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"Und Sirius hat es gesehen" ist die schonungslose Lebensgeschichte von Norbert Henze, der seine Kindheit in Heimen und Pflegefamilien der Nachkriegszeit verbringt. Was für viele eine behütete Zeit ist, bedeutet für ihn Missbrauch, Gewalt, Entbehrung und das ständige Gefühl, unerwünscht zu sein. Seine Erinnerungen an Schläge, Erniedrigungen und gebrochene Familienbande brennen sich tief in seine Seele ein. Doch trotz aller Dunkelheit gibt es auch Momente von Hoffnung und Verbundenheit - Freundschaften, erste zarte Gefühle und den Blick zu Sirius, dem hellsten Stern am Himmel, der ihm Kraft gibt. Jahrzehnte später, längst ein regional anerkannter Künstler, blickt Norbert in den Spiegel und fasst den Entschluss, sein Leben aufzuschreiben. Schonungslos ehrlich berichtet er von Missbrauch, Sexualität, Drogen, Gewalt - aber auch von Mut, Widerstandskraft und dem unbändigen Willen zu überleben. Dieses Buch ist kein leichter Stoff, sondern ein authentisches Zeitzeugnis. Es gibt Opfern eine Stimme, konfrontiert die Gesellschaft mit verdrängten Realitäten und zeigt zugleich, wie trotz tiefster Verletzungen ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben möglich ist. Henzes Lebensgeschichte in "Und Sirius hat es gesehen" diente zudem als Vorlage für den Dokumentarfilm "Jonathan - Ein Herz und tausend Seelen", der 2014 beim Unabhängigen FilmFest Osnabrück Premiere feierte. Ein bewegendes Werk für alle, die verstehen wollen, wie stark ein Mensch sein muss, um trotz widrigster Umstände nicht zu zerbrechen. Wichtiger Hinweis: Das Werk enthält Stellen mit expliziter Sprache, Gewalt- und Sexualdarstellungen. Diese sind Teil der authentischen Erzählweise und spiegeln die ehemalige Lebensrealität des Protagonisten wider.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für alle, die Verletzungen tragen, sichtbar oder unsichtbar – möge dieses Buch ihnen Mut machen, dass Heilung und Liebe möglich sind.
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Wichtiger Hinweis:
Die folgenden Seiten enthalten Stellen mit expliziter Sprache, Gewalt- und Sexualdarstellungen. Diese sind Teil der authentischen Erzählweise und spiegeln die ehemalige Lebensrealität des Protagonisten wider. Lesen Sie bitte nur weiter, wenn Sie keine Probleme damit haben.
Daniel Hopkins (* 14. November 1977 in Osnabrück) ist gelernter Redakteur, (Digital) Marketing Professional und PR-Manager. Er arbeitet als Experte für Unternehmenskommunikation und lebt in Merzen. „Und Sirius hat es gesehen - Vom Leben vergewaltigt“ ist sein erstes veröffentlichtes Buch.
Die folgenden Seiten beschreiben die tragische, aber auch manchmal schöne Geschichte des Künstlers Norbert Henze. Sie handelt vom Leben eines Mannes, der bereits im Kleinkindalter von den Eltern getrennt wurde und im Kinderheim aufwuchs. Norbert machte in seinem Leben viele grausame oder fragwürdige Erfahrungen.
Heute arbeitet der mittlerweile 64-Jährige als Metall- und Performance-Künstler in und um Osnabrück. Vor allem in den vergangenen Jahren wurde ihm immer bewusster, welches Leiden er jahrzehntelang ertragen musste. In Gesprächen mit anderen Menschen spürt er, wie seine Zuhörer gebannt an seinen Lippen hängen, wenn er die spannenden, traurigen und unglaublichen Geschichten aus seiner Vergangenheit erzählt. Nun ist die Zeit gekommen, seinen ungewöhnlichen Lebensweg zu Papier zu bringen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hierzu habe ich mich viele Male mit Norbert getroffen, um zu erfahren, was er in den vergangenen Jahrzehnten – vor allem aber in der Jugendzeit - genau erlebt hat und wie er sich damals fühlte. In den Abendstunden, vor dem lodernden Kamin in seiner Galerie sitzend, war es für uns beide nicht einfach, das Erlebte neu aufzurollen. Für ihn nicht, weil ihn seine Erinnerungen immer wieder mit tiefer Traurigkeit erfüllen. Für mich nicht, weil seine Erfahrungen an die Grenzen des Fassbaren stoßen, mich zutiefst erschreckt haben und mich in die Tiefen seiner Seele blicken ließen.
Zufällig berührt die Lebensgeschichte von Henze aktuelle Gesellschaftsthemen: die derzeitige Diskussion um die Behandlung und Entschädigung der gepeinigten Heimkinder der Nachkriegszeit oder auch die Vergewaltigungsvorwürfe durch die eigene Tochter gegen den verstorbenen Schauspieler Klaus Kinski. „Die Themen sind jetzt präsent“, sagt Norbert Henze. Vielleicht ein günstiger Zeitpunkt, um mit seiner eigenen persönlichen Geschichte zum Nachdenken anzuregen.
Beim Schreiben habe ich darauf geachtet, möglichst authentisch die Erzählweise des Protagonisten Norbert Henze wiederzugeben. Als Journalist und PR-Manager bin ich es seit Jahren gewohnt, Sachverhalte kurz und verständlich darzustellen.
Die Verwendung der teils expliziten Sprache dient der authentischen Darstellung der damaligen Lebensumstände des Protagonisten. Sie spiegelt den Sprachstil wider, den er zu jener Zeit tatsächlich benutzt hat.
Mir ist bewusst, dass ich noch weit davon entfernt bin, Geschichten mit dem Talent eines erfahrenen Schriftstellers zu schreiben und biete mit den folgenden Seiten sicher kein literarisches Meisterwerk. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass dieses Buch eine spannende Geschichte erzählt und bin zuversichtlich, dass sie bei den Leserinnen und Lesern dennoch mit ihrer Kurzweil auf Gefallen stößt. Die ersten Reaktionen nach Probelesungen lassen zumindest darauf schließen.
Die im Buch erwähnten Namen sind weitestgehend frei erfunden, um mögliche Persönlichkeitsrechte Dritter nicht zu verletzen. Angesichts der Brisanz, die stellenweise in den folgenden Zeilen steckt, hielten wir diesen Schritt für mehr als angebracht. Denn einige Beteiligte werden nicht nur in Verbindung mit moralischen Verfehlungen, sondern auch mit Straftaten gebracht. Zwar weilen die meisten Beschuldigten nicht mehr unter den Lebenden, jedoch möchte ich aus Respekt vor den Angehörigen die echten Namen in einigen Fällen in diesem Werk außen vorlassen.
Die Zusammenarbeit mit Norbert war von Beginn an geprägt von gegenseitigem Vertrauen. Trotzdem stellte mich die Arbeit mit ihm auf eine harte Probe. Seine innere Unruhe, seine Ungeduld, seine im Wechsel auftretenden Anfälle von Euphorie und Bedenken sowie die Einflüsse von anderen Menschen, die immer wieder zeitlichen Druck auf ihn ausübten, weil sie „endlich das Buch lesen“ wollten, sind nichts für schwache Nerven. Vor allem die Zeit des Lektorats muss für Norbert wie ein Projekt-Stillstand gewirkt haben. Mit Engelszungen hat sein Umfeld auf ihn eingeredet, er möge sich zurücklehnen und darauf vertrauen, dass wir das Buch gemeinsam und rechtzeitig zur Buchmesse 2013 in Leipzig fertigstellen werden. Er hat sich zurückgelehnt und wir haben es geschafft. Sie halten in diesem Moment seine Lebensgeschichte in Auszügen in ihren Händen.
Eine Geschichte, bei der immer wieder eine zentrale Frage im Raum steht: Wie konnte Norbert Henze den Absprung hin zu einem „normalen“ Leben schaffen? Die Antwort soll dieses Buch liefern…
Ich wünsche eine kurzweilige Lektüre
Daniel Hopkins
Sex, Drogen und Rock & Roll! Norbert ist mittlerweile 64 Jahre alt. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Aber auch nicht mehr als bei anderen in seiner Altersklasse – so viel verrät sein Blick in den Spiegel. „Ich stehe noch gut im Saft“, spricht er zu sich selbst. Und er hat Recht. Norbert macht einen eher sportlichen Eindruck. 1,87 Meter groß, schlank, muskulös und so gar nicht wie ein typischer Senior gekleidet. Seine markanten Gesichtszüge kommen bei seinem kahlen Kopf besonders zur Geltung. Sein ergrauter Dreitagebart lässt auf sein tatsächliches Alter schließen, doch in seiner Cargohose und in seinem hellen T-Shirt wirkt er, als wolle er auf ein Treffen von jungen Skateboard-Freaks. Nur das passende Rollbrett fehlt, um das entsprechende Erscheinungsbild zu vervollständigen. Norberts Blick wandert weiter über die Spiegelfläche. Sie zeigt den Flur, der einige Meter hinter seinem Rücken entlangführt. Dort stehen aus Metall geformte Kunstwerke. Fotorahmen zieren die in weinrot gehaltene Raufasertapete. Relikte der Erinnerungen. Oberhalb des Rahmens der Haustür tickt die ziffernlose Wanduhr. Sie zeigt auf Viertel nach Drei.
An diesem Morgen betrachtet Norbert sein Spiegelbild besonders intensiv. Er schaut sich tief in die Augen, bis sie ihm schließlich selbst fremd vorkommen. Es ist einer dieser Momente, in denen man mit sich selbst spricht, laut oder in Gedanken. Ein Moment der Selbstkritik oder Reflexion. Vielleicht sind es die vielen Erinnerungsstücke im Flur, die Norbert nachdenklich machen und in eine Art Trance versetzen. Vielleicht ist es aber auch nur Zufall. In diesem Moment zieht sein Leben im Zeitraffer vor seinem inneren Auge vorbei. Ein Leben, mit dem wohl keiner seiner Freunde und Bekannte, eigentlich niemand, tauschen möchte. „Man, hast du eine Scheiße durchgemacht“, sagt er, nickt sich selbst zu und findet sich in Gedanken in seiner frühesten Kindheit wieder.
Es ist Nachkriegszeit. Norbert ist ungefähr vier Jahre alt und nennt eine ehemalige Kaserne, das Adelheide-Delmenhorst-Wichert-Stift, sein Zuhause. Die britischen Besatzungstruppen hatten das Gelände mit den vielen Gebäuden zu einem Kinderheim umgebaut. Hunderte verwaiste Jungen und Mädchen finden dort nach dem Krieg eine neue Bleibe. Ein grässliches Gefühl der Angst kommt in Norbert auf. Seine Erinnerungen führen ihn in einen gigantischen Schlafsaal, in dem er unsanft von den anderen Kindern geweckt wird. „Um mich herum stehen viele Heimkinder und sie schreien entsetzlich. Vor meinem Bett geht ein Mann auf und ab. Ein großer Mann. Ich habe Angst. Irgendwann ist er weg und ich schlafe ein“, sagt er, sein Blick noch immer starr und leer im Spiegel.
Die ersten Erinnerungen an seine Zeit im Heim sind auch Gedanken an seine Geschwister. Vor seinem geistigen Auge zeigt sich das Bild seiner Schwester Waltraut, die ihn windelt und dabei lächelt. Norbert grinst zurück. Noch führt der kleine Dötz ein unbeschwertes Leben, behütet durch seine älteren Geschwister. Doch das soll sich bald ändern. Sehr bald.
Wenige Tage später kommt Unruhe in den Hallen des Heims auf. Die Kinder kreischen, drängen zu den Fenstern und schieben sich in die Eingangshalle. Es ist nicht zu verstehen, worum es geht. Die einzelnen Ausrufe gehen im Stimmgewirr unter und der kleine Norbert bleibt sitzen, schaut irritiert auf die Kinderschar. Sein Bruder Jürgen befreit ihn aus seiner scheinbar hilflosen Lage. „Komm‘ mit Norbert“, sagt er und zieht ihn aus dem Stuhl. Im Schlepptau sind auch Norberts andere Geschwister. In einer Reihe bahnen sie sich den Weg durch das Chaos von umgeworfenen Tischen und Stühlen. Erst Jürgen, der Älteste, mit dem kleinen Bruder an der Hand, gefolgt von Liona, dann Ann-Kathrin. Nur Waltraut fehlt noch, um die Geschwistertruppe zu vervollständigen.
In der Vorhalle des ehemaligen Kasernengebäudes herrscht reges Treiben und Geflüster. Noch immer wissen Norbert und seine Geschwister nicht, welchen Grund der Aufruhr hat. Sie drängeln sich durch die engen Gassen, die sich durch die bewegende Menschenmenge ergeben, bis sie kurz vor der verschlossenen Tür zum Stehen kommen. Während alle gebannt auf die Tür starren, wird geschubst und gerempelt.
Dann fängt einer aus den hinteren Reihen an zu rufen: „Waltraut hat einen Hof angezündet!“ Und er wiederholt sich, als wenn er noch mal mit Nachdruck auf das eben Gerufene hinweisen will. „Waltraut hat einen Hof angezündet!“ Die anderen Kinder fallen ein und rufen alle im Chor: „Waltraut hat einen Hof angezündet!“ Bevor Norbert, sein Bruder und seine beiden Schwestern sich einen Reim auf die hämischen Ausrufe der anderen Kinder machen können, tut sich etwas an der Tür. Die Kinderstimmen verstummen, gespenstische Stille.
Die große Tür öffnet sich leicht und Waltraut schlüpft durch einen schmalen Spalt in die große Eingangshalle. Als sie die Wartenden sieht, erstarrt sie und senkt beschämt den Kopf. Ihr Haar hängt in welligen Strähnen herab, die Spitzen ihrer Haarpracht sind angesengt. In der Halle breitet sich leicht beißender Brandgeruch aus. Es ist also wahr? Waltraut hat einen Hof angezündet? Ungläubig starren Jürgen, Norbert, Liona und Ann-Kathrin auf das junge Mädchen mit dem schwarz verschmierten Gesicht. Sie schaut hoch, erblickt ihre Geschwister, läuft zu ihnen rüber und sucht Schutz in ihrem Kreis.
Da stehen sie. Alle Fünf. Um sie herum lauern noch immer die anderen Kinder, die wieder das höhnische Lachen aufnehmen. „Ich sehe noch heute, wie wir losheulen. Ich fange an zu flennen und die anderen fallen ein. Immer, wenn einem von uns im Heim etwas zustößt, heulen wir Geschwister im Chor. Wie auch dieses Mal nach Waltrauts Spiel mit dem Feuer. Einige Kinder von gegenüber lachen, das Schreien wird weniger und erstirbt schließlich ganz. Unterbrochen nur von ein paar kleinen Schluchzern. Dann, Stille, die nicht enden will.“ Norberts Blick wandert auf seine Lippen, die sich im Spiegelbild bewegen. Allerdings ohne diese Bewegung bewusst wahrzunehmen. In seinem Kopf meldet sich die Stimme eines ehemaligen Erziehers, die ruhig spricht: „Kinder, geht in Eure Zimmer.“ Geräuschlos ziehen die kleinen Dötze ab.
„Ja, das sind meine Erinnerungen, wie ich sie heute habe. Schon tausend Mal habe ich die Geschichten erzählt.“ Nur dieses Mal ist es kein Fremder, der Norberts unglaublichen Geschichten lauscht. Dieses Mal ist er es selbst, vielleicht auch sein anderes Ich, welches sich seine Ausführungen anhört. „Beim Erzählen kommt immer wieder etwas hinzu, anderes fällt weg, wird beim nächsten Erzählen wieder erinnert. Erinnern ist wie ein Fluss. Und doch bleibt sie. Das, was ich erlebt und in meinen Erzählungen, Träumen immer wieder hin und her gewendet habe.“ Norberts Lippen bewegen sich nicht mehr. Es ist ein stiller Monolog, den er gerade führt und ihn in Gedanken zum Dialog mit seiner Schwester Waltraut führt. An diesem besonderen Tag im Heim.
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„Waltraut, was ist denn da los gewesen“, wollen die Geschwister wissen. Und sie erzählt aufgeregt ihre Geschichte vom Bauern Holtkötter, bei dem sie mit acht Jahren zur Pflege abgegeben wurde. Pfarrer Harmann hatte damals für die Vermittlung gesorgt. Er wandert jeden Tag gut gelaunt und wohlbeleibt mit prüfendem Blick durch die Kinderscharen. Harmann hat einen besonders guten Draht zu den Bauern und eine Art Sklavenhandel aufgebaut: Er sucht die Kinder aus, bringt sie als Pflegekinder zu den Bauern und dort müssen die jungen Dinger arbeiten bis zum Umfallen. Auch für Waltraut gibt es viel Arbeit und wenig Brot. Sie erzählt, wie sie vom Bauern und der Bäuerin geschlagen wurde. Mit dem Suppenlöffel, mit dem Teppichklopfer, mit allem, was sich gerade in Griffnähe befand und wehtat.
An diesem Tag sind die Pflegeeltern für viele Stunden nicht zuhause gewesen. Waltraut hat von ihnen den Auftrag bekommen, das Vieh zu versorgen und nach dem Rechten zu schauen. „Du weißt, was dir blüht, wenn was schiefläuft“, hat der Bauer ihr gedroht. Waltraut nickte stumm. Doch sie hat nicht das Vieh versorgt und hat nicht nach dem Rechten geschaut. Sie ist auf den Heuboden gestiegen und hat mit einem Streichholz eine Kerze entfacht, die sie zwischen den Halmen postiert hatte, ehe sie wieder hinabgestiegen ist und sich auf den Hof gestellt hat. „Als die Flammen aus dem Dach geschlagen sind, habe ich Angst bekommen“, erzählt Waltraut weiter. Sie ist in die Scheune gerannt, die Leiter hochgehastet, hat versucht die Flammen niederzutreten, hat sich die Hände verbrannt, das Haar versengt und ist mit knapper Not entkommen. Die Tränen haben ihr Gesicht verschmiert. Die Scheune ist nicht mehr zu retten gewesen.
,,Ach, Waltraut, erzähle die Geschichte noch einmal." Wir Kinder können gar nicht genug von der spannenden Story bekommen. Immer wieder erzählt sie von dem spektakulären Zwischenfall. Bis die Heimverwaltung eingreift und Norberts ältere Geschwister auf verschiedene Höfe in der Nachbarschaft verteilt. Eines Morgens fragt der kurze Kerl: „Wo sind denn Jürgen, Waltraut und die anderen?“. „Ach, die sind nicht weit von hier auf Bauernhöfen untergebracht“, lautet die Antwort des Erziehers. ,,Und du bist auch irgendwann dran.“ Viel später wird Norbert bewusst, dass dies der Tag war, an dem die Familie endgültig zerrissen wurde.
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Norbert schüttelt sich vor dem fast mannshohen Spiegel. Seine Augen blinzeln. Einmal, zweimal, dreimal. Er wischt sich mit beiden Händen durchs Gesicht, massiert energisch seine Schläfen, zieht dann seine Haut etwas nach unten, streicht mit seinen Fingerkuppen langsam am Kinn und schließlich am Hals entlang. Dann tätschelt er sein Gesicht kräftig mit den Händen - als wolle er sich selbst wecken. Viele Jahre später erfüllen ihn seine Kindheitserinnerungen noch immer mit Traurigkeit. Und das war erst der Anfang. Heute hat er sich zwar einen Namen als Künstler gemacht, kann von seinem Talent gut leben. Doch der Weg dorthin war mehr als steinig. Geprägt von Missbrauch, Sex, Drogen und Gewalt.
Norbert senkt den Kopf und betrachtet seine unbeabsichtigt zu Fäusten geballten Hände. „Du triffst jetzt eine Entscheidung“, sagt er wieder zu sich selbst. Langsam löst sich die Spannung in seinen Händen. Der rechte Arm hebt sich und Norbert richtet seinen Zeigefinger, begleitet von einer bestimmenden Mimik – einem verschärften Blick -, auf sein Spiegelbild. „Du schreibst jetzt deine Lebensgeschichte auf“, sagt er mit gehobener Stimme ohne, die genaue Intention seines Gedankens zu kennen. Noch nicht.
Er dreht sich um, geht geradewegs auf seinen Sekretär zu. Die Wanduhr zeigt Viertel vor Neun. Die Morgensonne wirft ihre wärmenden Strahlen auf den kleinen hölzernen Schreibtisch, auf dem einzig Norberts Laptop Platz findet. Er klappt ihn auf, öffnet das Schreibprogramm und fängt an zu tippen: „Was sind Mama und Papa?“
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Ich erinnere mich noch genau an die erste bedeutende Frage meiner Kindertage: WAS sind Mama und Papa? Ich bin fünf Jahre alt. Immer wieder schimpfen die anderen Heimkinder über ihre Eltern: „Meine Mutter ist eine Hure“, „mein Vater ist ein Säufer“, „meine Eltern haben mich verprügelt“. Selbst jene Kinder, die als Kriegswaisen im Heim untergebracht sind oder dessen Eltern sich aus anderen – zum Teil verständlichen Gründen, wie unvorstellbare Armut oder massive psychische Störungen – nicht um ihren Nachwuchs kümmern können, fluchen aus Frust über ihre Tatsache der Entbehrung ihrer Wurzeln. Schimpftiraden, die ich nicht von mir geben kann, denn mir fehlt schon allein der Bezug zu den Begriffen „Mama“ und „Papa“. Und so bleibt es natürlich nicht aus, dass ich diese erste entscheidende Frage auch den anderen Kindern stelle: WAS sind Mama und Papa? Während ich von den Anderen Gelächter und Spott ernte, reagieren meine Geschwister mit tiefer Traurigkeit und fangen an zu heulen. Jürgen, mein ältester Bruder, versucht mir unter Tränen mit einer nichtssagenden Antwort die Irritation zu nehmen: „Mama und Papa, das ist was ganz Schönes, was es aber kaum gibt.“ Ich bleibe irritiert und schweige eine Weile. Was soll ich nun glauben? Sind Eltern böse, weil sie rumhuren, saufen und Peiniger der Kinderseelen sind, oder sind sie was Schönes, was mir Jürgen weismachen will? Ich bin hin und hergerissen, verspüre aber schon in diesen Tagen eine tiefe Sehnsucht zu erfahren, wer meine Eltern sind. Wo mein Ursprung liegt.
Dieses Gefühl wirft die zweite bedeutsame Frage meiner Kindertage auf: WO sind Mama und Papa? Auch darauf weiß Jürgen eine Antwort, dieses Mal etwas präziser. „Die sind in Braunschweig“, sagt er und Waltraut, die Zweitälteste, holt aus: „Vor vielen Jahren kamen ein Mann und eine Frau mit zwei Polizisten und haben uns abgeholt und hierhergebracht. Du warst damals ein halbes Jahr alt.“ „Warum“, will ich wissen. Waltraut zieht mich zu sich auf den Schoß und beginnt, zu erzählen. Eine Geschichte, die mir noch heute in den Ohren liegt, als sei es gestern gewesen. „Mama konnte nicht für uns sorgen. Da waren die vielen Männer.“ Meine Mutter soll immer wieder Freier vor dem benachbarten Puff abgefangen und zur Beglückung in die Wohnung geschleppt haben. Und das alles, während Vater auf der Arbeit war und wir in unserem verschlossenen Zimmer ausharren und die Lustschreie unserer Mutter mithören mussten. Das ging eine ganze Weile so, ich weiß nicht wie lange. Bis Vater eines Tages früher von der Arbeit kam und das Treiben seiner Frau durchschaute. Das war das Ende der Ehe und der Anfang des totalen Chaos. Laut Waltraut hat sich unser Vater immer mehr zurückgezogen, sich schließlich scheiden lassen und unsere Mutter überließ uns praktisch unserem Schicksal.
An dem Tag, an dem der Mann und die Frau mit ihren Ausweisen vom Jugendamt in die Wohnung treten, steigt ihnen ein abartiger Geruch in die Nase. Es riecht nach Alkohol, Nikotin, Kot und Urin. Wochen der Verwahrlosung haben deutlich ihre Spuren hinterlassen. Der Anblick ist erschreckend. Überall säumen leere Bierflaschen, Zigarettenkippen, schmutzige Wäsche, verschimmelte Speisen und anderer Unrat die Räume. Wir Kinder müssen auf versifften Matratzen pennen und in den Schlafraum kacken, während sich unsere Mutter von den Freiern ficken lässt. Ein Nachbar ist damals auf die Missstände aufmerksam geworden und hat die Behörden eingeschaltet. „Plötzlich ging alles ganz schnell. Mama war nicht zuhause. Der Mann, die Frau und die Polizisten haben uns sofort mitgenommen“, sagt Waltraut. Unser gemeinsames Ziel: das Adelheide-Delmenhorst-Wichert-Stift. Wo ich jetzt auf dem Schoß meiner Schwester sitze und zum ersten Mal eine Geschichte von meinen Eltern höre.
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Plötzlich hält Norbert mit dem Schreiben inne. Eine Träne rinnt über seine rechte Wange hinab auf das dunkle Holz seines Sekretärs. Die Aufarbeitung seiner Erinnerungen weckt mehr Emotionen in ihm, als er zuvor ahnte. „Ich brauche eine Pause“, sagt er mit ruhiger Stimme zu sich selbst, steht auf und trottet den langen Flur entlang bis in einen großen gefliesten Raum, den er als Atelier für seine künstlerischen Werke nutzt. In einer Ecke steht ein schwarzer gusseiserner Kamin, dessen großes Ofenrohr dem Raum eine gewisse industrielle Anmut verleiht. In einer anderen Ecke steht ein Feuerkorb, den er selbst künstlerisch veredelte, verziert mit Figuren, die er in das schimmernde Metall mit einem Plasmaschneider freihändig kreiert hatte. Figuren, die er gerne als die „befreiten Seelen unserer Gesellschaft“ bezeichnet, begleitet von Blumen und Vögeln, die das Kunstwerk abrunden. Metallmalerei nennt Norbert diese Kunst. Er hebt den gläsernen Deckel des Feuerkorbs und entfacht die drei roten, dickbäuchigen Kerzen, die schließlich ihr Licht durch die Figuren abgeben. Dann dreht er sich um und zündet seinen Kamin an. Aus den anfangs kleinen Flammen wird dank des trockenen Holzes schnell ein loderndes, wärmendes Feuer. So etwas hat den Mittsechziger schon immer fasziniert. Für ihn sind Flammen der Inbegriff von Leben und Tod. „Es ist lebensspendend, aber kann auch lebensnehmend sein“, sagt er immer wieder.
Vertieft in das Flackern der Flammen resümiert er das soeben Geschriebene. Es sei doch schon erstaunlich, wie gut er sich noch an seine Kindheit erinnere. Immerhin ist das schon gute sechzig Jahre her. Er kann aber heute nicht mehr den genauen Zeitpunkt seiner Erlebnisse datieren. Vielleicht war er bei der ersten wesentlichen Frage seiner Kindheit nicht fünf Jahre alt, sondern erst vier oder gar schon sechs. Aber die Erinnerungen sind da. Es ist so passiert. Es mag viele Gründe geben, warum die Kindheitserlebnisse für ihn noch so unfassbar präsent sind. Doch ein Grund wabert nicht erst seit heute durch seinen Kopf: Die Zeit ist einfach prägend für ihn gewesen. Die Frage des Ursprungs begleitet ihn bis heute. Und die ganze Scheiße, die er später noch durchleben musste. Scheiße, die er jetzt zu Papier bringen will.
Norbert steht auf, schaut noch eine Minute ins Feuer und entschließt sich, weiterzuschreiben. „Da ist doch noch so vieles während meiner Zeit im Heim passiert. So viel unglaublich Ätzendes, aber auch Gutes“, murmelt er vor sich hin, während er wieder den langen Flur bis hin zu seinem Schreibtisch geht. Die Wanduhr zeigt mittlerweile Viertel nach zehn. Die Morgensonne knallt noch immer auf den kleinen hölzernen Sekretär. Norbert wischt sich einmal aufmunternd durchs Gesicht, klatscht voller Elan in seine Hände und tippt weiter: Die Zeit im Heim ist hart.
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Naja, was heißt schon hart. Vielmehr ist es eine Mischung aus „hart gespült“ und „weichgekocht“. Oder besser gesagt, ich lebe mein Dasein als Kind mit harter Schale und weichem Kern. Allerdings ist vieles davon Schauspielerei. Ich muss mich nach außen hin hart zeigen, um mich gegen die psychischen und physischen Verletzungen aus meinem Umfeld zu schützen. Innerlich führe ich einen Kampf mit meinen Emotionen. Ich flenne viel. Nachts im Schlafsaal, geräuschlos unter meiner Bettdecke, damit die
