... und plötzlich bist Du nur noch eine Buch-Nummer! - Ulrike Kröber - E-Book

... und plötzlich bist Du nur noch eine Buch-Nummer! E-Book

Ulrike Kröber

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Beschreibung

Dein Perso ist weg, Dein Name ist weg, Deine Freiheit ist weg, Deine Familie ist weg, Dein Geld ist weg und Du bist nur noch eine Nummer: Eine sogenannte Buch-Nummer. Eine Nummer, die jeden Inhaftierten identifiziert mit einer laufenden Nummer und dem Jahr, in dem Du eingefahren bist. Wie konnte es soweit kommen? Inhaftierte erzählen Geschichten aus ihrem Haftalltag. Sie sind manchmal verstörend, einfach nur sachlich, aber auch emotional auf jeden Fall mit sehr viel Leidenschaft und authentisch dargestellt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 87

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Das vorliegende Taschenbuch wurde im Rahmen des Integrationsprojektes CariBu des Berufsfortbildungswerk – Gemeinnützige Bildungseinrichtung des DGB (GmbH) realisiert.

Inhaltsverzeichnis

Die Gedanken sind frei?

Das erste Mal im Gefängnis

Absturz

Gedichte, Gedanken und Wortspiele

Einschluss

von Gino

Was mir im Knast am meisten fehlt!

Was vermisse ich im Knast am meisten?

Ich vermisse im Knast am meisten …

Was wäre, wenn?

Mein Wochenende im Knast

Zivilcourage

von Ray o Connor

Erinnerungen an Gestern

Endstation Knast

von Brandon K.

Mein Weihnachtsfest im Knast

Mein Weihnachten 2015 bis 2018

Bedürfnisse

Von Cola, Fisch, Wasser und dem Tod

von

Ulrike Kröber

Die Begegnung

von Ulrike Kröber

Angst vor der Entlassung

von Ulrike Kröber

Vorwort

CariBu, was ist das eigentlich? Das haben Sie sich bestimmt gefragt. Im Januar 2016 durften wir mit unserer Arbeit in der JVA Hannover beginnen. Das bfw – Unternehmen für Bildung hatte sich für eine Ausschreibung bei der NBank und beim Europäischen Sozialfonds beworben und diese gewonnen.

Zunächst hieß das Projekt Aribo. Schnell wurden wir von allen liebevoll Haribo genannt. Die Aufgabenstellung: Inhaftierte, die noch circa sechs Monate in Haft sind, auf den ersten Arbeitsmarkt vor zu bereiten und sechs Monate nach ihrer Haft zu betreuen. Das klingt nach einem guten Plan.

Zunächst mussten wir mit Hilfe unserer JVA Kollegen passende Teilnehmer finden. Von allen Seiten hörten wir, das kann doch nicht so schwierig sein 12 von circa 500 Inhaftierten.

Die zukünftigen Teilnehmer sollten in der JVA arbeiten (das müssen eigentlich auch alle, aber durch Vergehen oder ähnliches, ist dies nicht immer der Fall), drogenfrei sein (auch dies stellt eine Herausforderung dar, einige werden substituiert), der deutschen Sprache mächtig sein (wir hatten sogar einen Analphabeten), auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelbar (viele haben nicht einmal einen Hauptschulabschluss), Freistellung zu unserem Unterrichtstag (in vielen Betrieben ist dies auf Grund der Auftragslage nicht immer möglich) und ein wichtiger Punkt noch circa sechs Monate in Haft. Das lässt sich doch absehen, werden sie jetzt sagen.

Ja, da haben Sie sogar recht. Aber ein unvorhersehbares Element, spielt eine große Rolle, wie wir schmerzlich erfahren mussten; Der Mensch.

Der Mensch tut verbotene Dinge. Auch in einer JVA.

Handys sind verboten, genauso wie Drogen und Alkohol.

Ist es nicht gerade das Verbotene, was uns reizt? Wir haben vielleicht noch eine Familie, Freunde oder Bekannte, bei denen wir unsere Sorgen ausschütten können. Was aber, wenn das alles wegfällt und wir auf uns allein gestellt sind? Hinter Mauern und Stacheldraht weggesperrt.

Der Kontakt zu den Menschen, die wir lieben, nur am Telefon stattfindet. Vom Leben da draußen ausgeschlossen (der erste Schultag unserer Kinder, der Tod des Onkels, die Kommunion unserer Nichte, das Feierabend Bier mit unserem Chef, die Kino-Premiere…), können wir, Sie, behaupten, dass Sie in dieser Atmosphäre nichts Verbotenes tun würden?

Aber auch in einer JVA bleibt es nicht ungesühnt. So kommt es zu Disziplinar Strafen und die Verweildauer kann sich verlängern.

Ich wurde einmal bei einer externen Audit Überprüfung gefragt, was die Voraussetzung für den Job als Integrationscoach sei. Spontan antwortete ich: „Menschenliebe“.

Ein gewisses Maß an Verständnis, Respekt und Achtung, Freundlichkeit, Empathie sowie die volle Fokussierung auf Erfolge machen diese „Liebe“ möglich.

Als mein Mann (Projektleiter) mir zum ersten Mal sagte: „Wenn das nächste Projekt klappt, dann schreibst Du ein Buch mit den Jungs“, da dachte ich „Ach du Scheiße“. (Verzeihen Sie bitte diesen Ausdruck, aber das dachte ich wirklich.)

Gesagt habe ich nichts. Da mein Mann mich aber sehr genau kennt, wusste er, was dieses Schweigen bedeutete – Skepsis.

Wie soll ich das schaffen? Ein Buch mit unseren Teilnehmern schreiben, mal eben so neben Arbeitsplätzen suchen, Tränen von Freundinnen unserer Teilnehmer trocknen, zukünftige potentielle Arbeitgeber beflirten, immer ein nettes Gesicht machen, mit einem Teilnehmer kurz zur Fußpflege danach noch schnell zum Bewerbungsgespräch oder vielleicht noch eine kleine Konferenz?

Als ahnte er meine Gedanken, sprach er: „Wieso, das hast du doch schon einmal hinbekommen.“

Damals hatte ich die Aufgabe, sozial benachteiligte Jugendliche für ein Sommerprojekt zu begeistern. Eines, dass ich mir ausdenken sollte. Es waren zunächst zehn junge Menschen, die in ihrem kurzen Leben schon sehr viel Gepäck mit sich trugen. Neun von ihnen konnte ich begeistern eine Geschichte für ein Buch zu schreiben. Als „Wir sind nicht dumm“ erschien, waren die Jungs und Mädels sehr stolz auf ihre Leistung. Für mich war es ein tolles Gefühl, dass ich diese jungen Menschen dazu wegen konnte, ihre eigenen Gedanken aufzuschreiben, sich gegenseitig Feedback zu geben und schließlich wurde daraus ein richtiges interessantes Buch. Natürlich nicht ohne die Hilfe meines Mannes. Er hat damals alle Geschichten Korrektur gelesen, in Buchform gebracht, die Teilnehmer motiviert weiter zu machen und das Buch verlegen lassen.

Unser neues Projekt war ja erst als Planung weitergegeben und noch nicht genehmigt. So konnte ich es mit Scarlett o Hara halten: „Verschieben wir es auf morgen.“

Tatsächlich wollte ich erst einmal den „normalen Alltag“ bewältigen. Sorgen wie ich es schaffen sollte, ein Buch mit Inhaftierten zu schreiben, könnte ich mir immer noch machen. Sagte ich mir damals.

Sie ahnen es. Es ging alles so viel schneller vorbei. Es stand fest. Unsere Geldgeber begrüßten die Idee meines Mannes. Na dann mal los.

Was wollen wir mit diesem Buch erreichen? Das ist die grundsätzliche Frage, die wir unseren Teilnehmern verdeutlichen mussten. Und wohin geht der eventuelle Erlös? Letzteres stand schnell fest; „Gefangene helfen Jugendlichen.“

Hier ein kurzer Auszug der Homepage:

Eine Initiative von Inhaftierten

1996 hatten drei Inhaftierte der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, genannt „Santa Fu“, die Idee zu einem Verein. Das Ziel: Insassen der JVA erhalten eine Aufgabe, indem sie im Bereich der Kriminal- und Gewaltprävention für Jugendliche arbeiten.

Die Projektkonzeption wurde in Zusammenarbeit mit der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung sowie der Justizbehörde erarbeitet. Nach einer Erprobungsphase im Jahr 1998 hat sich das Projekt der JVA-Besuche mit Jugendlichen durchgesetzt und wird seitdem als Kernprojekt des Vereins betrieben.

Gefangene helfen Jugendlichen e.V. ist seit 2001 ein eingetragener Verein und hat seit 2005 die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe.

Die Idee: Gefangene von „drinnen“ haben mit Jugendlichen von „draußen“ Kontakt

Den Schwerpunkt des Besuchs vor Ort legt das Team von Gefangene helfen Jugendlichen e.V. in das Gespräch zwischen delinquenten Jugendlichen und ausgewählten, verantwortungsvollen Insassen, die ihre Taten bereuen. Der Gefängnisbesuch und die Konfrontation mit den Biografien der Insassen soll die Gedanken zur Lebensplanung- und -auffassung der Jugendlichen erreichen. Er soll Irritationen in die Klischees und Stereotype der Jugendlichen von Kriminalität, Gefängnis und Gewalt bringen. Es ist ein Denkanstoß. Denken und handeln müssen die Jugendlichen selbst.

Starke Kooperationspartner, zuverlässige Förderer und ein beständiges Team haben es uns möglich gemacht, dass wir bereits über 5.000 Jugendliche durch den Besuch in den Justizvollzugsanstalten und über 11.500 Schüler durch den Präventionsunterricht erreichen konnten.

In den letzten Jahren arbeitet GhJ daran, das Projekt auch auf andere Standorte auszubauen. Diese Arbeit ist an Standorten in Bremen, Hannover und NRW bereits erfolgreich.

Die genannten Ziele sind auch unsere Ziele. Wir möchten mit den Alltagschilderungen unserer Teilnehmer erreichen, Vorurteile abzubauen (Knast ist cool, die arbeiten, da ja gar nicht, leben wie Gott in Frankreich auf unsere Kosten und so weiter).

Wenn wir eine Mutter, einen Vater, einen Bruder, eine Schwester, eine Tante, einen Onkel dazu bewegen können im Vorfeld auf kleine Signale zu achten.

Wenn wir den einen oder anderen Jugendlichen erreichen können, dann freuen wir uns.

Einer meiner Lieblingskollegen hat mal zu mir gesagt: „Ulrike wir können nicht alle retten.“ Aber wenn wir den einen oder anderen Jugendlichen erreichen können, dann ist es ein Erfolgsfaktor.

Apropos wir sind sehr glücklich, dass unsere Teilnehmer ihre Gefühle zum größten Teil so freimütig ausgedrückt haben. Ein großes Dankeschön dafür.

Allen die dies Buch möglich gemacht haben, die Anstaltsleitung der JVA Hannover, die NBank, der Europäische Sozialfonds, der Verein Kontakte e.V, (der unsere Lesung mitfinanziert hat) ein ganz herzliches Dankeschön. Herr Brehm hat uns in diesen vier Jahren immer liebevoll motiviert und unterstützt.

Liebe JVA Kollegen, Abteilungsleiter, Sicherheitsleitung und Sicherheitsmitarbeiter, Sozialarbeiter, Psychologen, Seelsorger, Werkdienstleiter, Beamte, Handwerksmeister und an alle, die ich bestimmt vergessen habe (ist wirklich schwierig und dann noch die ganzen Titel) Ihnen/Euch ein ganz großes Dankeschön. Auch dafür, dass ich immer alles Fragen darf. Da fehlt doch

was? Ja, die Damen, …innen. Zweien von Ihnen gilt mein besonderer Dank: Frau Gödicke und Frau Weise. Ohne diese beiden, hätte ich das eine oder andere Mal, den Mut verloren.

Meinem Mann möchte ich für seine nie aufhörende Motivation und Liebe danken. Liebling, ohne Dich hätten wir es nicht geschafft. Du hast alle wüsten Beschimpfungen meinerseits erduldet, wenn „Word“ mal wieder aus lauter Gemeinheit (ich kann das gar nicht) Kopfzeilen eingebaut hat oder oder….

Zu guter Letzt: Ganz oft höre ich den Satz: „Der kommt doch sowieso wieder.“ Ja, auch unser Projekt kann nicht garantieren, dass Inhaftierte nach ihrer Entlassung wieder straffällig werden. Aber jeder Tag, den ein Ex-Häftling nicht in einem Gefängnis ist, ist ein guter Tag.

Die Gedanken sind frei?

Mein erster, mir bewusster Eindruck entstand sicherlich später, da ich mich noch wie in einer Blase abgeschottet hatte. Während meine körperliche Hülle diese Prozesse roboterartig durchlief, schwirrte mein Bewusstsein, im Leerlauf, als stiller Beobachter um mich herum.

Das riesige Tor der JVA schloss sich hinter mir. Durch ein Labyrinth aus Gängen führte man mich in einen fensterlosen Raum der ähnlich wie eine Sicherheitsschleuse am Flughafen ausgestattet war. Ich musste durch einen auf Metall reagierenden Rahmen und ein Röntgengerät mit Laufband. Dort warteten auch zwei Justizvollzugsbeamte auf mich. Mir wurden einige Fragen gestellt, die ich im Automatismus beantwortete, ehe ich mich komplett ausziehen und begutachten lassen musste.

Daraufhin gab man mir Anstaltskleidung inklusive Unterhose, die bereits von etlichen Männern zuvor getragen worden sein musste. Es folgte ein Foto für meine Akte, sowie ein weiteres Gespräch, in welchem es wohl um das Sammeln von Unterschriften zwecks rechtlicher Absicherung ging, bevor ich mich im Trakt D-West, in einem kleinen Raum mit von außen verriegelter Tür wiederfand.

Es verging einige Zeit. Es gab keine Uhr oder Ähnliches, also schwer zu sagen, ob es nun Minuten oder Stunden waren, … Körper und Geist fanden aber allmählich wieder zueinander.

Eine erste Reflektion der Situation!

Du bist hier eingesperrt und es gibt keinen Weg hinaus! Gefolgt von einem inneren Unwohlsein.

Der Raum, die Zelle erscheint noch kleiner als sie ohnehin schon sind. Das ist also nun dein Zuhause!