Und dein Lohn ist der Tod - Erasmus Herold - E-Book

Und dein Lohn ist der Tod E-Book

Erasmus Herold

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Beschreibung

Gütersloh im Winter 2013, Dienstagnacht. Überstürzt verlässt Victoria Lirot das Haus, lediglich bekleidet in Schlafanzug und Mantel. Es ist kühl, doch die junge Frau wählt den Motorroller und lässt das Auto stehen. Eine Stunde später ist sie tot, brutal ermordet. Wovor ist Frau Lirot geflüchtet oder was hatte sie vor? Am darauffolgenden Tag verunglückt ein Auto zwischen Gütersloh und Wiedenbrück. Die Kreispolizeibehörde ermittelt und Kommissarin Sarah Berger und ihr neuer Partner Ahmet Yilmaz übernehmen den Fall. Die Untersuchung des Unfallorts liefert den beiden Polizisten verblüffende Ergebnisse. Schnell wird klar, zwischen der Toten der vergangenen Nacht und diesem Unfall besteht ein Zusammenhang. Die Spuren führen zu einem jungen Start-up-Unternehmen, der Teuto Solarlicht. Undurchsichtig erscheint das Treiben ihrer Gesellschafter, folgenreich das, was sie tun. Als sich einer der Verdächtigen ins benachbarte Stromberg absetzt, konzentrieren die Ermittler ihre Suche auf das Burgdorf. Eine unberechenbare Jagd beginnt.

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Über den Autor:

Erasmus Herold wurde 1969 in Bonn-Beuel geboren. Aufgewachsen in Paderborn, wohnt er heute in Stromberg (bei Oelde), ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern. Nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann arbeitete er erst in Paderborn, später in Gütersloh.

Seit 2009 schreibt Erasmus Herold Romane. Laut eigener Aussage entspricht die Idee zum thematischen Aufbau seiner Krimis oft persönlichen Interessen, seien es die komplexen Verstrickungen innerhalb seiner Bücher, die lebensnahe Beschreibung seiner Protagonisten oder die Einbindung der Geschichte seiner Heimat Westfalens.

Erasmus Herold ist Mitglied in der Autorenvereinigung Das Syndikat. 2011 wurde Erasmus Herolds Debütroman „Krontenianer - Rendezvous am Bogen“ für den Deutschen Science-Fiction-Preis nominiert und erreichte Platz 5. 2015 wurde sein Krimi "Und ich richte ohne Reue" für den Buchpreis nominiert und erreichte Platz 3.

Veröffentlichungen:

2010: Krontenianer – Rendezvous am Bogen

2012: Und ich vergebe dir nicht

2013: Und dein Lohn ist der Tod

2014: Und ich richte ohne Reue

2015: Die Frau am Kreuz

Zusätzliche Informationen und Leseproben unter: www.ErasmusHerold.de

Für euch drei.

Inhaltsverzeichnis

Besuch / 05. März 2013 / 22:06

Auge in Auge / 05. März 2013 / 22:14

Alles Gute / 05. März 2013 / 22:29

Neuer Einsatz / 06. März 2013 / 07:37

Anders als geplant / 06. März 2013 / 08:25

Das Opfer / 06. März 2013 / 10:13

Eine Spur / 06. März 2013 / 10:32

Ganz unten / 06. März 2013 / 10:33

Folgenreicher Morgen / 06. März 2013 / 10:36

Weggefährten / 06. März 2013 / 12:10

Reue / 06. März 2013 / 12:43

Anhaltspunkte / 06. März 2013 / 13:10

Einsam / 06. März 2013 / 13:37

Schlechte Nachrichten / 06. März 2013 / 13:58

Verbindung abgebrochen / 06. März 2013 / 14:05

Curly / 06. März 2013 / 14:07

Fatales Ende / 06. März 2013 / 14:19

Versammlung / 06. März 2013 / 16:00

Spurensicherung / 06. März 2013 / 16:48

Geplauder im Regen / 06. März 2013 / 17:12

Funkstille / 06. März 2013 / 18:23

Zu zweit / 06. März 2013 / 19:16

Kurzer Anruf / 07. März 2013 / 06:55

Euphorisch / 07. März 2013 / 07:17

Schönborn / 07. März 2013 / 08:47

Schrei nach Liebe / 07. März 2013 / 09:13

Unerwarteter Besuch / 07. März 2013 / 09:57

Entführung und Freiheitsberaubung /

Schnitzeljagd / 07. März 2013 / 10:12

Curlys erster Einsatz / 07. März 2013 / 10:14

Ende einer Ehe / 07. März 2013 / 10:32

Blut / 07. März 2013 / 10:59

Stefans Erklärung / 07. März 2013 / 11:10

Rendezvous / 07. März 2013 / 12:00

In Bewegung bleiben / 07. März 2013 / 12:11

Toxine / 07. März 2013 / 12:15

Gejagt / 07. März 2013 / 12:23

Entwischt / 07. März 2013 / 13:01

Zum dritten Mal / 07. März 2013 / 13:34

Gemeinsame Ideen / 07. März 2013 / 16:00

Einswerden / 07. März 2013 / 17:21

Weitere Spuren / 07. März 2013 / 17:33

Abendstund’ hat ... / 07. März 2013 / 19:09

Unterwegs im Dunkeln / 07. März 2013 / 19:12

Teuto-Solarlicht / 07. März 2013 / 19:47

Doppelbild / 07. März 2013 / 19:48

Verbindung / 07. März 2013 / 19:51

Locked Room / 07. März 2013 / 19:53

Kleines Licht / 07. März 2013 / 20:01

Kein Ende in Sicht / 07. März 2013 / 20:43

Burgdorf in Flammen / 07. März 2013 / 21:11

Wer überlebt so etwas? / 07. März 2013 / 21:26

Im Wald / 07. März 2013 / 21:39

In Sicherheit / 08. März 2013 / 11:30

Das Verhör / 08. März 2013 / 14:01

Beständigkeit / 09. April 2013 / 17:10

1. Besuch / 05. März 2013 / 22:06

Ein kleines Geräusch hatte ausgereicht, um Victoria aufzuschrecken. Kurz nach zehn. Es war bereits dunkel und sie beinah eingeschlafen. Doch das Schlagen einer Tür oder Luke genügte, um hellhörig zu werden und sofort aufrecht im Bett zu sitzen. Obwohl Victoria sich in dieser Wohnung seit Langem heimisch fühlte, war es nicht das eigene Zuhause und sie reagierte sensibel auf die Laute, die um sie herum erklangen. Ihr Freund, Niclas Klohse, war ausgegangen. Männerabend mit Freunden. Sie dagegen hatte entschieden, zu warten, wollte sich später in der Nacht an ihn kuscheln und den nächsten Tag mit ihm verbringen.

Genau genommen übernachtete die Sechsundzwanzigjährige nie mehr als drei Tage pro Woche in den eigenen zwei Zimmern an der Körnerstraße, Küche und Bad inklusive.

„Gib deine Wohnung auf“, hatte Niclas schon mehrfach zu ihr gesagt, doch irgendwie fand Victoria bisher nicht den Absprung, glaubte so, ihre Selbstständigkeit aufgeben zu müssen.

Abermals ein ungewöhnliches Knarzen. Vor dem Haus, am Carport. Irgendwer oder irgendwas gehörte dort nicht hin, da war Victoria sich absolut sicher. Ein kurzes Zögern, dann verließ sie das Bett. Verängstigt und zugleich neugierig huschte sie zum Fenster, raffte mit einer Hand diskret den Vorhang beiseite und spähte auf den Weg zum Haus. Rechts parkte Niclas’ Audi, er selbst hatte das Fahrrad genommen. Um besser sehen zu können, wechselte die junge Frau den Standort. Als ob aus diesem Grund aufgehangen, eignete sich der sandfarbene Store hervorragend als Sichtschutz. Der unvermutete Anblick der offen stehenden Motorhaube ließ Victoria zusammenfahren, der Schein einer Taschenlampe ließ sie erstarren. Ein gelb schimmerndes Licht erhellte den Carport, leider zu schwach und zu kurz, um den Träger der Lampe im Lichtkegel zu zeigen. Victorias Herz raste, Adrenalin aktivierte ihren Körper in Vorbereitung auf den zu erwartenden Stress.

Hastig und ohne ihren Blick abzuwenden, fingerte sie über das Sideboard neben dem Bett. Irgendwo hatte ihr Handy gelegen, da war sie sich sicher. Sollte sich doch die Polizei des nächtlichen Besuchers annehmen. Ihre Suche verlief erfolglos.

Vor drei Monaten hatte Niclas das Festnetztelefon gekündigt.

„Wer braucht so etwas im Zeitalter von Handyflatrates?“, hatte er gefragt.

Ich!, dachte Victoria in diesem Moment.

Sie erwischte sich in Gedanken mit der Frage beschäftigt, wie es nun weitergehen würde? Alarm schlagen und so versuchen den Angreifer zu vertreiben? Oder Hilfe organisieren, hinten raus, über die Terrasse? Vielleicht würde ein Nachbar auf ihr Klingeln hin öffnen und in ihrem Namen die Polizei alarmieren? Zu so später Stunde? Für Erfolg versprechend hielt Victoria diesen Gedanken nicht.

Also selbst zur Tat schreiten oder verharren und kapitulieren, wog sie ab.

Auf Zehenspitzen eilte sie vom Schlafzimmer hinüber zum Flur. Der Wechsel in den benachbarten Raum wurde belohnt mit der durch das Fenster gefundenen Aussicht auf einen Mütze tragenden Eindringling in dunkelblauen Jeans und brauner Lodenjacke. Leider fehlten markantere Merkmale. Nervös wischte Victoria ihre rötlichen Fransen beiseite, die nach vorne ins Gesicht gefallen waren, und rieb sich die Augen. Ein leiser Schlag, schon hatte der Unruhestifter die Motorhaube nach unten gedrückt und verschlossen.

Der nächtliche Besucher hat Niclas’ Audi sabotiert!, für Victoria die einzig logische Erklärung.

Und genau diese Erkenntnis bereitete ihr Angst, sogar große Angst, denn es zeigte, wie einfach jemand Außenstehendes Victorias und Niclas’ gemeinsames Glück gefährden konnte. Sie erschauderte. Wenigstens zwei weitere Stunden würden vergehen, bevor ihr Freund nach Hause käme.

Eine lange Zeit voller Ungewissheit.

Ohne Umschweife griff Victoria zum ersten Mantel auf dem Garderobenhaken, suchte ein Paar Schuhe, da verließ die fremde Person bereits das Grundstück. Erstaunt über das abgebrühte Verhalten, sich bei der Sabotage weder umzuschauen noch die Hauptstraße im Auge zu behalten, öffnete Victoria vorsichtig die Haustür. Sie blieb in der absoluten Dunkelheit, Schritt für Schritt folgte sie der Deckung der Lebensbäumchen. Ein unbekannter Lieferwagen parkte quer vor der Einfahrt, ein Transporter, vielleicht von Ford oder VW. Mit Autos kannte Victoria sich nicht besonders aus, aber das Logo auf der Beifahrerseite war ihr nicht unbekannt: Reinigungsdienste Kroschewski prangte dort in blaugrünen Buchstaben, darunter einige funkelnde, gelbe Sternchen inklusive Handynummer. Kalter Wind zerzauste Victorias rötliches Haar. Sie knöpfte den Mantel bis oben zu, und auch wenn sie den Winter mochte, in Schlafanzughose und mit den nackten Füßen in Turnschuhen war es kühl. Die Wetterstation hatte zwölf Grad gezeigt, frei von Regen. Für diese Nacht eine gute Prognose. Unterdessen kehrte ihr Herzschlag zu einem gemäßigten Rhythmus zurück, doch die Anspannung blieb. Und genau das spürte sie, als die Tür des Lieferwagens zugeschlagen wurde und ihr Herz von Neuem zu rasen begann. Der Motor wurde gestartet, die Scheinwerfer sprangen an.

Dies war der Moment, ein letztes Mal abzuwägen.

Verdammt, wohin habe ich nur das Handy gelegt?

Sie überdachte ihre Situation und wusste sogleich, wie sich viele andere Frauen in ihrer Situation verhalten hätten. Aber genau so wollte sie selbst nicht sein. Dann war es so weit, der Transporter fuhr an. Ohne zu zögern, tastete Victoria nach unten unter die Sitzbank ihres Piaggio-Motorrollers und erhaschte den Schlüssel. Zündung, Motorstart. Für den Griff in das Staufach unter dem Sitz blieb keine Zeit, würde es halt eine Verfolgung ohne Helm werden. Surrend und mit ausgeschaltetem Licht verließ sie das Grundstück, bog nach rechts ab und folgte den roten Rücklichtern.

Nummernschild: GT RK 383. Typisch!, dachte Victoria. RK für Reinigungsdienste Kroschewski.

Ohne zu bremsen, steuerte der Lieferwagen über die kommenden Kreuzungen und Victoria tat es ihm gleich. Die Verfolgung aufrecht zu halten, gestaltete sich einfach. Hielt der Fahrer doch konsequent die erlaubte innerstädtische Geschwindigkeit und das, obwohl die Stadt wie ausgestorben war. Eine Passantin mit Hund, zwei entgegenkommende Autos, ein Junge auf einem Fahrrad. Gütersloh schlief. Endlich begann der Motor des Piaggio-Rollers, Hitze vom Antrieb abzustrahlen und die Beine der jungen Frau wärmten auf. Hin und wieder vergrößerte Victoria ihren Abstand und verließ den Sichtbereich der Außenspiegel des Lieferwagens. Auch ohne eigenes Scheinwerferlicht reichte die Straßenbeleuchtung aus, um entdeckt zu werden und einem besonnenen Fahrer aufzufallen. Nun aber holte sie auf, denn sie wusste, bis zu Kroschewskis Firmensitz verblieben wenige hundert Meter.

Halb elf Uhr, und inzwischen kannte Victoria das Nummernschild, besaß den Namen des Geschäftsinhabers und war im Bilde über Statur und Größe des Eindringlings, der an Niclas’ Audi hantiert hatte.

Kein schlechtes Ergebnis für ein paar Hobbyrecherchen, dachte sie. Noch ein paar Informationen zum Täter, vielleicht die Haarfarbe oder andere markante Merkmale des Gesichts, dann kann die Polizei übernehmen, ermitteln und den Audi auf Verdachtsmomente überprüfen.

In ihren Gedanken verloren setzte die Rollerfahrerin den Blinker zum Abbiegen. Orange pulsierendes Licht erhellte den dunklen Asphalt. Victoria fuhr erschrocken zusammen. Innerlich ohrfeigte sie sich für ihre Unüberlegtheit und riss den Richtungshebel auf Nullstellung. Vorsichtig bremste sie ab. Warum hatte sie nicht gleich die Hupe gedrückt, um auf sich aufmerksam zu machen? Was für ein Kardinalfehler!

Unabhängig von der Frage, ob Victoria bemerkt worden war oder nicht, setzte der Transportwagen seinen eigenen Blinker, die Bremslichter flackerten rot und er bog nach links auf den kleinen Vorhof der Firma Kroschewski Reinigungsdienste. Victoria wechselte die Straßenseite, an einer abgesenkten Einfahrt befuhr sie den Bürgersteig und ließ den Roller auslaufen. Noch bevor sie einen ersten Blick auf den Firmenparkplatz werfen konnte, parkte sie den türkisfarbenen Scooter und stieg ab.

An dieser Stelle ihrer Verfolgung kam sich Victoria das erste Mal albern vor. Wie sie geschätzte zwei Kilometer von Niclas’ Wohnung entfernt an der Wand eines fremden Hauses lehnte, in ihrer notdürftigen Bekleidung aus naturfarbenem Wintermantel, gestreifter Pyjamahose und Turnschuhen. Die Haare zerzaust und die Wangen wahrscheinlich gleißend rot vom kühlen Fahrtwind.

Nun ist es an der Zeit, meine Recherche abzuschließen.

Wie Drillinge reihten sich die Kastenwagen von Kroschewskis kleiner Fahrzeugflotte hintereinander, glichen einander in ihrer schlichten Standardausstattung und mit dem blau-grünen Schriftzug samt Sternen bis aufs Nummernschild. Einen Augenblick verharrte die Verfolgerin an der Ecke zum Grundstück und versuchte, den Fahrer ausfindig zu machen. Doch da war nichts außer Stille. Also begann Victoria ihre Spurenaufnahme. Das letzte Fahrzeug schied aus. GT RK 388, falsche Zulassung. Die beiden anderen Wagen waren quer zum Gebäude geparkt worden. Ohne den Standort zu verlassen, war keine Unterscheidung möglich. Über die Hauptstraße näherte sich ein Pkw. Um in ihrer fragwürdigen Kleidung nicht aufzufallen, zwängte Victoria sich zwischen dem ersten Transporter und der Hauswand hindurch. Das Geräusch einer knarrenden Wagentür ließ sie aufhorchen.

Die rothaarige Frau holte tief Luft und hinterfragte ein weiteres Mal, was sie hier tat. Ihre ursprüngliche Angst war verflogen, inzwischen war es vielmehr Neugier gepaart mit kribbelnder Anspannung, die sie vorantrieb. Das zweite Fahrzeug war seit Stunden nicht bewegt worden, die Hand auf der Motorhaube lieferte den Beweis. Fehlender Platz zwischen Kühler und Hauswand zwang Victoria nach rechts. Ein verstohlener Rundumblick, da erklang ein weiteres Geräusch.

Was habe ich schon zu befürchten?, überlegte Victoria. Wenn ich bemerkt werde, erzähle ich von der Suche nach meinem davongelaufenen Hund. Niemand blickt den Zusammenhang zu Niclas’ Wohnung.

Erwartungsvoll trat sie aus ihrer Deckung heraus. Die Heckklappe des letzten Lieferwagens stand offen. Neugierig trat die junge Frau näher und entdeckte im Innern ein komplettes Sortiment an Reinigungsmaterialien, daneben eine Klappleiter, Besen, Haken und eine Wanne voller Tücher. Besonderes Interesse erweckte der Werkzeugkasten, der vollständig auseinandergeklappt worden war und so gar nicht in das Bild der ansonsten so aufgeräumten Ablagefläche passen wollte. Schritte hinter ihr ließen Victorias Puls nach oben schnellen. Ihre Beine zitterten, der Hals schnürte sich zusammen.

Es war anders gelaufen als geplant. Der Täter hatte sie überrascht. Sie drehte sich um. Die Zeit, die ihr blieb, reichte kaum aus, um die Person zu identifizieren. Der Hammer, der von oben auf sie zuschoss, zerschmetterte ihr Stirnbein und drang beim ersten Schlag bis ins Gehirn ein. Blut spritzte strahlartig nach oben. Doch davon bekam Victoria nichts mehr mit.

2. Auge in Auge / 05. März 2013 / 22:14

... geschätzte vierzehntausendzweihundert Zuschauer sahen am heutigen Abend das Zweitligistspiel Paderborn gegen den 1. FC Kaiserslautern. Ein anfänglich ruhiges Spiel, doch bereits auf die ersten Tore folgten Verwarnungen. Nach insgesamt sieben gelben Karten, und wer wollte sich darüber wundern, kippte die Stimmung im Stadion. Viele Zuschauer kritisierten die Objektivität des Unparteiischen. Derzeit bemüht sich die Polizei ...

Ahmet Yilmaz deaktivierte den kleinen Radioempfänger, den er bei sich trug und verfluchte den fünften März, diesen Abend. Warum nur hatte Ackermann ihn nach Paderborn ausgeliehen, und seit wann war es Ahmets Job, eine wilde Meute Fußballfans zu kontrollieren?

Verdammt!, dachte er, doch diese Frage war die reinste Makulatur, und er wusste das. So war es halt, wenn ein Polizeihauptkommissar aus Gütersloh einem anderen aus Paderborn einen Gefallen schuldete, einen, den Ahmet Yilmaz nun ausbaden durfte.

Seit einer Dreiviertelstunde zogen die Fans oder besser gesagt Randalierer durch die Straßen der Universitätsstadt und feierten und pöbelten – ihren Sieg und vor Frust. Nicht weniger frustriert, aber gänzlich uninteressiert an Fußball, hockte Ahmet auf einem Mauervorsprung an der Hathumarstraße. Den Anschluss an seine Paderborner Kollegen hatte er bereits vor einer Stunde verloren. Den Gütersloher zumindest schien dieser Umstand nicht weiter zu stören. Sollten doch die anderen in erster Reihe kämpfen, er observierte stattdessen diese ein oder zwei Straßen in der Nähe der Paderquellen. Morgen würde er einen Bericht schreiben, und sollte jemand fragen, so war er halt von seiner Gruppe getrennt worden. Schließlich kannte er sich in Paderborn nicht besser aus als die zugereisten Fans. Missgelaunt zerrte er ein Päckchen Kaugummis aus der Jackentasche hervor, nahm das letzte und warf das Papier gleichgültig zu Boden. Vier weitere Stunden Dienst, so kalkulierte Ahmet, und so oft er auch auf seine Armbanduhr starrte, die Zeit verrann in gleichbleibend eintönigen Sekunden. Um der Kälte entgegenzuwirken, sprang er auf und lief einige Schritte umher. Es wurde Zeit auszutreten, irgendwo würde er sich erleichtern müssen. Da Ahmet nicht gerade zur Gruppe der Männer gehörte, die sich überall einfach so an eine Ecke oder Mauer stellen konnten, schaute er nach einem passenden Unterschlupf. Ein paar Meter die Straße Auf den Dielen entlang, entdeckte er viel freien Raum, geschützt von Hecken und Bäumen.

Zufriedenheit!

Von einem unerwartet hell-rot gleißenden Licht irritiert sowie einem handfesten Streit irgendwo hinter ihm, besser gesagt, hinter den Bäumen, aufgeschreckt, schloss Ahmet die Hose und kontrollierte die Umgebung.

Bengalisches Feuer, war sein erster Gedanke.

Ohne zu zögern, überwand der Einzelgänger die blickdichte Hecke, gewappnet, dem Grund des Tumultes auf den Zahn zu fühlen. Genauso hastig, wie er gestartet war, bremste er ab. Sie waren zu dritt, die zwei schrankgroßen Rocker, die ihm den Weg versperrten und ein Fußballfan des 1. FC, den sie zwischen sich drängten. Während der Dickbäuchige dem offensichtlich zufällig ausgewählten Opfer das bengalische Feuer vor den Augen schwenkte, zerrte der andere ein Messer hervor.

„Was is’n los? Scheiß Türke!“, schrie der erste.

„Soll ich aus dir Döner schnitzen?“, setzte der zweite nach.

Ihr Opfer, ein mittelgroßer hagerer Mann, Typ Familienvater, wirkte vollends eingeschüchtert. Seine Augen tränten vom hellen Licht, doch er traute sich nicht, ein einziges Wort zu sagen.

„Ihr habt euch den Falschen ausgesucht!“, fauchte Ahmet zurück. „Seid ihr mutig genug, euch mit einem Bullen anzulegen?“

Im gleichen Augenblick zog er den Dienstausweis und hielt ihn der kleinen Gruppe entgegen.

„Eine türkische Bullensau! Wirst du uns jetzt verhaften?“ Die Stimme des zweiten Rockers klang selbstbewusst und siegessicher.

„Versuchen wir einen zweiten und letzten Anlauf!“, konterte Ahmet gereizt. „Ihr lasst den Kerl in eurer Mitte laufen, sofort und ohne ihm nachzusetzen.“ Ahmet räusperte sich. „Und mach’ diese Scheißfackel aus! Anschließend verschwindet ihr in das Loch, aus dem ihr gekrochen kamt.“

„Du wirst uns nichts tun? Darfst du uns denn einfach laufen lassen?“ Mit diesen Worten riss der erste das bengalische Feuer nach oben und rammte es dem Kaiserslauterer auf den Oberkörper. Binnen Sekunden stand das Polyester der Windjacke in Flammen. Das Opfer schrie aus Leibeskräften, rüttelte sich frei und warf sich zu Boden. Ohne Unterlass, sich von einer auf die andere Seite werfend, versuchte der Mann den Brand seiner Kleidung zu löschen. Die Absicht, die Flammen mit den Händen zu ersticken, bereute er mehr, als den beiden Hooligans in die Arme gefallen zu sein. Sofort klebte das geschmolzene Plastik an seiner Haut fest und ließ ihn schmerzverzerrt zusammenbrechen. Fassungslos hatte Ahmet den Übergriff auf einen Wehrlosen beobachtet. Hier hatte jeder Spielraum gefehlt, um eingreifen zu können.

Überrascht von der echten Brutalität seines Kollegen, warf der zweite Rocker sein Messer auf den Gehsteig und ergriff Hals über Kopf die Flucht. Ohne über die nächsten Schritte nachzudenken, riss Ahmet seine Lederjacke vom Körper und stürmte auf das glimmende Opfer zu.

Wenn ich jetzt nicht handele ..., diesen Gedanken dachte er nicht zu Ende, da versetzte ihm der Feuerteufel einen herben Tritt und nutzte den Sturz des Polizisten, um seine eigene Flucht vorzubereiten. Ahmet raffte sich auf, erstickte das Feuer des am Boden Liegenden mit der Jacke und kontrollierte den Erfolg seines Einsatzes. Doch der Mann war übel zugerichtet. Diese Brandverletzungen würden ihn sein weiteres Leben lang begleiten. Der Griff zum Handy, der Krankenwagen war alarmiert. Ein beruhigendes Wort, dann richtete Ahmet sich auf und inspizierte das Umfeld.

In fünfzig Metern Entfernung glimmte der bescheidene Rest der Fackel. Die Fluchtrichtung des Täters war markiert und der Polizist bereit, seine Jagd zu beginnen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er keine Angst verspürt. Erregung, Nervenkitzel, Adrenalinausschüttung - ja. Aber vor den beiden Riesen zu bestehen, dafür war er ausgebildet worden. Zur Not blieb ihm der Zugriff auf die gehalfterte Dienstwaffe. Doch da waren andere Gefühle in seinem Kopf und in seinem Bauch: Gefühle von Wut und Aggression und der Wunsch nach Vergeltung. Mit einer Hand über die Stirn wischend lief der kleingewachsene Türke los, schob währenddessen sein kurzes schwarzes Haar nach hinten und schreckte angewidert zusammen, als er den Geruch von verkohltem Fleisch witterte. Schnellen Schrittes spurtete er die nördliche Gasse entlang. Größe war kein Indikator für Geschwindigkeit. Das hatte er schon in seiner Schulzeit bewiesen. Und so trieb Ahmet seinen Körper zu Höchstleistung. Nach vierhundert Metern galt es die erste Entscheidung zu treffen, links oder rechts.

„Scheiße!“, fluchte Ahmet in sich hinein. „Wo lang? Wo lang?“

Ohne lange Zeit zu verschwenden, wandte er sich nach rechts dem Weg zu, den er als Flüchtender auch selbst gewählt hätte. Und wieder jagte er los, kreuzte links, kreuzte rechts. Ein erster Sichtkontakt zum flüchtenden Ziel ließ ihn frohlocken. Voraus nur einer der beiden Rocker, aber zumindest war es sein Feuerteufel.

Zeit für Gerechtigkeit!

Mit jedem Schritt verkürzte sich der Abstand zwischen den beiden Kontrahenten, und so dauerte es nicht lange, bis der Vorweglaufende sich umschaute und die drohende Gefahr bemerkte. Von der Verfolgung geschwächt, brach dieser seine Flucht ab und bereitete sich darauf vor, dem Polizisten entgegenzutreten. Den Kleinen, Ahmet, erfüllten keine Zweifel, als Sieger aus dem bevorstehenden Kampf hervorzugehen. Ein Kämpfchen würde es geben, denn eine einfache Verhaftung erschien ihm wie die fehlende Alternative. Voller Wut sprang er auf den Gegner zu. Der Große, der Rocker, glaubte an seinen eigenen Erfolg.

Und so begann der Schlagabtausch. Einige Jabs, ein Cross und zwei Haken, dann lag Ahmet am Boden und rang nach Luft. Sein Mund schmeckte nach Blut, doch es war die Lippe, die aufgeplatzt blutete.

„Voll auf die Neun!“, schrie der Mann von einem Schrank. „Ich mache dich zu Türkenmus!“

Ahmet fluchte, kreiste den Kopf, suchte Orientierung, registrierte, was so eben geschehen war. Es war wichtig, dem Gegner keine Zeit zu lassen, um nachzutreten. Sich neu auf das Ziel einzustimmen. Den Erfolg fest vor dem inneren Auge zu visualisieren. Schon ging es in Runde zwei. Ahmet teilte aus und steckte ein. Inzwischen hatte er gelernt, sich vor des Rockers kräftigen Rechten in Acht zu nehmen und seine eigene Geschwindigkeit zum Einsatz zu bringen. Ein Diagonalgang, ein Seitenhaken zum Kopf, schon warf es Ahmet erneut zu Boden. Seine Sicht schwand, der Kopf schmerzte.

„Wirst du jetzt deine Kollegen rufen?“, spottete der Rocker verächtlich. „Irgendwer sollte dich retten.“

„Das Einzige, was ich rufen werde, ist deinen Krankenwagen.“ Ahmet stand auf, angeschlagen, aber ungebrochen kampfeslustig. „Vielleicht haben die auch etwas gegen deine Xenophobie?“

„Xeno ... was? Red’ deutsch, du Arsch!“

„Xenophobie ist deutsch.“ Er stockte, am Arm deutete sich eine Prellung an, vom Magenschlag war ihm übel. „In dem Land, in dem meine Eltern geboren wurden, würden wir sagen: yabancı düşmanlığı. Du bist ja nicht nur dick, du bist auch doof!“

Die Provokation schlug ein. Schnaufend griff der Rocker zur Innentasche seiner Jacke, danach zierte ein Schlagring die Hand.

„Wollen wir mal schauen, wie lange du noch den Schlaumeier markierst?“ Mit diesen Worten stürmte er auf Ahmet zu, holte aus und zielte ins Gesicht. Der Kleine sackte zu Boden, machte sich kleiner, als er ohnehin schon war, sodass der Schlag des Gegners im Nichts verlief. Sofort wirbelte er herum und platzierte einen gestreckten, geraden Gegenschlag. Schnell und kraftvoll. Es knackte hörbar, als das Nasenbein brach. Unüberhörbar auch der Schmerzensschrei. Blut rann durch die hilflos geformten Hände des Rockers; Resignation in den Augen, die mit Tränen gefüllt waren.

„Wann sollte man aufhören?“ Ahmets Stimme klang ruhig, obgleich es in ihm drin anders aussah. „Wo ist die Grenze, die du für menschlich hältst?“

Auf die Knie gegangen hatte der Rocker eine Position gefunden, in der er die Nase stützen konnte. Unübersehbar die Schmerzen, die ihn quälten. Seine Jacke, die Schuhe, der Boden um ihn herum, mittlerweile erschien alles in dunklem Rot.

„Wer ist nun das Opfer?“ Ahmet erwartete eine Antwort. Vergeblich.

„Glaubst du, die Balance wurde wieder hergestellt?“ Sichtbar wütend ging der kleine Polizist auf den Knienden zu.

„Ist das fair?“, schrie er los. „Verbrennungen am gesamten Oberkörper! Und das bei einem unschuldigen Fußballfan.“

Rocker und Polizeibeamter, Auge in Auge.

„Was ist dagegen ein Nasenbeinbruch? Denkst du, du hast genug in die Waagschale geworfen?“

Ahmet horchte in sich hinein, doch da war nur Zorn wegen der eigenen Hilflosigkeit, Wut auf die geschehene Ungerechtigkeit, Tobsucht aus Unausgeglichenheit. Ohne zu zögern, holte er aus und trat zu.

3. Alles Gute / 05. März 2013 / 22:29

Ein Pfiff, dazu ein Wink mit den Fingern, das reichte aus, um die Freunde zu informieren. Jonas würde den eingehenden Anruf nebenan entgegennehmen. Gefüllte Gläser, verschiedene Dinge zum Schnupfen und Rauchen, das Ganze vervollkommnet durch die Anwesenheit der offenherzigen Lulu. Eine Frau in einem Körper bebend vor Lust, bereit zu geben und ebenso gerne genommen zu werden. Wenn Jonas feierte, dann richtig, und ganz offensichtlich sprangen Lulus Funken auf die Anwesenden über. Aus welchem Grund also sollte der Gastgeber Einspruch erwarten, als er das Zimmer verließ? Sein Freundeskreis war hier, um zu feiern. Mit ihm, zur Not aber auch ohne ihn.

„... happy birthday lieber Jonas ...“, schallte es ihm nach wenigen Schritten aus dem Hörer entgegen.

Er war genervt und ärgerte sich über den verspäteten Anruf. Trotzdem riss er sich zusammen und antwortete seiner Anruferin, was sie hören wollte: „Eva! Schön, dass du dich meldest. Wie geht es dir?“

„Aber wie geht es dir?“, gab Eva gutgelaunt und zugleich müde die Frage zurück. „Heute an deinem Ehrentag! Schließlich wird man nicht jeden Tag zweiundvierzig Jahre alt.“

„Wir feiern ein bisschen. Schade, dass du zum Arbeiten nach Amsterdam fahren musstest.“

„Finde ich auch“, bedauerte Eva. „Sind Helga und die anderen Frauen auch da?“

„Ich habe entschieden, wenn du keine Zeit hast und schuften musst, machen wir einen Männerabend. Du weißt, Roland und die anderen Jungs.“

„Heute war echt anstrengend!“, gestand Eva. „Und dann diese abendlichen Geschäftsessen. Ich bin froh, wenn ich gleich schlafen gehen kann. Ach so! Wie du wolltest, habe ich ein paar der Coffee-Shops abgeklappert. Ist bestimmt ’ne nette Mischung für dich dabei!“

„Okay, verstehe. Ganz nach dem Motto: Vorfreude ist die schönste Freude.“

„So ungefähr“, lachte Eva herzhaft. „Wenn du lieb bist, gibt’s Donnerstag das Geburtstagsgeschenk, denn Mittwoch komme ich erst gegen Mitternacht zurück.“

„Ist gut“, stimmte er zu. Kurz hielt er inne. „Eva? Du hörst dich so nah an, fast, als ständest du im Raum nebenan.“

„Weißt du was?“, hauchte sie. „Ich hatte sogar überlegt, nach Hause zu kommen und gleich morgen früh zurückzufahren. Aber auf der A 2 ist so eine riesige Baustelle. Das hat mich auf dem Hinweg über eine Stunde aufgehalten.“

„Ich freue mich, dass du an mich gedacht hast“, blockte Jonas den restlichen Smalltalk ab. „Alles andere holen wir am Donnerstag nach.“

Durchtriebenes Lachen schallte an Evas Ohr. Irgendwo in ihrer Nähe schlug eine Turmuhr halb elf. Jonas stutzte.

„Was ist?“, fragte sie.

„Ich dachte, ich hätte den Halbelf-Schlag der Hl. Christ Kirche gehört. Du weißt, diesen melodischen Dreiklang?“

„Hast du eine Ahnung, wie viele Kirchen es in Amsterdam gibt? Weit über fünfzig.“

„Verstehe! Die Jungs rufen! Wahrscheinlich Notstand beim Bier!“

„Dann feiert noch schön, bis übermorgen.“

„Ich vermisse dich“, flüsterte Jonas. Ich vermisse deinen Körper, dachte er.

Ohne Evas Antwort abzuwarten, legte er auf.

4. Neuer Einsatz / 06. März 2013 / 07:37

Gemächlich, und seit Tagen nur noch auf drei Zylindern laufend, bog der silberne Honda Concerto vom Grenzweg in die Mozartstraße ein. Die Sonne ließ sich Zeit, erhob sich schließlich strahlenlos und ohne Glanz und ersetzte nach und nach die Straßenbeleuchtung der Kreisstadt. Bisher war es ein milder Winter gewesen, der Gütersloh vor Schnee bewahrt hatte, alles in allem so ganz nach Sarahs Geschmack. In einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen parkte die brünette Frau entlang der Straße, beendete die MP3-Wiedergabe ihres Autoradios und stieg aus. Eine Zeit lang musterte sie das gegenüberliegende Mehrfamilienhaus, dann lief sie auf den zweiten Aufgang zu.

Nächste Woche würde Sarah zweiunddreißig Jahre alt werden, und noch war ihr unklar, wie sie auf diesen speziellen Tag reagieren sollte. Seit einiger Zeit verspürte sie ein unbekanntes, befremdliches Unwohlsein, vielleicht, weil viele ihrer Freundinnen bereits schwanger waren, einige sogar mit einem zweiten oder dritten Kind. Sarah dagegen hatte nicht einmal den passenden Mann. Nach ihrem Umzug von Emsdetten nach Gütersloh hatte sie etliche Freunde gefunden, sowohl im Kollegenkreis, als auch in der Nachbarschaft. Nur der rechte Partner war nicht in ihr Leben getreten.

Als sie die Briefkästen erreichte, verwischte Sarah ihre privaten Gedanken, wie die braunfarbene Haarsträhne, die sie hinter das Ohr klemmte, und überprüfte die Namensschildchen. Sie klingelte. Viermal. Ahmet Yilmaz reagierte nicht. Der Versuch, mittels

Handy Kontakt aufzunehmen, verendete auf der Mailbox. Unerwartet öffnete sich die Haustür, und eine ältere Dame trat, skeptisch das Wetter prüfend, ins Freie.

„Guten Morgen“, grüßte Sarah. „Das trifft sich gut. Da können Sie mich ins Haus lassen.“

„Na, hören Sie mal. Ich kenne Sie doch gar nicht!“

„Mein Name ist Sarah Berger, Kriminalpolizei Gütersloh. Ich möchte zu Ahmet Yilmaz. Dritte Etage, ist richtig, oder?“

„Zum Ahmet?“, stutzte die Hausbewohnerin. „Wissen Sie, ich sage ihm laufend, er hat die Musik zu laut. Das hat er nun davon!“

Überzeugt trat sie beiseite, nach draußen zum Bürgersteig.

„So schlimm wird’s wohl nicht werden“, scherzte Sarah und verschwand im Treppenaufgang.

Die Klingel funktionierte, das zeigte ein weiterer Versuch an der Wohnungstür. Doch erst nach hartnäckigem Klopfen schwang die Tür auf.

„Herr Yilmaz?“ Schlaftrunkene Augen blickten Sarah entgegen. „Gegen Sie wurde die Anschuldigung erhoben,

durch zu laute Musik rücksichtslos auf die Gefühle Ihrer Nachbarn einzuwirken.“

„Ach Scheiße!“, fluchte der kleine Mann und öffnete die Tür vollends. „Ist dir die alte Meyner im Treppenhaus über den Weg gelaufen?“

„Sie hat mir unten aufgemacht.“

„Okay.“ Yilmaz rieb über seine dunklen Haare, versuchte wach zu werden.

„Komm rein, Sarah. Und schließ die Tür.“

„Was ist mit deinem Gesicht passiert?!“ Ungläubig musterte Sarah Ahmets unübersehbare Verletzungen an Lippe und Wange. Ahmet wandte sich ab und lief den Flur entlang. „Humpelst du?“

„Aische hat sich letztes Wochenende von mir getrennt. Ehrlich gesagt, ich fühle mich nicht so besonders.“ Ahmet verschwand im Bad und überließ Sarah sich selbst. Als er kurz darauf in das Wohnzimmer trat, trafen ihn fragende Blicke.

„Was ist?“, fluchte er genervt.

„Aische? Die Spuren in deinem Gesicht? Bestimmt nicht!“

„Habe ich das behauptet?“, antwortete Ahmet, während er ein frisches T-Shirt überstreifte, die Jeans wechselte und Strümpfe und Schuhe zusammentrug.

„Aische, das war Sonntag. Mein Gesicht, das war gestern.“

Da Sarah sich keinen Reim auf die Worte ihres Partners machen konnte, fragte sie nach.

„Was ist passiert?“

„Die Kurzfassung?“

Sarah nickte.

„Bengalisches Feuer, Fußballfan in Flammen, Rocker auf der Flucht.“

„Und du mitten drin ... Richtig?“

Ahmet überlegte, bevor er antwortete. „Das Ganze ist ausgeartet. Ich fürchte, ich bin derzeit etwas unausgeglichen.“

„Ich weiß, was du meinst“, stimmte Sarah zu, zugleich dachte sie an die ein oder andere Freundin, ob nun verheiratet oder schwanger, und seufzte in sich hinein.

Ahmet verschwand zur Küche und kehrte mit einer Laugenbrezel in der Hand zurück.

„Mein Frühstück! Willst du auch?“ Sarah schüttelte den Kopf.

„Ich gehe davon aus, wir haben einen neuen Fall?“ Ahmet prüfte die Zeit an seinem Handy. „Es ist kurz vor acht und man wird nicht jeden Tag von seiner hübschen Kollegin abgeholt.“

„Lass den Scheiß, du Schwätzer! Wenn du fertig bist, bringe ich dich auf den aktuellen Stand.“

„Schieß los!“

„Wir haben eine tote Frau, Mitte zwanzig. Vermutlicher Todeszeitpunkt: gestern Abend. Kennst du den Reinigungsdienst Kroschewski?“

Ahmet überlegte. „Hinterm Franz-Birkhan-Ring?“

„Genau genommen Gneisenaustraße. Wahrscheinlich ist die Frau selbst dorthin gefahren, ihr Roller parkte an der Hauptstraße. Seltsamerweise trug sie unterm Mantel eine Schlafanzughose. Ackermann sagt, es ist unser Fall und wir sollen sofort rüberfahren. Deshalb bin ich hier.“

Deshalb bist du hier, wiederholte Ahmet in Gedanken und suchte sein Schlüsselbund. Er griff zur Jacke, fand dort auch die Schlüssel und öffnete die Wohnungstür. „Dann lass uns starten.“

„17:00 Uhr, länger arbeiten wir eigentlich nie.“ Herr Kroschewski, ein Mann Ende fünfzig, mit grauem Haarkranz und schelmischem Grinsen, wirkte nett und hilfsbereit. Er war bereits von einer Streife vernommen worden, doch es machte ihm nichts aus, das Wenige, das er wusste, erneut zu erzählen. „Was bedeutet ,eigentlich‘? Wie lange haben Sie gestern Abend gearbeitet?”, hakte Ahmet nach. „Drei Mitarbeiter benutzen die Reinigungsfahrzeuge, Vronie macht die Abrechnungen und ich bin verantwortlich für die Kundenakquise. Macht genau fünf Mitarbeiter, wir sind halt ein kleiner Betrieb. Gestern Abend war ich der Letzte. Habe abgeschlossen um ..., warten Sie.“

Herr Kroschewski griff zu seinem Mobiltelefon und prüfte die eingegangenen Anrufe.

„Es war um drei Minuten nach fünf. Ich hatte gerade den Hauptschlüssel eingesteckt, da klingelte meine Frau durch.“

Er zeigte das Handy zuerst Ahmet, anschließend der Kollegin.

Nachdenklich betrachtete Sarah den Notizzettel, den einer der Streifenpolizisten ihr bei der Ankunft übergeben hatte.

„Niemand von Ihnen kannte Frau Victoria Lirot?“

„So haben wir es zu Protokoll gegeben“, bestätigte Herr Kroschewski.

„Kennen und gesehen haben sind ja bekanntlich zweierlei“, griff Ahmet ein. „War Frau Lirot möglicherweise eine Kundin? Vielleicht ist sie Ihnen oder den anderen in den letzten Tagen hier in der Nähe der Firma aufgefallen?“

„Würde ich ausschließen. Zumindest kann ich mich nicht erinnern.“

„Wir benötigen eine vollständige Kundenliste, zusätzlich eine Aufstellung aller Reinigungseinsätze der letzten vier Wochen.“ Sarah zerrte eine Visitenkarte aus der Manteltasche hervor und reichte diese Herrn Kroschewski. „Sollten Sie oder Ihre Kollegen sich an Reibereien mit Kunden erinnern oder Ihnen fällt noch etwas Neues ein, lassen Sie es uns wissen.“

„Werden eigentlich die Wagen untereinander getauscht?“, bohrte Ahmet nach. „Oder nutzt jeder Mitarbeiter einen fest zugewiesenen?“

„Jeder hält sein eigenes Fahrzeug in Schuss. So weiß ich, wer für welche Schäden verantwortlich ist.“

Kroschewski wies in Richtung seines Büros. „Soll ich die entsprechenden Akten raussuchen lassen?“

„Gerne“, bestätigte Sarah. „Wir sehen uns in der Zwischenzeit auf dem Grundstück um.“

Kroschewski verschwand und Stefan Wagner, Kollege der Spurensicherung, tauchte auf.

„Hallo Leute! Ist eine üble Sache. Der Hammer ging direkt durch bis ins Gehirn. Lirot war auf der Stelle tot.“

„Hammer?“

„Ein Schlosserhammer, das wohl in Deutschland am weitesten verbreitete Modell. Quadratische Bahn mit abgerundeter Pinne quer zum Stiel. Das Kopfgewicht schätze ich auf vierhundert Gramm. Ein Schlag hat vollends ausgereicht.“

„Abgerundete Pinne?“, lachte Ahmet auf. „Hast du das auf deiner Uni gelernt?“

Stefan war vorbereitet und konterte: „Wusstest du eigentlich, dass die Türken im Jahre 1060 erstmals den Schafsdarm als Kondom benutzten?“

Ahmet lächelte.

Stefan fuhr fort: „Und 1872 revolutionierten es die Engländer, indem sie den Darm vorher aus dem Schaf entnahmen.“

Sarah lachte erheitert auf und grinste Ahmet spitzbübisch an. Dessen auf Stefan gerichteter Blick sprach Bände.

„Ach, fick dich!“, fluchte er. „Ich überprüfe die Lieferwagen. Versuch du, Sarah mit deinem Hammer zu beeindrucken.“

Mürrisch stampfte er davon.

„Ist nicht seine Woche“, prognostizierte Sarah. „Was habt ihr ansonsten gefunden? DNA-Spuren, Fingerabdrücke, gibt es eine Überwachungskamera?“

Gelassen winkte Stefan ab und überspielte den Wortwechsel mit Ahmet.

„Wir konnten bisher nur das Fahrzeug untersuchen, hinter dem Victoria Lirot tot aufgefunden wurde. Vom Fahrer Sven Körner habe ich bereits Abdrücke genommen. Im Innenraum gibt es unzählige Spuren. Doch ich bin nicht sicher, ob uns das weiterhilft. Schließlich ist der Transporter ein alltägliches Arbeitsmittel. Zumindest konnte ich zwei Haare sicherstellen, die gehen gleich ins Labor. Videoüberwachung, hier?“ Stefan zeigte über das Grundstück. „Glaube ich nicht, musst du aber noch selbst überprüfen.“

Sarah und Stefan hatten sich eine Zeit lang unterhalten, da kehrte Ahmet zurück. Die Finger der rechten Hand hatte er schützend in einem leeren Tütchen einer Packung Taschentücher vergraben, zwischen seinen Fingerspitzen klemmte ein länglicher Zettel.

„Was hast du entdeckt?“, interessierte sich Sarah sofort. „Einen Kassenbon?“

„Datiert auf gestern Abend, 19:03 Uhr. Von meinem Lieblingsbaumarkt im Westen Güterslohs.“

„Also hat Kroschewski gelogen!“

„Oder, er weiß nicht alles, was auf seinem Grundstück passiert.“

Der Kriminaltechniker öffnete einen leeren Klarsichtbeutel, um das Beweisstück zu sichern, fischte nach dem Kassenbon und verschloss den Zippverschluss.

„Auf jeden Fall solltet ihr mit Sven Körner reden, dem Fahrer des Wagens“, schlug Stefan vor. „Vielleicht hat er später noch einen Ausflug gestartet.“

„Ich hole ihn her, bin gleich wieder da“, mit diesen Worten ließ Ahmet die beiden Kollegen stehen und verschwand ein zweites Mal.

Das Büro von Herrn Kroschewski roch nach Zigarettenrauch und Reinigungsmitteln, die zuhauf entlang einer Wand aufgetürmt standen. Der Teppich besaß Stellen, die so abgetreten waren, dass der gummierte Boden sichtbar wurde. Sein Schreibtisch war überfrachtet mit Dokumenten. Offensichtlich fehlten Lust oder Zeit, in den eigenen Räumen die vorhandenen Reinigungskenntnisse anzuwenden. Trotz alledem waren Sarah und Ahmet froh, diesen Raum nutzen zu dürfen, um Sven Körner ungestört zu verhören.

„Sieht jetzt gerade nicht so gut aus für Sie!“

Körner reagierte befangen auf die Aussage von Kommissar Yilmaz und rutschte unruhig über die Sitzfläche des Stuhls. Sein Gesicht wirkte unscheinbar. Geprägt von einer etwas zu großen Nase, waren die hellen Augen und der Mund so durchschnittlicher Standard, dass das Gesicht wenig zu bieten hatte, was einem im Gedächtnis haften bleiben sollte. Das ihm eigene, dunkelblonde Haar war kurz geschnitten und sah aus, als würde er selbst daran Hand anlegen. Bekleidet mit einem grauen Arbeitsanzug seiner Firma, ließ er ein Bein nervös über den Boden zappeln.

„Gewebeklebeband, ein großes Bund Kabelbinder, ein Baumwollbeutel, ein komplettes Pannen-Werkzeugset, ein Schokoladenriegel“, las Ahmet die Artikel des Kassenbons vor. „Ich denke, wir werden die Schokolade bei einer Darmspiegelung finden.“

Sarah riss überrascht über Ahmets Vorschlag die Augenbrauen nach oben. Sven Körner verkrampfte sich und brachte die Arme schützend vor seinen Bauch in Stellung.

„Kasse 2, steht hier. Ob die Kassiererin sich an Sie erinnern wird?“

Verhalten schüttelte der Befragte den Kopf.

„Ist Ihnen klar, was da draußen passiert ist?“, fragte Sarah mit ruhiger Stimme. „Wir haben eine tote Frau auf dem Grundstück Ihrer Firma gefunden. Direkt hinter Ihrem Transporter. Dessen Heckklappe stand offen, das Mordwerkzeug stammt aus Ihrem Werkzeugkasten.“

Betroffen blickte Körner auf.

„Und dann dieser Kassenbon, den wir vorne zwischen den Sitzen gefunden haben“, fügte Ahmet hinzu.

„Liefern Sie uns eine bessere Geschichte, wenn Sie können.“ Sarah lehnte sich an Kroschewskis Schreibtisch, überkreuzte die Beine und wartete auf eine Antwort.

„Ich ...“, stotterte Körner. „Ich ... habe mir heimlich etwas dazuverdient.“ Schnappte nach Luft und fuhr fort. „Sie werden es doch nicht dem Boss erzählen?“

Gleichzeitig griff er zu seinem Portemonnaie, öffnete das Scheinfach und beförderte zwei Hunderteuroscheine hervor.

„Das habe ich gestern Abend verdient.“ Weder Sarah noch Ahmet reagierten. „Da war ein Mann. Er erklärte mir, dass er spät in

der Nacht einen Schrank zu transportieren habe“, führte Körner angespannt aus. „Ich bekam das Geld und legte, nach Feierabend, den Autoschlüssel auf das linke Vorderrad. Heute Morgen stand der Transporter wieder an seinem Platz, dahinter, in einer Lache aus Blut, die tote Frau. Es war schrecklich, sie dort so liegen zu sehen! Bevor ich den Fund melden konnte, suchte ich den Schlüssel. Er war vom Rad abgerutscht und lag unter dem Fahrzeug.“

„Geben Sie uns einen Namen ...“, forderte Sarah teilnahmslos, „... und überlassen Sie meinem Kollegen die Scheine.“

Zögerlich überreichte Körner das Geld und Ahmet begann damit, die aufgedruckten Seriennummern abzuschreiben. „Ich kannte den Mann nicht. Das müssen Sie mir glauben! Er war groß, trug Jeans und eine braune Jacke.“

Der Angestellte dachte wirklich, er würde wertvolle Hinweise geben. Sarah sah ihn an und wusste sofort, wie belanglos seine Auskünfte waren. Ahmet fragte weiter.

„Haare? Alter? Wie ist er hergekommen?“

„Schwer zu sagen, ... unter diesen Umständen. Vielleicht kam er zu Fuß.“

„Die Geldscheine wirken neuwertig“, wechselte Ahmet das Thema und wedelte mit den Banknoten. „Über die Seriennummern lässt sich möglicherweise der auszahlende Geldautomat und das dazugehörige Konto ermitteln. Wollen Sie das zurück?“

„Natürlich! Was soll das?“, brummte Körner und verstaute die Scheine in der Hosentasche. „Sonst noch was?“

„Nein, vorerst nicht. Sie können gehen.“ Sarah schaute zu Ahmet, der widersprach nicht.

Ahmet wartete, bis Körner den Raum verlassen hatte.

„Weißt du, was mich wundert? Es ist inzwischen fast zehn Uhr und niemand war bisher in der Zentrale, um Victoria Lirot als vermisst zu melden. Ich hätte erwartet, dass es einen Freund oder Mann wundert, wenn seine bessere Hälfte über Nacht in der Schlafanzughose das Haus verlässt.“

Sarah grübelte.

„Es sei denn, Victoria ist einem Geheimnis auf die Spur gekommen, das keinen Aufschub erlaubte. Diese Überlegung unterstreicht zumindest die Bekleidung.“

„Du denkst, sie ist ihrem Mörder in die Falle gefolgt?“

Sarah zuckte die Achseln.

„Schon möglich. Komm, ich lade dich auf einen Kaffee ins Miner’s ein. Vielleicht fällt uns dort noch etwas anderes ein.“

Die beiden Kollegen waren gerade in den silbernen Honda eingestiegen, da klingelte ein Handy.

„Hier Sarah Berger. Was gibt es?“

Ahmet erkannte die Stimme seines Vorgesetzten, doch er verstand nicht den Inhalt dessen, über das sie sprachen. Sein Verdacht bestätigte sich, nachdem Sarah aufgelegt hatte.

„Warum genau darf ich mich von Andreas anpfeifen lassen, wenn du dein Handy ausgeschaltet hast?“

Ahmet griff überrascht zur Tasche und überprüfte sein Smartphone.

„Entschuldigung. Wahrscheinlich ist der Akku leer.“

„Ich soll dich sofort im Revier abliefern. Ihr zwei hättet etwas zu besprechen. Hört sich nach einem gemütlichen Ackermann-Morgen an.“

„Na toll! Erst weckst du mich und nun kann ich mir Schläge abholen“, knurrte Ahmet.

Sarah fragte nicht nach, was ihr Partner meinte. Nach einem halben Jahr gemeinsamen Dienstes hatten sie sich so gut kennengelernt, dass sie wusste, wann man Ahmet an der langen Leine hielt.

5. Anders als geplant / 06. März 2013 / 08:25

Niemand erwartete die Männer, die hinter die Häuserreihe am Iburgweg eingebogen waren und nach einer verdeckten Parkmöglichkeit suchten. Die meisten Berufstätigen hatten ihre Wohnungen bereits verlassen, um ihrer Arbeit nachzugehen. Nicht so der Bewohner des zurückstehenden dritten Hauses. Dessen Jalousien waren verschlossen und bescheinigten ein ausgedehntes Schlafbedürfnis. Flink und unauffällig nutzten die Eindringlinge den Schutz der drei Weiden, folgten dem künstlich angelegten Gartenweg zur Terrasse und verschwanden im Schacht der Kellertreppe. Die Buchenholztür war unverschlossen, ob aus Unachtsamkeit oder Gedankenlosigkeit hatte keine Bedeutung, und so wurde die erste Hürde überwunden, ohne Spuren zu hinterlassen. Das einfallende Licht der kleinen Unterflurfenster reichte aus, damit die zwei Männer sich notdürftig orientieren und den Ausgang zum Flur erahnen konnten. Darauf bedacht, leise und unauffällig vorzugehen, tasteten sie nach rechts und links. Ihre schwarzen, viel zu großen Strumpfmasken juckten und behinderten die Sicht. Unerwarteter Tumult durchbrach die Stille, als der Stoffbeutel des größeren Mannes in umherstehenden Gartengeräten hängen blieb und Spaten, Harken und Besen scheppernd zu Boden warf. Aufgeschreckt sprang sein Freund beiseite.

„Verdammter Scheiß!“, schrie er schmerzerfüllt auf. „So ein verdammter Nagel hat mir das Bein zerkratzt!“

„Sei still und beiß die Zähne zusammen.“ Der Tollpatsch blickte nach unten. „Deine Hose ist hin, den Rest wirst du überleben.“

„Halt deine Augen auf! Wenn Jonas uns im Haus erwischt, bevor wir zuschlagen, kannst du unser Vorhaben vergessen.“

„Glaub mir, Roland hat das Erdloch nicht umsonst gesucht“, schimpfte der Große missmutig.

„Der Reiz des Verborgenen, des Nichtsichtbaren ist unbestritten. Das gilt auch für unseren Einsatz.“

„Toller Spruch!“

„Nörgle nicht und denk darüber nach. Und nun zur Tür, ab nach oben.“

Zügig spurteten die beiden ins Erdgeschoss. Verlassene Räume und der nicht vorhandene Duft von Kaffee bestätigten den Verdacht, dass ihr Opfer noch schlief.

„Er ist bestimmt oben.“

„Pssst, schau mal hier.“

Das Wohnzimmer zeigte Spuren einer durchzechten Nacht, es roch nach kaltem Schweiß und Alkohol. Über ein Dutzend benutzter Gläser stand verteilt auf dem Couchtisch und am Tresen der altbackenen Hausbar. Frische rotbraune Stellen befleckten den Teppichboden. Geleerte sowie halb volle Flaschen Sekt, drapiert wie die Läufer eines Marathons, belagerten die Fensterbank. Ein umgeworfener Beistelltisch, dazu ein Meer aus Salzgebäckkrümeln und die Spuren weißen Pulvers waren die Indizien einer exzessiven Feier.

„Was für ein Dreck! Er hat nicht einmal aufgeräumt.“

„Und du hast nicht geholfen.“

„Du auch nicht!“

„Vielleicht erinnerst du dich? Ich war beschäftigt!“

„Beschäftigt ... das ist gut! Zumindest so lange, bis gefilmt wurde. Ich weiß noch, wie du über die Hose gestolpert bist und dir fast dein Ding abgerissen hast.“

„Glaubst du etwa, ich will solche Bilder im Internet wiederfinden? Zumindest ist das nichts, was Nachbarn und Ehefrauen sehen sollten.“

Eine kurze Pause, da registrierte er das aufgerissene Hosenbein seines Freundes.

„Verdammter Shit! Schau mal, dein Bein.“

Ein zwanzig Zentimeter langer Schlitz zierte den Stoff ein Stück oberhalb des Knies. Blut hatte die Stelle um die Öffnung rot gefärbt.

„Sieht gefährlicher aus, als es ist. Du hast doch gesagt, ich werde es überleben. Nun lass uns keine Zeit verlieren und die Kamera suchen. Vielleicht liegt sie noch irgendwo hier unten.“

„Oder, Jonas hat sie mit nach oben ins Schlafzimmer genommen.“

„Hey Timo, was denkst du? Hat er sich, nachdem wir alle abgehauen sind, noch selbst mit Lulu vergnügt?“

„Was hättest du getan?“

Die Frage blieb unbeantwortet im Raum stehen, die Stimmung zwischen den Eindringlingen gefror.

„Suchen wir die silberne Digitalkamera!“

Schubladen waren zur Genüge vorhanden. Der Flur, die Küche, die Gästetoilette, all diese Orte boten dutzende Stellen, wo Jonas den Fotoapparat einfach hatte abstellen können. Eine verschlossene Kommode weckte Timos Interesse.

„Schau mal hier, ist abgeschlossen.“

„Lass den Quatsch! Warum sollte er die Kamera im Flur einschließen? Jonas dürfte froh gewesen sein, nach dieser Nacht noch das Bett zu finden.“

„Wo hast du den Beutel? Ich will nach oben!“

Timos Freund verschwand im Wohnzimmer und kehrte kurz darauf mit dem Beutel zurück.