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Sie war sechzehn, unerfahren und hatte niemanden, der sie gewarnt hätte - und ehe sie sichs versah, steckte sie in einer Beziehung mit einem selbstgefälligen Chauvi, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint ... Dies ist die Geschichte einer Frau, die es nach über fünfundzwanzig Jahren doch noch schaffte, sich den Psychotricks ihres Mannes zu entziehen, den Absprung zu wagen und mit über vierzig Jahren noch einmal ganz neu anzufangen. In ihrer Ehe hatte sie es für sich akzeptiert, dass dieses unterwürfige Dasein ihr Schicksal sein sollte. Viele lange Jahre ertrug sie seine endlosen Demütigungen in der Hoffnung, dass ihr Mann ein besserer Mensch werden würde ... wenn sie sich gut um ihn kümmern (nein) oder wenn er Vater würde (auch nicht), vielleicht würde ihn ja das eigene Haus zufriedener machen (von wegen). Nein, er brauchte einfach nur eine Leibeigene, die sich um sein Wohl kümmerte und an der er seine Launen auslassen konnte. Erst als sie ihren heutigen Lebenspartner kennenlernt merkt sie, dass das Leben, das sie bisher führte, eine bodenlose Verschwendung von Lebenszeit war. Sie beschließt zu handeln und ihren Mann, der sie schlechter als eine Magd behandelt, zu verlassen. Sie geht diesen Schritt, obwohl er nicht ohne Risiko ist und ihr viel Mut und Energie abverlangt - fünfundzwanzig Jahre Psychoterror und Unterdrückung hinterlassen Spuren! »… und tschüss, Harry« ist Mutmacher und Wegweiser für Frauen, die aus einer einengenden Partnerschaft ausbrechen wollen!
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2015
Susanne Dauner
… und tschüss, Harry
Copyright: © 2015 Susanne Dauner
Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Inhalt
Prolog
Rauswurf
Familie
Sommerferien
Achterbahnfahrt
Harry und ich
Neubeginn
Ultimatum
Veränderung
Hauskauf
Zeit
Zwiespalt
Gefühlswelten
Sorgen
Bruno
Gute Vorsätze
Urlaub
Sonntagswahnsinn
Geburtstag
Entscheidung
… und tschüss, Harry
Kompromisslos
Nachwort
Prolog
Ein letztes Mal schaue ich mich in meiner Küche um. Es ist aufgeräumt und sauber. Die hellen Strahlen der Nachmittagssonne werfen ihr weiches Licht auf die blanken Oberflächen der Kücheneinrichtung. Gewöhnlich stehe ich um diese Uhrzeit genau an dieser Stelle vor dem Herd und koche die warme Mahlzeit für Harry: Fleisch mit viel Soße, Spätzle und einen Salat. Sein Lieblingsessen.
In einer Stunde wird mein Mann von der Arbeit kommen. Er weiß noch nicht, dass ich die vergangene Nacht das letzte Mal neben ihm im Bett gelegen habe. Er weiß noch nicht, dass ich ihn heute und jetzt verlasse – und ich weiß noch nicht, wie er reagiert, wenn er erkennt, dass ich mit den Kindern ausgezogen bin. Heute Morgen war doch noch alles normal für ihn. Mich beschleicht Angst, ich könnte aber gleichzeitig die ganze Welt umarmen.
Es bleibt noch genügend Zeit, mir die Szenerie vorzustellen, wenn Harry in sechzig Minuten nach Hause kommt. Zuerst wird er schon im Hausflur vergeblich nach dem Duft seines Abendessens schnuppern. Noch bevor er die Küche betritt, wird er sich aufregen, dass noch kein Essen auf der Herdplatte steht. Erst langsam, ganz langsam wird er die beklemmende Stille im Haus erfassen und innehalten. Dann wird er überlegen, was heute anders ist. – Ein paar Möbel sind nicht mehr da. Die Kinder, Paul und Jule sind nicht da. Seine Gedanken werden sich überschlagen: Susi ist weg! Sie hat es nicht gewagt abzuhauen … Warum sollte sie das tun? Was denken denn jetzt die Leute im Dorf? Einen Harry verlässt man nicht!
Es wird höchste Zeit. Ich muss los. Egal, was kommen mag: Ein Zurück gibt es nicht! Ich lege meinen Hausschlüssel auf den Küchentisch. Kurz darauf ziehe ich die Haustür leise hinter mir ins Schloss.
Willkommen, Freiheit!
Rauswurf
Ein Samstag im Juli 1981. Zusammen mit meiner drei Jahre jüngeren Schwester Nina schaue ich zu später Stunde einen Gruselfilm an. Meine Mutter ist schon zu Bett gegangen und hat uns erlaubt, den Film zu Ende zu sehen. – Was soll der plötzliche Sinneswandel meiner Mutter? Üblicherweise müssen wir samstags um zweiundzwanzig Uhr in unsere Zimmer verschwinden. Mutters Zimmer befindet sich im ersten Stock des Hauses, in dem wir zur Miete wohnen – vielleicht möchte sie heute mit ihrem Freund Wolfram ungestört sein?
Nina und ich wollen die Gelegenheit nutzen und nach dem Film noch nach draußen gehen. Wir haben vor in unseren Schrebergarten zu gehen, um Erdbeeren zu pflücken. Die Vorfreude lässt uns das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Wir verbringen normalerweise nie viel Zeit miteinander. Dass wir jetzt zu so später Stunde hier zusammensitzen, ist eher eine Notlösung – wir wollten beide den Gruselfilm sehen, aber auf keinen Fall alleine.
Eigentlich weiß ich gar nicht viel über meine Schwester. Ich frage sie nie, was sie den ganzen Tag macht. Sie hat ihre Freunde und ich meine. Wir haben keine gemeinsamen Interessen. Was sie denkt und fühlt interessiert mich nicht im Geringsten, weil ich sie für die größte Petze halte, die je auf dieser Erde lebte. Wegen ihr ist meine Mutter immer bestens informiert, was mein zwei Jahre jüngerer Bruder Johannes und ich den Tag über anstellen. Deswegen haben wir kein Vertrauen und sprechen kaum mit ihr. Dabei wären so viele Fragen offen: Wie hat sie die Scheidung unserer Eltern vor sieben Jahren erlebt? Wie hat sie die Scheidung meiner Mutter von deren zweitem Mann erlebt? Wie kommt sie in diesem Dorf hier zurecht, in das wir deswegen vor einem Jahr umgezogen sind? Wie kommt sie in der Schule zurecht? Ich weiß im Moment nur eines ganz genau: dass meine Schwester den neuen Freund meiner Mutter genau so wenig leiden kann wie ich. Wolfram ist vor drei Monaten bei uns eingezogen und spielt nun seine Lieblingsrolle: den Oberkontrolleur! Er überwacht uns Jugendliche und erzählt am Abend, wenn meine Mutter von der Arbeit nach Hause kommt, die tollsten Lügengeschichten über ihre drei Halbwüchsigen.
Der Gruselfilm jagte uns mächtig Angst ein, dennoch ziehen wir unsere Schuhe an und verlassen durch die Haustür leise unser sicheres Heim. Natürlich warnte uns Mutter schon früh vor Männern, die Mädchen vergewaltigen. Deswegen hat sie mir verboten, zu trampen. Trotzdem mache ich das ab und zu, wenn ich erst am Nachmittag zur Schule muss. Doch was soll uns jetzt schon passieren? Wir sind ja zu zweit unterwegs.
Am Ende der Straße entdecke ich ein kleines Licht. Es kommt tanzend näher.
»Hey, was macht ihr da?«, ruft eine Stimme aus dem Lichtkegel heraus.
Knapp vor unseren Füßen hält Johannes sein Fahrrad an. Er kommt vom Festzelt. Der örtliche Fußballverein organisiert alljährlich ein Dorffest. Für drei Tage ist das ruhige Landleben dann passé – quasi Ballermann vor Ort für Frauen und Männer, die sich keinen Urlaub auf Mallorca leisten können.
»Äh, wir wollen noch ein bisschen rumlaufen«, sage ich leise.
»Nein, das macht ihr jetzt nicht«, sagt er bestimmt. »Wenn ihr nicht sofort wieder heimgeht, sage ich Mutter Bescheid, dass ihr euch draußen rumtreibt!«
Wenn er das wirklich macht, gibt es großen Ärger und ich habe wieder vier Wochen Hausarrest. Darauf habe ich überhaupt keine Lust mehr, die Hälfte meines bisherigen Lebens verbrachte ich mit Hausarrest. Die Auslöser waren Kleinigkeiten, wie zum Beispiel nicht pünktlich zu Hause zu sein. Weil Johannes ein Junge ist, hat er größere Rechte als wir Mädchen – und weil Mutter der Überzeugung ist, dass Johannes unter der Aufsicht seines Fußballvereins, in dem er aktives Mitglied ist, keinen Blödsinn anstellt.
Wieder zu Hause, begeben wir uns über die knarrende Holztreppe in den ersten Stock, wo sich unsere Schlafzimmer befinden. Zuvor putzen wir im Badezimmer kichernd die Zähne und ziehen die Nachthemden an; ich liebe mein knielanges, rotes Nachthemd, das von der vielen Wäsche schon ausgebleicht ist.
»Gute Nacht, schlaf gut!«, verabschiedet sich Nina und huscht in ihr Zimmer.
»Du auch!«, flüstere ich ihr zu.
Höchstens drei Mal habe ich ihr Zimmer betreten, seit wir hier wohnen. Bevor wir umgezogen sind, mussten wir uns ein Zimmer teilen. Laute Musik konnte ich nur ungestört hören, wenn sie nicht zu Hause war. Ihr Musikgeschmack unterscheidet sich deutlich von meinem. Deshalb genießen wir unsere eigenen Domizile.
Damit ich in mein neun Quadratmeter großes Zimmer gelangen kann, muss ich das Schlafzimmer meiner Mutter durchqueren. In der dunklen Stille mache ich leise die Tür auf. Immer wieder staune ich darüber, dass meine Mutter jede Nacht sehr tief schläft. Nie wacht sie auf, wenn ich durch ihr Zimmer in meines gehe. Um das laute Knarren zu vermeiden, drücke ich mit einem kräftigen Druck auf die Klinke und öffne langsam meine Tür. Erst als sie wieder geschlossen ist, mache ich das Licht an.
Sofort steigt mir ein bekannter Geruch in die Nase. Täusche ich mich, oder kann es sein, dass mein Freund Kalle vor Kurzem hier war? Erst vor einer Woche sagte ich ihm, dass er nicht wiederkommen soll. Ständig kommt er mitten in der Nacht, wenn er mal Zeit oder Lust darauf hat, mich zu sehen. Ich fühle mich benutzt.
Kalle ist mit seinen knapp achtzehn Jahren zwei Jahre älter als ich und macht gerade eine Ausbildung zum Zimmermann. Jeden Tag trägt diese typische Kleidung. In der schwarzen Schlaghose mit weißem Hemd und der ärmellosen Jacke sieht er einfach umwerfend gut aus. Leider sehe ich ihn an den Wochenenden nie, weil er seine freie Zeit mit seinen Kumpels in Kneipen verbringt. Viel mehr weiß ich über meinen Freund nicht. Zu ihm nach Hause darf ich auch nie, weil seine Mutter eine Antipathie gegen mich hegt. Vielleicht haben das alle Mütter, deren Söhne die erste Freundin mit nach Hause bringen. Wenigstens kann ich unter der Woche meinen schönen Zimmermann für kurze Zeit auf dem Dorfplatz treffen. Dort hält pünktlich um siebzehn Uhr der Bus, aus dem Kalle aussteigt. Meistens ist sein bester Freund Roland dabei.
Roland und ich sind in derselben Berufsfachschule, ich in der kaufmännischen und Roland als Sprach- und Rechengenie in der wirtschaftlichen Sparte. Nach der Schule geht Roland meistens noch zu einer sozialen Einrichtung, die ausländischen Kindern bei der Hausaufgabenbetreuung zur Seite steht. Roland kommt aus einer kinderreichen Familie aus dem Nachbarort, er hat acht Geschwister!
Ich schaue mich in dem kleinen Zimmer um; das Bett ist leer, auf dem schmalen altmodischen Sessel liegen ein paar ordentlich zusammengelegte Kleidungsstücke, in dem hohen Schrank befinden sich die Schulbücher, Kassetten, Schallplatten und ein paar persönliche Utensilien. Mein Fenster, das zur Hälfte geöffnet ist, befindet sich genau über der Haustür. Darüber ragt ein schmaler Vorsprung aus dem Mauerwerk. Diesen Vorsprung nutzt Kalle oft um unverhofft des Nachts in mein Zimmer zu gelangen, ohne dass meine Mutter davon Wind bekommt.
Der Geruch von Kalle lässt nicht nach. »Das ist ja jetzt nicht wahr«, murmle ich und öffne meinen Kleiderschrank. Da sitzt er! Zusammengekauert in meinem Schrank! Frech! Nein, ich möchte mit ihm keine Zeit mehr verbringen!
»Was soll das?«, zische ich so leise wie möglich. »Verlass sofort mein Zimmer! Ich will dich hier nicht mehr sehen.«
Kalle glotzt mich ungläubig an. So kennt er mich nicht. Bisher habe ich seine schrägen Einfälle ja auch immer für einzigartig befunden. »Sollen wir nicht doch noch mal reden?«
»Nein«, antworte ich mit fester Stimme. »Du gehst jetzt genau denselben Weg wieder raus, den du reingekommen bist!«
Keine Reaktion.
»Oder ich wecke meine Mutter auf!«, drohe ich und fühle mich bei diesem Gedanken plötzlich schlecht.
Nun bewegt sich Kalle etwas ungelenk aus dem Schrank und klettert, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Fenster. Ich höre die Sohlen seiner Schuhe auf dem Asphalt aufsetzen und bin froh, dass er das Weite sucht.
Das war ja einfacher als ich dachte! Ich hätte mehr Widerstand erwartet. Aber so ist es mir auch recht. Ein Gefühl des Stolzes keimt in mir auf. Ich habe einen Mann rausgeworfen, der mich ausnutzt, und ich fühle mich gut! Das wird mir nie wieder passieren. Nun weiß ich ja, wie einfach ein Rauswurf geht. Mir wird es nicht ergehen wie meiner Mutter, die zu allem, was der Mann möchte, Ja und Amen sagt, damit er nett zu ihr ist.
Während ich es mir in meinem Bett gemütlich mache, heizt mein Körper sich mächtig auf. Ich fühle mich zwischen der Federdecke und der Matratze wie ein gegrilltes Würstchen. Das wird wohl der Zorn über meine eigene Dummheit sein. Wegen Kalle bin ich nämlich völlig blank. Mein ganzes erspartes Kommunionsgeld sowie das hart verdiente Geld vom vielen Zeitungaustragen und der Heimarbeit mit Figürchenanmalen bin ich wegen seiner blöden Ideen los. Ich ärgere mich über mich selbst, weil ich bei dem Autoaufbruch mitgemacht habe – ich stand Schmiere.
Hartnäckig drängen sich die unangenehmen Erlebnisse in meine Gedanken. Ich kann jetzt nicht mehr einschlafen. Das mit dem Autoklauen war eine echt unangenehme Aktion …
Vor zwei Monaten, in der Nacht von Sonntag auf Montag, weckten mich Geräusche – kleine Steinchen klackten gegen meine Scheibe. Sofort stand ich auf um nachzusehen, ob mein Freund wieder mal Lust hatte, mich zu sehen.
Ich öffnete das Fenster und flüsterte lautstark: »Was machst du um diese Zeit hier? Du sollst doch tagsüber kommen!«
»Ja, ich weiß. Aber ich habe eine super Idee: Zieh dich an und komm runter.«
Erst jetzt sah ich in der Dunkelheit Roland und Victor, die etwas abseits neben Kalle standen. Victor wohnt drei Häuser neben uns und ist gerade in der Ausbildung zum Schreiner. Hatten die drei denn nichts zu tun? Sie mussten doch müde sein! So ein Aufgebot wegen mir? Mich faszinierten die Jungs. Sie machen einfach, was sie wollen. Ich glaube, dass ihre Eltern froh sind, wenn sie ihre Ruhe vor den Burschen haben. In der Regel haben Eltern die Nase gestrichen voll davon, sich ständig mit ihrem vorlauten Nachwuchs herumzuärgern. Resignation verschlimmert die Situation dann noch mehr. Ich überlegte ernsthaft, ob ich einmal Kinder haben wollte.
Schnell zog ich ein paar Kleidungsstücke über und kletterte aus dem Fenster, denn ich war neugierig, was die Jungs vorhatten.
»Wir machen jetzt eine kleine Spritztour mit einem Auto. Hast du Lust mitzukommen?«, fragte Kalle.
»Was? Mit was für einem Auto? Und wie soll das gehen? Ich muss morgen zur Schule.«
»Ja, wissen wir. Bis dahin sind wir locker wieder da. Keiner wird merken, dass du weg warst«, beruhigte mich Roland.
Eine Spritztour mitten in der Nacht … wie aufregend. »Ja, okay, wenn wir pünktlich wieder da sind!«
Einer der drei Jungs wusste, wo ein Wagen in einer Garage geparkt war, die nie abgeschlossen wurde. Wir wollten den Wagen nach Gebrauch wieder zurückstellen, denn der Besitzer sollte am nächsten Morgen gar nicht bemerken, dass er überhaupt bewegt worden war. Die Jungs waren so überzeugt von ihrem Vorhaben, dass ich keinen Rückzieher mehr machen konnte und auch nicht wollte.
Kurzerhand machten wir uns auf den Weg zu besagter Garage, es war alles ruhig. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie Roland und Victor den Wagen aus der Garage schoben. Bloß kein Lärm! Kalle war am Steuer. Er hatte doch noch gar keinen Führerschein und konnte trotzdem schon ein Auto fahren! Wir öffneten vorsichtig die Türen und stiegen ein. Roland und ich nahmen auf dem Rücksitz Platz, Victor war der Beifahrer. Und los ging es.
»Fahr nicht so schnell«, rief ich nach einer Weile.
»Keine Angst, Susi. Hab Vertrauen«, beschwichtigte mich Kalle.
Er trat aufs Gaspedal und fuhr viel zu schnell. Jetzt wünschte ich mir, friedlich in meinem kuschelig-warmen Bett zu liegen.
In der dunklen Nacht tauchten die Verkehrsschilder wie gelbe Warnkellen auf und schienen die Windschutzscheibe zu durchdringen.
Nach einer Stunde Fahrt kamen wir an eine Gabelung, wir mussten entweder nach rechts oder nach links abbiegen. Und was machte unser Fahrer? Er fährt mit voller Geschwindigkeit geradeaus direkt in die gegenüberliegende Böschung, auf der kleine, kräftige Bäume wuchsen. Das Auto überschlug sich einmal, bevor es in dem breiten Graben schräg auf dem Dach zum Liegen kam.
Wir überlebten alle nahezu unbeschadet, welch Glück im Unglück!
»Meine Brille, meine Brille ist weg!«, rief ich entsetzt. Dass meine Brille nicht mehr auf meiner Nase war, empfand ich in diesem Moment als weitaus schlimmer als den Unfall an sich.
Roland tastete sofort die Rücksitzumgebung ab und fand tatsächlich meine Sehhilfe. Wir quälten uns daraufhin aus dem verbeulten Auto.
Victor, der auf dem Beifahrersitz saß, rief plötzlich panisch: »Meine Beine! Meine Beine sind eingeklemmt! Ich kann nicht aussteigen!«
Sofort griff ich nach seinen Armen, die er mir entgegenstreckte, und zog ihn aus dem verbeulten Fahrzeug. Er musste erst einmal eine Weile innehalten, um seinen Schmerz zu orten und zu deuten. Humpelnd testete er seine Beinfunktionen und stellte mit Erleichterung fest, dass nichts gebrochen war. Wir beschlossen, in die nahegelegene Stadt zu laufen. Einen Plan, wie es weitergehen sollte, hatte keiner von uns.
Kilometerweit liefen wir durch den Wald, immer am Straßengraben entlang. Ab und zu mussten wir uns in der steilen Straßenböschung verstecken, um nicht entdeckt zu werden. Jederzeit konnte die Polizei auftauchen! In regelmäßigen Abständen lauschten wir in die Nacht hinein, konnten aber keine Polizeisirene ausmachen. Die unheimliche Stille und die Tatsache, dass niemand nach uns suchte, verunsicherten uns. Vielleicht nahm die Polizei unsere Spur in die anderen Richtungen auf. Eine Straßengabelung bietet immerhin drei Richtungsmöglichkeiten. Trotzdem wussten wir, dass unsere Tat nicht unentdeckt bleiben würde. Auf jeden Fall würde meine Mutter schnell bemerken, dass ich die Nacht nicht zu Hause war, bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgeben und zu Hause auf mich warten … irgendwann musste ich ja mal auftauchen. Der Eigentümer des Autos würde natürlich den Diebstahl melden. Wenn dann auch noch die Eltern von Kalle, Roland und Victor die Wecker nicht rasseln hörten, würden auch die bemerken, dass ihre Sprösslinge nicht in ihren Betten lagen. Spätestens dann würden unsere Eltern zusammen mit den Gesetzeshütern ahnen, was los war. Wir wussten auch, dass wir uns in einer äußerst prekären Situation befanden und das dicke Ende noch käme. Keiner von uns redete.
Im Morgengrauen hatten wir den Hauptbahnhof erreicht. Victor hatte Geld dabei und kaufte uns ein Frühstück.
Ich kaute auf meinem Brötchen und suchte nach einer Lösung, wie ich das nächste Problem angehen sollte: Mein Unterricht fing in zwei Stunden an! Meine Mutter würde mir keine Entschuldigung für den fehlenden Schultag schreiben.
»Ich muss jetzt erstmal in die Schule. Wartet ihr, bis ich wieder da bin?«
Drei müde Gesichter blickten mich an. »Was willst du jetzt in der Schule?«, fragte Roland.
»Ich will keinen Eintrag wegen unentschuldigtem Fehlen. «
Die drei sahen mich an, als ob das nun das Wichtigste des Tages wäre. Für mich war es wichtig! Mir war bewusst, dass das größere Problem noch kommen würde, doch das kleinere konnte ich jetzt zuerst lösen.
»Also, ich geh dann jetzt und hoffe, dass ihr nachher noch da seid.«
»Wir warten auf dich. Um ein Uhr fahren wir mit dem Bus zurück. Sei pünktlich wieder hier«, sagte Victor sachlich.
Ich lief quer durch die Innenstadt zu meiner Schule und war gespannt, wie meine Schulkameraden reagieren würden, wenn ich ungepflegt und übernächtigt ankam.
Meine Sorge sollte sich als unnötig herausstellen. Vielleicht lag es am Montagmorgen. Die Mädchen lehnten müde und gelangweilt an der Wand, dicht gedrängt um die Klassenzimmertür.
»Du siehst heute so blass aus!«, stellte Diana lediglich fest und Ilona fiel auf, dass ich meinen Schulranzen gar nicht dabeihatte.
»Den habe ich glatt vergessen, so schlecht ist mir«, sagte ich.
Schließlich kam die Lehrerin um die Ecke. Bevor sie die Tür zum Klassenzimmer aufschloss, sagte ich ihr, dass es mir sehr schlecht gehe und ich mich jeden Moment übergeben müsse. Sie musterte mich kurz und schickte mich nach Hause. War das einfach!
Als ich zur Wartehalle des Bahnhofs zurückkam, saßen die drei Jungs noch auf ihren Plätzen. Inzwischen hat einer von ihnen noch mal was zu essen gekauft. Ich biss herzhaft in das mir angebotene Wurstbrötchen. Nun stand uns das Schlimmste noch bevor: Wir mussten alle nach Hause zu unseren Eltern. Rasend schnell verging die Zeit. Schweigend liefen wir zur Haltestelle. Als der Bus kam, stiegen wir ein mit dem bangen Wissen, dass in fünfundvierzig Minuten alles auffliegen würde.
Meine Mutter erwartete mich schon mit einem Riesendonnerwetter. Sie war heute nicht zur Arbeit gegangen. Natürlich hatte sie bemerkt, dass ich diese Nacht nicht zu Hause war. Die Polizei hatte sie bereits von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt. Meine Mutter sprach sechs Wochen Hausarrest für mich aus und schickte mich zum Nachdenken sofort in mein Zimmer. Für die Gerichtsverhandlung musste ich einen Rock und eine Bluse anziehen und sah richtig brav aus. Die Gerichtsverhandlung war nicht öffentlich. Lediglich ein Richter und drei Schöffen waren anwesend. Die Verhandlung dauerte nicht lange. In der Mitte des Saales saß ich alleine auf einem Holzstuhl. Die Fragen des Richters beantwortete ich wahrheitsgemäß und weil ich so auskunftsfreudig und reumütig wirkte, bekam ich nach dreißig Minuten mein Urteil: Zweieinhalbtausend Mark war mein Anteil am Schadenersatz – weil ich nur mitgefahren bin. Ich war zur Tatzeit noch keine sechzehn Jahre alt. Das Geld musste ich durch Ferienarbeit selbst verdienen.
Meine Mutter machte mir klar, dass ich das alleine zu bezahlen hatte: »Du musst du bezahlen. Ich nicht! Dann machst du so einen Scheiß nie wieder – hoffe ich.« Ihr verächtlicher Blick tat weh, das Geld herzugeben noch mehr. Es war mein in vielen Jahren angesammeltes Erspartes. Alles weg!
Ich schrecke auf. Wolfram schnarcht lautstark. Ich höre sein Röcheln durch meine geschlossene Zimmertür ganz deutlich. Er stört. Er stört den ganzen Tag. Geht er überhaupt arbeiten? Jetzt kann ich überhaupt nicht mehr einschlafen. Meine Gedanken kehren zu Kalle und seinen Kumpels zurück.
Ein paar Tage nach der Gerichtsverhandlung traf ich auf der Straße auf Kalle und Roland.
»Hoi, Susi«, rief mir mein Ex-Freund aufmunternd zu. Er grinste. »Na, wie lief es bei der Verhandlung?«
»Wie wohl! Meine ganze ersparte Kohle ist futsch! Zweieinhalbtausend muss ich dem Autobesitzer bezahlen. Und ihr?«
»Der hier«, Kalle zeigt mit seinem Daumen auf Roland, »und Victor müssen das Doppelte bezahlen, weil sie schon volljährig sind. Ich zahle den Rest vom Fahrzeugwert und weil ich ohne Führerschein gefahren bin, darf ich in nächster Zeit überhaupt keinen Lappen machen.«
»Davon hat der Richter mir nichts angedroht. Es sind bei mir ja auch noch zwei Jahre hin. Falls du es noch nicht vergessen hast – ich werde nächsten Monat sechzehn Jahre alt«, sagte ich tonlos.
Kalle fiel mir ins Wort: »Du, ich will nicht lange um den Brei reden.« Er machte eine kurze Pause. »Hast du Lust auf einen Nebenverdienst?.«
»Was für ein Nebenverdienst?«, fragte ich skeptisch.
»Mein Vater braucht noch eine Darstellerin für einen Film. Er ist ins Filmgeschäft eingestiegen. Da dachte ich, das wäre die Chance für dich!«
Ich kannte seinen Vater vom Sehen. Einmal durfte ich das alte, kleine Haus von seinen Eltern betreten. Seine Mutter war nicht zu Hause. Wahrscheinlich war sie gerade bei der Arbeit in der Molkerei. Sein Vater saß in dem düster eingerichteten Wohnzimmerchen in einem abgewetzten grünen Sessel vor dem Fernseher. Auf seinem dicken Bauch stand eine geöffnete Bierflasche, die er mit seinen dicken Wurstfingern fest umschlossen hielt. Die wenigen dünnen Haare lagen fettig und feucht nach hinten gekämmt auf der glänzenden Kopfhaut. Seine Augen glotzten verklärt in den Fernseher. Mich nahm er kaum wahr. Mir war klar: In dem Hirn dieses Mannes konnte keine lukrative Geschäftsidee entstehen.
»Was für ein Filmgeschäft?«, fragte ich forsch.
»Pornos«, antwortete Kalle.
»Pah, das kannst du vergessen!.« Ich war schockiert. »Was denkst du eigentlich, was ich für eine bin? Und du, Roland? Du machst bei dieser Sauerei mit? Minderjährige zu fragen, ob sie Pornos machen wollen! Ist doch verboten! Ich fall vom Glauben ab! Das könnt ihr knicken!«
Verständnislos blickten die beiden mich an. Bei der Vorstellung, dass ich mich nackt ausziehen müsste, dass mich schmierige Typen anfassen würden und Schlimmeres, bekam ich Ekelgefühle. Meine Ehre und Ehrlichkeit hatte ich wegen Kalle aufgegeben und war eine Diebin geworden, aber meinen Körper werde ich nicht verkaufen. Und meiner Mutter konnte ich diese Schande nicht antun. Sie würde sich über mich bis an ihr Lebensende grämen. Ihre Hoffnungen und Erwartungen an mich hätten sich vollends in Luft aufgelöst. Aus mir sollte eigentlich mal was werden.
Alle weiteren Überredungskünste von Kalle und Roland prallten an mir ab wie ein Wasserstrahl auf einer öligen Fläche.
Wie sind die Männer gepolt, frage ich mich. Setzt der Verstand aus, beim Anblick von nackten Frauen? Ist das ansteckend? Sind alle Männer sexistisch? Wie sehen sie ein weibliches Wesen und was für einen Wert hat es? Ist eine Frau nur ein ES? Ich denke an die Worte meiner Mutter, als sie eines Tages ohne weitere Erklärung sagte, dass ich froh sein müsse, jemals einen Mann zu bekommen. Was meinte sie damit? Bin ich zu hässlich? Zu dumm? Nicht würdig genug? Gibt es nicht genügend Männer?
Wie auch immer. Ich sage der Männerwelt erst mal Auf Wiedersehen!
Familie
Heute ist der erste freie Schultag. Die Sommerferien beginnen!. Ein Jahr der zweijährigen kaufmännischen Berufsfachschule habe ich trotz der turbulenten Vorkommnisse gut hinter mich gebracht. Mir ist langweilig. Seit der Aktion mit dem Autodiebstahl bin ich auch dem letzten Menschen im Dorf bekannt. Nirgendwo bin ich ein gern gesehener Gast. Die Leute auf der Straße grüßen mich nicht mehr. Freundinnen habe ich bis jetzt keine gefunden. Wenn man hier nicht von klein auf zur Schule gegangen ist, findet man kaum Anschluss.
Ich beschließe in den Nachbarort zu fahren. Dort lebt die Familie von Roland. Vielleicht bin ich bei seiner Familie willkommen. Schließlich war er beim Autoklauen auch dabei. Um neun Uhr nehme ich mein Fahrrad und radle in den sechs Kilometer entfernten Nachbarort. Mit Leichtigkeit fahre ich am rechten Fahrbahnrand über den glatten, kurvigen Asphalt. Hin und wieder überholt mich ein motorisiertes Fahrzeug. Roland hat mich schon ein paar Mal zu sich nach Hause eingeladen. Ich weiß, dass er mich gerne zur Freundin hätte und auf mich steht. Aber er ist ganz und gar nicht mein Typ. Er hat dunkelbraune Haare und ein kantiges Gesicht. Mir hingegen gefallen hochgewachsene hellblonde Typen mit klaren blauen Augen und weichen Gesichtszügen.
Während des Radelns denke ich zurück an die Zeit mit Kalle, der nach wie vor Rolands bester Kumpel ist. Zwar war ich mit Kalle ich nicht lange zusammen, aber mit Stolz kann ich sagen, dass ich schon einen ersten Freund hatte. Obwohl ich mit Kalle fest zusammen war, hatte Roland immer wieder dreist versucht, mich zu küssen. Dann, in der Dunkelheit einer lauen Nacht im Mai, drückte Roland mich an eine Hausmauer und schob mir völlig überraschend seine Zunge bis zum Anschlag in den Mund. Wie ekelhaft! Starr vor Schreck blieb ich an der Hausmauer kleben, bis ich Roland von mir wegschieben konnte. Das Schlimmste aber war, dass Kalle danebenstand und lachte. Er fand es offensichtlich lustig, mit seinem Freund auch seine Freundin zu teilen. Dieser Idiot! Ich war so wütend auf ihn, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Ich solle mich nicht so aufregen, meinte Kalle. Er habe Roland erlaubt, dass er mir einen Zungenkuss geben darf. An was für einen Typen war ich da bloß geraten?
Ich fahre am Ortsschild vorbei. Hier, sechs Kilometer von zu Hause weg, beginnt für mich eine neue Zukunft. Ich will mich ändern! Ja. Ich möchte nicht mehr anderen Menschen gerecht werden und deren Erwartungshaltung entsprechen! Nie wieder möchte ich mich nur nach anderen richten, damit es ihnen besser geht, wenn sie mich benutzen. Ich möchte Nein sagen können. Ich möchte nach meinen eigenen Vorstellungen leben. Ich möchte einfach nur ich sein. Mir kommen Zweifel. Wie kann ich mein Vorhaben durchsetzen? Falle ich nicht schnell wieder in das alte Verhaltensmuster? Vielleicht ist es gerade meine Angst vor der Zukunft, die Existenzängste hervorruft und alles, was damit zusammenhängt, was meine Weiterentwicklung bremst. Ich werde versuchen, dagegen anzugehen.
Schon erreiche ich das dreigeschossige Einfamilienhaus von Rolands Familie, das mitten im Dorf an der Durchgangsstraße steht. Weil er mich schon öfter eingeladen hat, kenne ich seine acht Geschwister und seine Mutter Rosa. Seitlich der Einfahrt stelle ich mein Fahrrad ab. Dabei wähle ich einen guten Platz direkt unter dem Küchenfenster, so kann ich immer kontrollieren, ob mein schönes neues Fahrrad noch da ist und es niemand klauen kann!
Über fünf Treppenstufen erreiche die Haustür. Der Schlüssel steckt. Jedermann könnte ungefragt das Haus betreten. Ich benutze erst einmal die Türklingel. Horst, mit seinen elf Jahren der Zweitjüngste, öffnet und lacht mich freudig an.
»Hallo, Horst. Ist Roland da? Ich möchte ihn besuchen«, frage ich, aber ich will eigentlich gar nicht zu Roland. Ich suche Gesellschaft. Quasi eine Familie. Meine Mutter hat ja nur Ärger mit mir und ist froh, wenn sie mich nicht sehen muss.
»Der ist noch im Bett. Sind ja Ferien«, sagt Horst und schaut mich unentwegt mit einem breiten Lächeln an.
Bin ich eine Außerirdische? Warum glotzt der Kleine so?
»Komm rein«, sagt Horst und macht einen Schritt zur Seite.
Ich betrete den Hausflur.
Rosa kommt aus der Küche. »Hallo, Susi. Besuchst du uns heute? Na, komm rein. Brauchst nicht so zu schauen. Bei uns bist du willkommen. Du kannst gerade sowieso nirgendwo anders hin.«
Ich nicke.
»Und … was soll ich sagen … Roland war ja auch dabei.« Rosa atmet tief ein um dann wieder langsam auszuatmen.
»Danke«, sage ich erleichtert. Der erste Schritt in eine neue Familie ist getan.
»Geh ins Esszimmer. Du kannst mit uns frühstücken.«
»Aber gerne«, antworte ich und setze mich an den langen, schweren Holztisch. Der verlockende Duft von frischen Brötchen steigt in meine Nase. Mein leerer Magen knurrt. Ich setze mich auf einen der Holzstühle. Horst setzt sich auf den Platz gegenüber und greift nach einem Brötchen.
Ich mache es ihm nach. »Bei uns zu Hause gibt es nie Brötchen. Wir kaufen immer Brot. Dazu gibt es immer pflanzlichen Fettaufstrich und die ewig langweilige selbst hergestellte Marmelade«, sage ich zu Rosa. Sie steht an der Stirnseite des wuchtigen Holztisches und beobachtet mich.
Hastig schneide ich mit einem scharfen Messer mein Brötchen in der Mitte auseinander und bestreiche beide Hälften dick mit Butter und der gekauften Marmelade. Herzhaft beiße ich hinein. Wie köstlich das schmeckt!
Fast im Minutentakt geht die Esszimmertür auf. Bei jedem Öffnen betritt ein neues Gesicht den Raum und gesellt sich an einen der freien Plätze rund um den Tisch. Beim Ziehen an der Lehne des Stuhles schleifen die Metallplatten, die unter den Stuhlfüßen befestigt sind, über den gefliesten Fußboden. Keiner stört sich an dem unangenehmen pfeifenden Geräusch.
Da sitzen sie nun alle am Tisch: Chris ist der Jüngste mit zehn Jahren, es folgen im Jahresrhythmus Horst, Saskia, Emil, Gerda, Roland, Jens und Charlotte, die mit ihren zweiundzwanzig Jahren die älteste Tochter ist.
Rosa steht noch an der Stirnseite des Tisches, mit dem Rücken zur Küche gewandt. Sie betrachtet ihre hungrigen Kinder. Seit den frühen Morgenstunden ist sie auf den Beinen und hat schon die Tageszeitungen im Dorf verteilt. Ein Krug frische Milch von den eigenen Kühen steht auf dem Tisch. Beim hiesigen Bäcker hat Rosa drei Tüten frische Brötchen gekauft. »Hat jeder was zu trinken? Kaffee, Tee, Trinkschokolade?«, fragt sie in die Runde bevor sie Platz nimmt. Alle nicken zufrieden mit einem kurzen »Ja, alles okay.«
Ein Stuhl am Tisch bleibt frei. »Warum setzt sich dort niemand hin?«, frage ich in die Runde.
Gerda antwortet: »Der bleibt immer frei. Das ist Harrys Platz.«
»Kommt er auch zum Frühstück?«
»Nein. Weißt du, Susi, der fährt jede Nacht die Tageszeitung aus und geht deswegen erst um sieben Uhr morgens ins Bett.«
»Jede Nacht, auch an den Wochenenden?«, frage ich neugierig.
»Ja, auch an den Wochenenden. Da fährt er von Samstag auf Sonntag die Sonntagszeitung aus.«
Ich nicke staunend und greife zu meiner Tasse. Kaffee trinke ich üblicherweise nie. Mir schmeckt das Zeug nicht.
»Und einmal die Woche, jeden Donnerstag, fährt er tagsüber die Wochenzeitung aus«, fährt Rosa fort.
Ein Hustenanfall hindert mich am Sprechen. Ich habe Mühe, die schwarze Flüssigkeit nicht über den Tisch zu spucken. »Das ist bei einer Siebentagewoche ein Achttagewochenjob«, sage ich entsetzt. Der Typ tat mir jetzt schon leid.
»Seit mein Mann vor zwei Jahren gestorben ist, führt Harry das Fuhrunternehmen weiter. Tagsüber repariert er unsere zwei Lieferwagen in seiner Werkstatt – wir sind Subunternehmer und müssen deswegen die Fahrzeuge stellen.«
Überrascht schaue ich in die vielen Gesichter um mich herum:
»Warum kann er die Autos reparieren?«
Horst ruft stolz: »Weil er Kfz-Mechaniker gelernt hat. Das will ich auch mal werden.«
Ich nicke unentwegt. Jetzt bin ich mächtig gespannt auf diesen Supermann, der alles kann. Was der schon alles mit seinen zwanzig Jahren geschafft hat! Als ältester Sohn übernimmt er damit eine große Verantwortung für seine Familie. Obwohl ich Roland schon besucht habe, bin ich diesem Harry noch nie über den Weg gelaufen. Ist ja klar … wenn er immer so viel arbeitet.
Das Frühstück ist beendet. Rosa beginnt den Tisch abzuräumen. Die Kinder schauen ihr dabei zu. Charlotte holt einen Besen und fängt in einer Zimmerecke an, den Fußboden zu kehren. Ich schiebe meinen Stuhl beim Aufstehen nach hinten weg. Wieder das laute kratzende Geräusch. Eifrig trage ich das Geschirr in die geräumige Küche. Auf der Ablage der Spüle stapelt sich das Geschirr, bevor Saskia die Spülmaschine einräumt. Die fünf Jungs müssen im Haushalt nicht mithelfen.
Ich plappere drauf los: »Wir haben zu Hause keine Spülmaschine. Wir spülen alles Geschirr von Hand. Eine Woche habe ich Abwaschdienst, eine Woche mein Bruder, die Woche darauf meine Schwester. Mein Bruder Johannes glaubt, dass Abwaschen Weiberarbeit ist und bezahlt Nina fünf Mark Bestechungsgeld pro Abwasch.«
»Echt?« Saskia bleibt der Mund offen stehen.
Mein Blick schweift über die Küchenschränke. Die Fronten sind sehr abgenutzt. Die Dunstabzugshaube über dem Herd trieft vor Fett. Um die Spüle herum ist die Küchenarbeitsplatte vom Wasser teilweise aufgeweicht. Über die Mängel und den Schmutz sehe ich großherzig hinweg. Bei so vielen Menschen im Haushalt ist der schlimme Zustand wohl üblich, denke ich. Vor dem Heizkörper sind zwei große blaue Zwanzigliter-Plastikeimer platziert. Sie sind mit einer stinkenden Flüssigkeit und Essensresten gefüllt. Rosa schabt über einem der Eimer die Essensreste von einem Teller. Beim Aufprall auf die wässrige Oberfläche platscht der breiige Tellerrest über den Eimer heraus und spritzt an den Heizkörper, der schon mit vielen angetrockneten dunkelbraunen Flecken überzogen ist. Charlotte nähert sich mit dem Besen und kehrt unaufhaltsam über jeden Quadratzentimeter hinweg. Dabei ist es egal, ob der Fußboden an manchen Stellen nass ist. Gerda läuft barfuß durch die Küche, während sie die Reste des Nugataufstrichs von ihrem Messer ableckt und es anschließend in die Spüle wirft. Wow. Ich bin beeindruckt. Hier ist wirklich was los.
»Was musst du jetzt machen, Rosa?«, frage ich.
»Oh, du kannst mir helfen und mit in den Stall gehen. Ich muss noch den Kuhstall ausmisten und die Schweine füttern. Komm, wir nehmen einen Kübel für die Schweine mit!« Schon angelt sie nach dem Griff eines der blauen Eimer und ich packe mit an. Rosa hat einfach über mich bestimmt, was ich tun soll. Ich habe mich nicht gewehrt. Das ärgert mich.
Von der Haustür sind es nur ein paar Meter in den Stall. Die zwei Schweine grunzen lautstark, als sie uns kommen hören. Als wir die Stalltür öffnen, schleppen sie sich durch den tiefen matschigen Kot zum Trog. Hungrig fallen die beiden fetten Tiere über die stinkende Brühe her und schlabbern in Windeseile den Trog leer. Rosa legt heiße, frisch gekochte Kartoffeln nach, die sie vorsichtig mit einer überdimensionalen Schöpfkelle aus einem riesigen Zuber heraus hebt.
»Aber Rosa! Die sind ja noch heiß! Die verbrennen sich doch ihre Nasen!« Entsetzt beobachte ich, wie die Schweine sich grunzend über die heißen Kartoffeln hermachen.
»Keine Sorge. Die kennen das und passen schon auf. Wir bauen die Kartoffeln auf unserem Acker an, die Kleinsten sind für die Schweine. Da kommen schon einige Kilo zusammen.«
Anschließend gehen wir in den nebenan liegenden Kuhstall. Uns beäugen vier Kühe und ein Bulle, der am Ende des Stalles an der Wand steht. Die Bewegungsfreiheit des Bullen ist durch eine dicke Kette, die an seinem Nasenring befestigt ist, stark eingeschränkt. Die Kühe stehen frei auf ihren Plätzen.
Rosa hält mir eine Mistgabel entgegen »Willst du mithelfen?«, fragt sie zögernd.
»Ja, gerne«, antworte ich und mache ihr die Bewegungen nach. Das mit Mist durchmischte Stroh auf der Gabel werfe ich mit Leichtigkeit in die dafür bereitstehende Schubkarre. Die Arbeit macht mir Spaß. Endlich mal körperliche Arbeit in einer exotischen Umgebung.
Die Schubkarre ist schnell gefüllt. Vor dem Stall türmt sich ein riesiger Misthaufen, an dem wir die Karre wieder und wieder entleeren.
Ich möchte noch mehr ausmisten und nehme mir den Schweinestall vor. Rosa lässt mich alleine weiterarbeiten. Aus dem Stallfenster sehe ich ihr nach. Sie stemmt die Arme in die Hüften und stellt sich an die Straße, wo sie die vorbeigehenden Hausfrauen abpasst, die vom Einkaufen aus der Metzgerei kommen. Eine nach der anderen. Wenig später höre ich Gesprächsfetzen, die kein Ende nehmen. Den neuesten Klatsch und Tratsch vom Ort aus erster Hand auszutauschen ist Rosas wichtigster, aber auch zeitraubendster Lebensinhalt. Bekleidet mit ihrer ärmellosen ausgeblichenen hellblauen Schürze steht sie den lauschenden Frauen, die mit luftigen Röcken und feinen Blusen bekleidet sind, gegenüber. Die schicken Frisuren der gepflegten Damen stehen im krassen Kontrast zu Rosas halblang gekräuselten Dauerwellen-Look, passend zu ihren aus der Schürze wuchernden Achselhaaren. Breitbeinig steht sie in ihren dunkelgrünen Gummistiefeln fest auf dem Gehweg und bewegt sich nicht von der Stelle.
Jedes Mal, wenn ich mit der aufgehäuften Schubkarre aus dem Schweinestall komme, sehe ich zu den Frauen hinüber. Sie werden doch nicht über mich und meine kriminelle Vergangenheit reden? Hektisch versuche ich, die schwere Schubkarre umzustürzen. Zielgenau schütte ich den stinkenden Inhalt auf den schon beträchtlich angestiegenen Misthaufen. Inzwischen sind meine braunen Stoffturnschuhe von dem dunklen Matsch durchtränkt. Die Sohlen sind gefährlich rutschig. Ein gewagt großer Schritt bringt mich aus dem Gleichgewicht. Ich werfe meine beiden Arme in die Luft und versuche mit kreisenden Propellerbewegungen mein Gleichgewicht zu halten. Wie peinlich wäre es, wenn ich jetzt in voller Länge in den Mist fiele! Die Frauen schauen zu mir rüber. Schon falle ich nach vorne, strecke meine Hände aus und kann mich gerade noch abstützen. Das war knapp. Schnell streife ich den Mist von meiner Hose ab, schnappe die Schubkarre und verschwinde wieder im Stall. Die zwei Schweine laufen grunzend auf mich zu und stoßen freundschaftlich ihre Nasen gegen meine Beine. Ich begegne ihnen mit Respekt und Abstand. Auf keinen Fall dürfen die kräftigen Tiere bemerken, dass ich Angst vor ihnen habe.
Nach einer Stunde Klatsch und Tratsch am Straßenrand kommt Rosa gut gelaunt auf mich zu. Erholt und gestärkt kann ihr Tag an diesem Spätnachmittag neu beginnen. Ich dagegen bin total erledigt und ausgepowert. Ich lehne mich an die kühle, weiß gekalkte Steinwand. Rosa ist mit meiner Arbeit zufrieden. Ich darf zum Abendessen bleiben.
An dem überaus reichlich gedeckten Tisch setze ich mich hungrig auf einen freien Stuhl. Erneut sind alle Plätze rund um den Tisch belegt, nur der eine vor dem Fenster ist noch frei. Gespannt warte ich, ob Harry diesmal kommen wird. Er muss ja auch mal was essen.
Während wir nacheinander unsere Teller mit Kraut, Fleisch und Hefeknödeln füllen, sehe ich wie eine kräftige Hand die Tür öffnet. Sogleich erscheint ein muskulöser Unterarm. Der Rest des Körpers ist sehr schlank und überaus sportlich. Das Deckhaar der blonden Haarpracht fällt über die Stirn in ein schmales Gesicht mit tief liegenden blauen Augen. Müde und traurig ist der Blick. Ein eng anliegender leichter Feinstrick-Pullover in weinroter Farbe betont die drahtige Figur des jungen Mannes. Auf der abgewetzten Jeanshose sind ein paar Ölflecken zu sehen. Mit forschen Schritten im festen Schuhwerk steuert er auf den freien Stuhl vor dem Fenster zu. Grußlos nimmt er seinen Platz ein.
Es ist ruhig geworden. Die Schöpfkellen fasst niemand mehr an. Freie Bahn für Harry. Er häuft einen riesigen Berg auf seinen Teller, beugt sich darüber und schiebt in geübten Bewegungen die aufgehäufte Gabel in seinen Mund. Dabei klemmt er das Gabelende zwischen Ringfinger und kleinen Finger. Mit wippendem Daumen erzeugt er eine enorm schnelle Hebewirkung. Die Technik fasziniert mich. Sie wird von allen Jungs und auch von Mutter Rosa beherrscht.
Der Teller von Harry ist fast leer, als er ihn plötzlich in die Mitte des Tisches schiebt. Offensichtlich hat er keinen Appetit mehr. Anschließend greift er nach der Glasflasche mit der Zitronenlimonade. Zischend öffnet er den Schraubverschluss und füllt das schon bereitgestellte Glas mit dem sprudelnden Nass. Jetzt beginnt er, die Tageszeitung zu lesen. Währenddessen nippt er immer wieder an seinem Glas. Bald ist die Flasche leer und seine Verdauung beginnt. Er stößt regelmäßig auf.
Rosa trinkt ihr Bier aus der Flasche und stößt ebenfalls auf. Die Luft ihres gärenden Mageninhalts von Kraut, Hefeknödeln und Fleisch weht über den langen Tisch hinweg. Ich atme eine Nase voll des übel riechenden Magenwindes ein. Boah, das stinkt! An die Gepflogenheiten bei Tisch muss ich mich wohl erst gewöhnen und lasse mir nicht anmerken, dass mir grade übel wird.
Die rege Unterhaltung lenkt mich ab. Die zwei Jüngsten, Horst und Chris, eifern mit ihren heutigen Erlebnissen um die Wette. Rosa erzählt, was es im Dorf Neues gibt. Jens stößt in einer schusseligen Bewegung sein volles Glas um. Emil hängt mit dem Unterarm auf dem Tisch und stützt seinen Kopf in die Hand. Gerda und Saskia reißen überhebliche Witze. Roland versucht, seine politischen Ansichten einzubringen. Charlotte schmunzelt wissend; sie studiert Psychologie und gibt ihre oppositionellen Einwände zum Besten. Über dieses Wetteifern am Tisch muss ich ständig lachen. Harry nimmt augenscheinlich keine Notiz von mir, doch ich bin ganz sicher, dass er mich beobachtet und seine Ohren spitzt, wenn ich ein paar Sätze von mir gebe.
Es ist spät. Ich muss nach Hause. Ich bedanke mich bei Rosa höflich für die Gastfreundschaft. »Kann ich morgen wiederkommen?«, frage ich sie.
»Du kannst immer kommen«, sagt Rosa knapp und stemmt wieder ihre Arme in die Hüfte.
Mein schwarz lackiertes Fahrrad steht noch unter dem Küchenfenster. Ich fahre die paar Kilometer zurück, bin pünktlich zu Hause und begrüße meine Mutter. Sie ist längst von der Büroarbeit zurück und liest die Tageszeitung in der Küche. Prüfend blickt sie auf die Uhr. Sie fragt nicht, wo ich den ganzen Tag war. Ich bin pünktlich zu Hause und das genügt ihr.
Mit der Absicht so schnell als möglich in mein Zimmer zu verschwinden, steuere ich auf die Holztreppe zu, als Wolfram an mir vorbeihuscht. Der Freund meiner Mutter kommt aus seiner kleinen Werkstatt, die er sich neben der Wäschekammer eingerichtet hat.
In der Regel putzt er dort seine zwei Büchsen. Das sind seine zwei Gewehre, die er in einem grau lackierten Metallspint aufbewahrt. Er ist leidenschaftlicher Jäger. Ich weiß nicht, ob er sich hier im Ort um den Begehungsschein eines Jagdreviers bemüht hat. Eher nicht. Einmal die Woche verlässt er in der Abenddämmerung das Haus. Dabei trägt er seine grüne Jägerkleidung, sein Haupt bedeckt ein grüner Filzhut mit Fasanenfeder. Wenn er am Fenster vorbeigeht hebt er lässig sein Gewehr über die Schulter. Er fühlt sich dann sehr männlich, das sieht man ihm an. Nina schrie ihm einmal frech nach: »Das Äffle und das Pferdle vom ersten Programm im Fernsehen würden sich totlachen.« Wolfram hörte die freche Bemerkung durchs geschlossene Wohnzimmerfenster. Er hasst es, wenn man über ihn lacht. Mit schnaubenden Nasenlöchern machte er auf dem Absatz kehrt. Ich hielt die Luft an. Wolfram ist sehr kräftig gebaut, sicher kann er ordentlich zuschlagen. Er hielt inne und glotzte Nina wie eine spanische Galeere kurz vor dem Angriff an, doch er überlegte es sich anders und ging wortlos, mit seinem Gewehr auf der Schulter, davon. Ob er überhaupt eine Arbeitsstelle hat, weiß ich nicht. Manchmal ist er den ganzen Tag zu Hause, andern Tags ist er nicht zu sehen. Er spricht nicht mit mir, ich spreche nicht mit ihm. Wir gehen uns aus dem Weg. Seine sporadische Sauferei macht mir aber Angst. Alle drei Wochen trinkt er zu viel Bier. Er ist schnell betrunken; er hat Gewehre; er ist ein Mann. Ein betrunkener Mann ist unberechenbar. Und er hasst uns Kinder! Im Suff könnte er uns alle erschießen. Seinetwegen wechsle ich jeden Abend die Schlafposition im Bett. Meine Füße lege ich dann aufs Kopfkissen. Die Bettdecke ziehe ich über den Kopf, tief ins Gesicht – in der Hoffnung, dass er, falls er schießt, nur meine Füße trifft.
Meine Fantasie lässt mir freien Lauf. Szenen von zertrümmerten Schädeln laufen vor meinen Augen wie ein Film ab. Erst spät falle ich in einen tiefen Schlaf.
Sommerferien
