Und ich wollte doch noch soviel fragen - Dorit Camus - E-Book

Und ich wollte doch noch soviel fragen E-Book

Dorit Camus

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Beschreibung

Die Autorin dieses Buches lässt den eigenen Lebensweg Revue passieren. Kindheit, Jugend, Familienleben werden vor dem geistigen Auge wieder lebendig. Unterschiedliche politische Systeme finden Raum in der Erinnerung. Die Lektionen der Lebensschule sind manchmal kaum lösbar. Dennoch führt die Bereitschaft zur Annahme der Prüfungen letztendlich durchs Dunkel zum Licht. Nur das wird auferlegt, was tragbar ist. Dessen sollten wir uns gewiss sein.

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Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2018

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An einem Maimorgen im Jahre 1930 strahlte aus azurblauem Himmel

Sonne mit wärmender Kraft auf die langsam erwachende Erde.

Da es ein Feiertag war, konnten auch Berufstätige ihren unterschiedlichen Hobbys nachgehen.

Einem jungen Mann bot das Wetter beste Voraussetzungen für eine Bootstour auf einem idyllischen Berliner See. Nach längerem gemütlichen Paddeln entdeckte er am Ufer eine junge Frau, die ihn mit sehnsüchtigen Blicken verfolgte.

„Hallo, Fräulein, haben Sie Lust, mir ein wenig Gesellschaft zu leisten?“

„ Ja, gerne!“ rief sie ihm zu. Ihre Freunde, mit denen sie verabredet war, hatten sie aus irgendeinem Grund versetzt, und den Tag ungenutzt verstreichen lassen wollte sie auf gar keinen Fall. Deshalb nahm sie das Angebot des Fremden ohne Bedenken an. Hatte bereits zu diesem Zeitpunkt das Schicksal seine Hand im Spiel?

Gemeinsam verbrachte das junge Paar in bester Stimmung den herrlichen Sonnentag. Im Laufe der nächsten Stunden erkannten sie durch ihre Unterhaltung viele Gemeinsamkeiten. Beide liebten Wasser, Musik, Gesang und die herrliche Natur.

Das Arbeitsleben verlangte vollen Einsatz von beiden. Er war selbstständiger Elektriker; die junge Frau arbeitete in einer Druckerei.

Als die Sonne abends wie ein blutroter Ball hinter dem Horizont verschwand, waren die Beiden einig:

„Wir müssen uns wiedersehen.“ Sie verabredeten ein erneutes Treffen und fieberten ihm entgegen. Eine zärtliche Liebe entwickelte sich.

Die Wochenenden verbrachten sie meist zusammen mit Zelt und Boot an irgendeinem Gewässer in der Umgebung Berlins. Der junge Mann entlockte seiner Gitarre, die bei den Ausflügen nicht fehlen durfte, einschmeichelnde Klänge. Abends lauschten die Zeltnachbarn seinen Melodien. Die junge Frau war von der Natur mit einer außergewöhnlichen Stimme bedacht worden und hatte ein großes Gesangsrepertoire. Harmonisch ergänzte sich das junge Paar auf dem Feld der Musik.

Dem wunderschönen Sommer folgten Herbsttage mit farbenprächtiger Natur. Der Winter brachte kuschelige Abende und Träumereien über eine gemeinsame Zukunft. Eine Wohnung wollten sie suchen und gemütlich einrichten. Diesbezüglich gab es Probleme mit der Mutter des jungen Mannes, denn er wohnte noch bei ihr. Sie hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich, hatte einen Sohn verloren und klammerte an dem einzig verbliebenen Kind. Dennoch war das junge Paar nicht bereit, das eigene Glück dem Willen der Mutter unterzuordnen. Sie kämpften mit vielfältigen Gefühlen, ließen sich aber nicht entmutigen.

Die Blütenpracht des erneuten Frühlings bot den Rahmen für die Träume der Verliebten. Raschelnde Baumwipfel, Sangeskünste und Gezwitscher ungezählter gefiederter Freunde sowie das leise Wasserplätschern an den Ufern der Seen stellten die Bühne des Sommers dar. Mit Boot und Zelt genossen die Liebenden ihre Zweisamkeit und planten den Hochzeitstermin für Oktober 1931.

An einem Wochenende transportierten sie ihr Faltboot in achtstündigem Fußmarsch an einen anderen Liegeplatz. Es entzieht sich meiner Kenntnis, warum diese Verlegung über Land erfolgen musste. Beide Partner investierten viel Kraft. Am Abend verabschiedeten sie sich mit vielen Gefühlen des Glücks voneinander.

Ein wunderschönes Ereignis war dem Wochenende vorausgegangen.

„Mein Räuber, ich habe eine Überraschung für dich“ eröffnete Loni ihrem Liebsten. „Ich bin gespannt, Baby! Erzähle!“

„Wir werden Eltern“. Mit stürmischer Umarmung und zärtlichen Küssen nahm Werner seine Liebste in den Arm. „Du, ich habe einen Wunsch: Schenk mir ein kleines Mädchen zum Verwöhnen!“ Glücklich schmusten und träumten beide miteinander. Ihr Himmel hing voller Geigen.

Zum nächsten vereinbarten Treffen erschien der junge Mann nicht. Die junge Frau wartete unruhig und ungeduldig und fand keine Erklärung für sein Ausbleiben. Als das Warten unerträglich wurde, fuhr sie zur Wohnung der zukünftigen Schwiegermutter, um zu erfahren, welche Probleme es gab.

Die Haushälterin öffnete die Wohnungstür. Welche Gefühle in den sich gegenüberstehenden Menschen aufwallten, kann man nur erahnen.

Zwischen Tür und Angel wurde der jungen Frau eröffnet: „Werner ist verstorben.“ Sie wurde nicht zum Eintreten aufgefordert, bekam auch die Mutter nicht zu Gesicht. In jähem Entsetzen stürzte für Loni die Welt zusammen. Sie trug sein Kind unter dem Herzen, und er hatte sie verlassen.

Werner und Loni waren meine Eltern.

In ihrer grenzenlosen Verzweiflung suchte meine Mutter Trost, Rat und Hilfe bei ihrer geliebten Mutter. Gemeinsam fuhren die beiden Frauen zur Mutter des Verstorbenen. Meine Großmutter verlangte energisch Zugang zur Wohnung und Auskunft über die Todesumstände, was meiner Mutter vorher verweigert wurde.

Sie erfuhren, dass mein Vater nach der Heimkehr aus dem Wochenende unbemerkt zu Bett gegangen sei. Als er morgens nicht wie gewohnt am Kaffeetisch erschien, wollte seine Mutter ihn wecken und fand den Toten im Bett.

Mein Vater hatte in Ausübung seines Berufes vor längerer Zeit einen Stromschlag erlitten und einen Herzfehler zurückbehalten, den er als junger Mensch nicht gravierend fand. Die Anstrengung des Wochenendes löste den Tod im Alter von 26 Jahren aus.

Oma und Mutter erzählten der Großmutter in spe von dem zu erwartenden Enkelkind. Statt Freude zu bringen und Trost zu spenden mit dieser Mitteilung wurde meine Mutter als Hure, verantwortungslose Person und Schuldige an diesem Tod tituliert. Sie solle sich niemals mehr blicken lassen, und auch das Enkelkind sei unerwünscht. Mit dieser Aussage wurden beide Frauen der Wohnung verwiesen.

Beleuchten möchte ich an dieser Stelle ein wenig die Anfänge meiner Biografie.

Meine Großmutter wurde als mittleres Kind unter neun Geschwistern in Thüringen geboren. Die Familie kannte keinen Reichtum. Harte Arbeit bestimmte den Alltag. Meine Oma war ein Kind mit wachem Geist und zu Streichen jederzeit bereit. Schon in der Schule erklärte ihr der Lehrer: „Wenn du nicht so schlau wärst, kämst du von der Eselsbank überhaupt nicht runter“. Damals war die Eselsbank ein Strafmittel. Meine Oma malte sich in ihren Träumen eine hellere Zukunft aus und ging dafür hohe Risiken ein. Sie wollte ihr Glück weitab von der Armut des Elternhauses finden. Da sie stark und gesund war, konnte niemand sie von ihrem Vorhaben abbringen, in die Großstadt Berlin umzusiedeln. Junge Menschen verfolgen zu allen Zeiten eigene Ziele. Möglichkeiten gab es unbegrenzt, Gefühle lassen sich nicht steuern und Vernunft wird oft ausgeschaltet. Meine Oma lernte einen jungen, hübschen Mann kennen, der es verstand, ihr den Kopf zu verdrehen. Sie ließ sich auf vermeintliche Liebe ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Liebesabenteuer noch nicht durch die später erfundene Pille geschützt. Als Oma ihrem Liebhaber die Schwangerschaft gestand, flüchtete er zurück in seine tschechische Heimat und überließ sie einer ungewissen Zukunft.

Stolz meiner Großmutter war ausschlaggebend, dass sie sich niemals helfen ließ. Sie wollte ihr Kind mit eigener Hände Arbeit allein großziehen. Als Schneiderin traute sie es sich zu.

Kurz nach der Geburt meiner Mutter lernte meine Oma einen anderen Mann kennen, für den das Kind kein Hindernis zur Heirat war. Dass er dem Alkohol sehr zusprach, stellte sich erst nach der Eheschließung heraus. Eine Schwangerschaft folgte der nächsten, bis fünf weitere

Kinder den Alltag meiner Oma bestimmten. Sie schuftete Tage und Nächte, um mit ehrlicher Arbeit ihre Kinder zu ernähren und zu kleiden. Der Angetraute erwartete die ehelichen Pflichten von ihr. Der Unterhalt der Familie interessierte ihn nicht. Nach qualvollen, entbehrungsreichen Jahren ließ Oma sich endlich scheiden. Ihre Lebensträume hatten sich in Schall und Rauch aufgelöst.

Bedingt durch die familiären Verhältnisse war meine Mutter schon als Kind gezwungen, ihre jüngeren Geschwister zu betreuen, im Haushalt zuzugreifen und meiner Oma bei Näharbeiten zu helfen. Oft kam sie erst nach Mitternacht ins Bett. Durch die häuslichen Aufgaben blieb wenig Zeit, sich der Schule und den Hausaufgaben zu widmen. Ein Lehrer, der die Verhältnisse kannte, drückte immer wieder ein Auge zu. Als die Klasse nach Jahren von einem anderen Pädagogen übernommen wurde, hatte meine Mutter unter seinem Unverständnis und Zynismus schwer zu leiden. Bis zu ihrem Lebensende erinnerte sie sich an ein Vorkommnis: Sie sollte ein Gedicht aufsagen, die ihre Leidenschaft waren. Im Moment war sie sehr aufgeregt. „Herr Lehrer, ich komme nicht auf den Anfang“. Reaktion des Lehrers: „Setz dich! Ich weiß das Ende nicht“.

Großmutter und Mutter haben sich von Lebensprüfungen nie unterkriegen lassen

Als Spross dieser weiblichen Vorfahren begann mein Lauf durch die Geschichte.

Unser „Blauer Planet“ bot seine Schönheiten dar, die sich mir anfangs nicht erschlossen, sonst hätte ich nicht nach kurzer Stippvisite den Rückweg ins Jenseits angetreten. Warum? Ich hatte noch nichts von dieser schönen Welt gesehen. Durchwandert hatte ich zunächst nur einen dunklen Tunnel, an dessen Ende ein Licht war. Neugierig war ich, was es zu erforschen und zu erleben gäbe und hab trotzdem gekniffen. Wo lag der Fehler?

Mein Mütterlein wunderte sich kurz nach meinem Eintritt in diese Welt, warum im Wöchnerinnensaal große Aufregung herrschte. In der damaligen Zeit gab es noch keine Ein- oder Zweibettzimmer, sondern Massenbetrieb: 18 Betten im Saal für Mütter samt Babys. Eine Schwester entdeckte während eines Kontrollganges ein schwarzes Ärmchen aus einem Korb hängend. Unsanft wurde ich herausgerissen, geschüttelt und geschlagen, bis sich ein Riesenschwall Flüssigkeit aus meinem kleinen Mund ergoss. Ursache war das Schlucken von zu viel Fruchtwasser. Dem Leben war ich wiedergegeben. Es ging gleich zu Beginn hart zu. Hineingeboren wurde ich in eine Zeit großen politischen Umbruchs. Der Diktator des Dritten Reichs hatte angefangen, die Fäden für seinen Machtantritt zu knüpfen. Da er ein Rhetoriker ersten Ranges war, bereitete es ihm keine Schwierigkeiten, unser Volk von seinen Ideen zu überzeugen und es zu begeistern. Vollmundig versprach er Lohn und Brot, sowie Wohlstand. Durch Aufbau der Infrastruktur sollten Arbeitsplätze geschaffen werden. Rund sechs Millionen Arbeitslose in unserem Land sahen in ihm den kommenden Messias, folgten ihm enthusiastisch zu vermeintlich neuen Ufern.

Als Palmsonntagskind kämpfte ich mich in das Erdenrund und wurde Ostersonntag 1932 im Krankenhaus getauft. Sonntagskindern sagt man voraus, dass sie Glückskinder seien. Mein Optimismus erlaubt die Bestätigung derartiger Aussagen, abgesehen von den vielen Dunkelheiten, durch welche mein Lebensweg ging. Begonnen hat er bereits ohne den Vater, der sich sehnlich eine Schmusetochter gewünscht hatte und sie nicht mehr erleben durfte.

Meine Mutter liebte mich abgöttisch und hütete das Vermächtnis ihres Liebsten wie ihren Augapfel. Obwohl der Alltag für sie durch Berufstätigkeit und Sorge für uns beide kompliziert war, empfand sie mich nie als Last. Sehr früh am Morgen lieferte sie mich in der Kinderkrippe ab, wo sie mich abends, müde von der Arbeit, wieder abholte.

Natürlich konnte ich Krankheiten unter diesen Umständen nicht entgehen. Diesbezüglich muss ich stets sehr laut geschrien haben: „Bitte, ich auch!“, denn ich probierte alles aus: Masern, Mundfäule, Röteln, Keuchhusten, Diphtherie und was sonst noch im Angebot war. Vom ersten bis zum Ende des dritten Lebensjahres bereitete ich meiner Mutter viele Sorgen durch mein dauerndes Kranksein. Die einzige Infektionskrankheit, von der ich zu dieser Zeit verschont blieb, war Scharlach. Davon wurde ich erst im Alter von siebzehn Jahren heimgesucht.

Die Verzweiflung meiner Mutter kann ich mir heute, da ich selbst drei Kinder großgezogen habe und berufstätig war, gut vorstellen.

In der Folge bemühte ich mich, lieb zu sein und ihr keinen Kummer zu bereiten. Es gab einige Ausrutscher, die aber von geringerer Bedeutung waren. Gleichzeitig habe ich gelernt, verantwortlich für mein Handeln zu sein.

Als die Kinderkrippe altersmäßig nicht mehr für mich zuständig war, boten Oma oder Freunde meiner Mutter mir tagsüber Betreuung. Ab dem fünften Lebensjahr gestaltete ich als Schlüsselkind meinen Alltag allein bis zur abendlichen Heimkehr meiner Mutter. Mutti hat immer wieder über vielerlei Gefahren mit mir gesprochen, hat mich gebeten, mit keinem Menschen mitzugehen, keinem Fremden die Tür zu öffnen und gut auf mich aufzupassen. Ich versprach ihr alles, und sie vertraute mir. In der Stadtmitte Berlins, wo das Leben pulsierte, gehörte dazu sicher viel Mut. Oft mag sie mit großer Sorge zur Arbeit gefahren sein, weil sie nie wissen konnte, was sich tagsüber ereignete.

Im Alter von vier Jahren erlaubte ich mir eines Morgens ein besonderes Spektakel. Ich wollte Mutti nachwinken, als sie über den Hof zum Ausgang des Hauses ging. Möglich war das nur, nachdem ich das Küchenfenster geöffnet hatte, denn unsere Wohnung lag im vierten Stockwerk des Hinterhauses. Schnell musste ich außerdem sein, denn sonst wäre Mutti unten vorbei gewesen. Die Berliner Häuser hatten zu damaliger Zeit unter dem Küchenfenster eine sogenannte Speisekammer für leicht verderbliche Lebensmittel. Dadurch entstand eine tischähnliche Stellfläche, an die ich einen Küchenstuhl rückte, mich mit einer Hand am Fensterkreuz festhielt und mit der anderen laut rufend meiner Mutter hinterher winkte: „Wiedersehen, Muttichen!“ Meine Mutter muss in diesem Moment tausend Ängste ausgestanden haben, denn sie bat mich flehentlich, ganz schnell vom Fenster wegzugehen und es zu schließen. Die mich zu dieser Zeit betreuende Nachbarin aus dem Vorderhaus war durch unsere Rufe aufmerksam geworden und versicherte Mutti, mich sofort zu holen. Ich verstand überhaupt nicht, wieso Erwachsene sich über ein harmloses „Auf Wiedersehen!“ derart aufregen konnten.

Erinnern kann das Gefühl des Kuschelns in eine warme Decke auslösen, andererseits einer Wanderung an sturmgepeitschter See gleichen, denn Sonnen- wie Regentage tauchen gleichermaßen aus dem Dunkel der Vergangenheit auf.

Langeweile kannte ich nie. Größte Freude bereiteten mir meine Puppen, die ich versorgt und geliebt habe wie menschliche Wesen. Ihnen war ich eine sehr gute Mutter. Sie wurden gebadet, gewickelt, gefüttert; später bekamen sie selbstverständlich Schulunterricht. Sie sollten ja nicht dumm bleiben. Sie bekamen kleine Schulranzen mit allem nötigen Inhalt und mussten fleißig lesen und schreiben lernen. Wenn sie zu Bett gingen, wurden sie mit einem Gute-Nacht-Lied in den Schlaf gesungen. Sämtliche Kleidungsstücke entsprachen denen von Kindern, denn meine Mutter nähte, häkelte und strickte nachts für meine Lieblinge. Ihr machte es Freude, und sie konnte meines Jubels gewiss sein.

Weihnachten 1938 bekam ich zur Belohnung, weil ich nie etwas kaputt machte, einen wunderschönen Puppenwagen. Nun konnte ich meine Kinder mit auf die Straße nehmen und meinen Freundinnen zeigen. Ich war eine sehr stolze Puppenmutter. Der Transport des Wagens die Treppen runter war stets ein Kraftakt, da er fast die Größe eines Kinderwagens hatte. Mit einer Hand klammerte ich mich am Treppengeländer fest, die andere Hand umschloss krampfhaft den Griff des Wagens. So ging es Stufe für Stufe abwärts und beim Nachhausekommen wieder nach oben. Inzwischen wohnten wir allerdings im ersten Stockwerk des Nachbarhauses, so dass die Strecke kürzer war.

Sehr gern beschäftigte ich mich mit Papier und Buntstiften oder formte vielerlei Dinge aus Knete. Mit den nötigen Materialien versorgte mich meine Mutter. Soweit ich zurückdenken kann, gehörten Bücher zu meinem Leben; zunächst Bilderbücher, danach Märchenbücher, die ich auch verkehrt herum „lesen“ konnte, weil mir der Text vom Vorlesen bekannt war. Später kamen viele Kinder- und Jugendbücher hinzu.

Höchsten Stellenwert haben in meiner Erinnerung Kinderlieder, mit denen meine Mutter mich abends in den Schlaf gesungen hat. Mein Lieblingslied erzählte vom spielenden jungen Reh im Wald, welches der Förster wund geschossen hatte. Viele Tränen habe ich um dieses kleine Reh vergossen. Die Zeit vor dem Einschlafen waren die intimsten Stunden mit meiner Mutter, die ich täglich herbeigesehnt habe. Durch ihr Singen hat sie mir Geborgenheit vermittelt und mich in Musik eingehüllt.

Der einzige unerfüllte Wunsch blieb eine kleine Schwester. Den Rat der Erwachsenen, Zucker aufs Fensterbrett zu streuen für den Klapperstorch, habe ich gewissenhaft, aber leider ohne Erfolg ausgeführt.

Wie ein Schneekönig freute ich mich, als ich endlich in die Schule gehen durfte. Am Einschulungstag nahm meine Mutter einen Tag Urlaub und konnte das große Ereignis mit mir feiern.

Kinder zum Spielen mit in die Wohnung nehmen durfte ich nicht. Unbeobachtet hätten wir sonst was anstellen können. Dieses Verbot war am schwersten einzuhalten und wurde ab und zu übertreten. Abends beichtete ich mein Vergehen meiner Mutter. Sie lächelte und sah ein, dass ihre kleine Tochter nicht immer total lieb sein konnte.

Eines Tages erlaubten wir uns einen besonderen Streich. Wir wollten Theater spielen und benötigten dazu „Bühnenkleidung“. Ich wusste, dass wir in einem Koffer auf dem Kleiderschrank fündig werden könnten. Aber wie sollten wir drankommen? Da Kinder begabte Kletterkünstler sind, ging`s über Fußbank, Stuhl und andere Hilfsmittel aufwärts. Unserem Tun war kein Erfolg beschieden. Durch einen ungeschickten Tritt verlor ich den Halt und rutschte mit der Stirn an der Schrankecke abwärts. Was danach folgte, hätte einem Schlachtfest alle Ehre gemacht. Der nächstliegende Gedanke war jedoch: Meine Freundinnen mussten schleunigst das Weite suchen, da sie sich verbotenerweise in der Wohnung aufhielten. Alleingelassen in meinem Fiasko versuchte ich krampfhaft, des Blutes Herr zu werden. In der Schmutzwäschetruhe suchte ich nach etwas Brauchbarem zum Abwischen. Ein dunkel gemusterter Couchkissenbezug tat beste Dienste, weil man an ihm die Spuren am wenigsten sah. Als der Blutfluss irgendwann endlich aufhörte, verschwand der Bezug tief unten in der Truhe. Was wird Mutti sagen, wenn sie das hilfreiche Stück eines Tages entdeckt? Im Moment spielte das eine untergeordnete Rolle, denn ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass meine Mutter gleich kommen würde. Als sie das Zimmer betrat und die klaffende Wunde auf meiner Stirn sah, erschrak sie fürchterlich und verlangte von mir Rede und Antwort zur Ursache der Verletzung. Manchmal müssen Notlügen sein. Folglich erfand ich die Geschichte, dass ich beim Spielen auf der Straße gegen einen Laternenmast gefallen sei. Anscheinend klang es plausibel, denn meine Mutter ging eiligen Schrittes mit mir zum Apotheker im Nachbarhaus, um von ihm zu hören, ob die Wunde geklammert werden müsse. Er sah sich den Schaden an. Da sich bereits eine dünne Schutzschicht auf dem Loch gebildet hatte, meinte er: „Ihre Tochter hat einen Schutzengel gehabt. Die Natur hat den Heilungsprozess bereits begonnen“. Man konnte die Steine, die meiner Mutter vom Herzen kullerten, fast hören. Jahrzehnte später habe ich ihr in einem Brief erzählt, was damals wirklich geschehen war. Böse konnte sie nicht mehr sein, nur erstaunt über mein hartnäckiges Schweigen.

An einem anderen Tag wurde meiner Mutter beim Heimkommen am Abend die Schreckensmeldung überbracht: „Häschen (mein Kosename) und Mäuschen (der Kosename meiner Freundin) wären heute fast überfahren worden. Sie wollten sich vom Obstwagen – (die damals in Berlin ihre Ware auf der Straße anboten) – Bananen holen. Fürchterliches Bremsenquietschen schreckte alle auf. Die Verursacher, die nicht auf den noch geringen Autoverkehr geachtet hatten, waren sich keiner Schuld bewusst“. „Was die großen Leute sich bloß immer so aufregen“ war ihr Kommentar.

Vor der Dampferanlegestelle Jannowitzbrücke gab es eine schöne breite Treppe, die uns Kindern in Ermangelung von Hügeln und Bergen im Winter als Rodelbahn diente. Dass hinter dem als Schutz dienenden Handlauf Wasser floss, tat unserer Freude keinen Abbruch.

Irgendwann erfuhr meine Mutter zufällig von diesem Spiel und wurde nachträglich leichenblass. Was wäre geschehen, wenn wir Kinder unter dem Geländer durchgerutscht wären? „Och, vielleicht hätten wir schwimmen gelernt“ meinten wir unbekümmert.

Eines Tages wollten Mutti und ich per U-Bahn wegfahren. Beim Abwärtsgehen zum Bahnsteig trafen wir eine Bekannte. Die beiden Frauen unterhielten sich kurz. Um mir die Zeit zu vertreiben, spielte ich Hopse auf den Stufen, verlor das Gleichgewicht und rollte wie ein Kartoffelsack von Stufe zu Stufe runter. Eine kleine Strecke hatte ich bereits zurückgelegt, als Mutti es bemerkte und mich auffangen wollte. Inzwischen war ich längst wieder auf den Beinen.

Mit Begeisterung sind wir Rollschuh gelaufen, was in unserer Kindheit in Berlin noch mitten auf dem Damm möglich war. Wenn ein Auto kam, fuhren wir an den Rand des Bürgersteigs, ließen das Fahrzeug passieren und drehten weiter unsere Kreise. Wir wurden keine Meister, hatten aber viel Spaß.

Es gab viele billige Zeitvertreibe: Laternenklettern gehörte dazu. Wer am höchsten kam, war Sieger.

Oder Hopse: Mit Kreide malten wir auf dem Pflaster Kästchen auf und vereinbarten verschiedene Möglichkeiten zum Springen. Wer einen Strich berührte oder einen Gegenstand, der als weiteres Erschwernis auf dem Fuß lag, verlor, bekam Minuspunkte. Wer letztendlich Sieger wurde, war nicht immer unumstritten.

Ein anderes Wettspiel war murmeln. Wir suchten uns zwischen den Steinplatten im Boden ein kleines Loch und rollten aus bestimmter Entfernung bunte, haselnussgroße Kugeln hinein. Wer am meisten schaffte, hatte gesiegt.

Seilspringen und Verstecken waren beliebte Spiele. Wir waren nie um Beschäftigungen verlegen. Der Geist war dauernd gefordert. Trotz aller Armut waren wir glückliche und bescheidene Kinder.

Heute wird viel Taschengeld für Zeitvertreib aufgewendet. Schon die Jüngsten sitzen viel zu viel im Zimmer am Computer und verlieren den Sinn für Gemeinschaft, wobei ich die heutige Zeit nicht verteufeln will. Ob die modernen Möglichkeiten glücklichere Menschen hervorbringen, bleibt abzuwarten.

Sparsamkeit lernten wir bereits in frühen Lebensjahren. Eines Tages bettelte ich meine Mutter vor einer Bäckerei um den Kauf eines Plunderstücks an. Da sie mir keine Erklärung für die Verweigerung gab, stellte ich mich hin und trampelte zornig. Die Geduld meiner Mutter war überstrapaziert und ich bekam auf der Straße Schläge. Grund für die Ablehnung war fehlendes Geld, was ich aber erst zu Hause erfuhr.

Mit großer Begeisterung drückte ich mir an den Schaufenstern der Eisdielen die Nase platt und beobachtete das Mischen der Zutaten für die verschiedenen Eissorten. Eine große vielfarbige Platte, die mit einem Mischlöffel gekoppelt war und sich drehte, faszinierte mich. Für einen Groschen gab es eine Rieseneiswaffel, aber für Kinder war auch diese geringe Summe ein großes Vermögen.

An einem Sommerabend war mein Eisappetit riesig. Vorher hatte ich bei passender Gelegenheit einen Groschen aus Muttis Geldbörse geklaut und erstand nun für dieses Geld die Leckerei. Das schlechte Gewissen plagte mich so, dass ich Eis leckend an den Häuserwänden entlang heimwärts schlich. Überhaupt nicht hatte ich damit gerechnet, dass meine Mutter mich beobachten könnte. An diesem Abend sah sie mich vom Fenster aus und rief mich nach oben. „Woher hattest du das Geld fürs Eis?“ wollte sie von mir wissen. Stammelnd verriet ich: „Tante Smula hat`s mir geschenkt.“ Das war eine sehr kinderliebe Bekannte meiner Mutter. Meine roten Ohren passten wohl nicht zu meiner Aussage, denn Mutti bekam heraus, dass ich sie angelogen hatte. An diesem Abend durfte ich ihr nicht „gute Nacht“ sagen und bekam keinen Kuss von ihr. Eine schlimmere Strafe hätte sie sich nicht ausdenken können. Ich war kuriert von Lüge.

Andererseits gab es ein Erziehungsmittel meiner Mutter, was mich bis zu ihrem Tod beschäftigt hat. Als Kind wollte sie Liebsein von mir dadurch erreichen, was ihr überwiegend gelungen ist. Im späteren Leben setzte sie manchmal ihre Wünsche auf diese Weise durch. Sie drohte damit zu sterben, wenn ich ihr nicht zu Willen handelte. Als Vierjährige erlebte ich es erstmals: Sie ließ sich auf den Fußboden fallen und hörte auf zu atmen. Es nützte kein Rufen, kein Schütteln, um sie wieder aufzuwecken. Erst meine Versicherung „Muttichen, ich will immer ganz artig sein, aber mach doch bitte, bitte die Augen wieder auf“ holte sie „ins Leben zurück“. Die ausgestandene Angst um sie hat mich ein Leben lang begleitet und viele meiner Entscheidungen beeinflusst. Trotz allem ist Mutti immer mein bester Kamerad geblieben. Vielleicht war mir die Tragweite des Geschehens überhaupt nicht bewusst. Denn als ich bereits sechzig Jahre alt war, fragten mich zwei meiner Kinder mal: „Mami, wann willst du denn endlich erwachsen werden?“

Eine andere negative Erfahrung hat ebenfalls über Jahrzehnte mein Handeln geprägt. Von Natur aus war ich zierlich, aber stets niedlich angezogen, denn dafür sorgten Oma und meine Mutter mit ihren Nähkünsten. Vielleicht hat mein Aussehen Gelüste in manchen Männern hervorgerufen, denn zwischen dem fünften und neunten Lebensjahr wurde ich insgesamt sieben Mal in Berliner Treppenhäusern verfolgt und unsittlich berührt. Die Kerle haben durch mein Rennen treppauf immer das Weite gesucht, und ich schloss mich mit zitternden Händen in unserer Wohnung ein, denn den Schlüssel hatte ich griffbereit um den Hals hängen. Mit einer Ausnahme habe ich nie darüber geredet. Ein einziges Mal geschah es auf dem Weg zu meiner Oma. Meine Reaktion war wie immer: Treppe hoch rasen und Sturm klingeln. Oma öffnete sehr schnell und wunderte sich über meine Atemlosigkeit. Ihr habe ich erzählt, was mir passiert war. Sofort alarmierte sie ihre Nachbarin, die einen Hund hatte, und gemeinsam suchten wir die nahegelegene Grünanlage ab, weil die beiden Frauen vermuteten, dass der Kerl sich vielleicht dort ein anderes Opfer suchte. Ob sie die Polizei informierten, weiß ich nicht. Ich bin jedenfalls nie befragt worden. Über Jahrzehnte bin ich, wenn ich allein war, Treppen hoch gerannt ohne zu wissen, warum. Der Auslöser müssen diese Erlebnisse gewesen sein, bestätigte mir im Erwachsenenalter ein Psychotherapeut.

Meine Mutter fuhr sonntags oft mit mir in die Berliner Umgebung. Wir stromerten durch die Wälder, gingen baden im Wannsee, im Winter Schlitten fahren.

Oft führte unser Weg zum Stahnsdorfer Waldfriedhof an das Grab meines Vaters. Bei einem dieser Besuche entdeckte meine Mutter zufällig in einer anderen Grabreihe einen bekannten Namen. Danach zog sie Erkundigungen ein und erfuhr, dass sich die Mutter meines Vaters wenige Monate nach seinem Tod das Leben genommen hat. Sie konnte den Tod ihres einzig noch verbliebenen Kindes nicht verwinden.

An meine Kinderjahre denke ich gern, obwohl mir heute bewusst ist, dass ich durch das viele Alleinsein anders geprägt wurde wie ein von der Mutter betreutes Kind. Mich mitzuteilen, fällt mir mündlich sehr schwer. Keinerlei Probleme habe ich, zuzuhören oder meine Umgebung zu beobachten.

Bereits im Frühjahr 1933 waren wir in eine kleine Wohnung gezogen, nachdem wir vorher in Untermiete gelebt hatten. Mit viel Freude richtete meine Mutter unser Zuhause ein.

Mitte der dreißiger Jahre gab es Veränderungen in unserem Leben.

Meine Mutter lernte einen lieben, jüdischen Mann kennen, Sohn eines Druckereibesitzers. Er entsprach im Wesen ihrer Mentalität und hatte gleiche Interessen: Natur, Musik, Tanz. Außerdem sprach er verschiedene Sprachen und führte meine Mutter in die Welt der Oper ein. Hauptvoraussetzung für eine mögliche Bindung war jedoch, dass er mich sofort in sein Herz schloss. Es gab gemeinsame Unternehmungen, die uns allen viel Freude bereiteten. Noch ahnten wir nicht, welche Fallstricke bereit lagen.

Eine freudige Überraschung hat sich mir eingeprägt: Ich wurde nachts wach und stolperte schlaftrunken Richtung Küche, weil ich von dort Geräusche hörte. Vorsichtig öffnete ich die Tür und sah ganz kurz einen Gegenstand auf dem mit Decken gegen Klopfschall abgedeckten Küchentisch stehen. Mit schnellem Griff klemmte Mutti mich unter den Arm und verfrachtete mich zurück ins Bett.

Als Heiligabend die Tür zum geschmückten Wohnzimmer geöffnet wurde, entdeckte ich unter dem Weihnachtsbaum einen Puppenkleiderschrank. Genau dieses Geschenk war es, auf welches ich nachts in der Entstehung einen kurzen Blick werfen konnte.

Ein Sprichwort sagt: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Mit dieser Tatsache wurden wir konfrontiert.

Eines Abends, als unser Freund bei uns war, hörten wir ganz unten im Treppenhaus laute Stimmen und Gepolter, was in diesem gepflegten Haus sehr ungewöhnlich war. Zum Glück wohnten wir im vierten Stock. Ein kurzer Blick durchs Geländer ins Erdgeschoss genügte, um unseren Gefährten in Panik zu versetzen. In größter Eile spurtete er über die Dachböden, die alle Gebäude des Hauses miteinander verbanden, zum Vorderhaus, konnte von dort die Straße erreichen und flüchten. Kurz darauf klingelte es an unserer Wohnungstür. In barschem Ton wurde meine Mutter gefragt: „Wo ist ihr jüdischer Freund?“ Mutti antwortete geistesgegenwärtig: „Ich als arische Mutter würde mich nie mit einem Juden einlassen“. Es muss glaubhaft gewirkt haben. Die SS-Männer verabschiedeten sich mit dem Bemerken: „Das konnten wir uns auch gar nicht vorstellen“.

Eingebrockt hatte diese Kontrolle ein unter uns wohnendes älteres Ehepaar, das nichts Besseres zu tun hatte, als täglich die Mitbewohner auszuspähen. Ein gemeldeter Verdacht genügte zu Verhaftungen.

Nach diesem Schock kündigte Mutti unsere hübsche Wohnung, weil sie die Bespitzelung nicht mehr ertragen konnte. Wir zogen wieder in Untermiete zu einer alten Dame mit Tochter, beide Juden.

Lange nach der Flucht unseres Freundes erhielt meine Mutter über eine Bekannte eine Karte von ihm aus Frankreich, auf der die Schrift nur sehr ungenau zu entziffern war. Danach hörten wir nie mehr etwas von ihm. Wieder hatten wir einen geliebten Menschen verloren.

1937 ergab sich für meine Mutter beruflich eine positive Veränderung.

Zunächst konnte sie in der Packerei eines sehr großen Verlags anfangen. Es dauerte nicht lange, bis ein Vorgesetzter auf ihre Arbeitsweise aufmerksam wurde, denn ihr fielen immer wieder Verbesserungen des Arbeitsablaufs ein, die sie sofort umsetzte. Dadurch ging vieles sehr viel schneller.

Eines Tages bestellte ein Abteilungsleiter sie in sein Büro. Er führte ein längeres Gespräch mit ihr, stellte Fragen zu Werdegang und familiären Verhältnissen. Mutti hielt nicht hinter dem Berg: „Ich bin alleinerziehende Mutter und habe eine kleine Tochter. Mein Verlobter ist vor der Geburt des Kindes gestorben.“ Ihre offene Art fand Anklang. Sie wurde aufgefordert, Namen und Geburtsdatum aufzuschreiben. Das Schriftbild war sehr klar, besonders die Zahlen. „Haben Sie nicht Lust, im Büro zu arbeiten?“ wurde sie gefragt. Das Herz meiner Mutter schlug Purzelbäume. Einen Beruf hatte sie nicht erlernen können und bekam nun ein solches Angebot. Freudig sagte sie zu. Der Weg als Angestellte in der Buchhaltung mit festem Gehalt stand ihr offen. Sie war rundum glücklich.

Die Firma hatte ein großes Angebot auf kulturellem Gebiet. Theater- und Konzertkarten konnten günstig erworben werden, wovon meine Mutter gern Gebrauch machte. In der Weihnachtszeit gingen wir gemeinsam zu Märchenvorstellungen ins Theater. Auf diese Art öffnete sich auch mir langsam die Theaterwelt. Noch heute denke ich mit Dankbarkeit an diese Zeit.

Meine sportbegeisterte Mutter wurde sofort Mitglied in der Gymnastikgruppe ihrer Firma. Schon in der Schule hatte sie in Turnen immer die Bestnote. Sie war in ihrem Element.

Die Belastung des niedrigen Verdiensts meiner Mutter war gewichen. Mancher Wunsch konnte erfüllt werden, der vorher ins Reich der Träume eingeordnet werden musste.

Durch das feste Gehalt konnte meine Mutter Rücklagen bilden für Reisen. Mich hatte sie vorher gelegentlich per Eisenbahn zu Freunden nach Brandenburg oder ins Riesengebirge geschickt. Ich bekam ein Schild um den Hals gehängt mit meinem Namen und Zielort. Dem Zugschaffner wurde ich zu treuen Händen übergeben und am Ziel von den Freunden abgeholt, heute unvorstellbar. An eine gemeinsame Reise war aus Geldmangel vorher nie zu denken.

Zusammen verbrachten wir unseren ersten Urlaub in der Sächsischen Schweiz. Mutti hatte ein Zimmer in einer Privatpension gebucht, wo wir uns wie Könige fühlten. Wir unternahmen herrliche Wanderungen in wunderschöner Landschaft, natürlich auch zur Bastei im Elbsandsteingebirge. Klettern wurde unsere Leidenschaft.

Nach vielen Jahrzehnten kann ich von derartigen Urlaubserlebnissen mit meiner geliebten Mutter noch zehren.

Geheimnisvoll war stets die Weihnachtszeit. Am Nikolaustag löste eine kleine Nascherei und etwas Lesbares im Schuh großen Jubel aus. Die großen Berliner Kaufhäuser schmückten ihre Schaufenster mit Weihnachts- und Märchenausstellungen für die Kinder, die sich die Nasen an den Scheiben platt drückten.

Es gab viele positive und beglückende Erlebnisse für mich in der Kindheit, aber oft auch Erschreckendes.

Eines Tages kamen wir aus dem Haus und mussten uns den Weg durch Glasscherben bahnen. Bei näherem Hinsehen, was nur davoneilend geschehen konnte, erkannten wir, dass die Schaufenster der Läden jüdischer Mitbürger zertrümmert waren. „Mutti, was ist denn hier passiert?“ fragte ich. Sie nahm mich fest an die Hand und eilte weiter mit mir. Nur nicht auffallen.

Heute weiß ich, dass diesem Erlebnis die von den Nazis zynisch bezeichnete „Reichskristallnacht“ vorausgegangen war. In dieser Nacht wurden die Synagogen in Brand gesetzt, viele jüdische Mitbürger gequält oder verhaftet. Der 1933 gewählte Dämon zog die Fäden und die Marionetten tanzten. Ein ganzes Volk war in den Sog einer machtbesessenen Regierung geraten. Je weiter und länger das „1000jährige Reich“ seinen Besitzanspruch ausdehnte, umso mehr Menschen wurden hellhörig und versuchten aufzurütteln. Aber Diktatoren beherrschen ihr „Handwerk“ und sind in der Lage, ein ganzes Volk in Trance zu versetzen. Außerdem wurden unliebsame Mitbürger sehr schnell mundtot gemacht, indem man sie verhaftete, folterte, falsche Geständnisse erpresste oder sie sogar den Konzentrationslagern überstellte.

Meine Mutter hatte bezüglich ihres Freundes bereits bitteres Lehrgeld gezahlt. Was für teuflische Spiele längst im Hintergrund liefen, erkannte sie nicht. Sie war ein total unpolitischer Mensch.

Unser privates Leben verlief besser als je zuvor. Eingebettet waren wir mehr oder weniger in das Leben mit der Verwandtschaft.

Meine wichtigste Bezugsperson war neben meiner Mutter meine Großmutter, von mir liebevoll „Mio“ genannt. Eine Bekannte hat sie mal entsetzt gefragt, warum sie von ihrer Enkelin mit Vornamen angeredet würde. Lachend klärte meine Oma sie auf.

Von den fünf Geschwistern meiner Mutter lebten noch vier. Ihre Lieblingsschwester war im Alter von fünf Jahren an einer rätselhaften Krankheit gestorben. Einer Obduktion stimmte Oma nicht zu. Ihr Schmerz war zu groß. Sie wollte ihr totes Kind nicht verstümmeln lassen.

Nach und nach gingen Mios Kinder aus dem Haus. Ein Sohn und zwei Töchter heirateten; es kamen Enkelkinder dazu. Unsere Oma hatte für alle ein offenes Ohr, und wo Hilfe gebraucht wurde, war sie bereit. Als die jüngste Tochter bereits zwei Kinder hatte, bezogen sie endlich eine größere Wohnung und nahmen Oma mit. Sie bekam ein eigenes Zimmer mit separatem Eingang vom Treppenhaus. Mit 44 Jahren wurde meine Mio schon Rentnerin. Hände und Füße waren durch Rheuma und Gicht verkrüppelt, was sie aber nicht davon abhielt, weiter in ihrem Beruf als Schneiderin in Heimarbeit tätig zu sein. In jüngeren Jahren war sie als Paketzustellerin bei der Post beschäftigt. Statt in Autos wurden die Pakete in hohen Pferdefuhrwerken transportiert. Meine Mutter hat wiederholt davon erzählt, wie sie als Kinder jubelnd hinter Omas Postkutsche hergerannt sind, wenn sie sie zufällig in ihrem Wohnviertel entdeckten. Sie waren stolz auf ihre Mama, die die Kutsche sowie die ziehenden Pferde souverän beherrschte. Die Tiere waren ihre Freunde.

Sehr gut erinnere ich mich an die großen Waschtage. Die Wäsche musste ins obere Stockwerk transportiert werden, wo sich die Waschküche befand. Dort wurde sortiert, abends eingeweicht und am nächsten Tag sehr früh am Morgen die Weißwäsche abgekocht, denn jeder Mieterin standen nur zwei Waschtage zur Verfügung. Das Heizmaterial für den Waschkessel musste ebenfalls hochgeschleppt werden. Hatte die Wäsche lange genug in der richtigen Temperatur gekocht, wurde sie in Bottiche und Wannen verteilt und die Knochenarbeit begann. Meist wurde mit Waschbrett und Scheuerbürste gearbeitet. Dem Waschen folgte mehrmaliges Spülen. War die Weißwäsche fertig, kam die Buntwäsche dran, für die das Wasser weiter verwendet wurde, um Wasser und Waschmittel zu sparen. Zwischendurch warteten hungrige Mäuler am Mittagstisch, die nebenbei versorgt werden mussten. Nach dem Waschen und Spülen wartete die Arbeit des Aufhängens der vielen Wäsche. War alles geschafft, war Oma rechtschaffen müde, aber ich habe sie nie mürrisch oder missmutig gesehen.

In Erinnerung an diese kräftezehrende Arbeit erfüllt mich große Dankbarkeit für den Fortschritt der Technik. Wer kann sich heute noch einen Waschtag ohne Maschinen vorstellen? Dieser Lernprozess wurde von den Hausfrauen und Müttern sehr schnell bewältigt.

Auf anderen Gebieten ging es teils sehr viel langsamer voran. Die große Masse der weiblichen Wesen sah Unterordnung unter männliche Anweisungen lange als Notwendigkeit an. Die Vorkämpferinnen der Emanzipation hatten in den eigenen Reihen zunächst einen schweren Stand, weil Frauen sich ihrer Stärken überhaupt nicht bewusst waren. Von den Männern wurde ihnen eingeredet, dass ihr Platz im Haus und hinter dem Herd sei. Die dummen Frauchen glaubten daran, obwohl einzelne längst bewiesen hatten, dass Frauen ihren Mann standen.

Das Eintauchen aus der heutigen modernen, technisierten Welt in die weitaus primitivere Vergangenheit ist spannend, zeigt es doch den Wandel der Zeit am eigenen Erleben.

Die jüngste Schwester meiner Mutter hat in sehr jungen Jahren fünf Kindern das Leben geschenkt; 14 Jahre später kam noch ein Nachzügler. Mit meiner Tante und ihren Kindern verbrachte ich viele Stunden und Tage meiner Kindheit, zumal meine Oma in der gleichen Wohnung wohnte und mich die Sehnsucht oft dorthin zog. In frühen Kinderjahren lief ich wiederholt quer durch die Berliner Innenstadt vom Alexanderplatz zu Oma am Prenzlauer Berg. Als ich das erste Mal allein dort auftauchte, war Oma sehr erschrocken. Sie nahm mich in den Arm und redete mir eindringlich ins Gewissen: „Kind, du kannst diese Strecke nicht allein laufen. Das ist viel zu gefährlich für dich. Wir stehen Angst um dich aus“. Wir setzten uns am Nachmittag gemeinsam in die Straßenbahn und Oma brachte mich wohlbehalten nach Hause. Heute könnte man die Mutter über Handy informieren, dass das Kind sicher in Omas Obhut geborgen ist und kein Grund zur Besorgnis besteht. Ich gelobte jedes Mal Besserung, aber der Sehnsucht konnte ich nicht widerstehen.

Erneut brachten wir einen Umzug hinter uns. Nach zwei Jahren bei der jüdischen Vermieterin, bei der uns ein Raum zur Verfügung stand, wurden meiner Mutter im gleichen Haus ein Stockwerk tiefer zwei Leerzimmer angeboten, die sie gern mietete, um etwas mehr Platz für uns beide zu haben. Nun konnte sie einen Traum verwirklichen: Sie kaufte ein Klavier und schickte mich zum Unterricht. Meine Ambitionen entsprachen diesbezüglich nicht ihren Wünschen und noch heute bedaure ich meinen Lehrer, der ein sehr gütiger älterer Herr war und dessen Geduld manchmal auf eine harte Probe gestellt wurde. Im Rückblick bin ich meiner Mutter unendlich dankbar, dass sie mir die Möglichkeit des Musizierens geboten hat.

Die Toilette durften wir in der Wohnung des Vermieters benutzen. Dies änderte sich, als Besuch von uns ein dringendes Bedürfnis hatte und die Notdurft ebenfalls dort verrichtete. Danach wurde uns die Benutzung der Örtlichkeit untersagt, obwohl unser Besuch sich korrekt verhalten hatte, aber er musste den Flur durchqueren, was vom Vermieter als störend empfunden wurde. Zukünftig mussten wir eine Toilette benutzen, die nur über einen sehr langen Hof erreichbar war und zum Fabrikgebäude unseres Vermieters gehörte. Unsere Zimmer befanden sich im ersten Stockwerk des Vorderhauses. Wenn ich heute über diese Verhältnisse nachdenke, überläuft mich noch immer kaltes Grausen.

Zu dem Gebäudekomplex der Fabrik gehörte ein langer Flachbau im Hof des Grundstücks, in dem Zwangsarbeiter und Juden, die in der Firma beschäftigt waren, mehr schlecht als recht hausten.

Was aus ihnen und unseren ehemaligen jüdischen Vermietern geworden ist, kann man nur ahnen. Sie waren jedenfalls plötzlich verschwunden.

Düstere Erinnerungen beginnen 1939. Lebensmittel wurden rationiert; Verdunklung wurde angeordnet; viele liebe Menschen verschwanden auf für mich unerklärliche Weise. Wir hatten kein Radio, um uns über das Weltgeschehen zu informieren. Die technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit gab es noch nicht.

Am 1.September 1939 fielen auf Hitlers Befehl deutsche Truppen in unserem Nachbarland Polen ein und eröffneten damit den grausamsten Krieg der bisherigen Geschichte.

Alle Schichten der Bevölkerung waren betroffen. Die meisten Männer wurden zur Wehrmacht eingezogen und in Einsätze geschickt, aus denen es oft keine Wiederkehr gab. Ein Schwager meiner Mutter verbrannte bereits am ersten Kriegstag in seinem torpedierten Panzer und hinterließ Frau und fünfjährigen Sohn. Alle Männer der Familie wurden für diesen Wahnsinnskrieg verpflichtet. Der Lieblingsbruder meiner Mutter gilt seit 1944 als vermisst.

Bald begannen Luftalarme. Die Menschen wurden nachts aus dem Schlaf gerissen, eilten verstört in die Luftschutzkeller und harrten der Ungewissheit. Ich erinnere mich an lange, helle Lichtstrahlen, die den Himmel absuchten. Hatten sie ein Flugzeug eingekreist, begann der Beschuss durch deutsche Flak. Wir Kinder sammelten am nächsten Tag einfältig Granatsplitter und verglichen sie in der Schule mit anderen. Wer den größten hatte, war mächtig stolz. Gefühle und Handlungsweisen veränderten sich sehr schnell, je ernster die Situation wurde.

Ich denke an eine Nacht mit verspätet ausgelöstem Alarm, als uns bereits auf dem Weg in den Schutzkeller, der am Ende des langen Hofes unter dem Fabrikgebäude lag, Splitter des Flakbeschusses um die Ohren flogen. Aus einem der Fenster im Flachbau sah eine Frau raus und wurde fast von einem Splitter im Gesicht getroffen. „Kommen Sie schnell in den Keller!“ riefen wir ihr beim Weiterrennen zu, ohne daran zu denken, dass Juden der Zutritt zu den Schutzkellern strengstens verboten war. Mich hat es damals als Kind schon empört, dass man diese Menschen der großen Gefahr aussetzte. Heute ist bekannt, wozu die Naziregierung fähig war und wie viel Leben sie vernichtet hat.

Das Straßenbild veränderte sich. Man sah immer weniger junge Männer; andererseits tauchten mehr und mehr verletzte Soldaten auf.

Nach Einbruch der Dunkelheit war es auf den Straßen stockfinster durch die Verdunklungspflicht. Wenn nur ein winziger Lichtschein zu sehen war, brüllten die Luftschutzwarte: „Licht aus!“ Jeder war bemüht, nicht auffällig zu werden. Für die Kleidung wurden fluoreszierende Anstecknadeln in den Handel gebracht, damit man sich beim Begegnen nicht umrannte

Der Alltag mit seinen Anforderungen verlangte Anpassung, denn es gab laufend neue Verordnungen. Die Rüstungsindustrie lief auf Hochtouren. Propaganda schrie sichtbar von vielen Plakaten. „Räder müssen rollen für den Sieg“ wurde ins Bewusstsein gehämmert. In den Verkehrsmitteln hingen Plakate mit der Warnung „Psst! Feind hört mit“. Auf anderen war eine schwarze männliche Figur mit einem Sack über der Schulter zu sehen mit dem Text „Kohlenklau“, der zu sparsamem Verbrauch der Heizmittel aufforderte. Das Leben hatte eine andere Dimension bekommen.

In der Schule vermissten wir Kameradinnen, mit denen wir am Tag zuvor noch Gedanken zu den Hausaufgaben ausgetauscht hatten. Die Mädchen waren nicht krank gemeldet, wir bekamen nur fadenscheinige Erklärungen. Fast immer handelte es sich um jüdische Kinder.

Auffallend war, dass wir im Musikunterricht plötzlich Lieder mit aufpeitschenden Texten lernen mussten, beispielsweise „Bomben auf Engeland“. Was sollte das heißen? Was wurde geplant? Sollten unsere Flugzeuge tödliche Fracht über unschuldigen Menschen in anderen Ländern abwerfen? Was hatten wir in solchem Fall zu erwarten? Unsicherheit wuchs ins Unermessliche. Viele Fragen blieben unbeantwortet. Zunehmende Gereiztheit durch Müdigkeit, verursacht durch nächtliche Alarme, breitete sich unter der Bevölkerung aus.