Und morgen für immer - Cesca Major - E-Book
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Und morgen für immer E-Book

Cesca Major

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Beschreibung

Die Zeit, die uns gemeinsam bleibt ... Als Emmas Mann bei einem Unfall stirbt, gerät sie in eine Zeitschleife, und sie versucht nun jeden Tag aufs Neue, ihn zu retten. Wird sie es schaffen, an nur einem Tag ihr Leben und das Schicksal zu ändern? Eine herzzerreißende und lebensbejahende Liebesgeschichte darüber, was im Leben wirklich zählt.  »Dann habe ich gemerkt, wie viel Zeit ich verschwendet habe, obwohl ich doch eigentlich nur mit dir zusammen sein wollte.« Es ist Montagmorgen. Die 42-jährige Literaturagentin Emma eilt wie immer aus dem Haus. Sie ist so mit ihrer Arbeit und der immer länger werdenden To-Do-Liste beschäftigt, dass sie nicht bemerkt, dass ihr Ehemann Dan wütend wirkt, ihr Sohn ihr kaum in die Augen sehen kann und ihre Tochter ihr aus dem Weg geht. Sogar mit dem Hund scheint irgendetwas nicht zu stimmen. Emma ist viel zu sehr damit beschäftigt, sich um ihre Autoren und deren »Notfälle« zu kümmern, um die Befindlichkeiten ihrer exzentrischen Chefin, um zahllose WhatsApp-Gruppen und Elternkommittees, die alle etwas von ihr wollen ... Ihr Leben ist hektisch, und als sie nach einem anstrengenden Tag zu spät für das Abendessen zurückeilt, ist Dan noch immer wütend. In dem Moment wird Emma klar, dass heute ihr Jahrestag ist, den sie das zweite Jahr in Folge vergessen hat. Sie streiten sich, er geht aufgebracht aus dem Haus. Dann hört Emma plötzlich draußen das Quietschen von Reifen. Dan stirbt. Emmas Welt zerbricht. Doch als sie am nächsten Morgen aufwacht, liegt Dan neben ihr im Bett. Er lebt! Bis er am Ende des Tages wieder stirbt. Und am nächsten wieder. Und wieder. Emma versucht nun jeden Tag aufs Neue, die Liebe ihres Lebens zu retten. Sie hält Dan davon ab, das Haus zu verlassen, feiert mit ihm den Jahrestag, und konzentriert sich immer mehr auf das, was wirklich zählt. Und wer. Aber reicht es, um den Lauf des Schicksals zu ändern? »Dieser wunderschöne, zum Nachdenken anregende Roman wird Sie in der einen Minute zum Lachen und in der nächsten zum Weinen bringen.« The Sun »Eine zutiefst bewegende Geschichte über die große Liebe und zweite Chancen.« Publishers Weekly »Eine sehr emotionale Geschichte, die uns daran erinnert, dass eine To-Do-Liste nie so erfüllend sein kann wie die Erinnerungen, die man mit den Menschen teilt, die man liebt.« Booklist  »Herzzerreißend romantisch. Ein absoluter Triumph. Es hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, was in meinem Leben wirklich zählt.« Rosie Walsh »Einfach wunderbar: berührend, lebensbejahend und zum Nachdenken anregend. Ich habe dieses Buch geliebt!« Lucy Foley »Ich bin begeistert! Eine Zeitschleifen-Liebesgeschichte in der die Hauptfigur ihrem Mann das Leben retten muss. Fesselnd, herzzerreißend, clever und bewegend.« Gillian McAllister  »Eine mitreißende und zu Herzen gehende Liebesgeschichte. Ich habe geweint, gelacht und gejubelt, als ich durch die Seiten flog und auf das Ende hoffte, das ich mir so sehr für Emma gewünscht habe.« Lucy Clarke 

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Aus dem Englischen von Karolin Viseneber

 

Für Ben – den Dan meiner Emma

 

© Cesca Major 2023

Titel der englischen Originalausgabe: »Maybe Next Time«, HarperCollins Publishers, London, 2023

© Piper Verlag GmbH, München 2023

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Miquel Llonch/stocksy.com; Shutterstock.com

 

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Zitat

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Teil 2

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Teil 3

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Sei, wo du bist. Sonst wirst du den größten Teil deines Lebens verpassen.

Buddha

Teil 1

Kapitel 1

3. Dezember 2007

Liebe Emma,

wenn es nach mir ginge, würden wir unseren Jahrestag am Tag unseres ersten Dates feiern. Aber du möchtest, dass es der heutige Tag ist, weil du den Leuten so gern die Geschichte dazu erzählst.

Weißt du eigentlich, dass ich dich in der vollen U-Bahn zuerst entdeckt habe? Ich erinnere mich noch genau: du im schwarzen Rollkragenpullover, mit dem mittlerweile so vertrauten roten Lippenstift, dein dichtes, dunkles Haar wie immer zum Zopf hochgebunden. Aber ich sah weg, weil ich a) nicht der unangenehme U-Bahn-Starrer sein wollte und b) gekleidet war wie ein Statist aus dem alpinen Musical Meine Lieder – meine Träume.

Trotzdem galt meine gesamte Aufmerksamkeit in dieser ruckeligen U-Bahn allein dir. Jules sagte etwas Lustiges, und du lachtest dein unglaublich anziehendes Lachen. Da konnte ich nicht widerstehen, ich musste dich einfach ansehen. Ich erinnere mich noch genau, wie mir ein Schauer die Wirbelsäule hinunterlief, als unsere Blicke sich trafen.

Ich versuchte schnell, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, und verfluchte den Umstand, dass ich mich ausgerechnet heute für die Arbeit hatte verkleiden müssen, denn in Lederhose und mit Tirolerhut fühlte ich mich völlig fehl am Platz. Aber auch sonst wäre ich wahrscheinlich nicht mutig genug gewesen, etwas zu unternehmen. Zumal ich überzeugt davon war, dass du bereits vergeben sein musstest. Und zwar an einen Mann deines Kalibers – der sicher perfekt sitzende Anzüge trug, drei Sprachen beherrschte, fantastisch mit Kindern konnte, Tiere liebte und im Bett der Hammer war.

Doch das Schicksal nahm seinen Lauf, als der Wagen plötzlich bremste, ich stolperte und meine Hand die Haltestange nur knapp verfehlte. Mein Tirolerhut fiel herunter, rollte davon und blieb direkt vor deinen glänzenden braunen Schnürstiefeln liegen. Schnell murmelte ich eine Entschuldigung. Jules lachte und sagte auf Deutsch: »Guten Tag«, während ich in Lederhosen vor dir kniete und du mich zum ersten Mal anlächeltest: mitleidig, versteht sich. Ich war schließlich ein Mann, der nicht einmal ganz normal in der U-Bahn stehen konnte. Dein Partner hätte mit Sicherheit aufrecht und ruhig im Wagen gestanden.

»Das ist ein schöner Hut«, waren deine Worte an mich. Deine Stimme klang selbstbewusst und sanft, während ich mir Sorgen über mein möglicherweise platt gedrücktes Haar machte und den Hut schnell wieder aufsetzte. Noch nie zuvor hatte ich mir Gedanken über zu platte Haare gemacht. Komm schon, sag endlich etwas, dachte ich bei mir. Nun mach schon. Aber mehr als ein »Danke« bekam ich nicht über die Lippen.

Ich weiß noch, wie traurig ich darüber war, die Chance vertan zu haben. Zwei Haltestellen später müsste ich bereits aussteigen und dich der Central Line überlassen, die dich immer weiter aus meinem Leben entfernen würde. Ein zweites Mal dürfte sich mir die Gelegenheit sicher nicht bieten, dich kennenzulernen und herauszufinden, ob dieses elektrisierende Gefühl sich wiederholt hätte, echt wäre. Dann jedoch sahst du mich an und fragtest, ob ich irgendwelche guten Märkte mit deutschen Waren kennen würde und ob ich sie dir aufschreiben könne. Die Frau zwei Sitze weiter lächelte über ihrem Buch.

Innerlich jubilierte ich – diese faszinierende Frau wollte doch tatsächlich meine Nummer (oder nahm wirklich an, ich sei Deutscher, und interessierte sich einfach für Produkte aus Deutschland). Ich war aufgeregt und suchte hastig in meiner Tasche nach Stift und A6-Notizbuch (und nein, ich finde es überhaupt nicht seltsam, so etwas mit mir herumzutragen – aber ich wünschte trotzdem, Hattie hätte dir nicht erzählt, dass ich darin Vogelarten notiere. Danke, Schwesterherz). Aber ich fand nur einen Stift, eine 50-Pence-Münze, einen zerknitterten Kassenbon und meinen Schlüssel.

Ich glättete den Kassenbon und schrieb schnell meine Nummer darauf. Dann zeichnete ich alle Zahlen noch einmal nach, auch wenn ich ein wenig Sorge hatte, pedantisch zu wirken. Aber die Sieben ähnelte wirklich zu sehr einer Eins.

Eine Reihe pastellfarbener Einfamilienhäuschen, die am Fenster hinter dir vorbeizogen, zeigte mir, dass wir schon bald an meiner Haltestelle ankommen würden. Schnell und etwas unbeholfen streckte ich dir den Kassenbon entgegen. »Falls du mal auf einen Markt gehen möchtest«, sagte ich. Du hast gelächelt, und in mir kribbelte es vor Glück. Gerade als ich dein Lächeln erwidern wollte, fiel mir plötzlich ein, wofür ich den Kassenbon von der Drogerie Boots bekommen hatte, und ich erstarrte.

Zu spät. Es war geschehen. Der Bon war bereits in deiner Hand. Noch hast du gelächelt, als wäre alles gut. Jules hat gelächelt, als wäre alles gut. Die Frau zwei Sitze weiter hat gelächelt, als wäre alles gut.

Verfluchter Mist.

Am liebsten hätte ich dir den Bon sofort wieder aus der Hand gerissen. Dein roter Nagellack verschwamm vor meinen Augen, während Panik in mir aufstieg. Meine Mutter hatte mich darum gebeten, ihr von Boots eine Packung Anusol zu besorgen. O mein Gott. Ich hatte meine Nummer auf den Bon für eine Packung Hämorrhoidensalbe geschrieben.

Mein ganzer Körper fühlte sich plötzlich taub an, während ich fieberhaft überlegte, ob ich einen Kommentar darüber machen sollte, dass das Anusol nicht für mich bestimmt war.

Schnell, ich musste irgendetwas sagen, um davon abzulenken. Ich mochte deine Stiefel. Deine echt scharfen Stiefel. GENAU DAS HATTE ICH SAGEN WOLLEN: SCHARFE STIEFEL. NATÜRLICH HATTE ICH NICHT LAUT SAGEN WOLLEN: ECHT SCHARFE DINGER.

Mein Gott, was für ein furchtbarer Augenblick, als du mich überrascht ansahst. Ich stotterte: DEINE … STIEFEL … ECHT SCHARF, als hätte ich schuhbasiertes Tourette. Normalerweise wurde ich nicht so leicht rot, aber jetzt spürte ich, wie mein gesamtes Gesicht brannte, als brodelte Lava in mir. Du hast fantastisch reagiert, einfach gelacht und versucht, mir über die peinliche Situation hinwegzuhelfen.

Aber NATÜRLICH entschied sich die U-Bahn just in diesem Augenblick, quietschend und völlig unerwartet stehen zu bleiben. Ich konnte das Ende des rettenden Bahnsteigs bereits durch das Fenster sehen. Er war zum Greifen nah, aber ich steckte in diesem Albtraum fest.

»Meine Haltestelle«, quiekte ich. Ja, es war tatsächlich ein richtiges Quieken. Ein Laut, von dem ich vorher nicht einmal gewusst hatte, dass meine Stimmbänder ihn hergaben. »Zu Hause«, sagte ich, anscheinend nicht mehr in der Lage, in ganzen Sätzen zu sprechen. Vielleicht sollte ich doch mithilfe des kleinen Nothammers den Weg aus dem Fenster wählen?

Jules und die Frau zwei Sitze weiter lachten völlig ungeniert über mich.

Mein Gesicht, das sich in der Fensterscheibe spiegelte, glich dem eines Geistes, mit weit aufgerissenen Augen nahm ich deinen Dank für den Kassenbon entgegen.

Ich konnte im Gegenzug nur nicken, dankbar für deinen Versuch, so nett und normal wie möglich zu wirken, was allerdings nur dazu führte, dass ich dich noch mehr mochte. Gesagt habe ich das natürlich nicht. Ich blieb stumm und hielt es für unwahrscheinlich, dass ich jemals wieder mit einer Frau sprechen könnte.

Die U-Bahn ruckte, fuhr ein Stück weiter und hielt im nächsten Moment am Bahnsteig an. Die Türen öffneten sich, und ich stürzte förmlich nach draußen.

Als sich der Wagen entfernte, drehte ich mich noch einmal um und erhaschte einen letzten Blick auf dich, sah, wie du den Hals gereckt und mich angegrinst hast.

Ich weiß noch ganz genau, was für ein fürchterlicher Abend das war. Ich war bemüht, auf cool zu tun und Dave weiszumachen, dass es mir ganz egal wäre, ob du anrufen würdest oder nicht. Dabei starrte ich unentwegt auf mein Telefon, als wäre ich wieder vierzehn und wartete vor meinem Pager. Dein Lächeln und der amüsierte Ausdruck in deinen Augen gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Und dann hast du tatsächlich geschrieben, spät, kurz vorm Schlafengehen, das Display leuchtete in meinem Zimmer, ein geisterhaft blauer Schimmer der Hoffnung.

»Wie normal bist du im Vergleich zu heute? Von 1: komplett normal, aber langweilig; bis 10: eher so, wie du heute warst?«

Ich musste lachen, dann tauschten wir ein paar Nachrichten aus, und nachdem du dich davon überzeugt hattest, dass ich kein Perverser war, der dich in Essig einlegen und in einem Glas aufbewahren wollte, verabredeten wir uns. Mein Gott, es war sensationell, und ich habe es nicht einen Moment bereut.

Irgendwie typisch für dich, dass es gerade dieser Tag sein muss, an den ich mich erinnern soll. Hattie sagt, sie habe sich vor Lachen fast in die Hose gemacht, als du ihr einige Monate später davon erzählt hast.

Anstatt uns nur auf Facebook zuzuzwinkern, wolltest du, dass es romantisch zwischen uns bleibt – die Idee zu diesen Briefen war geboren. Und jetzt kann ich es kaum erwarten, deinen zu lesen.

Also, was war das Besondere an diesem Jahr und daran, mit dir zusammen zu sein?

Unsere Abende in Camden natürlich – Comedy, Theater, Tanzen, Pubs, Schweiß, Rotwein.

Deine Art, mir ganz nebenbei Bücher zu empfehlen, weil du Menschen, die nicht lesen, nicht traust.

Dass meine Freunde dich genauso lieben wie ich (und meine Eltern auch – meine Mutter hat mir sogar gesagt, sie würde dich mehr mögen als mich, das geht für meinen Geschmack allerdings etwas zu weit).

Das Überraschungspicknick im Eurostar.

Unser Küstenspaziergang in Suffolk bei sintflutartigen Regenfällen (ach, was waren wir mutig).

Ich warte geradezu darauf, irgendetwas Negatives an dir zu entdecken: dass du dich zum Beispiel als intolerant entpuppst oder Unmengen von unnützem Zeug ansammelst. Aber du überraschst mich immer wieder im Positiven (wer hätte gedacht, dass du super Dart spielst und eine riesige Muschelsammlung besitzt?), und ich kann es noch immer nicht fassen, was für ein Glück ich habe, dir begegnet zu sein.

Am 17. August hast du »Ich liebe dich« gesagt (was meinst du, der würde sich doch als unser Jahrestag geradezu aufdrängen, oder?), allerdings bin ich mir sicher, dass ich es zuerst gesagt habe und du mich nur nicht gehört hast. Jetzt aber doch ein Kritikpunkt: Du hörst oft nicht zu. Manchmal kommt es mir vor, als wärst du plötzlich ganz woanders.

Ich liebe dich, Emma, du bist wunderbar. Noch nie in meinem Leben hat mich eine Entscheidung derartig glücklich gemacht, auch wenn die Erinnerung an unser Kennenlernen mich immer noch quält. Dem Himmel sei Dank für diesen Boots-Kassenbon.

Das war also unser erstes gemeinsames Jahr.

Dan xx

PS: Du hattest recht, das mit den Briefen ist echt eine coole Idee.

Kapitel 2

Montag, 3. Dezember 2021, 22 Uhr

Dan bemerkte es sofort. »Das war eben noch nicht da.«

»Was …?«

Er zeigte auf das gefaltete Blatt Papier, das auf der Arbeitsfläche in der Küche lag. Sein Name war lieblos darauf gekritzelt. Wortlos durchquerte er den Raum, setzte seine Lesebrille auf und faltete es auseinander. Sein Gesichtsausdruck war undurchdringlich. Dann senkte er langsam die Hand. »Das hast du doch eben auf dem Klo geschrieben.«

Ich legte die Hand aufs Herz: »Unglaublich, dass du so etwas sagst!« (Okay, es stimmte. Genau das hatte ich getan.)

»Gib es zu!«

»Ich hatte den Brief schon den ganzen Tag in meiner Tasche. Als du weg warst, habe ich ihn dort hingelegt.«

»Ich glaube dir kein Wort, Emma.«

»Daniel, ich bin deine Frau«, sagte ich, auch wenn es keinen besonderen Sinn ergab. Ich nannte ihn nur deshalb bei seinem vollen Namen, weil er dasselbe getan hatte.

Er wedelte mit dem Papier. »Du hast ›Sympathie‹ falsch geschrieben.«

»Kein einfaches Wort«, stammelte ich.

»Und es sind nur drei Zeilen.«

Ich lachte spöttisch. »Müssen es denn wirklich immer lange Briefe sein? Ich dachte, dieses Jahr könnte ich …«

»Emma«, unterbrach er mich ernst. So klang Dan eigentlich nie. Wenn die Stimmung besser gewesen wäre, hätte es sogar sexy klingen können. »Jetzt gib endlich zu, dass du es … wieder vergessen hast.«

Oje. Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen, versuchte, Zeit zu schinden. Letztes Jahr war er furchtbar enttäuscht gewesen. Also hatte ich mich zu einem Versprechen genötigt gesehen. Hoch und heilig hatte ich geschworen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Es war schließlich meine Idee gewesen, und in den ersten Jahren waren die Briefe auch mehrere Seiten lang, »Vorder- und Rückseite«, wie Dan liebevoll spottete. Warum hatte ich mir bloß keine Erinnerung ins Telefon eingespeichert? Oder Hattie gebeten, mich zu erinnern? Oder eins der Kinder? Oder einfach von selbst daran gedacht, wie es ein nettes, anständiges und aufmerksames menschliches Wesen sicher getan hätte? Wie Dan es getan hatte …

Seine braunen Augen sahen traurig aus, vergrößert durch die neue Lesebrille, die er verabscheute (»Ich und eine Lesebrille! Ich bin doch gerade mal zweiundvierzig, Emma!«). Er war verletzt. Schon wieder.

Ich weiß auch nicht genau, warum ich in den Angriffsmodus überging: »Warum machst du so eine große Sache daraus?«

Er ballte seine Hand zur Faust, zerknüllte die eilig geschriebenen Zeilen.

»Weil es eine große Sache ist. Oder …«, er machte eine Pause, »… zumindest dachte ich das bisher. Du vielleicht nicht …« Er hob den Kopf, und zu meinem Entsetzen entdeckte ich Tränen in seinen Augen.

»Dan, jetzt sei bitte nicht so.«

»Wie bin ich denn bitte schön? Darf ich nicht enttäuscht und traurig sein?«

»Mum? Dad?«, ertönte eine Stimme vom Treppenabsatz. Wir drehten uns beide ruckartig um.

»O Gott, du hast die Kinder geweckt.« Mein schlechtes Gewissen ließ mich austeilen. Ich lief zur Küchentür, sah Miles dort oben sitzen, Tigger fest an sich gedrückt – auch mit acht Jahren konnte er noch nicht ohne sein Kuscheltier schlafen. »Mein Schatz, geh ruhig zurück ins Bett. Ich komm gleich hoch und decke dich gut zu.«

»Habt ihr euch gestritten?«

Ich schüttelte den Kopf, aber mein Herz zog sich zusammen. Beim Gedanken daran, wie ich als Kind selbst Angst gehabt hatte, wenn ich die nächtlichen Streitereien meiner Eltern hörte, blieb ich kurz stehen. »Nein, mein Schatz.« Ich schluckte und zwang mich zu lächeln. »Das war der Fernseher. Schlaf gut …«

Dan hatte in der Zwischenzeit Mantel und Schuhe angezogen und versuchte gerade, dem alles andere als begeisterten, winselnden Gus die Leine anzulegen.

»Er macht sich Sorgen«, sagte ich in der Hoffnung, von unserem Streit ablenken zu können.

»Komm endlich, Gus«, schnauzte Dan und stand auf.

Offensichtlich ziemlich verärgert. Normalerweise hätte er Miles gefragt, was los ist, und wäre vermutlich sogar schnell nach oben gegangen, um nach ihm zu sehen, stattdessen wich er meinem Blick aus, die Leine so fest um die Faust gewickelt, dass seine Fingerknöchel weiß wurden.

Das war seltsam. Dan wurde nie wütend. Ich wurde wütend. Ich fluchte, wenn ich mich verbrühte, oder flippte aus, wenn ich mal wieder den Müllabholtag vergessen hatte oder in einer Warteschleife gelandet war oder wenn meine Eltern sich eine neue Ausrede überlegt hatten, warum sie nicht zu Besuch kommen konnten. Dan hingegen war ein eher friedlicher Typ, aber heute erkannte ich an seinem ernsten Gesichtsausdruck und den angespannten Muskeln, dass er kurz davor war zu explodieren.

Geduckt und mit der Schnauze kurz über dem Boden, widersetzte sich Gus winselnd dem Druck der Leine.

»Zieh nicht so an ihm …«

»Ich ziehe nicht. Komm schon, Gus.«

Dan nahm den bellenden Gus auf den Arm und trug ihn nach draußen. Die Tür schlug zu.

Da stand ich nun, die Hände vorm Gesicht. Verflucht. Das war alles meine Schuld. Ich hätte mich einfach entschuldigen sollen.

Ich musste das dringend in Ordnung bringen.

»Mum!«, rief Miles schläfrig vom Treppenabsatz aus.

Mist.

»Ja, mein Schatz«, flüsterte ich fast. »Entschuldige. Dad ist noch eine Runde mit Gus raus, ich komme jetzt gleich und decke dich zu.«

Er tapste zurück in sein Zimmer.

Ich schaute mich in der Küche um – überall standen noch die Überreste des Abendessens. Dan hatte Hähnchen in Estragonsoße gekocht, der Briefumschlag, mit dem alles begonnen hatte, lag noch an meinem Platz – darauf stand in schwarzer Tinte mein Name, ein kleines Herzchen kurz über dem »a«. Das machte mich nervös. Dans Briefe konnten lustig und liebevoll sein, aber vor allem waren sie immer ehrlich. Dieses Jahr hatte ich Angst vor seiner Ehrlichkeit. Als ich gerade nach oben gehen wollte, hörte ich es.

Ich bekam eine Gänsehaut und drehte intuitiv den Kopf zur Tür.

Was war das?

O mein Gott.

Kapitel 3

15 Stunden zuvor …

Mit dem Gesicht zum Fenster lag ich auf der Seite.

Das Geräusch einer Fahrradklingel.

Ich öffnete die Augen und blinzelte. Ein kleiner Spalt zwischen den Vorhängen, ein Sonnenstrahl auf meinem Gesicht.

Ich drehte mich um.

»Hey«, sagte er.

Als ich gerade lächeln und ihn begrüßen wollte, fiel mein Blick auf den blinkenden Wecker hinter ihm. Ich setzte mich so abrupt auf, dass mir ganz schwindelig wurde.

»Mist.«

Auch Dan rappelte sich auf. »Was?«

»Warte«, erwiderte ich. »Mir dreht sich alles. Ich dachte, ich hätte den Wecker auf früher gestellt.«

Dan lehnte sich zurück und beobachtete mich, während ich aufstand und das Zimmer durchquerte. »Komm zurück ins Bett, Emma. Die Kinder schlafen noch.«

»Ich kann nicht.«

Auf Dans Gesicht zeigte sich ein Ausdruck, den ich nicht deuten konnte. »Du hast noch Zeit.«

»Nein, auf keinen … Autsch.« Mit der Hüfte war ich gegen den Bettpfosten gestoßen.

»Alles in Ordnung?«

»Ja, geht schon.« Mir die schmerzende Hüfte reibend, lief ich zu unserer Kommode und nahm mein Smartphone vom Ladekabel. Ich scrollte bereits durch die Neuigkeiten, während ich ins Badezimmer ging.

»Ach, verflucht …«

»Was denn?«, rief Dan.

»Klopapier ist alle.«

Er antwortete nicht. Ich verdrehte die Augen, stand auf und schaltete die Dusche ein. Mein Telefon legte ich neben das Waschbecken und betrachtete verwundert die orangefarbenen Sprenkel darin. Woher kamen die bloß? Ich sah sie mir genauer an, befühlte die winzigen Pünktchen mit den Fingern.

Eine Facebook-Nachricht ging ein. Als ich den Namen sah, seufzte ich auf. Er gehörte einer Frau, die eigentlich mein nahezu unbenutztes Klapprad – ein Geschenk zu meinem Vierzigsten, auf dem ich in den letzten zwei Jahren allerdings nur einmal gefahren war – abholen, nun aber den vereinbarten Termin verschieben wollte. Schon wieder. Diese Frau hatte gefühlt jeden Tag abgesagt. Seit zwei Wochen quetschte sich die ganze Familie an diesem Rad im Flur vorbei. Ich fragte mich, ob das die fünfzig Pfund wirklich wert war, die ich auf der lokalen Mums-Gruppe auf Facebook dafür verlangte. Ich sendete ihr ein »Daumen hoch« zurück.

Der Spiegel war beschlagen, als ich das Telefon beiseitelegte und meinen Schlafanzug auszog. Als ich meine schulterlangen Haare zum Zopf band, fielen mir feine graue Strähnchen auf, dabei war es noch nicht einmal einen Monat her, seit ich sie zuletzt schwarz gefärbt hatte. Ich musste dringend einen Friseurtermin ausmachen. Nachdenklich runzelte ich beim Anblick meines Gesichts, das schon fast im Wasserdampf verschwunden war, die Stirn: Was war das schon wieder für eine neue Falte? Brauchte ich etwa Botox? Meine Autorin Scarlet hatte mir von einem Viscoderm-Hydrobooster erzählt, der noch besser sein sollte. Und welches Vitamin war doch gleich gut für die Haut? D oder B? Oder war B das für die Haare?

»Autsch.« Hastig stellte ich die Dusche kälter. Mein Gott, warum musste sich Dan jedes Mal abkochen, anstatt sich zu waschen?

Als ich aus der Dusche stieg, hörte ich schon Kinderschritte vor unserer Schlafzimmertür. Das musste Miles sein – er war zwar erst acht, aber schon genauso groß wie seine elfjährige Schwester Poppy. Aus dem Wäscheberg auf dem Stuhl fischte ich eine zerknitterte weiße Bluse und einen burgunderroten Cordrock mit hoher Taille heraus. Wer hatte schon Zeit zum Bügeln? Stiefel oder Absatzschuhe? Ich saß auf der Bettkante, zog die Strumpfhose hoch, lehnte mich vor, um einen Blick auf das Wetter draußen zu erhaschen. Es regnete nicht, also griff ich nach den Absatzschuhen.

Seltsame Musik und leises Gemurmel drangen aus Poppys Zimmer, als ich sie gerade rufen wollte. Sie musste schließlich vor der Schule frühstücken. Dann allerdings fesselten Strandfotos auf Instagram meine Aufmerksamkeit – das konnte doch nicht wahr sein, morgen war doch schon die Deadline für Amelias Buch, oder nicht? Diese Woche ganz bestimmt. Da lag sie in einer Hängematte, einen leuchtend roten Cocktail in der Hand, oder sprang an einem weißen Sandstrand in die Luft, Hashtag #gesegnet.

Ich wechselte zu Twitter – wühlte mich durch Unmengen an wütenden politischen Tweets, um zu sehen, ob es irgendwelche Neuigkeiten aus der Buchbranche gab. Unglaublich, der Tweet von Arthur hatte über 1200 Likes und 391 Retweets erhalten. Panik machte sich in mir breit: Was würde das für den heutigen Tag bedeuten?

Ich ging zur Tür, starrte dabei weiterhin auf mein Display. Eine befreundete Lektorin wechselte den Verlag; ich sollte mit ihr zu Mittag essen, um herauszufinden, wonach sie suchte.

»Poppy!«, rief ich halbherzig, versunken in einen Artikel aus The Bookseller. Die Ankündigung eines neuen Titels von einem bekannten Autor, der verdächtig nach etwas klang, worüber ich letzte Woche ziemlich begeistert gewesen war, als ich es in meinem Stapel mit Manuskripten entdeckt hatte.

Meine Absätze klapperten, als ich in die Küche lief und den Kühlschrank öffnete, dabei warf ich einen Blick auf Gus in seinem kuscheligen Hundekörbchen. »Manchen geht es gut«, sagte ich. Er hob nicht einmal den Kopf, seine wilden Locken regten sich nicht, vor ihm stand sein Fressnapf, das Essen unberührt.

Ein Husten lenkte meine Aufmerksamkeit zum Tisch, an dem Miles in Schuluniform saß und eine Schüssel mit trockenen Cornflakes anstarrte. »Alles in Ordnung?«

»Dad ist Milch holen.«

Kaum hatte er das gesagt, ging auch schon die Haustür auf, Dan kam unrasiert und mit geröteten Wangen herein, das Haar zerzaust, in der Hand hielt er eine Einkaufstüte. »Hier«, sagte er und reichte Miles die Milch, der zum Dank nicht einmal ein Lächeln zustande brachte.

Mein Smartphone piepte, bevor ich meinen Gedanken zu Ende bringen konnte. »Hab ich euch erzählt, dass die Fahrrad-Frau schon wieder abgesagt hat?«

Dan legte mir einen Arm um die Taille, sein Kinn berührte leicht meinen Kopf, während er mir eine braune Papiertüte reichte. »Zimtschnecke.«

»Danke … Und die Sache mit Arthur ist über Nacht noch schlimmer geworden. Einige berühmte Autoren in Amerika haben seine Nachricht retweetet. Verflucht. Ach ja, und Amelia ist auf den Malediven, guck mal.« Ich drehte mich, wedelte ihm mit dem Telefon vor dem Gesicht herum. »Irgendein Resort, in dem das Frühstück von Delfinen gebracht wird, oder so.« Das Display leuchtete türkis. Dan mochte meine Geschichten über Amelia. Sie war durch eine Show über Londoner Promis berühmt geworden, hatte über eine Million Instagram-Follower, und der Verlag, der ihr veganes Kochbuch gekauft hatte, wartete bereits sehnsüchtig auf ihren ersten Roman. »Hoffentlich sieht Claire das nicht; sie hat ihre Deadline schon zweimal nach hinten verschoben.«

Einen Augenblick wunderte ich mich darüber, dass Dan ungewohnt still blieb, dann wandte ich mich Miles zu. »Ach Mist, Miles … KUSCHELTIERE.«

Dan und Miles zuckten zusammen.

»Entschuldigt«, sagte ich nun deutlich leiser, während ich in Gedanken längst wieder bei jeder Menge anderer Dinge war. »Hast du irgendwelche alten Kuscheltiere für die Tombola? Dan, weißt du, ob wir sie alle auf dem Speicher verstaut oder doch irgendwann entsorgt haben?«

Ich hortete, Dan organisierte. Er besaß Ordner in allen Farben des Regenbogens und nutzte diese kleinen Klebekreise, damit die Löcher in A4-Blättern nicht ausrissen. Er nannte eine Schachtel für Knöpfe sein Eigen und fand auf Anhieb Nadel und Faden. Wirklich, dieser Mann war ein absolutes Organisationsgenie.

Dan ließ sich gegenüber von Miles auf einen Küchenstuhl fallen. »Warum bist du denn überhaupt für die Tombola zuständig? Unsere Kinder besuchen doch schon seit Ewigkeiten keine Spielgruppe mehr.«

»Ich weiß. Aber ich habe es nun mal versprochen.« Beim Blick auf mein Telefon sah ich, dass es im WhatsApp-Chat der Spielgruppe bereits siebenunddreißig neue Nachrichten gab. Natürlich hatte Dan recht. Schließlich hatte ich ihm hoch und heilig versprochen, die ganze Sache mit der Spielgruppe an den Nagel zu hängen, aber es gab niemanden, der meinen Platz einnehmen wollte. In den verrückten ersten Jahren mit den Kindern war die Gruppe ein Segen gewesen. Eine willkommene Ablenkung von den überall verteilten Mahlzeiten; den nächtlichen Kinderzimmerbesuchen, um Nuckelbedürfnis/Albtraumangst/Wasserdurst/Kuschelwunsch/Pippidrang zu befriedigen; Peppa Wutz in Endlosschleife, bis man erschreckt feststellte, dass man den Ohrwurm selbst ständig summte. Die Spielgruppe war die einzig bezahlbare Option in unserer Gegend gewesen, die flexible Stunden anbot. Und sie war nun mal dringend auf ehrenamtliche Kräfte angewiesen.

Ich mied seinen Blick und suchte meine Sachen für die Arbeit zusammen, all die wichtigen Dokumente, die ich letzte Nacht noch ausgedruckt hatte. Mein Magen zog sich beim Gedanken an den vor mir liegenden Vormittag zusammen. Ich warf einen weiteren Blick auf mein Telefon, noch immer keine Nachricht des Taxiunternehmens. Stattdessen entdeckte ich eine andere Mitteilung. »Miles, erinnerst du dich noch an Jacob? Er ist mit dir in die Spielgruppe gegangen. Seine Mutter schreibt, sie ziehen nach Surrey. Also habe ich gesagt, wir würden sie vorher noch mal einladen.«

Miles sah mich ausdruckslos an.

»Alles in Ordnung, Kumpel?«, fragte Dan und streckte seine Hand aus, um Miles’ Stirn zu fühlen. Miles schüttelte ihn genervt ab. Dan und ich sahen einander an. Miles war sonst nie gereizt. Reichte es etwa nicht, ein Kind zu haben, das Teenagerallüren an den Tag legte, obwohl es noch nicht einmal zwölf war?

Dan beugte sich zu Gus hinunter, während ich nach meinem Geldbeutel griff und meine Handtasche prüfte. »Alles in Ordnung, mein Junge? Willst du gar nichts fressen?«

»Ach Mist …« Ich griff nach meinem Schlüssel, warf einen genervten Blick auf die Uhr und murmelte: »Ich muss vor dem Meeting noch schnell ins Büro. Poppy soll endlich runterkommen, sonst bleibt ihr keine Zeit fürs Frühstück.«

Dan richtete sich auf. »Ich kümmere mich darum, du kannst gehen. Heute fange ich etwas später an. Ich muss erst um elf zur Besprechung mit dem neuen Kunden da sein.« Er machte eine Pause, als wollte er Luft für etwas lassen.

»Super.« Ich wuschelte Miles durch die Haare und warf Dan eine Kusshand zu. Wieso sah er mich so seltsam an?

»Ich liebe euch!«, rief ich aus dem Flur. »Fragt Poppy nach den Kuscheltieren, okay?« Dann hörte ich Gepolter auf der Treppe. »POPPS«, schrie ich. »FRAG DEINEN VATER DANACH, WAS ES MIT DEN KUSCHELTIEREN AUF SICH HAT, OKAY?«

Poppy tauchte auf dem Treppenabsatz auf, die langen Haare ungekämmt, die weiße Bluse offen, dünne Beinchen in einem karierten Schuluniformrock. »Wo ist mein Blazer?«, fragte sie.

»Frag Dad!«, rief ich zurück und streckte mich, um meinen Mantel vom Haken zu nehmen; der Fahrradlenker stach mir in die Seite. »Verflucht noch mal …« Echt jetzt, warum hatte die Frau das Rad immer noch nicht abgeholt? Vielleicht sollte ich es zurück auf den Speicher bringen oder es über Freecycle ein für alle Mal loswerden. »Dan, Poppy sucht ihren Blazer, ich melde mich später wegen des Abendessens für die Kinder, okay? Wie wäre es mit Würstchen im Schlafrock?«, rief ich ihm zu, während ich die Haustür öffnete, das Smartphone in der Manteltasche, in Gedanken bereits in der U-Bahn. Vielleicht könnte ich dort endlich das Manuskript weiterlesen, das ich gestern auf dem Heimweg angefangen hatte.

Da hörte ich seine Stimme, »Du hast deine Zimtschnecke verge…«, aber da war die Tür schon zu.

Denise@KomiteeChat: 18:30 Uhr heute Abend. Bitte seid pünktlich.

Catrin@Emma: Denise meint dich.

Denise@KomiteeChat: Der Liste nach ist Emma heute für das Protokoll zuständig.

Catrin@Emma: Versau ja nicht die Liste. Lol.

AutorinLou@Emma: Entschuldige, es ist noch früh. Du musst auch nicht sofort antworten. So eine Autorin will ich wirklich nicht sein. Ich habe gerade auf Amazon geguckt, heute habe ich 2 neue Rezensionen! Eine davon allerdings nur ein Stern, weil die Bindung lose war. Ich frage mich, ob ich Amazon bitten sollte, die Rezension zu entfernen?

AutorinLou@Emma: Entschuldige! Hätte es in meiner letzten Nachricht erwähnen sollen. Ich habe gerade auf Goodreads geguckt, und dort hat mir jemand einen Stern gegeben und gesagt, Carl habe etwas von einem Vergewaltiger. Meinst du, ich sollte die Rezension als anstößig markieren?

AutorinLou@Emma: Er hat doch nichts von einem Vergewaltiger, oder?

AutorinLou@Emma: Entschuldige! Das ist nun wirklich die Letzte, versprochen! Sollte ich mir Sorgen machen, weil auf der Seite von Waterstones noch keine Rezensionen sind? Ich habe es mit anderen verglichen, deren Bücher zeitgleich erschienen sind, und manche haben schon drei oder mehr Rezensionen. Ist das wichtig?

Jas@Emma: Boah, hast du Amelias Instagram gesehen? Ich will so sein wie sie.

Hattie@Emma: Zeit für ein gemeinsames Mittagessen?

Poppy@Mum: Dad sagt, er weiß nicht, wo mein Blazer ist.

 

Kapitel 4

Als ich das Haus verließ, fielen mir mindestens dreißig Dinge ein, die ich Dan noch hatte sagen wollen, also schrieb ich ihm im Gehen ein paar Nachrichten.

»Poppys Blazer müsste an dem Haken im unteren Bad hängen.«

»Erinnere Miles bitte an seine Hausaufgaben.«

»Vielleicht braucht er auch Handschuhe.«

»Kannst du ein paar Würstchen auftauen?«

Normalerweise hätte er mit einem gequält schauenden Smiley oder einem »Stets zu Diensten, Eure Majestät« reagiert, aber heute bekam ich nur ein knappes »O. k.«. Nachdenklich sah ich auf die beiden Buchstaben. Was war bloß mit ihm los?

Verflucht, hatte ich die Papiere eingesteckt, die ich mir extra für das Meeting ausgedruckt hatte? War bereits eine Bestätigung vom Taxi eingegangen? Oje, hatte ich am Samstag nicht auch schon Würstchen im Schlafrock zum Abendessen gemacht?

Zum U-Bahn-Eingang musste ich auf die andere Straßenseite, also betrat ich die Fahrbahn. Es klingelte, jemand schrie, ich stolperte rückwärts, ein Radfahrer rauschte ganz dicht an mir vorbei. Mein Absatz verhedderte sich im Gully, Panik stieg in mir auf, während ich versuchte, mich zu befreien.

»Pass doch auf!« Der Radfahrer warf mir einen wütenden Blick zu.

Mein Herz klopfte laut, ich steckte das Telefon weg, atmete tief durch und schaute besonders gründlich zu beiden Seiten, bevor ich die Straße überquerte.

Als ich das Drehkreuz passierte, spürte ich, wie meine linke Ferse an dem harten Leder rieb. Warum hatte ich mich nicht für die Stiefel entschieden?

Auf der Rolltreppe, den Geruch von Zwiebeln und Feuchtigkeit in der Nase, starrte ich die anderen Fahrgäste in ihren unterschiedlichen Jacken an, wie sie ihre Taschen an sich drückten oder Reißverschlüsse an Rucksäcken zuzogen. Ein weiterer Montag, ein weiterer ganz gewöhnlicher Tag. In wie viele dieser Gesichter hatte ich an anderen Montagen bereits unabsichtlich geblickt? Ich zog erneut mein Telefon hervor, ein kostbares Zeitfenster, um ein paar Antworten zu formulieren.

Mittlerweile hatte ich bereits zweiundvierzig Nachrichten aus dem Komitee-Chat, zwei weitere von Lou, deren Debütroman vor zwei Wochen erschienen war. Warum hatte ich eigentlich kein Diensttelefon? Panische WhatsApp-Nachrichten waren ihr Ding. Und E-Mails. Und Anrufe. Ich begann zu tippen.

Die U-Bahn spuckte mich, immer noch tippend, aus, und ich ließ mich vom Strom der Pendler bis zum Ausgang mitreißen. Beim Anblick des milchig blauen Himmels musste ich blinzeln. Eilig lief ich weiter zur Agentur, machte noch kurz an dem kleinen Eckcafé halt, da mir plötzlich auffiel, dass ich bisher weder etwas getrunken noch gegessen hatte. Die Zimtschnecke lag vermutlich noch immer in der Tüte auf der Küchenarbeitsfläche. Vielleicht war Dan deswegen so sauer auf mich?

»Einen Latte macchiato mit Haselnusssirup bitte«, sagte ich zerstreut zu dem Barista mit dem Tattoo am Hals, ein verschlungenes Symbol in Schwarz. Noch nie hatte ich ihn gefragt, was es bedeutete, obwohl ich fast jeden Tag unter der Woche hier einkaufte.

Er lächelte mich an, die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen erinnerte mich an Poppy: »Und einen Blaubeermuffin?«

»Okay«, murmelte ich, während ich darüber nachdachte, wie oft ich diese beiden Dinge wohl schon bestellt haben musste. Wann war ich bloß zu diesem Gewohnheitstier geworden? »Danke«, sagte ich, auch wenn ich ihn eigentlich nach seinem Namen hätte fragen sollen. War das nicht zu peinlich? Jetzt erst, nachdem er mir bereits ungefähr den tausendsten Muffin über den Tresen gereicht hatte? Ich zog mein Telefon hervor.

»Ach ja, und bitte fettarme Milch«, fügte ich noch schnell hinzu, während ich an Amelia denken musste, wie sie morgens am Strand hochgesprungen war. Als könnte fettarme Milch den Haselnusssirup wettmachen. Ich musste wirklich diese drei, na ja, eher sechs Kilo loswerden. Die hatte ich in den letzten Jahren, seitdem ich vierzig geworden war, zugelegt. Aber wer hatte schon Zeit, ins Fitnessstudio zu gehen? Oder zu joggen? Oder auch nur ein paar Gymnastikübungen auf der täglichen, endlos langen To-do-Liste hinzuzufügen?

Ich sah die Nachricht von Hattie wegen des gemeinsamen Mittagessens und biss mir auf die Lippe. Zu gern würde ich Hattie zum Essen treffen, aber hatte ich wirklich eine Stunde Zeit übrig? Für heute war dieses Höllenmeeting geplant, und Linda hatte darauf bestanden, dass wir uns vorher im Büro trafen, was die ganze Sache nur noch mehr in die Länge zog. Außerdem musste Hattie jedes Mal wegen mir extra nach Hammersmith kommen, damit ich mich kurz davonstehlen konnte, obwohl sie doch eigentlich im Homeoffice in Wimbledon arbeitete. Sie sagte zwar, dass ihr das nichts ausmache, da die Tech Company im Silicon Valley, für die sie arbeitete, entspannt sei und sie sowieso normalerweise erst später am Tag die meisten Termine habe, aber es war trotzdem nicht gerecht ihr gegenüber. Ich ließ die Nachricht ungeöffnet, damit Hattie nicht sah, dass ich sie gelesen hatte. Wann hatte ich sie eigentlich zuletzt getroffen? Es war schon eine ganze Weile her, viel zu lang, sie fehlte mir. Ich würde ihr auf jeden Fall antworten, sobald ich wusste, wie mein Tag so lief.

Oje, obwohl ich sie gestern Abend noch kurz vor dem Schlafengehen gecheckt hatte, warteten jetzt schon wieder siebenundzwanzig ungelesene E-Mails in meinem Posteingang. Meine Brust zog sich zusammen. Ich griff nach Tasche und Kaffee, wandte mich zur Tür und rief noch schnell »Danke!«.

Leise schlich ich mich in unser Büro, das sich in einem weißen Haus befand, von dem bereits die Farbe abblätterte und das von zwei großen Bürogebäuden mit verglasten Fronten eingerahmt wurde. Ich warf einen Blick auf die Garderobe und atmete erleichtert auf – sie war leer. Mein Magen fühlte sich beim Gedanken an den vor mir liegenden Vormittag flau an. Wäre das, was ich vorbereitet hatte, genug?

Noch im Mantel, zwängte ich mich durch den Flur, der an beiden Wänden mit wackeligen Bücherstapeln zugestellt war. Gerade einmal drei E-Mails schaffte ich zu beantworten – zwei davon Ablehnungen für Scarlets neuestes Buch, das wir gerade überall eingereicht hatten –, bevor ich von der Türklingel unterbrochen wurde.

Scarlet war die erste Autorin, die ich unter Vertrag genommen hatte. Sie schrieb wunderbare Romane, obwohl sie sich gleichzeitig noch um ihre beiden Kinder im Teenageralter kümmerte und ihren kranken Mann entlastete, indem sie wieder als Lehrerin arbeitete; wie kaum eine andere schaffte sie es, tiefe Gefühle zu Papier zu bringen. Ich wusste, dass ich sie dringend anrufen musste, um sie auf dem Laufenden zu halten. Ein unterzeichneter Buchvertrag würde ihr fehlendes Selbstwertgefühl wieder aufbauen. Ich sollte ihr wirklich versichern, dass es noch andere Möglichkeiten gab.

Da klingelte es schon wieder. Ein Auto hatte sich in die enge Einbahnstraße vorgewagt, und dabei handelte es sich tatsächlich um das von mir bestellte Taxi. Während ich nach meiner Tasche griff und die Tür hinter mir zuzog, fragte ich mich, wie ich den Taxifahrer noch ein wenig hinhalten könnte. Als ich gerade mein Telefon ans Ohr hob, um Linda anzurufen, entdeckte ich die beiden, wie sie Arm in Arm, als wären sie ein altes Ehepaar, den Gehweg entlangliefen.

Arthur Chumley, extravagant mit roter Cordhose und zerknautschtem rostfarbenen Pullover bekleidet, das ergrauende Haar lockte sich bis auf seinen Kragen. Daneben Linda in ihrem Lieblingspelzmantel aus Nerz (»grauenhafte kleine Viecher, Emma«), ihre Frisur eine Wolke aus steifen, blond gefärbten Locken, im Mund eine lippenstiftbefleckte Zigarette.

»Gemma«, sagte Arthur und hob meine rechte Hand an seine trockenen Lippen.

»Das Taxi ist da«, erwiderte ich und zeigte auf den wartenden Wagen zu meiner Linken, hinter dem gerade ein anderes Auto hielt.

»Wir mussten einen Kaffee trinken gehen – Jasmina hat Arthur nur Instantkaffee angeboten«, sagte Linda und verdrehte dabei die Augen, der Lippenstift hatte auch auf ihre Zähne abgefärbt. »Stell dir das einmal vor! Er verträgt dieses Pulver überhaupt nicht.«

»Wir müssen jetzt wirklich los …«, sagte ich und zog dabei schnell meine Hand aus den Klauen unseres berühmtesten Autors. Denselben Klauen, die mehr oder weniger unsere gesammelten Gehälter finanzierten. Weltweit zehn Millionen verkaufte Exemplare, eine erfolgreiche Fernsehserie über die Neunziger, Schöpfer des bekannten einarmigen, alkoholkranken Kriminalkommissars. Er gehörte zu Lindas frühen Erfolgen, als sie vor Jahrzehnten die Agentur gegründet hatte, und obwohl ich nicht mehr ihre Assistentin war, wurde ich zu allen Dingen gerufen, die mit seinen Veröffentlichungen zu tun hatten. Mir kam es so vor, als brauchten sowohl Linda als auch Arthur eine Untergebene, die ihre Meinung, er sei der wichtigste Autor überhaupt, bekräftigte. Eine Rolle, die ich anfangs bereitwillig erfüllt hatte, sie dann jedoch nie wieder losgeworden war.

»Müssen wir wirklich dort hin?«, schmollte Arthur. »Viel lieber würde ich euch zwei Hübschen zum Mittagessen ausführen.«

»O Arthur«, erwiderte Linda geschmeichelt und trat ihre Zigarette auf dem Gehweg aus. »Sie Schlawiner«, sagte sie. »Es ist wahrlich eine Qual. Aber Emma hat mir versichert, dass sie alles unter Kontrolle hat.«

Ich konnte einen angsterfüllten Blick in ihre Richtung nicht unterdrücken. Unter Kontrolle? Seit ihrem Telefonanruf, der mir das Wochenende gründlich verdorben hatte, machte ich mir Sorgen darum, was in den nächsten Stunden passieren könnte. Dieses Meeting konnte einfach alles verändern: für die Agentur, für Arthur, für sie und für mich.

»Konzentrieren Sie sich einfach darauf, mehr von Ihren wunderbaren Büchern für uns zu schreiben«, fuhr Linda fort, ohne auf die drei Autos zu achten, die inzwischen die Straße blockierten, oder auf den Taxifahrer, der angesichts des immer lauter werdenden Gehupes immer verzweifelter gestikulierte.

»Wir müssen jetzt wirklich los!«, rief ich über das Hupkonzert hinweg und bewegte mich auf das Taxi zu.

»Die Kutsche wartet!«, rief Arthur aus, als wollte er mit uns zu einem Ball fahren und nicht unser berufliches Ende besiegeln.

Während ich im Wagen Platz nahm, musste ich an Scarlets Absagen denken. Dabei sah ich zu Arthur hinüber, der nach saurer Milch roch und sich beim Lamentieren über junge weibliche Krimiautorinnen – »Sie sind einfach überall!« – auf die feisten Schenkel klopfte. Linda beruhigte ihn von ihrem Platz aus. Was hatte ich hier bloß verloren?

Denise@KomiteeChat: Seht dies als freundliche Erinnerung. Emma wird Protokoll führen. Wir treffen uns um 18:30 Uhr. Wagen um 20 Uhr.

Catrin@Emma: Ungezogene Emma. Was zum Teufel meint sie mit »Wagen«?

Jas@Emma: Ich wollte da sein, aber wurde zum Kaffeeholen geschickt. Hoffentlich verläuft das Meeting okay, und wir haben danach noch unsere Jobs. Bis später im Büro 😬 xx

AutorinLou@Emma: Danke für die Nachrichten. Ich fand auch überhaupt nicht, dass er was von einem Vergewaltiger hat. Es war einfach nur pure Leidenschaft! Hast du den Artikel heute Morgen im Bookseller gesehen? Sieht aus, als wäre die gerade noch total angesagte Mum noir schon wieder vom Tisch. Aaah! Glaubst du, mein Buch ist einfach zu spät erschienen?

AutorinLou@Emma: Gerade habe ich noch einen Artikel im Guardian über Mum noir als neuen Trend gelesen, es wird also hoffentlich alles gut sein. Ha! Vielleicht sollte ich Jane das schicken. Sie hat immer noch nicht auf meine E-Mail von letzter Woche geantwortet, in der es um das Cover des anderen Autors ging. Glaubst DU, dass die Leser sie verwechseln werden? Ich finde, das Bild ist wirklich sehr ähnlich! Vielleicht sollten wir das alle gemeinsam besprechen? Heute habe ich viel Zeit. Oder morgen. Oder später diese Woche.

AutorinLou@Emma: Noch mal in Sachen Cover. Ich habe einer Freundin das Cover des anderen Autors gezeigt, und sie findet die beiden auch sehr ähnlich.

AutorinLou@Emma: Sie meinte aber auch, dass ihr der Apfel auf meinem sehr gut gefällt, die Art, wie er vergammelt. Ich bin hier! Kein Stress! Bis später!

Claire@Emma: Wird Amelia pünktlich fertig? Ich muss das Marketingteam informieren.

Hattie@Emma: Mittagessen?

 

Kapitel 5

3. Dezember 2008

Liebe Emma,

nun sind es schon zwei Jahre. Du hast unseren Facebook-Status von »Freunde« zu »in einer Beziehung« verändert, es ist also ernst! Ich bekomme so viel mehr von dir mit, seitdem Dave aus- und Hattie eingezogen ist. Ich dachte, er könnte damit umgehen, aber du hattest vermutlich recht, die Schlangenhaut in meinem Bett war wohl kein Unfall. Ich konnte Hattie einfach nicht weiter bei unseren Eltern leben lassen – ihr gesteigertes Interesse an Puzzeln und Kartenspielen wie Whist war echt besorgniserregend.

Vielleicht sollte ich sogar ein wenig eifersüchtig auf eure enge Beziehung sein, aber ehrlich gesagt bin ich froh darüber. Ich weiß schließlich, wie sehr du Jules vermisst, seit sie in Australien lebt. Wenn du mit Hattie zusammen bist, zeigt sich mir eine ganz andere Seite an dir. Euch »im Homeoffice« zu überraschen, ist wirklich lustig: Onesies, Gesichtsmasken, den Laptop auf Stand-by, Kichern und Gelächter.

Außerdem bin ich wirklich erleichtert, dass du dich nicht an unserer engen Geschwisterbeziehung störst, an dem ganzen Gezanke und vor allem den unzähligen Geschichten (ja, die Sache mit dem Steinclub war wirklich ernst gemeint, Neumitglieder wurden nur zugelassen, wenn sie einen besonderen, ungewöhnlichen Stein mitbrachten). Manchmal fällt mir auf, wie du uns mit diesem wehmütigen Gesichtsausdruck musterst, dann möchte ich am liebsten sofort nach deiner Hand greifen.

Deine Kindheit muss so anders gewesen sein als unsere. Ab und zu erwähnst du nebenbei Dinge wie diese Weihnachtsferien, die du mit Jules’ Familie verbracht hast, weil deine Eltern sechs Wochen in Antigua gebucht hatten, ohne dich. Es tut mir leid, wenn dich mein fassungsloser Blick dann aus dem Konzept bringt. Ich habe das Gefühl, dass diese Geschichten dein Weg sind, mir zu erklären, warum du manchmal die Sachen mit dir selbst ausmachen musst. Warum du zum Beispiel vergisst, mir zu erzählen, wo du an diesem Abend oder jenem Wochenende hinwillst. Es macht mich immer ganz unruhig, wenn du wieder irgendwelche Pläne bekannt gibst, und umso erleichterter bin ich dann, wenn ich feststelle, dass ich mit eingeplant wurde.

Hattie hat sich früher, als wir klein waren, immer gewünscht, dass ich ein Mädchen wäre. Deshalb weiß ich auch eine ganze Menge, vielleicht sogar zu viel über Frauenmode (muss ein Mann wirklich wissen, was eine Culotte ist?). Es war immer klar, dass wir dich unter unsere Fittiche nehmen würden. Hattie liebt einfach alles an dir: deine Spontaneität (zum Beispiel als ihr diesen Ausflug nach Brighton mitten in der Woche gemacht habt oder die Sache mit dem Einradkurs) genauso wie deine Liebenswürdigkeit. Weißt du noch, wie du sie nachts um drei aus Herefordshire abgeholt hast, nachdem ich mich geweigert hatte, sie zurückzubringen, oder wie du ihr Fondue gemacht hast, um ihren neuen HR-Job zu feiern, den sie so sehr wollte, oder wie du im Auto auf sie gewartet hast, als sie mit Ian Schluss gemacht hat?

Du bist zu allen Menschen nett. Selbst an jenen, die ich für Idioten halte, entdeckst du irgendeine besondere Eigenschaft. »Vielleicht ist ja irgendetwas passiert, wir sollten ihn nicht verurteilen.« – »Wir haben sie sicher nur auf dem falschen Fuß erwischt.« – »Es kann doch sein, dass sie einmal verletzt worden sind.« Eine wirklich bewundernswerte Gabe, die natürlich mit sich bringt, dass jeder dich sofort ins Herz schließt. Das macht es nicht immer leicht herauszufinden, wem du wirklich nahestehst – in dieser Hinsicht bist und bleibst du für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Immer wenn du mir eine Neuigkeit erzählt hast, läufst du sofort zu Hattie, nach der Arbeit schaust du erst mal in ihrem Zimmer vorbei, um ihr irgendeinen Artikel zu zeigen, der sie bestimmt interessieren wird (man kann wohl nie genug über Ryan Reynolds wissen). Ich bin froh, dass du Teil unserer seltsamen Gang sein möchtest – den Tag, als du Vollmitglied unseres Steinclubs wurdest (dein wolkenförmiger Rosenquarz war aber auch wirklich großartig), werde ich sicher nie vergessen.

Ich weiß, dass du mich liebst. Das sagst du mir in ruhigen Momenten, du sagst es mir ganz nebenbei, und du sagst es oft. In deinem wunderbaren Brief letztes Jahr hast du es ans Ende gesetzt. Manchmal lese ich deine Worte, wenn mein Selbstwertgefühl ein bisschen Bestätigung gebrauchen kann (ist das komisch, wenn ich dir das verrate?). Und deshalb hoffe ich, dass dieser Brief dieselbe Wirkung auf dich hat, dass du dich ebenso geliebt fühlst wie ich mich. Also:

Deine Blicke lassen mich innerlich fast explodieren.

Du gehörst zu meiner Familie, als wärst du schon immer ein Teil von ihr gewesen. Ich weiß, dass wir vier als Quartett manchmal ganz schön eigenartig sein können, aber meine Eltern bewundern dich beide. Mum hört gar nicht mehr auf, von diesem Brillen-Halsketten-Ding zu reden, das du ihr besorgt hast, als sie immer wieder ihre Brille verlegte. Wenn deine Eltern keine Zeit mit uns verbringen wollen, ist das ihr Pech, sie wissen gar nicht, was ihnen entgeht. Vielleicht wird es einfacher, wenn sie dauerhaft in Spanien leben, jetzt verletzt es dich so sehr, dass sie nur eine Stunde entfernt sind, es sich aber anfühlt, als wohnten sie auf einem anderen Planeten.

Du gibst mir Zeit und Raum für mich, wenn mir danach ist. Ich wusste, dass ich den Job schon viel früher hätte kündigen müssen. Er hat mich ausgelaugt, und es fehlte mir an Inspiration. Strategieberatung ist wirklich nicht besonders unterhaltsam, wer hätte das gedacht? Aber einfach aufhören konnte ich auch nicht. Das hat mir alles ziemlich Angst gemacht, du warst für mich da und hast mir zugehört, wenn ich zum x-ten Mal die gleiche Leier wiederholt habe: War es wirklich die richtige Entscheidung? Würde ich jemals einen neuen Job finden? Und so weiter und so weiter. AUSSERDEM hast du mich im Schlafanzug X-Box spielen lassen, (fast) ganz ohne Wertung. Keine Vorträge, kein Streit, keine Fragen. Dein Kopf auf meiner Schulter, deine Hand auf meinem Bein. Selbst als du mir gesagt hast, ich solle duschen, da du sonst keinen Sex mit mir haben wolltest, fand ich das fair – es war schließlich schon Tag acht.

Durch dich bin ich mutiger. Ich kann kaum glauben, dass ich diesen Brief in einem Flugzeug schreibe. Aber du hattest recht, warum auch nicht? Dadurch bekommen wir beide die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was wir langfristig wollen, und außerdem kann ich surfen gehen. Wir fliegen schon seit fünf Stunden, und es kommt mir vor, als hätte ich alle Sorgen hinter mir gelassen. Hattie hat versprochen, gut auf die Steinsammlung aufzupassen, die Wohnung nicht unterzuvermieten und auch Schlangen-Dave nicht einzuladen, das macht es definitiv einfacher.

In wenigen Stunden ist es so weit: Sommer in Sydney. Ein kurzer Halt bei Jules und danach sechzehn Wochen einfach NUR WIR. Gerade schläfst du neben mir, mit einer dieser gepolsterten Augenmasken im Gesicht, den Mund leicht geöffnet, ein kleines aufgepustetes Kissen um den Nacken. Du siehst wirklich komisch aus, und ich liebe dich von ganzem Herzen.

Auf ein fantastisches drittes Jahr.

Dan x

Kapitel 6

Die hell erleuchtete Eingangshalle des Verlags mit ihren hohen Decken war nach der Taxifahrt eine echte Erleichterung. Arthur nahm sofort auf einem purpurroten Sofa direkt unter dem Poster seines letzten Bestsellers Platz und beklagte sich nicht nur über Cancel Culture, sondern auch über das Aussterben des weißen Mannes. Linda hockte neben ihm und nickte unaufhörlich wie ein Wackeldackel.

Mit der Lektorin Hayley, die uns einbestellt hatte, war ich befreundet, seit sie einen meiner ersten Autoren unter Vertrag genommen hatte. Heute sah sie mir nicht einmal in die Augen, was ich als schlechtes Zeichen wertete. Noch nicht einmal im Aufzug, als es mit einem Mal nach Furz roch. Niemand dort in dieser winzigen Stahlkabine erwähnte den ranzigen Geruch, den Vorboten der nahenden Katastrophe.

Ich leckte mir die trockenen Lippen, versuchte, meine Gedanken zu sortieren. Die Agentur war auf Arthurs Einkommen angewiesen. Dieses Meeting musste gut laufen. Wenn nicht, würden sich meine Pläne für den Rest der Woche in Rauch auflösen. Ich war es Linda schuldig, ihr und der Agentur. Sie hatte mir vor acht Jahren den Start ermöglicht, jetzt musste ich ihr helfen.