Und noch einmal von vorn - Mara de Winter - E-Book

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Mara de Winter

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Beschreibung

Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. »Mama? »Ja, mein Schatz? Was ist denn los?« »Mama, ich hab' so einen großen Hunger!« »Charlie, meine Maus, das glaube ich dir nicht!« »Doch, hab' ich wohl. Ich hab' schon ein riesiges Loch im Bauch vor lauter Hunger! Schau. Schau mal!« »Schätzchen, du kannst doch gar keinen Hunger haben. Du hast doch erst vor zehn Minuten ein riesengroßes Käsebrötchen verputzt. Es wird ja nun nicht mehr lange dauern! Wir sind bestimmt gleich da.« Ein wenig entnervt versuchte Christina Westphal durch den heftig fallenden Regen die verschwommene Straße zu erkennen. Die quietschenden Scheibenwischer gaben wirklich ihr bestes, doch der alte Wagen hatte schon einmal bessere Zeiten gesehen. Weit bessere Zeiten. Sie konnte sich sehr glücklich schätzen, wenn sie ihr Ziel heil erreichten. »Aber Mama, ich hab doch Hunger! Jetzt! Und nicht erst, wenn wir da sind!« Das kam so anklagend aus dem schmollenden Mund der hübschen Fünfjährigen, daß Christina sich ein Lächeln verkneifen mußte. Trotzdem schüttelte sie den Kopf. »Das glaub ich dir nicht. Aber du kannst gern noch einen Apfel haben, wenn du am Verhungern bist. In der Tüte hinter meinem Sitz müßte noch einer sein.« Doch einen Apfel wollte Charlie nicht. »Dann hab' ich eben Durst!« »Charlie, du mußt noch ein wenig Geduld haben. Bitte, mein Schatz. Wir müßten in einer halben Stunde ankommen, so lange hältst du es doch bestimmt noch aus.« Charlie, eigentlich Charlotte, verkreuzte die Arme über dem Bauch. Verstimmt blickte sie aus dem Fenster, konnte jedoch vor lauter Regentropfen auf der Fensterscheibe nichts von der vorbeifliegenden Umwelt erkennen. Sie stöhnte laut auf. »Mir ist sooo langweilig. Niemand

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Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mami – 1923 –Und noch einmal von vorn

Christina und Charly wagen einen neuen Anfang

Mara de Winter

»Mama?

»Ja, mein Schatz? Was ist denn los?«

»Mama, ich hab’ so einen großen Hunger!«

»Charlie, meine Maus, das glaube ich dir nicht!«

»Doch, hab’ ich wohl. Ich hab’ schon ein riesiges Loch im Bauch vor lauter Hunger! Schau. Schau mal!«

»Schätzchen, du kannst doch gar keinen Hunger haben. Du hast doch erst vor zehn Minuten ein riesengroßes Käsebrötchen verputzt. Es wird ja nun nicht mehr lange dauern! Wir sind bestimmt gleich da.«

Ein wenig entnervt versuchte Christina Westphal durch den heftig fallenden Regen die verschwommene Straße zu erkennen. Die quietschenden Scheibenwischer gaben wirklich ihr bestes, doch der alte Wagen hatte schon einmal bessere Zeiten gesehen. Weit bessere Zeiten. Sie konnte sich sehr glücklich schätzen, wenn sie ihr Ziel heil erreichten.

»Aber Mama, ich hab doch Hunger! Jetzt! Und nicht erst, wenn wir da sind!« Das kam so anklagend aus dem schmollenden Mund der hübschen Fünfjährigen, daß Christina sich ein Lächeln verkneifen mußte.

Trotzdem schüttelte sie den Kopf. »Das glaub ich dir nicht. Aber du kannst gern noch einen Apfel haben, wenn du am Verhungern bist. In der Tüte hinter meinem Sitz müßte noch einer sein.«

Doch einen Apfel wollte Charlie nicht. »Dann hab’ ich eben Durst!«

»Charlie, du mußt noch ein wenig Geduld haben. Bitte, mein Schatz. Wir müßten in einer halben Stunde ankommen, so lange hältst du es doch bestimmt noch aus.«

Charlie, eigentlich Charlotte, verkreuzte die Arme über dem Bauch. Verstimmt blickte sie aus dem Fenster, konnte jedoch vor lauter Regentropfen auf der Fensterscheibe nichts von der vorbeifliegenden Umwelt erkennen. Sie stöhnte laut auf.

»Mir ist sooo langweilig. Niemand spielt mit mir!«

»Komm, wir singen was zusammen«, schlug Christina ihrer Tochter vor, obwohl sie schon mehrere Stunden mit Singen verbracht hatte. »Wie wäre es mit ›Die kleinen Fische‹?«

»Nein, ›Die kleinen Fische‹ sind doof. Lieber ›Die sieben Mäuse‹!«

»In Ordnung, mein Schatz, dann eben ›Die sieben Mäuse‹. Eins, zwei, drei!«

Und schon krähte Charlie los. Wenn Christina im Moment auch nicht die geringste Lust zum Singen verspürte, so war Charlie doch für eine Weile abgelenkt. Bei den hohen Tönen, die sie eher laut als richtig traf, kroch Christina eine dicke Gänsehaut den Rücken hinunter. Sie seufzte. Seit beinahe sieben Stunden waren sie nun schon mit ihrem betagten, klapprigen Auto quer durch Deutschland unterwegs, und die kleine Charlie hatte sich bisher bemerkenswert gut gehalten. Doch nun war sie quengelig, wollte einfach nicht mehr länger still sitzen bleiben. Auch Christina taten von der langen Fahrerei mittlerweile alle Knochen weh, doch sie hatte nun einmal keine andere Wahl gehabt. In ihrer alten Heimatstadt hatte sie trotz aller Bemühungen einfach keine Arbeitsstelle gefunden, so lange und intensiv sie auch gesucht hatte. Sie konnte ja schließlich auch nicht jede beliebige Arbeit annehmen, wollte immer noch genügend Zeit für ihre kleine Tochter haben. Nachdem sie sich in einigen unbefriedigenden und nervenaufreibenden Bürojobs versucht hatte, nächtelang putzen gegangen war und einige Monate in einem Supermarkt an der Kasse gesessen hatte, gab sie schließlich auf. Sie mußte sich bewegen können, mußte raus an die frische Luft. Sie sah ein, daß sie nur in ihrem Dorf als Reitlehrerin glücklich werden würde und hatte sich nun auch bei Stellen beworben, die sehr weit weg von ihrem Heimatort lagen. Und endlich, endlich hatte sie Glück. Hoch oben im Norden, fast schon an der dänischen Grenze, gab es ein großes Gestüt, das ihr eine sehr gute Stelle anbot. Sie konnte ihre Arbeitszeit relativ frei einteilen und würde genug Zeit haben, um sich um Charlie kümmern zu können.

Genau dorthin waren sie nun seit den frühen Morgenstunden unterwegs. Ihr gesamtes Hab und Gut befand sich in dem Wagen, alles, was sie hatten einpacken und irgendwie verstauen können, fand irgendwo ein Plätzchen. Die großen Möbel hatte Christina verkauft, auch die vielen Dinge, die sie an Matthias erinnerten.

Matthias…

Christina hielt einen Moment inne und gestattete sich ein paar wehmütige Gedanken an den Vater der kleinen Charlotte, Christinas Ehemann. Auch er war Reitlehrer gewesen, hatte die Tiere meisterhaft beherrscht, bis er schließlich an einen jungen stürmischen Hengst geraten war, der stärker gewesen war als er. Wochenlang hatte er mit viel Liebe und Geduld dem kräftigen und eigensinnigen Tier gekämpft, hatte versucht, ihn sich untertan zu machen, ohne seinen starken Willen zu brechen, und hatte schließlich auch gewonnen. Der Hengst und Matthias waren Freunde geworden. Eines Tages war eine Jagd angesetzt gewesen, bei welcher der ganze Reiterhof teilnahm. Matthias hatte eigentlich mit einem alten erfahrenen Wallach mitreiten wollen, doch dieser hatte sich Tags zuvor verletzt. Da Matthias der Veranstalter und Leiter dieser Jagd war und somit gezwungenermaßen teilnehmen mußte, sattelte er schließlich den Hengst. Christina hatte ihm warnend abgeraten, wußte, daß es wieder einmal zu einer Kraftprobe zwischen den beiden kommen würde, doch Matthias hatte abgewunken… Und es kam, wie es kommen mußte. Eines der Hindernisse wurde ihnen zum Verhängnis. Der Hengst bäumte sich widerstrebend auf, konnte nicht mehr rechtzeitig vom Boden abspringen und rutschte in das Gewirr aus Stangen, Holzplanken und Balken hinein. Matthias überschlug sich und landete mitten im Hindernis. Er war auf der Stelle tot.

Seit diesem Tag hatte sich Christina auf kein Pferd mehr gesetzt, konnte eine lange Weile nicht einmal mehr den Geruch der schönen Tiere ertragen. Doch irgendwann setzte sich der Gedanken durch, daß es nicht die Schuld des Hengstes war, die Matthias das Leben gekostet hatte, sondern seine eigene. Schließlich war er erfahren genug, um zu wissen, daß man mit einem jungen ungeübten Pferd eine so schwere Jagd nicht reiten durfte.

Mit Matthias hatte Christina ihre Jugendliebe verloren, den einzigen Mann, den sie jemals von Herzen geliebt hatte. Nach ihm hatte sie nie wieder einen Mann auch nur näher angesehen, dieses Kapitel in ihrem Leben war ein für alle Mal für sie abgeschlossen. Noch dazu wurde sie jeden Tag aufs neue an ihn erinnert, war doch Charlotte sein genaues Abbild. Sie hatte die gleichen großen dunkelblauen Augen, die gleichen schwarzbraunen Locken, die sich von keinem Kamm und keiner Bürste bändigen ließen. Zuweilen schaute sie ihre Mutter sogar auf die gleiche eigentümliche Art an, mit der Matthias sie stets angeblickt hatte.

Dieser leicht schiefgelegte Kopf mit dem angedeuteten halben Lächeln und den spitzbübischen Augen… Sogar wenn sie schmollten, sahen Tochter und Vater einander ähnlich. Es war so abgrundtief schade, daß die beiden nur eine so kurze Zeitspanne miteinander hatten verbringen können.

Christina mußte unwillkürlich lächeln und war ein wenig milder gestimmt. Schließlich konnte ihre kleine Tochter ja nichts dafür, daß es im Großraum Frankfurt keine Stelle als Reitlehrerin für sie gegeben hatte und sie somit gezwungen wurde, endlose Stunden im vollgepackten Auto zu verbringen. Sie warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Noch immer hatte Charlie die Arme vor der Brust überkreuzt und die Unterlippe schmollend ein wenig vorgeschoben. Doch Christina konnte sehen, daß es in ihrem Köpfchen heftig arbeitete. Gleich würde ihr die nächste Ausrede einfallen, damit ihre Mutter den nächsten Rastplatz anfahren mußte. Christina kam ihr zuvor.

»In Ordnung, meine Kleine, wir halten bei der nächsten Tankstelle an«, sagte sie schließlich. Ihr würde es auch guttun, wenn sie sich ein wenig die Beine vertreten konnte. Sie war es ja ebenfalls nicht gewohnt, stundenlang stillzusitzen. Zumal das permanent schlechte Wetter auch noch die höchste Konzentration von ihr erforderte. Sie hatte das Gefühl, der Wind wurde immer stärker, und der kalte Regen stürzte wie eine wahre Sintflut auf ihre Windschutzscheibe. Wenn auch nur einer der Scheibenwischer aufgab, konnten sie nicht weiterfahren.

»Der Rastplatz kommt gleich, da vorne war ein Schild.«

»Wegen mir mußt du aber jetzt nicht anhalten«, erscholl die helle Stimme ihres Töchterchens. »Ich kann ja ruhig verdursten. Ist doch egal!«

Christina lachte laut auf. »Na gut, ich halte auch nicht wegen dir, sondern wegen mir.«

»Hm!«

Angestrengt blickte Christina durch die Scheibe und sah im letzten Moment gerade noch die Ausfahrt zur Tankstelle.

»Da ist sie!«

Fast wäre sie an ihr vorüber gefahren, doch in letzter Sekunde riß sie den Wagen gerade noch herum und fuhr auf die Ausfahrt.

Charlie keuchte erschrocken auf, als ihr riesiger Teddybär namens Jogi, der hoch oben auf dem Kleiderstapel auf dem Sitz neben ihr gethront hatte, quer durch das Auto fiel.

Lautes Hupen kommentierte Christinas Manöver. Christina sah in den Rückspiegel. Ein großer Wagen, den sie vollkommen übersehen hatte, befand sich dicht hinter ihr.

»O Mann, Mami, was machst du denn?« beschwerte sich Charlie und angelte nach ihrem Teddy, dem sie einen dicken Kuß auf den weichen Kopf gab. »Jogi hat sich den Kopf angeschlagen. Der kriegt bestimmt ’ne Beule.«

»Das wird schon wieder«, beruhigte sie Christina und fuhr auf einen überdachten Parkplatz in der Nähe des Rasthofgebäudes. Sie wollte bei dem strömenden Regen nicht auch noch über den halben Parkplatz laufen müssen. Erleichtert atmete sie auf. In der Regel war Christina eine sehr besonnene Autofahrerin, besonders wenn Charlie mit ihr im Wagen saß, doch sie hatte die Ausfahrt einfach nicht vorher gesehen.

»Puh, das war aber knapp. Gerade noch einmal Glück gehabt. Ist mit Jogi alles in Ordnung?«

»Na ja. Wenn du ihm ein Eis spendierst, geht es bestimmt wieder. Es muß aber ein großes Eis sein!«

»Kein Problem. Er gibt dir auch bestimmt etwas ab.«

Gerade als sie sich in den Fußraum des Beifahrersitzes beugte, um nach ihrer Handtasche zu suchen, erklang ein lautes, äußerst energisches Klopfen an der Fahrerscheibe.

Christina schrie vor Schreck laut auf.

»Um Himmels willen, was wollen Sie denn von mir?«

Ein wild gestikulierender Mann mit wütendem Gesicht stand an ihrem Wagen. Bevor sie sich noch lange überlegen konnte, ob es nicht vielleicht besser sei, wenn sie einfach das Auto wieder startete und schnell weiterfuhr, hatte der Mann bereits die Tür aufgerissen.

»So jemandem wie Ihnen sollte man den Führerschein abnehmen!« schrie er Christina an und machte Anstalten, sie aus dem Wagen zu zerren. Wie erstarrt saß Christina auf dem Sitz und klammerte sich an ihre Tasche. Sie konnte momentan keinen klaren Gedanken fassen. Was wollte dieser Kerl von ihr?

»Beruhigen Sie sich, ich habe Ihnen doch gar nichts getan!«

»Meine Mama hat doch gar

keinen solchen komischen Schein!« ließ sich plötzlich Charlie vernehmen, die überhaupt

keine Angst vor dem großen Mann zu haben schien. »Los, sag ihm doch, daß du gar keinen Schein hast!«

Christina mußte trotz dieser absurden Situation lächeln und nahm damit dem wütenden Mann ein wenig den Wind aus den Segeln.

»Ach nein?« fragte er nur noch und blinzelte Charlie zu. »Na dann kann man ihr den ja auch nicht abnehmen.«

»Genau!« sagte sie entschieden. »Man kann ja nichts abnehmen, was man gar nicht hat!«

»Hören Sie, was wollen Sie eigentlich von mir?« fragte Christina, die sich mittlerweile von ihrem Schrecken erholt hatte, und funkelte den Mann an. »Schreien Sie mich gefälligst nicht so an!«

»Ja, haben Sie denn keine Augen im Kopf?« herrschte er sie an. »Sie haben mich geschnitten. Fast wäre ich Ihretwegen in den Graben gefahren. Das war haarscharf!«

»Oh, das tut mir wirklich leid«, sagte Christina ehrlich bestürzt. »Ich habe Sie wirklich nicht gesehen. Es war ein Versehen.«

»Na, daß dies keine Absicht war, hoffe ich doch sehr. Passen Sie in Zukunft besser auf!« Mit diesen Worten drehte er sich grußlos um und betrat den hellerleuchteten Rasthof, der an diesem Regentag wie eine Oase wirkte. Christina streckte ihm die Zunge heraus und schnitt eine Grimasse, so wie Charlie es immer tat, wenn ihr etwas nicht paßte.

»Bähh!«

Sogleich wurde sie lautstark gerügt. »Mutti, man streckt keinem die Zunge hinaus, das hast du selbst gesagt. So etwas tut kein gut erzogener Mensch!«

Christina lächelte zerknirscht, besonders weil sie sich sicher war, daß der Fremde Charlies laute durchdringende Stimme noch deutlich gehört hatte.

»Manchen Menschen aber schon!« sagte sie trotzig genau in der Tonlage, die Charlie sonst immer draufhatte und stieg endlich aus.

»Das ist mal wieder typisch. Du darfst, ich nicht!«

»Tja, ich bin eben auch schon erwachsen und du nicht!«

»Das ist aber unfair!«

Christina befreite ihre Tochter von dem zugepacktem Rücksitz und nahm sie fest an die Hand. Das würde ihr gerade noch fehlen, wenn Charlie jetzt Verstecken oder Fangen spielen wollte. Sie hoffte, dem Fremden nicht mehr begegnen zu müssen. Obwohl sie sich natürlich eingestehen mußte, daß dieser mit seinen Anschuldigungen recht gehabt hatte. Natürlich hätte sie nicht einfach so auf die Ausfahrt preschen dürfen, doch es war nun mal geschehen und sie hatte sich ja auch dafür entschuldigt. Es war ja schließlich keine Absicht gewesen, er hätte sie schließlich nicht gleich so anzuschreien brauchen.

»Was möchtest du? Was Warmes? Ein Brötchen?« fragte Christina ihre Tochter.

»Das da unten«, Charlie zeigte mit einem buntbemalten Zeigefinger auf ein riesiges Stück Kuchen, »und einen Kakao.«

»Was ist mit dem Eis für Jogi?«

Charlie überlegte kurz. »Nein, der schläft jetzt. Aber heute abend ist er wieder wach.«

»Gut, dann schauen wir mal, ob wir vielleicht heute abend etwas für ihn auftreiben können.«

Christina kaufte für sich selbst eine dampfende Tasse aromatisch duftenden Kaffee und für Charlie ein Trinkpaket Kakao und ein Stückchen Blätterteigkirschkuchen, dann dirigierte sie ihre nun glücklich und zufrieden lächelnde Tochter zu einem runden Tisch ans Fenster.

»Aber Mama, draußen sieht man doch gar nichts!« beschwerte sich diese sogleich, als sei Christina höchstpersönlich für das miserable Wetter zuständig.

»Du sollst jetzt auch nichts sehen, du sollst essen.«

Während Christina über ihrem Kaffee brütete, aß Charlie sehr manierlich das Stückchen Kuchen auf, in dem sie Lage für Lage des Blätterteigs abhob und sich in den kleinen Mund schob. Der Tisch, die Bank und auch Charlie selbst waren übersät mit Krümeln. Danach machte sie sich über ihren Kakao her. Er befand sich in einem rechteckigen Pappbehälter, durch den oben ein Strohhalm geschoben wurde. Als sie damit fertig war, blies sie mit vollen Backen in den Strohhalm hinein und klatschte mit beiden Händen fest auf den Behälter. Der Strohhalm flog in hohem Bogen nach oben, gefolgt von einem Sprühregen aus Kakaotropfen.

Charlie und der Mann, der in der Nische hinter ihnen Platz genommen hatte, waren über und über mit winzigen Kakaotröpfchen übersät.