Und plötzlich hast du lebenslänglich - Rüdiger A. Glässer - E-Book

Und plötzlich hast du lebenslänglich E-Book

Rüdiger A. Glässer

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Beschreibung

Der Mord an ihrer Tochter reißt Karin Meiners aus ihrem Leben. Für die Tat selbst gibt es keine Zeugen, keine Beweise, nur Indizien. Als Nebenklägerin verfolgt sie den Prozess gegen den Ex-Freund ihrer Tochter. Gezwungen, jedes Detail zu hören, jede Vermutung auszuhalten, jede Hoffnung zu unterdrücken. Die Wahrheit: unscharf. Die Schuldfrage: offen. Während der Prozess voranschreitet, wird klar, dass es nicht nur um ein Urteil geht. Es geht um Erinnerung, um Zweifel – und um die zerstörerische Kraft eines »Vielleicht«. Was bleibt von Gerechtigkeit, wenn Gewissheit fehlt? Und wie lebt man weiter, wenn der Tod lebenslänglich nachwirkt? Und plötzlich hast du lebenslänglich ist ein psychologisches Drama über Verlust und die Frage, was Gerechtigkeit bedeutet, wenn ein Urteil keine Antwort liefert. Nach einer wahren Begebenheit.

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Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Rüdiger A. Glässer

Und plötzlich hast du lebenslänglich

Nach einer wahren Begebenheit

Impressum

Und plötzlich hast du lebenslänglich

ISBN 978-3-96901-141-6

ePub Edition

Version 1 · Februar 2026

© 2026 by Rüdiger A. Glässer

Alle Rechte vorbehalten.

Abbildungsnachweise:

Coverillustration: erstellt mit einem

KI-gestützten Bildgenerierungssystem

Porträt des Autors © Ania Schulz

Titelgestaltung · Technische Umsetzung · Lektorat

Sascha Exner

Harzkrimis.de

ist ein Imprint von

EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH

Obertorstr. 33 · 37115 Duderstadt · Deutschland

Web: harzkrimis.de · E-Mail: [email protected]

Vertreten durch den Geschäftsführer: Helmut Exner

Amtsgericht Göttingen, HRB 102086

USt-IdNr.: DE116204435

Die in diesem Buch dargestellten Ereignisse basieren auf wahren Begebenheiten. Namen, Orte und einzelne Details wurden zum Schutz der Beteiligten verfremdet. Jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen, Institutionen oder Ereignissen ist rein zufällig.

Inhalt

Titelseite

Impressum

Prolog

Sturz in die Dunkelheit

Die Beerdigung

Nach der Beerdigung

Die Zeit ab der Anklageerhebung

Prozess vor dem Landgericht Braunschweig

1. Verhandlungstag, 13. Februar 2018

2. Verhandlungstag, 27. Februar 2018

3. Verhandlungstag, 1. März 2018

4. Verhandlungstag, 6. März 2018

5. Verhandlungstag, 8. März 2018

6. Verhandlungstag, 13. März 2018

7. Verhandlungstag, 15. März 2018

8. Verhandlungstag, 20. März, 2018

9. Verhandlungstag, 22. März 2018

10. Verhandlungstag, 3. April 2018

11. Verhandlungstag, 5. April 2018

12. Verhandlungstag, 10. April 2018

13. Verhandlungstag, 17. April 2018

14. Verhandlungstag, 24. April 2018

15. Verhandlungstag, 3. Mai 2018

16. Verhandlungstag, 10. Mai 2018

17. Verhandlungstag, 17. Mai 2018

18. Verhandlungstag, 24. Mai 2018

19. Verhandlungstag, 31. Mai 2018

6. Juni 2018: Der Tag vor der Verkündung des Urteils

20. Verhandlungstag, 7. Juni 2018

Die Zeit nach dem Urteil

Ermittlungen gegen Kroitzer

Das Leben nach dem Prozess

Bernds Entwicklung nach dem Prozess

Ebenfalls erhältlich

Über den Autor

Prolog

Goslar, 29. Juli 2017, 14 bis 22 Uhr

Die Sonne schien, der Wind bewegte die Blätter der Platanen leicht hin und her. Es war ein lauer Nachmittag.

Laura Mölders saß im Schatten der Bäume auf einer Parkbank einer Behinderteneinrichtung in Goslar. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt, hatte eine sportliche Figur und langes schwarzes Haar. Sie war eine attraktive Erscheinung. Lebensfreude, Offenheit und die Gabe, auf Menschen zuzugehen, gehörten zu ihren besonderen Charaktereigenschaften.

Neben ihr im Rollstuhl saß Greta, die querschnittsgelähmt war. Seit einer guten Woche betreute Laura das Mädchen. Was sie hier machte, war genau das, wonach sie immer gesucht hatte — Menschen zu helfen, ihnen Lebensfreude zu geben und Beachtung zu schenken. Für sie war es kein Job, sondern eine Berufung. Dieses Praktikum würde sehr lehrreich für sie sein, sie würde den Behinderten in dieser Zeit viel geben. Wenn die sechs Wochen beendet wären, würde sie sich auf den Abschluss ihrer Ausbildung vorbereiten. Vielleicht, so hoffte sie, würde sie wieder in diese Einrichtung zurückkehren.

Sie dachte wieder an Frank. Die Trennung von ihm war noch ganz frisch, aber sie hatte den richtigen Schritt getan. Das Zusammenleben mit ihm war nicht mehr erträglich gewesen. Ein halbes Jahr hatte es gedauert. Nun, am Anfang war es sogar schön gewesen, sie hatte geglaubt, den Mann ihres Lebens gefunden zu haben. Aber nach und nach zeigte er sein wahres Gesicht. Er engte sie ein, kontrollierte sie auf Schritt und Tritt. Selbst an den Mädchenabenden wollte er dabei sein, wollte wissen, wer daran teilnahm, was besprochen wurde usw. Schließlich verlangte er, dass sie die Treffen mit ihren Freundinnen ganz aufgeben sollte, sie habe ihn, da brauche sie keine anderen Freundschaften mehr. Tatsächlich aber war er krankhaft eifersüchtig, glaubte, dass sie sich bei jeder Gelegenheit mit anderen Männern traf. Auch ihre Vorstellung, dass in einer funktionierenden Beziehung beide Partner Zeit für sich haben müssten, in der sie zum Beispiel ihren Hobbys nachgehen konnten, akzeptierte er nicht. Gewalttätig war er nie gewesen, das war ein Vorteil. In solch einem Fall hätte sie sich allerdings beim ersten Vorfall dieser Art von ihm getrennt. Nein, er tyrannisierte sie auf eine andere Art und Weise, die auch nicht viel besser war. Wenn ihm irgendetwas nicht passte, dann zog er beleidigt ab und strafte sie stundenlang mit Missachtung.

Unwillkürlich dachte sie an den gemeinsamen Urlaub auf Amrum. Ihr letzter Versuch, um ihn zum Nachdenken zu bewegen und die Beziehung zu retten. Aber der Ferientrip sollte zum Desaster werden. Schon auf der Fähre begann der erste Streit. Plötzlich verschwand er für eine gute Stunde und tauchte erst kurz vor Erreichen der Insel wieder auf. Mit keinem Wort sagte er ihr, warum er so gehandelt hatte. Das war kein guter Anfang für eine mögliche Aufrechterhaltung der Beziehung gewesen. Zunächst hatte sie ihm das noch einmal nachgesehen, hatte gehofft, dass dies ein Ausrutscher gewesen war und dass die kommenden Tage dann doch noch angenehm werden könnten.

Aber das war ein Trugschluss. Schon beim ersten gemeinsamen Badeausflug packte er nach fünf Minuten seine Sachen, sagte kein Wort und ging ins Hotel zurück. So verbrachte sie Stunden allein am Strand.

Was hatte ihn dazu bewogen, so plötzlich den Strand zu verlassen? Hatte sie zufällig einen anderen Mann angeschaut, was einen Eifersuchtsanfall bei ihm ausgelöst hatte? Sie war sich keiner Schuld bewusst. So war es aber immer. Er versuchte, bei ihr ein schlechtes Gewissen zu erzeugen. Als sie zum Hotel zurückkehrte, weigerte er sich, mit ihr darüber zu sprechen.

Die folgenden Tage verliefen ähnlich, ihr Entschluss war gereift: Nach dem Urlaub würde sie der Beziehung ein Ende setzen.

Greta riss sie aus ihren Gedanken. Das Schicksal hatte das Mädchen hart gestraft. Im Juli vor zwei Jahren waren sie und ihre Eltern in den Urlaub an die Ostsee gestartet. Kurz hinter Hamburg schob ein LKW, dessen Fahrer eingeschlafen war, ihren PKW unter einen anderen Laster, der am Ende eines Staus gestanden hatte. Gretas Eltern waren sofort tot, sie überlebte schwerverletzt. Leider war ihre Wirbelsäule mehrfach gebrochen. Seitdem war sie an den Rollstuhl gefesselt.

»Warum siehst du so traurig aus, Laura?«

Dieses Mädchen ist etwas ganz Besonderes, dachte die Praktikantin. Es schien, als hadere sie nicht mit ihrem Schicksal, niemals mehr laufen zu können. Sie hatte eine Lebenslust, die auf andere ansteckend wirkte. Trotz ihres jungen Alters von dreizehn Jahren konnte sie die Stimmungen von Menschen, die sie umgaben, erfassen. Sie hatte eine Empathie, die nur wenige Erwachsene besaßen. Irgendwie, so dachte Laura, bestand eine besondere Seelenverbindung zwischen ihr und diesem bemerkenswerten Mädchen. Da sie keine Verwandten hatte, lebte Greta jetzt in der Einrichtung in Goslar. Am Vormittag wurde sie von den Pflegern ins Gymnasium gefahren. Sie war eine sehr gute Schülerin und hatte schon eine Klasse übersprungen. Seit einer Woche betreute Laura sie an den Nachmittagen.

»Erzähle es mir, ich bin eine gute Zuhörerin«, sagte Greta wie eine erwachsene Frau.

Laura musste schmunzeln. »Na dann ... ich hatte einen Freund – Frank. Mit ihm war ich ein halbes Jahr zusammen. Er hat mich eingeengt, kontrolliert und mir praktisch die Luft zum Atmen genommen. Deshalb habe ich mich vor Kurzem von ihm getrennt.«

»Was muss das für ein Blindgänger sein, der sich mit dir nicht versteht? Manche Männer haben es einfach nicht drauf! Aber wenn ich dich so ansehe … du bist eine schöne und liebenswerte Frau. Du wirst bestimmt bald einen neuen Mann haben«, sagte Greta und schaute ihre Betreuerin erwartungsvoll an.

Laura fand ihren Blick entwaffnend. »Ja, da bahnt sich vielleicht etwas an.«

»Ich habe es gewusst«, sagte Greta triumphierend. »Wie ist er? Wie heißt er?«

»Er ist so ganz anders als Frank. Verständnisvoll. Noch sind wir nicht zusammen, aber ich möchte das gern. Er auch. Er heißt Florian. Ich brauche noch ein wenig Zeit, muss erst mal das Erlebte mit Frank verarbeiten. Möchte ohne Vorbelastung eine Beziehung mit Florian eingehen. Das versteht er.«

»Du hast also noch nicht mit ihm geschlafen? Wie ist das, wenn man mit einem Mann schläft?«

»Nein, habe ich noch nicht. Es kann sehr schön sein, wenn du den richtigen Partner hast. Es kann aber auch zum Albtraum werden, so wie im Fall von Frank«, antwortete Laura.

»Verstehe«, sagte Greta und hakte nicht weiter nach. »Dann werden wir jetzt unseren täglichen Sport machen.«

Der bestand aus einem Wettkampf zwischen den beiden. Greta fuhr mit ihrem Rollstuhl, den sie mit den Armen bewegte, eine Runde durch den Park, Laura musste die gleiche Strecke im Dauerlauf zurücklegen. Sie stoppten ihre Zeiten gegenseitig. Greta verlangte von ihrer Betreuerin aber, dass diese nicht langsamer lief, als sie konnte. Allerdings wurden bei Greta zwanzig Sekunden abgezogen, weil man sich mit den Beinen ›bekanntermaßen‹ schneller bewegen konnte als mit den Armen.

»Heute fange ich an«, sagte Greta. »Ich will meinen Rekord brechen.«

Dann ging es los. Greta schaffte die fast dreihundert Meter lange Strecke in zwei Minuten, Laura in einer Minute und zehn Sekunden.

»Du hast zwar mal wieder gewonnen, ich meinen Rekord aber um fünf Sekunden unterboten. Irgendwann werde ich dich schlagen«, sagte das Mädchen schmunzelnd. Dann wurde sie nachdenklich. »Es ist schön, dass ich dich habe, Laura, aber in fünf Wochen ist dein Praktikum zu Ende und wir sehen uns nie wieder.«

»Erst einmal haben wir noch fünf Wochen gemeinsam. Wenn ich hier fertig bin, werde ich dich an jedem Wochenende besuchen. Das verspreche ich dir. Und dann werde ich Florian mitbringen. Du musst ihn unbedingt kennenlernen.«

Greta lächelte zufrieden. »Super. Ich muss dir ein Geheimnis verraten. Du weißt doch, dass ich gerne lese.«

»Ja.«

»Und jetzt schreibe ich selber ein Buch über das Leben hier in der Einrichtung. Du kommst darin als meine beste Betreuerin vor. Wenn ich fertig bin, wirst du es als Erste lesen.«

»Ich freue mich jetzt schon darauf«, sagte Laura.

Sie war sich sicher, dass Greta mit ihrer Intelligenz und ihrem Sprachschatz ein für ihr Alter bemerkenswertes Buch schreiben würde. Dass sie darin vorkommen sollte, erfüllte sie mit Stolz. Sie schaute auf die Uhr.

»Unsere gemeinsame Zeit für heute ist leider vorbei, ich muss jetzt in den Spielraum und mich um die ›Kleinen‹ kümmern. Morgen werden wir uns wieder treffen.«

»Schade, aber ich verstehe das natürlich. Die anderen wollen ja auch etwas von dir haben. Aber morgen sehen wir uns ja wieder«, antwortete Greta.

Um einundzwanzig Uhr dreißig war Lauras Dienst zu Ende. Sie packte ihre Sachen zusammen und wollte eigentlich zum Auto gehen, aber sie entschloss sich, Greta noch einmal aufzusuchen.

Sie fand das Mädchen am Laptop und fleißig in die Tastatur tippend vor.

»Müsstest du nicht eigentlich im Bett liegen und schlafen?«, fragte Laura gespielt tadelnd.

Greta legte den Zeigefinger der rechten Hand an den Mund. »Psst, bitte nicht verraten. Ich schreibe an meinem Buch, hab schon dreißig Seiten geschafft. Du weißt ja, dass ich nicht viel Schlaf brauche.«

»Ja«, sagte Laura und streichelte ihrer Freundin die Wange. »Also dann bis morgen.«

»Bis morgen«, sagte das behinderte Mädchen. »Ich freue mich schon darauf.«

Um einundzwanzig Uhr fünfundvierzig verließ Laura die Einrichtung, um nach Hause zu fahren. Kurz nach zweiundzwanzig Uhr erhielt sie über WhatsApp eine Sprachnachricht von Florian. Er erkundigte sich nach ihrem Tag in der Behinderteneinrichtung. Wieder wurde ihr bewusst, dass er so ganz anders als Frank war. Dieser hätte niemals nach ihrem Praktikum gefragt. Er hätte sie höchstens ermahnt, so schnell wie möglich in seine Wohnung zu kommen, um für ihn da zu sein. Zum Glück hatte sie schon ihre Sachen gepackt und war aus seiner Wohnung ausgezogen. Während der Praktikumszeit nächtigte sie bei einer Freundin, die ein Dachzimmer für sie zur Verfügung gestellt hatte.

Sie schickte Florian eine Sprachnachricht über den Ablauf des Tages und bedankte sich für sein Interesse. Mit ›Wir treffen uns dann beim Lichterfest am Freitagabend in Wolfenbüttel‹ beendete sie ihre Aufzeichnung.

Inzwischen hatte sie einen Parkplatz, etwa hundert Meter von der Wohnung ihrer Freundin entfernt, erreicht. Es war stockdunkel, weil die Straßenlaterne an dieser Stelle defekt war.

Den Mann, der in der Dunkelheit hinter einem Zaun auf sie lauerte, bemerkte sie erst, als er diesen übersprungen hatte und neben ihr stand. Für das Folgende gab es keine Augenzeugen.

Der Mann stach wie wild auf sie ein und verschwand danach in der Dunkelheit. Laura brachte es noch fertig, trotz der starken Schmerzen und der schweren Verletzungen sich bis in die Nähe der Wohnung ihrer Freundin zu schleppen, wo sie schließlich zusammenbrach. Die Schreie, die sie vorher noch hatte ausstoßen können, wurden von einigen Anwohnern der Straße gehört.

Diese verließen ihre Häuser und eilten der schwerverletzten Frau zu Hilfe. Angesichts der großen Blutlache und des rasselnden Atems der Verletzten wurde ihnen mit beklemmender Gewissheit klar, dass hier nur ein schnell herbeigerufener Krankenwagen und Notarzt noch helfen konnten. Diese wurden sofort alarmiert. Etwa zwölf Minuten später trafen sie ein. Laura kam zwischendurch zwar immer wieder zu Bewusstsein, konnte aber nur die Worte »Luft, Luft« ausstoßen. Hinweise auf das Tatgeschehen oder den Täter konnte sie nicht geben.

Laura wurde in das Klinikum nach Braunschweig gebracht, wo sofort eine Notoperation eingeleitet wurde. Die Ärzte kämpften stundenlang um ihr Leben, aber alle Bemühungen waren vergebens. Um 1.15 Uhr verstarb Laura Mölders. Als Todesursache wurden ein hämorrhagischer Schock sowie das Kollabieren der Lungen infolge massiver Gewalteinwirkung angegeben. Jetzt wurde sie zu einem Fall der Gerichtsmedizin.

Hahausen, 29. Juli 2017, 8 bis 24 Uhr

Karin Meiners hatte blonde lange Haare, war zierlich gebaut und einen Meter sechzig groß. Sie war eine lebenslustige Frau. Sie und ihr Mann Bernd hatten einen großen Bekanntenkreis und waren in ihrem Dorf sehr beliebt. Oft trafen sich die Eheleute mit Freunden zum Abendessen, gingen zu Feiern oder besuchten Konzerte. Manchmal machten sie auch mit Freunden am Wochenende Kurzurlaub an der Nord- oder Ostsee.

Bernd Meiners hatte einen Ein-Mann-Betrieb im Bauwesen. Seine Frau erledigte am Vormittag die Büroarbeit, die im Betrieb anfiel, und am Nachmittag arbeitete sie in einer Eisdiele in Goslar als Kellnerin.

Heute allerdings hatte sie den ganzen Tag frei, Bernd hielt sich in dieser und der nächsten Woche auf einer Baustelle in Hannover auf, erst am Wochenende würde er nach Hause kommen.

Karin hatte sich viel vorgenommen. Zunächst wollte sie Gartenarbeiten machen, wobei der Ausdruck ›Gartenarbeiten‹ vielleicht etwas zu mechanisch klang, es war viel mehr Leidenschaft und Entspannung. Den Boden für Blumen und Sträucher vorzubereiten, diese zu pflanzen, sie wachsen und blühen zu sehen, das war etwas ganz Besonderes für sie. Der Lauf des Jahres, so sagte sie immer zu ihren Freunden, wird einem im Garten ganz besonders bewusst.

Um neun Uhr verließ sie das Haus und schlenderte mit Gartengeräten ausgestattet in die Grünanlage. Nach drei Stunden war der ›letzte Spatenstich‹ getan. Sie sah sich um und betrachtete noch einmal ihre Arbeit. Sie war zufrieden. Alles, was sie sich vorgenommen hatte, hatte sie geschafft.

Schließlich verstaute sie die Gartengeräte im Schuppen, wechselte ihre Schuhe und die Kleidung und wusch sich die Hände. Dann betrat sie über den Kellereingang das Haus. Als sie das Erdgeschoss betrat, wartete Loretta, ihre Terrierhündin, schon schwanzwedelnd auf sie. Sie streichelte über den Kopf des Tiers und sagte: »Wir gehen jetzt Gassi«, was die Geschwindigkeit des Schwanzwedelns stark beschleunigte.

Eine halbe Stunde später erreichte sie den Wald. Es war ein schöner und lauer Sommertag. Ein schwacher Wind bewegte die Blätter, und hin und wieder brachen Sonnenstrahlen durch die Baumkronen. Schließlich erreichte sie die Bank, an der sie immer eine Pause einlegte.

Karin Meiners dachte an ihre Tochter Laura. Am kommenden Wochenende würden die beiden nach Berlin fahren und dort eine Musikveranstaltung besuchen. Sie freute sich darauf, auch schon deshalb, weil Frank Ropeter sich nicht mehr dazwischen drängen konnte. Ihre Tochter hatte die sie stark belastende Beziehung beendet. Sie würden die gemeinsamen Tage in der Hauptstadt genießen.

Laura war die Jüngste von vier Kindern, die Karin zur Welt gebracht hatte. Ja, sie war das Nesthäkchen mit ganz besonderen Charaktereigenschaften. Sie war empathisch, hilfsbereit, tolerant und weltoffen.

Vor zehn Jahren hatte sich Karin von ihrem ersten Mann, Günter Mölders, scheiden lassen und fünf Jahre später Bernd Meiners geheiratet und seinen Nachnamen angenommen.

Während der Woche lebte Laura bei ihrem Vater und das Wochenende verbrachte sie bei ihrer Mutter. Von Anfang an verstand sie sich gut mit Bernd und betrachtete ihn als ihren ›Stiefvati‹. Auch er mochte und schätzte sie sehr und sah sie als seine einzige ›Tochter‹ an.

Schon als Fünfzehnjährige hatte sie einen Traum: dass man Geburtstage und ähnliche Feiern mit allen Geschwistern, ihrem leiblichen Vater, seiner neuen Lebensgefährtin, Bernd und Karin feiern solle. Das würde zur Aussöhnung der durch die Trennung bedingten Kontaktlosigkeit zwischen den Familien führen. Ein fünfzehnjähriger Teenager mit solchen Vorstellungen? Das war etwas ganz Besonderes. Bislang hatte sich ihr Traum aber noch nicht erfüllt.

Loretta unterbrach ihre Gedanken mit einem leisen Bellen. Sie war ungeduldig geworden und wollte weitergehen. Karin Meiners erhob sich, der Spaziergang wurde fortgesetzt. Nach drei Stunden kehrten sie in das Haus zurück. Loretta legte sich erschöpft in ihr Körbchen und schlief sofort ein.

Heute Abend würden ihre Freundinnen kommen, mit denen sie sich immer am Mittwoch traf. Die meisten Snacks, Salate und einen Pudding hatte sie gestern schon zubereitet, jetzt würde sie noch einen speziellen Salat zubereiten. Natürlich schaltete sie dabei das Radio an. Der Sender spielte Oldies. Unwillkürlich tauchten Bilder aus ihrer Jugendzeit vor ihrem inneren Auge auf. Sie sang oder pfiff, wie immer gut gelaunt, dazu.

Als sie mit den Essenszubereitungen fertig war, stellte sie die in Schalen angerichteten Speisen auf den Esszimmertisch.

Pünktlich um 19 Uhr ertönte die Hausklingel, Karin ließ ihre Freundinnen Sandra, Manuela und Christine ins Haus, die lachten und scherzten. Wie immer entwickelten sich interessante Gespräche. Man informierte sich über den aktuellen Dorfklatsch, sprach über die Macken der Ehemänner, über die Kinder, über den zukünftigen Urlaub und vieles mehr. Die Stimmung war wie immer ausgelassen, schließlich kannte man sich lange und schätzte sich.

Um zweiundzwanzig Uhr verabschiedeten sich die Freundinnen. Das nächste Treffen würde in einer Woche bei Sandra stattfinden. Nachdem sie das Haus verlassen hatten, räumte Karin den Tisch ab, stellte das Geschirr in den Spüler und schaltete das Gerät an.

Kurz nach dreiundzwanzig Uhr ging sie ins Schlafzimmer. Kurz nachdem ihre Freundinnen gegangen waren, beschlich sie ein merkwürdiges, ja unheilvolles Gefühl.

Sie ging noch einmal ins Wohnzimmer zurück und holte ihr Handy, was sie sonst nie tat. Wenigstens im Schlafzimmer wollte sie ihre Ruhe vor nächtlichen Anrufen haben. Sie legte es auf das Nachtschränkchen, zog sich aus und legte sich ins Bett. Sie wälzte sich hin und her, konnte nicht einschlafen.

War Bernd etwas passiert? Sie ergriff das Mobiltelefon, wählte seine Nummer, aber er meldete sich nicht. Wahrscheinlich wird er schlafen, dachte sie, ich will nicht stören und drückte auf den roten Button.

Schließlich fiel sie in einen eigenartigen Schlaf. Sie hörte das Klingeln eines Telefons, glaubte aber, dass sie träumte. Der Klingelton des Handys schien immer lauter zu werden. Schließlich öffnete sie die Augen, bemerkte das Licht des Displays. Da rief wirklich jemand an. Sie drückte auf den grünen Button. Am anderen Ende der Leitung war Franziska, Lauras Freundin, bei der sie während des Praktikums wohnte.

»Karin, ich bin in der Notaufnahme des Klinikums in Braunschweig, du musst sofort kommen ... in die Notaufnahme, Laura ist überfallen worden ...«

»Was ist mit Laura?«

»Ich weiß nichts Genaues, du musst sofort kommen!«, sagte Franziska und legte auf.

Karin konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Die Erinnerung daran, was sie jetzt tat, kam erst viel später zurück. Sie rief ihre Nachbarin, eine gute Freundin, an. Wenig später tauchte diese wie aus einem Nebel auf.

»Wir müssen nach Braunschweig in die Notaufnahme, nach Braunschweig, Laura ...«, mehr brachte Karin nicht heraus.

Sturz in die Dunkelheit

Die Zeit vom 29. Juli 2017 bis zum Beginn der Gerichtsverhandlung im Februar 2018

Ich sitze im Auto. Immer wieder sende ich Nachrichten über WhatsApp an Franziska. Will wissen, was mit Laura passiert ist. Es ist zum Verzweifeln, ich erhalte keine Antwort.

Um ein Uhr vierzig erreichen wir endlich den Parkplatz des Klinikums. Ich stürme aus dem Auto und renne auf den großen Eingang, über dem eine Leuchtschrift mit ›Notaufnahme‹ angebracht ist, zu. Ich eile ins Gebäude und stehe plötzlich vor einer milchigen Glastür mit zwei Flügeln. Den folgenden Anblick werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen: Die automatische Tür öffnet sich, im mittleren Teil des Ganges stehen Menschen. Franziska ist unter ihnen. Als sie mich sieht, kommt sie mir entgegen. Sie schüttelt den Kopf.

»Was ist mit Laura?«, frage ich.

Franziska kann nichts sagen, sie schüttelt immer nur den Kopf. Ich renne auf die Männer mit den weißen Kitteln zu.

»Was ist mit Laura?«, brülle ich.

Einer von ihnen sagt etwas. Ich bekomme nur das Folgende mit: »Laura, Ihre Tochter, ist um 1.15 Uhr verstorben.«

Mir wird schlecht, ich gehe auf die Toilette. Plötzlich wird mir schwarz vor Augen, ich sacke zusammen. Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen ist, als ich eine Stimme in der Dunkelheit höre. Es ist Franziskas. Sie hebt mich auf, spricht mit mir. Ich komme wieder zu Bewusstsein. Sie bringt mich zum Stationszimmer der Notaufnahme, wo mir ein Arzt eine Tablette gibt. Das Zittern meiner Hände wird nach einiger Zeit schwächer. Ich bringe kein Wort heraus.

Irgendwann hält Franziska eine Tasche und Wäsche in den Händen. »Die Sachen sind von Laura«, sagt sie weinend.

»Gib sie mir, ich nehme sie mit nach Hause!«, sage ich.

Sie schüttelt den Kopf. »Das geht nicht. Ich muss sie der Polizei übergeben. Die müssen sie nach Spuren untersuchen. Wenn sie fertig sind, kannst du sie natürlich haben.«

Ich kann nicht mehr klar denken. Meine Freundin fasst mich am Arm und führt mich aus dem Klinikum heraus.

Später befinde ich mich in der Wohnung von Franziska. Meine Freundin, die mich ins Klinikum gefahren hat, kümmert sich um mich. Ich weine, kann nur noch weinen. Kann nur an Laura denken. Ich liege auf einem Sofa, eine Polizeipsychologin spricht mit mir, aber ich kann mich nicht auf sie konzentrieren. Ich weiß nicht, was sie sagt. Plötzlich ist sie weg. Bernd sitzt auf einmal neben mir. Er hat die Baustelle in Hannover verlassen, nachdem er vom Anschlag auf Laura erfahren hat. Er hält meine Hand.

»Laura ist tot«, höre ich mich sagen. »Laura ist tot.«

Ich rede weiter, immer weiter, weiß aber nicht, was ich sage. Es scheint so, als sei ich eine Marionette, als würde der Puppenspieler, dessen Fäden mich führen, für mich sprechen.

Franziska steht plötzlich neben mir. »Du bleibst erst mal bei mir«, sagt sie. Es klingt, als spricht sie im Nebel. Sie gibt mir Schlaftabletten. Irgendwann, ich weiß nicht mehr, wann, schlafe ich auf dem Sofa ein. Wenn dieser Schlaf doch nie enden würde. Dann könnte ich die unsäglichen Schmerzen und das Leid hinter mir lassen.

Es ist hell, ich werde wieder wach. Bernd sitzt neben mir. Er hat Tränen in den Augen, schaut mich an. Schließlich sagt er: »Die Polizei hat Frank Ropeter verhaftet. Sie glaubt, dass er Laura getötet hat.«

Ich balle meine Fäuste. »Dieses Schwein … dieses verdammte Schwein«, höre ich mich sagen. »Wir fahren so schnell wie möglich zur Polizei, ich muss eine Aussage gegen dieses Schwein machen. Sie muss alles über diesen erbärmlichen Kerl erfahren.«

Wir fahren nach Goslar. Bernd führt mich in das Verhörzimmer des Polizeikommissariats. Ich rede. Ich kann nicht aufhören zu reden. Die beiden Polizisten nehmen alles auf Tonband auf. Später erfahre ich von Bernd, dass ich ziemlich zusammenhanglos gesprochen habe. Die Polizisten haben wenig nachgefragt, haben Verständnis für mein Leid gezeigt. Sie werden in den nächsten Tagen oder Wochen noch einmal mit mir reden.

Schließlich fahren wir nach Hilsenburg zurück. Vor dem Haus, in dem Franziska wohnt, bemerkte ich ein Meer an Blumen, Kerzen und Bildern von Laura mit Unterschriften und Briefen. Freunde, Bekannte und Bewohner aus der Umgebung haben diese Gegenstände inzwischen niedergelegt. Ich breche in Tränen aus. Ich weiß nicht, wie lange ich da gestanden habe, jedenfalls spüre ich plötzlich Bernds Hand.

»Karin, lass uns in Franziskas Wohnung gehen«, sagt er mit Tränen in den Augen.

Franziska hat für die nächste Woche Urlaub genommen. In ihrer Wohnung sind Freundinnen von Laura. Sie weinen, umarmen mich und versuchen, mir Trost zu spenden. Aber sie erreichen mich nicht. Ich kann nur an Laura denken. Wir alle betäuben uns, trinken Alkohol, bis auf Bernd, der noch Auto fahren muss.

Am Abend kehren wir in unseren Heimatort Hahausen zurück. Wir haben kein Verlangen zu essen, zu trinken. Wenn unsere Freunde nicht kommen und uns etwas bringen würden, würden wir wahrscheinlich verhungern und verdursten.

Ich nehme Schlaftabletten, damit ich einschlafen kann und nicht an Laura denken muss. Wieder wünsche ich mir, nicht mehr aufzuwachen und alles hinter mir zu lassen, sie in meine Arme zu schließen.

Die nächsten Tage verlaufen alle gleich. Wir fahren nach Hilsenburg zu Franziska. Lauras Freundinnen sind immer da. Wir trinken, betäuben uns. Wir reden über meine Tochter. Alle sagen nur Gutes über sie. Erzählen Anekdoten aus ihrem Leben. Wir lachen, scherzen. Das bringt ein wenig Erleichterung, aber nur für kurze Zeit.

Ich kann nicht glauben, dass Laura wirklich tot ist. Sie ist nur weg, bald wird sie wiederkommen und den Irrtum aufklären. Ja … bald wird sie wieder bei uns sein. Dann wird alles so sein wie früher.

Die Beerdigung

Eine Woche später wird ihre Leiche von der Staatsanwaltschaft freigegeben. Wir bereiten die Beisetzung vor. Wir treffen uns mit dem Pastor in Franziskas Wohnung, um alles zu besprechen. Er fragt nach einem Spruch, der in das Kondolenzbuch eingetragen und auf den Sarg neben Lauras Foto aufgestellt werden soll. Ich finde einen:

Ich bin nicht weg, ich bin nur vorausgegangen.

Am Nachmittag steht uns ein schwerer Gang bevor. Franziska, ihre Freundinnen und ich möchten Laura ein letztes Mal sehen. Bernd will nicht zum Sarg gehen, er will Laura so im Gedächtnis behalten, wie er sie lebend gekannt hat. Er bleibt vor der gläsernen Tür des Raumes stehen, in dem meine Tochter aufgebahrt ist. Später erfahre ich, dass er sie von dort aus sehen konnte und dann doch den Raum betreten hat. Am Abend erzählt er mir, dass er geglaubt hat, Schneewittchen in ihrem Sarg gesehen zu haben.

Ich streichele Lauras Arme. Sie sind so kalt.

Ich streichele ihre Wangen, sie sind so kalt.

Die Stola, die ihre Schultern bedeckt, verrutscht. Ich bemerke Einstichstellen. Franziska schiebt das Tuch schnell wieder darüber, damit ich sie nicht mehr sehen kann.

Ich hole eine Kette mit einem Engelsflügel – die gleiche, die auch ich trage – aus meiner Handtasche und lege sie um ihren Hals. Damit sind wir für immer verbunden. Wenn sie zu uns zurückkehrt, werden wir diese lachend gegenseitig vor unserer Brust hochhalten.

Die Kapelle, in der die Trauerfeier stattfindet, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Einige haben keinen Sitzplatz mehr bekommen und haben sich hinter die letzte Sitzreihe gestellt. Viele stehen auch vor der Kapelle. Sie können die Trauerfeier über einen Lautsprecher, der am Portal angebracht ist, miterleben. Die ganze Stadt scheint Anteil an Lauras Tod zu nehmen.

Ich habe Tabletten genommen, um das kommende Ereignis besser überstehen zu können. Es scheint so, als befinde ich mich in einem Theater, als schaue ich von einem erhöhten Logenplatz auf die Bühne, in deren Mitte der Sarg von Laura mit ihrem Bild steht. Um ihn herum erstreckt sich ein Meer an Kränzen, Blumen und brennenden Kerzen.

Wie in Trance erlebe ich das Folgende. Der Bürgermeister, der Pastor und andere Personen, die ich nicht kenne, halten Reden. Immer wieder höre ich, dass Laura ein besonderer Mensch mit einem großen Herzen, viel Mitgefühl, Lebensfreude und auch immer ein Ansprechpartner und Hilfe für Freunde und Bekannte war, wenn diese Probleme hatten.

Schließlich betritt Bernd die Kanzel. Er will sich von Laura verabschieden. Am Abend vorher hat er seine Rede aufgeschrieben. Er bringt es nicht fertig, diese frei vorzutragen, er muss ablesen. Immer wieder legt er eine Pause ein, weil er vom Weinen übermannt wird.

Danach ertönt ein Lied von Andreas Gabalier:

Amoi seg’ ma uns wieder.

Ja, wir werden uns wiedersehen. Das ist nicht das Ende. Ich weiß es. Es folgt ein Song, den ihre Klasse ausgesucht hat. Es ist Lauras Lieblingslied. Ich verliere fast den Verstand. Ich will das Theater verlassen und in eine andere Welt zurückkehren. In die Welt, in der Laura mir mit ihrem gewinnenden Lächeln gegenübersteht und mich daran erinnert, dass wir die Berlinfahrt so schnell wie möglich nachholen werden. Doch ich bin unfähig aufzustehen.

Irgendwann fasst mich Bernd am Arm. Wenig später stehen wir an der Grube, in die ihr Sarg langsam abgesenkt wird.

Ich höre nicht, was der Pastor sagt. Ich höre nicht, was eine von Lauras Mitschülerinnen sagt. Mechanisch werfe ich eine Blume auf ihren Sarg.

Später, als Bernd mich zum Ausgangstor des Friedhofs führt, schaffe ich es, zur Grube zurückzublicken. Ein Mädchen in einem Rollstuhl steht davor. Es schaut in die Grube. Ich höre ihr Weinen, ich höre den Namen ›Laura‹. Sie faltet ein paar Blätter zusammen, wickelt diese um eine Blume und wirft sie in die Grube. Ich erkenne Greta, das behinderte Mädchen, das Laura so lieb gewonnen und von dem sie oft gesprochen hatte. Eigentlich hätte ich zu ihr gehen und für ihre Anteilnahme danken sollen, aber ich schaffe es nicht. Ich muss den Friedhof verlassen.

Nach der Beerdigung

Die Zeit bis zur Anklageeröffnung

Wir fahren nicht mehr zu Franziska. Sie und ihre Freundinnen gehen wieder zur Arbeit. Wir bleiben aber in Verbindung, telefonieren täglich.

Ein neuer Alltag kehrt ein. Ich habe mich krankschreiben lassen, kann nicht mehr zur Arbeit gehen. Ich liege auf dem Sofa und kann den ganzen Tag über nur an Laura denken.

Etwas Erschreckendes ist passiert. Ich kann mir ihr Gesicht nicht mehr vorstellen! Ich muss ein Foto von ihr anschauen. Lege ich es weg, verschwinden sofort ihre Konturen. Ich verstehe nicht, warum das so ist. Ein ganzes Leben hatten wir ein tolles Verhältnis. Sie war Tochter und Freundin zugleich.