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Als Hochzeitsplanerin hat Scarlett alles im Griff. Schließlich darf am schönsten Tag im Leben nichts schiefgehen. Auch im Privatleben liebt es die Perfektionistin mit Pünktlichkeitsfimmel, alles und jedes zu planen. Überraschungen mag sie nicht. Plötzlich vom Freund verlassen werden, mit dem Barkeeper betrunken im Bett landen und schwanger sein, und erst recht, ohne zu wissen, von wem? Das passiert den anderen, aber nicht ihr. Oder etwa doch?
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Seitenzahl: 647
Veröffentlichungsjahr: 2011
Als Scarlett O’Haras Lebensgefährte John von heute auf morgen ihre vierjährige Beziehung beendet, um in Brasilien archäologische Schätze auszugraben, trägt die junge Frau es mit Fassung. Das heißt, sie landet noch an demselben Abend mit ihrer Assistentin und besten Freundin Filly im nächsten Pub und nach einigen Drinks mit dem rothaarigen Barkeeper im Bett. Scarlett verschwendet zunächst keinen Gedanken mehr an diese Episode. Erst Wochen später, ganz unfreiwillig. Aber so ist es, das Glück: das gibt es nur mit Überraschungen. Und nur sie entscheidet, ob sie es festhält oder ziehen lässt.
Eine Mischung aus Gefühl und Humor, wie sie selten ist. Und darum lieben ihre Leserinnen die Autorin von Der Tag vor einem Jahr umso mehr.
»Ciara Geraghty verdient einen Platz an deiner Seite, Marian... « Irish Independent
»Warm, berührend und humorvoll.« Evening Herald
Ciara Geraghty lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern nördlich von Dublin. Zum Schreiben kam sie eher zufällig: Sie wollte eigentlich einen Töpferkurs belegen, machte aus Versehen an der falschen Stelle ein Kreuzchen und landete in einem Seminar für kreatives Schreiben – was sie nie bereut hat. Ihr Debüt Der Tag vor einem Jahr stürmte sofort die irischen Bestsellerlisten.
Lieferbare TitelDer Tag vor einem Jahr
Ciara Geraghty
Und plötzlich ist es Glück
Roman
Aus dem Amerikanischen von Ursula C. Sturm
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Die Originalausgabe BECOMING SCARLETT erschien bei Hodder Headline, UK
Das Zitat aus »Pu baut ein Haus« von A. A. Milne, in der Übersetzung von Harry Rowohlt, © Cecilie Dressler Verlag GmbH, Hamburg, wurde übernommen mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Vollständige deutsche Erstausgabe 06/2011
Copyright © 2010 by Ciara Geraghty
Copyright © 2011 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München unter Verwendung eines Fotos von © Marcus Lyon/Photographer’s Choice/GettyImages Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-06781-6V002
www.heyne.de
Für Frank MacLochlainn, der mir noch immer die Hand hält, wenn das Flugzeug abhebt
»Das scheint mir nicht viel Sinn zu haben«,sagte Kaninchen.»Nein«, sagte Pu traurig, »hat es auch nicht. Es begannSinn zu haben, als ich damit anfing. Unterwegs muss ihmetwas zugestoßen sein.«
Aus »Pu baut ein Haus«
Von A.A. Milne
Es ist Freitagnachmittag, und meine Periode ist überfällig. Seit genau zwei Stunden und siebenunddreißig Minuten. Um elf Uhr dreiundzwanzig hätte ich meine Tage bekommen sollen. Um elf Uhr dreißig wurde ich nervös.
Inzwischen ist es Viertel nach zwei, und ich warte noch immer. Die Angst hat mich eisern im Griff. Ich ringe nach Luft. Hyperventiliere ich, wie Maureen?
»Alles in Ordnung, Scarlett?« Das ist Elliot, mein Boss. Elliot ist unser heimlicher Westlife-Fan. Davon gibt es in jeder irischen Firma einen.
»Ich muss los«, sage ich und erhebe mich.
»Du bist in letzter Zeit so zappelig wie eine Katze auf dem heißen Blechdach«, stellt er fest.
Ich bin nahe daran, ihn einzuweihen, lasse es dann aber doch bleiben. Er würde den Ernst der Lage nicht verstehen. Er würde sagen, dass bei einer Verzögerung von – ich sehe auf meine Armbanduhr – zwei Stunden und zweiundfünfzig Minuten von »ausgeblieben« noch keine Rede sein kann.
»Und überhaupt, du kannst jetzt nicht einfach verschwinden. Unser Jour fixe steht gleich an.«
»Ich gehe nicht hin.«
»Du musst. Du weißt, dass ich ohne dich aufgeschmissen bin.«
»Unsinn. Du bist zweiundvierzig, Herrgott nochmal.«
»Ich werde erst nächsten Monat zweiundvierzig, das weißt du genau.«
Ich darf ihn auf keinen Fall ansehen. Wenn ich ihm ins Gesicht sehe, bin ich verloren. Ich starre auf meinen Laptopbildschirm. »Ich habe zu viel um die Ohren.«
»Von wegen. Du spielst Backgammon. Dein Monitor spiegelt sich im Fenster hinter dir.«
Mist. Ich hätte die Jalousien schließen sollen.
»Also gut.« Ich gebe mich geschlagen und beende das Spiel. »Aber du solltest mich nicht immer zu diesen Besprechungen mitschleppen. Das wirft ein schlechtes Licht auf dich.«
»Im Gegenteil«, widerspricht er. »Jeder weiß, dass ich ohne dich nicht in der Lage bin, Simons Fragen zu beantworten. «
»Warum bist du noch gleich mein Chef?«
»Weil meine Mutter eine Medienmogulin ist, gegen die Rupert Murdoch wie ein Zeitungsjunge aussieht«, kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück. »Ganz abgesehen von der Tatsache, dass ihr haufenweise Aktien dieser Firma gehören.«
»Stört dich das eigentlich nicht?« Mir habe ich diese Frage schon des Öfteren gestellt, ihm bislang noch nicht. Mein Taktgefühl scheint sich in Luft aufgelöst zu haben, genau wie mein Freund.
Elliot überlegt. »Wahrscheinlich würde es mich stören, wenn das hier ein Bestattungsunternehmen wäre und ich den ganzen Tag Leichen einbalsamieren müsste«, sagt er schließlich.
»Ach, wer weiß«, winke ich ab. »In einer Leichenhalle ist es wenigstens schön ruhig.«
»Da ist ja mal wieder jemand besonders gut drauf, wie?«
»Warum sollte ich wohl gut drauf sein?«
»Hm, das klingt, als bräuchtest du dringend eine Umarmung. « Schon kommt er auf mich zu.
Ich setze meinen bewährten Blick ein, um ihn zu stoppen. Den, bei dem meine Augenbrauen nach oben wandern wie die Tower Bridge in London. »Untersteh dich, sonst beiße ich dich ins Ohr, bis du flennst wie ein Mädchen.«
»Hey, hey, ganz ruhig. «
»Und außerdem schicke ich dich allein zum Jour fixe.«
Elliot bleibt stehen und lässt die Arme sinken. »Okay, okay, okay. Ich versuche doch nur, dich aufzumuntern.«
»Ich weiß«, sage ich und gebe mir größte Mühe, ihn anzulächeln.
»Hast du Zahnschmerzen?«, erkundigt er sich besorgt.
»Nein, warum?«
»Du wirkst irgendwie, als hättest du Schmerzen.«
Ich gebe meinen Versuch zu lächeln auf und seufze. Ich bin erschöpft. Vermutlich, weil ich gleich meine Tage kriege. Es muss jede Minute losgehen.
»Also gut, ich komme mit. Aber erst muss ich noch kurz für kleine Mädchen.« Um zu überprüfen, ob ich meine Periode bekommen habe, ohne es zu bemerken. Hmpf. Eher verpasst Filly eine Folge von Home and Away.
Das Management kommt stets am letzten Freitag des Monats zusammen, und obwohl ich genau genommen nicht zum Management gehöre, besteht Elliot darauf, dass ich ihn begleite. Er fürchtet sich ein wenig vor Simon Kavanagh, unserem Geschäftsführer. Was in Anbetracht der Tatsache, dass Simon meist den Gesichtsausdruck einer Bulldogge zur Schau trägt, durchaus verständlich ist. Außerdem brüllt Simon oft rum. Er ist nämlich auf dem linken Ohr taub und verweigert standhaft die Anschaffung eines Hörgeräts mit dem Argument, es würde die Aufmerksamkeit auf die Haare lenken, die ihm aus den Ohren sprießen (und die im Gegensatz zu seinem schütteren grauen Kopfhaar dunkel und drahtig sind). Das weiß ich von Filly, und die hat es von Simons leidgeprüfter Sekretärin.
Dass Simon Kavanagh darauf besteht, die monatlichen Besprechungen mit dem Management an einem Freitagnachmittag abzuhalten, sagt eigentlich schon alles über ihn. Ich hege eine ausgeprägte Abneigung gegen diese Meetings, die diesmal noch stärker ist. Von Montag bis Donnerstag kann ich einigermaßen damit umgehen, dass John nicht da ist, aber an den Wochenenden ist es noch ungewohnt. Schon am Freitagmorgen verspüre ich ein seltsames Drücken in der Magengegend, als hätte ich einen Hotdog gegessen, was gar nicht der Fall sein kann, weil ich Vegetarierin bin. Und das Gefühl lässt erst am Sonntagabend wieder nach bei der Aussicht, am Montag wieder zur Arbeit gehen zu können.
Es kommt mir surreal vor, dass unsere letzte Unterhaltung vor drei Wochen stattgefunden hat. In Johns Wohnung. Schon bezeichne ich sie wieder als seine Wohnung.
»Ich gehe«, hatte er verkündet.
»Den Teil habe ich verstanden, aber was war das danach? «
»Wie, danach?«
»Der Satz, der unmittelbar nach ›Ich gehe‹ kam.«
»Ich … Ich habe gesagt, dass ich …« Er sah mir flüchtig ins Gesicht. »Ich habe beschlossen, auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte in Sao Paulo zu arbeiten. Das heißt, nicht direkt in Sao Paulo. Es ist ungefähr fünfundsiebzig Kilometer von Sao Paulo entfernt. In Brasilien.«
Ich weiß, dass Sao Paulo in Brasilien liegt. Ich bin eine Frau, die sich auskennt, aber mit einer solchen Wendung hatte ich nicht gerechnet. Ich war – ich hasse diesen Ausdruck, aber ich muss ihn trotzdem verwenden – geplättet. Total von den Socken.
»Aber du sprichst kein Wort Portugiesisch«, sagte ich und wünschte mir flüchtig, ich hätte ältere Brüder. Hünenhafte, behaarte Muskelprotze, bärenstark, aber einsilbig. Ich hätte sie angerufen und ihnen von Johns Plänen erzählt, und sie hätten schweigend ins Telefon genickt, und dann hätten sie sich auf den Weg gemacht, um ihm den Kopf zurechtzurücken. Leider habe ich weder Brüder noch Schwestern. Ich bin ein Einzelkind.
»Das kann ich lernen. Portugiesisch stammt vom Lateinischen ab, wie die meisten modernen Sprachen.«
»Aber du hattest doch gar nie Latein«, wandte ich ein, als könnte ich ihn mit diesem Argument umstimmen.
Irgendwo tief drinnen wusste ich, dass dies keine normale Trennung war. Man diskutiert nicht über Sprachen, wenn man sich von jemandem trennt. Man schreit herum, zerdeppert Teller oder lässt einen schweren Gegenstand auf den großen Zeh des anderen fallen, ein Bügeleisen etwa. Man wirft Sachen – Kleidungsstücke des Partners oder so – aus dem Fenster, vorzugsweise aus einem Fenster im obersten Stockwerk. Wir taten nichts dergleichen. Wir haben noch nie zu den Paaren gehört, die schreien oder mit Gegenständen werfen. Ich stand da und betrachtete sein vertrautes Gesicht, und sein Mund, den ich so gut kannte, bewegte sich. Mit der schmalen Oberlippe, die beim Lächeln stets die Zähne verdeckt, wegen der Zahnspange. Ich hätte ihn beinahe angelächelt, doch dann öffnete er den Mund, und das Metall blitzte im Sonnenlicht auf, so grell, dass ich mir beinahe schützend die Hand vor die Augen halten musste.
»Wir können ja in Kontakt bleiben«, sagte er.
»Nein, können wir nicht«, erwiderte ich.
Darauf sagte er nichts mehr. Er starrte lediglich auf seine Schuhe. Vernünftige braune Schnürhalbschuhe, die keinen Anlass gaben zu der Annahme, dass er losziehen würde, um in Brasilien Erde zu sieben. Er trat von einem Fuß auf den anderen.
Und da begriff ich, dass er mich verlassen würde.
Ich marschiere durch den Korridor in Richtung Konferenzraum. Konzentriere mich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. An diesem Freitag, dem dritten, ist es besonders schlimm. Es kommt mir so vor, als wäre es der dreißigste Freitag. Die Wochen ziehen sich hin wie die Fastenzeit für ein achtjähriges Kind, das gelobt hat, auf Bonbons und Chips und Schokoriegel zu verzichten.
Der Jour fixe findet im Konferenzraum des Vorstands im vierten Stock statt. Simon ist bereits da. Er thront am Kopfende des Tisches und trommelt ungeduldig mit den Fingern, obwohl die Besprechung offiziell erst in fünf Minuten anfängt. Simon ist ein beleibter Mann mit kleinen, hellen Schweinsaugen von einer undefinierbaren Farbe. Diesen Augen entgeht nichts. Sie verfolgen, wie ich eintrete und mich auf dem von Simon am weitesten entfernten Platz zwischen Elliot und Duncan, unserem Buchhalter, niederlasse.
Gladys Montgomery nähert sich mit klappernden Stöckeln. Ihr Haar ist wie üblich in Marge-Simpson-Manier auftoupiert und erinnert an den Schiefen Turm von Pisa. Mit ihrer hageren Figur, den Stöckelschuhen und der Frisur sieht sie aus, als wäre sie gute zwei Meter zehn groß. Sie nimmt auf der gegenüberliegenden Seite Platz, nickt uns zu und beginnt, ihren Kram auszupacken: Terminkalender mit Ledereinband, gebundenes Notizbuch in strengem Schwarz, Parker-Kugelschreiber, BlackBerry, Handy, Brillenetui.
Ich schreibe Was will die denn hier? auf ein Blatt Papier und schiebe es zu Elliot rüber.
Er malt ein großes Fragezeichen, umgeben von mehreren Ausrufezeichen darunter. Hm. Da ist eindeutig etwas im Busch, wenn nicht einmal Elliot weiß, warum sie hier ist, obwohl er ihr Vorgesetzter ist.
Simon Kavanagh räuspert sich. »Ah, Scarlett, schön, dass Sie uns Gesellschaft leisten. Wie ich höre, ging es Ihnen in letzter Zeit nicht besonders. Leider war ich unterwegs und hatte noch keine Gelegenheit, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Sind Sie wieder ganz genesen?« Simon bildet sich einiges auf seine Ausdrucksweise ein. Wenn er nicht brüllt, klingt seine Stimme dünn. Trotzdem gelingt es ihm mühelos, sich Gehör zu verschaffen.
Alle am Tisch Sitzenden beugen sich nach vorn und sehen zu mir.
Ich bin nämlich an dem Tag, nachdem John die Bombe platzen ließ, nicht im Büro erschienen. Und da dergleichen nicht mehr vorgekommen ist, seit ich an einem Montag im Mai 1998 von einem Krankenwagen abtransportiert wurde (virale Meningitis – die Sorte, die nur selten tödlich verläuft), war diese Tatsache in der Firma tagelang die Flurfunk-Sensationsmeldung. Ich habe die Nacht bei Filly auf der Bettcouch verbracht und konnte, als ich morgens erwachte, übrigens berichten, dass eine Bettcouch dem irreführenden Namen zum Trotz bloß eine Couch ist und kein Bett.
»Aber du bist nicht krank«, sagte Filly damals, als ich kundtat, ich hätte nicht vor, zur Arbeit zu gehen. »Du hast einen Kater. Du kannst doch nicht einfach blaumachen, weil du einen Kater hast. Wenn das alle täten, würde das öffentliche Leben in Irland völlig zum Erliegen kommen.«
»Und ob ich krank bin«, widersprach ich. »Ich habe Kopfschmerzen und ich glaube, ich muss mich gleich übergeben. Außerdem könnte ich ohne weiteres noch einmal einschlafen, obwohl es schon nach neun ist.«
»Klassische Katersymptome«, beharrte Filly. »Sieh mich an.« Sie streckte die Zunge heraus und zeigte mit dem Finger darauf. Sie war überraschend lang und fleischig und erinnerte farblich an den Fettrand einer Scheibe Speck. Mein Magen rebellierte.
»Ich gehe heute nicht ins Büro«, wiederholte ich. Meine Stimme war so fest wie ein Bodybuilder-Bizeps.
»Aber als du das letzte Mal krankgeschrieben warst, hattest du einen so triftigen Grund. Ich meine, du wärst beinahe gestorben.«
»Na, und? Nach all der Zeit ist es doch mein gutes Recht, mich ein zweites Mal krankschreiben zu lassen, nicht?«
»Ja, vermutlich«, räumte Filly widerstrebend ein. »Und was hast du jetzt vor?«, wollte sie wissen und beäugte mich, als wäre ich ein seltenes Ausstellungsstück in einem Museum. »Du kannst natürlich hierbleiben, so lange du willst.«
Ich richtete mich auf, hob vorsichtig die Beine über den Rand der Bettcouch und verharrte einen Augenblick, um abzuschätzen, ob mich meine Füße tragen würden oder nicht. Dann stützte ich mich auf die Armlehne der Bettcouch und erhob mich. Eigentlich ging es mir ganz gut, abgesehen von stechenden Schmerzen in Kopf und Kreuz, einem flauen Gefühl in der Magengegend und der Tatsache, dass beide Beine eingeschlafen waren und heftig kribbelten.
»Also«, sagte ich. »Ich habe einen Plan.«
Als ich Fillys erleichterte Miene sah, wurde mir klar, wie besorgt sie um mich war. Ich schenkte ihr ein Lächeln, das, so hoffte ich zumindest, beruhigend wirkte.
»Als Erstes gehe ich jetzt ins Bad, um mich zu übergeben«, verkündete ich, »und dann gehe ich zu John und hole meine Sachen.«
Alle im Sitzungssaal starren mich an. Mir wird klar, dass ich etwas sagen muss.
»Es geht mir gut, danke, Simon.«
Die Stille wirkt so erwartungsvoll. Wie eine schwangere Frau. Ihre mitleidigen Mienen irritieren mich maßlos.
»Ich habe es geschafft, den Martello Tower für die Smithson-Carling-Zeremonie zu buchen … «, berichte ich, und die Leute im Raum schnappen reihum nach Luft. »… und morgen Mittag um zwölf treffe ich mich mit Edward Smithson-Carling, um die Details zu besprechen«, fahre ich fort.
»Aber morgen ist Samstag«, wendet Duncan entgeistert ein. Duncan liegt samstags am liebsten im Pyjama auf der Couch und stopft sich mit getrockneten Feigen und Aprikosen voll. Er liebt Früchte, insbesondere Dörrobst.
»Tja, Scarlett hat diesen Monat ein paar Tage gefehlt«, meldet sich Gladys zu Wort. »Da muss man dann eben auch mal am Wochenende ackern, nicht, Scarlett?«
Ich starre sie an, bis sie den Anstand hat, den Blick zu senken. Dann stürze ich mich in einen ausführlichen Bericht über meine Pläne für das Ehepaar Smithson-Carling, das im Rahmen einer großen Familienzusammenkunft sein Ehegelübde zu wiederholen gedenkt.
»Wie sieht es budgetmäßig aus, Scarlett?«, erkundigt sich Duncan mit einem Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reicht und sein engelsgleiches Gesicht in zwei Hälften teilt. Er stellt diese Frage bloß, um im Protokoll erwähnt zu werden.
Ich liefere ihm eine komplette Aufstellung der voraussichtlichen Kosten für das Projekt, einschließlich der geschätzten Ausgaben für den Alternativplan, den ich für Notfälle ausgearbeitet habe (sollte beispielsweise der Martello Tower ins Meer stürzen oder von Wikingern angegriffen werden).
Danach erläutert Simon geschlagene fünf Minuten lang, welche Konsequenzen es nach sich ziehen könnte, die Bedeutung der Smithson-Carling-Zeremonie zu unterschätzen. Er liebt es, auf der Hand liegende Tatsachen aufzuzeigen, vor allem, weil das die am einfachsten aufzuzeigenden Tatsachen sind.
Dann redet er über die Organisation der Jahreshauptversammlung für eine Supermarktkette, deren Big Boss heute Morgen auf der Titelseite einer Boulevardzeitung abgebildet war – ein Schnappschuss, der ihn auf dem Balkon eines der teuersten Hotels von Dublin zeigte, in Unterhosen und mit einem zusammengerollten Hunderteuroschein im Nasenloch.
Ich nutze die Gelegenheit, um meinen Terminkalender zu konsultieren. Meine Periode ist definitiv heute fällig. Aber sie setzt bei vielen Frauen verspätet ein, richtig? Und mit verspätet meine ich nicht bloß ein paar Stunden, sondern Tage oder manchmal sogar Wochen. Stress kann doch Zyklusstörungen verursachen, nicht? Schließlich ist das … die erste Periode, seit John mich verlassen hat. Ich krümme mich bei dem Gedanken. Ich will keine verlassene Frau sein.
Ich verspüre einen Schmerz im Unterleib und lege mir hoffnungsvoll eine Hand auf den Bauch. Dann wird mir klar, dass ich lediglich Hunger habe. Abgesehen von einer Banane habe ich den ganzen Tag noch nichts gegessen.
Ich konzentriere mich wieder auf die Besprechung. Simon labert noch immer. Seine eintönige Stimme hat dieselbe einschläfernde Wirkung wie nachmittägliche Sonnenstrahlen, die durchs Fenster scheinen. Meine Gedanken machen sich selbstständig, Erinnerungen an John schleichen sich unmerklich in mein Bewusstsein, vorbei an den Wachtposten, die ich an den Eingangstoren postiert habe.
Ich verstehe es nicht, und genau das ist es, was mich so fertigmacht. Ich habe mich exakt an die Regeln gehalten. Habe dafür gesorgt, dass er nicht weiß, wie sehr ich ihn brauche. Habe nie gejammert, wenn er abends lang gearbeitet hat oder am Wochenende zu einer Konferenz musste. Ich habe mich nicht aushalten lassen, habe mich nie beschwert, wenn er mir zu Weihnachten genau das geschenkt hat, was ich benötigte, statt mich mit Schmuck oder einem Wochenende in Paris zu überraschen. Ich habe alles richtig gemacht.
Meine Gedanken kehren unvermittelt zur Besprechung zurück, als Gladys ein künstliches Hüsteln (ahem, ah-em!) vernehmen lässt und Simon mit einem unmissverständlich vielsagenden Blick mustert. Alarmiert setze ich mich aufrecht hin.
Simon wirkt einen Augenblick verdattert, dann klart sich seine Miene auf. »Ach ja, eines noch.«
Schweigen macht sich im Raum breit. Es knistert förmlich, als wäre die Luft statisch aufgeladen. Gladys lächelt selbstgefällig, ein Lächeln, das in erster Linie Simon gilt, und anstatt davor zurückzuschrecken, wie es jeder normale Mensch tun würde, leckt er es auf wie eine Katze eine Schüssel Sahne, ja, er erwidert es sogar. In diesem Augenblick wird mir klar, dass die beiden eine Affäre haben. Ich erkenne die Anzeichen. Simon, seit fünfzehn Jahren verheiratet, Vater von drei Kindern, hat Affären, wie andere Menschen ins Fitnessstudio gehen: Es fängt im Januar an, wenn das Entsetzen nach den familienlastigen Feiertagen noch frisch ist, und sobald nach etwa drei Monaten der Reiz des Neuen verblasst ist, wird er ihrer überdrüssig und kann sich nicht erinnern, warum er damit angefangen hat. In meinem Fitnessstudio wollte er auch schon mal trainieren.
»Ich werde mich kurz fassen«, gelobt Simon. »Ich bin sicher, Sie wollen alle nach Hause.« Er lächelt mich an. »Wir schaffen eine neue Stelle im Management.« Er legt eine Kunstpause ein, um seiner Aussage die gebührende Bedeutung zu verleihen. Dann betrachtet er prüfend die Spitze seiner Krawatte, als wollte er sichergehen, dass er sie heute früh nicht in sein weichgekochtes Ei getunkt hat.
Mein innerer Radarschirm ist jetzt voll ausgefahren und rotiert hektisch auf der höchsten Empfangsstufe. Bislang ist mir nichts über diese neue Stelle zu Ohren gekommen. Und warum sitzt Gladys da und lächelt Simon an? Ich hätte gute Lust, ihn an den Sakkoaufschlägen zu packen und zu schütteln, bis er damit herausrückt, was los ist. Stattdessen schiebe ich mir die Hände unter die Oberschenkel und schweige. Simon lässt sich Zeit. Er liebt es, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er stützt die Ellbogen auf dem Tisch auf, verschränkt die Finger, platziert das Kinn darauf und grinst in die Runde. Just in diesem Augenblick gibt mein Handy ein Zirpen von sich, so dass alle zusammenfahren.
»Verzeihung«, sage ich und werfe einen Blick auf die SMS, die ich erhalten habe. Sie ist von Maureen, meiner Mutter, die wissen will, ob ich ihre Stepptanzschuhe abgeholt habe. Sie hat sie in einem Laden namens Dance World neu beschlagen lassen. »Entschuldigen Sie, Simon, aber Edward Smithson-Carling bittet mich, den morgigen Termin zu bestätigen. Ich bin gleich so weit.«
Ich tippe Sind in meiner Tasche. Damit wirst du die nächste Ginger Rogers :-) Komme bald.
»Wenn Sie dann fertig sind, Scarlett … «, sagt Simon. Die Spitze seiner langen, schmalen Nase ist ganz weiß, wie immer, wenn er sich ärgert (was bei ihm der Normalzustand ist). Er schiebt die vor ihm liegenden Papierstapel zusammen in dem Versuch, seine Autorität wiederzuerlangen. »Es ist dem Vorstand von Extraordinary Events International nicht entgangen, dass der Bereich Hochzeitsorganisation im Laufe des vergangenen Jahres exponentiell angewachsen ist, und für die kommenden zwölf Monate zeichnet sich ein weiterer Auftragsanstieg ab.« Er lächelt Gladys verschwörerisch an, worauf sie sich über die Lippen leckt, sich aufrechter hinsetzt und den Vorbau herausstreckt, so dass der dünne Stoff ihrer Bluse über ihrem Busen spannt.
Mein Herz hämmert vor Aufregung heftig in meiner Brust, wie eine Trommel. Ich zwinge mich, Simons monotoner Stimme zu lauschen und die Luft anzuhalten, weil ich fürchte, dass mir ein Stöhnen oder gar ein Quieken entfleuchen könnte, was unter den Umständen nicht ganz einfach zu erklären wäre.
»… separate Stelle, genauer gesagt, eine eigene, ausschließlich auf Hochzeiten spezialisierte Abteilung. Es gibt noch keine offizielle Dienstbezeichnung dafür« – wieder blickt er lächelnd zu Gladys –, »aber es wird auf alle Fälle eine Stelle mit Führungsfunktion sein, mit sämtlichen Verpflichtungen und Nachteilen, die eine derartige Position mit sich bringt.« Ich weiß, wovon er redet: Ein zermürbendes Arbeitspensum mit unzähligen Überstunden an den Wochenenden sowie an religiösen und staatlichen Feiertagen. Gereizte, hysterische Klientinnen, die um vier Uhr morgens anrufen. Schier unlösbare Probleme und null Zeit für ein Privatleben. Es ist perfekt. Ich werde Filly zur Hochzeitsplanerin befördern, und dann mache ich Gladys ihre Assistentin Mary-Lou abspenstig, die nach Filly unbestritten die beste Sekretärin unserer Zweigstelle ist. Wie die drei Musketiere werden wir in die Welt hinausziehen, um das Singledasein auszurotten. In jeder einzelnen Kirche Irlands wird man unsere Namen flüstern. Wir werden in die Geschichte eingehen als die erfolgreichsten, effizientesten Hochzeitsplanerinnen der Grünen Insel – nein, der ganzen Welt!
»Ja, Scarlett? Haben Sie etwas gesagt?«
Alle blicken erwartungsvoll zu mir. Huch! Ich könnte schwören, dass ich keinen Ton von mir gegeben habe, aber offenbar ist mir jetzt doch ein Seufzer oder dergleichen herausgerutscht. Mist. Ich halte mir die Hand vor den Mund und huste. »Verzeihung, Simon. Ich glaube, ich habe eine Fliege verschluckt.«
»Eine Fliege?« Er runzelt die Stirn, gleichermaßen verärgert über die Störung wie über meine absurde Erklärung. Später erzählt mir Elliot, ich hätte geschnaubt.
»Nur eine ganz kleine. Vielleicht war es auch bloß ein Floh. Kein Grund zur Beunruhigung. Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung.« Ich bedeute ihm, fortzufahren, indem ich lächelnd nicke.
»Nun, äh, mehr gibt es dazu im Augenblick nicht zu sagen. Wir werden die Stelle wie üblich zunächst intern ausschreiben, und falls sich innerhalb der Firma keine passenden Kandidaten finden sollten« – es folgt ein weiterer kurzer Blickwechsel mit Gladys –, »werden wir uns eben extern auf die Suche machen.«
Es ist nicht weiter schwierig, zwei und zwei zusammenzuzählen: Gladys und ich sind die einzigen infrage kommenden Personen für diese Stelle, wobei sie die Dienstältere ist und über die besseren Connections verfügt. Außerdem tanzt sie, falls ich wirklich Recht habe – und ich bin mir diesbezüglich fast hundertprozentig sicher –, mit Simon in der Stadtwohnung, die er »aus praktischen Gründen« unterhält, den Matratzentango. Aber ich habe die besseren Klienten. Zum Beispiel die Marzoni-Schwestern. Und ich fahre von allen Eventplanern in unserer Filiale mit Abstand die größten Umsätze für die Firma ein. Das sollte doch eigentlich Grund genug sein. Ich spüre, wie mein Selbstvertrauen schwindet. So kenne ich mich gar nicht, und ich habe überhaupt keine Zeit für eine Selbstvertrauenskrise. Ich brauche diese Stelle, um das Loch zu füllen, das John in meinem Leben hinterlassen hat. Diese Stelle wird mir helfen, über ihn hinwegzukommen. Oder zumindest dafür sorgen, dass ich zu beschäftigt bin, um an etwas anderes zu denken als an meine Arbeit. An meine Periode etwa, die nun schon – ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr – drei Stunden und siebenunddreißig Minuten auf sich warten lässt. Ich werde einen Test machen. Einen Schwangerschaftstest. Dann kann ich aufhören, mir Sorgen zu machen und mich ganz auf diese Beförderung konzentrieren. Ich erhebe mich so hastig, dass mein Stuhl umkippt und hinter mir auf den Boden knallt.
»Entschuldigen Sie, Simon, aber ich muss los.« Mir will partout keine gute Begründung für meinen abrupten Aufbruch einfallen.
Da noch nie jemand die Sitzung verlassen hat, ehe sie von Simon für beendet erklärt wurde, weiß er nicht, was er sagen soll und sagt folglich auch nichts.
Ich winke einmal in die Runde, was sich eigenartig anfühlt, weil ich grundsätzlich nie winke. Ich unterdrücke den Impuls, hinauszustürmen und zwinge mich zu lächeln, während ich mich rücklings der Tür nähere. Sobald ich draußen auf dem Flur bin, haste ich los, auf Zehenspitzen, damit mich meine Stöckelschuhe nicht verraten.
Ich eile zur Apotheke an der Ecke. Ich weiß, es ist lächerlich. Unnötig. Trotzdem gehe ich weiter, wobei ich meinen Kater Blue hinter mir herziehe, der es nicht gewohnt ist, so weit zu laufen. Ich nenne ihn Blue, weil sein Fell so tiefschwarz und glänzend ist, dass es fast blau wirkt, und weil er einen Hang zum Trübsalblasen hat. Er ist sehr fahrig, seit ich wieder zu meinen Eltern gezogen bin, deshalb nehme ich ihn jeden Morgen mit ins Büro. Ich habe Angst, er könnte ausbüchsen, während ich weg bin, und ich könnte es nicht ertragen, gleich wieder von jemandem verlassen zu werden. Blue ist nicht gerade begeistert von seinem neuen Tagesablauf, insbesondere deshalb, weil er nun morgens um sechs aus dem Bett (meinem Bett) muss. Er ist im Gegensatz zu seinen Artgenossen nicht nachtaktiv, wobei er im Grunde auch nicht tagaktiv ist. Er sitzt eigentlich fast die ganze Zeit im Haus herum, frisst Fisch und Schokolade, leckt sich das Fell oder macht ein Nickerchen. Die Katzenspielsachen, die ich für ihn besorge, ignoriert er geflissentlich, und er macht auch niemals Anstalten, hinter Wollknäueln oder dergleichen herzujagen. Man mag ihm Faulheit nachsagen, ich für meinen Teil betrachte ihn als anspruchsvoll.
Ich reibe mir mit der freien Hand das Gesicht. Mein Kiefer ist verspannt. Maureen behauptet, sie könnte mich nachts durch die Schlafzimmerwand hindurch mit den Zähnen knirschen hören.
Wir nähern uns der Apotheke. Ich werde langsamer. Nur weil wir gleich da sind, heißt das noch lange nicht, dass ich den Test auch wirklich kaufen muss. Ich könnte mein Pillenrezept einlösen. Ich habe die Pille vier Jahre lang genommen, und ich nehme sie nach wie vor. In den vergangenen paar Wochen ist die Einnahme der kleinen weißen Tablette nach dem Frühstück zu einer Art symbolischen Handlung geworden – eine stille Hoffnung, ein wortloses Gebet, dass alles wieder so werden möge, wie es war.
Ich könnte natürlich auch etwas anderes kaufen. Paracetamol gegen die Verspannungen. Eine Flasche Badeschaum, leuchtend blau oder knallgrün. Oder irgendein Tonikum, das mich ein bisschen in Schwung bringt. Etwas gegen die Müdigkeit, die mich in den letzten Wochen so häufig überkam. Ich muss keinen Test kaufen. Niemand weiß, dass ich hier bin. Ich könnte ganz einfach meinen Kater hochheben und wieder ins Büro zurückkehren. Doch meine Beine fühlen sich schwer an, als wüssten sie, dass es kein Zurück gibt.
Ich habe die Tür der Apotheke erreicht. Als ich sie aufstoße, erklingt ein Summen, und ich nehme beinahe Reißaus, als Kunden und Angestellte die Köpfe wenden und mich ansehen. Doch dann widmen sie sich wieder ihren Angelegenheiten und ignorieren mich. Ich nehme Blue auf den Arm und trete an den Schalter. Ich bin bloß eine ganz normale Kundin in einer ganz normalen Apotheke an einem ganz normalen Freitagnachmittag.
»Guten Tag. Was darf es sein?« Das Gesicht der Apothekerin ist von einer dicken Schicht Make-up bedeckt. Im grellen Neonlicht, und nicht zuletzt wegen ihres weißen Kittels, sieht es so aus, als würde die bräunliche Masse, die morgens zweifellos sehr fachkundig aufgetragen wurde, allmählich Millimeter für Millimeter nach unten rutschen.
Der Anblick deprimiert mich derart, dass ich kaum die Tränen zurückhalten kann. Ich reiche ihr mein Pillenrezept.
Sie nickt und deutet auf eine Reihe leerer Stühle. »Setzen Sie sich doch«, sagt sie mit einem sanften Lächeln, als wüsste sie alles.
Ich lasse mich auf einem der Stühle nieder und versuche, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Blue folgt meinem Beispiel und rollt sich auf meinem Schoß zu einem kleinen schwarzen Fellknäuel zusammen.
Um mich abzulenken, stoppe ich die Zeit, bis die Apothekerin wieder auftaucht. Es dauert exakt drei Minuten und fünfundvierzig Sekunden, dann ist sie zurück. Sie mustert mich, sieht noch einmal auf das Rezept in ihrer Hand, und wie so oft trägt mir mein Name einen erstaunten Blick ein. Sie öffnet den Mund, und ich springe auf, doch es ist zu spät.
»Scarlett O’Hara?«, sagt sie und schüttelt den Kopf, als wäre das völlig ausgeschlossen. Sie hat eine laute, tragende Stimme, weithin hörbar wie eine Kirchenglocke am Sonntagmorgen.
Die anderen Kunden starren sie an und warten darauf, dass sie sich verbessert. »Verzeihung, ich meine natürlich Soairse O’Hara.« Oder Scarlett O’Herlihy. Oder Dympna Gibbons.
Aber sie hat richtig gelesen.
»Also, was mich am meisten erstaunt«, sagt sie, als würden wir schon eine Weile miteinander plaudern, »ist die Tatsache, dass Sie Vivien Leigh wie aus dem Gesicht geschnitten sind.«
Ich atme tief durch und nicke, denn sie hat Recht – ich sehe Vivien Leigh zum Verwechseln ähnlich. Dunkle Locken, herzförmiges Gesicht, grüne Augen, spitze kleine Stupsnase. Ich bin sogar gleich groß wie sie, exakt einen Meter sechzig. Das weiß ich von meiner Mutter, und Maureens enzyklopädisches Wissen über Filme und Filmstars ist legendär.
»Danke«, sage ich und nehme lächelnd die Packung Tabletten von ihr entgegen. Wenn ich lächle, ist die Ähnlichkeit nicht mehr ganz so groß.
»Benötigen Sie sonst noch etwas?«, fragt die Apothekerin.
»Ja, ich …« Ich lasse gehetzt den Blick über die Regale rechts und links von mir gleiten. Keine Schwangerschaftstests weit und breit. Ich werde wohl danach fragen müssen. Vorsichtig werfe ich einen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass niemand aus meiner Firma hinter mir steht. Die Luft ist rein.
Die Apothekerin beugt sich erwartungsvoll lächelnd über den Tresen. »Geben Sie mir doch bitte noch …« Aus dem Augenwinkel erspähe ich ein Körbchen mit Katzenhalsbändern. Sie sind rot und mit einem kleinen Glöckchen versehen. Blue könnte ein neues Halsband brauchen. Definitiv. »Ein Katzenhalsband.«
»Oh. Selbstverständlich«, sagt sie etwas überrascht und greift nach einem der Halsbänder, um es neben die Kasse auf den Tresen zu legen.
Und da sehe ich sie: Reihe um Reihe der langen, schmalen Schachteln mit so aufschlussreichen Namen wie Clearblue oder BeSure (irische Marke) und Test, Test, eins zwo drei (amerikanische Marke). Sie sind quasi direkt vor meiner Nase aufgestapelt. Während die Apothekerin mit ihren langen blassrosa Fingernägeln das Preisschild des Katzenhalsbands glattstreift und die Ziffern des Barcodes händisch eintippt, schnappe ich mir eine der Schachteln und lege sie neben die Kasse.
»Der Clearblue-Test ist billiger und enthält zwei Teststreifen«, informiert sie mich, ohne von ihrer Tätigkeit aufzusehen.
»Oh«, sage ich. »Gut, dann nehme ich den. Wissen Sie was, ich nehme beide. Und den hier auch noch.« Ich deute auf eine mit Glitzer überzogene rosarote Schachtel mit der Aufschrift »Es ist ein Mädchen!!!«.
Im Endeffekt nehme ich von jeder vorrätigen Sorte eine Schachtel. Die Apothekerin stapelt sie geduldig übereinander, was eine ganze Weile dauert, aber sie enthält sich jeglichen Kommentars, wofür ich ihr sehr dankbar bin.
Hinter mir schwingt die Tür auf, und der Summer ertönt. Ich fahre herum, genau wie alle anderen auch, und halte die Luft an, aber es ist niemand, den ich kenne. Ich wende mich wieder der Apothekerin zu. Los, los!, möchte ich am liebsten rufen. Sie soll endlich das Halsband zusammen mit den Tests in eine dieser praktischen (da undurchsichtigen) braunen Papiertüten stecken.
Sie betrachtet erst Blue und dann mich. »Sie wissen Bescheid, was Katzen angeht?«
»Äh … Ich habe Blue, seit er ein paar Wochen alt ist«, sage ich. »Er hat sämtliche Impfungen bekommen, falls Sie das meinen.«
»Nein, ich rede davon, dass Katzen für Frauen in der Schwangerschaft ein Risiko darstellen können.«
Mir liegen gleich mehrere mögliche Antworten auf der Zunge. Zum Beispiel, dass die Tests gar nicht für mich sind. Dass ich sie nur für eine Freundin besorge.
Dass meine Periode zwar theoretisch auf sich warten lässt, aber wenn man bedenkt, dass manche Frauen tagelang darauf warten, kann im Grunde genommen von Ausbleiben noch keine Rede sein.
Dass ich gar nicht schwanger sein kann, weil mich mein Freund gerade verlassen hat.
Dass ich nicht schwanger sein kann, weil das in meinem Lebensplan nicht vorgesehen ist. Noch nie vorgesehen war. In dieser Hinsicht waren John und ich stets einer Meinung.
Dass ich nicht schwanger sein kann, denn wenn ich es bin …
Dann kann ich nicht mit Sicherheit sagen, wer der Vater ist.
Ich bin nahe daran, die Nerven zu verlieren. Am liebsten würde ich mir die Tüte schnappen und den Weg zum Büro im Laufschritt zurücklegen. Ich bekomme kaum noch Luft, so groß ist mein Bedürfnis, auf eines dieser Stäbchen zu pinkeln. Wenn es in der Apotheke eine Toilette gäbe, wäre ich jetzt vermutlich schon drin, obwohl ich öffentliche Toiletten normalerweise meide wie die Pest.
Die Apothekerin redet immer noch. Sie hat keine Ahnung, dass sich die Panik wie Zement in meinem Hirn festsetzt. »… eine Krankheit namens Toxoplasmose. Höchstwahrscheinlich sind Sie mittlerweile dagegen immun, aber wenn Sie tatsächlich schwanger sind und an Toxoplasmose erkranken, dann könnte das eine Fehlgeburt zur Folge haben, oder dazu führen, dass das Kind geistig behindert oder blind zur Welt kommt.«
Sie lächelt mich an, als hätte sie soeben verkündet, dass ich zu den Schwangerschaftstests gratis eine Gesichtsmaske von Clinique erhalte.
Als Blue faucht, wird mir bewusst, dass ich ihn umklammere wie einen Rugby-Ball. Ich setze ihn auf dem Boden ab.
Die Apothekerin lächelt nachsichtig zu ihm hinunter. Dann beugt sie sich über den Tresen und murmelt: »Ehe Sie gehen, muss ich Ihnen noch eine Frage stellen …«
Ich weiß bereits, wie die Frage lauten wird. Sie wird mir immer gestellt, früher oder später. Ich warte ab.
»Sind Sie zufällig mit Declan O’Hara verwandt?«
»Ja. Er ist mein Vater.«
»Wusste ich’s doch!« Sie haut mit der flachen Hand auf den Tresen. »Ich fand ihn toll in … Wie hieß noch gleich dieser Film, in dem er den vegetarischen Fleischer spielt?«
»Würstchen mit Feigenblatt«, leiere ich den Titel herunter.
»Ach, richtig! Sagen Sie … macht er noch Filme?«
»Nein, er … er ist im Ruhestand.«
»Schade.« Sie schüttelt den Kopf. Dann schnippt sie sich das Haar über die Schulter. »Tja, war trotzdem schön, dass mal einer von uns drüben in Hollywood mitgemischt hat.«
Ich kann es kaum erwarten, die Apotheke zu verlassen. »Wie viel macht das?«
»Mal sehen … Das wären dann insgesamt siebenundsechzig Euro und fünfundvierzig Cent. Die Beratung war natürlich kostenlos.« Sie gestattet sich ein Lachen, dann beugt sie sich zu mir über den Tresen und fährt fort: »Aber Scherz beiseite, meine Liebe. Sie können jederzeit vorbeikommen. « Sie deutet mit dem Kopf auf die Tests, die nun in der Papiertüte verstaut sind. »Falls Sie Fragen haben sollten, meine ich, oder falls Sie sonst irgendwie Rat brauchen. « Sie berührt flüchtig meine Hand.
Zum zweiten oder dritten Mal an diesem Tag bin ich den Tränen nahe. Keine Ahnung, ob es diesmal an der Freundlichkeit in ihrer Stimme liegt oder an der Vorstellung, dass Blue so gefährlich für ein ungeborenes Kind sein kann. Doch ich reiße mich am Riemen und nehme den herzförmigen Lutscher entgegen, den alle Kunden erhalten, wie mir die Apothekerin versichert, und dann verdrücke ich mich unauffällig.
Wie sich herausstellt, ist es einfacher als erwartet, auf ein Stäbchen zu pinkeln und dabei darauf zu achten, dass es bloß mit Mittelstrahlurin in Berührung kommt. Das Schwierige ist die dreiminütige Wartezeit danach. Ich befinde mich in der Damentoilette im dritten Stock, in der Kabine ganz links hinten. Ich bin sonst nie hier. Normalerweise benutze ich die Toilette im zweiten Stock, und zwar die zweite Kabine auf der rechten Seite.
Da es keine Möglichkeit gibt, das Stäbchen abzulegen, nachdem ich draufgepinkelt habe, halte ich es einfach zwischen Daumen und Zeigefinger und warte ab. In Ermangelung einer anderen Sitzgelegenheit klappe ich den Toilettendeckel zu und lasse mich darauf nieder. Er ist kalt, nach einer Weile wird mein Hintern taub. Eine halbe Minute ist vergangen, seit ich das letzte Mal auf die Uhr gesehen habe. Noch hundertfünfzig Sekunden. Die Tür zum Korridor schwingt auf, und ich vernehme das Klappern von zwei Paar High Heels. Das müssen Eloise und Lucille aus der Buchhaltung sein. Die beiden sind unzertrennlich.
»… in einen Kibbuz oder sowas«, sagt Eloise gerade. »Habe ich jedenfalls gehört.«
»Ich dachte, er wäre irgendwo in Südamerika?«, fragt Lucille.
»Ja, Peru oder so.«
»Egal, jedenfalls ist er dort angeblich einer Sekte beigetreten. «
»Hätte ich ihm nie zugetraut, so rein optisch.«
»Tja, da kannst du mal sehen.«
Stille, während die beiden ihre Wahl treffen. Ich ziehe die Beine an und stelle die Fersen auf dem Rand des Toilettendeckels ab. Eloise und Lucille begeben sich in die beiden Kabinen gleich neben der Tür.
Noch eineinhalb Minuten oder neunzig Sekunden. Zweiteres klingt besser. Kürzer.
Ich höre das Ratschen eines Reißverschlusses, das statische Knistern einer Strumpfhose, das Knarren der Toilettensitze, Plätschern.
»Soweit ich weiß, gibt es Kibbuze aber nur in Israel.« Klingt, als würde sich Lucille diesbezüglich auskennen.
»Oh.« Diese Information muss Eloise wohl erst verdauen. Vielleicht konzentriert sie sich aber auch bloß aufs Pinkeln.
Ich halte mir mit den Handflächen die Ohren zu. Trotzdem entgeht mir nicht, wie bewundernswert synchron sie je ein langes Stück Toilettenpapier aus dem Spender ziehen.
»… scheint ihr nicht das Geringste auszumachen. Man könnte denken, es ist alles wie immer.« Eloise erhebt sich, und ich höre ihren Rock rascheln.
»Naja, sie hat ja immer noch ihre heiß geliebte Katze.«
»Stimmt.«
Ich konsultiere meine Armbanduhr. Noch fünfzig Sekunden.
»Mir sind Hunde ja eindeutig lieber.« Das war Lucille.
»Mir auch«, sagt Eloise. Sie stehen jetzt wohl an den Waschbecken und ziehen sich den Lippenstift nach. »Obwohl ich auch nicht gerade ein fanatischer Hundefan bin. Aber wenn ich mich zwischen einem Hund und einer Katze entscheiden müsste, würde ich den Hund nehmen.«
»Ich auch«, sagt Lucille. »Hunde sind einfach weniger … Wie soll ich sagen …«
»Sadistisch.«
»Genau. Hunde sind weniger sadistisch als Katzen.«
»Richtig. Katzen jagen ja aus purer Lust am Töten.«
Durch den Spalt zwischen Kabinentür und -wand kann ich ihre Köpfe ausmachen, einer hellblond, der andere dunkelblond. Sie nicken einmütig.
Ich balle die Fäuste. Katzen jagen nicht aus purer Lust am Töten. Sie sind nun einmal Raubtiere. Ich sehe auf die Uhr. Noch dreißig Sekunden. Ich nehme mir vor, nicht noch einmal auf die Uhr zu sehen, bis die drei Minuten um sind. Es ist schwieriger, als ich dachte. Ich schiebe das Stäbchen in den Ärmel meiner Jacke und die Hand unter meine knochige rechte Pobacke, und so verharre ich, selbst als sie zu kribbeln anfängt.
Zwanzig Sekunden. Endlich machen sich Eloise und Lucille vom Acker. Sie reden jetzt lauter, um den Lärm, den ihre Stöckelschuhe auf dem Marmorboden machen, zu übertönen. Soweit ich verstanden habe, geht es mittlerweile um die Neue in der IT-Abteilung.
»… könnte eigentlich ganz hübsch sein …«
»Ja, wenn sie sich die Haare färben würde und nicht immer wie der letzte Mensch angezogen wäre.«
»Was meinst du, würde mir ein Pony stehen?«
Die Tür schließt sich, und es kehrt eine wohltuende Stille ein. Ich bin wieder allein.
Ich stelle die Füße auf den Boden und erhebe mich, sinke aber gleich wieder auf den Toilettendeckel. Meine Beine sind eingeschlafen, krampfartige Schmerzen durchzucken meine Oberschenkel. Ich lehne mich an den Spülkasten und stemme die Füße gegen die Kabinentür, um den Blutfluss anzukurbeln. Werfe einen letzten Blick auf die Uhr.
Noch fünf Sekunden.
Vier.
Drei.
Zwei.
Eine Sekunde.
Ich ziehe die Hand unter meinem Hintern hervor. Sie ist blauviolett angelaufen und kommt mir fremd vor, als würde sie zum Körper eines anderen Menschen gehören.
Mit der anderen Hand – einer normalen, vertrauten Hand – ziehe ich das Stäbchen aus dem Ärmel. Das winzige rosarote Plus sticht mir sofort ins Auge. Ich muss nicht noch einmal die Gebrauchsanleitung lesen, um zu wissen, was das bedeutet. Ich tue es trotzdem und starre auf das rosarote Plus, bis es vor meinen Augen verschwimmt, versuche, nur mit der Kraft meiner Gedanken ein Minus daraus zu machen. Doch Form und Farbe bleiben bestehen, und die Botschaft ebenso.
Ich reiße die Verpackung des zweiten Tests auf und fange von vorne an. Ich hoffe auf einen Anlass, das Ergebnis in Frage stellen zu können, auf den Hauch eines berechtigten Zweifels. Vergeblich.
Ich mache weiter, bis nur noch ein Test übrig ist. Der aus Kasachstan. Auf dem Beipackzettel steht im kleinsten Kleingedruckten, das ich je gesehen habe: Das Testergebnis kann verfälscht werden, wenn der Test am siebten, achtzehnten oder einundzwanzigsten Tag des Monatszyklus durchgeführt wird.
Ich mache den Test.
Er ist positiv.
Als ich wenig später beim Haus meiner Eltern ankomme, kann ich mich nicht erinnern, wie ich dorthin gelangt bin, was ich einigermaßen beunruhigend finde in Anbetracht der Tatsache, dass die Anfahrt aus Dublin bei dem regen Verkehrsaufkommen um diese Tageszeit eineinhalb Stunden dauert. Ich steige aus dem Wagen und bleibe fröstelnd einen Augenblick stehen. Es ist Februar, die triste erste Monatshälfte, in der die Narzissen noch nicht angefangen haben, sich durch den gefrorenen Boden zu kämpfen. Die Hälfte, in der einem die Aussicht auf den Frühling noch vorkommt wie die leeren Versprechen eines Politikers vor den Wahlen. Auf beiden Seiten der Straße, die zum Haus führt, stehen endlose Reihen von Bäumen, deren nackte Äste sich wie Krampfadern vor dem schweren Blau des Abendhimmels abzeichnen.
Das Haus ist unbeleuchtet, die dicken Steinmauern glänzen im Dämmerlicht wie Stahl. Ich sehe auf die Uhr. Es ist drei Minuten nach sieben. Ich gehe davon aus, dass ich Maureen in der Wohnküche finden werde, wo sie sich soeben ihr zweites Glas Wein einschenkt. Declan ist vermutlich drüben bei Hugo. Erst als mir der Wind den Rock ins Gesicht weht, wird mir klar, dass ich immer noch in der Einfahrt stehe. Ich gebe mir einen Ruck und gehe auf das Haus zu, in dem ich aufgewachsen bin.
Es ist ein Ort der Extreme. Es gab Zeiten, da konnte man seinen eigenen Atem nicht hören, weil im Speisezimmer gegessen und geplaudert, gesungen und getanzt wurde. Aber es ist Jahre her, dass sich dort unzählige Gäste drängten. Als ich heute eintrete und durch den langen Korridor in Richtung Küche gehe, hallen meine Schritte von den dicken Mauern wider. Sie scheinen förmlich von den Wänden abzuprallen, an denen Fotografien von Declan und Maureen hängen. Der Großteil der Bilder zeigt meine Eltern bei irgendwelchen Großveranstaltungen, beim Entgegennehmen von Preisen (Declan) und beim Verteilen von Luftküsschen (Maureen).
Das Haus ist schwierig zu heizen. Der wärmste Raum ist die Wohnküche, wo der AGA-Gasherd mit integriertem Wärmespeicherofen im September angeworfen wird und praktisch bis Mai durchgehend läuft.
Maureen stürzt herbei, noch ehe ich den Mantel abgelegt habe.
»Ach, du bist es bloß, Scarlett. Ich dachte schon, es wäre Cyril.« Cyril Sweeney gehört zu den Gründungsmitgliedern der hiesigen Laienbühne, sprich, er muss schon auf der Welt gewesen sein, als Shakespeare noch ein kleiner Junge war. Er fungiert bei fast allen Aufführungen des Vereins als Regisseur, und meine Mutter ist sein größter Fan.
Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, doch meine Kehle ist wie eingerostet. Ich habe mit niemandem mehr geredet, seit ich die Tests gemacht habe. Maureen postiert sich vor einer der an der Wand hängenden Fotografien und betrachtet prüfend ihr Gesicht, das sich im Glas spiegelt.
»Wo warst du denn so lange, Scarlett?«, will sie wissen.
»Ich habe gearbeitet.«
»Gearbeitet?«, wiederholt sie, als hätte sie dieses Wort zwar schon einmal gehört, könnte aber nicht viel damit anfangen. »Ah, und da ist ja auch Blue. Ich habe ihn schon überall gesucht.«
Der Kater sitzt in seinem Transportkorb. Ich muss ihn einsperren, wenn ich fahre, sonst würde er auf dem Fahrersitz thronen, mit den Vorderpfoten am Lenkrad. Er hasst es, Beifahrer zu sein. Als kleine Entschädigung bringe ich ihn gleich zu seinem absoluten Lieblingsplatz – in den beheizbaren Wäscheschrank, wo er sich auf einem Stapel warmer Handtücher zusammenrollt und binnen Sekunden eingeschlafen ist.
Dann geselle ich mich zu Maureen in die Küche. Sie hat inzwischen die Lachsfilets ausgepackt, die ich mitgebracht habe, und malträtiert sie mit einer langen Gabel.
Sie hebt den Kopf. »Ich glaube, die sind verdorben, Scarlett. Sieh dir mal diese komische Farbe an.«
»Sie sind völlig in Ordnung.«
»Aber sie sind orange!« Maureen schnüffelt mit einem halben Meter Sicherheitsabstand an einem Fischfilet und verzieht das Gesicht.
»So sollen sie auch sein«, erkläre ich ihr.
»Also, wenn ich Lachs gegessen habe, war er bislang immer zartrosa.«
»Er wird erst rosa, wenn man ihn kocht oder brät.«
»Oh.«
»Keine Sorge, es dauert nur zwanzig Minuten«, beruhige ich sie. »Setz dich doch inzwischen und ruh dich aus.« Ich schiebe sie sanft zu unserem klobigen Küchentisch, an dem, wie ich aus Erfahrung weiß, gut und gern vierzehn Mann Platz haben.
»Wo ist Declan?«
»Wahrscheinlich noch immer in seinem Arbeitszimmer. Mit Hugo. Die beiden verschanzen sich schon den halben Abend dort.« Sie rümpft die Nase.
»Was treiben sie denn?«, frage ich, dabei kann ich es mir lebhaft vorstellen. Ich sehe sie förmlich vor mir, wie sie auf dem Sofa lümmeln und über die guten alten Zeiten philosophieren, als das Kino noch Lichtspielhaus hieß und sich Declan vor tollen Rollenangeboten gar nicht retten konnte.
Maureen zündet sich eine ihrer dünnen Mentholzigaretten an. »Angeblich proben sie.«
»Sie proben?«
»Ja. Heute ist offenbar ein Drehbuch gekommen«, berichtet sie und fügt dann verächtlich hinzu: »Mit der Post.« Wohl, weil Declan seine Drehbücher früher, als er noch ein bei allen Regisseuren gefragter Schauspieler war, normalerweise von einem Boten mit weißen Handschuhen überreicht bekam.
»Ein Filmdrehbuch?«, frage ich.
»Ja.«
»Von wem?«
Sie nimmt einen kräftigen Zug von ihrer Zigarette, bei dem ihre Lippen fast vollständig verschwinden. Beim Ausatmen wedelt sie mit den Händen vor ihrem Gesicht herum, um den Rauch möglichst gleichmäßig in der Küche zu verteilen. Ich halte die Luft an und warte, bis sich die Schwaden verzogen haben. Sie zögert die Antwort hinaus, um es spannend zu machen. Widmet ihre ganze Aufmerksamkeit der Zigarette.
Ich betrachte sie. Wie immer ist sie über und über mit Accessoires behängt. Jede ihrer Bewegungen wird von einem Klimpern begleitet, wie bei einer Katze, der man ein Glöckchen um den Hals gebunden hat. Bei Maureen sind es allerdings die zahlreichen Armreifen und Kettchen und Anhänger und die baumelnden Ohrringe, die klimpern. Außerdem knackst ihr rechtes Knie, wann immer sie aufsteht, sich hinsetzt oder einen Knicks macht, was ziemlich häufig vorkommt, wenn sie für eine Aufführung probt. Man muss schon sehr genau hinsehen, um sie unter all dem Zeug, das sie mit sich herumschleppt, zu erkennen. Um den Hals hat sie sich heute zwei lange, fließende Schals geschlungen. Ich möchte wetten, dass sie morgens stundenlang vor dem Spiegel stand und versuchte, sie so zu drapieren, dass sie ihr eine kesse Note verleihen und ganz nebenbei die verhassten Falten ihres Dekolletés kaschieren. Sie trägt ein langes, wallendes Top und einen ebensolchen Rock, eine Kombination, die ihr ein sehr geschäftiges Aussehen verleiht. In erster Linie ist es jedoch ihr Haar, das einen geschäftigen Eindruck macht. Es ist aufgetürmt wie ein Heuhaufen, mit allerlei Spangen und Klammern festgesteckt, und ganz oben ragen zwei Stricknadeln hervor, wie Antennen. Beim Anblick dieser Frisur denkt man unwillkürlich an die hektische Betriebsamkeit der Grand Central Station. Übrigens sind Maureens Haare verdächtig schwarz, obwohl sie stets schwört, sie seien nicht gefärbt.
»Ach, von irgendeinem Autor. Nie von ihm gehört.« Sie hat bereits das Interesse an der Unterhaltung verloren und schnippt die Asche ihrer Zigarette in den Topf eines halbtoten Fleißigen Lieschens, das seit Tagen, wenn nicht gar Wochen, vor sich hin siecht. Vielleicht weiß George, unser Gärtner, wie man es noch retten kann. Ich werde ihn morgen fragen. Ich stelle einen Aschenbecher auf den Tisch und entferne den Blumentopf aus Maureens Reichweite.
Plötzlich leuchten ihre Augen auf. »Weißt du noch, wie eines Tages Martin Scorsese hier vor der Tür stand, und Phyllis wollte ihn nicht hereinlassen, weil sie angeblich noch nie von ihm gehört hatte?«
»Mhm.« Ich nicke. »Obwohl ich an dem Tag gar nicht zu Hause war. Phyllis hat es mir später erzählt.«
»Hat sie nicht auch etwas über seine Augenbrauen gesagt? «, fährt Maureen fort.
»Sie hat gesagt, seine Augenbrauen wären verdächtig buschig gewesen.«
Maureen lässt ihr hinreißendes, perlendes Lachen hören. »Das waren noch Zeiten, was?«
»Äh, ja.«
Sie runzelt die Stirn. »Und wo warst du damals?«
»Ich war im Krankenhaus, weißt du nicht mehr? Sie mussten mir den Blinddarm rausnehmen.«
»Den Blinddarm rausnehmen? Warum denn das?«
»Na, ich hatte doch einen Tag vorher einen Blinddarmdurchbruch gehabt, als ich mit Phyllis in der Stadt war … um Schuhe für die Schule zu kaufen, glaube ich.«
»Ach Gott, ja.« Maureen nickt. »Ich muss die Erinnerung daran verdrängt haben.« Sie nimmt einen großen Zug von ihrer Zigarette, ehe sie hinzufügt: »Es war schrecklich für mich, dich dort so klein und zerbrechlich auf dem OPTisch liegen zu sehen. Du warst gerade mal fünf Jahre alt.«
»Ich war siebeneinhalb.«
»Aber ausgesehen hast du wie fünf«, beharrt sie mit schwankender Stimme, und ich wechsle das Thema, ehe sie sich selbst zum Weinen bringt.
»Wolltest du mir nicht von Declan und den Proben erzählen? «
»Ach, richtig.« Sie gähnt. »So aufgeregt habe ich ihn nicht mehr erlebt, seit er in diesem asiatischen Handkantenfilm den Cowboy gespielt hat. Wie hieß der noch gleich?«
»Cowboys & Ninjas«, erwidere ich ganz automatisch.
Ich schalte den Backofen ein, würze den Fisch, wasche etwas Salat und stelle Reis auf.
»Ich gehe kurz rüber, um Hallo zu sagen. Könntest du ein Auge auf das Essen haben?«
»Aber natürlich, Liebes. Ich kümmere mich darum.« Sie zündet sich eine neue Zigarette an und nimmt einen gewaltigen Schluck Wein.
Ich höre meinen Vater, ehe ich ihn sehe. Er vergewaltigt gerade einen Song auf dem Klavier in seinem Arbeitszimmer, begleitet von Hugos schrägem Gesang. Ich sehe die Szene förmlich vor mir: Hugo, hinter Declan stehend, die linke Hand auf seiner Schulter, während er mit der rechten ein imaginäres Orchester dirigiert. Am Ende des Lieds werden sie sich beide vor ihrem imaginären Publikum verbeugen. Zweifellos haben sie vor einem vollen Haus gespielt.
Hugo ist Declans Agent. Er ist älter als Declan, so um die siebzig, schätze ich. Im inoffiziellen Ruhestand – gezwungenermaßen, da mein Vater sein einziger Klient ist und seit gut zehn Jahren nicht mehr ernsthaft gearbeitet hat. Hugo stammt ursprünglich aus New York, hat zehn Jahre in London verbracht, wo er meinen Vater kennengelernt hat, und lebt nun schon eine Ewigkeit in Irland, genauer gesagt in Wicklow. Maureen behauptet immer, er wäre garantiert bei uns eingezogen, wenn man es ihm erlaubt hätte. Hat man aber nicht. Trotzdem verbringt er so viel Zeit bei uns, dass es durchaus gerechtfertigt wäre, wenn er Miete zahlen müsste.
An der Tür zum Arbeitszimmer bleibe ich stehen, um die beiden zu beobachten. Eine Champagnerflasche steckt verkehrt herum in einem Eiskübel, und auf dem Klavier steht eine Milchkanne, die, wie es aussieht, Rotwein enthält, an dem sich die beiden abwechselnd gütlich tun. Declan spielt einhändig, wenn er trinkt, was jedoch nichts an der Qualität der Vorstellung ändert.
Als ich nach dem langen, dramatischen Ausklang applaudiere, fahren sie herum. Hugo bedankt sich für den Beifall mit einer angedeuteten Verbeugung und einem wortlosen Lächeln. Declans Reaktion fällt ungleich großspuriger aus. Er legt einen tiefen Kratzfuß hin, wobei ein paar lange Strähnen seines grauen Kopfhaars über die vergilbten Bodendielen streifen. Dann richtet er sich auf, nicht ohne sich mit einer Hand am Klavier abzustützen.
»Scarlett!« Mit zwei großen Schritten ist er bei mir, die Arme weit ausgebreitet, mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, und statt ihm die Zigarette aus den Fingern zu nehmen und im Aschenbecher zu deponieren, wie ich es sonst tue, schmiege ich mich einfach an ihn und drücke mein Gesicht an seinen faltigen Hals. Er riecht wie eine Bar am Sonntagvormittag. Seine Haut ist weich und warm und kratzig an den Stellen, die sein Rasierer morgens nicht erwischt hat. Ich schließe die Augen und versuche, nicht an die Tests zu denken. Die positiven Tests.
Er macht sich von mir los und mustert mich prüfend. »Was ist denn los mit dir, Liebes?«
»Nichts«, erwidere ich und schiebe ein paar Notenblätter auf dem Klavier hin und her. »Ich hatte einen schlechten Tag im Büro.«
»Im Büro? Du kommst erst jetzt von der Arbeit?« Declan ist das Konzept der stinknormalen Vierzigstundenwoche genauso fremd wie Maureen.
Er blickt zu Hugo, als würde er auf eine Erklärung warten. Hugo liefert oft einleuchtende Erklärungen für Phänomene, die Declan nicht versteht.
»Sieh mich nicht so fragend an, alter Freund. Ich habe seit Jahren nicht gearbeitet«, sagt Hugo gut gelaunt. Wie die meisten Amerikaner liebt er Großbritannien, insbesondere den britischen Akzent, den er sich denn auch prompt am Tag nach seiner Ankunft in London angeeignet hat.
»Hallo, Scarlett«, flötet er und tänzelt nun ebenfalls herbei. Selbst ich muss mich leicht bücken, um ihn zu umarmen. Hugo ist der Inbegriff dessen, was man einen adretten kleinen Burschen nennt, mit der Betonung auf klein.
»Zeit für einen Trinkspruch«, erklärt Declan. In seiner Welt ist jede noch so harmlose Begebenheit Anlass für einen Trinkspruch. Er kippt Rotwein in zwei Kaffeetassen, reicht eine davon Hugo, die andere mir. Dann hebt er die Milchkanne in die Höhe. »Auf Scarlett, die wieder zu uns nach Hause gekommen ist.«
»Meine Güte, Dad, ich war bloß im Büro. Du bist so eine Drama Queen.«
»Aber eine höchst überzeugende«, mischt sich Hugo ein. Ruhestand hin oder her, er wird stets Declan O’Haras Agent bleiben.
»So überzeugend dann auch wieder nicht«, wehrt Declan mit gespielter Bescheidenheit ab. »Aber immerhin so gut, dass ich damit unsere Rechnungen bezahlen kann.«
»Oh ja, mein Lieber. Oh ja.« Hugo hebt seinen Kaffeebecher, und Declan stößt mit ihm an, worauf die beiden wie aus einem Mund »Olé« brüllen, ein Brauch aus grauer Vorzeit, dessen Ursprünge längst in Vergessenheit geraten sind.
Um mich hinsetzen zu können, muss ich einen gefährlich schiefen Papierstapel vom Sofa nehmen. Ich sehe mich nach einem Platz dafür um, doch sämtliche Oberflächen sind mit Unterlagen, Büchern, schmutzigen Gläsern und überquellenden Aschenbechern übersät. Dazwischen stehen zwei Teller mit den Überresten vom Frühstück – Spiegelei mit gebratenem Speck. Ich stelle den Stapel auf dem Boden ab und sehe auf die Uhr. Der Lachs kann getrost noch fünf Minuten im Backrohr bleiben.
»Ich sollte mich auf den Weg machen«, sagt Hugo.
»Bleib ruhig«, sage ich. »Es ist genügend Fisch für alle da.«
»Nein, ich sollte jetzt wirklich gehen. Ich bin schon den ganzen Nachmittag hier.« Hugo schielt zur Tür, als fürchte er, Maureen könnte gleich auftauchen, mit seinem Hut und seinem Mantel – und mit einem Knüppel, um seinen Aufbruch zu beschleunigen. Hugo und Maureen wetteifern seit jeher um Declans Zeit und Aufmerksamkeit, und obwohl Hugo oft siegreich aus dem Konkurrenzkampf hervorgeht, zieht er es vor, ihr das tunlichst nicht unter die Nase zu reiben, sondern lieber einen großen Bogen um sie zu machen.
Die beiden Männer umarmen einander wie Brüder, die in den Krieg ziehen und einander womöglich niemals wiedersehen werden. Hugo lächelt mich an, murmelt etwas von Sylvester, seinem Ziegenbock, und macht sich auf den Weg. Sylvester ist Hugos alternative Alarmanlage und hat sich bereits als wirksames Mittel zur Abschreckung von Einbrechern erwiesen, dabei sieht er ungefähr so einschüchternd aus wie ein Kalenderkätzchen.
»Also«, sagt Declan und klappt den Klavierdeckel herunter, um sich dagegenzulehnen, »was gibt es Neues von der Welt dort draußen?« Der Blick seiner grünen Augen ruht auf mir, und es kommt mir so vor, als wüsste er Bescheid. Ich fühle mich von Panik umzingelt wie von einer Meute Wölfe.
Ich ziehe die Ärmel meiner Jacke lang, damit er meine geballten Fäuste nicht sehen kann. »Nicht viel«, sage ich und bin erstaunt, weil meine Stimme nicht anders klingt als sonst. »Maureen hat erzählt, du hättest heute ein Drehbuch erhalten.«
Declan nickt. »Es ist mit der Post gekommen«, sagt er verlegen. »Und geschrieben hat es jemand, von dem ich noch nie gehört habe.« Er seufzt. »Früher kannte ich alle im Filmgeschäft.« Seine Hand tappt suchend über das Klavier. Ich stehe auf, halte Ausschau nach seinen Zigaretten, nehme eine aus der Packung, zünde sie an und reiche sie ihm.
»Wie ist es?«, frage ich und kehre zur Couch zurück.
»Was?«
»Das Drehbuch.«
»Das Drehbuch?«
»Ja. Das Drehbuch, das heute mit der Post gekommen ist.«
»Ach, das.« Er starrt aus dem Fenster und schabt sich mit dem Handrücken über den Kopf, wobei die Zigarette seinen Haaren gefährlich nahe kommt. Wenn ich genau hinsehe, kann ich erkennen, wie sich einige Haarspitzen kringeln und krümmen. Auf der Fensterbank zu meiner Linken steht eine Vase, in der ein paar Blumen vor sich hinwelken. Falls sich mein Vater in Brand steckt, kann ich ihm ja das grünlich schimmernde Wasser über den Kopf kippen.
»Dad?«
Sein Blick wandert zu mir zurück. Er lächelt.
»Es ist gut.«
»Gut?«
»Vielleicht sogar sehr gut.«
»Oh.«
In den vergangenen zehn Jahren waren nur ausgesprochen wenige Drehbücher »gut«, und kein einziges »sehr gut«. Das war seine Ausrede dafür, dass er nicht gearbeitet hat.
»Ehrlich gesagt …«
»Ja?« Ich warte ab, bis er fortfährt.
»Ist es sogar großartig.« Plötzlich wirkt er nüchtern. Er drückt die Zigarette auf einem Rest Frühstücksspeck aus, springt auf und sieht sich suchend um. »Es muss hier irgendwo sein. Ich zeige es dir.« Er beginnt, sich durch die diversen Stapel im Zimmer zu wühlen.
»Wer hat es geschrieben?«
»Ein gewisser Donal irgendwas. Schauspieler, glaube ich. Arbeitslos natürlich.« Er nimmt sich den nächsten Stapel vor, wirft Rechnungen und Umschläge und etwas, das aussieht wie eine KFZ-Steuerplakette, achtlos auf den Boden.
Ich finde das Drehbuch schließlich in der Toilette im Erdgeschoss. Declan zieht sich gern dorthin zurück, um zu lesen und zu rauchen und seiner Lieblingsmoderatorin Maxi im Radio zu lauschen, und das, obwohl ihre Sendung um halb sechs Uhr morgens anfängt. Declan liebt Maxi. Er nennt sie »mein Mädchen«, was Maureen stets zur Weißglut bringt.
Das Drehbuch sieht aus, als wäre es auf einer Schreibmaschine getippt worden. Der Titel sitzt etwa in der Mitte des Deckblatts. Nicht genau in der Mitte, aber ich finde es sympathisch, dass sich der Autor zumindest die Mühe gemacht hat, es zu versuchen. Der Titel lautet »UNTE WEGS«.
»UNTE WEGS?«, sage ich beunruhigt. Der Webseite www.ScrabbleIreland.ie zufolge bin ich die drittbeste Scrabblespielerin auf der Grünen Insel. Trotzdem kenne ich das Wort nicht.
»Es soll eigentlich UNTERWEGS heißen«, erklärt Declan. »In dem ganzen Drehbuch kommen keine Rs vor.«
»Keine Rs?«
