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Melanie glaubt nach einem Schicksalsschlag nicht mehr an sich selbst; und schon gar nicht an die Liebe. Aber ihre Freundinnen werfen sie ins kalte Dating-Wasser und sie merkt, dass das Leben eigentlich ganz schön sein kann. Aber welcher Mann ist der Richtige? Ist es vielleicht ihr alter Schulfreund, den sie zufällig trifft? Oder verändert ein feuriger One-Night-Stand Melis Leben? Auch der schöne Trauzeuge auf einer Hochzeit wäre eine Sünde wert ...
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Monica Dunand
Und sie träumte vom Osterhasen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
Rezept für Pizzoccheri Valtellinesi
DANKSAGUNG
Impressum neobooks
Für mein Nani
Als Dank für die unvergesslichen Ostertage meiner Kindheit!
Hört nie auf, an Eure Träume zu glauben! Weil jeder ab und zu vom Osterhasen träumen sollte! Oder vom Weihnachtsmann … ihr wisst schon!
Eure Monica Dunand
«Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen.»
(Marcus Tullius Cicero)
«Erinnerung ist eine Form der Begegnung, Vergesslichkeit eine Form der Freiheit.»
(Khalil Gibran)
2. April 2011:
Es war mal wieder einer dieser Tage: Melanie sass seit geraumer Zeit am Küchentisch und starrte aus dem Fenster. Sie hatte ihre Füsse auf die Stuhlplatte gestellt, die Fersen ganz nah an ihren Po, die Arme um die Knie geschlungen. Meli nahm nichts um sich herum wahr. Sie hätte auch nicht sagen können, wie lange sie bereits regungslos auf dem weissen Holzstuhl kauerte oder weshalb sie die Erinnerungen genau heute eingeholt hatten. Dicke Tränen rollten ihr über die Wangen, als die Bilder in ihrem Kopf immer deutlicher Gestalt annahmen. Drei Jahre waren vergangen, seit Silvan von der Arbeit nicht mehr zurückgekommen war. Drei Jahre seit die Polizei vor der Türe der gemeinsamen Wohnung aufgetaucht war und Melanie die schlimme Nachricht überbracht hatte. Drei Jahre seit Meli und Silvan gestritten hatten – und er danach ohne einen Abschiedsgruss ins Büro aufgebrochen war.
Melanie erinnerte sich bis ins letzte Detail an den verhängnisvollen Tag. Es war ein schöner Frühlingstag Ende April. Der Himmel war wolkenfrei und Kindergeschrei drang vom Spielplatz in die Wohnung. Meli hatte frei und konnte mit Silvan, der Nachmittagsschicht hatte, gemütlich frühstücken. Es gab frisches Rührei, selbstgemachte Bagels und mit Käse überbackene Gemüsemuffins. Der Duft des Kaffees stieg Meli heute noch in die Nase, wenn sie an diesen Tag dachte. Melanie und der Mann, den sie im Herbst heiraten wollte, lachten, scherzten und schmiedeten Pläne. Alles schien perfekt! Sie waren glücklich wie nie zuvor!
Als die beiden über ihre geplante Hochzeit sprachen, kippte die Stimmung plötzlich. Wegen einer Lappalie, einem Missverständnis, einem falschinterpretierten Wort. Es ging um die Menüwahl. Weshalb sie damals so vehement gegen das Rindsfilet gewesen war, wusste Meli nicht mehr. Aber an die Folgen dieses Streits würde sie sich wohl für den Rest ihres Lebens erinnern. Melanie und Silvan, die zwei, die im gesamten Freundeskreis als das Traumpaar schlechthin galten, machten sich auf einmal Vorwürfe und stellten ihre Beziehung in Frage. Silvan verletzte Meli mit Wörtern wie egoistisch, starrköpfig und kompliziert, sodass sie sich weinend im Schlafzimmer eingeschlossen hatte, als ihr Verlobter zur Arbeit musste. Auf seine Entschuldigungs-SMS hatte sie nicht reagiert, weil sie nicht so leicht klein beigeben wollte. Sie war viel zu gekränkt.
Nachdem Melanie sich beruhigt hatte, war sie einkaufen gegangen. Sie wollte sich bei Silvan mit einem Überraschungsmitternachtsdinner entschuldigen. Essen war eine ihrer gemeinsamen Leidenschaften und deshalb sicher passend für ein klärendes Gespräch. Die Antipasti-Platte, für die sie extra im Delikatessenladen vorbeigeschaut hatte, stand bereits auf dem feierlich gedeckten Tisch und die Kerzenflamme hüllte die kleine, aber funktionelle Küche in ein warmes Licht, als es an der Haustüre klingelte. Melanie hatte gleich ein komisches Gefühl. Es kam nicht oft vor, dass jemand spätabends unangemeldet vorbeikam. Auch samstags nicht. Deshalb klopfte ihr Herz bis zum Hals, als sie mit zitternder Hand auf den Knopf der Gegensprechanlage drückte.
Die Polizisten berichteten Meli detailliert, wie Silvan ums Leben gekommen war. Er war viel zu schnell mit dem Auto unterwegs gewesen. Weshalb ihr Liebster nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte, wussten die Beamten nicht mit Sicherheit. Die Bremsspuren liessen darauf schliessen, dass er kurz vor dem Zusammenprall mit dem Hirsch noch versucht hatte, das Steuer herumzureissen. Dennoch streifte er das Tier und prallte frontal gegen einen grossen Baum. Das Auto, das Silvan nur einen Monat vor dem Unfall gekauft hatte, war kaum wiederzuerkennen.
Für Melanie war sofort klar gewesen, weshalb ihr Verlobter zu schnell und unkonzentriert unterwegs gewesen war. Sie war schuld, sie alleine! Hätten sie sich nicht gestritten, wäre Silvan nicht durch den Wind gewesen. Er war doch immer so ein vorsichtiger Fahrer gewesen. Sie hatte ihn auf dem Gewissen; ihn, die Liebe ihres Lebens!
Die Wochen nach dem Unfall versteckte sich Melanie in der Wohnung. Sie wollte nur schlafen, hatte keinen Hunger und weinte fast ohne Unterbruch. Sie suchte sich eine neue Wohnung, brach den Kontakt zu ihren Freunden ab und bestrafte sich so für das Geschehene.
Seit jenem schicksalhaften Tag hatte sie keinen Mann mehr an sich herangelassen. Das war sie Silvan schuldig. Hätte sie einem Anderen ihr Herz geschenkt, hätte sie ihren Verlobten betrogen – jedenfalls fühlte es sich für sie so an! Zu Beginn hatten Freunde und Familie ihr viel Verständnis entgegengebracht, weil sie dachten, Meli trauere um ihren Verlobten; so wie es jeder andere auch getan hätte. Von ihren Schuldgefühlen hatte sie niemandem erzählt. Bis heute nicht!
Irgendwann hatte Meli gelernt, die Selbstvorwürfe zu überspielen und zu verdrängen. Sie galt bei den wenigen Leuten, mit denen sie regelmässigen Kontakt pflegte, als lustig, lebensfroh und selbstbewusst. Und das war sie auch, irgendwie, ungefähr 360 Tage im Jahr. Und dann gab es solche Tage wie heute, an denen die Erinnerungen mit voller Wucht zurückkamen und sich nicht mehr kontrollieren liessen.
Melanie wäre wohl noch lange grübelnd auf dem Küchenstuhl gesessen, hätte Milo sie nicht miauend zurück in die Wirklichkeit geholt. Sie hob ihre weisse Maine Coon behutsam hoch und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf. Milo begann unverzüglich zu schnurren und brachte Meli endgültig wieder ins Hier und Jetzt. Melanie liebte ihre Katze abgöttisch. Es war damals zwischen Milo und ihr Liebe auf den ersten Blick gewesen, als sie sich vor zwei Jahren im Tierheim zum ersten Mal gesehen hatten. Kaum war Melanie damals im Katzenzimmer auf die Knie gegangen, um die Samtpfoten genauer unter die Lupe zu nehmen, sprang Milo herbei und schmiegte sich schnurrend an die 28-Jährige. Wollte sich eine andere Katze Meli nähern, verteidigte die Maine Coon ihren Platz mit Fauchen und Pfötchen-Schlag. Meli hatten das rosa Näschen und die schwarze Schwanzspitze gleich gefallen. Noch am selben Nachmittag hatte Melanie den Vertrag unterschrieben, einen Kratzbaum, ein Katzenklo sowie jede Menge Spielzeug gekauft. Einen Tag später war Milo bei ihr eingezogen.
Ab und zu wurde Melanie von ihren Kollegen und Freunden wegen ihrer Katzenliebe belächelt. Sie sprach von ihrem Kleinen, wenn sie von Milo erzählte und hatte ihre Wohnung mit verschiedenen Katzenaccessoires und -bilder dekoriert. Sie konnte sich gut vorstellen, als alte Katzen-Jungfer zu sterben – so ein bisschen wie die Verrückte bei den Simpsons. Diese Vorstellung machte Melanie keine Angst. Den Männern hatte sie schliesslich abgeschworen. Ihr Herz gehörte für immer Silvan – und natürlich Milo.
Seufzend erhob sie sich, wischte sich die letzten Tränenspuren aus dem Gesicht und fuhr sich mit den Fingern durch die schwarze Lockenpracht. Da sie in einer Stunde mit ihren Freundinnen Chantal und Isabelle verabredet war, musste Meli sich sputen. Seit Chantal, die von allen nur Tally genannt wurde, vor knapp einem Jahr im gleichen Verlag wie Melanie angeheuert hatte, verbrachten die zwei regelmässig auch privat Zeit zusammen. Irgendwann war auch Isa, Tallys Nachbarin, in den Frauenkreis aufgenommen worden. Sie waren alle etwa gleich alt, mochten gemütliche Stunden bei Wellness, Essen und Musik und konnten ohne Punkt und Komma quatschen. In letzter Zeit wurden die Treffen aber immer rarer, weil Chantal vor ein paar Monaten in Algin ihren Traummann gefunden hatte. Meli lächelte, als sie an Tallys Suche nach Mister Right dachte.
Melanies Arbeitskollegin war zwei Jahre unfreiwillig Single gewesen, bevor sie im Tante-Emma-Laden um die Ecke zufällig Algin in die Arme gelaufen war. Obwohl der Funke sofort über gesprungen war, hatten sich die beiden gleich wieder aus den Augen verloren. Erst ein legendärer Mädelsabend mit Meli und Isa hatte im letzten Oktober Tally das Glück gebracht. Leicht angetrunken hatten die drei Freundinnen Algin, mehr oder weniger zufällig, beim Nackt-Spazieren in seiner Wohnung beobachtet. Mit Plakaten in den Fenstern hatten die heutigen Turteltauben schliesslich zusammengefunden. Meli freute sich von ganzem Herzen für ihre Freundin. Eine Prise Neid schwang aber mit, wenn sie sich an die Begebenheiten erinnerte. Zum einen hätte sie sich dieses Glück auch für Silvan und sich gewünscht, zum anderen fehlte ihr Tally. Die täglichen Plaudereien im Büro ersetzten die früheren ausgiebigen Abende nicht. Deshalb war die Vorfreude auf das Ausgehen mit den Mädels umso grösser.
Nur ein paar Minuten nach der vereinbarten Zeit traf Melanie am Treffpunkt ein. Ihre beiden Freundinnen warteten schon und sahen blendend aus: Isabelle hatte sich in Jeans und einen Figur betonenden Pulli geschmissen, war leicht geschminkt und hatte ihre roten Locken hochgesteckt. Wie so oft hatten sich die ersten Strähnen bereits wieder aus der Spange befreit. Meli konnte sich nicht erinnern, Isas Haarpracht einmal gebändigt gesehen zu haben. Chantal hingegen hatte einen knielangen schwarzen Rock und eine Jeansjacke an, die sie mit hochhackigen Stiefeln kombiniert hatte. Sie trug ihre schulterlangen Haare offen und hatte, abgesehen von ein bisschen Mascara und Kajal, auf Schminke verzichtet. Die beiden Freundinnen strahlten eine Natürlichkeit und eine Entspanntheit aus, die Meli auch gerne gehabt hätte. Natürlich wusste sie, dass ihre langen schwarzen Locken, ihre grossen dunklen Augen und ihre gertenschlanke Linie dem gängigen Schönheitsideal entsprachen. Chantal hatte ihr einmal offenbart, dass ihrer Meinung nach Meli mit ihrer makellosen Haut, den langen Wimpern und den perfekt geschwungenen Lippen auch ohne Make-up so schön war, wie kaum eine andere Frau; weder in ihrem Bekanntenkreis noch bei der berühmten Fernsehsendung mit Heidi. Meli bekam rosa Wangen, wenn sie an dieses Gespräch zurückdachte. Sie selbst glaubte an die innere Schönheit; und sie fühlte sich im Innern nicht schön. Wie auch, hatte sie doch ein Menschenleben auf dem Gewissen.
Meli versuchte die wiederaufkeimenden Erinnerungen zu unterdrücken, setze ihr strahlendstes Lächeln auf und begrüsste ihre Freundinnen herzlich. Es tat ihr gut, Zeit mit den beiden zu verbringen, auch wenn sie immer darauf achten musste, ihre Maske nicht zu verlieren. Sie konnte sich nicht vorstellen, Isa und Tally von ihrem Geheimnis zu erzählen, obwohl sie den beiden zu hundert Prozent vertraute. Melanie hatte viel zu grosse Angst vor deren Reaktion. Ausserdem wollte sie den beiden die Last nicht auferlegen, eine solche Geschichte mit sich herumtragen zu müssen.
«Ladies, guten Abend! Bereit, auf den Putz zu hauen», fragte Meli und umarmte ihre Freundinnen.
«Mehr als bereit!», lachte Tally.
«Und ich erst! Ich suche heute Abend einen Mann, meine Damen. Es ist bei mir schon viel zu lange her; ich habe schon Entzugserscheinungen. Echt! Und ich hab da eine Idee, wohin wir drei Schönen gehen könnten. Leckeres, ungesundes Essen und viel Musik … wer ist dabei?», antwortete Isa.
Die Hände von Chantal und Melanie schnellten in die Höhe! Meli fühlte sich auf Anhieb wieder besser. In einer solch guten Gesellschaft konnte sie schlicht nicht Trübsal blasen. Sie würde Silvan nicht vergessen – aber im Moment hatte er Sendepause.
Auf dem Weg ins Lokal schwelgten die drei Freundinnen in Erinnerungen. Isabelle war erst vor ein paar Monaten in die Stadt gezogen und hatte ein komplett neues Leben begonnen.
«Weisst du noch, wie wir uns das erste Mal gesehen haben, Tally?», fragte Isa. «Ich habe frühmorgens bei dir an der Türe geklingelt, weil ich meinen Föhn in den Umzugskarton nicht finden konnte und mich für mein Vorstellungsgespräch bereit machen musste.»
«Oh ja, ich erinnere mich genau. Du hast mir einen riesen Schrecken eingejagt. Mittlerweile weisst du ja, welch Angsthase ich bin! Ich habe schon gedacht, Räuber, Mörder oder Entführer vor der Türe anzutreffen», gestand Chantal lachend.
«Ja, Schiss hast du häufig. Auch bei einem unserer ersten Treffen im Büro. Ich kann mich noch genau an deinen Blick erinnern, als unser Chef dich nach ein paar Tagen zu unserer Sitzung eingeladen hat», ergänzte Meli.
Die drei Freundinnen waren so in ihr Gespräch über die guten alten Zeiten vertieft, dass sie den Weg in die Innenstadt im Eiltempo zurücklegten. Als sie in das alte Gebäude mit der schweren roten Türe eintreten wollten, entwich Tally ein leiser Schrei.
«Ich kann da nicht rein. Bitte entschuldigt. Ganz schlechte Erinnerungen!»
Isa und Meli akzeptierten Tally Entscheid ohne nachzufragen. Erst als die drei eine neue Bar gefunden hatten, kam die Rothaarige auf die Sache zurück.
«Lange Geschichte», seufzte Tally und nahm einen grossen Schluck aus ihrem Bierglas. «Bevor Algin und ich uns gefunden haben, war ich ziemlich lange auf der Suche nach meinem Traummann. Dank meiner Grossmutter bin ich irgendwann auf einer Online-Partnerbörse gelandet, wo ich einen netten Typen kennengelernt habe. Leider haben sich bei mir die Schmetterlinge nicht eingestellt, obwohl ich das gerne wollte. In jener Bar ist die Situation eskaliert und ich bin weinend nach Hause gelaufen. Den Typen habe ich danach nie wieder gesehen.»
«Wer braucht schon Männer?», murmelte Meli und verdrehte die Augen.
«Wir alle, meine Liebe; wenn auch nur ab und zu für eine Nacht», antwortete Isa und legte ihr einen Arm um die Schultern. «Auch du solltest dir mal überlegen, ob du für immer alleine sein möchtest. Ich kann mich nicht erinnern, dich mal mit einem Mann gesehen zu haben. Oder eine Männer-Geschichte von dir gehört zu haben. Du solltest mal ein bisschen Dampf ablassen. Das hab ich heute auch vor. Keine Gefühle, nur ein bisschen Spass!».
«Ich bin nicht alleine, Isa. Ich habe Milo. Den besten Mann der Welt. Der Klo-Deckel ist nie hochgeklappt, er schnarcht nicht und hält mir keine unnötigen Vorträge. Und Dampf ablassen kann ich auch selbst. Dafür brauche ich doch keinen Mann!»
«Du bist zwar etwas schrullig, Meli, aber ich hab dich trotzdem doll lieb!», flüsterte Tally ihr ins Ohr und umarmte sie fest.
Erst gegen zwei Uhr morgens legte sich Melanie ins Bett. Der Abend hatte ihr gut getan. Nachdem das heikle Thema Männer abgeschlossen gewesen war, hatten sich die drei auf den neusten Stand gebracht. Auch wenn sie sich noch nicht allzu lang kannten, hatten sie viele Running Gags, die sie lauthals vorbringen konnten. Meli staunte immer wieder, wie sich drei so unterschiedliche Frauen so gut verstehen konnten. Sie selbst war diejenige, die Sprüche riss und die anderen zum Lachen brachte, am meisten Ideen für Ausflüge und Ferien hatte und die jeweils am meisten Aufmerksamkeit von Fremden auf sich zog. Isa war die Draufgängerin. Sie genoss das Leben in vollen Zügen, nahm regelmässig unbekannte Männer mit nach Hause und war immer mit Vollgas unterwegs. Tally hingegen war die Besonnene, Bodenständige des Trios, die am besten ihre Gefühle benennen und zeigen konnte. Ausserdem war sie zurzeit die Einzige, die einen Mann an ihrer Seite hatte. Bei ihnen schien das Sprichwort, dass sich Gegensätze anziehen, zu stimmen. Die Drei ergänzten sich perfekt und die Abende waren jedes Mal unvergesslich. Meli hatte auch heute mehrfach Tränen in den Augen gehabt – vor Lachen, versteht sich. Die dunkle Zeit war vorbei, jedenfalls für ein paar Wochen. Und dafür war sie dankbar.
Sobald es sich Milo im Bett an Melis Seite bequem gemacht hatte, schlief sie ein. Sie träumte von einem dunklen, verlassenen Wald. Der Ort jagte ihr einen Schauer über den Rücken und machte ihr Angst. Plötzlich erblickte sie auf einem dicken Ast vor ihr ihren Stubentiger, der zur Begrüssung laut schnurrte. Je näher sie Milo kam, desto heller wurde das Licht im Wald. Bald waren die Tannen so von Sonnenstrahlen beleuchtet, dass sie zwischen den dichten Zweigen eine kleine Holzhütte entdeckte, die sie ans Märchen von Hänsel und Gretel erinnerte. Aus dem Knusperhäuschenfenster schauten aber nicht die beiden Grimm-Figuren, sondern Isabelle und Chantal, die ihr freudig zuwinkten.
«Es ist das Osterfest alljährlichfür den Hasen recht beschwerlich.»
(Wilhelm Busch)
24. April 2011:
Melanie war zum Osterfest bei ihrer Schwester eingeladen. Sie hatte zu ihrer Familie einen engen, aber unregelmässigen Kontakt, was aber nicht auf Streitereien zurückzuführen war. Die Lehmanns hatten schlicht nicht das Bedürfnis, sich so häufig zu sehen oder zu hören wie andere Familien. Dennoch freute sie sich auf den heutigen Brunch bei Anna; vor allem auf ihre kleine Nichte Lea. Die Vierjährige war ein echter Sonnenschein, wenn auch ziemlich vorlaut und stur. Meli war nach einem Tag mit der Kleinen meist müder als nach einer ganzen Woche im Büro. Sie bewunderte ihre ältere Schwester, die Job und Kind so problemlos unter einen Hut brachte und dabei auch noch eine perfekte Ehefrau für ihren Liebsten Tom war.
Melanie hatte schon immer zu Anna, die fünf Jahre älter war als sie, aufgeschaut. Ihr war immer alles leichtgefallen: die Schule, der Job, die Männer. Nun wohnte sie in einem wunderschönen Haus mit grossem Garten. Meli war nicht eifersüchtig auf ihre Schwester, sondern stolz. Sie wusste, dass Anna für all das gearbeitet und sich ins Zeug gelegt hatte. Und Tom war ein toller Kerl: witzig, höflich und ein liebevoller Vater. Sie gönnte den beiden ihr Glück von ganzem Herzen.
Auch ihre Mutter war zum Brunch eingeladen. Seit Franziska die Scheidung von Melis Vater eingereicht hatte, hatten Mutter und Tochter eine unverkrampfte Beziehung zueinander. Sie telefonierten ab und zu, um sich auf dem Laufenden zu halten und trafen sich alle paar Wochen zum Kaffeeklatsch. Man konnte Franziska nicht als typische Mutter bezeichnen – falls es sowas überhaupt gab: Sie hatte nie versucht, sich in Melis Leben einzumischen, gab selten Ratschläge – ausser wenn sie direkt danach gefragt wurde – und hatte keinen Kontrollwahn wie andere Mütter. Seit der Scheidung war sie aufgeblüht, ständig auf Reisen und viel ausgeglichener als früher.
Als Melanie klein war, wurde Ostern kaum gefeiert – was zum grossen Teil an ihrem Erzeuger lag. Die beiden Schwestern durften zwar Eier suchen, ein spezielles Frühstück oder kleine Geschenke gab es aber keine. Schokolade war sowieso schlecht für Zähne und Gewicht, weshalb ihr Vater ganz darauf verzichtete. Meli bedeutete das Osterfest aus diesem Grund nicht viel; sie verstand aber, dass Anna ihrer kleinen Tochter eine andere Erinnerung mit auf den Weg geben wollte.
Melanie packte das Ostergeschenk für Lea und das selbstgebackene Brot ein und machte sich auf den Weg. Wahrscheinlich waren die Leute entweder in der Ostermesse oder auf Eiersuche, denn die Strassen waren wie leer gefegt. Meli traf daher ein paar Minuten früher als geplant bei ihrer Schwester ein, wo sie von ihrer aufgekratzten Nichte empfangen wurde.
«Taaante, hallo! Komm schnell, du musst dein Osternest suchen. Der Osterhase war schon da. Und wenn du deins hast, musst du mir helfen. Ich suche schon seit zehn Minuten, hab’s aber noch nicht gefunden.»
Meli umarmte die Vierjährige und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. «Wo ist denn die Mama?»
«Im Garten. Sie sucht ihre Eier. Komm schon!»
Der Sprint durch den kurzen Flur sowie das grosse Wohnzimmer, dessen Wände mit Fotos und Kinderzeichnungen dekoriert waren, war für Meli alles andere als angenehm, zog Lea sie doch mit aller Kraft an der Hand gen Garten. Die österliche Dekoration im Esszimmer nahm sie deshalb auch nur am Rande wahr. Man hätte denken können, ein so kleines, erst vierjähriges Persönchen hätte nicht viel Kraft; aber weit gefehlt!
Endlich im Garten angekommen, massierte Meli ihre Schulter, die kurz vor dem Auskugeln zu sein schien.
Das Bild, das sich Meli bot, als sie die mit Bäumen umrandete Grünfläche betrat, war zum Schreien komisch: Anna und Tom waren auf allen Vieren auf der Wiese unterwegs, hoben hier einen Wäschekorb und da eine Giesskanne hoch und fluchten leise vor sich hin.
«Was ist denn hier los?», fragte Melanie lachend.
«Oh, Schwesterherz, da bist du ja. Komm, ich muss dir etwas in der Küche zeigen», sagte Anna, stemmte sich hoch und zog Meli hinter sich her.
«Wundere dich bitte nicht, Schwesterchen», begann sie ihre Erklärung. «Wir müssen in diesem Jahr alle Ostereier suchen. Du inklusive! Ich hatte vor ein paar Tagen ein Gespräch mit Lea. Ich wollte ihr erklären, dass der nette Hase nur Kindern ein Nest bringt, die Erwachsenen hingegen kein eigenes kriegen, damit sie den Kleinen beim Suchen helfen können. Sie hat sich danach echt aufgeregt. Sie wollte kein Nest von einem Hasen, der Mamas und Papas nicht mag. Sie wollte in den Eiersuch-Streik treten. Nun suchen wir also alle unsere Nester. Tom hat meins versteckt, ich alle anderen.»
«Du weisst, dass ich diese Eiersucherei schon als Kind gehasst habe … »
«Ja, ja! Aber heute gibt’s zur Aufmunterung für die Grossen selbstgemachten Eierlikör», erwiderte Anna und sah ihre Schwester flehend an.
«Eierlikör?» fragte Franziska, die sich selbst hereingelassen hatte, lachend. Sie umarmte ihre beiden Töchter, wurde dann aber augenblicklich von Lea in Beschlag genommen. Anna und Meli trotteten Oma und Enkelin in den Garten hinterher.
Nach der erfolgreichen Eiersuche wurde beim Essen ausgiebig geplaudert und gelacht. Meli scherzte ausgelassen mit ihrer kleinen Nichte, die stundenlang erfundene Geschichten als ihre eigenen erzählte. So hatte sie einen Hasen namens Klopfer und ein Reh mit Namen Bambi gesehen, die zusammen über einen zugefrorenen Teich spazierten. Oder sie konnte mit einem Schirm in der Hand aus dem Fenster ihres Kinderzimmers fliegen.
Meli liebte es, der Kleinen zuzuhören und sie im Glauben zu lassen, dass sie nicht merkte, dass die Geschichten eigentlich von Disney stammten. Ausserdem genoss sie es, mit Lea die kleinen Kuchen in Hasenform, die es zum Nachtisch gab, mit Smarties und Zuckerguss zu dekorieren. Auch Anna und Tom waren mit viel Eifer dabei und neckten sich mit der Schokoglasur, indem sie sich die Creme auf die Nasen schmierten.
Nur Franziska verhielt sich plötzlich seltsam. Sie mied Melis Blick und war wortkarg. Als Melanie sie darauf ansprach, reagierte sie wie ein verstörtes Reh und stotterte eine unglaubwürdige Antwort vor sich hin.
Beim Abwasch packte Meli ihre Chance.
«Mom, was ist los? Und sag mir nicht, alles sei okay.»
Ihre Mutter betrachtete ihre Finger, sagte aber nichts.
«Mom! Bist du krank? Sprich mit mir!», bettelte Meli.
«Mir geht es gut, Schätzchen. Ich habe gestern im Theater zufällig eine Person getroffen und weiss nicht, ob ich mit dir darüber reden soll oder nicht.»
Endlich sah Franziska ihre Tochter an, die sich plötzlich unbehaglich fühlte.
«Mäuschen, ich habe Julia gesehen. Silvans Mutter.»
Melanie sah, dass ihre Mutter mit sich kämpfte.
«Sie möchte dich sprechen. Nach all den Jahren möchte sie endlich mit dir über den Tod ihres Sohnes reden.»
Meli musste sich am blitzeblanken Spülbeckenrand festhalten, weil ihre Knie nachzugeben drohten. Sie konnte kaum atmen und sah flackernde Sternchen vor den Augen. Sie hatte Julia eigentlich immer gemocht, hatte sogar mit ihr das Hochzeitskleid ausgesucht. Silvans Mutter hatte sie von Beginn weg in der Familie willkommen geheissen und eingebunden. Sie waren Freundinnen geworden, auch wenn Meli ihr natürlich nicht alles über die Beziehung zu ihrem Sohn anvertraut hatte. Durch regelmässige Shoppingtouren, ein paar Kaffeekränzchen zu zweit und viele Familienfeste waren sie als neue Familie zusammengewachsen. Nach Silvans Tod hatte Meli den Kontakt abgebrochen. Sie war nicht mal zur Beerdigung gefahren, hatte auf keinen Anruf und keinen Brief geantwortet. Sie konnte der Mutter ihres Fast-Ehemann aufgrund ihrer Schuldgefühle nicht in die Augen sehen.
«Hör zu, Melanie. Julia hat mir ihre Nummer mitgegeben. Sie würde sich über deinen Anruf freuen, möchte dich aber nicht drängen. Steck die Nummer ein und lass dir das Ganze durch den Kopf gehen. Vielleicht kannst du so Silvans Tod endlich verarbeiten». Franziska strich Meli sanft über den Rücken und liess sie dann alleine in der Küche zurück.
Melanie war durch diese Neuigkeit so von der Rolle, dass sie sich frühzeitig von ihrer Familie verabschiedete und in ihre Wohnung floh. Anders als ein paar Stunden zuvor kam ihr der Rückweg unglaublich lange vor. Die Unruhe, die sie in ihrem Inneren spürte, schien immer grösser zu werden und unzählige Fragen wirbelten wild in ihrem Kopf durcheinander: Wie sollte sie sich verhalten? Konnte sie Julias Bitte einfach ignorieren? Und was würde passieren, falls sie sich zu einem Treffen durchringen konnte? Weshalb wollte Julia überhaupt genau jetzt mit ihr sprechen? Machte sie Meli Vorwürfe? Wusste sie von dem Streit, der zu Silvans Tod geführt hatte?
Endlich in der Wohnung angekommen, tigerte Melanie stundenlang auf und ab, konnte keine Minute stillsitzen. Normalerweise war die Dreizimmerwohnung für sie alleine mehr als gross genug; heute fühlte sie sich aber eingeengt. Sie spürte ein tonnenschweres Gewicht auf ihrer Brust, als ob ein Lastwagen auf ihren Lungen geparkt hätte. Kalter Schweiss rann ihr über die Stirn und ihre Hände zitterten.
Sie versuchte sich durch Fernsehen und Lesen abzulenken, was aber nicht funktionierte. Die Filme, die jedes Jahr zu Ostern ausgestrahlt wurden, hatte sie alle schon gesehen. Und obwohl der vor kurzem begonnene Roman Das Jahr des Hasen sie bisher gefesselt und zum Lachen gebracht hatte, kam sie dabei nicht auf andere Gedanken.
Sie hatte immer gewusst, dass der Tag irgendwann kommen würde, an dem sie sich mit Silvans Tod intensiv auseinander setzen musste. Nicht still in ihrem Kämmerlein, sondern mit einem wahren Seelenstriptease. Meli wusste, dass sie eigentlich keine Wahl hatte: Früher oder später musste sie Julia anrufen. Das war sie Silvan und seiner Familie schuldig.
Dank zwei vollen Gläsern von Annas selbstgebrautem Eierlikör fiel Meli irgendwann auf dem Sofa in einen unruhigen Schlaf. Sie träumte von ihrer Suche nach dem Osternest: Sie musste über mehrere Hindernisse klettern, Gegenstände aufheben und durch tiefen Schlamm waten, bis sie ihr Geschenk entdeckte. Im kleinen Korb mit dem grünen Kunstgras steckten aber nur ein kleines Stoffküken mit Leas Gesicht und eine Visitenkarte von Julia.
«Die Zeit verweilt lange genug für denjenigen, der sie nutzen will.»
(Leonardo da Vinci)
10. Mai 2011:
Meli war noch nie pünktlich gewesen. Auch wenn sie ihren Tag genau durchorganisierte, fehlten ihr am Ende immer ein paar Minuten. Sie wusste, dass diese Eigenschaft für ihre Mitmenschen Nerv tötend war, fand für sich aber keine passende Lösung, sie zu vermeiden. Ihre Familie und Freunde wussten von ihrer Schwäche und rechneten immer ein paar Pufferminuten hinzu, wenn sie mit Meli verabredet waren.
Was im Privatleben der 28-Jährigen normal war, kam im Arbeitsalltag nie vor. Ihr Chef war sehr strikt, was Verspätungen betraf. Jeder Mitarbeitende, der nach der vorgegebenen Zeit im Verlag eintraf, musste sofort im Chefbüro vorbei, um sich zu erklären. Seit Meli vor sechs Jahren dort unterschrieben hatte, war sie noch nie unbegründet zu spät bei der Arbeit eingetroffen.
An diesem Morgen ging aber alles schief, was schief gehen konnte. Da sich ihr Smartphone, das allmorgendlich als Wecker fungierte, in der Nacht wie durch Geisterhand abgeschaltet hatte (und nein, der Akku war nicht leer gewesen!), erwachte sie bereits mit einer halben Stunde Verspätung. Im Eiltempo sprang sie unter die Dusche, trug das Minimum an Schminke auf, schnappte sich ihre Handtasche und hetzte zur Zugstation. Dort merkte sie, dass sie sowohl ihre Geldbörse als auch ihr Handy zuhause auf dem Küchentisch liegen gelassen hatte, weshalb sie nochmals zurück musste. Inzwischen hatte Milo sein ganzes Frühstück direkt vor der Eingangstüre erbrochen, sodass Meli beim Hineinstürmen ihre Socken versaute und frische suchen musste. Bis sie im Trockner zwei passende Exemplare gefunden und ihre vergessenen Sachen geschnappt hatte, war der Zug schon längst über alle Berge.
Als Meli mit hochrotem Kopf und üblen Schweissflecken auf der hellblauen Bluse bei der Arbeit eintraf, begab sie sich gleich in Lucianos Büro. Da ihr Chef aber nicht da war, schlüpfte sie erleichtert möglichst unauffällig hinter ihren Bildschirm und begrüsste möglichst leise Tally.
«Ich bin in sechs Jahren noch nie zu spät gekommen. Noch nie. Aber heute hatte sich das Universum gegen mich verschworen. Weisst du, wo der Chef ist? Ich wollte mich bei ihm für meine Verspätung entschuldigen.»
«Der kümmert sich heute um seine drei Kinder, glaub ich. Erinnerst du dich an seine E-Mail vor ein paar Wochen, dass er häufiger Zeit mit seinem Nachwuchs verbringen wolle, damit er nicht ihre ganze Kindheit verpasst? Ich glaube, heute ist einer dieser Dienstage, die er zu Hause bleibt. Was war los bei dir?»
«Frag nicht! Hast du heute Mittag Zeit für mich? Ich würde gerne mit dir essen gehen.»
«Klar. Ich reservier gleich bei unserem Lieblingsitaliener um die Ecke.»
Der Morgen verging viel zu schnell. Meli hatte nicht die Hälfe dessen erledigen können, was sie sich vorgenommen hatte. Immer wieder waren Kollegen vorbeigekommen, die nur die üblichen zwei Minuten von Melanies Zeit beanspruchen wollten. Da das Universum Meli mit der Absenz ihres Chefs gütig gestimmt hatte, beklagte sie sich nicht über die Störungen und half, wo sie konnte. Dennoch war sie froh, als die Uhr Mittag zeigte und sie mit Tally ins Gigis Ristorante gehen konnte, wo die beiden Freundinnen je eine grosse Pizza bestellten.
«Darf ich dich was fragen, Meli?»
Da Melanie sich soeben ein viel zu grosses Stück Pizza Marinara in den Mund gestopft hatte, konnte sie nur nicken.
«Ich habe mir in den letzten Tagen viel Gedanken über Algin und mich gemacht. Ich habe mich gefragt, wie lange man ein Paar sein muss, um den nächsten Schritt zu wagen. Wie viel Zeit sollte vor der ersten gemeinsamen Wohnung vergangen sein; wie viel vor der Verlobung und der Hochzeit – oder bevor man über Nachwuchs spricht?»
«Da gibt’s doch keine goldene Regel, Süsse. Wenn die Zeit für den nächsten Schritt gekommen ist, merkst du’s», antwortete Meli nachdem sie fertig gekaut hatte.
«Aber woran merkt man das?», wollte Tally genauer wissen.
Melanie überlegte einen Moment.
«Wenn die Zeit reif ist, macht dich der Gedanke an den nächsten Schritt nicht mehr nervös. Du merkst, dass diese Entscheidung die richtige ist.»
«Warst du mal an diesem Punkt?», fragte Chantal leise, so als fürchte sie die Antwort.
Meli rang mit sich. Sie wägte die Vor- und Nachteile kurz ab und entschied sich für die Kurzversion ihrer Geschichte: «Vor einiger Zeit war ich mit einem Mann zusammen, den ich sehr liebte. Wir waren verlobt und planten unsere Hochzeit. Das Hochzeitskleid war bereits ausgesucht, nur noch die letzten Details mussten geklärt werden. Er ist ein paar Monate vor der Trauung bei einem Autounfall ums Leben gekommen.»
Chantal hatte aufgehört zu kauen und starrte sie mit grossen Augen an. Es verstrichen ein paar Sekunden, bevor sie sich wieder gefangen hatte.
«Das hast du mir nie erzählt!».
«Ich weiss. Ich spreche nicht gerne über Silvan, weil es mir immer noch das Herz bricht. Aber aus Erfahrung kann ich dir sagen, Süsse, dass du ganz bestimmt merkst, wenn du bereit bist, dich hundert Prozent auf Algin einzulassen. Hör einfach auf dein Herz und sei ehrlich zu dir selbst. Dann klappt das mit dem richtigen Zeitpunkt bestimmt.»
Melanie musste ihrer Freundin und Arbeitskollegin zugutehalten, dass sie keine weiteren Fragen stellte. Ihr Gespräch drehte sich nach Melis Geständnis um die üblichen Themen wie Job, Urlaub und Mode. Kurz bevor die beiden Freundinnen aber ins Bürogebäude traten, umarmte Tally aber ihre Arbeitskollegin herzlich.
«Hab dich lieb. Vielen Dank für deine Zeit und dein offenes Ohr.»
Kurz nachdem sie nach einem intensiven Arbeitsnachmittag endlich zuhause angekommen war, klingelte es an Melis Wohnungstüre. Durch den Spion sah sie Anna, die ihr mit einer Flasche Prosecco bewaffnet entgegenlachte.
«Hey, Schwesterchen! Welch Überraschung! Hereinspaziert!»
«Ich hoffe, ich stör dich nicht, Liebes», sagte Anna, während sie Milo zu ihren Füssen ausgiebig streichelte.
«Für Leute, die Alkohol mitbringen, hab ich immer Zeit», entgegnete Meli lachend und gab die Türe frei. «Was führt dich zu mir?»
Anna kickte ihre Schuhe von den Füssen, warf ihre Jacke auf den Boden und liess sich auf das schwarze Ledersofa fallen. Dann seufzte sie laut.
«Ich brauche nur einen Flaschenöffner, Meli. Ich kann direkt aus der Flasche trinken», antwortete sie mit geschlossenen Augen.
Melanie kannte ihre Schwester gut genug, um zu wissen, dass nichts Schlimmes geschehen war und sie nur eine kleine Auszeit brauchte.
