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Anfang der 1970er Jahre stehen die Protestbewegungen in Paris, Rom und Berlin vor der Frage nach dem bewaffneten Kampf und dem Abtauchen in den Untergrund. Auch wenn die Antworten unterschiedlich ausfallen, beginnt in allen drei Ländern ein Jahrzehnt politischer Gewalt, das auf den "Straßen eines Europas im Frieden die Leichen Hunderter Männer und Frauen hinterließ, wie Hunde abgeknallt". Als Zeuge dieses Jahrzehnts der Wut, Hoffnung und großen Worte erlebt der Ich-Erzähler seine sexuelle und politische Bewusstwerdung, doch als er "am Zuge ist", in das Weltenspiel einzutauchen, ist die Hoffnung seiner älteren Brüder an den Mauern der Repression zerschellt oder in mörderischen Sackgassen gestorben. Zu jung für den Kampf, wird es für ihn und seine Geliebten noch eine kurze intensive Zeit geben, in der sie sich den großen Freuden wie den tiefen Nöten der Politik und des Körpers hingeben, denn "Sex gibt's nicht getrennt von der Welt". Dann aber wird sie "eine Epidemie niedermähen wie Hunde" und "der Feind ein anderes Gesicht haben". Geschrieben mit der Wut eines hilflosen Zeitzeugen, der Lügen eines ganzen Kontinents, erinnert uns ›Und dazwischen nichts‹ daran, dass Geschichte vor allem eines ist: Fiktion.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Und dazwischen nichts
Mathieu Riboulet
Und dazwischen nichts
Aus dem Französischen von Karin Uttendörfer
»Diejenigen, welche die schlimmsten Verbrechen überleben, sind zur Wiedergutmachung verurteilt.«Saint-Just
IWir wollen nichtwie in Polen leben 1972
Wir sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen, ich wie die anderen. Was mich angeht, soweit ich es heute beurteilen kann, 1972, zwischen der Ermordung Pierre Overneys und einer Polenreise, die ich mit meinen Eltern unternahm und die ihren Abschluss mit dem Olympia-Attentat von München fand. Und ich bin wahrscheinlich Anfang der neunziger Jahre, zu Beginn der Massaker in Jugoslawien, wieder abgesprungen. Man kann nicht immer dem Takt der Welt folgen. Ich schreibe hiermit diese Elemente einer persönlichen Chronologie ein, ich stecke sie mit den Daten der historischen Chronologie ab, von der wir alle mehr oder weniger anerkennen, dass sie eine bestimmte Aufeinanderfolge der Fakten wiedergibt, eine Weltordnung, um die herum wir versuchen, ein wenig eigenes Denken anzuordnen. Doch natürlich sind diese Chronologien Fiktionen.
Denn es beginnt immer schon vorher, und am Ende fehlt immer etwas. Es tritt gegen 1871 aus dem Nebel hervor, es verlässt die Bücher, es schreibt sich in die geerbten Körper ein, es kommt ins Bewusstsein, es arbeitet, und dann flaut es ab und verschwindet, und was von unserer Geschichte fortgesetzt wird und was nicht, werden wir niemals erfahren. Es ist komplex, manchmal verdreht, häufig verworren, doch an welchem Faden ich auch ziehe, immer hängt das ganze europäische Knäuel daran. Daraus bin ich gemacht, in mir nimmt die Geschichte Gestalt an, von meinem Körper ergreift sie Besitz. Und so sterben wir manchmal auf der Straße, wie Hunde, wo doch Frieden herrscht. Benno Ohnesorg siebenundzwanzig Jahre alt. Wenn wir in der Undurchdringlichkeit Afrikas sterben, auf im Chinesischen Meer umhertreibenden birmanischen Nussschalen oder in der eisigen Hölle Magadans, sterben wir Menschen nicht wie Hunde, wir sind Hunde und als solche sterben wir. Sterben wir hingegen da, wo der westliche Geist sein Gravitationszentrum festgemacht hat und der ganzen Welt seinen Takt aufzwingt, sterben wir wie Hunde, weil wir Menschen sind und Menschen nicht abgeknallt wie Hunde auf der Straße, sondern mit geöffneten Händen in ihrem Bett sterben. Die Stunden schlagen nicht für alle gleich, die Chronologie ist eine Fiktion. Ein Schuss aus nächster Nähe auf offener Straße.
Vor 1871 ist Geschichte für mich die Geschichte in Büchern, Romane Epen Berichte Roncevaux Michelet Die Fronde Chateaubriand 89 Stendhal, 1871 dann verlässt es die Bücher, um sich in den Körper meiner Urgroßmutter zu schreiben, die, als sie mich vierundneunzig Jahre später auf ihrem Schoss hält, mir den Geist einhaucht, den sie gleich nach Sedan und dem Massaker an den Kommunarden geatmet hat. Auf einmal ist es nicht mehr die in den Büchern zur Erhellung des Verstandes erzählte Fiktion, sondern jene, die im stärksten Brechreiz aus meinen Eingeweiden quillt, es ist die schwarze Wollhaube der Ahnin, ihre Halbfingerhandschuhe, ihr Häkelzeug, ihre Baumwollknäuel, der Handarbeitskorb und die köchelnde Suppe, das schmale Haus inmitten eines einsamen Landstrichs, wo es nichts gibt als Arbeit, ein geduldiges Leben, das beunruhigende Grollen der Geschichte weit in der Ferne und vor einem der hohle und häufig harte Weg bis zum Tod. Auf den man manchmal so lange warten muss, dass man sich vergessen glaubt und dass man bei der Idee, verweilen zu müssen, erzittert: Verweilen wofür und warum nicht lieber sterben, wofür noch weitere Tage und weiteres Arbeiten, wenn so viele in den Straßen sterben? Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 wie ein Hund.
Es verlässt die Bücher und es dringt in den Körper ein, und um Frieden zu finden, muss es wieder in die Bücher zurück, deshalb schreibt man. Es müsste wieder raus aus dem Körper, man hätte ihn lieber etwas leerer, um Raum für das zu haben, was man mag, für die, die man begehrt, um sich in ihm zu Hause zu fühlen, ehe man ihn lassen muss, und das kommt schneller, als man denkt. Wo werden unsere Tränen sein, während unsere Gebeine verwesen? Uns in unserem Körper wie zu Hause zu fühlen und sagen zu können: Ich gebe ihn hin für Gott, die Revolution, die Liebe, den Sex, die Droge, das Denken. Lange ist man dazu nicht in der Lage, denn man findet ein mit Dreck besudeltes Gelände vor: die unbeglichenen Rechnungen der Vorfahren, die ungedachten Zusammenhänge der Geschichte, die Tücken der Krankheit, die Schatten der Toten, und über lange Jahre hinweg erstarrt man denkt man predigt sucht beißt die Zähne zusammen bricht in Tränen aus anstatt loszulegen loszurennen Lust zu empfinden Lust zu bereiten zu taumeln. Umgemäht wie Hunde, ehe man Frieden findet.
Da, wo der westliche Hochmut meint, die Dinge würden sich ordnen, wähnen wir uns seit dem 8. Mai 1945 in Sicherheit, nach einunddreißig Jahren Krieg und Millionen von Toten, bei denen man sich doch fragt, wohin all diese Körper verschwunden sind. Durch eine von einem Angehörigen der Polizeikräfte der Bundesrepublik Deutschland in Zivil aus nächster Nähe abgefeuerte Kugel. Wir versuchen wie Menschen zu denken, doch es geschieht immer noch, dass man uns abknallt wie Hunde, denn unter den Menschen gibt es immer welche, die sich den Hunden überlegen fühlen.
1972 bin ich zwölf Jahre alt, ich spüre alles, ohne etwas zu verstehen, ich spüre und sehe alles, aber alles fehlt mir, und ich sehe nichts. So prägt sich das Prägende besonders tief ein, und ich weiß von nun an, dass sich dort, in der Kindheit, schon alles entschieden hat: das Schreiben die Politik die Geschichte der Sex und die Sprache, die dem Körper übergeben wird, weil die Seele sich nicht rührt, schreckensstarr ist vom Ausmaß der Katastrophe, den beschränkten Möglichkeiten und ertränkt im Gefühl. Ich weiß, dass alles umsonst ist, und dennoch sterbe ich nicht, dafür bin ich nicht alt genug, und es herrscht wieder Frieden. Überall sterben die Menschen wie Hunde, ich weiß noch nichts davon, doch am 25. Februar ebendieses Jahres wird in unserem in Frieden lebenden Land ein Mann drei Busstationen von meinem Haus entfernt aus allernächster Nähe wie ein Hund, sein Tod dringt in unser Haus ein, herbeigetragen von Freunden, Nachbarn, dem damaligen Bewusstsein, eine Gemeinschaft zu bilden, ich eine Quantité négligeable und zu meinen Füßen oder beinahe Pierre Overney dreiundzwanzig Jahre abgeknallt von einem Angehörigen der privaten Werkspolizei der Renaultwerke in Zivil.
1978 gehe ich nach Italien, ich bin achtzehn, das ist von 1972 nur einen Steinwurf entfernt, aber inzwischen weiß ich, dass das Schreiben die Politik die Geschichte der Sex für mich bestimmt sind, sie gehören mir sie sind mein Ding ich bin am Zuge, ich möchte losrennen loslegen, vielleicht taumeln, vor allem Lust empfinden und Lust bereiten. Die Politik, das wird gewiss nicht die Revolution sein, die meine älteren Geschwister noch versucht haben hochzuhalten, denn der Zeitpunkt ist vorbei. Die Revolution, das wird der Sex sein, Lust zu empfinden und Männern Lust zu bereiten, ich habe drei Jahre vor mir, wir haben drei Jahre vor uns. In drei Jahren wird uns eine Epidemie ummähen wie Hunde, der Feind wird ein anderes Gesicht haben. Und zur Stunde in Rom, aus nächster Nähe in einer Garage Aldo Moro zweiundsechzig Jahre abgeknallt wie ein Hund von Männern der Roten Brigaden in der Uniform der revolutionären Kräfte, und ich, nur achthundert Meter von dort entfernt am 9. Mai 1978 in einem Park gegen eine Pinie gelehnt, knie mich vor den harten, borstigen Massimo hin, der sich in meinen Mund bohrt, und Pasolini dreiundfünfzig Jahre dreitausend Tage und dreißig Kilometer von hier entfernt niedergeprügelt wie ein Hund vielleicht noch ehe er sich seinem oder seinen Mördern ergeben konnte, allerorten die den Fußtritten der Knechte dargebotenen Rippen der Hunde.
Als wir die Welt entdeckten, haben wir sie in dieser Ordnung vorgefunden, aber wir konnten nichts tun, trotz all dem, was unsere Körper seit mehr als hundert Jahren in Aufruhr versetzte, und trotz jener Älteren, denen wir gerne gefolgt wären, die sich aber im Kreis drehten. Walter Alasia zwanzig Jahre wie ein Hund von einem Angehörigen der Polizeikräfte der Italienischen Republik in Uniform am 15. Dezember 1976 in einer Straße von Sesto San Giovanni.1972 bin ich zwölf, und wir brechen mit dem Auto zu einer Polenreise auf, Was wollt ihr denn um Himmels willen in Polen, wie kommt ihr bloß auf die Idee, hören meine Eltern von allen Seiten, als sie losfahren, mit mir auf der Rückbank, der ich vor Neugierde vergehe bei der Vorstellung, Landesgrenzen zu passieren und mit eigenen Augen zu sehen, wie es dort läuft, denn es scheint anders als bei uns zu sein, was meine Eltern allerdings bezweifeln. Zuerst Berlin, West und Ost, da, wo Benno Ohnesorg fünf Jahre zuvor, dann Stettin, Danzig, Białystok, Warschau, Krakau, Oświęcim, da, wo achtundzwanzig Jahre zuvor, Prag, Passau, München, da, wo in wenigen Stunden elf israelische Athleten und die acht Mitglieder des palästinensischen Kommandos, das sie als Geiseln genommen hat, erschossen werden wie Hunde auf der Rollbahn des Flughafens Fürstenfeldbruck, die einen von den Palästinensern, die anderen von der deutschen Polizei, sofern man sich im Kreuzfeuer einer derartigen Schlächterei überhaupt zurechtfinden kann, zurück in Paris werde ich das erzählen und wie das in einem zwölfjährigen Kopf schallt, der noch nie etwas in seinen Mund genommen hat, wonach dieser aber schon ein verzehrendes Verlangen empfindet. Nach der aufmerksamen Brutalität von Massimos Schwanz auf der sonnigen Südseite des Kontinents, wo man mehr als anderswo auf der Welt stirbt wie ein Hund, und schlimmer: in lauer Luft. Diese Leichtigkeit, mit der man von der dummen, um sich selbst nicht wissenden Kindheit in das Alter gleitet, in dem das Verlangen einen verwüstet, in die Knie zwingt, so schnell geht das. Und haben die Eltern in ihrem Kopf überhaupt das Rüstzeug, den herumtollenden Hosenmatz und den lutschenden Fratz, beide nur durch einen Lufthauch voneinander getrennt, in ihrem Leben unterzubringen? Auch davon werde ich sprechen oder davon zu sprechen versuchen, von allem, was das Schwanzlutschen an Revolutionärem, an Religiösem, Amourösem, Politischem beinhaltet. Selbst wenn es niemand mehr sieht, selbst wenn jeder sich den Anschein gibt, er hielte es für zu abstoßend, für altbacken, überholt, für Sackgassen, Irrungen, Pornographie.
Das haben unsere älteren Geschwister tatsächlich gedacht, manchmal auch das genaue Gegenteil, so viele andere Dinge noch dazu, und ich weigere mich vehement, so zu tun, als wäre nichts geschehen, als ob es zwischen 1967 und 1978 nicht mitten im Herzen eines Europas im Frieden diesen Ausbruch der Gewalt gegeben hätte, der auf den Straßen die Leichen hunderter Männer und Frauen hinterließ, wie Hunde abgeknallt. Ich weiß, das ist nicht Verdun, aber Verdun, das war im Krieg, während in diesem Fall Frieden herrschte, wie Hunde in den Straßen des Friedens, getötet nicht wie Soldaten, sondern wie bösartige Tiere, überall, in Mailand in Hamburg in Paris, sind die Schützengräben wieder zugeschüttet, die Öfen der Krematorien erkalten, alles wächst wieder nach, und doch tötet man in den befriedeten Straßen diese Kinder, denen es die Kehle zuschnürt, die Früchte dessen zu sein: Der Krieg abgestempelt und Kurs aufs Vergessen, das sich nun Wohlstand nennt.
Jedem von uns bietet sich die Welt für einen Augenblick an, und dann ist unsere Tour vorbei, man erkennt die Tragweite natürlich erst, lange nachdem es vorbei ist, und man stimmt die Klage von der verlorengegangenen Jugend an. Doch wenn wir unseren Teil dieser Gabe annehmen und wenn andere mit uns im selben Moment ebenfalls zugreifen, dann spricht man im Nachhinein von einer Generation. Einigen Pechvögeln fällt dabei die Aufgabe zu, sich zu vergegenwärtigen, nichts ergriffen zu haben, zu spät gekommen zu sein für dies und zu früh für jenes, für sie ist die Weltzeit eine Zeit des Zweifels, besser noch eine Zeit der Anonymität, in die du versinkst, wenn der Zeitpunkt vorüber ist, oder vielmehr wenn dir nicht bewusst ist, dass alles am seidenen Faden hängt, dass du, während du annimmst, das sei das Leben, die Dauer nur spielst. Mir teilte der übermächtige Zufall der Geburt jene Karten zu, mit denen das Spiel, das auf dem Tisch ausgebreitet lag, als ich die Augen öffnete, weggefegt wurde, während es mir wirklich wichtig gewesen wäre, meine jungen Kräfte dabei einzubringen. Doch es war schon spät, die Welt hatte sich gedreht, es gab nur die Flucht nach vorn. Pasolini dreiundfünfzig Jahre mein heutiges Alter wie ein Hund krepiert im Sand: Io sono una forza del passato.
Gestochen scharf mit zwölf das Bewusstsein von allem, aber nichts, um etwas damit anzufangen. 1972 weiß ich, dass es in Frankreich gerade 68 gegeben hat, die Mai-Ereignisse, die sich ausbreitende Fröhlichkeit, daran erinnere ich mich, meine Eltern die Freunde die Nachbarn waren mit von der Partie, doch ich weiß nichts von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 mit einer von einem Polizeibeamten in Zivil aus nächster Nähe abgefeuerten Kugel, ich weiß auch nichts vom 12. Dezember 1969 siebzehn Menschen jeden Alters explodieren in Mailand das Blut das Gehirn die Gedärme vermischt mit dem Wust von Papieren dem Schutt den Trümmern, vermischt mit den Schreien, ein Massaker, auf Italienisch »strage«, wir haben Frieden auch auf der Piazza Fontana, von alldem weiß ich nichts, meine Eltern wissen es sicher, das wirkt sich aus das wächst das steigert die Wut, die Analysen werden vertieft, die Freude löst sich heraus, der Wohlstand ist ein Kessel und der Friede eine Strategie, die von den Italienern als »Strategie der Spannung« bezeichnet wird, denn unter allen Europäern sind sie es, die diese Strategie am konsequentesten verfolgt haben. Dort unten ist die Luft meist wunderbar mild, der Krieg jedoch ist wie auf dem gesamten Kontinent eiskalt, und er tobt heftig.
1974 bin ich vierzehn, in einem Bus, der über den Pont de Billancourt fährt und Issy-les-Moulineaux via Île Saint-Germain mit Boulogne-Billancourt verbindet – für die Ortskundigen sei erwähnt, dass es dort ein großes Einkaufszentrum gibt, eine Straßenbahnlinie, funkelnde Bürohäuser, austauschbare Gebäude des Mittelstands und Einfamilienhäuser aus den dreißiger Jahren neu designt à la Starck Bohême, chic nur in dieser Dekade, die uns, obwohl sie nur vierzig Jahre zurückliegt, heute vorsintflutlich vorkommt, auf der einen Seite waren die Wäschereien von Grenelle und kilometerlange Straßen gesäumt von schmutzigen Backsteinmauern, auf der anderen das Renault-Imperium, das sich bis zur Spitze der Île Seguin erstreckte, dazwischen ein volkstümliches Viertel, verbraucht und ziemlich heruntergekommen, Hütten für die Hunde, in alldem irrlichtern Arbeitersilhouetten, Migranten, schwarzbraun, bleich, Hunde, die man mit dem Fuß wegjagt, Heizer des Systems, das es den Hügeln von Meudon und dem Chic des katholischen Boulogne auf der Waldseite desselben Namens ermöglichte, in schöner Eintracht zu prosperieren –, in einem Bus, der über den Pont de Billancourt fährt, 1974, eines Nachmittags um vier Uhr also bin ich vierzehn Jahre alt, ein etwa dreißigjähriger Arbeiter, muskulös und müde, zwingt meinen Blick dem seinen zu folgen, hin zu seinem Schritt und zur eindeutigen Wölbung seines einsamen und – wegen mir – aufgereckten Geschlechtsteils, mit der in den Augen verborgenen scheuen Hoffnung, ich würde ihn aus diesem Sekundärzustand, in den ich ihn versetzt hatte, wieder erlösen. Ich steige an derselben Haltestelle aus wie er, folge ihm, er lockt mich zu einem Pissoir in irgendeinem Untergeschoss, doch ich habe noch nicht die notwendige moralische Kraft, die paar Stufen hinter ihm hinunterzusteigen, mich in einem dunklen Winkel vor ihm hinzuknien und ihm einen zu blasen, was seinen Feierabend erleichtern würde, sie leben wie die Hunde, und ich kann nichts tun, weder die Fabriken einschlagen noch die Bosse abknallen, und anstatt seine Nutte zu werden, entflamme ich, ohne mir dessen überhaupt bewusst zu sein, diesen schönen Mann, am Ende seiner Kräfte, das Gehirn betäubt von der Arbeitsnorm, die Muskeln von unnatürlichen Bewegungen verspannt, der Schwanz aufgerichtet vom Elend, Hunde ohne Frauen, ohne Liebe und ohne Ruhm, ich lass’ ihn so stehen, ohne die Treppe runterzugehen, mit vierzehn sehe ich weiß ich spüre ich, aber ich kann noch nichts tun, es ist noch nicht so weit, doch lange wird es nicht mehr dauern, es ist fast so weit. Sexuelles Bewusstsein und politisches Bewusstsein sind ein und dasselbe, Schwulsein deklassiert dich in null Komma nichts.
Berlin 1972 auf der Durchreise nach Polen, wir bleiben, glaube ich, zwei oder drei Tage, lange genug, um einen Ausflug in den Osten zu machen, wir wohnen in Wilmersdorf, einem phantasielos wiederaufgebauten Westviertel, im Hotel Savigny. Ich erinnere mich noch genau an die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, wahrscheinlich weil sie sehr berühmt ist – Berliner Wahrzeichen, halb neoromanischer Stil des 19. Jahrhunderts, halb SechzigerJahre-Modernismus –, und die Narbe einer Ruine in der Stadt faszinierte mich, eine Kriegsruine in einem Land in Frieden. Und nur zwei U-Bahn-Stationen weiter, am Fuß der Deutschen Oper am 2. Juni 1967 fünf Jahre zuvor Benno Ohnesorg wie ein Hund in einem Hof der Krummen Straße. An jenem Tag empfing die Bundesrepublik Deutschland mit großem Pomp den Schah von Persien, Mohammed Reza Pahlavi, achtundvierzig Jahre alt, seit 1941 in Teheran an der Macht, den Europas radikale Linke als Knecht der Amerikaner verabscheute, ich höre noch die Eltern die Freunde die Nachbarn die Verbrechen seiner Geheimpolizei und seine Erdölunterwürfigkeit anklagen, von siebenunddreißig Jahren Regierungszeit bleiben ihm noch zwölf und dreizehn von sechzig Lebensjahren, und die deutsche Jugend, inmitten oder auf den Ruinen des zweiundzwanzig Jahre zuvor beendeten Weltkriegs geboren, gedachte, was diesen pompösen Empfang anbelangte – nicht auf die Schnelle zwischen zwei Versammlungen in Bonn, sondern in Berlin mit Truppenparade und allem Tamtam –, Rechenschaft von ihren Repräsentanten zu verlangen, denn, wie es Ulrike Meinhof prägnant formuliert, ruhig und bestimmt, dreiunddreißig Jahre alt an jenem Tag, die neun Jahre später in ihrer Isolationszelle im Gefängnis Stuttgart-Stammheim erhängt aufgefunden wird: »Da kam heraus, dass man einen Polizeistaatschef nicht empfangen kann, ohne selbst mit dem Polizeistaat zu sympathisieren.« Wir sind Hunde und wir haben Zähne, wir werden euch nicht einen Augenblick in Frieden lassen, denn der Frieden, mit dem ihr ganz Europa zukleistert, ist ein morbider Leim, an dem unsere Erinnerungen klebenbleiben und unsere Körper mit ihnen.
In dieser Geschichte ist von Anfang an alles verloren, ist dies einem Teil in uns selbst bewusst oder glauben wir, was sich da vor uns aufbaut, besiegen zu können? Die Hunde enden tollwütig, inhaftiert, in den Straßen abgeknallt, doch immerhin haben wir euch am Fußknöchel gepackt, euch über zehn Jahre Verfolgung und Treibjagd erzittern lassen, und schließlich wird all das im Wohlstand enden. In der Krummen Straße fängt es an, es ist zwanzig Uhr dreißig und ihr eröffnet den Ball, mit einer aus nur eineinhalb Metern abgefeuerten Kugel in das Fleisch Benno Ohnesorgs, pazifistischer Student aus Hannover, verheiratet, bald ein Kind, das er nie sehen wird, abgefeuert von einem Polizeibeamten der Bundesrepublik Deutschland, im aufschäumenden, angespannten Tumult einer Demonstration von Tausenden von Studenten, die ausartet in Provokationen, Gegen-Provokationen, diverse Interventionen, Schlagstöcke berittene Polizei Pfiffe Rauchschwaden, bewaffnete Knechte in Zivil und in Uniform, ihr habt allergrößtes Interesse daran, dass Chaos herrscht und der Schah in Ruhe Mozarts Zauberflöte lauschen kann, die hundert Meter von hier entfernt aufgeführt wird, in einem Augenblick wird sich der Gesang der drei »holden, schönen und weisen« Knaben aus dem ersten Akt erheben, seid still, hört zu, im ruhigen Atem der Kindheit öffnet sich ein schmaler Pfad, dem es zu folgen gilt, wenn man sich wie ein Mann verhalten will: Zum Ziele führt dich diese Bahn / doch mußt du Jüngling! männlich siegen.
Und ich fünf Jahre später in den Straßen Berlins, ein Kind noch im Schlepptau seiner Eltern, der Rauch und die Schreie Mörder Mörder sind verflogen, aber es gibt überhaupt nichts mehr zu spaßen, aus allen Ecken des Friedens und des Wohlstands wird geschossen, Thomas Weisbecker dreiundzwanzig Jahre abgeknallt, als er mit der Hand in seine Tasche griff, in der angeblich eine Knarre steckte, Notwehr, wie ein Hund auf der Straße beim Verlassen eines Augsburger Hotels drei Monate zuvor am 2. März 1972, der Kurfürstendamm war wunderbar in der lauen Luft des Sommers 1972, elf Jahre nach der Teilung der Stadt, siebzehn vor ihrer Wiedervereinigung, war es diese Absurdität, die meine Eltern mit eigenen Augen sehen wollten? Oder aber versuchen zu verstehen, warum es allerorten schepperte, warum es bei uns am 26. Februar an den Werktoren von Billancourt um ein Haar ein böses Ende genommen hätte, warum es fast überall in Deutschland so brenzlig roch und warum man in Italien nach der Piazza Fontana schon einige Karten ausgespielt hatte, wie zum Beispiel die Entführung eines Siemens-Managers gefolgt von einer rasanten Kidnapping-Prozess-Freilassungsaktion von zwanzig Minuten am 3. März (der Tag nach der Ermordung Thomas Weisbeckers vierhundertsiebzig Kilometer weiter nördlich), eine der ersten spektakulären Aktionen der Brigate Rosse. Wahrscheinlich weder das eine noch das andere; denn wenn die Chronologien, die ich hier in der relativen Bequemlichkeit des à posteriori spinne, auch unzählige Wahrheiten enthalten, die zugleich Fiktionen sind, so erkennt man im Augenblick des Geschehens davon nichts, besonders wenn man selbst Anteil daran hat. Meine Eltern waren keine Aktivisten, nicht einmal militant, denn die Glanzzeit dieser Bewegungen war nicht ganz die ihre, sie hatten dieses Quäntchen Zuviel an Jahren, das es ihnen erlaubte, etwas Distanz einzunehmen. Diejenigen, die ich als meine älteren Gleichgesinnten betrachte und die diese Jahre aktiv bestritten, hätten ihre Kinder sein können, meine großen Brüder. Sie brachten ihnen Sympathie entgegen, Unterstützung, manchmal sogar materieller Art, und ihr unerschütterliches intellektuelles Einverständnis. Mit dieser Welt vor Augen lernte ich sehen, es war noch nicht die meine, aber das hat mich geschult.
Ein Teil von mir, meines Blickes, um genauer zu sein, aber das eine geht ja nicht ohne das andere, bleibt im Bann dieser Landschaft und auch, denn jene beiden Entdeckungen haben sich tief in meinem Körper verbunden, im Bann des aufgerichteten Geschlechts, das ich 1974 unter dem Hosenstoff des Migranten von Billancourt erahnte. Unberührt geblieben trotz seiner Einladung. Nicht verboten, unberührt. Hier ist ein Knotenpunkt, eine primitive Szene, eine Grundstruktur, sagen wir die pornographische Struktur meines Lebens. Nicht erotisch, pornographisch. Das im Wort »Erotik« mitschwingende fetischisierende Chichi kann ich nicht ausstehen. Hier handelt es sich um den Blick, um Sex und Schrift, um Schreibweise. Das hat überhaupt nichts Zwanghaftes, wäre dies der Fall, würde ich überall die Wiederholung des ersten Bildes suchen, ohne sie je zu finden. Aber ich suche nicht, es ist das Bild selbst, das mich hin und wieder aufsucht. Und mich zutiefst aufwühlt. Denn natürlich sind diese Körper gerade dadurch, dass sie unberührt blieben, für immer begehrenswert. Klingen also gerade, weil ich sie nicht vollbracht habe, die Taten meiner älteren Brüder nach Jahrzehnten noch immer in mir nach? Uns am Eingang der Sackgasse, in der sie feststeckten, einzufinden, als wir an der Reihe waren, das haben wir doch nie ernsthaft in Erwägung gezogen, selbst wenn wir mehr als einmal mit dieser Idee liebäugelten, und in der kurzen vom Sieg der Rechten bei den Parlamentswahlen 1978 und jenem von Mitterrand bei der Präsidentschaftswahl 1981 eingegrenzten Zwischenzeit haben wir vor allem versucht, dem uns mehr und mehr befallenden Gefühl des Erstickens zu entkommen, und deshalb vor allem Lust empfunden Lust bereitet, oft und in vielerlei Hinsicht taumelnd. Dann erwies sich das, was wir für ein Aufatmen hielten, als Anfang eines harten Winters, während dem wir in den Schlafzimmern, den Gassen und Hafenvierteln, die wir unbekümmert aufsuchten, weil wir zwanzig waren und, so dachten wir, die Welt uns gehörte, wie Hunde niedergestreckt wurden. Und als fünfzehn Jahre später die Überlebenden, völlig erschlagen, die Stirn wieder erhoben, als die Epidemie unter Kontrolle gebracht war, sahen sie, dass sich nicht nur ihre Jugend und ihr Zugriff auf die Dinge in Luft aufgelöst hatten, sondern ebenso, mit Mann und Maus, ihre älteren Brüder und ihre Taten, ihre Freuden und Lüste, bis hin zu diesen Wünschen, die sie getragen hatten. In welchem Abgrund hatte all das untergehen können?
Wie seid ihr bloß auf die Idee gekommen, Urlaub in Polen zu machen, das liegt im Norden, ist kommunistisch, und noch dazu mit dem Auto … All das klang in dem in unserer Umgebung, Familie und Schulfreunde, bekundeten Unverständnis unterschwellig mit, in Polen, wo man im Allgemeinen von der Costa del Sol, der italienischen Riviera mit sea sex and sun träumte. Eine Art Versuch der Wiedervereinigung eines durch den Krieg gespaltenen Kontinents, gewiss lächerlich, aber Polen, das sind doch wir, das ist nicht der Andere, der Gelbe der Schwarze der Araber, der für unseren Exotismus und zur Ausbeutung taugt. Mir wird erst später, als der Ostblock zerfällt, bewusst werden, dass diese ruinierten Länder zu uns gehörten, dass wir sie in Jalta ihrem Schicksal überlassen hatten und seitdem jede sich bietende Gelegenheit ergriffen, uns davon die Hände reinzuwaschen, Ostdeutschland 53, Budapest 56, Berlin 61, Prag 68, Jaruzelski 81, in einer absolut unglaublichen Spirale des Zynismus. Das Haus geteilt, der innere Feind, die Angst, von neuem in einen Kriegsreigen zu geraten, und wir wie Blumen auf diesen Ruinen geboren 45, 50, 55 oder 60, fünfzehn mal dreihundertfünfundsechzig Tage und wer weiß wie viele Geburten, der Babyboom des Wohlstands, auf der richtigen Seite des Eisernen Vorhangs, ihr wollt, dass wir uns damit zufriedengeben? Fickt euch alle!
Benno Ohnesorg in Berlin am 2. Juni 1967
