Und die Sonne scheint doch - C.P. Scott - E-Book

Und die Sonne scheint doch E-Book

C.P. Scott

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Beschreibung

Trotz einem schweren Schicksalsschlag lässt Jil sich nicht unterkriegen. Als alleinerziehende, berufstätige Mutter hat sie es nicht leicht. Umso mehr freut sie sich als Jessy, Ihre beste Freundin aus Schulzeiten wieder in ihr Leben tritt. Ob für Jil die Sonne bald wieder scheint?

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Dieses Buch ist dem wichtigsten Menschen in meinem Leben gewidmet – meinem Mann. Ich liebe Dich für immer.

Mai 2014

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

1

Gemächlich treibt das Schiff dahin, der Wind streift ihr durchs Haar. Die Sonne färbt sich rotorange am Horizont. Sie geniesst ihren Cocktail und lässt die Gedanken schweifen.

Plötzlich hört sie laute Musik, sie schreckt hoch. Wer stört hier ihre Ruhe? Verwirrt schaut sie um sich. Wo bin ich? Resigniert lässt sie sich in die Kissen zurückfallen. Mist, sie hat geträumt und der Radiowecker hat sie erbarmungslos aus ihrem schönen Traum gerissen. Sie blinzelt auf den Störenfried. Es ist sechs Uhr, Zeit aufzustehen. Sie streckt sich nach allen Seiten und gähnt herzhaft. Es kostet sie Überwindung, das warme Bett zu verlassen. Sie schlurft ins Bad und spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht. Sie betrachtet sich verschlafen im Spiegel. Ihr schwarzes, langes Haar steht struppig auf alle Seiten. Sie zieht sich ihr langes T-Shirt über den Kopf und geht unter die Dusche. Danach fühlt sie sich besser. Sie wickelt sich in das flauschige Badetuch und eilt zurück ins Schlafzimmer. Heute entscheidet sie sich für die marineblauen Leinenhosen mit dem dazugehörenden Blazer und eine schlichte weisse Bluse. Zügig zieht sie sich an und geht in die Küche. Sorgfältig bereitet sie das Frühstück für ihre Zwillinge vor.

»Ron, Ramona, aufstehen!«

Während sie eine Banane schält, schweifen ihre Gedanken durch den Tag. Heute ist die wichtige Sitzung mit den Weinproduzenten aus Nelson angesagt. Hoffentlich funktioniert alles einwandfrei. Sie schneidet die Banane in drei kleine Schüsseln und greift nach einem Apfel. Vor zwei Wochen gab der Projektor den Geist auf, der Chef war dermassen genervt und fingerte nervös an dem widerspenstigen Ding herum. Überall war Gekicher zu hören, peinlich … Wenigstens amüsierten sich die Gäste. Wen wundert’s, das Teil ist dermassen veraltet. Sie fängt an, den Apfel zu zerkleinern. Sie hat ihrem Chef schon mehrmals geraten, ein moderneres Gerät zu kaufen. Schliesslich ist dies wichtig für sein Geschäft und er sollte als Vertreiber der hochwertigen Weine einen guten Eindruck hinterlassen.

»Mom, hörst du mir überhaupt zu?«

Ramona steht mit zerzaustem Haar in der Türe. Ihre blonden Locken kringeln sich wild um ihr Gesicht. Sie trägt wie ihre Mutter ein langes T-Shirt. Der Unterschied ist nur die Farbe. Ramona liebt Pink. Sie schaut ihre Mom vorwurfsvoll an.

»Ja Schatz, was ist denn?«

»Ich habe dich gefragt, ob wir heute Nachmittag schwimmen gehen dürfen. Wir haben doch schulfrei. Tamaras grosse Schwester kommt auch mit. Sie wird auf uns aufpassen.«

Jil lächelt. Ihre Tochter weiss genau, dass sie die Kinder nicht ohne Aufsicht an den Strand gehen lässt, und ist dankbar, dass Mandy bereit ist, ihre kleine Schwester und die Zwillinge zu begleiten.

»Ja, das ist eine gute Idee, das Wetter ist schön und warm. Bitte denkt daran, dass ihr eure Hausaufgaben zuerst erledigt. Ich komme heute um 17.15 Uhr nach Hause und wir können sie dann zusammen kontrollieren.«

»Juhui, das wird toll! Darf ich auch mein Frisbee mitnehmen?«, ruft Ron begeistert. Er steht hinter seiner Schwester und sieht ihr keck über die Schulter. Obwohl er nur 15 Minuten älter ist als seine Schwester, überragt er sie um gute 20 Zentimeter. Seine schwarzen, kurzen Haare stehen ihm wild vom Kopf.

»Klar, mein Schatz. So, nun aber vorwärts, die Zeit drängt. Wir müssen los.«

Die Kinder setzen sich vergnügt an den Tisch und essen genüsslich ihre Cornflakes mit Früchten und Milch.

In einer Stunde beginnt die Sitzung. Jil hat alles so weit vorbereitet. Sie lehnt sich auf ihrem Bürostuhl nach hinten und schliesst für einen Moment die Augen.

Sie liegt auf einem Badetuch und rekelt sich in der warmen Sonne. Ein Glas Weisswein steht neben ihr auf einem kleinen Tisch, das Schiff schaukelt über die Wellen. Delfine schwimmen elegant neben dem Schiff her und begleiten sie auf dieser schönen Reise. Vor ihr steht ein Gedicht von einem Mann. Sein muskulöser Oberkörper ist nackt. Er trägt eine schwarze, enge Hüftbadehose. Seine blauen Augen stechen aus seinem gebräunten Gesicht hervor, seine schwarzen Haare glänzen in der Sonne. Er lächelt ihr zu und …

»Frau Thomson, wo sind Sie denn mit Ihren Gedanken?«

Sie blinzelt verwirrt. Ihr Chef, Herr Pfeiffer, stolziert soeben ins Büro. Heute trägt er einen Nadelstreifenanzug in Schwarz, das hellgelbe Hemd spannt sich über seine Wampe, der senfgelbe Schlips ragt majestätisch darüber. Seine schwarz gefärbten Haare hat er streng nach hinten gekämmt und sie glänzen wie eine Speckschwarte. Die altertümliche Brille hängt ihm knapp auf der spitzen Nase.

Die braunen Augen zu Schlitzen zusammengekniffen, steht er breitbeinig vor ihr. Das Kinn verschmilzt mit seinem nicht mehr sichtbaren Hals.

»Nicht dass heute wieder der Projektor aussteigt. Ist alles vorbereitet? Getränke, Snacks, hallo?« Herr Pfeiffer schaut sie entrüstet von oben herab an, schüttelt den Kopf und stolziert mit seinem Trippelschritt davon.

Mein Gott, was für ein Ekelpaket. Ob der auch mal irgendwo Angestellter war? Na ja, der kann mich doch mal. Schliesslich war es nicht meine Schuld, dass der alte, vergammelte Projektor das letzte Mal ausgestiegen ist. Wo war ich soeben stehen geblieben? Relaxen …, die Sonne scheint mir auf den Körper, mein Mann cremt mir zärtlich den Rücken ein und ich geniesse …

Geschafft, 17 Uhr, schnell verschwinden, bevor dem nörglerischen Chef noch etwas in den Sinn kommt. Der Projektor hat, oh Wunder, wunderbar funktioniert. Die Weinproduzenten sind vergnügt vor einer halben Stunde abgezogen. Alle zufrieden, was will man mehr. Jil ist froh. Schnell räumt sie noch ihren Schreibtisch auf und schreitet zügig aus dem Haus. Herrlich, die Sonne scheint, es weht eine kühle Brise und sie freut sich auf ihre beiden Racker. Ob ich einen Abstecher machen und mir einen Becher Eis holen soll? Man gönnt sich doch sonst nichts, überlegt sie sich und steuert Richtung Eisdiele. Der Eismann lächelt wie immer freundlich. Die weisse Mütze sitzt schräg auf seinem Kopf, eine schwarze Locke hängt ihm frech in die Stirn. Die braunen Augen glänzen und sein Lächeln wirkt ansteckend. Mit seinen 1,90 Meter überragt er Jil bei Weitem. Sein Body zeugt von mehreren Stunden Training. Auch seine Oberarme sind sehr muskulös.

»Was darf es heute sein, Frau Thomson? Geht es Ihren Zwillingen gut?«

Der ist immer gut gelaunt. Man merkt, dass er seine Arbeit hier draussen an der Sonne geniesst. »Einmal Schokolade und Joghurt, bitte.«

Geschickt türmt er ihr die zwei gewünschten Kugeln auf eine knusprige Waffel. »Hier, bitte sehr. Kommen Sie doch wieder einmal mit Ron und Ramona vorbei. Es würde mich freuen«, erwidert er freundlich.

»Bestimmt, vielleicht am Wochenende.« Sie reicht ihm das Geld. »Tschüss und danke schön.«

Sie winkt ihm zu und läuft genüsslich schmatzend zu ihrem Fahrzeug. Toller Kerl, dieser Eismann. Sie lächelt vor sich hin.

»Mami, Mami, wir haben heute die Mathematikprüfung zurückerhalten.« Stolz streckt Ron ihr sein Ergebnis entgegen.

»Eine Eins! Super, mein Schatz. Du bist wie dein Dad der geborene Rechner. Schön, hast du toll gemacht, lass dich küssen.«

Sie küsst ihren Sohn schmatzend auf die Stirn. Demonstrativ streicht er über die Stirn. Küsse mag er nicht so besonders, er findet, er sei schon zu alt dafür. Aber sie sieht ihm seinen Stolz an.

»Wie war’s beim Schwimmen? Hast du deinen Freund Jamiro getroffen?«

»Es war toll, wir haben zusammen Frisbee gespielt und die Mädchen geärgert.«

Verschmitzt schaut er sie an. Wie sehr er seinem Vater ähnelt! Manchmal tut es schon weh. Sie zerzaust ihm das Haar.

»Komm, wir wollen zusammen essen. Es ist so schön draussen, lass uns spazieren gehen und ausnahmsweise zu Jimmy fahren. Wo ist eigentlich deine Schwester?«

»Cool! Ramona, Ramona, wir gehen zu Jimmy, komm, komm!«

Ramona schleicht um die Ecke.

»Was ist denn dir über die Leber gelaufen?« Ihr schwant Übles. Mathematikprüfung! Mit gesenktem Kopf kommt sie auf sie zu und versteckt hinter ihrem Rücken ihr Ergebnis. »Komm zeig her, es kann doch nicht so schlimm sein.« Beschämt zieht sie das Papier hervor und streckt es ihr entgegen. »Eine Drei, na ja, wir werden weiterhin fleissig üben.«

Sie streicht ihrer Tochter über die Wange. In Gedanken macht sie sich eine Notiz. Sie will sich unbedingt erkundigen, welcher Lehrer ihrer Tochter Nachhilfeunterricht in Mathe geben könnte.

Ramona schüttelt den Kopf. »Mami, ich verstehe es einfach nicht. Es kommen immer die Rechnungsaufgaben, welche wir nicht miteinander gelernt haben.«

Eine Träne kullert ihr über die Wange. Jil wischt sie weg und tröstet sie. »Wir werden schon zusammen eine Lösung finden. Ich kümmere mich darum. Man kann nicht in allen Fächern die Beste sein.« Sie weiss, wie ehrgeizig ihre Tochter ist. »Komm, lass uns gehen. Es ist so ein schöner Tag.«

Ramona strahlt schon wieder wie ein Honigkuchenpferd, drückt ihre zierliche Hand in die der Mutter und zieht sie nach draussen.

Ron wartet bereits ungeduldig, hat seine Hände in den Hosentaschen vergraben, schaut gelangweilt und kickt ein Steinchen weg. »Kommt ihr endlich?« Wild springt er voraus.

»Puh, Mami, jetzt habe ich aber zu viel gegessen«, stöhnt Ron und schleicht neben Jil her.

»Habt ihr viele Hausaufgaben erhalten?« Zusammen steigen sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf.

Ramona strahlt: »Nö, wir müssen bis morgen eine Geschichte über irgendein Tier schreiben. Tamara und ich haben dies bereits am Strand geschrieben. Willst du sie lesen?«

»Na klar, mein Schatz, was hast du denn für ein Tier ausgesucht?«

»Ich habe eine Geschichte über ein Känguru geschrieben«, erzählt sie stolz.

»Ron, für was für ein Tier hast du dich entschieden?«

»Och, Mami, dieser blöde Aufsatz. Ich hatte so viel mit Jamiro zu besprechen. Wir wollen ein neues Flugzeug basteln.«

Jil öffnet die Wohnungstüre. Ramona zwängt sich an ihr vorbei, um ihren Aufsatz zu holen.

»Komm, wir setzen uns hin und versuchen es zusammen«, sagt Jil zu ihrem Sohn und schiebt ihn ins Wohnzimmer. »Welches Tier würde dir gefallen?«

»Ich mag Tiger«, kommt es wie aus der Pistole geschossen.

»Gut, was fällt dir zu einem Tiger ein?« Ramona rennt ins Zimmer und streckt ihren Aufsatz über die Kängurus stolz ihrer Mutter entgegen. »Lies, Mom.«

»Was, so viele Seiten hast du geschrieben? Schön, Ramona, das ist toll.«

Sie freut sich riesig über das Lob. Gespannt liest Jil ihren Aufsatz und staunt immer wieder, wie gewandt ihre Tochter mit den Wörtern umzugehen weiss.

»Wirklich hervorragend, Ramona.«

Mit roten Backen und voller Stolz zieht sie ab. Ron boxt sie in die Seite. Jil runzelt die Stirn.

»Nein, mein Sohn, das ist nicht nett von dir. Es hat jeder seine Stärken. Denk doch mal an deine Mathematiknote.« Beschämt senkt Ron seinen Kopf. »So, wir wollen nun deinen Aufsatz über den Tiger beginnen. Erzähl mir einmal, was dir dazu einfällt.«

Irgendwo hier muss es doch sein. Wo habe ich denn diesen Brief hingelegt? Sie kramt in ihrer Schublade. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie sieht in Gedanken ihren Mann im Türrahmen stehen, verschmitzt grinsend und den Kopf schüttelnd. Eigentlich hat ja alles seinen Platz, aber manchmal findet sie komischerweise trotzdem etwas nicht auf Anhieb. Dies war immer ein Diskussionspunkt zwischen ihnen. Er mit seinem Ordnungssinn fand ihr durchdachtes System zu chaotisch.

Es ist wieder einmal Büroarbeit angesagt. Die Kinder sind am Strand. Verträumt schaut sie auf das Bild ihres verstorbenen Mannes. Wenn du doch nur bei uns wärst. Schnell wischt sie die Gedanken weg und arbeitet fleissig weiter. Es ist so ein schöner sonniger Tag und sie will so rasch als möglich den Kindern an den Strand folgen. Energisch steht sie auf und lässt das Durcheinander auf dem Tisch liegen.

»Ramona, fang auf!«, schreit Ron durch die Menge. Heute ist aber auch viel los hier am Strand. Jeder möchte den schönen Tag geniessen.

»Schau, da kommt Mami!«, schreit Ramona zurück. Das Frisbee fliegt unbeachtet an ihrem Kopf vorbei. Gemeinsam laufen sie ihrer Mutter entgegen und umarmen sie stürmisch.

»Mami, kommst du mit mir ins Wasser?«, schreit Ron.

»Mami, bauen wir eine Sandburg?«, übertönt Ramona ihren Bruder.

»Halt, halt, Kinder, eines nach dem anderen. Lasst mich zuerst meine Sachen abstellen«, sagt sie und lächelt. In diesem Moment ist ihr klar, dass sie dank ihren Kindern den schmerzlichen Verlust eines Tages überwinden wird. Gemeinsam verbringen sie einen wunderschönen Tag am Strand.

»Mami, liest du uns heute Abend die Geschichte vom kleinen Muck vor?«, bittet Ramona.

Der Morgen dämmert, ein Windstoss schlägt das Fenster zu. Regentropfen klatschen an die Scheiben. Schlaftrunken steht Jil auf und schliesst das Fenster. Heute ist Sonntag, schnell steigt sie zurück unter die warme Decke.

»Mami, Mami, gehen wir heute an den Strand?«

Schläfrig öffnet sie die Augen und sieht Ron fragend neben ihrem Bett stehen. Ein Blick auf den Wecker zeigt ihr an, dass es genau sieben Uhr ist. Stöhnend versucht sie ihrem Sohn zu erklären, dass es noch sehr früh ist und er nochmals ins Bett kriechen soll. Beleidigt zottelt er ab. Sie dreht sich um und kuschelt sich in ihre Decke.

Um 8.15 Uhr erwacht Jil, streckt sich und steigt aus dem Bett. Tatsächlich ist sie noch einmal eingeschlafen. Im Wohnzimmer scheinen ihre Kinder bereits am Spielen zu sein. Sie hört Wortfetzen wie: »Du bist dran, mach mal!« Auf ihrem roten, überlangen T-Shirt kaut Bugs Bunny eine orangene Karotte. Barfuss tappt sie ins Wohnzimmer.

»Na, Kinder, was spielt ihr Schönes?«

Ramona springt auf, fällt ihr um den Hals. »Mami, es regnet. Wir können heute nicht an den Strand gehen, oder?«

»Nein, mein Schatz. Wollen wir eine Runde zu dritt spielen? Und danach denken wir uns was Tolles aus. Was würde euch Spass bereiten?«

»Monopoly«, schreit Ron.

»Stadt, Land, Fluss«, kräht Ramona.

2

Eine hektische Woche neigt sich dem Ende zu. Herr Pfeiffer hat es heute wieder sehr gut gemeint mit Arbeit. Schon als sie am Morgen ins Büro kam, lagen überall Dokumente verstreut auf ihrem Pult. Wie sie es hasste. Für was hat sie eigentlich ein Fach mit »Eingang« beschriftet? Auf ihrem Pult war ein Riesendurcheinander. Ärgerlich raffte sie alles zusammen und schmiss es in die besagte Kiste. »So wäre dies gedacht«, murmelte sie laut vor sich hin.

Sie hat sich den ganzen Tag rangehalten und soeben fischt sie das letzte Dokument raus und liest mit gerunzelter Stirn das gelbe Post-it, das Herr Pfeiffer draufgeklebt hat. »Bitte besprechen« leuchtet ihr mit dickem rotem Filzstift gekritzelt entgegen. Na super. Sie schaut auf die Uhr. 16 Uhr vorbei. Jetzt muss sie sich aber sputen, wenn sie dies noch vor dem Feierabend erledigen will.

Sie steht ruckartig auf. Ihr Stuhl rollt nach hinten. Sie rennt zum Chefbüro und klopft energisch an. »Ja, bitte«, brummelt ihr Chef hinter der Türe. Sie verdreht die Augen und tritt ein. Über den Brillenrand schaut ihr Chef gelangweilt auf.

»Sie haben mir hier dieses Dokument mit ›Bitte besprechen‹ hingelegt.« Sie streckt den Wisch ihrem Chef entgegen.

»Ach ja, wissen Sie eventuell, wo ich die Unterlagen von Herrn Douglas hingelegt habe?«

»Da liegen sie doch.« Sie zeigt auf einen Stapel Papiere, der gefährlich schwankend auf dem Fenstersims aufragt.

»Wieso sagen Sie das nicht gleich?!«, meckert er herum.

»Was ist mit diesem Schreiben?« Sie wedelt ungeduldig mit dem Dokument, welches sie immer noch in den Händen hält.

»Das wollte ich zu den Unterlagen von Herrn Douglas legen.« Elegant legt er das Dokument obendrauf.

Das war schon alles? Sie kann es kaum glauben und kehrt sich eilig Richtung Türe um. »Falls Sie sonst keine dringenden Erledigungen für mich haben, würde ich dann für heute gerne Feierabend machen.«

»Dann verschwinden Sie halt«, brummelt ihr Chef.

Mein Gott, was ist eigentlich mit Herrn Pfeiffer los? Seine schlechte Laune in letzter Zeit ist nicht mehr zu übersehen. Ob ich ihn mal darauf ansprechen soll?, überlegt Jil und eilt in ihr Büro zurück.

Ihr Schlüssel steckt noch nicht im Schloss, da wird von innen die Türe ruckartig aufgerissen. Erschrocken tritt sie zurück.

»Mami, Mami, wir haben heute unseren Aufsatz zurückerhalten.« Ramona streckt ihr stolz ihren Aufsatz entgegen.

»Wow, eine Eins – ich bin so stolz auf dich!«

Ron steht hinter seiner Schwester und trippelt ungeduldig von einem Fuss auf den anderen. Er kann jetzt nicht mehr länger warten, drängelt sich vor und streckt seiner Mutter seinen Aufsatz entgegen.

»Eine Zwei, toll! Siehst du, es hat sich gelohnt, sich einen Moment Zeit zu nehmen. Ihr seid die Besten. Lasst uns dies feiern und mit den Rädern zum Eismann fahren. Er würde sich freuen, euch wieder einmal zu sehen.«

Die Kinder klatschen in die Hände und rasen davon, um die Räder zu holen.

Es ist 22 Uhr. Jil sitzt an ihrem Schreibtisch und betrachtet das Foto ihres verstorbenen Mannes. »Wenn du doch nur bei uns sein könntest!« Eine Träne kullert ihr über die Wangen. Schnell wischt sie sie weg und stellt den Computer an. Sie sucht nach einem geeigneten Mathelehrer für ihre Tochter. Plötzlich erinnert sie sich an ihre letzte Schulklasse. Tim, ihr heimlicher Schwarm. Wie war auch gleich sein Familienname? Bennett, genau, Tim Bennett.

Er war immer der Beste in Mathe und wollte später Lehrer werden. Mal schauen ob er seinen Wunsch umgesetzt hat und irgendwo zu finden ist oder ihr einen geeigneten Lehrer in der Nähe empfehlen kann. Sie schwärmte mehrere Jahre für ihn, doch er wollte nichts von ihr wissen. Sie war viel zu scheu, ihn anzusprechen. Ihre beste Freundin Jessy hatte sie immer damit aufgezogen. Sie fand ihn angeberisch und doof. Na gut, er war schon sehr selbstbewusst und hat sich immer aufgespielt. Doch irgendwie hatte seine Art ihr immer imponiert. Sie wäre in der Schule auch gerne ein wenig selbstbewusster gewesen. Sie macht sich auf die Suche nach der letzten erhaltenen Adressliste ihrer Schulkameraden.

Die Türglocke klingelt. Wer ist denn das um diese Zeit? Jil schaut auf die Uhr: 23 Uhr. Mit schnellen Schritten geht sie zur Tür und öffnet sie vorsichtig einen Spalt. Ein Polizeibeamter streckt ihr seine Marke entgegen.

»Inspektor Preston, entschuldigen Sie die späte Störung, Ma’m.« Sie öffnet verwirrt die Türe und lässt den Beamten rein. »Können wir uns setzen, Mrs. Thomson?«, fragt Preston vorsichtig.

»Was ist denn passiert? Ist etwas mit meinem Mann?«

»Mrs. Thomson, leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Mann tödlich verunglückt ist …«

Sie schreckt hoch, ihr Herz rast. Schon wieder diese Albträume. Seit nun bald sechs Jahren passiert es immer wieder. Sie wird diesen Moment nie vergessen. Jil steht auf und holt sich ein Glas Wasser. Wie nur hat sie diese schwere Zeit mit zwei kleinen Kindern überstanden? Sie lässt sich aufs Bett plumpsen. Gott sei Dank waren ihre Schwiegereltern immer für sie und die Kinder da. Sie und ihr Schwiegervater Mike sen. konnten sich um alles kümmern, während ihre Schwiegermutter Emily auf ihre Zwillinge achtgab. Sie könnte eigentlich Em und Mike sen. dieses Wochenende zu einem Barbecue einladen. Sie greift nach einem Stift und kritzelt eine Erinnerungsnotiz auf eine alte Zeitung neben dem Bett. Sie kuschelt sich unter die Decke und greift mit ihrer Hand nach rechts ins Leere. Nur ein kaltes Bettlaken ist zu spüren. Eine Träne kullert ihr über die Wangen. Sie vermisst Mike so sehr. Energisch dreht sie sich auf die andere Seite und kneift die Augen fest zusammen. Irgendwann ist sie dann wieder eingeschlafen.

»Kinder, ich habe mir gedacht, wir könnten dieses Wochenende Gran und Grandpa zum Barbecue einladen. Was meint ihr?«, fragt sie ihre Kinder beim Frühstück.

»Au ja!«, schreien beide und hüpfen auf dem Stuhl rauf und runter. Sie lieben die Grosseltern sehr.

»Wollen wir zusammen einen Kuchen backen?«

»Bitte Schokoladenkuchen, Mami!«, brüllen sie wie im Chor.

Jil lächelt. »Da seid ihr euch immer einig! Gut, ich werde heute nach der Arbeit alles Nötige einkaufen. Ihr könnt nach der Schule ein schönes Bild zeichnen. Wir werden sie heute Abend damit überraschen und ihnen die Einladung persönlich überbringen.«

Mike sen. döst vor sich hin, die Zeitung liegt auf seinen Knien und seine Lesebrille hängt schief auf seiner Nase. Leise schnarcht er vor sich hin. Emily betrachtet ihren Mann zärtlich. Seit über 40 Jahren sind sie nun ein glückliches Paar. Schade, dass ihr Sohn dies nicht auch erleben durfte. Verstohlen wischt sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel und strickt fleissig weiter.

Die Türklingel schrillt. Mike sen. schreckt hoch und seine Brille fällt zu Boden. »Wer ist das denn?«, fragt er seine Frau. »Ich schaue nach.«

Er schlüpft in seine Pantoffeln und erhebt sich. Er schielt durch den Türspion und sieht seine Schwiegertochter mit den Zwillingen vor der Türe stehen. Freudig, mit einem Lächeln auf den Lippen, öffnet er die Tür.

»Grandpa, Grandpa!«, kreischen seine Enkelkinder und umarmen ihn stürmisch.

»Nicht so wild«, schmunzelt er und weicht einen Schritt zurück.

»Hallo, Mike, ich hoffe, wir stören nicht?«, fragt seine Schwiegertochter.

»Ihr stört doch nie. Wir freuen uns immer, wenn ihr uns besuchen kommt. Tretet ein!«

Dies lassen sich die Kinder nicht zweimal sagen und sie rennen voraus ins Wohnzimmer.

»Gran, wo bist du?«

Emily stopft ihre Handarbeit eiligst unter das Sofa. Es soll doch eine Überraschung für die Kinder werden. Schon wird sie stürmisch umarmt.

»Schau mal, Gran, wir haben euch eine schöne Zeichnung mitgebracht.« Stolz hält Ron ihr seine Zeichnung entgegen.

»Hi, Jessy, hier spricht Jil Davis.«

»Jil, die Jil? Mein Gott, wie lange ist es her? Wie geht es dir? Was machst du? Wo lebst du? Wie hast du mich gefunden? Bist du gesund? Ist etwas passiert?«, sprudelt es aus Jessy heraus.

Jil schmunzelt vor sich hin. Sie ist immer noch die Gleiche. »Mir geht es gut. Ich heisse jetzt ›Thomson‹. Ich wollte dich schon so lange einmal suchen und anrufen. Bist du immer noch solo?«

»Ich kann es nicht glauben. Jil, meine Jil!«

Jessy ist ganz ausser sich vor Freude. Ihre beste Freundin aus Kindertagen. Wieso hatten sie sich eigentlich aus den Augen verloren? Sie grübelt darüber nach. Zuerst zog Jil mit ihren Eltern fort. Lange haben sie sich noch geschrieben. Danach zog sie für eine Zeit nach Kanada, weil sie bei ihrem Auslandsaufenthalt in Kanada einen tollen Typen kennengelernt hatte. Wie hiess er noch gleich? Carter, genau, Carter! 1,96 Meter gross, muskulös, braune, kurz geschnittene Haare, einen Adler auf dem Unterarm tätowiert, einfach nur zum Anbeissen. Damals stellte sich die Frage, ob sie überhaupt wieder nach Hause kommen würde. Es war eine schöne, intensive Zeit in Kanada. Leider verlor sie jedoch den Kontakt zu Jil.

»Hallo, Jessy, bist du noch dran?«, hört sie Jil fragen.

»Klar, entschuldige, ich war gerade in Gedanken vertieft.«

Jil erklärt ihr: »Ich habe mich auf die Suche nach unserer letzten Klassenliste gemacht, eigentlich um Tim zu suchen. Du erinnerst dich doch bestimmt an Tim, oder? Da bin ich auf deinen Namen gestossen und habe mich gefragt, wieso wir eigentlich den Kontakt zueinander verloren haben. Ich habe deine Briefe hervorgenommen und bei deinen Eltern angerufen. Deine Mutter gab mir dann deine neue Anschrift bekannt. So habe ich dich gefunden. Du wohnst ja ganz in der Nähe deines Elternhauses.«

»Oh ja, du musst unbedingt herkommen. Es ist wunderschön geworden. Ich habe Platz für deine ganze Familie. Hast du überhaupt Kinder? Das ist die Überraschung des Tages. Ich kann es nicht fassen, wir müssen uns unbedingt treffen. Wo sagtest du noch mal lebst du heute? Du hast also geheiratet? Schon lange? Seid ihr glücklich? Ich habe dir so viel zu erzählen. Weisst du noch, Carter aus Kanada? Oh, das war eine stürmische Zeit!«

Jil kichert leise vor sich hin. Jessy wird sich wohl nie ändern. Schon damals war sie die Quirlige, quasselte am laufenden Band und wollte immer alles genau wissen.

»Wir müssen uns unbedingt einmal besuchen, dann können wir so richtig quatschen.«

»Jessy, es hat einen bestimmten Grund, wieso ich Tim gesucht habe.«

Jessy bekommt einen Lachanfall. »Tim – sag nur, du schwärmst immer noch für diesen Idioten!« Jessy kann sich nicht mehr halten und gackert lauthals vor sich hin.

»Nein, nein«, wendet Jil ein. »Es geht um meine Tochter. Weisst du, wo Tim lebt und ob er Mathelehrer geworden ist? Ich habe leider nichts über ihn herausgefunden.«

Jessy überlegt. »Nö, da kann ich dir leider nicht helfen. Ich habe keine Ahnung, was er macht und wo er steckt. Aber ich werde mich umhören. Weisst du, ich habe heute noch Kontakt zu Ben. Erinnerst du dich noch an Ben? Unser kleiner Sonnyboy mit den blonden Locken? Du glaubst es nicht. Ich war auf einer Fete eingeladen und wer läuft mir da über den Weg? Ben. Wir haben uns toll unterhalten. Er sieht noch genau gleich aus und ist kaum gewachsen. Man könnte meinen, er ist in der Pubertät stecken geblieben. Na ja, ich bin ja auch nicht besonders gewachsen. Er scheint noch einige von unseren ehemaligen Schulkameraden zu kennen. Er wollte immer eine Klassenzusammenkunft auf die Beine stellen. Scheinbar bis heute ohne Erfolg. Ich werde ihn fragen und dir so rasch als möglich Bescheid geben.«

»Das wäre toll. Ich suche für meine Tochter einen Nachhilfelehrer für Mathe. Da ist mir sofort Tim in den Sinn gekommen. Vielleicht kann er mir jemanden hier in der Nähe empfehlen.«

»Ich melde mich bald, versprochen! Aber danach müssen wir uns unbedingt besuchen. Komm doch mal mit deiner Familie ein paar Tage zu mir. Ich habe genügend Platz«, schlägt Jessy vor. »Wo wohnst du überhaupt?«

»Das wäre eine tolle Abwechslung und würde mich freuen. Ich denke, so fünfeinhalb Stunden Fahrt müsste ich schon rechnen. Gib mir doch Bescheid, wann es dir am besten passt. Die Kinder haben sowieso bald Ferien. Ich freue mich sehr, dass ich dich endlich angerufen habe.«

»Und ich erst«, kontert Jessy. »Also, ich rufe jetzt gleich Ben an. Du wirst schneller wieder von mir hören, als dir lieb ist. Mach’s gut und bis bald!«

»Vielen Dank, Jessy, und bis bald. Ich freue mich!«

Jil war froh, den Schritt gewagt zu haben. Es ist nicht einfach, nach so langer Zeit eine alte Freundin anzurufen. Obwohl sie es schon immer schade fand, dass sie sich aus den Augen verloren hatten. Sie waren doch unzertrennlich. Komisch, wie das Leben manchmal spielt. Sie freut sich jetzt schon, Jessy wiederzusehen. Lächelnd erhebt sie sich und schaut nach ihren Kindern.

3

Jil sitzt mit ihren Kindern im Wohnzimmer und spielt Karten, als das Telefon klingelt. Ron springt auf und rennt zum Telefon.

»Mami, für dich!« Er trottet ins Wohnzimmer und reicht es ihr.

»Hallo?«, fragt sie interessiert.

»Jil, hi, hier ist Jessy. Was war denn das für ein süsser Fratz? Den muss ich unbedingt kennenlernen! Wie viele Kinder hast du eigentlich? Da fühle ich mich richtig alt. Ich habe gute Nachrichten für dich. Ich weiss, wo Tim wohnt, und noch einiges mehr. Komm doch nächstes Wochenende mit deiner Familie zu mir, dann können wir zusammen quatschen. Ich gebe dir dann auch alle News über Tim bekannt und was es sonst noch alles zu besprechen gibt. Ich würde mich sehr freuen!«

Jil überlegt kurz, wieso eigentlich nicht. Tapetenwechsel täte allen gut. Die Kinder haben nun Ferien und würden sich sicherlich freuen. Wie Jessy erzählt hat, hat sie Pferde. Da wird Ramona besonders begeistert sein. Ob mir Herr Pfeiffer freigeben wird? Dann könnten wir schon am Freitag oder Donnerstag fahren.

»Hallo, bist du noch da?«, ertönt Jessys Stimme.

»Ja, entschuldige, habe mir gerade Gedanken gemacht, ob sich dies einrichten liesse. Ich frage morgen meinen Chef und gebe dir dann Bescheid. Toll wäre es schon. Die Kinder würden sich sicher freuen.«

»Was, arbeiten tust du auch noch?«, fragt Jessy verwundert. »Und wo ist dein Mann? Den möchte ich natürlich auch kennenlernen!«

»Das erkläre ich dir dann alles, wenn es klappt. Ich könnte, wenn es dir recht ist, eventuell schon Donnerstag oder Freitag anreisen.«

»Natürlich, du kannst kommen, wann du willst. Je schneller, umso besser. Ich kann es kaum erwarten.«

»Drück mir die Daumen. Noch einen schönen Sonntag. Bis morgen!« Jil ist total aufgeregt.

»Wer war denn das?«, fragte Ron erstaunt.

»Meine beste Freundin aus Kinderzeiten. Ich habe euch doch schon oft von Jessy erzählt. Glücklicherweise habe ich durch ihre Mutter die neue Adresse erhalten und sie so wiedergefunden. Sie möchte uns das nächste Wochenende zu sich einladen. Sie wohnt ganz in der Nähe, wo ich aufgewachsen bin.«

»Au ja, Mami!«, rufen beide erfreut.

»Wir haben doch jetzt bald Ferien«, ergänzt Ramona.

»Ich muss morgen zuerst meinen Chef fragen. Da ihr zwei übernächste Woche mit Gran und Grandpa in die Ferien fahrt, könnte ich dann immer noch länger arbeiten, wenn es nötig ist. Mal schauen.«

»Hat sie auch Kinder?«, fragt Ramona interessiert.

»Ehrlich gesagt weiss ich überhaupt nichts von ihr. Wir haben uns schon so lange nicht mehr gehört oder gesehen. Wir werden das alles am nächsten Wochenende erfahren. Sofern es klappt.«

Die Kinder klatschen vor Freude in die Hände. Ein paar Tage ausspannen täte ihr und den Kindern gut. Mit Jessy schwatzen wäre sicher unterhaltsam und spannend. Wie es ihr wohl so ergangen ist in letzter Zeit? Ob sie glücklich ist? Sie hatten es immer lustig zusammen. Es wird schon klappen. Was sie mir wohl alles zu erzählen hat? Ob ihr Traummann Carter aus Kanada jetzt mit ihr zusammenwohnt?

»Mami, du bist dran!« Ron stupst sie energisch an.

»Kommt, Kinder, wir müssen los, wenn wir rechtzeitig ankommen wollen.«

»Mami, darf ich mein Mountainbike mitnehmen?«, bettelt Ron.

»Nein, mein Schatz, wir haben keinen Platz dafür. Vielleicht hat Jessy ein Rad für dich. Ansonsten geht es auch einmal ein Wochenende ohne Rad!«

Es hat geklappt, ihr Chef hat ihr, oh Wunder, wenigstens einen Tag freigegeben. Jessy hat ihr den Weg beschrieben, alles ist verstaut und sie können los. Jil freut sich riesig. Das wird bestimmt lustig, ist sie überzeugt.

Das Wiedersehen war sehr herzergreifend gewesen. Obwohl sie sich beide verändert haben und älter geworden sind, haben sie sich sofort wiedererkannt und sind sich in die Arme geflogen. Ihre Kinder freuten sich, endlich die »berühmte« Jessy kennenzulernen. Sie hatte ihnen schon so viel von ihr erzählt. Aber vor allem freuten sie sich über Bambu. Schliesslich lagen sie ihr immer in den Ohren, dass sie gerne auch einen Hund hätten.

Lautes Gelächter hallt durch die Nacht. Ein wunderbarer, lauer Abend hat Jil und Jessy dazu bewogen, bis in die Nacht draussen zu sitzen und zu quatschen. Die Kinder sind längst im Bett.

»Morgen könnten wir mit den Kindern ausreiten. Was meinst du?«, fragt Jessy.

»Oh, das wäre toll. Ramona ist so ein Pferdenarr. Sie sind aber noch nicht oft auf einem Pferd gesessen«, gibt Jil zu bedenken.

»Ach, kein Problem, das lernen die schnell«, ist Jessy überzeugt. »Du wirst sehen, im Handumdrehen reiten sie uns davon. Sei unbesorgt!«

»Es würde mir schon Spass bereiten. Ich bin schon viele Jahre nicht mehr auf einem Pferd gesessen. Weisst du noch, wie wir immer mit deinem Bruder Rennen veranstaltet haben? Er hat uns immer gewinnen lassen, obwohl wir beide wussten, dass er schneller war. Wie geht es eigentlich deinem Bruder?«, fragt Jil.

Jessy grinst breit. »Er kommt übermorgen vorbei. Er bringt seine ganze Familie mit.«

»Oh, das freut mich.«