Und Gott schaut weg - Detlev Zander - E-Book

Und Gott schaut weg E-Book

Detlev Zander

0,0

Beschreibung

Dieser Roman schildert die Geschichte eines Heimkindes in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschlands. An fiktiven Orten und mit fiktiven Personen wird dem Leser erzählt, wie dieses Kind eine evangelische Heimerziehung erlebt hat. Oben wurde gebetet, in den Kellern wurde gefoltert. Den Kindern wurden moralische Grundregeln eingeprügelt, während viele der Verantwortlichen sich ein System der Bereicherung bis hin zum Kinderhandel geschaffen hatten. Ein erschütterndes Buch, das den vielen noch lebenden Opfern dieses Systems Mut machen soll, auch ihre eigene Vergangenheit zu erzählen, die Scham zu überwinden, an die Öffentlichkeit zu gehen und die Namen der Täter zu nennen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Gewidmet

Dieser Roman

Dieter Z

Kapitel 1 : Ella Frings

Kapitel 2 : Walter Spitzer

Kapitel 3 : Walter Füller

Kapitel 4 : Franz Zwergle

Kapitel 5 : Jeremia Kunz

Kapitel 6 : Totentanz

Kapitel 7 : Kriegsrat

Kapitel 8 : Ankunft

Kapitel 9 : Schöne neue Welt

Kapitel 10 : Das System

Kapitel 11 : „Du“

Kapitel 12 : In der Schule

Kapitel 13 : Und Gott schaut weg

Kapitel 14 : Sommerfrische

Kapitel 15 : Kulinarische Genüsse

Kapitel 16 : Auf der Werkbank

Kapitel 17 : Nikolaus

Kapitel 18 : Verkauft

Kapitel 19 : Konfirmation

Kapitel 20 : Abschied

Kapitel 21 : Martins Tod

Kapitel 22 : Finale

Kapitel 24 : Luft holen

Kapitel 25 : Fast vergessen

Kapitel 26 : Vor dem Supermarkt

Kapitel 27 : Interview mit Herrn Zwergle

Kapitel 28 : Interview mit Ella Frings

Kapitel 29 : Schlusswort

Personenverzeichnis

Gewidmet

meinen Kindern

meinem Freund und Lebensretter Gerald Kammerl

Dieser Roman

schildert die Geschichte eines Heimkindes in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschlands.

An fiktiven Orten und mit fiktiven Personen wird dem Leser erzählt, wie dieses Kind eine evangelische Heimerziehung erlebt hat.

Oben wurde gebetet, in den Kellern wurde gefoltert. Den Kindern wurden moralische Grundregeln eingeprügelt, während viele der Verantwortlichen sich ein System der Bereicherung bis hin zum Kinderhandel geschaffen hatten.

Ein erschütterndes Buch, das den vielen noch lebenden Opfern dieses Systems Mut machen soll, auch ihre eigene Vergangenheit zu erzählen, die Scham zu überwinden, an die Öffentlichkeit zu gehen und die Namen der Täter zu nennen.

Luther hatte es verstanden, als er dem

Teufel das Tintenfass an den Kopf geworfen.

Nur vor Tinte fürchtet sich der Teufel,

damit allein verjagt man ihn.

Carl Ludwig Börne

Dieter Z.

Heute habe ich Nachtdienst. Vor einigen Minuten erst habe ich mit der Kollegin das Übergabeprotokoll gefertigt. Sie war richtig froh, endlich Feierabend zu haben und hat mir eine gute Nacht gewünscht.

Der Nachtdienst ist bei vielen Kollegen sehr unbeliebt, besonders bei denen, die eine Familie und noch kleine Kinder haben. Ich hingegen freue mich eigentlich immer auf diese Woche. Bei Nacht herrscht hier im Krankenhaus eine ganz andere Atmosphäre. Die Hektik des Tages verschwindet, von Notfällen einmal abgesehen. Die meisten Patienten schlafen, meist erhalten sie sowieso ein wenig Schlafmittel. So kann ich mich um die wenigen kümmern, die eben erst eine schwere Operation hinter sich haben und auf Hilfe angewiesen sind.

Heute ist es besonders ruhig. Meine Station ist nur zur Hälfte belegt, was eigentlich sehr ungewöhnlich ist. Die Chancen stehen gut, heute eine ruhige Nacht zu erleben, ich habe mir sogar ein Buch mitgebracht, einen kleinen Krimi, um mich wach zu halten, falls mich mal längere Zeit niemand ruft.

So mache ich meine erste Runde, begrüße die Patienten, die seit meinem letzten Dienst neu gekommen sind und stelle mich vor. Der Patient in Zimmer 3 ist nervös und noch etwas verwirrt von der heutigen Narkose, aber nach ein paar freundlichen Worten beschließt auch er zu schlafen. So gehe ich ins Dienstzimmer und mache mich zuerst über den Papierkram her, der Krimi muss noch warten.

Nach einiger Zeit mache ich die zweite Runde, alles ist ruhig und friedlich. Da meldet sich mein Piepser. Ich sause schnell ins Dienstzimmer und nehme den Hörer. „Ich weiß, Sie haben schon die Nachtschicht, aber ich muss Ihnen noch einen schicken. Hier unten auf Intensiv ist es eng und bei Ihnen müssten noch jede Menge Betten frei sein. Der Mann ist auch soweit über den Berg.“

Ich bin begeistert über so viel Information. „Um was geht es genau? Was für ein Fall?“ „Nur ein Suizidversuch, hat sich ‘ne Nadel gesetzt, aber sie haben ihn rechtzeitig gefunden.“ Beruhigt lege ich den Hörer auf und gehe ins Zimmer 4. Das steht ganz leer und ich werde den Neuen dort unterbringen, dann werden die anderen Patienten nicht gestört. Kaum bin ich wieder auf dem Flur, kommen sie schon um die Ecke.

Im Bett liegt ein Mann mittleren Alters, oben baumelt die Infusion. Ich dirigiere die Pfleger ins Zimmer, bekomme die Akte in die Hand gedrückt und schaue mir den Mann an. „Ist ja nochmal gut gegangen“, lächle ich ihn an. „Wollen Sie was trinken?“ Er nickt und ich hole alles, was unsere nächtliche Gastronomie so zu bieten hat. Er entscheidet sich für den Pfefferminztee.

„Wie geht es Ihnen jetzt?“ frage ich ihn, während ich seine Hand nehme, um den Puls zu fühlen. Er zuckt mit den Schultern und sagt wieder nichts. „Besonders gesprächig sind Sie ja nicht!“ Ich will wenigstens ein kurzes Gespräch mit ihm führen, um einschätzen zu können, wie sehr ich auf ihn aufpassen muss heute Nacht. Schließlich habe ich schon die verrücktesten Dinge erlebt mit Menschen, die eben einen Selbstmordversuch hinter sich haben.

Einerseits habe ich Verständnis für Menschen, denen ihre Lebenssituation so ausweglos erscheint, dass sie den Freitod wählen. Anderseits habe ich Patienten, die mit dem Tode ringen und nichts anderes wollen, als ihr Leben zu behalten. Ich nehme die Akte in die Hand: Dieter Z. steht da, Beruf Krankenpfleger. Also ein Kollege. Jetzt erst verstehe ich das vorige Telefongespräch. Ich habe zunächst einen Junkie erwartet.

„Dann sind Sie ja vom Fach“, nehme ich das Gespräch wieder auf. „wie haben Sie’s denn angestellt, Herr Kollege?“ Jetzt habe ich ihm sogar ein Grinsen entlockt und er beginnt zu reden, erzählt mir in allen Einzelheiten, was sich in den letzten Stunden ereignet hat. Jetzt hört er gar nicht mehr auf zu reden. Ich muss wohl einen vertrauenserweckenden Eindruck auf ihn machen, denn irgendwann sind wir soweit, über den Grund seines Selbstmordversuchs zu sprechen.

Ich habe mir längst einen Stuhl geholt und das ist auch gut so, denn was ich jetzt zu hören bekomme, hätte mich sonst umgehauen. Ich habe schon viele Dinge erlebt, aber so etwas habe ich noch nicht gehört. Der Mensch vor mir im Bett hat schreckliche Dinge erlebt und es ist schon sein dritter Suizidversuch. „Wollen Sie das alles überhaupt hören?“ fragt mich mein Gegenüber. „Solange kein anderer Patient sich meldet, höre ich Ihnen gerne zu.“

Den Krimi habe ich längst vergessen. Was ich jetzt zu hören bekomme, steht einer Kriminalgeschichte in nichts nach. Und der Mann im Bett redet und redet, man möchte meinen, in der Infusion ist ein Aufputschmittel. Und weil es heute so ruhig ist auf meiner Station, habe ich alle Zeit der Welt, ihm zuzuhören. Er beginnt irgendwo mitten in seiner Lebensgeschichte, doch immer mehr formt sich vor meinen Augen ein Gesamtbild.

Seit dieser Nacht ist alles anders. Ich hätte nie geglaubt, dass sich solche Dinge in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, in unserer heilen Nachkriegswelt tatsächlich ereignet haben. Doch diese heile Welt hat es nie gegeben.

Dies ist die Geschichte des Dieter Z.

1 Ella Frings

Ella Frings hat den Prügel schon bereitgelegt. Prügeln ist ihre Leidenschaft und nicht umsonst hat sie diesen Beruf erwählt. Dass sie diese wunderbare Anstellung gefunden hat, ist ein großes Glück. Bei ihrem vorigen Arbeitgeber ist ihr nahegelegt worden, doch mit den ihr anvertrauten Kindern etwas behutsamer und liebevoller umzugehen. Aber was verstehen diese Leute schon von Erziehung. Nichts, gar nichts!

Frau Frings ist nicht sehr groß, aber kräftig und hat ein großes Gesicht mit auffallend harten Zügen. „Wie dieser anstrengende Beruf mich doch prägt“, denkt sie jedes Mal beim morgendlichen Blick in den Spiegel.

Jetzt schaut sie auf die Uhr: „wo bleibt dieser Lümmel nur? So kann das nicht weitergehen! Was glaubt der eigentlich? Will sich einen schönen Abend machen und das außerhalb des Heims. Aber nicht mit ihr. Diese Kinder gehören ihr und sie gehören ins Heim. Und zwar in dieses Heim!“

„Gehen Sie doch zur Kirche!“, hat man ihr damals geraten. Natürlich nicht offiziell, man hat es ihr zugeflüstert. „In einem kirchlichen Heim wird nicht nachgeschaut, ob ein Kind mal blaue Flecken hat. Niemand schaut dort nach, gar niemand. Besonders nicht bei den ganz Strengen, da herrscht noch Zucht und Ordnung! Da zählen nur die eigenen Regeln.“

An der Tür ist ein Geräusch zu hören. Dieter kommt zurück von der Chorstunde. Wie hat er es nur geschafft, dort hinzukommen. Aber Ella Frings hat eben nicht aufgepasst, einfach nicht bemerkt, dass der Junge sonntags immer neben der Orgel sitzt. Mit dem Organisten hat er sich angefreundet und ihm erzählt, dass er von der Kirchenmusik so begeistert ist. Was für eine Lüge! Ein Kind aus diesen Verhältnissen kann doch gar nicht wissen, was Kirchenmusik überhaupt ist. Es ist Musik für anständige Leute. Genug schon, dass die Kinder sonntags die Orgel hören dürfen, aber jetzt auch noch im Kirchenchor singen? Austreiben muss man dem Burschen diesen Gedanken, ein für alle Mal.

Ein strahlendes Gesicht ist im Türspalt zu sehen. So glücklich ist Dieter selten gewesen. Der freundliche Organist hat bei der Heimleitung durchgesetzt, dass Dieter die Chorstunde besuchen darf, immer dienstags im kleinen Betsaal. Erhard Hausmann ist ein sehr engagierter Musiker und obwohl die Gemeinde nicht sehr groß ist, hat die Kirchenmusik ein erstaunlich hohes Niveau erreicht.

Eine schöne Motette haben sie geübt heute Abend, der Text ist aus dem Römerbrief: ‘er hat uns auch erlöst aus der Knechtschaft’, diesen Satz hat Dieter noch im Ohr, als er von Ella Frings in den Raum gezerrt wird. Ohne ein weiteres Wort packt sie ihn am Ohr, diesen Griff beherrscht sie perfekt und es tut besonders weh. Und schon saust der Stock auf den wimmernden Buben, wieder und wieder, dieses Mal noch länger und heftiger als sonst.

„Nie wieder wirst Du da hingehen“, faucht Ella. Sie sagt es nicht laut, denn die anderen sind schon zu Bett. Aber ihr Ton lässt keinen Widerspruch zu. „In der Kirche wirst Du jetzt immer neben mir sitzen und Du wirst nie wieder ein Wort zu Herrn Hausmann sagen.“ „Aber ...“ wagt Dieter zu sagen. „Kein Aber! Ich werde das schon regeln mit Herrn Hausmann und ihm sagen, dass es Dir nicht gefällt im Chor. Und wehe, Du hältst Dich nicht daran, dann wirst Du Dein blaues Wunder erleben. Und jetzt mach’, dass Du ins Bett kommst!“

Befriedigt legt Ella Frings den Prügel zurück auf die Kommode, an seinen angestammten Platz, neben den Lederriemen und den Klopfer, immer griffbereit.

2 Walter Spitzer

Herr Spitzer kommt daher wie ein Soldat. Meist trägt er Reitstiefel, dazu eine flotte Mütze, Reithosen und eine fesche Jacke, man hätte ihn gleich bei der Kavallerie unterbringen können.

Aus dem Kuhstall sind sonderbare Geräusche zu hören. Die Kinder rennen los und wollen schon die Tür öffnen, da bleiben sie erstarrt stehen. Das ist doch unverkennbar die Stimme von Herrn Spitzer. Und eine andere Stimme ist auch zu hören. Doch freundlich ist diese Unterhaltung nicht. Sonja gibt den anderen ein Zeichen und sie huschen um die Ecke. Dort gibt es einige Löcher in den Brettern und man kann in den Stall schauen.

Jeder sucht sich seinen Beobachtungsposten und es gibt wahrhaftig einiges zu sehen. Die andere Stimme gehört Herrn Hartmann und eben, als die Kinder ihre Posten beziehen, packt Herr Hartmann seinen Chef am Kragen. „Dann regeln wir das jetzt mal so“, zischt er ihn an. „Was glaubst Du eigentlich, wer Du bist? Mich lässt Du den Stall ausmisten und derweil gehst Du meiner Frau an die Wäsche!“ Wütend stößt er Herrn Spitzer an einen Holzpfosten.

Und dann geht es richtig los. Herrn Hartmanns Fäuste wirbeln nur so durch die Luft. Er ist groß, breitschultrig und viel kräftiger als Herr Spitzer, der sich gar nicht richtig wehrt, sondern nur versucht, den Fausthieben auszuweichen. Mit großen Augen starren die Kinder durch die kleinen Astlöcher, keines macht einen Mucks. Zuletzt landet eine der Fäuste auf Herrn Spitzers rechtem Auge. Der Getroffene stöhnt auf und Herr Hartmann hält inne: „Wenn ich Dich noch einmal erwische, dann schlage ich Dich krankenhausreif und zerre Dich an den Haaren in die Kirche. Dann kannst Du dort eine kleine Predigt halten über das christliche Eheleben.“

Herr Spitzer grinst etwas schief: „Die wissen doch alle schon, dass ich Dir Hörner aufgesetzt habe, aber Du weißt ja, es wird niemals etwas nach draußen kommen.“ Das hätte er nicht sagen dürfen, denn jetzt ist das andere Auge an der Reihe. Die Kinder verlassen ihren Beobachtungsposten und rennen so schnell sie können zurück ins Haus. Würden sie erwischt, dann erginge es ihnen nicht besser als Herrn Spitzer. Und würden sie jemandem erzählen, was sie eben gesehen haben, so stünde üblicherweise das Kellerverlies auf dem Programm, und das mindestens für eine Nacht im dunklen Wäschekorb.

Am nächsten Morgen wird im ganzen Heim erzählt, wie krank der arme Herr Spitzer ist. Er ist ganz unglücklich vom Pferd gefallen, direkt auf beide Augen, und alle müssen ihn bedauern und ihm gute Besserung wünschen. Pferde sind ganz offensichtlich noch schwerer im Zaume zu halten als Kinder.

Dabei sind Pferde Herrn Spitzers Leidenschaft. Eigentlich übt er seine Tätigkeit als Heimleiter nur symbolisch aus, den ganzen Tag ist er bei den Pferden, außer er besucht die junge hübsche Frau Hartmann. Diese beiden Tätigkeiten beherrscht er am besten, denn eine pädagogische Ausbildung hat er nie genossen.

Wenn er nicht bei den Pferden ist, sitzt er in seinem Büro. Dort geht er seiner pädagogischen Tätigkeit nach, die darin besteht, sich jeden Tag ein oder mehrere ungezogene Kinder einzubestellen und sie angemessen zu verprügeln. Zu diesem Zweck benutzt er einen Rohrstock, von denen er mehrere besitzt, weil dauernd einer zerbricht.

Auch Atteste und Beurteilungen muss er verfassen. Ist ein Kind unehelich geboren, wird es von Herrn Spitzer in jedem Falle als ‘sittlich belastet und gefährdet’ eingestuft.

Ach ja, nicht zu vergessen ist die überhaupt wichtigste Tätigkeit des Herrn Spitzer: die Entgegennahme von Spenden. Am liebsten nimmt er Bargeld ohne Quittung, zur Not auch Sachspenden. Es wird viel gespendet für die armen Kinder. Meist aber kommt Herr Spitzer nach einigem Nachdenken zu dem Schluss, dass die Kinder das Geld ja gar nicht benötigen und sie Sachspenden wie Fahrräder, Kleider oder Kassettenrekorder doch nur kaputt machen würden.