ich vermisse sie so sehr!“

„Ich vermisse sie auch, mein Schatz.“

„Kann ich nicht auch zu ihnen auf die Wolke? Wo Tinka auch ist?

Ich will nicht allein hier unten sein.“

„Aber Schatz, dann bin ich ja allein.“

„Komm doch mit auf die Wolke.“

„Du, der Weg dahin, der ist nicht so schön. Erst, wenn man oben ist, ist es gut. Aber vorher hat man vielleicht Schmerzen und Angst und kann nichts machen, um das zu ändern. Das ist nicht so schön.

Die Wolke ist nur das Ende vom Weg. Vor dem Weg hab ich aber Angst.“

„Nicht, wenn wir zusammen gehen. Mami, ich bin ja bei dir.“

„Nein, mein Schatz. Wir haben hier unten noch eine Menge zu erledigen, bevor wir auf die Wolke gehen können. Wenn wir jetzt gehen, ist das feige. Und die da oben sollen ja auch gucken, was wir machen. Sonst wäre das für die ja auch langweilig. Wir sind das Kino und die sind die Zuschauer. Gute Idee?“

„Also sind wir Schauspieler?“ Ein Lächeln huschte über Janines Gesicht.

„Ein bisschen, ja. Ist doch klasse, oder?“

„Und wie weiß ich, ob das, was wir machen, gut ist?“

„Das spürst du in Deinem Herzen.“ Ich lächelte meine Süße an.

„Ok Mami, wir bleiben hier. Und dann schauspielern wir ein bisschen für die da oben, ja?“

„Ja, das machen wir, meine Große. Wir machen einfach das Beste daraus.“

„Aber ich darf doch ein bisschen traurig sein, oder?“

„Du darfst sogar sehr traurig sein. Das gehört dazu.“

„Zum Schauspielern?“

„Und zum Abschiednehmen.“