Und jetzt erst recht - Brigitte Möhr - E-Book
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Und jetzt erst recht E-Book

Brigitte Möhr

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Beschreibung

Sandra hat, was sich die meisten wünschen: Sie ist jung, hübsch und reich. Glaubt sie zumindest. Als ihr Treuhänder sie mit vehementer Dringlichkeit zu einem sofortigen Treffen bestellt, denkt sie sich nichts Böses dabei. Zwei Stunden später wird sie bewusstlos in einem demolierten Cabrio aufgefunden und eine ungeahnte Misere nimmt ihren Lauf …

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Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Brigitte Möhr

Und jetzt erst recht!

Roman

Alle im Roman erwähnten Namen, Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit effektiven Vorkommnissen sowie lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Freilich könnte sich diese Geschichte in ähnlicher Art und Weise auch im wahren Leben zutragen.

Brigitte Möhr

Und jetzt erst recht!

Roman

1. Auflage

ViCON-Verlag

Niederhasli 2016

Brigitte Möhr lebt und arbeitet im Bündnerland. Sie ist humorvoll und lacht gerne. Der Austausch mit Menschen jeglichen Alters und unterschiedlicher Herkunft fasziniert sie. Je vielfältiger die Ansichten, desto spannender. Wertvolle Kernpunkte solcher Gespräche inspirieren sie und liefern ihr Ideen für Texte und Geschichten. Die damit verbundenen Recherchen, die Ausformulierung von Gedanken und der spielerische Umgang mit Worten bereiten ihr pures Vergnügen.

Brigitte Möhr: Und jetzt erst recht!

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © Vicon-Verlag

1. Auflage 2016

Verlag: Vicon-Verlag

Internet: www.vicon-verlag.ch

E-Mail: [email protected]

Umschlaggestaltung: Thomas Wobmann

Grafik/Layout: LP Copy Center Wettingen

Lektorat/Korrektorat: Monika Künzi Schneider

Druck: online Druckerei Deutschland

ISBN E-Book: 978-3-9525921-0-6

Mit festem, sicherem Griff lenkte Sandra das Steuer ihrer neusten Errungenschaft: ein eineinhalbjähriges, äusserst gut erhaltenes BMW-330i-Cabrio in schickem Schneeweiss, inklusive Vollausstattung, schwarzem Leder sowie diversen Extras und Schnickschnacks. Wollte sie der Aussage des Verkäufers glauben, so hatte sie das edle Stück zu einem absoluten Schnäppchenpreis ergattert.

Sie hatte Chur soeben hinter sich gelassen und freute sich auf jede einzelne der 360 bevorstehenden Kurven bis nach Arosa. Mit unübertrefflicher Präzision folgte der Wagen der gewünschten Spur. Fahrvergnügen pur! Sie liebte es, die Kraft des Sportwagens zu spüren und ihn in zügigem Tempo die gewundene Bergstrasse hinaufzujagen.

Sie war jung, sie war hübsch und sie war reich! Und sie genoss ihr Leben in vollen Zügen! Bei Sonnenschein, herunter-gelassenem Verdeck und milden Temperaturen hätte ihr die Fahrt zweifellos ein Quäntchen mehr Spass bereitet. Doch leider stand diese Alternative nicht zur Auswahl und sie musste zwangsläufig mit der nasskalten, grauen Witterung dieses 15. Novembers vorliebnehmen.

Der düstere und trostlose Spätherbstabend harmonierte bestens mit dem flauen Gefühl in ihrer Magengegend, welches sie seit dem Anruf auf ihr Handy kurz vor Mittag nicht mehr verlassen wollte. Ob sie vielleicht doch etwas Grundlegendes übersehen hatte? Ende Monat schickte sie ihrem Treuhänder Thomas Gnädinger jeweils die bezahlten Rechnungen, die Kassenbelege und den Monatsauszug der Bank zu, damit er die Buchhaltung für sie erledigen konnte. Diesmal hatte sie sich etwas länger Zeit gelassen und das Couvert mit den Unterlagen vor zwei Tagen zur Post gebracht. Ihrer Meinung nach sollte diese minimale Verspätung allerdings nicht gerade in Hysterie ausarten!

Dennoch ergriff eine unergründliche Beunruhigung von ihr Besitz. Der sonst so reserviert und kühl wirkende Treuhänder hatte durch seine Aufregung nicht eben Sicherheit und Gelassenheit verbreitet. Ungewohnt laut hatte er nach einem ultimativen Treffen verlangt. Er hatte etwas von Zahlungen gefaselt, und dass sie augenblicklich reagieren müsse. Sandra konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was es mit dieser Aussage auf sich hatte. Trotzdem hatte sie in seiner panischen Stimme eine gewisse Dringlichkeit erkannt und sich – wenn auch widerwillig – um 20.30 Uhr mit ihm in seinem Büro in Arosa verabredet.

Und nun war sie unterwegs zu ihm.

Während sie ihren Sportwagen mit viel Geschick die schmale,windige Strasse hinaufhetzte, dachte sie über die jüngsten Ereignisse nach.

Vor etwas mehr als zehn Monaten hatte sie Thomas Gnädinger das letzte Mal gesehen. Sie erinnerte sich genau. Kurz davor war ihre Mutter Romy völlig unerwartet an den Folgen einer unerkannten Lungenentzündung gestorben. Drei Tage vor Weihnachten. Mitten im Weihnachtsstress. Wo alle noch rasch einen feschen Haarschnitt für die Festtage brauchten. Als sie soeben dabei war, den mahagonifarbenen Bob von Madame Gammenthaler zu kürzen, fiel sie in sich zusammen und blieb reglos auf dem Boden liegen. Ihr wurde immer noch schlecht, wenn sie daran dachte.

Nach der Urnenbeisetzung hatte Thomas sie auf dem Friedhof beiseitegenommen und sie um ein Treffen gebeten. Er wolle ihr baldmöglichst Romys Finanzangelegenheiten übergeben, hatte er gesagt. Schlagartig war ihr damals bewusst geworden, dass plötzlich jede Menge Verantwortung auf sie zukommen würde. Mit ihren 26 Jahren war sie doch noch viel zu jung dafür! Zu jung, um Vollwaise zu sein. Zu jung und unerfahren, um mit einer solchen Belastung umgehen zu können. Sie hatte sich so schrecklich alleine und hilflos gefühlt!

Zwei Tage später hatte sie sich mit Thomas getroffen. Er hatte ihr erklärt, dass der kleine Frisiersalon ganz gut laufe und sie rund 250'000 Franken Umsatz mache. Ebenso gab es noch etwas Erspartes. Sie war erstaunt gewesen. Und für einen kurzen Augenblick – trotz ihrer Trauer – sogar ein bisschen glücklich. Wenigstens würde sie sich um ihre Finanzen keine Sorgen zu machen brauchen!

Da ihre Mutter eine Stammkundschaft gehabt hatte und sie der anfallenden Arbeit alleine nicht mehr Meister wurde, hatte sie eine Mitarbeiterin eingestellt – Leonie Studer, ein 19-jähriges Mädchen aus dem Unterland. Frisch von der Lehre. Leonie hatte einen stattlichen Lohn verlangt. Sandra war der Ansicht, dass gute Arbeit auch anständig bezahlt werden sollte, und abgesehen davon konnte sie es sich ja leisten. Entsprechend hatte sie den Lohnforderungen ohne grosse Diskussion zugestimmt.

Drei Monate nach der Beerdigung hatte sie spontan beschlossen, sich ein Time-out zu gönnen und für zwei Monate zu verreisen. Damit Leonie während dieser Zeit nicht überfordert sein würde, holte sie kurzerhand Mirella Kessler als zweite Arbeitskraft an Bord.

Im Seaview, einem luxuriösen 4-Sterne-Hotel auf den Malediven, hatte sie beim Schnorcheln und beim Fische-Beobachten zu ihrer inneren Ruhe zurückgefunden. Sie hatte es genossen, auf der faulen Haut zu liegen und es sich gut gehen zu lassen. Geld hatte sie reichlich und zu Hause war währenddessen munter Weiteres in ihre Kasse geflossen. Haare zu waschen, Spitzen zu schneiden und Locken zu föhnen hatte noch nie zu ihren favorisierten Tätigkeitsbereichen gehört, und so hatte sie die Arbeit ohne allzu grosses Bedauern ihren Angestellten überlassen.

Ihr Urlaub war ganz nach ihrem Gusto gewesen – mit Ausnahme des Essens. Nach etwas mehr als drei Wochen hatte sie die täglichen Buffets mit europäischen Speisen, welche unschwer erkennen liessen, woher der Grossteil der Feriengäste stammte, mehr als satt. Von den Sandwichs gar nicht zu sprechen; die waren so was von furztrocken, da waren die einheimischen Köche absolut talentfrei. Auf diesem Sektor konnte ihr niemand etwas vormachen: Bereits zu Schulzeiten war sie nämlich die unangefochtene Brötchenkönigin gewesen und ihre Mitschülerinnen hatten sich jeweils um ihre Sandwichs gestritten.

Allerdings hatte das eintönige Inselfutter den positiven Nebeneffekt, dass sie sich am Buffet nur mässig bediente. Als sie Ende April von ihrem Maledivenaufenthalt zurückkehrte, war sie nicht nur entspannt und braungebrannt, sondern auch sechs Kilo leichter, was sie auf der Attraktivitätsskala einiges nach oben hatte klettern lassen. Ihre dunklen kinnlangen Haare und ihre graugrünen Augen harmonierten perfekt mit dem pazifisch-bronzefarbenen Teint, den die Tage am Strand ihr verliehen hatten.

Als sie wieder Schweizer Boden unter den Füssen hatte, pausierte sie weitere drei Monate, bevor sie in den Frisiersalon zurückkehrte. Im Spätfrühling machte sie ein paar Ausflüge in die Berge und ein paar leichtere Wanderungen. Den Sommer verbrachte sie mehrheitlich am Ufer des Caumasees oder in dessen erfrischendem Wasser, oder sie relaxte in der Hängematte, unter dem Apfelbaum im Garten schaukelnd, bevorzugt in Begleitung eines spannenden Krimis ihres Lieblingsautors Henry Smith.

Sie hatte die vergangenen paar Monate ausgiebig genossen und liess es sich richtig gut gehen. Sie tat, wozu sie Lust hatte, und kaufte, was immer sie begehrte. So machte ihr das Leben Spass!

In Langwies musste Sandra vom Gas runter. Hinter einem lindgrünen Traktor mit Viehanhänger hatte sich eine kleine Karawane aus Autos und Lastwagen gebildet. Während die Schlange langsam durchs Dorf kroch, überlegte sie, ob der Anruf vielleicht einer der komischen Scherze ihres Treuhänders war. Obwohl: Er hatte alles andere als witzig geklungen.

Sie mochte Thomas Gnädinger nicht sonderlich. Vielleicht hatte das ursprünglich etwas mit Verlustängsten zu tun gehabt. Sie hatte gespürt, dass Thomas etwas von ihrer Mutter wollte. Deshalb hatte sie sich immer abgewendet, wenn er in den Coiffeursalon kam, und sich ihm gegenüber möglichst trotzig und schnodderig benommen.

Mittlerweile brauchte sie traurigerweise nicht mehr zu befürchten, dass er ihr ihre Mutter streitig machen könnte. Dennoch bereitete es ihr nach wie vor Mühe, ihm neutral gegenüberzutreten.

Seine Arbeit machte er gut, soweit sie dies beurteilen konnte. War sie allerdings ehrlich zu sich selber, musste sie sich unumwunden eingestehen, dass sie kilometerweit davon entfernt war, dies auch nur ansatzweise einschätzen zu können. Sie hatte, gelinde gesagt, keine Ahnung, was er eigentlich tat. Jedenfalls brauchte sie sich weder um Mehrwertsteuerformulare noch um Lohnzahlungen und AHV-Beiträge zu kümmern, und sie hatte bisher keine Beschwerden von irgendwelchen Ämtern erhalten. Dies liess sie hoffen, dass er sein Business beherrschte. Ausserdem hatte ihre Mutter ihm vertraut, und diese war eine taffe Geschäftsfrau gewesen.

Der Traktor mit dem Viehanhänger bog links ab und die Kolonne beschleunigte im Kollektiv. Da sich nun jedoch auch einige schwere Fahrzeuge vor ihr befanden, war es mit dem zügigen Fahrspass wohl oder übel vorbei. In gemächlichem Tempo folgte sie dem Konvoi.

Während Sandra sich Kurve um Kurve ihrem Ziel näherte, legte sich Thomas Gnädinger die schlagkräftigen Argumente der drohenden Misere nochmals in Gedanken zurecht. Er war nicht nur Romys und aus einem ihm eigenen Solidaritätsgedanken heraus auch Sandras Treuhänder. Nein – ihm gehörte auch die Liegenschaft, in der die junge Dame hauste und ihrem Verdienst nachging.

Als Romy seinerzeit mit ihrer kleinen Tochter an der Hand zur Wohnungsbesichtigung gekommen war und ihm ihre tragische Geschichte erzählt hatte, hatte er tiefes Mitleid für sie empfunden. Kurzerhand hatte er sich bereit erklärt, ihr sein Häuschen mitsamt Einliegerwohnung zu einem äusserst günstigen Preis zu überlassen. Als sie ihm erklärte, dass sie in der Parterre-Wohnung einen kleinen Coiffeursalon einrichten wolle, hatte er ihr obendrein seine treuhänderischen Leistungen praktisch zum Nulltarif angeboten.

Er selbst hatte zu ihren ersten Kunden gehört. Und so konnte er monatlich – während sie ihm die Haare stutzte – beobachten, wie sich aus der zurückhaltenden und verzweifelten jungen Frau innert kürzester Zeit eine selbstbewusste, kämpferische und erfolgreiche Persönlichkeit entwickelte.

Mutige Frauen hatten ihn schon immer in ihren Bann gezogen, und obwohl er sechzehn Jahre älter war als sie, hatte er versucht, sie zu umgarnen. Sie ging zwar mit Freude mit ihm ins Theater oder begleitete ihn auch mal in ein schickes Restaurant, blieb aber immer distanziert und gab ihm niemals auch nur den kleinsten Anlass, zu glauben, dass er ihr Herz für sich gewinnen könnte.

Ganz zu schweigen von demjenigen ihrer Tochter. Sandra hatte ihn unmissverständlich spüren lassen, dass ihre Mutter ihr gehörte. Und vielleicht war auch dies der Grund gewesen, weshalb Romy sich auf keinen Mann mehr eingelassen hatte.

Er hatte unglaubliches Mitgefühl für Sandra empfunden, als er sie so alleine auf dem Friedhof hatte stehen sehen. Dennoch hatte die langjährige Ablehnung, die sie ihm spürbar entgegengebracht hatte, ihn nicht gerade dazu verleitet, weiterhin zu Dumpingpreisen zu arbeiten.

Entsprechend hatte er sein Honorar auf seinen regulären Stundensatz erhöht, als Sandra ihn mit der Buchhaltung beauftragt hatte. Romy war immer überaus umsichtig und vorausschauend gewesen. Deshalb war er davon ausgegangen, dass sie ihre Tochter in ihre Geschäftsgeheimnisse eingeweiht hatte. Jetzt fragte er sich allerdings, ob dem tatsächlich so gewesen war. Dass Sandra es in so kurzer Zeit so weit hatte kommen lassen und dermassen über das Ziel hinausgeschossen war, hätte er niemals für möglich gehalten!

Insgeheim machte er sich Vorwürfe, dass er im Januar nicht deutlicher nachgefragt hatte, wie gut Sandra über den Hintergrund der Firma informiert war oder ob sie sich das Führen des Coiffeursalons überhaupt zutraute.

Nun ging es nämlich nicht mehr nur um Buchhaltung und ein Kundenverhältnis. Jetzt ging es auch um seine Finanzen!

Zwölf Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt traf Sandra an der Bergstrasse in Arosa ein. Sie stellte ihren heissen Flitzer auf den Besucherparkplatz und drückte nervös auf den einzigen angeschriebenen Klingelknopf des mehrstöckigen Gebäudes. Sie war noch nie hier gewesen. Die etlichen unadressierten Briefkästen liessen vermuten, dass sich im Gebäude hauptsächlich Ferienappartements oder Zweitwohnungen befanden.

Allerdings blieb ihr keine Zeit, sich über die Belanglosigkeit dieser Beobachtung Gedanken zu machen. Thomas Gnädinger öffnete die Türe. Er trug einen mattschwarzen Anzug, ein gestärktes blütenweisses Hemd und eine in verschiedenen Grautönen gestreifte Krawatte. Dazu auf Hochglanz polierte, italienische Lederschuhe und einen Gürtel mit einer eleganten Schnalle aus satiniertem silbrigen Metall. Seine ganze Erscheinung liess ihn autoritär und kompetent wirken.

Leichten Schrittes stieg Sandra hinter ihm die Treppe zu seiner Wohnung im zweiten Stockwerk hoch; so weit noch guter Dinge. Sie folgte ihm in sein Büro und setzte sich auf den angebotenen dunkelbraunen Ledersessel.

Während Thomas ihr einen Kaffee besorgte, glitt ihr Blick durch den Raum. Das Büro war teuer, für ihren Geschmack jedoch etwas zu rustikal eingerichtet. Ein riesiger Tisch aus massivem Eichenholz – das dominanteste Möbelstück – stand mitten im Raum. An der rechten Wand und unterhalb des Fensters waren flächendeckend massangefertigte Holzschränke angebracht. Darin waren wohl sämtliche Kundendaten fein säuberlich abgelegt. Der penibel aufgeräumte Schreibtisch liess zumindest darauf schliessen. Von der Decke hing eine antik anmutende Schmiedeisenlampe mit einem kupfernen Schirm, welche durch ihren dunkelgelben Glaszylinder hindurch ein dumpfes Licht verbreitete. Auf der linken Seite des Tisches, an der einzig freien Wand, hing ein überdimensionales Bild. Ein Original, wie sie vermutete. Sie kannte sich zwar in Sachen Kunst nicht aus, aber die abstrakten Jagdszenen des berühmten Malers Guido Colani waren sogar ihr ein Begriff. Der weiche hellgraue Teppich gab dem Raum die einzig leichte Note. Alles andere wirkte schwerfällig und wuchtig und ein beengendes Gefühl breitete sich in ihr aus.

Mit unsanftem Klappern stellte Thomas ein Tablett auf den Tisch. „Zucker und Milch?“, wollte er wissen.

Sandra nickte knapp. Gedankenverloren liess sie den Zucker aus dem Streuer auf ihren Kaffeelöffel rieseln und kippte ihn zweimal in die dunkle Flüssigkeit. Dann schenkte sie sich so viel Milch ein, dass der Kaffee eher als Milch mit Kaffeearoma durchgegangen wäre und nur noch lauwarm war. Als sie dreimal umgerührt hatte, setzte Thomas zu seiner Hiobsbotschaft an: „Es fällt mir selber schwer, das zu glauben, aber du bist pleite.“

„Ich? Pleite? Unmöglich!!“ Sandras Kaffeelöffel landete klirrend auf dem Unterteller. „Du hast mir doch selbst gesagt, dass meine Mama 250’000 Franken pro Jahr verdient hat. Und so viel habe ich noch bei Weitem nicht ausgegeben.“

„Darf ich dich darauf hinweisen, dass ich damals von Umsatz und nicht von Gewinn gesprochen hatte?“ Er verdrehte ungläubig die Augen. Sein schlimmster Verdacht schien sich soeben zu bewahrheiten.

„Auf meinem Konto ist noch Geld drauf, wie kann ich da pleite sein?“

„Da war zumindest noch welches drauf, bis ein stattlicher Betrag in Höhe von über sechzigtausend Franken zugunsten einer BMW-Garage abgebucht wurde. Das hatte zur Folge, dass Ende Oktober noch genau 2'389 Franken auf deinem Geschäftskonto waren.“

„Eben. Dann bin ich ja noch im Plus. Was jammerst du denn?“ Sandra kniff ihren Mund zusammen. Ihre ansonsten vollen Lippen wirkten dünn und farblos.

„Die Zahlung der Oktoberlöhne konnte nicht ausgeführt werden. Ein Wunder, dass sich deine Angestellten noch nicht beschwert haben. Ausserdem wird demnächst die Jahresrechnung für die Pensionskassenbeiträge ins Haus flattern und du wirst deinen Mitarbeiterinnen den versprochenen 13. Monatslohn plus den normalen Lohn für Oktober, November und Dezember ausbezahlen müssen. Die Mehrwertsteuer für das dritte Quartal ist fällig und du bist mir die Miete für den Frisiersalon und obendrein auch diejenige für deine Wohnung seit Anfang Jahr schuldig. Ganz zu schweigen von AHV, Krankenversicherungsrechnungen und Steuern.“ Er blätterte mit suchendem Blick in seinen Unterlagen: „Grob geschätzt reden wir hier von knapp 100’000 Franken.“ Der Klang seiner Stimme erhielt eine bittere Färbung. „Wie lautet dein Plan, um diese bis Weihnachten zu beschaffen?“

„Erstens: Was kann ich dafür, dass das Geschäft rückläufig ist? Anscheinend war der Erfolg irgendwie an die Persönlichkeit meiner Mama gekoppelt. Und zweitens: Was soll das heissen, dass ich dir die Jahresmiete für Wohnung und Geschäft schuldig bin? Ich habe alle Rechnungen, die hereingeflattert sind, stets termingerecht bezahlt.“

„Wie du dich sicher erinnern kannst, wollte deine Mutter seinerzeit dieses spezielle Arrangement mit der Einjahreszahlung. Als wir beide nach der Beerdigung gemeinsam die Finanzen durchgegangen sind, habe ich dich gefragt, wie ich den neuen Mietvertrag ausstellen solle“, verteidigte er sich gegen Sandras unterschwellige Anschuldigung. „Du hast ausdrücklich darauf bestanden, alles möglichst so zu lassen, wie deine Mutter es gehabt hatte, da sie damit scheinbar gut gefahren war.“

Thomas atmete tief durch, um sich selber zu beruhigen.

„Und obendrein habe ich heute Morgen von Leonie ungefragt erfahren, dass du dich im Salon schon lange ziemlich rar machst und ich dich nur auf deinem Handy erreichen könne. Bloss Chefin spielen und selber nicht mehr mitarbeiten geht in so kleinen Läden selten gut.“

„Und warum zum Geier hast du mich nicht früher gewarnt?“, erwiderte sie giftig, „du bist doch mein Treuhänder, nicht wahr? Wäre das nicht deine Aufgabe gewesen?“

„Erst mal wollte ich mich nicht in dein Privatleben ein-mischen. Und als du dann erwähnt hast, dass du auf die Malediven willst, dachte ich, eine kleine Reise könnte nicht schaden und würde dir helfen, deine Trauer zu verarbeiten. Ich konnte nicht ahnen, dass du dem Betrieb so lange fernbleiben würdest.“ Thomas schaffte es nur mit Anstrengung, ruhig zu bleiben. „Im Weiteren ging ich davon aus, dass du über das Geschäftliche Bescheid weisst. Wie ich jetzt jedoch vermute, handelt es sich dabei um einen Trugschluss. Gehe ich recht in der Annahme, dass du vom Business deiner Mutter nicht allzu viel Ahnung hast?“

Sandra senkte den Kopf und nickte widerwillig. „Und was jetzt?“

Thomas hatte mit dieser Frage gerechnet.

„Zuallererst wirst du dir wohl überlegen müssen, ob dir deine Arbeit so viel bedeutet, dass du daran festhalten und die Firma wieder auf Kurs bringen oder ob du den Salon aufgeben willst. Bedenke, dass dein Salon eine Einzelfirma ist. Das heisst, dass du auch mit deinem privaten Vermögen dafür haftest. Ausserdem musst du zwangsläufig deinen momentanen Lebensstil überdenken.“

Sandra schluckte leer. Die Worte wollten ihr kaum über die Lippen kommen: „Bis wann muss ich mich entscheiden?“

„Heute ist Freitag. Vor Montagmorgen lässt sich ohnehin nichts regeln. Bitte ruf mich bis Sonntagabend an und sag mir, ob ich dir durch diese Krise helfen soll oder ob du jemand anderen dafür suchst. Ich werde mir bis dahin ebenfalls überlegen, was sinnvoll und was machbar ist.“

Schwerfällig hievte er sich aus seinem wuchtigen Ledersessel.

„Für den Moment kann ich nicht mehr für dich tun.“

Sandra erhob sich ebenfalls und folgte ihm zur Türe. Sie erwiderte seinen Händedruck.

„Ich werde mich melden“, meinte sie geknickt.

Sie stieg in den Fahrstuhl und fuhr nach unten. Draussen war es kalt und dunkel. Sie fröstelte. Ein kurzer, schwarzer Rock, eine schwarz-weisse Baumwollbluse im Animalprint und eine stylische Bikerlederjacke waren zweifellos die falsche Wahl gewesen. Sie hatte vergessen, dass Arosa auf 1800 m. ü. M. lag und es da empfindlich kühler war als im südwindverwöhnten Chur. Einen kurzen Augenblick lang fühlte sie sich hilflos wie ein kleines Kind, dem man soeben erklärt hatte, dass es fortan ohne seinen Schnuller klarkommen musste. Verzweiflung wollte sich in ihr breitmachen. Doch dann nahmen Trotz und Aufbegehren überhand. Bei ihrem BMW angekommen stampfte sie auf und in einem Anflug von Zorn trat sie mit voller Kraft gegen den linken Vorderreifen ihres Cabrios. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Fuss von der grossen Zehe bis zum Knöchel. Ihre spitzen, taubengrauen Designerwildlederstiefeletten waren wohl nicht zu diesem Zweck entworfen worden.

„Scheisse, Scheisse, Scheisse!“, schrie sie lautstark durch die Nacht. Etwas anderes wollte ihr zu ihrer augenblicklichen Situation partout nicht einfallen. Sie war wütend auf alle und alles und am meisten auf Thomas, der ihr diese üble Nachricht überbracht hatte. Aufgebracht setzte sie sich in den Wagen, drehte energisch den Schlüssel im Zündschloss und liess den Motor aufheulen. Mit quietschenden Reifen fuhr sie los. Sie drehte die Musik so laut, dass sie es gerade noch knapp ertragen konnte. Das Brummen des Basses verschmolz mit ihrem Herzschlag.

Sie musste sich beruhigen. Sofort! Das war allerdings leichter gesagt als getan. Ihr derzeitig ach so genussvolles Leben sollte jetzt einfach vorbei sein? Und noch viel schlimmer. Es sollte nicht nur auf den Vorher-schon-gehabt-Level zurückfallen, sondern in unbekannte Minussphären schlittern! Auflehnung und Störrigkeit verwandelten sich in flottem Tempo in Angst und Panik. Allerlei unschöne Szenarien zogen fetzenartig vor ihrem geistigen Auge vorbei. Sie stellte sich vor, wie sich die Leute hinter vorgehaltener Hand zutuschelten, dass sie, die unfähige Tochter, das Geschäft ihrer Mutter ruiniert hatte! Sie sah, wie sie als Angeklagte im Gerichtssaal sass und ihre beiden Angestellten mit Anwälten gegen sie prozessierten. Und sie malte sich aus, wie jedes Mal, wenn es an der Haustüre klingelte, ein Lieferant davorstand, der sein Geld wollte, oder der Postbote mit Bergen von eingeschriebenen Briefen, Mahnungen und Bankbelegen mit Minuszahlen. Sie war ein unfähiger, kläglicher Nichtsnutz. Eine Enttäuschung auf ganzer Linie. Sie hatte sich noch nie so abscheulich gefühlt. So wertlos und zutiefst niedergeschlagen und unglücklich. Ihre Situation war ausweglos.

„Vielleicht sollte ich abhauen oder auswandern. Hier wird man mich nur noch als Versagerin sehen.“

Sandra merkte nicht, dass sie laut mit sich selber sprach. Die Musik übertönte den Klang ihrer Stimme. Sie lenkte den Wagen mit schlafwandlerischer Sicherheit um die Kurven. Die Strasse war menschenleer, kein Verkehr mehr um diese Zeit. Wahrscheinlich lagen alle friedlich zuhause in ihren kuschelig warmen Betten. Sie verspürte Neid. Auf all jene, die ach so sorglos schliefen und keinerlei Probleme hatten.

Eine dünne Mondsichel am Himmel warf ein spärliches Licht und produzierte gleichzeitig gespenstische Schatten. Nebelschwaden zogen den unzähligen kleinen Bächen und Rüfen entlang, krochen die steilen Felswände und wilden, zerklüfteten Bergeinschnitte hinauf. Das Herbstlaub auf der Strasse war feucht und rutschig. Sandra brauchte ihre ganze Aufmerksamkeit, um den Wagen auf Kurs zu halten.

Und dann passierte es. Sie fuhr aus einer engen Linkskurve heraus, als er plötzlich da war. Mit ein paar eleganten Sätzen sprang er aus der Wiese. Direkt vor ihren Wagen. Sie hatte keine Chance. Der Rehbock leider auch nicht. Sandra trat zwar voll in die Eisen, konnte einen Zusammenstoss jedoch unmöglich verhindern. Sie touchierte den Rehbock auf Höhe des rechten Scheinwerfers. Instinktiv riss sie das Steuer herum. Sie realisierte noch, wie das arme Tier über die Haube flog und durch den Aufprall auf der Windschutzscheibe an den rechten Strassenrand geschleudert wurde. Im gleichen Augenblick entfaltete sich der Airbag explosionsartig. Sie konnte nichts mehr sehen. Sie spürte, wie der Wagen schlingerte, von der Strasse abkam und über weichen Boden holperte. Das Tal war hier sehr eng und sie wusste, dass es auf der linken Seite unendlich steil in die Tiefe hinunterführte. Das wars dann wohl. Bye bye Welt.

Ein ohrenbetäubendes Krachen, welches sogar ihre Musik übertönte, war das Letzte, was sie wahrnahm.

Jürg Hartmann hatte ein paar Kunden in Arosa mit Frischfleisch und Kartoffeln beliefert und sich anschliessend in der Aussicht, seinem Lieblingsrestaurant, eine Sennenrösti mit Spiegelei gegönnt. Er schaute auf die Uhr. 22.15 Uhr. Er sollte sich wohl besser auf den Weg nach Hause machen. Um 5.00 Uhr wurde er wieder im Stall erwartet. Er trat vor die Gaststube hinaus. Der Wind hatte aufgefrischt. Wahrscheinlich würde es bald zu schneien beginnen. In den nächsten Tagen würde er wohl die Winterpneus montieren müssen, überlegte er, als er sich hinter das Steuer seines Toyota Landcruiser klemmte.

Die Strasse war nass und rutschig. Er kannte die Strecke, wusste, wo die kritischen Stellen waren. Dennoch fuhr er langsamer als unbedingt nötig. Er wollte nichts riskieren. Während er sich in Gedanken den Arbeitsplan für den nächsten Tag zurechtlegte, blieben seine Augen wachsam. Auf der Strecke zwischen Peist und St. Peter erweckte etwas Dunkles, Grosses plötzlich seine Aufmerksamkeit. Es lag bewegungslos am rechten Strassenrand. Ein Tier? Er fuhr nahe an die Stelle heran, parkte seinen Wagen, schaltete den Pannenblinker ein und stieg aus. Ja, seine Vermutung war richtig gewesen. Es handelte sich um einen Rehbock. Blutverschmiert und mausetot. Er blickte sich um. Erst da entdeckte er auf der Teerstrasse eine lange, helle Kratzspur, die von einem Metallteil stammen musste, und als er ihr folgte, tiefe Reifenspuren in der nassen Erde neben der linken Fahrbahn.

Er hastete den Spuren entlang und blickte den Hang hinunter. Ein weisses Auto lehnte zusammengestaucht an der einzigen Tanne, die im abschüssigen Gelände stand. Er hatte seinen letzten Nothelferkurs im Alter von achtzehn Jahren absolviert. Das ist nun vierzehn Jahre her, schoss es ihm durch den Kopf. Hoffentlich wusste er noch, was zu tun war. Er fischte sein Handy aus dem linken Hosensack und wählte die Nummer der Polizei. Noch während er rutschend und stolpernd den Hang hinuntereilte, meldete sich die Zentralstelle.

„Hören Sie, ich weiss es nicht!“, bellte Jürg genervt in den Lautsprecher seines Telefons. „Ich bin soeben an die Unfallstelle herangefahren. Oben auf der Strasse liegt ein toter Rehbock und ich bin jetzt unterwegs zum Unfallfahrzeug. Ganz egal, ob es sich da um eine oder mehrere Personen handelt, ich brauche Hilfe! Bleiben Sie dran, gleich weiss ich mehr.“