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Eine unvergessliche Reise nach Sylt Als Mette erfährt, dass ihre Schulfreundin Josefa mit Anfang fünfzig an Krebs verstorben ist, trifft deren Tod sie, obwohl sie schon lange keinen Kontakt mehr zu Josefa hatte. Ausgerechnet Ole, ein gemeinsamer Freund aus der Schulzeit, überbringt ihr die traurige Nachricht und berichtet ihr vom letzten Wunsch der Verstorbenen: Gemeinsam sollen sie deren Asche auf Sylt verstreuen. Auf der Insel angekommen, wird Mette von ihren Erlebnissen als Verschickungskind eingeholt und setzt sich endlich mit ihrer Vergangenheit auseinander. Nur die Gespräche mit dem einfühlsamen Ole lenken sie ab. Dabei wird ihre Verbindung zueinander immer stärker … Einfühlsam und gut recherchiert erzählt Jule Henning vom Schicksal der Verschickungskinder auf Sylt und greift damit ein schwarzes Kapitel in der deutschen Geschichte auf.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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© Piper Verlag GmbH, München 2024
Redaktion: Antje Steinhäuser
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Cover & Impressum
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Nachwort
Dank
Quellen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Literaturverzeichnis
Sie brauchten nicht viel. Einen Klappspaten, eine Dose, festes Schuhwerk, dunkle Kleidung und eine Prise krimineller Energie. Die kriminelle Energie war nur geliehen. Aus all den Krimis, die sie im Laufe der Jahre aufgesogen hatten.
Prasselnder Regen setzte ein, als sie das Friedhofstor erreichten, er weichte den Boden auf und verwandelte die schmiedeeisernen Gitterstäbe in glitschige Spieße. Einmal mussten sie abbrechen, weil eine Frau mit ihrem Dackel vorüberging, ein anderes Mal, weil sich eine Gruppe angetrunkener Männer grölend näherte. Die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, pressten sie sich wie Teenager in eine Ecke. Er stellte sich breitbeinig vor sie, aber er küsste sie nicht, sondern zündete sich eine Zigarette an und blies Kringel schräg an ihr vorbei in die Abendluft. Kaum war es wieder ruhig, warf er die Kippe in eine Pfütze und gab ihr ein Zeichen. Sie stieg als Erste übers Tor, diesmal stellte sie sich schon geschickter an. Er reichte ihr den Rucksack und kletterte hinterher. Tannen standen links und rechts Spalier, zackige Riesen, die sich direkt aus den Gräbern zu erheben schienen. Rasch weiter. An der nächsten Wegbiegung hielten sie inne. Sahen sich an und lachten komplizenhaft. Denn das waren sie: Gesetzesbrecher auf Zeit.
In den letzten Tagen hatten sie sich den Weg zur Grabstelle eingeprägt, jeder für sich, damit sie sicher sein konnten, im Dunkeln nicht die Orientierung zu verlieren. Grablage D 21 f, unweit der Kapelle. Sie wechselten kein Wort miteinander. Es knackte in den Büschen, der Ruf eines Kauzes ertönte, und als sie einen Moment stehen blieben, um sich zurechtzufinden, meinte sie wispernde Stimmen zu hören.
Sie schauderte, wie damals auf der Nachtwanderung durch die Dünenlandschaft an der Nordsee. Sie war fünf. Das dünne Mädchen mit den fisseligen blonden Haaren, das nur Kartoffelpüree, Tomatensuppe, Spiegeleier und Plätzchen aß. Im Kinderkurheim würde sie zunehmen, dachte sich ihre Mutter. Einer der Jungen hatte sie ärgern wollen und gesagt, die Toten kämen nachts aus den Gräbern gekrochen, um ihr Unwesen auf der Insel zu treiben. Der Wind, der ihr die Zöpfe zerzauste, sei ihr Gesang. Sie hatte ihm geglaubt. Sie hatte all die Geschichten geglaubt und sich panisch an ihre Freundin geklammert. Seit ihrer Ankunft war sie gefangen gewesen in einer Spirale aus Angst. Immerzu war ihr übel, der Magen verknotet, und als sie von der Kur zurückkam, war sie dürrer als bei der Abreise.
Sie fanden das Grab, ohne sich zu verlaufen. Die Blumen, die ein paar Tage zuvor frisch gewesen waren, ließen die Köpfe hängen, die Blätter weinten. Mit dem Smartphone leuchtete sie auf die Stelle, an der die Urne vergraben sein musste. Trotz des Regens war sie deutlich zu erkennen. Sie wechselten sich ab, mal schaufelte er und sie hielt die Handylampe, mal hub sie den Spaten in die Erde. Die Urne steckte tiefer, als sie vermutet hatten. Sie schwitzte und fror abwechselnd in dem Kapuzenpullover, der längst durchnässt war. Genauso wie die Chucks, in die sie am Morgen beim Blick in den wolkenlosen Himmel geschlüpft war. Dann ließ der Regen nach, die Wolkendecke brach auf, und der Mond stand maisgelb und prall über ihnen. Die perfekte Kulisse für den großen Moment: Der Spaten stieß auf einen Widerstand.
»Kannst du es bitte …?«, sagte sie, mit einem Mal verängstigt.
Er nickte ihr zu, und während er sich vor das offene Erdloch kniete, legte sie den Kopf in den Nacken. Schwarzgraue Wolken mit zackigen Lichträndern, vom Wind gejagt. Graue Schlieren vorm Mond. Ab und zu blinkte ein Stern.
Als er sich wieder aufrichtete, hielt er ihr die Urne entgegen. Aber sie wollte nicht. Auf keinen Fall wollte sie das tun. Ihr war flau; der Schnaps, den sie zuvor getrunken hatten, war ihr nicht bekommen.
»Warum ich?«, entgegnete er.
Die Frage war berechtigt. Woher wusste man, wer befähigter war, eine Urne zu öffnen und die Asche, die sich darin befand, umzufüllen? Gab es Präzedenzfälle? Ganz sicher nicht. Nirgendwo stand geschrieben, was in einer solchen Situation zu tun war. Doch weil er so erbärmlich aussah mit der tief ins Gesicht ragenden Kapuze, gab sie sich einen Ruck.
Am Ende erledigten sie die Sache gemeinsam. Er hielt die Urne, sie drehte den Schraubverschluss auf. Kaminasche. Sah Kaminasche nicht genauso aus? Ihre Zähne schlugen aufeinander, wie damals als Kind an der Nordsee nach dem Baden in den Wellen. Sie presste die Lippen zusammen und zog die Dose aus dem Rucksack. In ihrer Kindheit war sie in der Adventszeit randvoll mit Vanillekipferl, Zimtsternen und Nussstangen gewesen. Ihre Mutter hatte sie gebacken, Jahr für Jahr. Mit dem Backen war es vorbei, aber die Blechdose stand nach wie vor im Keller. Das knarzige Scheppern, als sie den Deckel lupfte, katapultierte sie im Sekundenbruchteil in ihre Kindheit zurück. Wie oft hatte sie sich in den Vorratskeller gestohlen, um ein paar von den Plätzchen zu stibitzen. Damals. Als das Leben nicht so festgezurrt war wie heute.
Das ist Asche, sagte sie sich, einfach nur Asche, und dann überwand sie sich. Sie war froh, dass der Mond Licht spendete, denn sie wollte nichts von dem Staub verschütten, der mal ein Mensch gewesen war. Einer, der ihr nahegestanden hatte. Der geatmet, gelacht und geliebt hatte.
Ein würziger Duft stieg von der Erde auf, als sie kurze Zeit später in Richtung des Eingangstors huschten. So roch es nur nach einem Sommerregen. Der Himmel hatte sich erneut verdunkelt, und es fing zu nieseln an. Alles in ihr fühlte sich wie tot an, als sie über das Tor kletterte. Sie fror nicht, aber ihr war auch nicht warm, und ihre Beine bewegten sich, weil sie das tun mussten, damit sie den Weg vom Friedhof zur U-Bahn schaffte.
Erst als sie zu Hause war und sich die Fingernägel unter fließendem Wasser schrubbte, kamen ihr die Tränen. Ein Kapitel war zu Ende gegangen, und ein neues wurde aufgeschlagen.
Mit dem Anruf fing es an. Er veränderte alles. Den Sommer und auch mein Leben.
Das Telefon läutete kurz vor acht, ich stand in der Küche und bereitete das Frühstück zu. Zwei Scheiben getoastetes Sauerteigbrot mit Konfitüre. Das Brot musste den richtigen Bräunungsgrad haben, da war meine Mutter eigen.
Sie hob den Blick. »Sei doch so lieb, mein Schatz.«
Ich ging auf den Flur, wo der Apparat in der Ladestation steckte, da verstummte es.
»Verwählt«, sagte ich, als ich zu ihr zurückkehrte.
Auf dem Festnetz rief kaum jemand an. Es gab ein paar wenige Freundinnen und Bekannte, doch die meldeten sich – das schien in der Generation 80plus ein unausgesprochenes Gesetz zu sein – nie vor elf. Wenn meine Mutter gefrühstückt, Lippenstift aufgetragen und mit dem Rollator eine Runde durch die Nachbarschaft gedreht hatte.
Ich stellte den Korb mit den getoasteten Brotscheiben auf den Tisch und goss mir Kaffee ein. Es war ein kurzer Moment, den ich am Morgen feierte. Durchatmen. Kraft schöpfen, bevor mich der Alltag mit seinen Anforderungen überrollte. Nicht, dass es mir etwas ausmachte, meine Mutter zu pflegen, es war nun mal so. Ein niemals endender Marathonlauf. Es gab Tage, da war sie voller Energie, an anderen schaffte sie es kaum aus dem Bett. Das waren die schlimmsten Augenblicke, weil ich glaubte, schuld an ihrer schlechten Verfassung zu sein. Und dass es ihr besser gehen würde, hätte ich neben dem täglichen Cocktail aus Einkaufen, Kochen und Den-Boden-Wischen mehr Zeit für sie. Um mit ihr zu reden, zu lachen und einen Spaziergang zu unternehmen, ohne dass mir der überfällige Waschgang oder die nächste Mahlzeit im Nacken saßen.
Ich trat mit der Kaffeetasse ans Terrassenfenster und schaute in den Garten. Die Rabatte waren zugewuchert, der Rasen vermoost, und die Bäume schienen förmlich darum zu betteln, zurückgeschnitten zu werden. Ich kam nicht dazu. Schon des Öfteren hatte ich einen Gärtner bestellen wollen, aber meine Mutter hatte jedes Mal protestiert. »Mette-Schatz, bitte keine fremden Leute im Haus.« Und sie wollte auch keine Reinemachefrau in Anspruch nehmen. »Die putzen doch nur wischiwaschi und huschhusch«, lautete das Totschlagargument. Wenn ich ihr sagte, dass es mir zu viel wurde, die hundertfünfzig Quadratmeter allein in Schuss zu halten, griff sie selbst zum Putzlappen und schrappte mit dem Rollator übers Parkett. Sauber wurde das Haus davon nicht. Und weil ich Angst haben musste, dass sie stürzte und sich etwas brach, nahm ich ihr die Arbeit meistens ab.
Wieder klingelte das Telefon.
»Vielleicht ist es Renate.« Meine Mutter streckte mir die Hand hin. »Es ging ihr gestern nicht so gut.«
Renates Gesundheitszustand war ein überzeugendes Argument, also eilte ich nach nebenan, um den Apparat zu holen. Meine Mutter meldete sich mit dem munteren Tonfall, den sie sich für Fremde aufgespart hatte. Waren wir unter uns, klang sie oft leidend, eine Spur anklagend.
»Einen Moment bitte.« Sie hielt den Lautsprecher zu. »Für dich, Schatz.«
»Ja, hallo?«
»Ich bin’s, Ole«, sagte eine Stimme, und in Sekundenbruchteilen war ich wieder siebzehn. Spürte dieselbe Unsicherheit und Verwirrung.
»Ole … wer?«, erwiderte ich, obwohl ich sehr genau wusste, wer dran war.
»Ole August Graf von Freyendorf. Matthias-Claudius-Gymnasium. Kunst-AG. Erinnerst du dich …?«
Und ob ich mich erinnerte. Die ganze Oberstufe über hatte sein Name am Schwarzen Brett gestanden und sich wie die Derbys meines Englischlehrers, wie der Geruch der Turnhalle und wie der Geschmack des Kakaos, den es in der Milchausgabe zu kaufen gab, in mein Hirn gebrannt.
Alle Mädchen hatten für Ole geschwärmt, ich wohl mehr als meine beste Freundin Josefa, die ein paar Jahre mit ihm zusammen gewesen war. Ich hatte mir nie ernsthafte Hoffnungen gemacht. Der Leiter der Kunst-AG, ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums, sah gut aus, keine Frage. Honigfarbene Locken, graublaue Augen, filigrane Hände. Aber er war weit über zwanzig und damit zu alt für ein Schulmädchen wie mich. Das hatte mich nicht davon abgehalten, in meinem Tagebuch Seite für Seite von ihm zu schwärmen. Und jede war mit seinen Initialen verziert. OAGvF. Zu oft hatte ich die Buchstabenkombination geschrieben, um sie jemals vergessen zu können.
»Ach, hallo … guten Morgen.« Die Hand, mit der ich mir nervös den Nacken rieb, war eiskalt.
»Entschuldige, dass ich so früh anrufe. Ich hoffe, ich störe nicht.«
»Nein, nein, gar nicht.«
Ich gab meiner Mutter einen Wink und verzog mich in mein Zimmer im ersten Stock. Mehr und mehr beschlich mich ein mulmiges Gefühl, und ich wusste nicht, weshalb.
»Wie geht es dir?«, fragte ich, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Unverbindlicher Tonfall.
»Gut. Eigentlich sogar sehr gut.«
Ole erzählte, dass er eine Weile in Portugal gelebt und gearbeitet habe, vor neun Jahren nach Deutschland zurückgekehrt sei und seit vier Jahren in Berlin lebe. Ich stellte kurze Zwischenfragen, er antwortete ebenso knapp, und während ich die Bücher und den Laptop auf dem neuen Arbeitstisch hin und her rückte, lief parallel ein Film in meinem Kopf ab. Wie hatte es nur dazu kommen können, dass ich bisher keine Zeile zu Papier gebracht hatte? Dabei war es meine feste Absicht gewesen, als ich den Job als Deutschlehrerin am Spracheninstitut gekündigt, die Zwei-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg aufgegeben hatte und in mein Elternhaus nach Friedenau gezogen war. Endlich wieder einen Roman schreiben, an den Erfolg von damals anknüpfen, auf Buchmessen fahren, Lesungen halten. Aber alles andere war immer wichtiger gewesen. Das Bettenbeziehen, die Einkäufe, die unzähligen Erledigungen, die anfielen, wenn man seine Mutter pflegte. Und wie ich so über die lederne Schreibunterlage strich, die von meinem Vater stammte, ging mir auf, dass ich mir mit der Angst vor dem leeren Bildschirm, den es mit Worten und Sätzen zu füllen galt, selbst im Weg gestanden hatte.
Ole ließ seinen Bericht mit einem heiseren Lacher ausklingen, dann erkundigte er sich, wie es mir ergangen sei. So hatte ich ihn in Erinnerung: stets korrekt, stets freundlich.
»Auch gut.«
Was sollte ich auch sonst sagen? Dass nichts Aufregendes in meinem Leben passierte? Weil ich um meine Mutter kreiste wie ein Satellit um die Erde und meine Mutter um mich? Dass ich beruflich versagt hatte, mir die Erkenntnis aber soeben erst gekommen war?
Ole hustete. Raucher. Jetzt fiel es mir wieder ein. Damals waren es selbst Gedrehte ohne Filter gewesen. Wir Mädchen hatten das sexy gefunden.
»Was gibt es denn?«, fragte ich, um dem unverbindlichen Geplauder ein Ende zu setzen.
»Mette«, sagte Ole mit Nachdruck, und es rührte mich, dass er mich mit meinem Vornamen ansprach. Früher hatte er das nie getan, sodass ich irgendwann angenommen hatte, er kenne ihn gar nicht. »Du klingst nicht so, als ob du es wüsstest.«
»Was meinst du?«
»Hast du heute keine Post gekriegt?«
»Nein, ich … Ich war noch nicht am Briefkasten.«
»Und gestern auch nicht?«
»Nein, gestern auch nicht.«
»Willst du eben nachschauen?«
Ich setzte mich auf die hellblaue Couch, die meine Eltern mir zum sechzehnten Geburtstag geschenkt hatten. Eine Handbreit von dem Rotweinfleck entfernt, der nie mehr rausgegangen war. Damals bei der Knutscherei mit Andreas. Wegwerfen mochte ich das Relikt aus meiner Jugend nicht. Weil es so wäre, als würde man einen Teil seiner selbst auslöschen.
»Nein, das kann warten. Aber erzähl. Worum geht’s?«
Wieder dieser Husten.
»Josefa.«
Ich hielt die Luft an. Vergaß zu atmen. Es war absurd, aber ich hatte so eine Ahnung gehabt. In dem Moment, als ich Oles Stimme am Ohr gehabt hatte.
Der Kontakt zu meiner Schulfreundin war vor Jahren abgerissen. Waren es fünf? Oder sechs? Und waren wir am Ende überhaupt noch Freundinnen gewesen? Oder wie nannte man das, wenn man von einem Tag auf den anderen nicht mehr miteinander sprach?
»Was ist mit ihr?«, stieß ich hervor.
»Es tut mir leid, es dir sagen zu müssen …«
Er stockte.
»Ja?«
»Josefa ist tot.«
Ein paar Sekunden verstrichen, in denen ich seine Worte zu begreifen versuchte. Aber es gelang mir nicht, da war nur dieser Druck, der sich hinter meinen Augen aufbaute.
»Mette?«
»Ja, ich bin noch dran.«
Ole atmete geräuschvoll ein und aus. »Ich habe die Trauerkarte schon vorgestern bekommen«, fuhr er fort. »Und heute einen Brief vom Notar. Darin standen deine Adresse und Telefonnummer.«
»Dann ist es also wahr?«, fragte ich so leise, dass ich mich selbst kaum hörte.
»Ja«, antwortete er, und endlich kamen die Tränen.
Ich wusste nicht, wie lange ich weinte, denn das, was Ole mir eröffnet hatte, war ungeheuerlich. Wie durch einen Schalldämpfer bekam ich mit, dass meine Mutter nach mir rief, aber ich ließ sie rufen. Es würde nichts Dringendes sein. Vielleicht machte sie sich auch nur Sorgen, weil meine Schluchzer bis zu ihr ins Erdgeschoss drangen.
»Es tut mir so unendlich leid, Mette, ich wollte dich nicht damit überfahren. Ich dachte … na ja, dass die Briefe am gleichen Tag rausgeschickt worden sind und du es schon weißt. Das ist ja auch alles kaum zu begreifen. Weil … tot … das ist so endgültig, da gibt es nichts, was die Sache irgendwie beschönigen könnte.«
Ole redete und redete, und ich wunderte mich darüber, da er früher nie gesprächig gewesen war. Er hatte nur das Nötigste gesagt und seine Schülerinnen dabei ernst angeschaut. Wir Mädchen hielten das damals für tiefgründig und verliebten uns umso heftiger in ihn. Wie ich es genossen hatte, wenn er abseits der Kunst-AG ein paar magere Worte mit mir gewechselt hatte. Jetzt wollte ich diese Worte nicht hören. Ich wollte, dass er schwieg und sich nicht weiter über die Sache, wie er es nannte, ausließ.
»Ich glaube, ich geh dann mal zum Briefkasten«, sagte ich, kaum, dass mich wieder im Griff hatte. »Wiedersehen, Ole. Und danke für deinen Anruf.«
Er schien noch etwas erwidern zu wollen, aber da drückte ich das Telefonat schon weg.
Josefa und ich waren Kinderfreundinnen. Beste Freundinnen. Herzensfreundinnen. Jeden Tag erfanden wir neue Schwüre, um uns gegenseitig zu versichern, wie viel wir uns bedeuteten. Wir teilten alles. Schokolade und Lakritzstangen, Spickzettel und Schwärme. Damals glaubte ich, wir würden für immer dieses unschlagbare Team sein. Mette und Josefa. Und dass uns nichts und niemand je würde auseinanderbringen können.
Ich war sechseinhalb, als Josefa mit ihrer Familie zu uns in die Siedlung zog. Sechseinhalb Jahre und einsam. Geschwisterlos, die Kinder in der Nachbarschaft waren jünger oder älter. Ein Dilemma, das ich mit Altklugheit wettzumachen versuchte. Kaum eingeschult, galt ich als Außenseiterin. Ich wollte ja mit den Klassenkameradinnen spielen, die Klassenkameradinnen aber nicht mit mir. Nachmittags, wenn meine Eltern bei der Arbeit waren, versorgte mich unsere Nachbarin Frau Binder. Sie war freundlich zu mir, trotzdem fand ich, dass ich sie gar nicht brauchte. Ich konnte Spiegeleier braten, Brötchen aufbacken und Tomatensuppe aufwärmen. Ich erledigte die Hausaufgaben gewissenhaft und ohne fremde Hilfe, und vor allem machte es mir nichts aus, allein zu sein. Stundenlang spielte ich mit Lego, ich reiste mit meiner Puppe Mimi zu den Pinguinen in die Antarktis, oder ich ließ die Feuerwehr anrücken, weil das Haus mal wieder lichterloh brannte. Manchmal rettete ich mich auf die Terrasse und ging hinter dem Johannisbeerstrauch in Deckung, wo mich die Katze von nebenan besuchte und sich von mir streicheln ließ. Die Freunde und Kollegen meiner Eltern waren voll des Lobes. Was für ein patentes Mädchen! Und weil mir alle immerzu applaudierten, gefiel ich mir in meiner Rolle der kleinen Erwachsenen.
Dass es viel schöner war, mit einer Freundin herumzustromern, begriff ich erst, als ich Josefa kennenlernte. Vom Küchenfenster unseres Bungalows aus sah ich sie auf ihrem feuerwehrroten Fahrrad, das für ihre Größe viel zu klein war, vorbeisausen, ihre dunklen Haare flatterten im Wind wie die Bänder am Richtkranz.
»Mette-Schatz, das Mädchen geht sicher schon in die zweite oder dritte Klasse«, sagte meine Mutter, als sie meine sehnsüchtigen Blicke bemerkte. Unterton: Die interessiert sich gar nicht für dich.
Doch sie irrte sich. Josefa war genauso alt wie ich, sie kam in meine Klasse und vom ersten Moment an waren wir unzertrennlich. Ich liebte ihre Bitterschokolade-Augen, sie das Sammelsurium aus aussortierten Kleidern, Knöpfen und Muscheln in unserem Keller. In Räuberkostümen, die wir uns dort unten zusammenklaubten, machten wir die Gegend unsicher. Wir spionierten gefährliche Gangster aus, halfen Fröschen über die Straße, spielten Gummitwist und ärgerten die jüngeren Nachbarskinder, indem wir sie mit Tuschewasser aus Wasserpistolen bespritzten. Im Winter zogen wir mit unseren Schlitten los, im Sommer lagen wir im Freibad auf Badetüchern, lutschten Salinos, und Josefa zählte die Sommersprossen auf meiner Nase, die von Tag zu Tag mehr wurden.
So war das mit Josefa, und jeder einzelne Nachmittag, den ich mit ihr verlebte, war ein schönerer Nachmittag als die unzähligen einsamen Nachmittage zuvor.
Geraume Zeit später, ich hatte die Küche aufgeräumt und einen Kaffee getrunken, wagte ich mich an den Briefkasten. Er war leer. Ole hatte von zwei Briefen gesprochen, die Trauerkarte und eine Sendung vom Notar. Das hatte er doch, oder? Aber warum sollte uns ein Notar schreiben? Wir waren weder mit Josefa verwandt noch ihre Wahlfamilie.
Erleichtert, dass mir die nächsten vierundzwanzig Stunden kaum Zeit zum Trauern bleiben würde, startete ich in den Tag. Der wöchentliche Großeinkauf stand an, ich musste eine neue Fußpflegerin für meine Mutter organisieren, die Betten beziehen, eine Waschmaschine aufsetzen und das Mittagessen kochen. Doch egal, was ich in Angriff nahm, immerzu hatte ich Josefa vor Augen. Mit dem straff gebundenen Zopf im Nacken. Den kirschroten Lippen. Den dunkel geschminkten Augen. Ich hatte imaginäre Gespräche mit ihr geführt, ihr ungezügeltes Lachen gehört, und bei der Erinnerung daran waren mir wieder die Tränen gekommen. Warum war sie krank geworden, ausgerechnet sie, die vor Kraft und Energie nur so gestrotzt hatte? Ganz im Gegensatz zu mir. Solange ich zurückdenken konnte, war ich dünn und kränklich gewesen, schwaches Immunsystem, wie mir unser Hausarzt Dr. Mommsen eingeflüstert hatte. Und jetzt war Josefa tot. Einfach so.
»Lass es gut sein für heute«, sagte meine Mutter, als ich die Linsensuppe erst gegen halb zwei auf den Tisch brachte. Für gewöhnlich aßen wir um eins. »Unternimm lieber etwas Schönes. Etwas, das dir Freude bereitet.«
Zwischen zwei Löffeln Suppe nickte ich meiner Mutter zu. Nur, was konnte das sein, wenn die ehemals beste Freundin gestorben war? Ein enges Band hatte sich mir um den Hals geschlungen. Auch meine Mutter litt, das spürte ich. Sie machte mir keine Vorwürfe wegen Josefa, das Leben verlief manchmal eben anders, als man es sich wünschte. Doch beim Nachtisch, ich hatte Erdbeeren vom Vortag im Kühlschrank entdeckt, wollte sie mit bitterer Stimme wissen: »Warum hast du sie eigentlich nie wieder angerufen?«
Die Frage fuhr mir wie ein Stromschlag in die Glieder.
»Ich mochte das Mädchen immer so«, sprach sie weiter, während ich auf den Löffel starrte, der in meiner Hand zitterte. »Ihr wart doch all die Jahre so eng, das wart ihr doch, oder?«
»Ich weiß es nicht.«
Das war gelogen. Josefa hatte mich verletzt, ein weiteres Mal. Ich kannte es ja nicht anders von ihr, über ihre Unzuverlässigkeit hatte ich mich schon als Kind geärgert. Doch dieses eine Mal war zu viel gewesen, ihre Dreistigkeit hatte jedes Maß überstiegen.
Erst später bei einer Tasse Kaffee, die meine Mutter und ich auf der Terrasse unter der Markise tranken, gestand sie mir, ein schlechtes Gewissen zu haben.
»Warum solltest du ein schlechtes Gewissen haben? Wir wussten alle nicht, dass sie krank ist.«
Meine Mutter presste die rot angemalten Lippen aufeinander. »Ich bin mit meinen mehr als vierundachtzig Jahren noch am Leben. Sie ist es nicht.«
»Mama«, sagte ich. Es war mir so rausgerutscht, sonst sprach ich meine Mutter mit Isolde an. »Es gibt keine vorgeschriebene Reihenfolge, in der die Menschen zu sterben haben. Und eine gerechte schon gar nicht.«
Sie nickte, dann hämmerte sie mit den Nägeln, die passend zum Lippenstift in einem Beerenton lackiert waren, auf die Tischplatte. »Dein Vater zum Beispiel. Er hätte noch eine gute Zeit haben können.«
Das stimmte. Womöglich wäre der Herzinfarkt vor sechs Jahren vermeidbar gewesen, hätten die Ärzte seine Beschwerden ernst genommen. Sein Tod hatte uns alle überrascht. Und nur, weil meine Mutter aus dem Tal der Trauer nicht mehr herausgefunden hatte, kündigte ich nach einigen Monaten des Zauderns meine Wohnung und zog zu ihr. In dieses Leben, das jetzt meins war und sich immer noch wie ein verkehrtes Paar Schuhe anfühlte.
Am Tag darauf kam die Post später als gewöhnlich. Wir hatten Spaghetti mit grünem Spargel gegessen, und meine Mutter hielt ihren Mittagsschlaf. Leider war es meistens nur ein Schläfchen auf dem Sofa, und bereits zehn Minuten nachdem sie sich hingelegt hatte, rief sie nach mir, damit ich ihr beim Anziehen der Feinstrumpfhose half. Aber auch diese kurze Zeit war mir heilig. Ich räumte in der Küche die Teller in den Geschirrspüler, als ich die Briefträgerin auf dem E-Bike davonradeln sah. Eilig nahm ich den Schlüssel vom Haken im Flur und ging nach draußen. Diesmal lagen neben einer Wurfsendung und der Telefonrechnung zwei weitere Umschläge im Kasten. Einer von Familie Jensen, ein anderer von Kanzlei Schneider, Rechtsanwalt & Notar. Mein Herz hämmerte, und ein Schmerz flackerte in der Magengegend auf. Ich hatte mich also nicht verhört.
»Tach och!«
Unser Nachbar Herr Haas ging mit seinem Spaniel vorbei.
»Morgen«, erwiderte ich und zwang mich zu einem Lächeln.
Wir hielten ein Schwätzchen, erst diese Hitze im Frühjahr, der Dauerregen Anfang Juni, danach war ich gefasst genug, um die Briefe zu lesen. Ich kehrte in die Küche zurück und zog die Tür hinter mir zu. Hier war ich ungestört.
Ich goss mir einen Rest Kaffee ein, dann öffnete ich den Trauerbrief. Ich hätte damit rechnen müssen, dennoch erwischte es mich eiskalt, dieses Foto von Josefa zu sehen. Es musste in einem ihrer letzten Urlaube am Meer aufgenommen worden sein. Ihr Teint war olivfarben, ihre Haare kurz und lockig, und sie lachte so glücklich, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, dass ich sie am liebsten in den Arm genommen und ihr verziehen hätte. Die Flatterhaftigkeit, die Egozentrik, die Unbeherrschtheit, einfach alles.
Ich überflog den Trauerspruch, er war belanglos, und ich vergaß ihn gleich wieder, weil er mit der Josefa, die ich kannte, nichts zu tun hatte. 12. Juli. Der Tag der Beerdigung. Sollte ich hingehen? Ich war unentschlossen. Denn was hatte ich dort verloren? Trauern und an sie denken konnte ich ebenso gut zu Hause.
Der Brief vom Notar lag nach wie vor unangetastet vor mir, als meine Mutter nach mir rief.
»Hab ich dich geweckt?«, fragte sie, als ich einen Blick ins Wohnzimmer warf.
»Nein, wieso?«
»Es ist so still.«
Ich brach in Gelächter aus. Meine Mutter erinnerte mich bisweilen an ein Kind. Sie musste immer genau wissen, was los war, und da, abgesehen von meinen hausfraulichen Aktivitäten, nichts geschah, war ich Dreh- und Angelpunkt ihrer überschaubaren Welt. Ich nahm ihr das nicht mal übel, aber manchmal wollte ich für mich sein und nicht über jeden Handgriff Rechenschaft ablegen.
»Übrigens«, fuhr ich fort, »die Traueranzeige ist da.«
Auf einmal kam Leben in meine Mutter. Sie setzte sich aufrecht hin, drückte ihr Kreuz durch und trommelte mit den Schuhspitzen aufs Parkett. Wann? Welcher Friedhof? Gehst du hin? Es hagelte immer mehr Fragen. Ich antwortete ausweichend, dann ging ich unter dem Vorwand, den Geschirrspüler einräumen zu wollen, in die Küche zurück.
In dem Umschlag von der Kanzlei Schneider befanden sich zwei Briefe. Der eine war vom Notar. Darin stand, dass Frau Jensen eine Nachricht für mich und Herrn Ole August Graf von Freyendorf hinterlassen habe und er befugt sei, sie uns nach ihrem Tod zukommen zu lassen. Der zweite Brief – er stammte von Josefa – machte mich nervöser. Ich brauchte einen Moment, bis ich ihn entfaltete. Diese chaotische Handschrift. Sie war mir so vertraut wie ihr Lachen und der schief stehende Eckzahn. Schon zu Schulzeiten hatte Josefa gekliert. Manche Buchstaben kippten nach links, andere nach rechts, eine Schrift, die außer ihr kaum jemand entziffern konnte.
Ich nahm einen Schluck Wasser, dann las ich:
Liebe Mette, lieber Ole,
während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in meiner Lieblingswohnung auf Sylt. Mette, wir waren nur einmal zusammen hier, aber du, Ole, wirst dich an das Apartment 23 sehr gut erinnern. Du fandest das abgewetzte Ledersofa so lässig, weil du ein ähnliches in deinem Jugendzimmer hattest. Und du hast dich über die marode Einbauküche aus den 70ern amüsiert, in der die Spülmaschine gleich zweimal ausgelaufen ist. Keine Sorge, bis auf die Terrassenmöbel ist alles neu, wie für ein Fest herausgeputzt. Aber auch die sollen demnächst ausgetauscht werden. Weißt du noch, Ole, wie du mit dem wackeligen Stuhl umgekippt bist? Wir haben uns kringelig gelacht, Mann, wir waren so jung, das Leben eine einzige Party!
Wenn ich die Terrassentür öffne, höre ich die Möwen kreischen und das ferne Grollen der heranbrandenden Wellen. Je nachdem, wie der Wind steht, rauscht das Meer mal lauter, mal leiser, aber es ist nie vollkommen still. Wie ich das liebe! Dieser Melodie der Natur zu lauschen, die mit nichts zu vergleichen ist. Und weil es euch sicher genauso geht, möchte ich euch einladen, im kommenden Sommer eure Ferien hier zu verbringen. Eine Woche, gern auch zwei, drei oder vier. Die Vermieterin Frau Bergmann ist informiert; der komplette August ist für euch reserviert und bezahlt.
Ich riss das Fenster auf und schnappte nach Luft. Josefa lud Ole und mich nach Sylt ein? Das war bizarr.
Ich las weiter.
Sicher wundert ihr euch, dass ich euch beiden schreibe. Dir, Mette, meiner allerliebsten und engsten Freundin, die ich je hatte. Und dir, Ole. Ich muss dir nicht erklären, was du mir damals bedeutet hast.
Die Jahre sind vorübergezogen, es ist viel passiert, und nicht alles ist glattgelaufen. Aber ich schaue nicht mit Groll zurück. Im Gegenteil. In den letzten Wochen ist mein Leben so viel intensiver geworden, täglich steigen andere wundervolle Erinnerungen in mir auf.
Ihr Lieben, mir bleibt nicht viel Zeit. Wenn ihr diesen Brief lest, werde ich nicht mehr da sein. Das heißt, ich bin schon noch da, in Form von Atomen, nichts geht verloren. Verzeiht mir, dass ich ausgerechnet euch damit behellige, aber ziehe ich nüchtern Bilanz, fallt nur ihr beide mir ein. Weil ich euch geliebt habe, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Es tut mir aufrichtig leid, dass wir so lange keinen Kontakt zueinander hatten. Manchmal laufen die Dinge eben anders, als man es sich wünscht. Verpasste Lebenszeit lässt sich nicht zurückholen, mein Guthaben ist verbraucht. Das ist mir nun klar geworden, und es tut weh, weil so vieles, was ich noch vorhatte, nicht mehr möglich ist. Macht es also besser, versprecht mir das. Schiebt nichts auf. Feiert das Leben.
Es fällt mir so schwer, und ich finde sicher nicht die richtigen Worte, aber ich habe einen allerletzten Wunsch. Besorgt euch bitte die Urne mit meiner Asche, und … Ja, ist sie verrückt geworden?, werdet ihr denken. Wir können die Urne nicht einfach so »besorgen«, sie ist längst unter der Erde. Das stimmt. Doch Verscharrtes kann man wieder ausgraben, nicht wahr? Ich habe verfügt, dass meine Beerdigung im engsten Kreis in Berlin stattfindet, dort, wo ich zuletzt gewohnt habe. Aber ich schweife ab. Beschafft euch also die Urne, und streut meine Asche auf Sylt ins Meer. Ich wünsche es mir von Herzen!
Mette, weißt du noch, wie wir damals unsere Füße im Sand eingegraben, uns gegenseitig Sonnenmilch auf den Rücken gekleckst und uns beim Baden an den Händen gehalten haben? Du warst mein Anker und ich hoffentlich auch deiner. Ole, dich konnte ich immerhin drei- oder viermal nach Sylt locken. Obwohl du lieber mit mir nach London, Paris oder Rom gejettet wärst. Nach Sylt kann ich immer noch fahren, wenn ich alt bin, hast du gepredigt. Wir haben uns deswegen fürchterlich in die Haare gekriegt. Du warst der Meinung, dass auf der Insel nur Schnösel herumlaufen. Natürlich gibt es sie, die Schönen und Reichen, die in ihren Schlitten zwischen Kampen und der Sansibar hin und her cruisen. Aber Sylt ist so viel mehr! Mette, ich erinnere mich wie heute an deine Worte. Dass sich der Sand wie Puderzucker unter den Fußsohlen anfühlt. Und dass man nicht von der Welt abtreten darf, bevor man nicht den Sonnenuntergang am Roten Kliff erlebt hat. Und dass du den Heckenrosenduft so gern in Fläschchen abfüllen wolltest, um ihn für den Winter zu konservieren.
Mir geht es genauso. Ich liebe dieses Fleckchen Erde mit seiner rauen Schönheit über alles. Bei Sonne und bei Schietwetter. Mit euch und ohne euch. Nur hier konnte ich mit mir allein glücklich sein. Das Meer war mein liebstes Element, und dorthin möchte ich zurückkehren.
Mir ist klar, das muss starker Tobak für euch sein. Und ich würde verstehen, wenn ihr den Brief zerreißt und in euren Alltag zurückkehrt. Aber falls es euch ans Meer zieht, falls ihr die salzige Luft atmen und den Wind in den Haaren spüren wollt, packt eure Koffer und fahrt los.
Verzeiht mir.
Eure Josefa
In der Nacht bekam ich Schüttelfrost, und ich fragte mich, wie ich es in diesem Zustand schaffen sollte, meine Mutter zu versorgen. Seit Monaten redete ich auf sie ein, es sei ratsam, einen Pflegegrad für sie zu beantragen. Doch sobald ich das Wort nur in den Mund nahm, kam Leben in sie, und sie tat Dinge im Haus, zu denen sie sonst nicht fähig war. Noch bevor ich mich aus dem Bett quälte, rief ich ihre Bekannte Karin an, eine fitte Dame Ende siebzig, die sich bereit erklärte auszuhelfen.
Drei Tage verbrachte in einem fiebrigen Dämmerzustand, Minuten und Stunden, an die ich mich später kaum erinnern konnte. Ich träumte wirr. Da waren Stimmen. Eine schwere Tür fiel zu, das Knirschen des Schlüssels im Schloss. Ich kauerte in Unterwäsche in der Ecke eines leeren Raums, hungrig, vor Kälte zitternd, und als ich um Hilfe rief, beugte sich eine schwarz gekleidete Gestalt über mich und warf mir eine Filzdecke über den Kopf. Dann wieder lief ich einen engen Gang entlang, von einer Horde Frauen gehetzt. Ich keuchte. Bekam kaum Luft. Beim Aufwachen war ich jedes Mal schweißgebadet. Ich sagte meiner Mutter nichts von dem Brief; das Fieber erklärte meinen desolaten Zustand. Nur einmal rief ich, eine wärmende Tasse Ingwertee in der Hand, meine Freundin Jule an und erzählte ihr alles. Sie bot sich an zu kommen, sie könne bei mir übernachten, aber ich lehnte dankend ab. Ich musste allein damit zurechtkommen, dass Josefa und ich uns aus den Augen verloren hatten. Dass keine von uns über ihren Schatten gesprungen und auf die andere zugegangen war. Die Frage meiner Mutter war berechtigt: Warum hatte ich mich zurückgezogen und darauf gewartet, dass Josefa den ersten Schritt machte? Weil ich mich im Recht fühlte? Aber war es nicht kleinlich, Schuld aufzurechnen?
Am vierten Tag sank das Fieber, ich schickte Karin nach Hause, warf ein Aspirin ein, und so schaffte ich den Tag. Meine Mutter war zwar der Meinung, dass ich immer noch leichenblass, eingefallen und überhaupt ganz fürchterlich aussah, und bat mich, zur Ärztin zu gehen, aber ich fand das maßlos übertrieben. So ein kleiner Infekt war auch im Sommer nichts Ungewöhnliches, das kam schon mal vor. Was mich tatsächlich aus der Bahn geworfen hatte, musste meine Mutter nicht wissen.
Zwei Wochen darauf fand die Beerdigung statt. Ich fuhr hin. Obwohl ich mich lieber davor gedrückt hätte. Ich hätte unzählige Ausreden erfinden können, allein irgendetwas wegen meiner Mutter, aber ich wollte mich nicht vor mir selbst für meine Feigheit verachten müssen.
Am Vortag hatte ich bei sechzehn Grad im Schatten gefroren, jetzt kratzte das Thermometer an der Dreißig-Grad-Marke. Die Stadt war voller ausgelassener Menschen, in luftigen Kleidern, Shorts und Sandalen saßen sie in den Cafés, aßen Eis, lachten und feierten das Leben. Wie konnte es sein, dass meine ehemals beste Freundin beerdigt wurde? An so einem sommerlichen Tag?
Ich war zu früh da, und weil ich niemandem aus Josefas Umfeld in die Arme laufen mochte, huschte ich in die Kapelle und setzte mich in die letzte Reihe. Es hätte sich nicht richtig angefühlt, weiter vorne einen Platz zu suchen. Dort gehörte ich nicht hin. Ich wollte Zaungästin sein, Josefa in Gedanken zuwinken und mit dem Schlussakkord gleich wieder verschwinden.
Richard Strauss schallte mir entgegen, die Töne erfüllten den Raum mit einer ungeheuren Tiefe, sodass ich wie auf Knopfdruck zu weinen anfing. Wie oft hatten Josefa und ich in ihrer Studentenbude Vier letzte Lieder gehört. Wir hatten uns daran ergötzt, in Weltschmerz gebadet, und jetzt fühlte es sich so an, als hätte der Komponist Im Abendrot allein für meine Freundin geschrieben. Zum Glück hatte ich meine Sonnenbrille dabei. Und eine dünne schwarze Strickjacke, die ich mir überwarf, weil ich fröstelte.
Nach und nach füllte sich die Kapelle. Den Blick stur nach vorne gerichtet, wo die Urne in einem Meer aus Sonnenblumen und Rosen stand, schritten die Trauernden durch den Mittelgang. Leute, die ich nicht kannte oder nicht einzuordnen wussten, weil ich sie etliche Jahre nicht gesehen hatte und Tränen mir die Sicht verschleierten. Viele Grauhaarige waren darunter – vielleicht auch Ole? –, Menschen, die ich in einem anderen Leben womöglich gekannt hatte. Die kleine, in sich zusammengesunkene Frau, die am Arm eines mir fremden Mannes eintrat, war Josefas Mutter. Für einen Sekundenbruchteil erhaschte ich ihren Blick und nickte ihr zu, aber kein Zeichen des Erinnerns glomm in ihren Augen auf. Es hieß, sie sei seit Langem dement und lebe in einem Heim in Niedersachsen. Die arme alte Frau. Man hatte sie extra hierhergekarrt, und vermutlich verstand sie nicht mal, warum. Ich schämte mich, sie nicht noch einmal besucht zu haben, als sie noch klar im Kopf war.
Meine Gedanken drifteten immer wieder ab, als die Trauerrednerin zu sprechen begann. Es waren aufgesagte, papierene Worte, die mich kaum berührten. Es ging um Josefas erste Lebensjahre in Wilhelmsburg, ihren kometenhaften Aufstieg bei der Bank und ihre Reisen nach Übersee, zwischendrin erklang eine Bachkantate, und als nach einem weiteren Klassikstück Sinéad O’Connor’s Nothing compares 2 U lief, schlich ich unter Tränen aus der Kapelle. Ich fand, ich hatte hier nichts zu suchen. Weil ich meiner besten Freundin zu Lebzeiten nicht verziehen hatte.
Ich hastete zur Tram-Station, verlief mich, da ich mich in der Gegend nicht auskannte, und als das U-Bahn-Schild Senefelder Platz in einiger Entfernung auftauchte, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich mich vor der Urnenbeisetzung gedrückt hatte. Und somit vor dem Wissen um die Grabstelle. Nun hatte ich, so meine naive Vorstellung, nicht mehr die Möglichkeit, Josefa ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Selbst wenn ich es wollte.
Kaum saß ich in der U-Bahn, schrieb ich mir in Gedanken eine Entschuldigung. Isolde. Ich konnte sie nicht so lange alleinlassen. Womöglich bekam sie Herzbeschwerden oder stürzte beim Gang zur Toilette, und dann wäre ich schuld.
Doch meine Mutter war wohlauf, als ich nach Hause kam. Sie saß in ihrem Lieblingssessel an der geöffneten Terrassentür, die Lippen korallenrot geschminkt, und knabberte Butterkekse im Akkord. Für gewöhnlich krümelte sie alles voll, aber ich gönnte ihr den Spaß. Kekse waren ihr einziges Laster, und sollte ich ihr das auf ihre alten Tage verbieten?
»Schon zurück?« Sie ließ die Packung unter den Fransen der Wolldecke verschwinden.
»Es hat nicht so lange gedauert.«
Ich streifte die schwarzen Pumps ab, die ich erst zweimal getragen hatte. Bei einem Opernbesuch im Februar und an Jules Geburtstag im Mai, den sie in einem Restaurant in Kreuzberg gefeiert hatte. Ich rieb mir die Zehen, hohe Schuhe war ich nicht gewohnt.
»Erzähl. Wie war’s?«
»Gut.«
»Gut?«
»Ja, gut und traurig und … Du weißt doch, wie das auf Trauerfeiern so ist.«
Meine Mutter nickte, und ich sah, dass ihr Kinn leicht zitterte. Sicher dachte sie in diesem Moment an den Tod meines Vaters. Auf der Beerdigung hatte sie einen Schwächeanfall erlitten und im Krankenhaus mit einer Infusion stabilisiert werden müssen. Am Ende stellte sich zwar heraus, dass sie lediglich zu wenig getrunken hatte und dehydriert war, trotzdem hatte mir ihre Ohnmacht einen ordentlichen Schrecken versetzt.
»Soll ich Kaffee kochen?«
»Eilt nicht, mein Schatz.«
Ich ließ mich aufs Sofa sinken und legte die Beine auf dem kühlen Glastisch ab. Erst jetzt merkte ich, wie erschöpft ich war. Viel zu erschöpft, um im Haus herumzuwirbeln und so zu tun, als wäre heute ein Tag wie jeder andere.
