Und vor mir ein ganzes Leben - Eliška Bartek - E-Book

Und vor mir ein ganzes Leben E-Book

Eliška Bartek

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Beschreibung

»Und vor mir ein ganzes Leben« erzählt die furchtbare und zu Herzen gehende, bei aller Drastik auch komische Lebensgeschichte eines Mädchens aus gutem und einflussreichem Hause, das nach dem Einmarsch der Russen in Prag beschließt, ihrem Heimatland Tschechoslowakei unter Lebensgefahr den Rücken zu kehren. Mithilfe einer Anzeige – "Schöne Tschechin sucht Mann zum Heiraten" – zettelt sie die Flucht im Kofferraum an und begibt sich auf eine Odyssee, die sie in ihrem unbezwingbaren Freiheitsdrang an deutschen Gartenzwergen vorbei in die Schweiz befördern wird. Ihren Weg pflastern Männer, denen sie auch oft genug zum Opfer fällt. Voller Leidenschaft, flamboyant und unkonventionell schildert die Autorin, wie eine früh emanzipierte Kämpferin schließlich als Mensch und Künstlerin ankommt, im Leben und bei sich selbst.

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2024

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ELIŠKA BARTEK

UND VOR MIR EIN GANZES LEBEN

ROMAN

Alle Rechte vorbehalten

© Weissbooks Verlagsgesellschaft mbH, Berlin 2024

Umschlag, Gestaltung und Satz: Harald Hohberger Grafikdesign, Berlin

Unter Verwendung eines Fotos von: © hoffi99/Photocase

eISBN 978-3-86337-220-0

www.weissbooks.de

[email protected]

Inhalt

01.Als ich sterben wollte

02.Großvater und der vergiftete Hund

03.Die Russen kommen

04.Im Kofferraum

05.Ankunft mit Gartenzwerg

06.Die ruhige Zeit

07.Sprung aus dem Fenster

08.Wieder Niemandsland

09.Totenverhör

10.Mein neues Leben

11.Marina und Pepíček

12.Apfelblüten

13.Fondue und Sühne

14.Kein Vollmond

15.Sekretlabor

16.Schneesturm

17.Hochzeit und Himalaja

18.Nachts an der Tram

19.Ich und die Mafia

20.Die Zähne der Zeit

21.Krähensuppe

Als ich sterben wollte

Ich war achtzehn Jahre alt und schon so gut wie tot. Es gefiel mir nicht mehr in dieser Welt, vor allem nervten mich meine Eltern. So entschied ich mich ganz einfach zu sterben. Ich hatte mein kleines Zimmer, die Türen waren aus Glas, aber nicht ganz aus Glas, in der Mitte war ein Brett. Man sah nicht durch, weil das Glas leicht gesprenkelt war. Die Tür führte auf den Gang, und gegenüber waren die Türen zum Wohnzimmer, die genauso gesprenkelt waren wie meine. Da leuchtete ein blaues Licht durch, denn meine Eltern hatten den Fernseher an. Es war nur blau, es gab noch keinen Farbfernseher, deswegen das blaue, kalte Licht.

Ich war sehr hübsch. Eine kleine Lolita, mit schwarzen Haaren und einem Pony. Alle fragten mich, ob ich französische Vorfahren habe. Die Augen fast wie ein Reh, aber eher ein verschlafenes Reh, oder ein angeschossenes. Der junge Busen mit seinen geilen Brustwarzen stach durch den Pullover durch. Ich war klein, ich sagte immer, kleiner Körper und großer Geist. Ich war nicht blöd, eher begabt und verrückt. Hatte Träume, Schauspielerin zu sein, Künstlerin, etwas Großes zu schaffen, wusste jedoch noch nicht, was. Ich hatte schöne Hände mit langen Fingern, die Augenbrauen schön geschwungen wie Gipfeli. Meine Nase war eher zu groß als zu klein. Die kleinen Stupsnasen, dachte ich, bedeuteten eher Dummheit als eine charaktervolle große Nase, nein, zu groß war sie nicht, aber bestimmend für mein Gesicht. Gewissermaßen hingen Augen, Mund, Stirn und das Kinn mit dem kleinen Grübchen an der Nase dran. Ich dachte, wenn ich die Nase nicht hätte, würde alles auseinanderfallen. Ich hatte breite Lippen, schön geschwungen nach meinem Vater. In der Schule nannten sie mich manchmal Negerlein. Meine Zähne waren weiß und strahlend wie Schneeflocken, so dass mir die Leute sagten, ich sollte Reklame für Zahnpasta machen. In der Mitte der Zähne hatte ich eine kleine Lücke, oder einen Spalt, man sagt, das hätten nur glückliche Leute. Obwohl ich jetzt gar nicht glücklich war. Wollte unbedingt sterben.

Also legte ich mich auf den Diwan. Es waren die Sechzigerjahre, er war rot bezogen, rundherum Holz, und wenn ich schlafen ging, konnte ich den rausziehen. Auf dem Holztisch hinter meinem Kopf stand das Radio, damals noch mit Knöpfen, die man drehen konnte, aus ihm dröhnte stramm sozialistische Musik, die meistens die Arbeit besang. Und irgendwelche Tabletten auf dem Tisch mit Wasser. Tja, also ich gehe …

Ich schluckte alle Tabletten, die ich gefunden hatte, kreuz und quer, und bereitete mich auf das Sterben vor. Ich hatte mich sogar schön angezogen, hatte einen sauberen Büstenhalter und saubere Unterwäsche an. Wenn sie mich dann ausziehen nach dem Tod, sollen sie nicht denken, ich wäre eine Schlampe gewesen. Man musste immer schön sauber sein, denn man wusste ja nicht, wann man stirbt, ich jedoch wusste es …. jetzt. Ich lag da, sozialistische Musik begleitete meinen Sterbegang. Es passierte lange nichts, ich wartete und wartete … doch endlich, jetzt – wurde mir schwindlig und schlecht, aber ganz schwindlig und ganz schlecht … und noch schwindliger und noch schlechter …

Und dann kam mir der Gedanke, dass ich doch leben wollte. Denn sterben konnte man immer noch. Doch, ich wollte leben. Ich konnte alles machen, was ich wollte. Wenn man einmal am Sterben war, begriff man, dass man frei war und niemandem Rechenschaft schuldete. Denn ob man es richtig machte oder nicht, der Tod war einem gewiss. Obwohl ich zwischen Richtig und Falsch nicht unterscheiden konnte.

Jedenfalls schlich ich auf allen vieren über den Spannteppich. Mit Mühe konnte ich die Klinke erreichen und die Türe öffnen, wusste nicht, ob ich schon in den Gang kotzen musste oder erst später. Mutter würde fluchen, dass sie das Erbrochene putzen muss, so schluckte ich tapfer den sauren Magensaft-Cocktail herunter, schlug mit der Faust gegen die Wohnzimmertüre, hatte keine Kraft mehr, zur Klinke zu greifen … dann … war ich schon tot? Wahrscheinlich. So schlimm war es gar nicht. Von ferne hörte ich meine Mutter schreien, den Vater telefonieren, dann kamen Männer mit einer Bahre oder Liege, banden mich darauf und trugen mich die Treppe hinunter. Gott sei Dank wohnten wir im ersten Stock, der auch der letzte war, denn die Häuser waren für die Privilegierten gebaut. Mein Vater war im Haus der höchste Funktionär, Technischer Direktor der Tschechoslowakischen Automobilwerke, der zweithöchste in der Republik, deswegen auch der Neid der Nachbarn. Die betrachteten mich auf der Liege mit Schadenfreude – was hatte mein Vater da erzogen, was für ein Ungeheuer!

Ich war zwar festgebunden, hatte aber Angst, ich könnte herunterfallen und mir was brechen. Unten stand schon ein Notfallwagen, der mich hupend durch die Prager Straßen fuhr. Noch benommen schaute ich mich von oben an, wie von einer Zuschauerloge aus, wie ich hier so benommen lag. Es war wie ein Traum. Ich fuhr durch die Altstadt, durch die kleinen Gassen oder Straßen … Es fing langsam an zu schneien und die Schneeflocken tanzten um die Fenster des Sanitätsautos herum. Einige klebten an der Scheibe, als ob sie sehen wollten, was für eine Idiotin da drinnen lag. Die Gaslaternen mit ihrem schwachen warmen Licht bogen sich zu dem Wagen herab. Oben auf dem Berg leuchtete ganz schwach die Prager Burg. Ich war in fast weihevoller Stimmung, obwohl uns der Sozialismus diese Art von Feierlichkeit eigentlich ausgetrieben hatte. Ich glaube heute zu wissen, dass das Sterben auch etwas Feierliches hat. Eine Befreiung. Etwas Großes.

Das Auto hüpfte auf den uralten Pflastersteinen, rechts war eine gelbe Mauer mit vielen Rissen, als wenn dort unterm Fundament tausende Maulwürfe rumgebohrt hätten. Oben mit roten Dachtaschen bedeckt. Links Häuser ohne Licht. Es waren Regierungsgebäude. Ich wusste nicht, wie spät es war, als ich starb, aber so eine Stimmung hatte ich nie mehr in meinem Leben. Wenn die blöde Sirene des Krankenwagens nicht gewesen wäre, würde ich denken, ich führe in den Himmel.

Nun öffnete sich das Tor, leider nicht in den Himmel, sondern in die Notfallstation. Samt Bahre trugen sie mich in einen großen Raum, in dem mehrere Betten waren, nur durch einen Plastikvorhang getrennt. Ich hörte es von allen Seiten kotzen und husten. Irgendwie erinnerte es mich an den Zoogarten, wenn die Tiere rülpsten, pupsten und schmatzten. Als Erstes wurde mir mein Magen ausgepumpt. Wie genau, kann ich mich nicht mehr erinnern, denn ich bekam eine Spritze. Ich wusste nicht, wie man den Magen auspumpt. Vielleicht wie bei einer Sickergrube die Exkremente. Nach vielen Stunden, die ich nicht zählen konnte, wachte ich auf. Der junge Mann neben mir war auch schon ausgepumpt. Ich hörte ihn leise mit dem Arzt sprechen. Zu mir kam auch eine Ärztin, und ich musste ihr den Grund meines Selbstmordversuchs erzählen. Was ich da gesagt habe, daran kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Auf jeden Fall war es die Notaufnahme für Selbstmörder. Leider gibt es die dort nicht mehr. Ansonsten hätte ich sie später besucht, wie meine Geburtsstadt oder meinen Geburtsort. Ich habe so schöne Erinnerungen daran!

Ja, und danach fing die schöne Zeit in der Psychiatrie an. Bohnice heißt die in Prag. Alte Gebäude in einem riesigen Park. Im Sozialismus wurden dort schwererziehbare Kinder reingesteckt, die einen Selbstmordversuch begangen hatten. Es gab einen großen Saal und rundherum einige Eingänge in Privatzimmer. Ich hatte eines davon. Neben mir wohnte ein ungefähr 17-jähriges Mädchen. Ich kann mich erinnern, dass sie sehr groß war. Sehr schön. Hatte lange blonde Haare, lange Beine, alles an ihr war lang. Die einzige Abweichung von der Länge war ihr dicker Bauch, denn sie war schwanger, fast schon im neunten Monat. Und ihre verquollenen Brüste, an die sie mich drückte, wenn sie heulte. Ich erstickte fast dran. Sie wollte das Kind nicht, so probierte sie einen Selbstmord. Warum hast du nicht abgetrieben? Sie wusste nicht, dass sie schwanger war, und kaum wusste sie es, war es zu spät.

In der Tschechoslowakei war Abtreibung ganz einfach. Es gab keine Pille. Man wurde schwanger, wie man bei uns sagte, wenn dem Mann die Füße abrutschten. Das hieß, bevor er ejakulierte, musste er raus sein. Aber es gelang eben nicht jedem. Dann sagte man vor einer Jury, man wolle studieren, man wolle kein Kind, und es wurde einem sauber und in einem Spital geholfen.

Dann freundete ich mich noch mit einem Verrückten an, der Reinigungsmittel inhaliert hatte. Eigentlich reinigt das verschiedene Flecken. Mit so einer Tüte an der Nase konnte man sich aber auch ganz schön betäuben. Er starb fast, so viel hatte er geschnüffelt. Eigentlich verliebte ich mich in ihn, so wurde mir wenigstens nicht langweilig. Wir wurden jedoch kontrolliert, also außer ein paar Küssen lief da nichts.

Die Zeit verging schnell wie in den Ferien. Weg von meinen strengen Eltern. Nach dem Frühstück gingen wir in das Atelier. Es war das erste Atelier in meinem Leben. Unser Professor oder Erzieher sagte mir immer: Eliška, du musst Künstlerin werden, du bist so begabt! Und ich war auch die Beste, meine Bilder wurden regelmäßig ausgestellt.

Im Hauptraum saßen Frauen und strickten. Hie und da stand eine auf, schrie, dann setzte sie sich wieder und strickte weiter. Es sah aus wie ein Gesellschaftsspiel, ich konnte diesem Treiben stundenlang zuschauen.

Ich fand das Leben schön dort. Wir hatten auch Kino. Draußen hinter dem Gebäude rauchten wir, heimlich durch den Zaun brachte uns jemand immer Zigaretten. Eigentlich war alles super organisiert. Wir hatten auch normale Kleider, keine Nachthemden. Wir waren eigentlich glücklich, wir fühlten uns frei hinter den Mauern. Sie beschützten uns vor denen da draußen. Wir konnten uns entfalten. Einige spielten Musikinstrumente. Der Psychologe hörte uns zu, aufmerksam und interessiert. Sagen konnte man, was man wollte. Man wurde nicht beurteilt, nicht verurteilt. Ein schöner, sorgloser Teil meines Lebens.

Ich wollte nicht nach Hause.

Dann sah ich durch die Fenster meine Mutter stehen. Eine schöne Frau, blond, groß, lockige Haare, schlank. An der Hand hielt sie meine Schwester, die fünf Jahre jünger war als ich. Meine Schwester weinte und bat mich, nach Hause zu kommen. Ich wusste, die Mutter nahm sie mit, um mein Herz zu erweichen. In der anderen Hand hielt meine Mutter eine selbstgemachte Torte. Meine Mutter tat mir leid. Die Qual war ihr ins Gesicht geschrieben.

Ja, ich ging. Wegen dem, was meiner Mutter im Gesicht stand, und wegen der Tränen meiner Schwester. Schweren Herzens. Von der Psychiatrischen Klinik zurück in die Normalität namens Welt.

Großvater und der vergiftete Hund

Ich weiß nicht, warum ich mich heute an meinen Großvater Tomáš erinnere. Vielleicht, weil ich gestern zu viel getrunken habe und mir heute der Schädel brummt. Mein Großvater pflegte immer zu sagen: Vom Krieg habe ich nicht viel mitbekommen. Als die Deutschen kamen, trank ich mit den Deutschen. Als die Russen kamen, trank ich mit den Russen. Mein Großvater Tomáš trank gerne Weißwein. Außerdem – diesen Vornamen muss man richtig aussprechen, dann passt es erst zu meinem Großvater. Tomaaaaasch. Auf Tschechisch.

Mein Großvater war nicht irgendein Großvater. Er war Ungar. Groß und stattlich, mit einem Schnurrbart. Ich weiß gar nicht, ob es früher überhaupt einen einzigen Ungarn ohne Schnurrbart gab! Ich denke, die Ungarn sind schon mit einem Schnurrbart geboren.

Mein Großvater trug immer, aber auch immer, einen schwarzen Anzug. Die Knie an den Hosen waren zwar schon ein bisschen ausgebeult, aber es nahm ihm die Würde nicht weg. Er hatte auch immer ein weißes Hemd und ein schwarzes Sakko an. Und trug immer einen Hut. Er lief kerzengerade, fast schon steif, den Kopf hoch haltend, so dass man ihn »der Direktor« nannte. Ich war sehr stolz auf meinen Großvater. Er stellte etwas dar. Er hatte Würde. Sogar wenn er betrunken war, war er mit Würde betrunken. Das ganze Dorf hat ihn geachtet. Er war jemand. Jedoch wusste niemand so ganz, wer.

Er lief immer gravitätisch durch das Dorf. Meistens den Berg herunter in das Gasthaus. Es war nicht weit, nur kurz über die Straße. Rechts war ein Zaun mit einem bissigen Schäferhund, der immer wie verrückt bellte, wenn man an ihm vorbeiging. Dann die steile Straße herunter und dort war schon das Gasthaus – tschechisch »Krčma«. Dort pflegte mein Großvater stundenlang zu sitzen und zu diskutieren. Wenn die Großmutter uns zum Spaziergang schickte, war es unser Weg. Der dauerte nicht mehr als zehn Minuten. So saßen wir da, ich bei einer Limonade und der Großvater bei einem Weißwein. Draußen prallte die Sonne herab und der Himmel bläute, die Vögel sangen und die frische Luft ließ einen fast ersticken – es war in den Bergen.

Aber wir saßen fast in der Dunkelheit. Es gab nur zwei kleine Kellerfenster. Man konnte einen winzigen Blick des blauen Himmels durch die mickrigen Fenster stibitzen. Der Rauch hing in der Beiz, und ich beobachtete stundenlang die Rauchschwaden, die sich wie eine Schlange durch diesen kleinen Raum wälzten und irgendeinen Ausgang suchten. Fanden jedoch keinen. Auch war kein Fenster offen. Nur wenn hier und da jemand kam oder ging, probierte der Rauch ganz schnell durch die kurz geöffnete Tür nach draußen zu entfliehen.

Die Männer in der Krčma liebten das Dunkle und den Rauch. Nach drei Stunden »Spaziergang« gingen wir nach Hause. Der Großmutter musste man nichts erzählen. Sie roch nur an unseren Kleidern und wusste, wie viel es geschlagen hatte. Die Kleider stanken bestialisch.

Wenn mein Großvater ins Gasthaus ging, nahm er seine Stöcke, weil er nicht mehr ohne laufen konnte. Bei der Straßenüberquerung wurde er einmal angefahren. Nach drei Stunden kam er ohne Stöcke den steilen Hang hoch, schlief seinen Rausch aus, und als er aufwachte, meinte er: »Eli, hol mir meine Stöcke in der Krčma!« Er behauptete, ohne die Stöcke nicht laufen zu können. Also ging ich über die Straße, an dem wie irre bellenden Schäferhund vorbei, und links in die Krčma. Keine Menschen, schon das war ungewöhnlich genug, denn sonst war es immer bumsvoll. Der Wirt putzte da was herum, obwohl es nichts zu putzen gab. Man sah fast nichts, der Dunkelheit wegen. Nur die paar Stühle und die kleine Bar. Es roch nach Feuchtigkeit, nach Zigaretten, Pfeifen, Schnupftabak und Alkohol.

Nach Wasser und alkoholfreien Getränke roch es nicht, die trank außer mir niemand, und die riechen auch nicht. Die zwei kleinen Kellerfenster waren offen. Der gestauchte Rauch drängte sich durch die zwei Öffnungen, aus lauter Angst, er kommt nicht mehr heraus. Denn die Fenster wurden bald wieder geschlossen, damit es zum Frühschoppen noch so richtig stank. Das bisschen Licht drängte durch die Fenster hinein, und ich sah, wie sich zwei oder drei Strahlen durch den Rauch kämpften bis zu den Tischen. Es war wie eine Bühne, die mit Scheinwerfern beleuchtet wurde. Nur die Darsteller waren noch nicht gekommen.

Ich war in dem Dorf was Besonderes. Denn meine Schwester und ich kamen aus Prag, was ganz, ganz weit weg war. Dazu hatte kaum jemand ein Auto. Ich brachte dem Großvater die Stöcke, er schwang sich aus dem Stuhl und ging zum Frühschoppen.

Einmal, als ich bei dem Schäferhund vorbeiging, hat ihn sein Besitzer Karlíček geschlagen, da der Hund ein Huhn getötet hatte. Der Hund jaulte und jaulte und tat mir schrecklich leid. Als der alte Karlíček den Zwinger verlassen hatte, stellte ich mich auf ein Podest am Zaun. Ich war klein, vielleicht sechs Jahre alt. Ich musste mich mit dem einen Händchen am Zaun festhalten und mit dem anderen wollte ich den Hund streicheln. Die Maschen des Zauns waren groß. Und der Hund, der noch richtig in Rage war, biss zu. Es waren Sommerferien, ich hatte wenig an, so dass er so richtig in meinen Bauch reinbeißen konnte. Wie ich geschrien habe, kann man sich nicht vorstellen.

Im Dorf öffneten sich die Fenster und dann die Türen, und alle Bewohner rannten zu mir. So auch meine Tante, die mich auf den Arm nahm und mit mir zum Dorfdoktor bei der Kirche eilte. Die Wunde wurde gereinigt und ich bekam eine Tetanusspritze. Danach Eis und sonstige Süßigkeiten, damit ich aufhörte zu schreien.

Zwei Tage später war der Schäferhund tot. Vergiftet. Die Polizei kam zur Großmutter und verhörte meinen Großvater. Ihn hat die Polizei der Tat verdächtigt. Aber mein Großvater verneinte es strikt und entschlossen. Er wäre es nicht gewesen! Als die Polizei weg war, fragten Großmutter und Tante: »Tomáš, hast du den Hund vergiftet? Uns kannst du es doch sagen! Wir sind deine Familie.« Großvater blieb stumm.

In der Krčma gab es kein anderes Thema, als wer nun den Schäferhund vergiftet hatte. Mein Großvater saß dort, abwesend, stumm, rauchend und still seinen mährischen Weißwein trinkend. Da in so einem Dorf nie etwas passierte, war das wochenlang Dorfgespräch. Die Frauen trafen sich wie immer vor den Häusern auf der Bank in der Sonne und schwätzten. Als ich vorbeiging, wurde es still, und alle Augen blieben an mir haften. Sogar als ich schon vorbei war, spürte ich immer noch die Blicke in meinem Rücken. Manchmal rollte ich sogar das Shirt hoch, damit man die verarztete Stelle sah, das Pflaster, und tat so, als wenn es mir zu heiß wäre.

Ich war eine lange Zeit die Heldin des Dorfes. »Ja, die Kleine von dem Direktor, seine Enkelin aus Prag, wurde gebissen. Das war sicher er, der Großvater, der den Hund von Karlíček vergiftet hat.« So redeten sie. Es traute sich niemand, den Großvater zu fragen. Alle wussten auch, er würde sowieso nicht antworten.

Es gab wenig Indizien. Nur, dass ich Großvaters Nichte war, die gebissen wurde, und dass er täglich bei dem Hund vorbei in das Gasthaus ging. Das war zu wenig für eine Strafanzeige. Mein Großvater hat es nie verraten. Nicht nach einem Jahr, nicht nach zehn und auch nicht nach vierzig Jahren. Er nahm sein Geheimnis mit ins Grab.

Aber ich weiß – in meinem Inneren – er war es. Obwohl er es auch mir nie gesagt hat. Auch als ich schon groß war und ihn fragte.

Die Russen kommen

Meine Schwester und ich fuhren mit den Eltern einige Tage zu unserer Tante nach Vrbno pod Pradědem. Früher war das Sudetenland, und somit trug der Ort den Namen Würbenthal, besser gesagt Würbenthal im Altvatergebirge. Es war nicht weit, vielleicht 350 Kilometer von Prag entfernt. Wir hatten ein Auto, einen hellblauen Škoda. Wir hatten das Auto als Erste in der Straße bekommen, wenn nicht sogar als Erste in Prag, da mein Vater ja Technischer Direktor der Tschechoslowakischen Automobilwerke war. Aber mit dem Auto fuhr niemand. Auf der Straße standen auch sonst kaum Autos, denn nur wenige Leute hatten eins. Ich lebte im Sozialismus und da hatten alle fast nichts. Wenigstens gab es keinen Neid. Oder nicht so viel Neid. Der blaue Škoda stand in unserer Garage und träumte vor sich hin. Wir fuhren mit Herrn Schalamoun und dem schwarzen Tatra, der ein Dienstwagen war. Wir fuhren zur Tante. Man sagte immer nur »zur Tante«, obwohl man auch den Onkel und den Cousin damit meinte.

In der Tschechoslowakei gingen die Frauen arbeiten, gebaren, kochten, brachten die Kinder in den Kindergarten und holten sie ab, gingen einkaufen, schmissen den Haushalt, und die Männer saßen im Gasthaus beim Bier und philosophierten. Oder politisierten, obwohl das eher unwahrscheinlich war, da man Angst hatte, abgehört oder verraten zu werden. Aber die Frauen hatten dafür das Sagen. Ein Spruch war: Der Mann ist der Kopf der Familie, die Frau der Hals, die den Kopf zu drehen weiß.

Herr Schalamoun war der Fahrer meines Vaters. Er kam jeden Morgen und holte meinen Vater zur Arbeit ab. Und jeden Morgen schaute meine Mutter vom Fenster herab und rief meinem Vater zu: »František, zerknittere dein Sakko nicht«, und dabei zeigte sie, wie er sich die Jacke mit der Hand hinrichten soll, damit das Sakko nicht zerknittert. Und so war es Morgen für Morgen, falls mein Vater überhaupt zu Hause war und sich nicht auf irgendeiner Dienstreise befand. Zu seinem fünfzigsten Geburtstag bekam er ein gezeichnetes Buch. Dort war mein Vater abgebildet, klein und rund, mit Glatze und in der rechten Hand eine Aktentasche. Er klingelt an der Tür bei Bartek. Da öffnet meine Mutter, die in den Türrahmen gezeichnet ist, blond, größer als mein Vater, schön, und mein Vater fragt mit einer Sprechblase wie im Comic: »Wer sind Sie und was machen Sie in meiner Wohnung?« Daneben waren wir zwei Kinder gezeichnet. Eine mit schwarzen Haaren – das bin ich – und eine blond, das ist meine Schwester. Ja, so war mein Vater. Selten zu Hause. Aber ein Herr. Besser gesagt – ein Genosse. Obwohl, beides mochte er nicht, er liebte es, wenn die Leute ihn »Herr Direktor« nannten. Wie bei meinem Großvater. Das Bartek war unwichtig. So viele Direktoren gab es nicht. Immer im Anzug, weißes Hemd, immer mit Krawatte und immer mit Hut. Bei besonderen Gelegenheiten, falls er zu Hause war, musste er auch so herumsitzen. Jedoch ohne den Hut. Er rauchte wie eine Fabrik, wie die Schlote der Autofabrik, in der er Direktor war. Wenn mich Herr Schalamoun in die Schule fuhr, blieb das Auto kurz an einer Kreuzung stehen. An einem kleinen Kiosk musste ich herausspringen und meinem Vater drei Päckchen Zigaretten Cleopatra holen. Der schwarze Tatra brummte dabei vor sich hin. Mein Vater rauchte die teuersten Zigaretten, ansonsten rauchten alle Slavia oder Sparta, was auch Namen von Fußballvereinen waren.

Wir stiegen vor unserem Haus in Prag ein. Meine Schwester mit einer Plastiktüte, da sie sich in dem weich gepolsterten Tatra 603 meistens erbrach. Ich saß hinten, neben meiner Mutter und meiner Schwester, mein Vater wie immer vorne neben Herrn Schalamoun. Falls jemand den Tatra 603 nicht kennt, ein Exemplar ist noch im Museum in London zu sehen. Mein Vater hatte um Geld vom Staat gekämpft, damit das Auto überhaupt in die Produktion kam. Eigentlich sah es wie ein großer Porsche aus. Oder wie ein großer schwarzer Käfer. Das Auto gab es in keiner anderen Farbe als in Schwarz, dachte ich jedenfalls. Der Tatra war sehr weich gepolstert, so dass das Fahren auf den holprigen und kaputten tschechischen Straßen erträglich blieb.

Der Kofferraum war vorne im Auto. Kaum startete Herr Schalamoun den Motor, schon stieg meine Mutter wieder aus und vermeldete, dass sie nicht wisse, ob sie das Gas in der Küche ausgeschaltet hat. Es war jedes Mal so. Wenn es eine Ausnahme gegeben hätte und sie nicht zurück in die Küche gerannt wäre, hätten wir gedacht, sie wäre krank. Endlich fuhren wir los. Ich schaute Herrn Schalamoun im Vorderspiegel an. Er hatte einen kurzen Bart, dunkle Augen und ein scharf geschnittenes Profil. Er war schlank und nicht groß, so dass er, fast wie mein Vater, im Sitz versank. So weich war die Polsterung. Herr Schalamoun, ich glaube er war jüdisch, war ein feiner Mann, und ich sprach gern seinen Namen aus, da am Ende dieses »moun« stand, das ganz komisch auszusprechen war.

Bei meiner Tante war es wie immer sehr nett. Sie war nicht so streng mit mir wie meine Mutter. Sie rauchte. Das imponierte mir. Mein Vater durfte in Prag nur in der Garage rauchen, aber meine Tante, wenn sie uns besuchen kam, durfte in der Wohnung rauchen, auf der Toilette. Sie war die ältere Schwester meiner Mutter. Meine Mutter arbeitete nicht, aber meine Tante arbeitete. Ich wusste nicht, was sie machte, aber sie kam immer mit einem Dienstwagen nach Prag. Ich bewunderte selbständige, arbeitende Frauen. Deswegen bin ich nie eine Hausfrau geworden.

Onkel Kvetoš war ein großer schöner Mann mit vielen schwarzen Haaren, die er mit der Hand immer nach hinten strich. In regelmäßigen Intervallen, auch dann, wenn sie ihm gar nicht ins Gesicht fielen. Einfach nur so, aus Gewohnheit, oder weil er nichts anderes mit den Händen anfangen konnte. Nicht einmal an der Zigarette konnte er sich festhalten, da er nicht rauchte. Auch die Tante durfte zu Hause nicht rauchen. Sie rauchte nicht in der Garage, da sie keine hatten, sondern im Wintergarten. Onkel Kvetoš war ein Vielfraß. Er aß leidenschaftlich gerne. Die Tante kochte ständig, obwohl sie voll arbeitete. Onkel arbeitete auch, ich glaube, er war Schlosser. Er blieb schlank und groß, die Tante klein und dick.

Mein Cousin Kvetoš, »der junge Kvetoš«, der genauso hieß wie sein Vater, war so alt wie ich und gleich groß. Aber seine Ohren standen ab. Sie sahen aus wie die offenen Türen eines Taxis, aber ganz geöffnet. Das eine Ohr war sogar größer als das andere. Die Ohren wurden ihm dann später am Kopf angenäht. Groß blieben sie trotzdem, aber sie standen nicht mehr ab. Sie waren eigentlich wie Gleitschirme, und wir hatten Angst, dass er uns abfliegt, wenn der Wind wehte. Wir kamen an – das Tor wurde geöffnet und schon standen alle in einer Reihe: die Tante, der Onkel und der Sohn. Tschechen küssen sich heftig zur Begrüßung.

Der Besuch bestand aus Essen. Und Trinken. In dem riesengroßen Garten mit dem grünen Zaun saßen wir Pubertierende weit weg von den Erwachsenen. Eine hohe, breite, alte Linde stand in der Nähe des Hauseingangs. Dort, in ihrem Schatten, saßen wir und sprachen, meistens zankten wir uns. In der Linde brummelten tausende Bienchen. Im nahen Wald zwitscherten Vögel, hüpften Eichhörnchen, sprangen Hasen und Rehe herum, die weißen Wolken küssten die Kronen der Bäume, keine größere Straße weit und breit, man ging zu Fuß. Der Duft des Waldes mischte sich mit dem Duft der Linde, mit dem Aroma der Cleopatras meines Vaters und dem Geruch des Haarsprays meiner Mutter und meiner Tante. Dazu kam der Duft aus der Küche – was kochte wohl meine Tante heute? Meine Nasenlöcher saugten die Gerüche ein wie ein Hengst. Es war Szegediner Gulasch, ich wusste es, musste es gar nicht sehen. Das Sauerkraut und dazu der Kümmel. Der Geruch umarmte die ganze Wohnung. Er zog durch meine Nase bis in die Magengegend, so dass ich Hunger bekam. Was für eine schöne Zeit! Es war August 1968.

Morgens, ganz früh, hörten wir einen Riesenlärm draußen. Als würden dort dutzende schwere Motorräder vorbeifahren. Man hörte den Lärm sogar durch die verschlossenen Doppelfenster, die mit Efeu umrankt waren wie das ganze Haus, das grün in der Natur überwachsen stand. Der Efeu hatte noch nicht das Dach erreicht, deshalb erkannte man noch, dass es ein Haus war. Denn das Dach hatte rote Ziegel, die aus dem Grünen herausleuchteten. Um die Fenster glänzten schwarze Mauersteine, die man aber nur sah, wenn man den Efeu zur Seite schob oder abschnitt. Gebaut hatten das Haus Sudetendeutsche, die verjagt wurden. Das Haus blieb, Häuser konnte man nicht vertreiben. Es war herrschaftlich gebaut, mit breiten Treppen drinnen und draußen, mit vielen Zimmern, mit Blicken ins Grüne. Die Fenster von Küche und Speisezimmer wiesen Richtung Wald, und zum Speisezimmerfenster kam jeden Morgen ein Eichhörnchen, um etwas zu naschen.

Warum der Lärm? Woher? Wir rannten heraus und ein Flugzeug nach dem anderen röhrte am noch dunklen Himmel über unsere Köpfe. Wie schwarze Drachen flogen sie geordnet alle in eine Richtung – nach Prag. Ich konnte nicht glauben, was ich sah. Dunkel dröhnend überflogen die Flugzeuge das Dach unseres Hauses. Es waren viele, wie wenn sich die Schwarzgänse im Herbst sammeln für den Vogelzug. Und zwar alle der gesamten Tschechoslowakei. Um Gottes willen, was war denn da los? Sah aus wie Krieg! Erschrocken rannten wir ins Haus. Die Flugzeuge brummten immer noch. Der langsam dunkelblau werdende Himmel war mit Flugzeugen bedeckt. Wir schalteten den Fernseher an. Man sah eine verweinte, ungekämmte Nachrichtensprecherin, die sagte: »Wir sind von den Russen überfallen worden.« Es war die größte Militäroperation in Europa seit 1945. Es kamen aber nicht nur Russen, sondern es marschierten auch etwa eine halbe Million Soldaten aus der ganzen Sowjetunion, aus Polen, Ungarn und Bulgarien in die Tschechoslowakei ein und besetzten innerhalb weniger Stunden alle strategisch wichtigen Punkte des Landes.

»Wir fahren zurück nach Prag«, sagte mein Vater. »Wer weiß, was passiert! Vielleicht kommen wir später gar nicht mehr nach Hause!« Die Koffer waren kaum ausgepackt, da trugen wir sie wieder ins Auto und fuhren zurück. Es war bedrückend still im Auto und aus lauter Angst erbrach sich meine Schwester nicht einmal. Jetzt waren wir am Rand von Prag und bewaffnetes Militär befahl uns auszusteigen. Wir dürften mit dem Auto nicht nach Prag hinein, sondern müssten in einen Bus umsteigen. Also gut. Wir nahmen unsere Koffer. Vor dem Bus stand ein Russe, dem mussten wir die Koffer zeigen. Ich hatte eine Riesen-Unordnung in meinem Koffer. Diesen Zustand habe ich bis heute tapfer beibehalten, egal, wohin ich reise. Ich kriege die Ordnung in meinem Koffer einfach nicht hin.

Das Militär untersuchte den Kofferinhalt. Keine Ahnung, wonach die stöberten. Unterhöschen, sauber und gebraucht, Büstenhalter, ein paar Pullover, lange Hose, Jeans gab es im Sozialismus nicht. Sie stocherten ein bisschen herum und ich durfte den Koffer zumachen. Die Menschen bildeten einen Kreis um uns – verängstigt. Andere schauten aus dem Bus zu. Der Russe gab mir einen auf Russisch geschriebenen Zettel und sagte: »Übersetzen.« Russisch war Pflichtsprache auf dem Gymnasium. Ich schaute den Soldaten kurz an. Er war bullig, hatte ein viereckiges Gesicht und wässrige blaue Augen. Er war nicht groß, die Russen waren nicht groß. Eine grüne Militäruniform. Die Haare sah man unter der Mütze nicht. Sicher waren sie blond. Er war auch ganz hellhäutig, wie wenn er gerade aus Sibirien gekommen wäre.

»Übersetzen!«, schrie er, als er sah, dass ich mich zierte. Ich wollte es nicht übersetzen. Ich las auf dem Zettel, mit der Maschine geschrieben und sicher vielmals reproduziert, da die Schrift schon ganz blass war, dass sie gekommen wären, um uns zu befreien. Ich bekam kaum ein Wort heraus, meine Kehle war wie zugeknöpft. Er stieß mich mit seinem Maschinengewehr zwischen die Rippen, schrie nochmals. Ich überlegte mir, ob er mich erschießen würde, ob er den Mut hätte, wenn ich mich weigerte. Ob es nicht besser wäre, ihn zu küssen, eigentlich war er ja hübsch, fast ein Kind, wenn er nur nicht diesen viereckigen Schädel hätte und die strengen blauen Augen, die er zusammenzog wie eine Katze vor dem Sprung.

Ich hörte die Stimme meiner Mutter: »Eliško – übersetze es sofort.« Ja gut, dann habe ich es übersetzt. Wir sind gekommen, um euch zu befreien.

Ich heiße Eliška, Eliško benutzte meine Mutter nur, wenn sie ganz streng war. Wenn sie lieb war, dann sagte sie Elinko, die Koseform, und wenn sie es eilig hatte, dann Eli. Eliško – da wusste ich sofort, es war ein Befehl und ich musste es übersetzen.

Wir fuhren mit dem Bus weiter. Irgendwann waren wir endlich zu Hause. Die Wochen waren turbulent da draußen. Mein Vater ließ uns kaum aus dem Haus. Wir durften nur in die Schule und mussten sofort zurück. Den Wenzelsplatz durften wir nicht betreten, denn dort war so viel Militär. Der Vater hatte Angst um unser Leben. Es gab hundertacht Todesopfer.

Einige Jahre später fuhr Herr Schalamoun mit meinem Vater in dem schwarzen Auto. Es war neblig und man sah nichts. Der Nebel wälzte sich auf dem Boden, die Bäume waren wie ohne Stamm, man sah nur die Kronen. Es war dunkel und die Kronen sahen aus wie Gespenster. Nicht nur, dass man nichts hörte, man sah auch nichts. Den Tatra 603 erfasste der Schnellzug nach Prag. Mein Vater wurde aus dem Auto geschleudert und der Zug nahm das schwarze Auto mit Herrn Schalamoun mit. Es war ein großer Schock für meinen Vater. Auch für uns Kinder. Herrn Schalamoun haben wir nie vergessen.

Ich wollte hier raus. Zuerst war der Wunsch nur ganz klein. Wie ein kleiner Samen, den man in die Erde steckt. Der Samen schlief so vor sich hin, keine Bewegung, kein Wachstum. Wie ein Schläfer blieb er lange versteckt in der Erde. Ich machte Abitur, unter anderem in Geografie. Ich betrachtete verwundert die ganzen Kontinente, die kleinen Inseln, die großen Länder. Violett, blau, gelb, braun und grün waren sie auf der Landkarte, großflächig umrandet von hellblauer Farbe, welche die Meere anzeigte. Ich wollte alles sehen. Ich wollte im Sand barfuß laufen, den Urwald riechen. Ich wollte die Pyramiden besteigen. Ich wollte von fremden, warmen Winden gestreift werden. Ich wollte einen Kuss von anderen Menschen dieses Planeten. Die Landkarte hing an der Wand wie ein großes Fenster in die Welt. Man musste nur das Fenster öffnen und in die Welt hineinhüpfen. Und der Samen fing an zu wachsen und zu gedeihen. Bis die Pflanze so hoch war, dass ich den Entschluss fasste: Ich werde flüchten, ich kann sie nicht mehr weiter wachsen lassen in mir, sonst sprengt sie meine Haut, meinen Kopf, mein Herz und ich sterbe. Aber bevor es so weit war, musste ich sie wenigstens versuchen, die Flucht.

Im Kofferraum

Es ist eng hier. Ich werde wahnsinnig! So eng! Ich kann mich nicht drehen. Ich kann mich nicht an der Nase kratzen. Ich kann mich nicht bewegen. Es ist dunkel hier. Es stinkt nach Abgasen und nach der Straße. Ich drehe durch. »Nein, Eli, beruhige dich! Ganz still – atmen! Lenke dich ab! Denke an etwas anderes«, sagt meine Stimme zu mir. Ich kann nicht! Ich kann an nichts anderes denken, denn ich kann nicht niesen, ich darf nicht husten, ich darf keinen Pieps von mir geben! Ich muss mich tot stellen.

Ich muss tot sein! Ich liege auf der Seite. Den Kopf auf dem Blech vom Radkasten, dort hat ein Automechaniker eine Vertiefung rausgeklopft. Ich liege wie ein Fötus da. Die Beine angezogen, die Hände auf der Brust fest zusammengepresst, als wenn ich beten würde. Ich bin nur in Büstenhalter und Unterhose im Kofferraum. Ich habe nicht einmal Schuhe an. Ich habe gar nichts. Nur Angst. Schreckliche Angst.

Ich höre Stimmen draußen. Das Auto steht, aber ich darf, kann nicht heraus! Ich würde gerne frische Luft schnappen. Aber ich muss mich tot stellen. Ich bin tot. Ich esse nichts. Ich trinke nichts. Ich muss nicht pieseln. Ich muss tot sein. Und trotzdem leben, damit ich keine Geräusche von mir gebe. Ich muss lebend tot sein. Man darf mich nicht finden. Denn dann wäre mein Leben zu Ende. Ich war in das Auto in einem Wald eingestiegen. Ich hatte zu Hause allen gesagt, ich fahre übers Wochenende nach Karlsbad. Ich war einundzwanzig Jahre alt und meine Eltern gaben mir endlich ein bisschen Freiheit. Ich packte meinen Koffer ein. Der Koffer war voller Kleider. Ich nahm immer so viel mit. Ich musste auch jetzt so viel mitnehmen, um keinen Verdacht zu schüren. Bei der Arbeit räumte ich meinen Tisch nicht auf. Ich ließ alles so liegen im Chaos wie immer. Ich arbeitete beim vormilitärischen Ausbildungsdienst und verwaltete Waffen für eine Million Kronen. Ich verlieh sie gegen Lieferschein an die Mitglieder der Organisation. Wir organisierten Triathlon und Sportschießen. Ich konnte ganz gut schießen. Wenn ich an eine Schießbude kam auf einem Jahrmarkt, musste der Betreiber vor Angst zittern, denn alle Rosen, deren Bändchen am Fuß ich anschoss, gehörten dann mir. Außer der Betreiber hatte das Visier verstellt.

Direkt vor dem großen gemeinsamen Büro durfte nur ich die schwere Eisentüre des Waffenlagers öffnen. Den Schlüssel bewahrte ich in meinem Büro in einer Schublade auf und den Schlüssel zur Schublade trug ich immer mit mir. Auch diesmal musste ich ihn mitnehmen. Aber die Schublade aufzubrechen konnte nicht so schwer sein. Einige Waffen hatte ich ohne einen Lieferschein verliehen, da ich die Männer gut kannte. Ich durfte die Waffen und die Lieferscheine nicht zurückfordern. Ich durfte nicht mit einem veränderten Verhalten auf mich aufmerksam machen. Ich musste so sein wie immer. Ich durfte die Angst nicht zeigen, die in mir jede Sekunde aufstieg.

Wir saßen noch mit Evza, meiner Kollegin, im Büro und sangen mein Lieblingslied »Sedí sokol na javori«. Übersetzt: »Der Falke sitzt auf einem Ahorn«. Der Text lautet etwa so: Ein Falke sitzt auf einem Ahorn und reinigt sein Gefieder. Ein alter Jäger kommt zu ihm und teilt dem Falken mit, dass er ihn erschießen müsse. Es entwickelt sich ein Dialog zwischen dem Falken und dem Jäger. Der Falke bittet den Jäger, nicht zu schießen, denn er möchte zurück nach Hause, zurück zu seiner schönen Frau, die auf ihn wartet. Ob der Jäger den Falken erschießt oder nicht – die Antwort kam in diesem Lied nicht vor. Oder ich kannte das Lied nicht bis zum Ende. Ich habe die Antwort des Jägers nirgends gefunden. Der Dialog blieb ohne Schluss. Das Ende offen: Tod oder Leben. Wie bei mir.

Ich sang immer die erste Stimme und Evza die zweite. Wir hatten offene Fenster, die auf einen viereckigen Hof führten. Auf dem Hof wuchs ein Baum, der schon so groß war, dass seine Äste fast in das Büro reinwuchsen, als würden sie mich holen wollen.

Evza war blond, zierlich, blass und neben mir die einzige Frau in dem Büro. Ihre Finger waren so zierlich, als würden sie brechen, wenn sie etwas anfassten. Wenn sie was tragen musste, half ich ihr. Sie hatte nicht so viel Kraft wie ich. Jetzt zwar auch nicht mehr, denn ich musste für die Flucht zehn Kilo abnehmen. Ich aß kaum. Alle hatten Sorge, ich wäre krank, aber nein: Ich musste abnehmen, um in diesen Kofferraum, in dem ich jetzt liege, reinzupassen.

Wir hatten das Lied fertig gesungen. Es war Freitag, und unser Chef, ein großer Mann mit Glatze, war schon gegangen. Er hieß Jarek, wir duzten uns alle. Er hatte oft starke Blähungen. Und Magenkrämpfe. Er war jüdisch und erzählte einmal, dass sein Darm im Konzentrationslager beschädigt worden war. Er erzählte weiter sonst nichts von dieser Zeit. Kein Wort. Er sagte es nur als Entschuldigung für seine Blähungen, die er manchmal kaum halten konnte. Es waren die lauten, nicht die schleichenden.

Und Pavel, der andere Mitarbeiter, der saß sowieso nie in seinem Büro. Der saß im Gasthaus gegenüber. Das war praktisch sein Büro und jeder fand ihn dort. Falls ihn jemand suchte. Pavel machte oft Überstunden, er saß manchmal bis 22 Uhr abends im »Büro«. Ich wusste nicht, warum er dort so lange saß. Ob er eine schlechte Ehe führte? Viel wusste ich nicht über ihn, nur dass er sehr lustig war. Er lachte immer, kannte tausend Menschen und noch mehr Witze und ab 20 Uhr lallte er. Er hatte eine kleine Glatze, Augen, die fast aus der Augenhöhle herausfielen, eine Nase wie der Falke in dem Lied und einen Bierbauch. Er war immer sauber und gut angezogen, woraus sich schließen ließ, dass er doch eine Frau hatte, denn allein schafften es die Männer meistens nicht, so gepflegt auszusehen.

»Also, Evza, wir sehen uns am Dienstag! Bis dann. Ahoj.« Ja, die Tschechen grüßen und verabschieden sich untereinander wie die Matrosen am Meer. Wie die Italiener mit »Ciao!«, »Ein schönes Wochenende!«. Evza hatte keine Familie, sie hatte einen Freund, den ich aber nicht kennengelernt habe. Beide wohnten in einer kleinen Wohnung. Evza trug immer seltsame Kleider, mit Blumen. Eigentlich sahen die Kleider wie Schürzen aus. Sie hatte ein ganz schmales Gesicht. Man staunte, dass die großen blauen Augen, die breiten Lippen und die Zähne da drin Platz hatten. Ihre Nase glich dem Schnabel eines Vogels. Aber Beine hatte sie schöne! Fast wie eine Balletttänzerin. Ganz schmal. Auch die Oberschenkel waren ganz dünn. Arme und Hände auch, dünn und durchsichtig. Wie die tschechischen Marionetten. Die haben auch einen großen Kopf und kleine schmale Ärmchen. Schade, dass Evza keine Fädchen hatte, dann hätte ich daran ziehen können. Ich weiß, ich bin böse! Sie machte die Buchhaltung bei uns.

»Also ahoj«, und ich wusste, ich würde sie nie mehr im Leben wiedersehen. Außer sie schnappten mich an der Grenze. Dann käme sie mich vielleicht im Gefängnis besuchen. Obwohl, das glaubte ich auch nicht. Es würde mich niemand besuchen. Sonst würden die Besucher ihren Job verlieren und auch keinen mehr finden. Ich schaute sie lächelnd an. »Ahoj, Evza! Sehen uns am Dienstag.« Montag war frei. Der Tag der Arbeit. »Ahoj!«, rief sie, während sie ihre Tasche packte. Sie war vormittags einkaufen und jetzt schleppte sie den Einkauf nach Hause zu ihrem Freund. Sie musste weit mit einem Bus, zu einem Plattenbau am Rand der Stadt.

Ich ging zu meinen Eltern. Meine Mutter hatte sicher schon was Gutes gekocht. Es war Freitag und mein Vater schon zu Hause. Unglaublich. Als wenn er gewusst hätte, dass er mich zum letzten Mal sehen würde. Er saß schon am Tisch und las die Národní noviny. Seine Glatze glänzte im Licht wie ein Spiegel. Die dunkle Brille hing am vordersten Teil der Nase. Seine wachen braunen Augen hoben sich, als ich ihn grüßte. Er blickte über den Rand der Brille, lächelte leicht und schaute wieder in seine Zeitung. Mein Vater hatte genauso breite Lippen wie ich und weiße gerade Zähne. Er konnte sich nicht ganz an den Tisch schieben, weil er einen Bauch hatte. Er hatte keine Taille. Er trug immer Hosenträger. Ich wüsste nicht, woran die Hose sonst hätte hängen sollen, ohne Hosenträger. Und ohne Taille. Er war sicher schon länger zu Hause, da er sein gemustertes Hemd anhatte, das weiße hatte er schon ausgezogen. Mein Vater trug nur maßgeschneiderte Kleider. Die Hose und alle Anzüge ließ meine Mutter bei einem Schneider nähen. Keine zehn Pferde hätten meinen Vater in eine Schneiderei gebracht. Mein Vater hasste aber auch nichts mehr, als wenn der Schneider zu uns kam und die Anproben zu Hause machte. »Ach, Herr Direktor, Sie haben zugenommen«, sagte er manchmal. »Hm«, sagte mein Vater, das war als Antwort alles. Selten oder nie kam: »Herr Direktor, Sie haben abgenommen.«

Mein Vater hatte an der rechten Hand keinen Mittelfinger. Als er klein war, hatten die Dorfkinder auf dem Feld gespielt, und Vater war in eine Schneidemaschine reingefallen. Gottseidank war es nur der Finger. Es faszinierte mich, wie mein Vater schrieb. Er hielt den Kugelschreiber zwischen Daumen, Zeigefinger und dem Ringfinger. Aber mein Vater schrieb wenig. Dafür gab es Sekretärinnen, die mit Steno in Windeseile alles aufschrieben, was er sagte. So auch meine Mutter, als sie Vaters Sekretärin war und sie sich verliebten. Obwohl mein Vater für immer Junggeselle bleiben wollte. Vielleicht habe ich es von ihm geerbt, dass ich die Freiheit mehr liebe als die Ehe, als eine Beziehung und ähnliche Abhängigkeiten.

Aber meine Tante hatte ihm dann nahegelegt, so ginge es nicht. Er dürfte nicht mit meiner Mutter unverheiratet irgendwo herumziehen. Als anständiges Mädchen müsste sie geheiratet werden. Mein Vater, der sechzehn Jahre älter war, hat meine bildhübsche Mutter daraufhin geheiratet.

Meine Mutter war so hübsch, dass die Leute sagten, als sie mit Vater in ein anderes Städtchen umzog: »Der Bartek hat aber eine sehr schöne Frau geheiratet!«

Sie war blond, schlank, groß, fast einen halben Kopf größer als mein Vater, daher trug sie auch nie hohe Schuhe. Ihre Haare waren lockig, ich wusste aber nicht, ob es eine Dauerwelle war oder ob ihre Haare von Natur aus lockig waren. Sie hatte eine nicht so hohe Stirn, dafür hellblaue Augen, die so blau waren, dass sich der Himmel schämte, diese blaue Farbe nicht hinbekommen zu haben. Die Augenbrauen waren dunkel, die Wimpern auch. Die gerade schöne Nase so perfekt, wie wenn ein Bildhauer sich allergrößte Mühe gegeben hätte, sie diesem Gesicht anzupassen. Und da waren noch die slawischen Backenknochen. Heute lassen sich die Mannequins die Backenknochen einoperieren. Meine Mutter hatte diese in echt, wie auch ich und meine Schwester. Ein Kinn mit Grübchen komplettierte dieses perfekte Gesicht.

Meine Mutter hatte auch schöne, lange Finger. Deswegen konnte sie gut die Geige spielen, die sie aus Österreich mitgenommen hatte. Meine Mutter wurde in der Nähe von Wien geboren. Wie ihre Schwester. Vater Ungar, Mutter, also meine Großmutter, Tschechin, verließen sie Österreich nach dem Krieg und gingen in die Tschechoslowakei, die Heimat meiner Großmutter. In Österreich wurden viele Schulen geschlossen nach dem Krieg und die Österreicher bevorzugten Kinder von österreichischen Eltern, und nicht solche Promenadenmischungen wie die Familie meiner Mutter. Obwohl, mein Großvater Tomáš, der hatte blaues Blut. Zwar war es rot, wenn er sich geschnitten hatte und blutete, aber von Geburt war es blau, da er der Sohn eines Abkömmlings von Adel war. Sein Vater war das Kind einer Bediensteten bei einem Adligen, der den unehelichen Sohn auch studieren ließ.

Meine Mutter war noch Jungfrau, als sie geheiratet hat. Meine Tante nicht. Denn als die Russen am Ende des Zweiten Weltkriegs nach Österreich kamen, vergewaltigten sie zweimal meine Tante und einmal meine Großmutter. Meine Mutter hatte zusehen müssen. Meine Tante war älter als meine Mutter. Die Russen hatten doch noch den Anstand, von dem Kind – also meiner Mutter – die Finger zu lassen. Ich glaube, deswegen hatte meine Mutter diesen Tick. Falls sich jemand im Fernseher küsste, von Sex gar nicht zu sprechen, mussten wir Kinder uns umdrehen. Manchmal fragte ich mich, wie sie Hani und mich überhaupt gezeugt hatten. Ein Glück, dass sie nie etwas von meinen Streichhölzli-Abenden einmal in der Woche erfahren hatte. Sie wäre gestorben.

»Eli, decke den Tisch, bitte.« Ich nahm das Tischtuch, bat meinen Vater, die Hände vom Tisch aus Kirschholz wegzunehmen, und glättete die Tischdecke. Die war immer gebügelt, meine Mutter eine vorbildliche Hausfrau. Dann stellte ich die flachen Teller darauf und auf die flachen Teller nochmals die tiefen, denn bei uns gab es immer zuerst eine Suppe. Meine Mutter hatte immer die Nudeln selbstgemacht, sie lagen geschnitten unter der Arbeitsplatte auf einem ausziehbaren Brett. Suppe hatte sie auch immer gekocht, meistens Brühe aus Suppenfleisch und Knochen. Mit meiner Schwester stritt ich mich immer um das Knochenmark. Beide liebten wir es, das Knochenmark aus den Knochen herauszusaugen. Natürlich nicht bei Tisch, erst später in der Küche. Meine Mutter arbeitete in Wien als Erzieherin bei einer Fabrikantenfamilie.

Jetzt noch Löffel, Gabeln und Messer. Dieses Messer lag falsch, dachte ich mir. Die Schnittstelle musste nach innen, also zum Teller hin gerichtet sein. Sonst würde sich meine Mutter beschweren. Ich lief um meinen Vater herum, der keine Anstalten machte, sich zu erheben. Manchmal kam ich ihm so nah, dass ich seinen Geruch wahrnahm. Am liebsten hätte ich ihn küssen wollen, meinen Kopf auf seine Schulter legen, den Geruch nach Zigaretten in seinen Kleidern riechen. Ihm erzählen, was ich vorhabe. Mich anvertrauen. Nein, es ging nicht. Ich durfte mir nichts anmerken lassen.

Meine Schwester Hani war mit ihren sechzehn Jahren ein bisschen pummelig. Sie aß, als sie klein war, ununterbrochen »Katzenseife«, eine tschechische Süßigkeit. Die farbigen Vierecke sahen wie ein Stück Seife aus und waren mit Traubenzucker gesüßt. Sie leerte heimlich dem Vater die Taschen seines Anzugs aus, fand dort Kleingeld und kaufte sich damit Süßigkeiten. Sie saß dann irgendwo in der Ecke und lutschte an ihnen herum. Hani hatte wie ihre Mutter viele starke, dicke Haare. Auch Augen und Augenbraunen waren der Mutter ähnlich sowie die Nase und der Mund. Sie sah ganz anders aus als ich, so dass die Leute staunten, wenn wir sagten, wir wären Schwestern. Sie war eben blond und ganz hellhäutig und ich war braun. Ich hatte wenige, feine, dunkle Haare und immer eine Schleife drin, die meistens herunterhing, weil ich mich überall rumtrieb. Dunkle Augen. Ich hatte einen Überbiss und sah wie ein Hase aus, mit der hängenden Schleife als Öhrchen und den vorstehenden Zähnen. Als wenn ich ununterbrochen an einer Karotte knabbern würde. Ich musste lange Zeit eine Zahnspange tragen. Und meine Mutter massierte mir nach jeder Haarwäsche Ampullen für das Wachstum der Haare ein. Meine Mutter meinte, wenn die Fotos von meinem Vater nicht wären, als er klein und mir so ähnlich war, würde sie nicht glauben, dass ich eine Bartek wäre.

Hani sah immer ganz sauber in ihrem Kleidchen aus und ich immer ganz schmutzig. Sie sah wie ein Engel aus, und das sagten ihr die Leute auf der Straße auch. Blonde lockige Haare, die in der Sonne glänzten wie Gold. Und die Erwachsenen sagten immer: »Was für ein schönes Kind!« Und ich dachte mir, was für eine Frechheit, das vor mir zu sagen, mich lobt niemand! Und bei der nächsten Gelegenheit bin ich in die nächste Wasserpfütze reingehüpft und habe Hani nassgespritzt. Sie heulte dann wie am Spieß. Aber wenigstens war sie nicht mehr sauber. Manchmal, wenn ich nicht brav war, sagte meine Mutter: »Dich haben sie sicher in dem Spital bei der Geburt umgetauscht.« Nicht nur, dass ich anders aussah als Hani, ich war auch charakterlich ganz anders. Hani hatte einen ruhigen, lieben Charakter, stand immer mit meiner Mutter in der Küche und war eher ängstlich. Ich spielte meistens mit Jungs, verprügelte sie, und wenn es nötig war, kletterte ich auf Bäume. Ich brach dem Polizistensohn, der in unserem Haus wohnte, als er im Eingang nach mir schnappen wollte, die Hand. Er steckte sie zwischen die Flügeltüren, und anstatt sie zu öffnen, habe ich sie zugezogen. Das hatte er davon, dass er mich nervte.

Ich hatte meine Schwester sehr lieb, auch wenn ich sie gerne neckte, ja sogar ärgerte. Als sie zur Welt kam, habe ich Hani gehasst, denn von da an musste ich die uneingeschränkte Liebe meiner Eltern, an die ich die fünf Jahre gewöhnt war, teilen. Ich wollte Hani nicht mit dem Kinderwagen fahren, obwohl mir von meiner Mutter Schokolade versprochen wurde. Und so kippte ich meine Schwester in die Brennnesseln. Danach musste ich sie nie mehr hüten. Und verzichtete auch gerne auf die Schokolade.

Jetzt hatte sich meine Schwester umgezogen und saß auch schon am Tisch. Der Vater klappte die Zeitung zusammen, ganz vorsichtig, er hatte sie nicht fertig gelesen und wollte es sicher nach dem Essen tun.

Meine Mutter kam jetzt endlich auch zu Tisch und zog ihre weiße Schürze aus, die bis zum Busen hoch reichte. Sie löste die schöne Schleife auf dem Rücken und hängte die Schürze ordentlich auf den Küchenhaken. Jetzt saß sie endlich. Wir durften nicht zu essen anfangen, bis die Köchin begonnen hatte. Nach der Suppe stand meine Mutter auf, räumte die tiefen Teller weg und servierte Gulasch mit Semmelknödeln. Weiß Gott, wie viele Stunden sie wieder in der Küche gestanden hatte.

Ich bedankte mich für das Essen und wollte danach nicht reden. Ich wollte auch nicht fernsehen, denn ich musste früh aufstehen. »Eli, willst du auch keine Nachspeise? Ich habe Kuchen gebacken.« »Nein, ich bin müde«, sagte ich und schaute alle beiläufig an, wünschte nochmals gute Nacht und ging in mein Zimmer. Wie gerne würde ich alle abküssen! Wie gerne würde ich den Duft meines Vaters in einem Parfumfläschchen mitnehmen! Wie gerne möchte ich meine Schwester an den langen Haaren ziehen! Meine Mutter umarmen! Wie gerne würde ich alles abblasen. In der Küche sitzen, während meine Mutter nähte, und mit Hani singen! Hani konnte nie den Ton halten und musste sich beim Singen die Ohren zuhalten, um meine Stimme nicht zu hören. Meiner Mutter zusehen, wenn sie sich schminkte. Dem schwarzen Tatra entgegenlaufen und den Papi begrüßen! Wenn ihn Herr Schalamoun, sein Chauffeur, nach Hause brachte. Wenn der Papi nicht irgendwo in der Ferne zu tun hatte. Wie gerne!! Ich durfte keinen Tropfen in meinen Augen haben. Keine Träne. Nur beiläufig Ahoj sagen, und das vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Ich putzte mir die Zähne, zog meinen Pyjama an und meinte, ich sterbe. So schnell stirbt man jedoch nicht.

Morgens stand ich auf, fast alle schliefen noch. Es war Samstag. Nur meine Mutter bereitete schon Frühstück vor: »Ahoj, Mami«, sagte ich schnell, komme Dienstag, habe mir freigenommen.« »Eli, willst du nicht frühstücken?« »Nein!«, rief ich zurück, packte den schweren Koffer und knallte die Türe zu. Meine Mutter schaute noch aus dem Fenster und winkte, rief wie immer: »Eli, hast du ein Taschentuch?«, da ich Heuschnupfen hatte und oft niesen musste. »Ahoj, Mami, bis Dienstag!«

Und vielleicht bis nie mehr. Vielleicht gelingt mir die Flucht. Vielleicht finden sie mich und ich werde für immer in einem politischen Gefängnis sitzen. Vielleicht, vielleicht …

Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, ging die Treppe herunter zwischen den Gärten, drehte mich nicht um, ging noch ein Stückchen auf der Hauptstraße zu dem Bus, der mich für immer wegfuhr, zum Zug, der mich nach Marienbad brachte.