....und der Tod bringt Frieden - Wolfgang Muss - E-Book

....und der Tod bringt Frieden E-Book

Wolfgang Muss

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Beschreibung

Er, ein Zyniker ersten Grades, verstand die Welt nicht mehr. Denn das Schicksal schlug grausam zu. Seine Frau Anita erkrankte an einen Gehirntumor. Der wurde erfolgreich entfernt. Er, Wolfgang, fast 70 Jahre alt versuchte sich als Hausmann und scheiterte kläglich. Wurde er doch Jahrzehnte immer von seiner Frau bedient. Seine Versuche, alles in den Griff zu bekommen, endeten immer wieder in einem Chaos. Später wurde bei seiner Frau Lungenkrebs festgestellt und mit einer Chemotherapie geheilt. Jahre später schlug der Krebs wieder zu und Anita starb sehr qualvoll. Doch damit nicht genug. Wolfgang musste sein Haus verkaufen, denn seine Kinder forderten das Pflichteil ein. Wolfgang zerbrach fast daran. Durch eine neue Liebe schaffte er gerade noch den Weg in eine bessere Zukunft.

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Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Sämtlich Namen und Orte sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit Lebenden oder Toten Personen wäre wirklich rein Zufällig.

Erst einmal etwas über mich. Ich bin ein waschechter Berliner mit der bekannt großen Schnauze. Ich habe nun die 70 leicht überschritten und stehe nun voll und fest in der Blüte der Arterienverkalkung. Leider habe ich mir im laufe meines Lebens allerhand Unarten angewöhnt. Unarten, die mein Leben etwas leichter machten. Glaubte ich jedenfalls! Wie viele Personen ich schon mit meiner Gottlosen Schnauze vor den Kopf geballert habe, das weiß ich nicht und ich möchte es auch nicht wissen! Vorab möchte ich aber noch betonen, das meine verstorbene Anita vierzehn Jahre jünger als ich war. Meine Steffi ist locker zwanzig Jahre jünger als ich. Nun ja, ich fühle mich noch nicht zu Alt! Die zwanzig Jahre machen den Kohl auch nicht fett. Es gab aber auch des öfteren Streit, und das nur, weil ich bedeutend mehr Lebenserfahrung habe als meine etwas jüngeren Küken. Altersbedingter Zündstoff war daher genug vorhanden. Auch sehr dämliche Bemerkungen musste ich mir deswegen schon von einigen Dorfbewohner anhören. Natürlich nur hinter vorgehaltener Hand. Versteht sich ja von selbst. Hinter dem Rücken tuscheln macht doch bestimmt mehr Freude! Der Kerl ist doch bestimmt ein Pädophiler. Oder noch besser!Seine Alte macht doch Mumienschändung. Ich kann damit aber sehr gut leben, denn ich glaube, da spricht der Neid. Ich teile nun mal gerne aus. Einstecken? Nicht so gerne. Zynismus ist ein großer Teil meines Lebens geworden und damit kann meine Lebensgefährtin Steffi schlecht, sehr schlecht mit umgehen. Wie Anita das mit mir ausgehalten hat, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Oder sie war es müde mich immer und ewig zurechtzustutzen. Auch bin ich sehr bedienerfreundlich geworden.

Das war vermutlich für meine verstorbenen Gattin kein Problem, oder sie zeigte es mir nicht.

Meine dünne Steffi mosert doch des öfteren mit den Worten:„Setze Dich schon mal hin, ich bediene Dich gleich,“ oder,„Du weißt doch Wolfgang eine Partnerschaft ist ein geben und nehmen.“

Fast 30 Jahre wurde mir jeden morgen der Kaffee ans Bett gebracht. Heute muss ich mir des öfteren sagen lassen ob ich Beinamputiert bin. Also kurz gesagt, ich muss doch ein ziemliches Ekel gewesen sein. Das sagen jedenfalls andere. Von mir selber glaube ich das auf keinen Fall!Ich bin nun einmal wie ich bin! Lieb und Nett und sehr einfühlsam! Und ändern lasse ich mich bestimmt nicht! Das will ich auch gar nicht! Ich schreibe das nicht um mich vielleicht zu rechtfertigen oder um mich in einem besseres Licht zu stellen. Oh nein! Das habe ich bestimmt nicht nötig! Ich möchte nur, das der Leser mich versteht und mir verzeiht wenn ich manches mal einen etwas rüden Tonfall habe, der auch Zeitweise weit unter der Gürtellinie landet. Es ist nun mal mein Naturell. Meine Steffi hat mich schon teilweise zurecht gebogen. Zumindest glaubt sie das! Ich kann nur hoffen und wünschen, das meine dünne Steffi meine nun etwas kleiner gewordenen Macken versteht und verzeiht und den Rest meines Lebens mit mir verbringt. Erwähnen möchte ich auch noch, das ich zwei nun erwachsende Kinder habe. Na ja, Kinder und Kinderbetreuung war für mich Frauensache. Ein einziges mal hatte ich sogar mal meinen Sohn als Baby trocken gelegt. Das war für mich sehr einfach. Den kleinen Popo unter dem kalten Wasserhahn gehalten und alles sauber abgespült. Aber das war nicht meine Welt, daher war es auch das Einziege und auch das Letzte mal, das ich mich um das trockenlegen oder Windeln gekümmert habe. Das Verhältnis mit meinen Kindern war bis zum ableben von Anita bombig. Aber nach ihren Tod ging die Post ab. Tja wenn es um das Erben geht dann kommt der wahre Charakter zum Vorschein. Aber davon später etwas ausführlicher.

Ich werde nicht meine gesamten Ehejahre hier ausbreiten, sondern dort anfangen als mir auffiel, das bei meiner Frau Anita irgendetwas nicht stimmte. Es ist ca. zehn Jahre her, da fing das Drama an. Ein Drama was nicht kalkulierbar oder vorhersehbar war. Denn der Großteil der Menschen lebt ja nach dem Motto, mir passiert schon nichts! Jedoch wenn das Schicksal zuschlägt, dann aber mit voller Wucht. Es war eine Silvesternacht und es war bitterkalt draußen, so circa zwanzig Grad minus. Es war die kälteste Nacht seit Jahren. Auf unserem Grundstück standen zwei Häuser. Ein alter großer grauer Kasten.

Die Farbe bröckelte schon von den Hauswänden ab.

Der Keller stand ewig unter Wasser und das gesamte Gemäuer war immer etwas feucht. In der kalten Jahreszeit wurden nur die Zimmer beheizt, die wir auch tagsüber nutzten. In jedem Zimmer stand ein kleiner Kohleofen. Des weiteren ein kleines rotes Häuschen. Wir nannten es liebevoll unser Hexenhäuschen. Das Gebäude war früher einmal ein fester Stall gewesen. Ein solider kleiner Bau. Bevor wir uns in dem sehr großen Haus noch Rheuma holten, entschlossen wir uns den ollen Stall etwas wohnlich zu gestalten. Mühsam, sehr mühsam haben wir Stück für Stück erneuert und ausgebaut. Natürlich immer nur so, wie das Geld reichte. Da wohnten wir nun und waren mehr oder weniger glücklich. Wir waren mit unseren Nachbar, der von uns Waldschrat, oder Yeti genannt wurde und der als einziger in dem alten grauen Kasten wohnte, unseren Kindern und reichlich Besuch, feste am feiern. Die Knallerei war fast schon zu Ende und unser Alkoholpegel drastisch gestiegen. Draußen knisterte es, als ob jemand über gefrorenen Schnee läuft.

Meine Frau schaute aus dem Fenster und wunderte sich, das es schon so hell draußen ist. Doch dann schrie sie auf:„Unser Haus brennt!“

Ich glaubte das erst nicht und dachte, ist die auch besoffen? Ich schaute auch aus dem Fenster. Tag hell draußen. Das alte Haus stand Lichterloh in Flammen. Ich will es kurz machen, wir alle standen vor dem abzuluten nichts, denn fast alles was wir hatten war noch in dem alten Haus. Einige Habseligkeiten konnten wir noch retten. Alles andere war leider abgefackelt. Dazu noch kein Strom und kein Wasser. Es waren sehr schwere Wochen für uns. Wasser lieferte uns später freundlicherweise die Stadt in den großen und schweren Blechmilchkannen. Strom zapften wir vom Nachbarn ab. Über ein dünnes, fünfzig Meter Verlängerungskabel. Das war sehr lieb, aber der Nachteil war, das bei einer kleineren Mehrbelastung sämtliche Sicherungen von unseren Stromspender raus knallten. Aber auch diese Zeit haben wir überstanden. Unser Waldschrat lebte doch tatsächlich in der abgefackelten Ruine weiter. Wasser und frische Luft war sowieso sein Tod. Das ist aber auch ein Typ von Mensch. Zwei Meter groß,dicke Brille, kaum Haare auf dem Kopf, ein sehr ungepflegten grauen Bart und der Kerl ist so dünn wie eine Bohnenstange. Wenn er sich morgens, so gegen 13 Uhr, bei uns sein Kaffeewasser holte, mussten wir immer die Luft anhalten. Sein Deo ist einfach nur Gottvoll! Aber ansonsten ist der Kerl lieb und nett.

Keine Ahnung, warum und weshalb wir den Stinkbolzen bei uns wohnen lassen. Vielleicht auch, weil ich ihn schon eine Ewigkeit kenne und ich jemand brauchte, auf dem ich dauernd herumhacken konnte.

In der Bauphase steckten wir den Stinkbolzen in einen alten Wohnwagen. Da war er gut aufgehoben und fühlte sich auch wohl.

Die Versicherung zahlte und wir konnten Neu bauen. Anita kümmerte sich um die Baupläne und wie das Haus nach ihren Wünschen werden sollte. Das kostete Kraft und war sehr Nervenaufreibend, aber es wurde ein wunderbares und schönes Haus. Auch eine Einliegerwohnung ließen wir bauen. Darin wohnte nun auch unser Messi. Unser kleines Hexenhäuschen schenkten wir unseren Sohn. Nicole wollte es nicht haben.

Vermutlich etwas zu nahe bei den Eltern. Dabei jammerte Anita immer wieder über quälende und lang anhaltende Kopfschmerzen. Ob das ein zusätzlicher Auslöser war? Wie es auch sei, das Haus wurde fertig und wir konnten einziehen. Schlafzimmer und Bad oben. Nur ihre Kopfschmerzen blieben. Meine Bemerkungen zum Arzt zu gehen wurden erst einmal voll ignoriert. Doch dann wurden die Schmerzen immer schlimmer. Welch ein Wunder, ich durfte Anita zu einem Arzt fahren. Was macht der gute Onkel Doktor? Hier haste ein Paar gute Kopfschmerztabletten. Wenn die nicht helfen sollten, dann kommst wieder. Aus uns nicht erklärlichen Gründen trat auch keine Besserung ein. Also wurde der Ignoknopf gedrückt und weiter gearbeitet. Wir hatten ein großes Haus und zehntausend qm Grundstück in Lippe NRW. Da war immer irgendwelche Arbeit angesagt. Direkte Hilfe von Rolf war nicht drin. Wenn er geruhte aufzustehen war unsere Arbeit bereits fertig. Wenn er wirklich einmal mit anpackte, was nicht oft vorkam, musste ich immer den Wind im Rücken haben. Sonst wäre ich Erstunken. Da ich immer beschäftigt war, viel es mir nicht sonderlich auf, das meine Frau immer dünner wurde. Als ich es endlich einmal bemerkte und freundlich nachfragte ob sie einen Spargel Konkurrenz machen möchte, wurde nur mit den Worten gekontert:“ Das geht Dich doch überhaupt nichts an, das ist doch mein Körper.“

Ich schaute dabei auf ihre Busen und musste noch einen kleinen daraufsetzen.„Na ja, wenn ich Dich so betrachte, deine Brüste sind auf jedenfall fast verschwunden!“ Gut, bei 172 cm Größe und knapp 60 Kg Körpergewicht dann noch dünner werden?Für mich äußerst unverständlich. Aber wenn Sie meint. Was mir aber in den letzten Wochen extrem auffiel, das war Anitas Vergesslichkeit. Ich konnte zehnmal etwas sagen, es blieb nichts haften. Meine Bemerkung ob noch mehr als nur Wasser und Luft im Kopf ist, wurde mit einem Stinkefinger abgetan. Auch ihr Gang veränderte sich. Eine Schnecke war schnell dagegen. Ihre Wirbelsäule hatte ja schon immer einen Knack.

Nach ihren Erzählungen hatte ihre Mutter sie mit einer Holzkelle, mit der man damals Wäsche in einem Schweinetrog gewaschen hat, kräftig auf den Rücken geschlagen. (Das nenne ich wahre Mutterliebe)Aber so langsam hinkte sie auch und zog ein wenig das rechte Bein nach.

Meine Bemühungen sie zu einem Orthopäden zu jagen blieben Monate lang erfolglos. Auch die Kopfschmerzen waren nun erst einmal Nebensache. Eben typisch Frau. Aber es sollte noch dicker kommen.

Ihr Sehvermögen ließ nach. Also ab zum Optiker und die Augen überprüfen. Das machte sie sogar freiwillig. Sie brauchte eine Brille. Tage und Wochen konnte sie damit gut sehen. Doch eines Tages war die Brille zu stark. Ohne ging es besser. Na gut dachte ich. Um die vierzig herum, Wechseljahre? Da kann das schon mal vorkommen.

Doch die normale Sehstärke hielt leider nur ein wenige Tage an. Dann wurde auch diese Brille wieder zu schwach. „Na gut.“, sagte sie. “Wer weiß was das ist. Hat bestimmt etwas mit meinen ewigen und stetigen Kopfschmerzen zu tun.“

Das war mein Stichwort! Kopfschmerzen gleich Arzt! Von wegen! Meine kleinen freundlichen Sticheleien, damit ich sie endlich einmal zu einem Spezialisten schleppen kann, wurden kurz und knapp abgeschmettert. Meine Bemerkung: “Wenn Du Glück hast dann macht Dir der Arzt vielleicht die Spinnweben zwischen den Beinen weg,“brachte auch nichts. Was von alleine gekommen ist, das geht auch wieder, war ihre Devise. Wenn sie meint, dann eben nicht! Für mich war das hinkende Laufen, die Kopfschmerzen und die zeitweilige Sehschwäche erst einmal vom Tisch. Heute mache ich mir doch manches mal kleine Vorwürfe.

Vielleicht, aber wirklich nur vielleicht, hätte ich ihr Leiden später etwas lindern können, wenn ich mich durchgesetzt hätte und sie mit etwas Gewalt zum Arzt geschleppt hätte. Doch eines gab mir auch sehr zu denken. Sie wurde immer lustloser. In jeglicher Beziehung. Was Wochen vorher bei ihr nur sehr wenig Zeit in Anspruch nahm, brauchte sie nun erheblich länger dafür um etwas zu erledigen. Sexuell lebte ich schon seit zwei bis drei Jahren wie ein Mönch. Da halfen auch meine freundliche Worte nicht viel weiter wie:„ Na frigidchen kein Bock heute? Dir ist kalt? Das glaube ich Dir aufs Wort frigidchen. Was hältst Du denn von warm arbeiten? Oder willst Du etwas warmes im Bauch haben?“ Um Missverständnisse aus zu schließen. Ich war sauer. Einfach nur sauer und stark frustriert. Alles reden half nicht. Ihren Kindern sagte sie auch nichts. Denen gaukelte sie die heile Welt vor. In deren Augen war sie sehr gesund und munter. Nur eben die paar Kleinigkeiten, wie ihre extrem starken Kopfschmerzen und ihre zunehmende und sichtbare körperliche Schwäche. Selbst unser Stinkbolzen Rolf fragte mich sogar, ob mit Anita alles in Ordnung ist. Ich muss es leider auch erwähnen das wir beide sehr starke Raucher waren. Beziehungsweise ich rauche immer noch und meine Freundin auch. Jeder der meine Geschichte hörte oder kannte, schüttelt nur verständnislos den Kopf. Die Frau auf diese schreckliche Art und Weise verloren und du qualmst noch.

Wie heißt es so schön? Der Geist ist willig doch das Fleisch ist schwach. So vergingen die Monate und die Tage. Mal ausgehen, eine Kneipe besuchen, oder nur durch unsere kleine Stadt laufen, oder etwas Sinnvolles unternehmen, war einfach nicht drin. Sie igelte sich förmlich ein. Ihr liebstes Spielzeug war der PC. Dort saß sie, Abend für Abend. Ich bemerkte nicht die Verwandlung von ihr und hielt alles für vollkommen normal. Im Gegenteil, im gewissen Sinne war es mir recht. Nur so konnte ich an dem großen Haus in aller Ruhe alleine arbeiten und brauchte nicht auf meine Frau aufzupassen. Der Kasten hatte immerhin hundertdreißig Quadratmeter Wohnfläche und da gab es, trotz Neubau, noch jede Menge zu arbeiten. Der Yeti half auch immer kräftig mit. Beide Hände in den verdreckten Hosentaschen und immer ein paar gute Ratschläge parat. Abends war ich meistens etwas kaputt und war sehr zufrieden das ich mich auch vor dem PC ausruhen konnte.

Arbeitsmäßig machte Anita zeitweise auch sehr fleißig mit. Keine Arbeit war ihr zu schwer oder zu schmutzig. Nur, spätestens jetzt hätten bei mir alle Alarmglocken läuten müssen. Oft, viel zu oft setzte sie sich hin und machte eine kleine Raucherpause.

Nun wurde ich doch etwas wach. Über ihren Kopf machte ich einen Termin bei meiner Ärztin. Alls ich es ihr sagte, das wir zum Doktor müssen, hing der Haussegen erst einmal richtig schief. Sätze fielen wie,„nun rede mir doch keine Krankheit ein,“ oder, „kümmere Du dich mal lieber um das Haus als das Du mich immer beobachtest.“

Mit Engelsgeduld und sehr langen zureden willigte sie nun doch endlich ein. Irgendwie hatte ich den blöden Verdacht, das sie denkt ich will ihr was böses. Sie verstand es einfach nicht das ich mir große, sehr große Sorgen machte. Seit Wochen wurde sie immer blasser im Gesicht und ihr abnehmen nahm beängstigende Formen an. Sie war ja von Hause aus schlank, aber nun wurde sie dünner. So dünn, das es sogar mir auffiel.

Der Besuch bei der Ärztin in Lippe ließ erst einmal eine kleine Bombe platzen. Sie schaute sich meine Frau nur kurz an und sagte: “Mensch Mädel, normalerweise müsste ich Dich sofort in einem Krankenhaus einweisen, denn mit Dir stimmt doch gar nichts.“ Da wurde aber meine Anita munter.“Ich ins Krankenhaus? Nie!“Sie stand auf und verließ die Praxis. Die Ärztin hatte noch nicht einmal die Möglichkeit ihr Blut abzunehmen. Etwas bedröppelt stand ich nun da und wusste nicht was ich machen sollte.

„Das geht nicht gut,“ sagte die Ärztin,„das geht nicht gut. Wenn Dir an Anita was ungewöhnliches auffällt, Fackel nicht lange und ab mit ihr in ein Krankenhaus.“ Ich brauchten nicht lange darauf zuwarten. Wir saßen beide am PC. Unsere kleinen Schreibtische standen uns gegenüber und ich konnte sie dabei aus den Augenwinkeln sehr gut beobachten. Ich kann mich noch sehr genau erinnern was ich sie fragte, denn dieser Vorfall hat sich bei mir unauslöslich eingebrannt.„Was machst Du?“ Keine Antwort. „Ey Anita, was machst Du gerade? Bist Du am Chatten?“ Wieder keine Antwort. Misstrauisch beobachtete ich sie. Sie starrte unentwegt mit starren Augen auf den Monitor und hatte nicht die geringste Bewegung im Gesicht. Da stimmt was nicht, dachte ich, und wollte gerade aufstehen, da geschah für mich etwas unfassbares. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse und der gesamte Körper zuckte wie wild. Ich sprang auf und konnte sie gerade noch auffangen bevor sie von ihren Stuhl fiel. Ich legte sie vorsichtig auf dem Fußboden und wusste nicht was ich nun machen sollte. Das zucken und das wild um sich schlagen wurde immer schlimmer. Blut lief aus ihren Mund. Ich geriet in Panik und schüttelte sie. Es ist mir klar das das sehr dumm von mir war, aber ich hatte Angst. Scheißende Angst. Mit einem mal wurde ihr Körper wieder ruhig und sie entspannte sich. Dieser Anfall dauerte nur ein bis zwei Minuten. Doch für mich war es eine unendliche Ewigkeit. Ihr Körper regte sich wieder und sie setzte sich aufrecht auf dem Fußboden. “Aua aua meine Zunge,“jammerte sie. Erst dann kam die Frage:„Was mache ich hier auf dem Fußboden? Wo kommt denn das Blut her?“ Ich konnte ihr darauf keine Antwort geben. Sie hatte sich sehr kräftig auf die Zunge gebissen, daher das viele Blut. Aber sie willigte schließlich ein, das ich sie in ein Krankenhaus fahre. Auf der Fahrt dorthin war sie wieder fast die Alte. “Wer weiß was das war, lass uns doch einfach wieder umkehren, mir geht es doch schon wieder gut.“ Ich ließ mich nicht beirren und fuhr weiter. Dann erreichten wir das Krankenhaus und Anita wurde doch zusehends nervöser.„Müssen wir wirklich darein?“,fragte sie ängstlich. Beruhigend redete ich auf sie ein.„Schaumal Anita, es muss doch eine Ursache haben das Du einen Krampfanfall bekommen hast. Nun sind wir doch hier und Du kannst dich in Ruhe untersuchen lassen.“ Sie musste mir notgedrungen Recht geben. Ein wirklich Super Krankenhaus. Ein Krankenhaus mit allen Schikanen. Ich werde sicherheitshalber nicht das Krankenhaus mit seinen Namen benennen, denn ich befürchte, das ich nachträglich eventuell eine Klage wegen Rufmord angehängt bekomme. Die Erste große Schikane war die Notaufnahme. Erst einmal Papiere ausfüllen. Meine kleine Einwendung, das ich das doch für meine Frau schon vorher machen kann und in dieser Zeit wird meine Frau untersucht wurde abgeschmettert mit den Worten:„Sind Sie der Patient oder Ihre Frau?“ Circa zwei Stunden später bequemte sich ein Arzt endlich zu erscheinen. “Nun erzählen Sie mal warum Sie hier sind, Sie machen doch einen recht gesunden Eindruck.“ Anita, sowieso angeschlagen, versuchte zu erklären was vor gefallen war. Ihre Einlassung das sie sich an nichts erinnern kann, wurde nur mit einem Kopfschütteln quittiert. Unbeholfen stand der Arzt vor Anita. Ich dachte, wenn der ein Arzt ist, dann bin ich Professor Sauerbruch. Und er meinte doch allen Ernstes, das so ein Anfall schon einmal vorkommen darf. Fassungslos starrte ich ihn an.

Meine Einlassung ob das die gesamte Untersuchung war wurde etwas schimpfend abgetan.

“Was soll ich Ihrer Meinung denn machen?“ Ich wagte einzuwenden: „CT? MRT? Kopf? Röntgen?“ „Na soweit kommt es noch,“meinte er.„Ich lass mir doch von einem Patienten nicht meine Arbeit vorschreiben. Ihrer Frau geht es doch wieder gut und ich kann außer der verletzten Zunge nichts auffälliges feststellen. Wir können ja mal den Blutdruck messen und ansonsten gehen Sie zu Ihren Hausarzt und der wird alles andere dann veranlassen.“

Der Blutdruck war extrem zu hoch. Er lag bei 280 zu 140. Selbst ich als Laie wusste das meine Frau kurz vor einen Schlaganfall stand.

„Na sehen Sie.“,meinte der Arzt, oder was er war,„da haben wir die Ursache doch schon. Ich gebe Ihrer Frau jetzt eine Spritze um den Blutdruck abzusenken und Sie werden sehen dann geht es ihr wieder besser.“

Nach langen dreißig Minuten erschien endlich eine gestresste Schwester mit einem Tablett auf dem die Spritze lag. „Der Doc kommt gleich.“,und weg war sie. Wieder Endloses warten und dann erschien der Gnädigste endlich. Er setzte die Nadel an und verfehlte prompt die Vene. Als ich einen kleinen Kommentar dazu gab,„das müssen wir wohl erst einmal lernen.“,da wollte er mich doch wirklich aus dem Untersuchungszimmer raus werfen. Super, wirklich Super! Dachte ich. Genau an dem richtigen Arzt gelandet. Auf ihren linken Arm in der Beuge bildete sich ein hässlich roter Fleck. “Sie haben sehr dünne Venen, die zu treffen ist fast schon eine Kunst,“ murmelte er. Dieses mal saß die Nadel richtig. Anitas Schmerz verzogenes Gesicht nahm er nicht zur Kenntnis. „So das war es, wenn noch etwas sein sollte wissen Sie ja wo wir sind.“

Kein Pflaster auf den blutenden Einstich, kein freundliches auf Wiedersehen oder alles Gute, nichts, Tür auf und weg war er. „Und nun?“,fragte Anita.

„Müssen wir noch warten oder können wir gehen.“

Nichts wie weg hier dachte ich. Nur weg hier. Missmutig fuhren wir nach Hause und auf der Rückfahrt durfte ich mir noch mehrere Kommentare von Anita anhören. „Siehst Du, ich hab es Dir doch gleich gesagt, es ist nichts, nur zu hoher Blutdruck.“

Mir wurde es sofort klar, sollte nur noch einmal etwas bei Anita vorkommen, wird es für mich verdammt schwer sein sie zu bewegen wieder in eine Klinik zu fahren. Das kann ich vermutlich erst einmal knicken. Die Injektion hat aber volle Wirkung gezeigt. Sie war wieder die Ruhe selbst.

“Wenn nur die verdammten Kopfschmerzen nicht wären, dann würde es mir gut gehen.“,meinte sie.

Wir waren zu Hause angelangt und mühsam stieg sie die Treppe zum Schlafzimmer rauf. Schlafzimmer, Bad und so etwas ähnliches wie ein Büro, war eine Etage höher. Das wollten wir schon damals immer haben.

Diesen Wunsch haben wir uns auch erfüllt. Aber das ich das mehrfach bereuen würde, daran dachte ich bisher noch nicht. Ich kann nicht genau sagen wie viele Monate vergangen waren als das Unheil weiter seinen Lauf nahm. Das Haus war fertig und der riesige Garten war nun wunderschön. Auch einen sehr großen Teich haben wir in eigen Arbeit angelegt.

Anita schwang auch oft die Schippe und machte fleißig, sehr fleißig mit. Mein Protest, das es doch zu schwer für sie war, wurde wie immer überhört. Auch meine Kinder schufteten, wenn sie mal Zeit hatten, kräftig mit, aber als wir endlich fertig waren, konnten wir uns an dem wirklich gut angelegten Teich setzen und uns entspannen. Diese Arbeit hat sich wirklich gelohnt. Auf jedenfall für unseren Waldschrat Rolf! Der nahm immer den schönsten Platz in Anspruch. Na gut, so entlüftet der Kerl wenigstens etwas! Unser Plan war, nun in Ruhe Alt werden und uns an den schönen Grundstück und dem neuen großem Haus zu erfreuen. Tja, daraus wurde ja wohl nichts. Denn in wenigen Tagen platzten unsere gesamten Träume wie eine Seifenblase. Vorausschickend möchte ich noch sagen, das sich meine Frau wieder erholt hatte. Auch eine leichte Gewichtszunahme war zu verzeichnen. Sie zog zwar immer noch das linke Bein beim laufen nach. Aber daran haben wir uns alle gewöhnt. Auch das sie sehr langsam lief war für mich und meinen Kindern normal geworden. Dauerte eben alles etwas länger. Nur ihre verdammten Kopfschmerzen blieben. Ab und zu konnte sie Minutenlang den linken Arm nicht bewegen. Aber wie gesagt, ihr ging es soweit gut. Nur ihre momentane Vergesslichkeit dagegen raubte mir manches mal den aller letzten Nerv. Auch meine Kinder stöhnten schon, wenn es hieß,ups, das hab ich vergessen. „Meine Güte Anita, wenn du hohl in der Birne bist, dann schreibe dir das doch alles auf. Dann brauchst du nur noch alles abhaken und schon gibt es kein Theater mehr.“

Mein Wutausbruch brachte mir nur wieder ihren Stinkefinger ein. Aber wie gesagt, sie vergaß eben die Hälfte. Alles reine Gewohnheit. Der darauf folgende Kommentar machte mich wieder sprachlos. „Sei du nur zufrieden das ich dich nicht vergesse, dann musste endlich mal richtig kochen lernen.“

Puh, wo sie Recht hat, hat sie Recht. Ich ermahnte meine Kinder sich nicht mehr lustig über ihre Vergesslichkeit zumachen. Das viel zeitweise schwer, weil es manches mal auch wirklich sehr lustig war, aber es war durchaus machbar.

In der darauf folgenden Nacht begann für uns alle eine Odyssee. Das was wir und Anita erlebten ist unbeschreiblich. Ich versichere, das es fast der Wahrheit entspricht und ich kaum etwas dazu gedichtet habe. Alles, aber auch alles trug sich fast wirklich so zu wie ich es nun versuche zu beschreiben. Es fällt mir schwer, sehr schwer die Vergangenheit wieder hervor zu holen. Erinnerungen werden wach, schreckliche Erinnerungen und beim schreiben habe ich einen dicken Knoten im Hals. Meine Hände zittern vor Wut, denn für mich ist es unbeschreiblich was ein Mensch so alles aushalten muss wenn er von einen total falschem Ärzteteam behandelt wird.

Von Onkologen(Krebsärzte) hatten die keinen blassen Schimmer. Auf dieser Station, auf der sie später liegen musste, lagen fast nur Knochenbrüche, aber ausgerechnet nur auf dieser einen Station war ein Bett frei. Genau dorthin wurde meine Frau verlegt.

Für mich ist es doch genauso, als wenn ich einen besoffenen Führerscheinlosen Radfahrer einen mehr als überfüllten Linienbus anvertraue. Aber das konnten wir bis dahin nicht wissen. In dem Glauben das nun alles wieder gut wird, waren wir voller Hoffnung und Zuversicht. Hoffnung das Anita nur ein paar Tage in dem Krankenhaus bleibt. Die Ursache gefunden wird und raus aus dem Laden.

Es war eine sehr trügerische Hoffnung. Schnell, sehr schnell wurde meine Familie und ich eines besseren belehrt. Aber von vorne. Ich werde versuchen die Nacht sehr genau zu schildern, auch wenn die Emotionen am kochen sind. Gegen 22 Uhr gingen wir zu Bett. Anita meinte noch das es ihr heute wieder „Scheiße“geht. Aber das hörte ich die Woche bald zwanzig mal. Ich knurrte nur,„na ja wie immer“. Ein kurzes gute Nacht und schlafe recht schön und ab war ich im Reich der Träume. Es war etwa drei Uhr Nachts, da wurde ich unsanft mit einen lautem Schrei geweckt. Laut, sehr laut! Ein sehr Schmerzhaftes langgezogenes ahhhhhhhhhhhh. Dann wurde es plötzlich beängstigend still. Was war das? Hatte ich nur schlecht geträumt? Ich tastete nach der Nachttischlampe und machte erst einmal das Licht an. Anita schien tief und fest zu schlafen. Sie lag ruhig, sehr ruhig mit geschlossenen Augen in ihrem Bett. Ich schaute sie mir etwas genauer an. War es doch kein Traum? Ich bemerkte, das sie keinen Atemzug mehr machte. Jedenfalls ihr Brustkorb hob und senkte sich nicht. Nun geriet ich in Panik. Ich schüttelte sie kräftig und rief dabei lautstark ihren Namen. Nichts, aber auch gar nichts geschah!Keine Regung. Ihre linke Hand lag verkrampft auf den Unterarm. Voller Panik und Angst und Verzweiflung machte ich einen groben Fehler. Ich versuchte ihre Hand wieder in einer normalen Position zu bringen. Das ging nicht. In meiner Hilflosigkeit rannte ich zum Telefon und wählte die bekannte Notrufnummer.

Nun musste ich erst einmal einige Fragen beantworten.“Wie Alt ist Ihre Frau?“ „Fünfundvierzig.“ “Ist sie bei Bewusstsein?“ „Nein!“ „Atmet sie noch?“ „Ich glaube nicht.“ „Bleiben Sie ruhig und machen Sie nichts, der NRW kommt gleich“.

Ich konnte und wollte doch nicht einfach tatenlos herumsitzen! Wie war das mit einer Wiederbelebung? Ich hämmerte wie ein bekloppter auf ihren Brustkorb herum. Dabei hatte ich ihr wohl zwei Rippen angeknackst. Meine Bemühungen waren umsonst. Keine Regung! Verdammt ich war noch nicht angezogen und rannte immer noch im Adamskostüm herum. Schnell zog ich mich an und machte im ganzen Haus das Licht an. Der Rettungswagen sollte mich ja auch finden. Anita stöhnte mit einem mal laut auf und ihre linke Hand entkrampfte sich. Was nun? Ich musste auch raus auf die Straße laufen, denn wir wohnen richtig versteckt im Wald. „Wer sind Sie denn? Was ist denn los?“, fragte sie mich. Dann erkannte sie mich wieder.„Was ist denn geschehen? Wo bin ich eigentlich? Aua meine Hand.“ Ich versuchte ruhig zu bleiben.

„Bleib schön liegen und nicht aufstehen.“

Sie schaute mich etwas irritiert an. Sie wusste von nichts und war sich überhaupt nicht im klaren das irgend etwas nicht stimmte. Ich suchte nach einer Taschenlampe und rannte die Treppe runter. Und richtig! Nach zwanzig Minuten fuhr der Rettungswagen langsam an unserer sehr langen Ausfahrt vorbei. Ich winkte wie wild mit der Taschenlampe, doch auch der Notarztwagen fuhr langsam mit Blaulicht vorbei. Wertvolle Zeit verstrich für mich. Etwas später sah ich das Blaulicht wieder näher kommen. Ich rannte die hundert Meter bis zur Straße herunter. Meine Lungen pfiffen und ich bekam sehr schwer Luft. Nun wurde ich gesehen. Da der Rettungswagen auf unseren Hof nicht wenden konnte musste er rückwärts die sehr lange Einfahrt runter fahren. Die Notärztin parkte ihren Wagen an der Straße und war noch vor dem Rettungswagen bei mir. Beim laufen wollte sie wissen wie und was passiert ist. Mit kurzen Worten erzählte ich ihr was mit meiner Frau geschehen ist und das meine Frau wieder bei Bewusstsein ist.

Zielbewusst und sehr Bestimmt zeigte sie den nun endlich auftauchenden Sanitätern was sie für eine schnelle und gute Untersuchung brauchte. Drei Personen folgten mir in das obere Stockwerk zu dem Schlafzimmer. Anita saß im Bett und verstand die Welt nicht mehr. Irritiert schaute sie uns an.

Die Notärztin war noch eine sehr junge Frau. Aber für mein dafürhalten mit jeder Menge Erfahrung. Sie eierte nicht herum sondern wusste genau was sie wollte. Die erste Frage an Anita war:„Wann sind Sie denn geboren?“ Sie wusste es nicht und schaute mich dabei fragend und hilfesuchend an.

„Da stimmt was hinten und vorne nicht,“ meinte die Ärztin.„Wir machen erst einmal ein EKG.“,sagte sie. Dabei erzählte ich ihr von Anitas kontinuierlichen Kopfschmerzen, von ihren epileptischen Anfällen und der Handverkrampfung. Auch das sie für mich nicht geatmet hatte. Ruhig erklärte sie mir, das der Körper in einer Schutzhaltung geht wenn Gefahr droht. Die Atmung hätte ich nie wahrnehmen können.

Ich erzählte ihr auch von meinen sehr erfolglosen Wiederbelebungsversuchen und wie ich versuchte ihre linke Hand wieder gerade zu biegen. Ihre Meinung darüber war für mich sehr niederschmetternd. Innerlich war ich sowieso aufgewühlt und dann musste ich mir noch sagen lassen:„Wenn Sie nichts gemacht hätten wäre das für Ihre Frau besser gewesen. Hoffentlich haben Sie ihr nicht die Hand sehnen zerstört und keine Rippen gebrochen.“ Das hatte mir gerade noch gefehlt. Genau diesen Satz hatte ich noch gebraucht, nervlich sowieso schon am Ende und nun noch ein schlechtes Gewissen. Bravo! Das EKG war soweit in Ordnung aber die Misstrauische und sehr Resolute Notärztin ließ nicht locker. „Da stimmt aber was nicht,“ meinte sie.„Ihre Frau bekommt ja überhaupt nichts mehr mit. Wir fahren mit ihr in das Krankenhaus!“ Meine Frau schaute zwar munter durch die Gegend aber sie registrierte nicht was um sie herum geschah. Die Ärztin gab Anweisung eine Trage zu holen. Und nun gab es die ersten Probleme. Die Trage passte nicht um die Treppenkurve. Was nun? Aber die Sanitäter hatten wohl schon gewisse Routine oder Erfahrungen gesammelt. Ich wurde nach einen Küchenstuhl gefragt. Darauf setzten sie meine Frau.

Vorsichtig und mit viel Umsicht wurde sie nach unten getragen. Anita hielt sich auch krampfhaft an dem Stuhl fest. Aber warum und weshalb sie herunter getragen wurde und nicht laufen sollte, das registrierte sie nicht. Hilfesuchend sah sie mich an.

“Keine Angst, ich komme gleich hinterher. Du wirst doch nur untersucht,“ munterte ich sie auf. Mit Blaulicht ab in meinen Lieblingskrankenhaus. Vorsichtshalber weckte ich noch telefonisch meine Kinder und erstattete Bericht. Wenn ich schon nervlich zu Fuß bin, dann sollen die auch etwas davon haben! Für lange Diskussionen hatte ich keine Zeit und sagte nur, im Krankenhaus erkläre ich euch alles.

Ich hatte mir fest vorgenommen das es mächtig Stunk gibt, wenn der selbe Doc dort wieder rumeiert, der meine Frau schon einmal angeblich untersucht hat.

Aber nein. Sie wurde sehr gut Untersucht und auch ich wurde oft und zielstrebig befragt. Zwischenzeitlich wurde ihr Blut abgenommen und sofort in einem Labor gebracht. Der Arzt gab mir leicht etwas Hoffnung das dieses Krankenhaus doch nicht so ein großer Misthaufen ist. Die Befragung meiner Frau ging weiter. Welchen Tag wir haben, wann sie geboren ist, was es heute zu Hause zum Mittagessen gab und wie spät wir es haben. Sie schaute auf die Uhr.„Na halb fünf Nachts,“ antwortete sie. Siehe da, sie war wieder vollkommen anwesend. Nun stellte sie auch Fragen. Sie wollte wissen, wer sie hierher gefahren hat und was mit ihr los sei. Der Arzt erklärte ihr ruhig was mit ihr geschehen ist und das sie sich in einem Krankenhaus befindet.

Etwas niedergeschlagen versuchte sie sich hinzusetzen. Zwangsweise musste sie sich ja mit beiden Armen abstützen. „Aua aua meine Hand,“jammerte sie.

Sofort war der Doc zur Stelle und schaute sich die Hand und den Arm genauer an.„Ist ihre Frau aus dem Bett gefallen?“, wollte er von mir wissen.

Verlegen schaute ich ihn an und erklärte ihn wie es sich zugetragen hat.„Die Hand lag flach auf den Arm und ich wollte sie doch nur wieder in ihrer alten Position bringen.“ „Tja“, meinte er,„das ist manchmal Richtig, aber diesmal war es verkehrt. Aber Sie haben wenigstens versucht, schnell zu helfen.“

Das baute mich ein klein wenig auf.

„So,“meinte der Doc,“noch schnell ein EEG und dann sehen wir weiter.“ Das EEG war wohl doch sehr niederschmetternd. Selbst der Arzt traute seinen Augen nicht! Lange schaute er auf die Auswertung. Er murmelte nur, das er solche Daten schon lange nicht mehr in der Hand gehalten hat. „Tja liebe Frau Maaß, Sie müssen leider hier bleiben,“ meinte er.

Er telefonierte kurz und wir mussten in den zweiten Stockwerk fahren. Vorher wurde meine Frau in einem Bett gelegt und ich marschierte hinterher. Eine Krankenschwester nahm uns in Empfang. Sie wandte sich an mich und gab mir mit lauter Stimme Order wieder nach Hause zu fahren und ein paar Sachen zu holen. Die muss früher einmal bei der Bundeswehr gearbeitet haben, dachte ich!

In der Zwischenzeit sind mein Sohn Frank und meine Tochter Nicole eingetrudelt.„Bleibt Ihr solange hier bis ich wiederkomme?“ Sie waren auch leicht übernächtigt, aber sie blieben.

Ich ab nach Hause, schnell alles in einem kleinen Koffer geschmissen und wieder zurück. Meine Kinder warteten schon auf mich und sie zeigten mir das Zimmer in dem meine Frau nun wohl doch einige Zeit bleiben wird. Anita war der Meinung das wir ruhig alle nach Hause fahren könnten. Gerne nahmen wir das Angebot an, denn draußen wurde es schon hell, aber von Müdigkeit war bei uns keine Spur mehr. Zuhause angekommen wurde erst einmal bei einer Tasse Kaffee, die meine Tochter machte, heftig diskutiert. Aber über eines waren wir uns im klaren, wir werden noch jede Menge Sorgen vor uns haben. Wir einigten uns darauf, das wir meine Frau abwechselnd besuchen werden. Das heißt, ich jeden Tag und die Kinder wie sie Zeit haben.

Ich haute mich noch für drei Stunden aufs Ohr.

War das ein Mist, alleine im Bett zu liegen!

Der nächste Morgen war genauso trist wie mein Gemüt.Keinen frischen Kaffee heute morgen. Ich trank ein Glas Milch. Soll ja auch sehr gesund sein.

Missmutig würgte ich mir eine Stulle mit Margarine runter. Besser als gar nichts! Mein Appetit war gleich Null. Na ja dachte ich. Im Krankenhaus wird es ja wohl eine Cafeteria geben, dort kann ich ja dann etwas zu Mittag essen, dachte ich. Ich wollte gerade die Haustür abschließen, als Rolf an trabte.

Er wollte doch tatsächlich wissen, ob wir auch heute Nacht das Gepolter gehört haben. Was blieb mir übrig! Ich erzählte ihn, was vorgefallen war. Das hat ihn sichtlich mitgenommen. Er ist ja auch kein sehr schlechter Kerl. Nur seine Sauberkeit ist Gewöhnungsbedürftig! Nun aber ab in das Auto und wieder so um dreißig Kilometer fahren. Freudestrahlend öffnete ich ihre Zimmertür. Es war ein Einbettzimmer. Aber Anita war nicht anwesend. Ich fragte eine Schwester wo sie sein könnte. Diese hatte natürlich keine Ahnung. Ich wieder zwei Etagen runter. Sie ist bestimmt im Raucherzimmer. Auch nicht! Ich also wieder hoch. Irgendwo musste sie ja stecken.

Ein Weißkittel lief gerade den Flur entlang. Den fragte ich.„Ach Ihre Frau? Die ist zum MRT gefahren worden, kann aber eine Weile dauern bis sie wieder kommt.“ Ich bedankte mich freundlich und ging wieder zwei Etagen nach unten. Ab ins Raucherzimmer.

Gegen elf Uhr bin ich von zu Hause abgefahren. Ich wartete und wartete. Mein Hunger quälte mich und ich suchte nach der Cafeteria. Ich musste mir sagen lassen, das es so etwas in diesem Krankenhaus nicht gab. Ein kleiner Laden für Zeitungen und ein paar Hygieneartikel, mehr nicht! Bravo!

Gegen fünfzehn Uhr trudelte sie endlich ein.

In ihren rechten Arm steckten noch die Kanülen.

„Wo kommst du denn her?“,wollte ich wissen.

Sie lachte laut auf.„Ich wurde durch die halbe Stadt gefahren, den ein MRT oder CT Gerät ist hier leider Mangelware.“

Oh mein Gott dachte ich! Und so etwas schimpft sich Klinikum! „Und warum hast Du die Kanülen noch im Arm?“„Für das fiese Kontrastmittel und für alle weitere Untersuchungen und Behandlungen und für eventuelle Injektionen, die sind noch lange nicht fertig mit mir.“ Sie schaute mich vorwurfsvoll an.

An ihren Blick konnte ich erkennen das sie mir mehr oder weniger die Schuld für Ihren Krankenhausaufenthalt gab. Sie sah heute wieder besonders blass aus. Könnte aber auch an der Beleuchtung liegen.

Auch sie hatte großen Hunger.„Jetzt erst ein mal eine rauchen und dann etwas vernünftiges essen!“ Ich stimmte ihr zu. Wo ich aber etwas essbares finden sollte ist mir ein Rätsel. Ich brauchte mir meinen Kopf nicht mehr zerbrechen. Wir wollten gerade mit dem Fahrstuhl nach unten fahren um uns einen Sargnagel anzustecken, doch kurz davor wurden wir abgefangen.

„Sie müssen noch einmal zum Röntgen, kommen Sie mal gleich mit!“ Und weg waren sie. Also ich wieder alleine zum Raucherzimmer. Boa war das ein Dunst in dem Raum. Aber was sollte ich denn machen? Draußen war es mir zu kalt und durch meine übergroße Nervosität qualmte ich Kette. Gierig zog ich an den Glimmstängel und ich wurde auch prompt von einem etwas jüngeren Patienten angebettelt.„Haste mal ne Kippe übrig?“ Ich war in Geberlaune und reichte bereitwillig eine Kippe rüber. So kamen wir auch ins Gespräch. Die anderen Raucher schimpften auch.

Nichts, aber auch nichts kann man sich hier besorgen. Wer gut zu Fuß war konnte heimlich das Krankenhaus verlassen und sich außerhalb des Krankenhausgelände schnell etwas besorgen. Ich fragte den, der die Zigarette von mir geschnorrt hatte, warum er hier ist. Staunend hörte ich seine, für mich, wirklich abenteuerliche Geschichte. Vor knapp sechs Wochen ist er Nachts bei Glatteis ausgerutscht und hat sich das Bein gebrochen. „Vor sechs Wochen?“ staunte ich. Er lachte.“Die haben mich hier wohl vergessen,“ meinte er,“aber das macht nichts, denn im Moment habe ich so wieso keine Wohnung, den ich wollte an dem Tag gerade umziehen und dann kam der Unfall.“ Des weiteren wusste er zu erzählen, das er sehr selten aus seinem Zimmer raus kann. Der Rollstuhl wird ihn immer wieder geklaut. Auf der Station sind nur zwei Rollstühle vorhanden und die sind sehr heiß begehrt. Die seltsamsten Geschichten wurden mir heute erzählt. Keiner kannte seinen Arzt, denn die wechselten hier wohl alle zwei Tage. Na wenn das alles stimmte, dann Mahlzeit. Das kann ja noch heiter für uns alle werden. Jedoch war ich immer noch sehr optimistisch gestimmt, denn erzählen konnten die mir ja viel. Mittlerweile ist es schon siebzehn Uhr geworden und das Abendbrot wurde aufgefahren. Anita trudelte auch so langsam ein. Ihre erste Worte waren Hunger!

„Nun erzähl mir mal, was haste denn nun?“,wollte ich wissen.

„Na keine Ahnung, die Ärzte sagen einen doch hier überhaupt nichts!“,schimpfte sie.„Ich habe auch den Röntgenarzt gefragt und der hat nur gesagt, das wird Ihr Arzt mit Ihnen besprechen. Auch wegen angeblich zwei angebrochene Rippen“.

Ich nahm ihren kleinen Wutausbruch immer noch auf die leichte Schulter, konnte ja nichts schlimmes sein. Ich habe oft genug gehört und gelesen das es bei Frauen mittlerem Alter schon einmal vorkommen kann, das sie aus den Latschen kippen.

Ich schaute aus dem Fenster und musste leider feststellen das es fürchterlich am schneien war. Das hatte mir nun auch noch gefehlt.

Das Abendbrot wurde auf das Zimmer gebracht. Eine kleine Portion Butter, zwei Stullen, eine Scheibe Käse und ein kleinen Becher Marmelade. Dazu lauwarmen Kaffee. Anita wollte sich gerade ein Butterbrot beschmieren als sie laut los schimpfte. „Na das ist doch wohl eine Riesensauerei, so etwas gibt es doch nicht! Schau Dir das doch bitte einmal an!“ Irritiert schaute ich sie an. Wütend knallte sie mir die Stulle vor meiner Nase.

Ich konnte es wirklich nicht glauben, unfassbar! Das Brot war noch gefroren. Nun wurde ich sauer. Raus aus dem Zimmer und mir die nächste Krankenschwester gekrallt. Meine lautstarke Beschwerde wurde nur mit einem bitteren grinsen quittiert.

„Wir bekommen das Essen doch so geliefert. Daran können wir nichts ändern. Was regen Sie sich denn so auf? Machen Sie es doch wie alle Patienten hier, legen sie das Brot ein paar Minuten auf die Heizung und schon haben sie warmes frisches Brot“. Bei dieser Argumentation konnte oder wollte ich nicht mehr wechseln. Meine Einlassung ob es zum Frühstück Eiskaffee zum lutschen gibt, wurde mit den Worten abgeschmettert:„Wir sind hier nicht in einem Hotel sondern in ein Krankenhaus.“

Da konnte selbst ich nicht mehr dazu sagen.

Nun musste ich aber meine Frau so langsam alleine lassen. Ich hatte ihr auch das Handy mit gebracht.

Sie sollte mir eine SMS schicken oder anrufen wann ich kommen sollte. Noch ein kleines Küsschen, dann bis morgen und ich machte mich auf dem Weg.

Es hat bisher nicht aufgehört zu schneien und ich fuhr einen Opel Calibra, zwar gebraucht und schon etwas älter, aber sehr gut in Schuss. Leider auch tiefer gelegt. Die Heimfahrt kann ja noch heiter werden. Beim verlassen des Krankenhauses musste ich verwundert feststellen das dort jede Menge Pizza Boten herumrannten. Muss ja eine wirklich leckere Pizza sein wenn dort so viele Bestellungen sind.

Der freundliche Rollstuhlfahrer, der mit dem gebrochenen Bein, rollte mir über den Weg.

„Na? Haste Dein Chopper richtig verteidigt?“,wollte ich wissen.

“Hör bloß auf,“schimpfte er.“Ich bin doch tatsächlich mal in Ruhe am kacken und was passiert in der Zeit? Die klauen mir meinen Rollstuhl.“

„Na Du hast doch wieder einen fahrbaren Untersatz.“ Er grinste,„den hat mir ein Patient der laufen kann schnell geklaut, gleiches Recht für alle.“

„Haste schmacht?“,fragte ich.

„Oh geil, Du bist ne Wucht, ab morgen hab ich wieder selber Zigaretten. Da kommt mein lieber Besuch und der bringt mir jede Menge Zigis mit.“

Ab in den Raucherraum. Dort stand der Qualm wie eine dichte Nebelwand. Keine Abluft oder Fenster das geöffnet werden konnte. Ein Raum drei mal drei Meter. Von allen Seiten sehr gut Einsichtbar. So richtig auf den Präsentierteller. Immer nach dem Motto, soll jeder die haltlosen Raucher sehen. Wenn es nicht so bitterkalt wäre, könnte ich ja draußen rauchen. Aber was tut man nicht alles für eine sehr gesunde Lunge. Ich fragte ihn, was das denn für super Pizzen sind, die hier angeliefert werden. Vier Raucher waren in diesem Raum. Alle lachten laut drauf los. Nach Luft schnappend meinte einer:

„Super Pizzen? Ich lach mich weg. Die Kranken die hier liegen haben fast alle Hunger, oder haste nicht die Menge an Abendbrot gesehen“? Bei rund tausend Betten macht die Pizzeria ja ein tolles Geschäft.

Nun sah ich auch ein Zettel der an der Glasscheibe klebte. Pizzas außer Haus. Sie rufen an und wir bringen Ihre Bestellungen auf Ihr Zimmer ohne Aufpreis. Na ja dachte ich. Mal sehen was der morgige Tag so mit sich bringt. Es wird ja alles nicht so heiß gegessen wie es gekocht wird. Bei meiner Übermüdung und leeren Magen sieht man sowieso immer alles etwas düster und negativer. Ich redete mir ein, das der morgige Tag garantiert wieder besser verläuft und das ich meine Frau mit nach Hause nehmen darf. Missmutig suchte ich auf dem Parkplatz mein Auto. Ich hatte keine Ahnung mehr wo ich ihn abgestellt hatte. Es war auch schon dunkel, aber dafür alle Autos Schneeweiß. Was blieb mir übrig? Alle Wagen, die sehr flach waren, wischte ich mit der Hand etwas Schnee vom Auto. Siehe da, nach den siebten Wagen und fast abgefrorener Hand schimmerte mir schöner roter Lack entgegen. Das ist meiner dachte ich. Erst einmal die Frontscheibe mit den Händen von Schnee befreien um anschließend laut fluchend festzustellen, es war nicht mein Wagen. Mist! Also weiter meine Karre suchen. Meine Laune stieg so langsam ins Unermessliche. Ein Trost hatte ich, es suchten auch noch andere Besucher ihren Wagen.

Nach gut einer halben Stunde hatte ich meine Karre endlich gefunden. Schlimmer kann es nicht mehr kommen murmelte ich vor mich hin. Doch es kam schlimmer! Das Türschloss war eingefroren. Laut und für alle gut hörbar ließ ich meinen Frust freien Lauf.

„Verdammte Inzucht, geht denn heute alles schief?“ Die Menschen die in meiner Nähe waren dachten bestimmt ich habe nicht alle auf dem Sender. Das war mir aber Furz egal. Feuerzeug raus und den Autoschlüssel heiß gemacht. Nun konnte ich mich endlich in meinen Calibra fallen lassen. Im Schritttempo eierte ich nach Hause. Die Frontschürze von dem Calibra knirschte gewaltig. Wenn die heile blieb dann fresse ich einen Besen. Ich brauchte ihn nicht zu essen! Sie war im Eimer. Zu Hause angekommen jubelte ich vor Freude. Die Heizung war ausgefallen und es war arsch kalt in der Bude. Mein Hunger bringt mich auch noch um, aber es nützte nichts. Also rauf auf den Dachboden und erst einmal schauen warum diese verdammte Heizung nicht mehr geht. An der Gastherme blinkte ein Schriftzug mich höhnisch an.

Störung konnte ich lesen. Ich war kurz davor mir einen Hammer zu holen um der Therme meine Laune zu zeigen. Ein Knöpfchen gedrückt und schon sprang die Gastherme an. Mein Magen fing an sich lautstark zu melden. Er schrie nach etwas essbaren.

Es war genug im unseren Kühlschrank vorhanden. Nun müsste ich kochen können. Kaffee bekomme ich ja zur Not noch hin. Doch damit sind meine Kochkünste erschöpft. Bockwürste sehe ich da. Ein großes Glas dicke Bockwürste. Das werde sogar ich noch hinbekommen. Vier Würste rein in den Kochtop, den Herd auf volle Pulle gestellt und dann brauchte ich ja nur noch warten bis das Wasser kocht.

In der Zwischenzeit kletterte ich noch einmal auf den Dachboden um nach der Heizung zu schauen.

Bravo sie lief. Zumindest bekomme ich heute irgendwann noch ein warmes Schlafzimmer. Wieder runter und nach meinen gutem Nachtmal schauen. Das war wohl nichts. Das Wasser kochte wie blöde und alle vier Bockwürste sahen aus als wenn eine Granate in dem Kochtopf explodiert ist. Lecker, wirklich sehr lecker! Die Würste von heute taugen auch nichts mehr. Alle geplatzt! Zwei Würste würgte ich mir rein. Schmeckten nicht nach mir und nicht nach ihn. Was sollst, der Hunger treibst rein. Mir fehlte nur noch, das der Yeti hier aufschlägt und mir gutgemeinte Ratschläge gibt.

Ich brauchte nie das kochen oder das Braten zu erlernen. Ich setzte mich hin und das Essen wurde mir immer lecker und fertig serviert.

Ich räumte noch den Geschirrspüler ein, machte ein wenig die Küche sauber, obwohl alles sauber war, und schielte nebenbei auf mein Handy. Noch immer keine Nachricht von Anita. Hoffentlich kann meine Kleene gut schlafen. Nach langen Jahren musste ich dieses mal doch wieder alleine ins Bett gehen. Das war ein wirklich scheiß Gefühl. Betten hatte ich auch noch nicht gemacht. Wann denn auch. Etwas traurig schaute ich auf das Bett wo sonst meine Frau schlief.

Nur die blöde Katze schnurrte auf ihren Kissen.

Die arme Anita, wie mag es jetzt wohl in ihrer Seele aussehen? Ob sie Angst hat? Bestimmt hat sie das.

Sie war es ja auch nicht gewohnt von mir getrennt zu sein. Es hatte schon seinen Grund, das wir beide die siamesischen Zwillinge genannt wurden. Ich duschte noch kurz und legte mich dann schlafen. Zumindest versuchte ich zu schlafen. Doch ich war immer noch zu aufgewühlt. Immer wieder hörte ich ihren lauten und langgezogen Schrei. Alles mögliche schoss mir durch den Kopf. Ich redete mir ein, das es nicht schlimmes sein kann was sie hat. Sie war ja immer Krankhaft gesund gewesen. Außer mal eine kleine Erkältung, oder ihre angeknackste Wirbelsäule meldete sich ab und zu. Ansonsten hatte sie nie irgendwelche gravierende Beschwerden. Warum sollte ausgerechnet bei ihr was sein? Nur langsam konnte ich mich beruhigen. Die Idiotie dabei ist ja, als ich mich auf die Seite drehte, dann laut sagte:„Gute Nacht Anita und schlafe recht schön.“

Na ja, macht der Gewohnheit! Gegen acht Uhr morgens wurde ich wach. Ich war wie gerädert. Das war eine scheiß Nacht! Wie gewohnt tastete ich nach rechts zum Bett. Doch das Bett war leer.

Normalerweise würde jetzt gleich mein Kaffee kommen. Frisch gebrüht an das Bett. Doch dieses mal geschah nichts. Äußerst Übel gelaunt kletterte ich immer noch übermüdet aus der Schlummerkiste. Zumindest ist die Heizung nicht wieder ausgefallen.

Noch splitternackt musste ich leider an das Telefon gehen. Meine Tochter war am anderen Ende der Leitung und wollte wissen ob ich schon etwas neues weiß. Das konnte ich nur verneinen. Ich konnte ihr aber sagen, das ich gleich hinfahre und wenn es etwas zu berichten gibt sage ich ihr Bescheid.

Ich legte auf und es klingelte wieder. Diesmal war es mein Sohn. Der wollte das gleiche wissen.

Die Fürsorge und Anteilname baute mich ein klein wenig auf. Zumindest stehe ich nicht mit einem Berg voller Probleme alleine da. Missmutig und leise vor mich hin meckernd zog ich mich an. Kurze Katzenwäsche und der Tag kann beginnen. Hoffentlich nicht so wie der Gestrige. Ich schielte auf das Handy.

Noch immer keine Nachricht von meiner Frau. Wenn sie länger dort in diesem Krankenhaus bleiben sollte, werde ich für sie ein Telefon beantragen müssen. Dann kann ich, die Kinder und Bekannte oder Freunde sie wenigstens zu jeder Tageszeit erreichen.

Nun erst einmal in aller Ruhe frühstücken.

Wie funktioniert denn eigentlich so eine moderne Kaffeemaschine? Der alte Filter ist noch drin.

Wasser kommt hinten in den Behälter rein. Ist doch total einfach! Also neuer Filter und Kaffee rein.

Zehn Teelöffel müssten ja für zwei Tassen reichen. Einschalten und fertig. In der Zwischenzeit suchte ich nach etwas essbaren. Mist! Kein Brot mehr da! Was plätschert eigentlich hinter mir? So eine Sauerei! Ich müsste ja auch die Kaffeekanne runter stellen. Na gut, dann erst einmal die Arbeitsplatte wieder reinigen. Wer keine Arbeit hat der macht sich welche. Trotzdem, irgend etwas essbares muss ich in meinen Magen haben und ich kann nicht nur von Zigaretten leben. Die scheiß Würste von gestern Abend! Da musste eine herhalten. Pfui deibel war das ein Mist! Ich hatte sie über Nacht in dem Wasser gelassen. Danach schmeckten sie auch. In der Not isst der Bauer die Wurst auch ohne Brot.

Der Kaffee war fertig. Ein einziger Schluck und ich spuckte diese Brühe quer über den Tisch! Das kann doch wohl nicht Wahr sein! Ich bin zu blöde um Kaffee zu kochen! Also wieder den Putzlappen schwingen und alles schön sauber machen. Der Tag fängt ja gut an. Sehr gut sogar. Weiter so, ich brauch das!

Trübsinnig starrte ich aus dem Fenster. Mitte November, der Himmel war wie mein Gemüt, Grau und trist. Es schneite wieder. Ich Endschloss mich, nur um mich etwas abzulenken, erst einmal die Wohnung einer sehr gründlichen Reinigung zu unterziehen.

Keine Ahnung wie ich das machen soll! Das brauchte ich bisher auch niemals tun. Also, den Staubsauger geschnappt und dann quer durch die Wohnung.

Obwohl meine Frau das alles mit Sicherheit schon sauber gemacht hatte. Irgendetwas musste ich doch machen. Sonst drehe ich noch durch. Ein leichter Modergeruch stieg in meiner Nase. Rolf stand hinter mir. Er wollte auch wissen was es Neues gab. In kurzen knappen Worten erstattete ich Bericht. Das Telefon klingelte. Anita war am anderen Ende der Leitung. Ich freute mich. Sie wollte auch Fernsehen, daher musste sie ein Telefon anmelden. Ich sollte ihr Unterwäsche, Handtücher, ein paar Kuchenstücke und jede Menge Zigaretten mitbringen.„Gibt es etwas Neues?“, wollte ich wissen.

„Nichts Neues, außer das ich wieder einmal angezapft wurde und in der Zwischenzeit wurde mein Frühstück abgeräumt.“

Eine Kanne Kaffee wollte sie auch haben.

Scheinhallig beteuerte ich, das doch Kaffee kochen nun wirklich keine Kunst sei. Innerlich war ich etwas sauer. Noch nicht einmal Kaffee für zwischendurch gibt es in diesem Krankenhaus für die armen Patienten. Ob die da nicht am verkehrten Ende sparen? Ich versprach ihr alles mitzubringen.

Kaffee? Ich ran ans Telefon und fragte meine Tochter wie ich den Kaffee machen muss. Da hatte sie doch endlich einmal Oberwasser! Sie konnte ihren alten Herrn etwas höhnisch erklären.„Pro Tasse ein Teelöffel gemahlenen Kaffee, mehr aber nicht,“ meinte sie. Meine kleine Überschwemmung erwähnte ich sicherheitshalber nicht, das würde sofort die Runde in meiner Familie machen. Noch einmal die Kaffeemaschine anwerfen, etwas warten und dann genüsslich eine rauchen und mir den selbstgemachten heißen Kaffee reinziehen. Rolf durfte auch nicht fehlen.

So früh ist der Kerl noch nie aufgestanden. Doch er hatte wirklich Anstand. In der rechten Hand, die Finger gelb vom Nicotin, eine Zigarette. Ungerührt blieb er in der Küche stehen und belauschte meine Gespräche. Dieser Duft von dem Kerl! Super!

Und dann konnte ich endlich zu meiner Frau fahren.

Nichts vergessen? Warmhaltekanne ist voll, Milch ist auch drin, die drei Handtücher habe ich, Unterwäsche suchen und finden, habe ich. Zigaretten, habe ich.

Beinahe vergessen! Meine Perserkatze noch füttern.

Verdammt, das hatte ich total vergessen. Ihr Name ist Brandy. Wieso lag die heute nicht im Bett? Das macht sie doch sonst immer. Erst einmal nach ihr schauen. Sie lag lang und faul ausgestreckt im Wohnzimmer auf dem Sofa und war am knacken. Als sie mich sah schaute sie nur kurz auf und rollte sich wieder zusammen. „Blödes Vieh,“ murmelte ich.„Ignoriere mich nur! Genau das brauche ich jetzt.“

Den Wagen wieder von Schnee befreien und ab zu einem Bäcker. Ich musste ihr ja etwas zum essen holen. Das geht ja nun gar nicht. Liegt in einem Krankenhaus und bekommt nichts zu essen. Denen werde ich heute mal den Marsch blasen! Gegen Mittag trudelte ich dort ein. Suchte lange nach einen Parkplatz, den ich mir auch genau merken konnte. Ich hatte keine Lust mehr wieder jede Menge fremde Autos vom Schnee zu befreien. Freudestrahlend und voller guter Dinge betrat ich das Krankenzimmer.

Nun stand noch ein Bett in dem Raum. Verdammt eng jetzt hier. Darin lag eine ältere Dame die mir sagte, das Anita noch einmal zur MRT weggefahren wurde. Zumindest registrierte ich, das ein Mittagessen auf ihren Nachtschrank stand. Also wieder nach unten fahren in das Raucherzimmer. Das gebrochene Bein war auch da. Nur ohne Rollstuhl!

„Wie bist Du denn hier runter gekommen,“wollte ich wissen.

Grinsend erklärte er mir, das er sich zwei Krücken geklaut hat. „Ich hab die Schnauze voll bis oben hin! Mein Kumpel holt mich gleich ab, denn ich habe mich selbst entlassen. Merkt sowieso keiner wenn ich nicht mehr da bin.“ Wir unterhielten uns noch eine Weile und dann wurde er abgeholt. Schade, wirklich schade. Er war eigentlich ein sehr netter Kerl. Aber wie es in einem Krankenhaus nun mal so ist, es ist wird immer jemand zum labern da sein.

Jeder der ein wenig laufen konnte hatte reichlich Langeweile. Dadurch erfuhr ich aber auch, das nur die Station, auf der meine Frau lag, so verrufen ist. Dort werden bestimmt immer die neuen Assistenzärzte zur Weiterbildung hingestreckt.

Mittlerweile war es fast zehn Zigaretten später und gegen fünfzehn Uhr. Nun wurde meine Frau doch endlich zurück gebracht. Ihr ging es nicht gut. Das Kontrastmittel für die MRT vertrug sie nicht. Aber jetzt wollte sie erst einmal eine rauchen und dann etwas essen.

Wie gut das ich ihr die Kuchenstücke mitgebracht habe. Sie hatte nichts aber auch nichts im Magen. Ich betrachtete sie mir etwas genauer und musste dabei feststellen das sie wieder erschreckend an Gewicht verloren hatte. Merkwürdig das ist mir vorher nicht so extrem aufgefallen ist. Das hält sie nicht mehr lange durch dachte ich. Irgendwann, dann klappt sie zusammen.

Wir fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben und dabei erfuhr ich aber auch, das die neue Patientin die in ihr Zimmer geschoben wurde, Magenkrebs hat. „Meine Güte,“meinte Anita,„die arme Frau ist nur noch am Kotzen, nur gut, das ich so etwas nicht habe.“

Tür auf und rein! Das war klar! Das Essen war wieder weg. Wutschnaubend machte ich mir draußen im Flur etwas Luft.

Laut, sehr laut schimpfte ich:“Wollt Ihr eure Patienten hier verhungern lassen? Wenn ihr dringend leere Betten braucht, kann das doch wohl auch anders geregelt werden.“

Die armen Schwestern, die konnten bestimmt nichts dafür. Aber so etwas darf es doch nicht geben. Ein Koloss von Schwester dampfte heran.

„Nun beruhigen Sie sich doch erst einmal und vor allen Dingen nicht so laut, wir sind in einem Krankenhaus.“

Mein Puls raste und meine Pumpe schlug wie wild.

Sie merkte es wohl, das der Bogen für mich überspannt war. Ich sah sie nur an. Irgendetwas jagte ihr Angst ein und sicherheitshalber machte sie einen Schritt zurück. Dabei kann ich keiner Fliege was zu Leide tun. Laut aber bestimmt erklärte ich ihr, das ich mir das nicht mehr lange ansehen werde wie meine Frau hier ausgehungert wird!

„Ich besorge ihr gleich etwas zum Essen.“

Drehte sich um und weg war sie. Ich schnappte nach Luft und wollte gerade ein paar Gemeinheiten loswerden, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte. „Bleib ruhig, Papa, nun bleib mal ganz ruhig.“

Ausgerechnet meine kranke Frau versuchte mich zu beruhigen. „Ich muss vielleicht länger hier bleiben und dann lassen sie doch ihren Frust an mir aus.“

Der dicke Panzer von Schwester erschien mit etwas essbaren. Ein paar Kekse und ein mager belegtes Knäckebrot. Misstrauisch schielte sie mich an und erklärte mir dabei, das sie bei den Patienten immer alles abräumen müssen. Sogar die kleine Mikrowelle, aus der Stationsküche wurde entfernt. Es darf kein Essen wieder warm gemacht werden. Meine Wut verflog als sie uns auch erzählte das die Kekse und das Knäckebrot von ihr sind.

Kleinlaut entschuldigte ich mich. „Ist schon gut, Sie sind ja nicht der Erste der darüber schimpft, aber wir können wirklich nichts dafür.“

Wir gingen wieder ins Zimmer und von Anitas Telefon aus rief ich meine Tochter Nicole an, mit der Bitte, doch für Muttern irgendetwas zu brutzeln.

„Aber klar doch, mache ich sofort und bringe das Essen heute noch zu Muttern.“

Wie gut das der Kaffee noch schön heiß war. Was hatte ich vergessen? Richtig! Die Tassen! Die bekam ich aber von den Schwestern.

„Schmeckt der Kaffee?“,wollte ich wissen. „Ja gut, warum?“ „Ach nur so“,murmelte ich.

Also erst einmal wieder eine rauchen. Auf dem Weg zu dem Fahrstuhl kam uns eine Ärztin entgegen.

Die fragte ich sofort was nun mit meiner Frau nicht in Ordnung ist.

„Ich bin zwar nicht ganz vertraut mit Ihren Fall, aber eins kann ich mit Gewissheit heute schon sagen. Irgendetwas stimmt in ihren Kopf nicht. Die endgültigen Ergebnisse dauern noch ein paar Tage.“

Hoffnungsfroh fragte ich:„Dann kann meine Frau erst einmal wieder nach Hause?“

„Um Himmelswillen! Nur das nicht! Sie wird nun auf Tabletten eingestellt, denn noch einmal so einen starken und heftigen epileptischen Anfall würde sie nicht überleben.“

Ich bedankte mich freundlich. Zumindest sind wir nun etwas schlauer.

„Nimmst du schon Tabletten?“,wollte ich wissen.

„Ja“,sagte Anita „und die Kopfschmerzen sind auch weniger geworden.“ Sie nannte mir auch den Namen der Pillen. Sicherheitshalber schrieb ich mir den Namen auf. Orfiriel nannten sich diese Tabletten.

Das muss ich zu Hause gleich Googeln. Wir saßen im Raucherraum und teerten unsere Lungen. Was sollten wir auch sonst machen? Sehnsüchtig wartete Anita auf unserer Tochter die etwas essbaren bringen wollte. Der Kuchen von mir hat nicht lange gesättigt. Unsere Nicole hat Wort gehalten. Sie rauschte mit ihren Mann und einen großen Topf, der schön in Handtücher eingewickelt war, heran. Wieder ab nach oben in dem Krankenzimmer. Gierig aber sehr genüsslich zog sich meine Frau das Essen rein. Das tat ihr sichtlich gut. Ein sehr großes Schnitzel, Kartoffelbrei und dazu etwas Gemüse. Alles, aber auch alles hat sie verdrückt. Nun fühlte sie sich auch sichtlich wohler. Ein Wermutstropfen gab es trotzdem. Ihre neue Bettnachbarin übergab sich täglich mehrmals. Ausgerechnet jetzt auch! Ich hätte für nichts in der Welt essen können. Mir drehte sich der Magen um, aber Anita schien das nicht zu stören. Ich fing auch an zu würgen und sagte schnell, das ich mal auf die Toilette muss. Tief atmete ich im Flur stehend die mehr oder weniger frische Luft ein. Das war wieder absolut nichts für mich. Eine am essen und die andere am kotzen. Grausam, einfach nur grausam! Fast zehn Tage geschah überhaupt nichts. Keine Besprechung, keine Aufklärung und auch keine Diagnose. Das war für mich Typisch für das Krankenhaus. Doch erst am zwölften Tag bekamen wir alle den abzuluten Karnickel fang schlag!

Es war Nachmittags, so gegen fünfzehn Uhr. Meine Frau und ich langweilten uns im Flur. Ein Arzt, den ich noch nie gesehen hatte rauschte an uns vorbei. Der Kerl war fast zwei Meter groß. Schwarze Haare und die mehr oder weniger gesunde Bräune eines arbeitslosen Totengräbers. Er war schon fünf Türen weiter, stoppte, drehte sich um und rief:„Frau Maaß.