Und was kommt jetzt? - Ursula Benard - E-Book

Und was kommt jetzt? E-Book

Ursula Benard

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Beschreibung

»Und was kommt jetzt?« - Wie ein roter Faden, der sich verknotet oder die Richtung wechselt, durchzieht diese Frage Annas Leben. Ein Leben, das oft verwirrend oder unübersichtlich scheint und sie zu Kehrtwenden zwingt. Immer wieder steht Anna vor einem Ende. Abrupt und von jetzt auf Gleich muss sie einen Neuanfang wagen und den Faden wieder anknüpfen. Sie muss sich aufrappeln, gerade hinstellen und vorangehen in die Ungewissheit.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2022

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OriginalausgabeMai 2022© 2022 Buch&media GmbH, MünchenLayout und Satz: Mona KönigbauerUmschlaggestaltung: Mona Königbauer unter Verwendung eines Entwurfs von Anika und Katharina HofschenGesetzt aus der Sabon und RobotoPrinted in Europe · ISBN 978-3-95780-249-1

Buch&media GmbHMerianstraße 24 · 80637 MünchenFon 089 13 92 90 46 · Fax 089 13 92 90 65

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1

OHNE ENDE KEIN ANFANG

Das ausgedehnte, von weiten Wiesenflächen umrandete Schulgelände lag nach der großen Pause verlassen in der Stille des späten Vormittags. Schwer bepackt, mit zwei Taschen voller Bücher und Unterrichtsmaterialien schleppte sich Anna Durand auf dem sanft ansteigenden, mit roten Ziegeln gepflasterten Weg mühsam voran, umrundete das Gebäude der Nachbarschule, stieg hinauf bis zum Eingang des L-förmigen, lang gestreckten Baus mit dem für diese regenreiche Region so völlig ungeeigneten Flachdach und warf einen flüchtigen Blick hinüber zu den an der Außenmauer herablaufenden schwarzen Streifen. »Keine 25 Jahre alt und schon abbruchreif, Deckenplatten, die sich ablösen und Asbest freilegen …«

Anna trat durch die Glastür in die kahle, schmucklose Eingangshalle, die bis auf einen Schwebebalken an der Längswand völlig leer geräumt war. Sie wandte sich nach rechts, schaute zum Fenster der Hausmeisterloge hinüber. Kein Lichtschein zu sehen. Niemand da. Anna öffnete die Glastür, die den Flur des Verwaltungstrakts von der Eingangshalle trennte, und klopfte an die Tür des Sekretariats. Keine Antwort. Niemand da. Sie ging weiter zum Zimmer der Schulleiterin, wiederholte ihr Klopfen und drückte die Klinke herunter. Vergeblich, niemand da. Sie wandte sich um zum Raum der Konrektorin, klopfte, rüttelte an der Tür, nichts zu machen! Anna atmete flach. Der schmale Flur roch penetrant nach kaltem Zigarettenrauch.

Sie verließ den Verwaltungstrakt und durchquerte die menschenleere Eingangshalle, zu anderen Zeiten ein Ort lauter und hektischer Turbulenzen: nach Schulschluss der Umschlagplatz für die von allen Seiten einströmenden Rudel kreischender, lachender Schüler, die vom schrillen Klang der Schulglocke endlich befreit, in immer neu sich bildenden und wieder auflösenden Strudeln die Halle füllten. In den Regenpausen Abstellplatz für die durcheinander wuselnden und wegen der räumlichen Enge reizbaren Jugendlichen. Und nicht zuletzt war die festlich geschmückte Halle Versammlungsort für Schulfeste, bei denen das Schulvolk auf Bänken und Stühlen in dicht gedrängten Reihen saß, flüsternd und kichernd, mit den Beinen zappelnd. Wie viele Advents- und Karnevalsfeiern hatte Anna nicht in dieser Halle erlebt, wie viele Schüler in das Leben verabschiedet! Anna erinnerte den Schmerz des Abschieds, wenn die Kinder, die längst keine Kinder mehr waren, in eine ungewisse Zukunft entlassen wurden, die Kinder, die sie jahrelang begleitet hatte und die sich in ihr Herz eingeschlichen hatten.

Und Anna erinnerte sich an die erste Feier, die sie an dieser Schule erlebt hatte. Die mit Schülerkreationen dekorierte, mit Eltern, Kindern und offiziellen Würdenträgern voll besetzte Halle war Schauplatz gewesen einer großen Einweihungsfeier, bei der Kultusminister Giergenson wortreich und gefühlvoll diesen neuen Förderort für sehbehinderte Kinder gepriesen hatte. »Hier werden alle die Unterstützung und Förderung erfahren, die sie brauchen, um später im Leben bestehen zu können.« Anna war gern bereit, als Lehrerin diesen Anspruch auf Unterstützung zu erfüllen. »Meine Lieben, glaubt ja nicht, dass ihr nach der Schule mit offenen Armen von der Gesellschaft aufgenommen werdet. Jetzt profitiert ihr von einem Bonus, der nur für euch als Kinder gilt. Später werden so viele Hindernisse vor euch aufgetürmt, dass es schwer sein wird, nicht auf halber Strecke aufzugeben.« Anna wäre fast aufgestanden und hätte diese Gedanken laut ausgesprochen. Sie hätte aufzählen können, wie viele Barrieren der Sehbehinderung wegen ihr von Anfang an den Weg in das Berufsleben versperrt hatten: das Studium an der Pädagogischen Hochschule, zu dem sie erst nach einer Verzichtserklärung auf die Übernahme ins Beamtenverhältnis zugelassen wurde; ihre erste Einstellung als Junglehrerin, möglich nur wegen einer Beschwerde der Eltern über den katastrophalen Lehrermangel, die frustrierenden Grabenkämpfe bis zur Bewilligung ihres Studiums der Sonderpädagogik, die Schwierigkeiten bei der Rückkehr in den Schuldienst nach ihrem achtjährigen Aufenthalt in Frankreich. »Sie können als Sehbehinderte die sehbehinderten Kinder nicht in die Welt der Sehenden einführen«, hatte es in einer Aktennotiz der oberen Schulaufsichtsbehörde geheißen. Nach der Feier hatte Anna sich ins Lehrerzimmer zurückgezogen, um nur ja nicht den Vertretern dieser Behörde über den Weg zu laufen.

Heute lag die Halle verlassen und still da. Kein Geräusch aus den angrenzenden Fluren drang bis zu ihr vor. War sie allein im Schulgebäude? Anna betrat das Treppenhaus, wandte sich auf dem oberen Flur nach links in den Trakt, in dem das Lehrerzimmer und die Grundschulklassen untergebracht waren. Im Lehrerzimmer räumte sie ihre Taschen aus, verteilte die Bücher und Kopiervorlagen für Mathematik, Biologie und Deutsch auf dem langen Tisch, auf dem die Tassen mit den angetrockneten Resten von Kaffee und Tee noch von der gestrigen Lehrerkonferenz zeugten. Die meisten Bücher und Unterrichtsmaterialien hatte sie schon Wochen vorher nach und nach in die Schule gebracht und an interessierte Kollegen verschenkt.

Sie ging hinüber zum Hauptschultrakt. Ihr Blick fiel auf die Fensterfront auf der Rückseite des Flurs, deren gesamte Fläche mit Fantasiegeschöpfen und tropisch aussehenden Pflanzen grellbunt bemalt war, das Ergebnis eines von Manuela Sander initiierten Projekts. Manu, wie sie sich gern nennen ließ, war eine attraktive, junge Frau, schmal und schlank, mit weißblondem, streichholzkurzem Haar, künstlerisch begabt und engagiert. Mit ihrer Liebe für Schönheit und Kunst, mit ihrer Lebendigkeit und Spontaneität lockte sie unentdeckte, schöpferische Kräfte hervor. Anna betrachtete gedankenverloren das leuchtende Bild. Wie viel Kreativität, Kompetenz und Einsatzbereitschaft des Kollegiums dieser Schule, wie viel Potenzial blieb ungenutzt, dank der erbarmungslosen Unfähigkeit der Schulleiterin!

Anna wandte sich ab, betrat den schmalen Flur, der zu den Klassenzimmern führte. Die zitronengelb gestrichenen Türen waren verschlossen, kein Laut war zu hören. Der 9. und 10. Jahrgang war wegen des Lehrermangels mit Aufgaben versehen zu Hause geblieben und die Klassen 5 bis 8 schwitzten sportlich in der Turnhalle. Sie würde niemandem begegnen. Anna schloss das Klassenzimmer auf, in dem sie die letzten Jahre unterrichtet hatte, überprüfte, ob ihr Pult völlig ausgeräumt war, und schaute sich um: Waren alle Spuren ihrer Tätigkeit entfernt? Sie schloss die Klassentür ab, zum letzten Mal, löste den Schulschlüssel von ihrem Schlüsselbund, ging zurück ins Lehrerzimmer und legte ihn dort in ihr leer geräumtes Fach.

»Hallo, Anna, was machst denn du hier?« Dorothea, eine junge Kollegin, von Anna wegen ihrer bodenständigen Gelassenheit sehr geschätzt, hatte das Lehrerzimmer betreten. »Der Vertretungsplan musste deinetwegen erweitert werden. Ich dachte, du wärest krank?«

»Ja, ja, krank oder nicht krank … Auf jeden Fall bin ich hier, um meinen Krankenschein und meinen Schulschlüssel abzugeben. Den Schlüssel habe ich gerade in mein Fach gelegt. Meinen Krankenschein bin ich noch nicht losgeworden, in der Verwaltung ist niemand da, niemand, dem ich das Ding in die Hand drücken könnte. Kannst du die Bescheinigung für mich abgeben?«

»Nein, nein, ich bin gleich wieder weg zur Regelberatung in die Gerhard-Hauptmann-Schule. Aber ich habe gerade den Hausmeister gesehen, der wird dir das Briefchen abnehmen.«

»Auch gut, dann bin ich hier fertig und mach mich vom Acker«, lächelte Anna ihre Kollegin an. Mehr war nicht zu sagen; nach der gestrigen Konferenz war klar, dass Anna nicht an der Schule würde bleiben können.

In der Eingangshalle traf Anna auf den Hausmeister, der das ärztliche Attest bereitwillig entgegennahm, das Sekretariat aufschloss und die Bescheinigung auf dem Schreibtisch der Schulsekretärin ablegte. Anna winkte ihm zu, verließ das Gebäude, das sie nie wieder betreten sollte.

Anna ging den rot gepflasterten, schmalen Weg zurück, sie fühlte sich leichter, fast unbeschwert, dachte zurück und daran, wie sie vor über 20 Jahren den gleichen Weg hinaufgestapft war, damals mit sehr zwiespältigen Gefühlen. Sie hatte nicht in diese Stadt ziehen wollen, ganz gewiss nicht, gewiss würde sie es dort nicht länger als drei Jahre aushalten und jede Gelegenheit ergreifen, um fortzukommen. Diese Stadt, die sie so hässlich fand, dass sie sich zu der Behauptung aufschwang: gleichgültig, wohin man fährt, überall ist es schöner! Diese Stadt konnte wahrhaftig nicht dem Vergleich standhalten mit der vom Krieg unzerstörten kleinen Stadt im Burgund mit ihrem großzügigen, baumbestandenen Boulevard, ihren historischen Gebäuden, dem gotischen Dom und der romanischen Kirche mit der jahrhundertealten Krypta, mit dem sich durch Wiesen, sanfte Hügel, Kirschplantagen und Weinberge schlängelnden Fluss.

Es war ein schwieriger Neuanfang geworden, der Wiedereinstieg in den Beruf nach acht Jahren Unterbrechung. Nicht nur Anna, auch der Schulalltag hatte sich verändert. Zu Beginn des Unterrichts wurde kein Gebet mehr gesprochen, eine Veränderung, die Anna mit Erleichterung akzeptierte, hatte sie doch das morgendliche, gemeinschaftliche Gebet vor Beginn des Unterrichts, zu dem sie verpflichtet worden war, als belastend und ihren Überzeugungen widersprechend empfunden. Die Umgangsformen hatten sich radikal verändert. Die 68er-Bewegung schien in der Schule angekommen. Der Lehrer, eine Respektsperson von Amts wegen, das war gestern. Es war nicht mehr Usus, aufzustehen und einen Gruß in die Klasse zu schmettern, wenn eine Lehrperson den Klassenraum betrat. Zu Beginn einer Unterrichtsstunde hatte Anna oft Mühe, sich bemerkbar zu machen und die Schüler von ihrer Anwesenheit in Kenntnis zu setzen. Es dauerte, bis der fröhliche Tumult sich legte und die Kinder bereit waren, sich dem Ernst des Lebens zuzuwenden. Der Umgangston war rauer geworden. Die Schüler kannten ihre Rechte und wehrten zusätzliche Aufgaben zur Disziplinierung mit der Bemerkung ab: »Sie dürfen uns keine Strafarbeiten aufgeben. Dazu haben Sie kein Recht!«

Für Anna war es ein schwieriger Anfang. Sie fühlte sich wie eine Praktikantin zu Beginn des Studiums. In der Zeit ihrer Abwesenheit hatte in den Mathematikunterricht die Mengenlehre Einzug gehalten und Anna musste sich im Zeitraffer damit vertraut machen, mit den ineinander verschlungenen Ellipsen, mit Schnittmengen und Teilmengen. Und erst der Sachunterricht mit seinem Ziel einer wissenschaftlichen Bildung. Das war etwas anderes als der Heimatkundeunterricht mit Erzählungen wie »Ein Regentröpfchen geht auf die Reise«. Zum Glück gab es hervorragende Unterrichtsmaterialien mit gut ausgetüftelten, sicheres Gelingen versprechenden Versuchsreihen. Aber jede Unterrichtsstunde musste minutiös vorbereitet werden, nichts konnte sie aus dem Ärmel schütteln. Dann war da noch ihre völlig ungewisse berufliche Situation. Mithilfe einer früheren Studienkollegin, die als Fachleiterin Einfluss besaß, hatte sie eine auf ein Jahr befristete Anstellung erbettelt. Die beiden ersten Jahre bescherten ihr drei befristete Anstellungsverträge und sechs Revisionen, mehr als einem beamteten Lehrer in seiner gesamten Laufbahn zugemutet werden. Bei jeder Revision hatte sie zwei Unterrichtsstunden zu halten, die mit selbstgefertigtem Unterrichtsmaterial und je einem ausführlichen, schriftlichen Unterrichtsentwurf vorzubereiten waren. Haushefte und Arbeitshefte der Schüler wurden gezeigt und sorgfältig vom Revisor geprüft. Ein Kolloquium schloss sich an die Vorführstunden an und beendete die Revision. Anna, deren Kopf sich in mündlichen Prüfungen konsequent leerte und sie unfähig machte, Fragen über ihr gut bekannte Sachverhalte zu beantworten, versuchte mit psychologischer Unterstützung, ihre Prüfungsneurose zu überwinden. Vor Erschöpfung schlief sie bei der Einführung in das Entspannungstraining ein und brach den Versuch ab. Wann immer es in ihrem Unterricht brenzlige Situationen gab, stellte Anna sich vor, dass der Schulrat hinten in der Klasse saß und alles Geschehen genau registrierte. Nicht unbedingt das, was ihr dabei half, Gelassenheit und ruhige Selbstsicherheit auszustrahlen.

Aber Anna, die als Kind für ihren Dickkopf gescholten worden war, hatte sich ihr stures Beharrungsvermögen bewahrt und durchgehalten. Nach zwei Jahren bekam sie endlich einen unbefristeten Anstellungsvertrag, hatte keine Revisionen und andere Schikanen mehr zu fürchten und – nach einem Bittgang zum Schwerbehindertenobmann im Kultusministerium – wurde sogar ins Beamtenverhältnis übernommen. Sie richtete sich ein in ihrem neuen Leben, hatte mehr und mehr Freude an ihrem Beruf, war voller Befriedigung, wenn sie mit Schülern der Abschlussklasse Lieder von Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt und Reinhard Mey analysieren und die Schüler dafür interessieren konnte. Sie entdeckte für sich das Fach Biologie mit seinen Möglichkeiten eines handlungs- und erfahrungsorientierten Unterrichts, erklärte den Jugendlichen die augenärztlichen Diagnosen, sodass diese über die eigene Erkrankung gut Bescheid wussten und sachkundig informieren konnten. Anna fuhr mit Schülergruppen zur humangenetischen Beratung der Universitätsklinik und führte vertrauensvolle Gespräche über ein Leben mit der Behinderung. Die Jugendlichen akzeptierten ihre Behinderung mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit, als Anna es je gekonnt hatte. Anders als sie selbst, die sich nicht zugetraut hatte, Kinder in die Welt zu setzen, sahen sie in ihrer Behinderung kein Hindernis. Emine, weißblond, mit strahlend blauen Augen und zarter heller Haut, meinte unbefangen und selbstbewusst: »Wenn meine Kinder die gleiche Sehbehinderung haben sollten wie ich, dann kann ich mit ihnen gut darüber sprechen, ich weiß ja, wie das ist. Ich finde es nicht schlimm, dass ich schlecht sehen kann, ich komme zurecht. Ich bin das ja von klein an gewohnt. Für mich ist das normal.«

Anna fand Anerkennung bei den Eltern, die aus der Tasche Mut schöpften, dass Anna trotz ihrer Sehbehinderung einen Beruf hatte finden können und ein selbstständiges Leben führte. Allerdings, wenn Eltern die Sprache darauf brachten, verschwieg Anna ihnen, wie viel es sie selbst gekostet hatte, dieses Ziel zu erreichen. Anna fühlte sich wohl im Kollegium, übernahm den Kaffee- und Spüldienst als Ausgleich dafür, dass sie in den Hofpausen keine Aufsicht führte. Sie genoss das Zusammensein mit den Kollegen im Lehrerzimmer während der großen Pause mit seinem gelungenen und entspannenden Mix aus tiefsinnigen Gesprächen und albernen Frotzeleien. Anna konnte Ballast abwerfen und ungeniert ablästern, wenn ihr der Sinn danach stand.

»Wie ist es nur so weit gekommen, dass ich wie ein geprügelter Hund davonlaufe und mich jetzt klammheimlich aus dem Staub mache?«

Begonnen hatte es mit der von einigen Kollegen ersehnten Pensionierung der Schulleiterin, die mit fester Hand stringent Regie geführt hatte, die aber von anderen nicht mehr verlangte als von sich selbst, die als Erste kam und als Letzte ging, immer gepflegt mit Rock, Twinset und Hemdbluse, mit rotblonder, sorgfältig arrangierter Kurzhaarfrisur, das Standardmodell einer effektiven Pädagogin. Anna war mit dieser Schulleiterin gut gefahren, hatte ihr Regime als gerecht und transparent empfunden, ein Regime ohne Kollegenklüngel und geheime Absprachen. Ihre um 25 Jahre jüngere Nachfolgerin hatte sich im Kollegium gut eingeführt und profitierte davon, zur gleichen Generation zu gehören wie viele der in den letzten Jahren eingestellten Kolleginnen und Kollegen. Bettina Blom, kurz Tina, war mit ihrem kinnlangen, mausbraunen Haar, das oft glatt und leblos herunterhing, mit ihrem großflächigen, kantigen Gesicht, das bei Stress von Furunkeln entstellt wurde, eher unschön, wusste aber ihren schlanken, geraden Körper zur Geltung zu bringen und verstand es, sich in Szene zu setzen. Anna war zu ihrem 40. Geburtstag eingeladen worden. Die Geladenen trafen nach und nach ein, lieferten ihre Geschenkpäckchen ab, wurden miteinander bekannt gemacht und mit Getränken versorgt. Entspannte Gespräche, Partystimmung. »So, nun setzt euch mal alle zu mir, jetzt kommt die Stunde der Wahrheit. Mal sehen, was ihr für mich übrig habt!« Tina setzte sich in die Mitte ihres Wohnzimmers auf den Teppich, breitete die Geschenke rund um sich aus, bat ihre Gäste, sich im Halbkreis um sie und die Geschenke zu versammeln, und forderte sie nacheinander auf, ihr nach dem Zufallsprinzip ein Geschenk zu überreichen. Tina nahm das erste Päckchen entgegen, entknotete mühselig das Band, entfernte mit viel Geschick und Geduld den Streifen Tesafilm, der die sich überlappenden Ecken des Geschenkpapiers zusammengehalten hatte, entfernte das bunte Papier, faltete es sorgfältig zusammen, nahm das Geschenk in Augenschein und las den Titel des Buchs laut vor: »Der Weg zum Erfolg« von Loriot.

»Na, wenn du das gelesen hast, kann ja gar nix mehr schiefgehen«, spöttelte ein Gast, der offensichtlich Tinas geheime Ambitionen kannte. Eine hölzerne Kugelbahn wurde ebenso sorgsam und geduldig ausgepackt und aufgebaut, bevor die anderen Geschenke ihre Würdigung fanden. Anna hatte heimlich auf die Uhr geschaut. Diese Zeremonie hatte fast zwei Stunden in Anspruch genommen, im Mittelpunkt das Geburtstagskind, das diese Inszenierung offensichtlich genoss.

Als Schulleiterin verstand es Bettina Blom ebenso geschickt, sich in Szene zu setzen. Morgens dröhnte sie mit dem Motorrad den rot gepflasterten Weg hinauf zur Schule, stellte die schwere Maschine vor dem Haupteingang ab, pellte sich aus ihrer Ledermontur und freute sich über den Eindruck, den sie bei der männlichen Jugend machte.

Bettina Blom strebte Höheres an als den Posten einer Sonderschulrektorin. Die Schule bekam ein neues Profil. Projektwochen modernisierten den Unterricht, spektakuläre, gemeinschaftsfördernde Schulfahrten wurden unternommen: eine Woche Spiekeroog für alle Klassen der Grund- und Hauptschule. Eine Computer-Fortbildung führte das staunende Kollegium ein in diese neue Welt und ein Workshop über Techniken des Gedächtnistrainings machte die Gehirne fit. Die organisatorischen und verwaltungstechnischen Seiten der pädagogischen Arbeit wurden überprüft und auf den neuesten Stand gebracht. Statistiken, Jahresberichte, Bildungspläne und Klassenbücher wurden durchforstet, wöchentliche Teamsitzungen anberaumt. Das Image der Schule sollte aufpoliert werden, die Schule in neuem Glanz erstrahlen. Nach einem Jahr schien das Ziel erreicht. Bettina Blom meldete sich an für ein Amt im Institut für Lehrerfortbildung, absolvierte die Zulassungsprüfung und scheiterte. Wochenlang blieb sie krankgeschrieben, immer neue Vertretungspläne wurden an das schwarze Brett im Lehrerzimmer geheftet. Jeden Morgen galt ihm der erste Blick. Die Unterrichtsvorbereitungen des Vortags wurden hinfällig, Klassen wurden zusammengelegt, Vertretungsunterricht, durch Ausfall der Schulleiterin verursacht, blieb in den nächsten Jahren eine stete Quelle der Frustration.

»Das einzig Zuverlässige an unserer Schulleiterin ist ihre Unzuverlässigkeit«, meinte Manu nach dem ersten Seminar für Eltern, deren Kinder in Regelschulen integrativ beschult und von Lehrkräften der Sonderschule beraten wurden. Diese Seminare gehörten zu den von der Schulleiterin initiierten Projekten. Zu dem ersten, groß angekündigten Treffen waren viele Eltern hoffnungsvoll am späten Nachmittag in die Schule gekommen. Anna und ihre in der Regelberatung tätigen Mitstreiter warteten im Lehrerzimmer auf Bettina Blom, die diese Sitzung moderieren sollte. Die Schulsekretärin, die aus diesem Anlass Überstunden machte, rief an und teilte den Wartenden mit: »Frau Blom ist erkrankt und kann nicht kommen.«

»Das war verdammt knapp«, maulte Manu. »Wer macht an Tinas Stelle die Moderation? Beim nächsten Treffen planen wir den Ablauf von vornherein ohne unsere Schulleitung.«

Von nun an schien Bettina Blom die Kontrolle der Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen als eine ihrer wichtigsten Aufgaben zu betrachten. Am Freitag nach Schulschluss waren die Klassenbücher im Sekretariat abzugeben, wo sie von Bettina Blom abgeholt oder von der Schulsekretärin in ihre Wohnung geliefert wurden. Am Montagmorgen hatten die Klassensprecher die verantwortungsvolle Aufgabe, die Bücher aus dem Sekretariat in die Klassen zurückzubringen. Sie mussten vorsichtig sein beim Transport, denn kleine weiße, dunkelblaue oder tiefrote Zettelchen ragten aus dem Klassenbuch und durften nicht verloren gehen, enthielten sie doch wichtige Anmerkungen über fehlende Eintragungen, Unterschriften und sonstige unerhörte Schlampereien. Der schwarze Filzstift kontrastierte nur wenig mit dem dunkelblauen oder roten Hintergrund und Anna konnte meist nicht entziffern, was darauf notiert war. Da die Farben etwas über die Dringlichkeit der Anmerkung aussagten, konnte das auch nicht geändert werden. Da war nichts zu machen!

Dass auch Passivrauchen der Gesundheit schadet, war seit Langem bekannt, jedoch, wie immer war es ein weiter Weg vom Wissen über die Einsicht zum folgerichtigen Handeln. Irgendwann hielt der Nichtraucherschutz Einzug in das öffentliche Denken. So wurde es den Schulen zur Pflicht gemacht, die Lehrerzimmer für Raucher und Nichtraucher zu trennen. Den Rauchern wurde ein winziges, fensterloses Kabuff zugeteilt, in dem die naturwissenschaftliche Sammlung untergebracht war. Die Präparate nahmen den Gestank dankbar auf und als Anna zum Pausenbeginn das menschliche Skelett aus dem Kabuff in ihre Klasse rollte, rümpfte sie die Nase. »Stinkt ja fürchterlich! Eigentlich unzumutbar!« Nach der Pause waren die Schüler merkwürdig still und schauten sie erwartungsvoll an. Annas Blick viel auf das Skelett. Es trug nun eine Mütze und einen Schal um den schlanken Hals, eine Zigarette hing lässig zwischen seinen bleckend weißen Zähnen. Anna grinste. »Na, da kann ich mir jetzt alle Predigten über die Schädlichkeit des Rauchens sparen, oder?«

Rektorin und Konrektorin funktionierten nicht ohne Nikotinzufuhr, und so wurde der Verwaltungstrakt zum Zufluchtsort für die Raucher im Kollegium. Sie versammelten sich dort während der großen Pause, zusammen mit einigen Lehrkräften, die sich von der Nähe der Schulleitung Vorteile versprachen. Dort wurde ausgekungelt, wer welche Klasse im nächsten Jahr übernehmen sollte, wer die beliebten, weil vorbereitungsarmen und korrekturfreien Fächer wie Sport, Kunst und Musik erteilte. Manu, die Künstlerin im Kollegium, hatte große Pläne für den Kunstunterricht in der Hauptschule. Ein jahrgangsübergreifendes Projekt war geplant. Die Klassenlehrerin der 7. und 8. Klasse machte einen Strich durch diese Rechnung. Sie wollte den Kunstunterricht in ihrer Klasse selbst gestalten, dafür sollte Manu den Mathematikunterricht übernehmen. »Na, das passt!«, wehrte sich Manu in der Lehrerkonferenz. »Ich habe schon immer mit Zahlen auf dem Kriegsfuß gestanden. Wie soll das denn gehen?« Das half ihr nichts. Anna hatte zwei Jahre lang die Abschlussklassen geführt, Kontakt zu Firmen und Unternehmen in der Region aufgenommen, die Praktika begleitet und den Übergang zu weiterführenden Schulen unterstützt. Sie hätte gern noch ein weiteres Jahr diese Arbeit mit der nächsten Abschlussklasse fortgesetzt, aber die Schulleiterin hatte anders entschieden.

Vorfälle, in denen sich die Kollegen benachteiligt oder in ihrer pädagogischen Arbeit gehindert fühlten, häuften sich. Das Arbeitsklima verschlechterte sich rapide, Unzufriedenheit machte sich breit. Die Spannungen im Kollegium verschärften sich, Streitigkeiten flammten auf wegen Nichtigkeiten, Gespräche hinter vorgehaltener Hand waren nun üblich, Parteien und Grüppchen bildeten sich. Es wurden Versetzungsgesuche gestellt und wegen des Lehrermangels abgeschmettert. Einer Kollegin gelang es, sich dem Einflussbereich der Schulleiterin durch eine Abordnung an eine Grundschule zu entziehen, sie wurde dort als Integrationsfachkraft dringend gebraucht. Das Kollegium war längst keine Gemeinschaft mehr, in der man einander vertrauen konnte.

»Ich habe jeden Morgen einen Knoten im Magen, wenn ich zur Schule gehe«, dachte Anna und sie wusste, dass es auch anderen so erging. Es musste etwas geschehen. Die Kollegen, die nicht zum engeren Kreis um die Schulleitung gehörten, berieten sich und legten dem Lehrerrat ein 8-Punkte-Papier mit Wünschen und Forderungen des Kollegiums vor. Der Lehrerrat übergab es der Schulleiterin und bat um ein Gespräch. Am nächsten Tag wurde das Kollegium durch einen Aushang am schwarzen Brett informiert: »Die nächste Lehrerkonferenz findet turnusmäßig am Montag statt. Das Kollegium wird gebeten, vollzählig zu erscheinen. Als Vertreter der Schulaufsichtsbehörde wird Schulrat Schramm an dieser Sitzung teilnehmen.«

Heidrun Hamme schaute Anna über die Schulter und fragte: »Soll ich dir vorlesen?«

»Ja, bitte.« Anna schnappte nach Luft, drehte sich zu Heidrun um und fragte: »Wie soll ich denn das verstehen? Der Lehrerrat hat unserer lieben Tina ein Papier überreicht und um ein Gespräch gebeten und jetzt das! Traut sie sich nicht zu, mit uns zu reden? Muss sie sich Verstärkung holen? Schlechte Aussichten für einen Frieden im Kollegium! Oder wie siehst du das?«

Heidrun schaute sich um. »Komm, lass uns mal in deine Klasse gehen. Da können wir die Tür hinter uns zu machen.« Heidrun Hamme, die seit über 25 Jahren zum Kollegium gehörte, galt als chaotisch und hatte sich den Unwillen aller Schulleitungen zugezogen, weil sie sich immer wieder über Regulationen hinwegsetzte. Was nach außen hin planlos und sprunghaft wirkte, war in Wirklichkeit nur ihre Fähigkeit, sich auf die ganz individuellen Bedürfnisse der Kinder einzustellen. Sie hatte häufig im Grundschulbereich gearbeitet, die Eingangsklassen, die als Vorbereitung für die 1. Klasse vorgeschaltet waren, mit unendlicher Geduld und viel Enthusiasmus zum Erfolg geführt. Anna hatte sie gefragt: »Wie machst du das?« Heidrun hatte sich in die Karten schauen und Anna hospitieren lassen. Fasziniert schaute Anna zu, wie die Kollegin jedes einzelne Kind so ansprach, dass es sich aufgehoben und anerkannt fühlte. Turbulent und laut ging es zu, aber jedes Kind arbeitete in der ihm eigenen Geschwindigkeit, löste die ihm ganz individuell gestellten Aufgaben. Auch in diesem Jahr hatte Heidrun Hamme eine sehr schwierige Klasse übernehmen müssen, eine Kombination aus Eingangsstufe und erstem Schuljahr. Zum ersten Mal waren auch zwei vollblinde Kinder zu unterrichten. Die Sehbehindertenschule war verpflichtet worden, auch blinde Schüler aufzunehmen, um dem Wunsch der Eltern nach wohnortnaher Beschulung nachzukommen. Materielle und technische Voraussetzungen mussten erst noch geschaffen werden. Wegen dieser erschwerten Bedingungen war Heidrun eine zweite Lehrkraft zugestanden worden, acht Unterrichtsstunden mit Doppelbesetzung waren im Stundenplan verzeichnet. »Ja, du weißt ja, dass Tina sich für diese Doppelbesetzung starkgemacht hat. Dabei ist sie überhaupt noch nie in der Grundschule tätig gewesen und schon gar nicht in einer Eingangsklasse. Na ja, und meistens ist sie ja auch überhaupt nicht anwesend. Und weißt du, das habe ich noch niemandem gesagt, aber als ich dann im Klassenbuch in der für Tina vorgesehenen Spalte unterschrieben und eingetragen habe, dass ich für sie eingesprungen bin, hat sie mir das verboten. Sie will, obwohl sie nicht unterrichtet hat, selbst unterschreiben.«

»Aber, das ist ja Urkundenfälschung, was sie von dir verlangt. Dabei weist sie uns doch ständig darauf hin, dass das Klassenbuch eine Urkunde ist. Willst du das in der Konferenz zur Sprache bringen?«, fragte Anna.

»Nein, dann kann ich mich gleich nach einer anderen Schule umsehen. Ich bin aber gern hier, richtiger gesagt, ich hänge an meiner Arbeit mit den sehbehinderten und blinden Kindern und möchte nichts anderes tun.«

Anna verstand das gut. Sie hatte, wie seit Jahren, bei der Erstellung des Stundenplans mitgewirkt und wusste, dass Bettina Blom ihren Schulleiterrabatt um fünf Stunden ausgeweitet hatte. Niemand hatte das moniert. Anna wusste, dass auch die anderen Kolleginnen und Kollegen die eigentlichen Probleme der Schulleitung wohl nicht bei der Konferenz mit dem Schulrat ansprechen würden. Sie hatten zu viel zu verlieren. Anna stand kurz vor ihrer Pensionierung und hatte ohnehin beschlossen, den Zeitpunkt ein wenig vorzuziehen.

Pünktlich um 14:00 Uhr trafen das Kollegium, die Schulleitung und der Schulrat im Lehrerzimmer ein. Kaffee und Tee wurden bereitgestellt. Der Schulrat eröffnete die Konferenz. »Meine Damen und Herren Kolleginnen und Kollegen, Frau Blom hat mich über die Vorgänge in ihrem Kollegium informiert und mich gebeten, dieser Konferenz beizuwohnen. Ich werde nicht im Einzelnen auf das vom Lehrerrat an Frau Blom übermittelte Papier eingehen. Das ist nicht meine Aufgabe. Diese Dinge werden sich klären lassen. Eines möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben: Frau Blom wurde mit der Leitung dieser Schule beauftragt, sie trägt die alleinige Verantwortung. Sie, als Kollegium, haben die von Frau Blom getroffenen Entscheidungen zu respektieren und sich ihren Anordnungen zu fügen. Eine Zuwiderhandlung werde ich nicht dulden.« Herr Schramm atmete durch und ergänzte mit einer versöhnlich klingenden, in Wahrheit aber rhetorisch gemeinten Frage: »Hat noch jemand von Ihnen etwas dazu zu sagen?« Schweigen.

Anna kämpfte mit sich. »Wenn du jetzt nicht sagst, was du dir vorgenommen hast, wirst du dir das in alle Ewigkeit vorwerfen. Du hast viel zu oft den Mund gehalten. Die anderen Kollegen können nichts sagen. Nun mach schon!« Anna setzte sich aufrecht hin. »Ja, ich habe eine Frage. Hat Frau Blom mit der Schulaufsichtsbehörde vereinbart, dass sie wegen ihrer schwachen Gesundheit neben ihrer üblichen Stundenermäßigung als Schulleiterin noch von weiteren fünf Unterrichtsstunden befreit ist?« Es hatte ein kurzes, verblüfftes Schweigen des Schulrats gegeben. An den Wortlaut seiner Antwort konnte sich Anna nicht mehr erinnern.

Anna beschleunigte ihre Schritte, beschloss, nicht mit dem Bus nach Hause zu fahren. Die Bewegung würde ihr guttun. Sie dachte daran, wie sie schon Wochen vorher ihren Abgang vorbereitet hatte. Im kommenden Schuljahr wollte sie nicht mehr dabei sein. Nun würde sie einige Wochen vorher ausfallen als geplant. Kurz vor Schuljahresende war das nicht so schlimm, so hoffte sie.

Manu hatte sie gefragt: »Hast du nicht Angst, in ein Loch zu fallen?«

»Nein, nein, sicher nicht. Es gibt auch für mich ein Leben nach der Schule, dafür habe ich gesorgt.«

2

NEUES LEBEN

Anna hatte sich bei ihrem morgendlichen Spaziergang mit dem altersmüden Hovawart Lasko, der nun in aller Ruhe seine Hinterlassenschaften im Wald ablegen konnte, die Samstagsausgabe der WAZ besorgt und studierte die Kleinanzeigen. Sie stutze, glättete die Zeitung, schob sie direkt unter den Fokus der Kamera, stellte den Vergrößerungsfaktor des Bildschirmlesegeräts neu ein und las: »Gut sozialisierte Australian Shepherd Welpen, 4 Wochen alt.« Anna überlegte nicht lange, schaute auf die Uhr. 11:00 Uhr, später Vormittag, eine korrekte Zeit für ein Telefonat. Es wurde ein langes Gespräch. Fast eine halbe Stunde lang sprach Anna mit der Züchterin, einer Tierärztin und Mutter von drei kleinen Kindern. Sie hatte einige Jahre in Kanada gelebt, dort die Aussies, wie sie von Eingeweihten kurz genannt werden, bei der Arbeit kennengelernt und eine junge Hündin aus einer Arbeitslinie mitgebracht. Pünktchen, so genannt wegen ihrer zahlreichen, braunen Flecken im Gesicht, hatte acht gesunde Kinder in die Welt gesetzt, für die nun zuverlässige und hundeerfahrene Halter gesucht wurden. Als Vater war ein Rüde aus einer Showlinie ausgewählt worden.

»Dann sind die Nachkommen etwas ruhiger, nicht ganz so umtriebig und eignen sich besser als Familienhunde«, erklärte die Züchterin. Anna fragte nach: »Wo sind die Welpen untergebracht?«

»Die ersten vier Wochen stand die Welpenkiste in unserem Wohnzimmer, aber jetzt haben wir die Kinderstube in den Garten verlegt. Wir haben ja einen wunderbar trockenen und warmen Sommer. Die Welpen können sich dort in einem rundum abgesicherten Gelände austoben und sich in eine stabile Hütte zurückziehen, wenn sie müde gespielt sind. Trotzdem haben die Kleinen ständigen Kontakt mit Menschen. Die zukünftigen Besitzer kommen mit ihren Familien, meine Kinder dürfen unter Aufsicht mit den Welpen spielen und bald werde ich auch kleine Gruppen aus einem Kindergarten in der Nähe dazu holen. So haben die Welpen keinerlei Scheu vor Menschen und sind an die hektischen Bewegungen und schrillen Stimmen der Kinder gewöhnt. Außerdem gehe ich in den nächsten Wochen jeden Tag mit einem der Welpen und Pünktchen in die Stadt, damit die Hunde auch alle Geräusche und Gerüche kennenlernen. Sie sollen vor dem Lärm und dem Gewühl der Stadt keine Angst haben. Sie werden ja später nicht in der Wildnis leben.«

Anna atmete auf. Das war geradezu bilderbuchmäßig, genau das, was für zukünftige Blindenführhunde als ideale Vorbereitung für ihren späteren Job gelten konnte.

In ihrer jetzt reichlich vorhandenen, freien Zeit hatte sich Anna intensiv mit der Auswahl und Ausbildung von Blindenführhunden beschäftigt, hatte viel über Prägephasen und Entwicklung gelesen, hatte sich informiert, welche Hunderassen infrage kommen. Sie hatte sich gegen Labrador oder Golden Retriever entschieden. In die Mode gekommen, sind diese Hunde überzüchtet, haben häufig Gelenkkrankheiten und außerdem sind die Rüden dieser Rassen recht groß und schwer. Anna wollte nur einen Hund, den sie notfalls selbst tragen konnte und der sie nicht, sein ganzes Gewicht in die Waagschale werfend, mit einem kräftigen Ruck an der Leine auf dem Bauch durch den Dreck ziehen würde. Ihr 14-jähriger Hovawart-Rüde Lasko, 72 Zentimeter Schulterhöhe und 42 Kilogramm schwer, war vor drei Jahren wegen eines Kreuzbandrisses am linken Hinterbein operiert worden und musste drei Wochen lang zweimal täglich die zwei Treppen zur ersten Etage getragen werden. Den extra für ihn auf dem Balkon ausgebreiteten Rollrasen hatte er nicht benetzen wollen. Es war wahrhaftig nicht leicht gewesen, diesen Transport zu organisieren. Mit einem Gewicht von etwa 23 Kilogramm war ein Australian-Shepherd-Rüde noch gerade eben für sie tragbar. Die Aussies waren als arbeitsfreudig beschrieben, jedoch ruhiger als Border Collies und hübsch und klug waren sie auch. Und so hatte sich Anna auf die Suche gemacht, beim Verein deutscher Hundezüchter nachgefragt und sich die Kleinanzeigen in den Wochenendausgaben der Zeitungen angeschaut.

Anna vereinbarte einen Termin mit der Züchterin, machte sich auf den Weg, mit Bus und Bahn und mit vielfachen Umstiegen, wurde am Bahnhof vom Herrn des Hauses abgeholt, vor Ort von Frau Rensing mit dem jüngsten ihrer eigenen Nachkommen auf dem Arm und Pünktchen begrüßt: »Möchten Sie nach der langen Fahrt erst einmal eine Erfrischung im Haus zu sich nehmen oder möchten Sie gleich die Welpen sehen? Die Kleinen haben gerade ihre Spielphase, sind alle wach und munter.«

Anna ließ sich in den Garten führen, wo eine große mit Büschen und Sträuchern bepflanzte Wiese kinder- und welpensicher abgegrenzt war. Anna öffnete das Törchen, schlüpfte hinein und schloss es schnell wieder. Gleich schlenkerte ein kleines, bildhübsches Kerlchen heran, schwarz-weiß gestromt. »Blue Merle« wurde diese Fellfärbung genannt, wie Anna später erfuhr. Anna bückte sich, ließ die Finger ihrer linken Hand hoch- und runterhüpfen, eine Spielaufforderung, auf die sich der Welpe sofort einließ. Neugierig tapste das nächste Hundekind heran, drängte sich dazwischen und beschnupperte Annas Hand. Mit seinen weißen Pfoten, der weißen Schwanzspitze, dem weißen flauschigen Bauch sah der Kleine unglaublich süß und unschuldig aus.

Die beiden Welpen fielen mit hellem Gekläff und Winseln und weit geöffneten Mäulchen übereinander her und vergaßen Annas Hand. Anna machte sich auf die Suche nach den anderen Welpen. Dabei folgte sie dem lautstarken Kläffen und Jaulen, welches sich nach heftigem Streit anhörte.

»Halb so schlimm«, beruhigte Frau Rensing, die inzwischen ihren Jüngsten schlafen gelegt hatte und zu Anna getreten war. »Die Kleinen üben, ist alles nur Spiel. Schauen Sie, die Welpen beißen nicht zu, ihr Mäulchen ist weit geöffnet.«

Anna staunte über das wilde Spiel: »Ich hatte ja gar keine Ahnung, dass vier Wochen alte Welpen so intensiv und ungestüm toben können.«

»Ja, Aussies sind sehr temperamentvolle Hunde, sehr bewegungsfreudig. Sie spielen gern bis ins hohe Alter.«

Anna versuchte sich einen Überblick zu verschaffen, fünf Welpen hatte sie schon gezählt. Wo waren die anderen? Frau Rensing wies unter einen Strauch. Dort lag ein müder Hund, vollkommen entspannt, trotz des Lärms um ihn herum fest schlafend. Dieser Welpe war fast vollkommen schwarz, hatte nur weiße Pfoten. Er sah einem Border Collie ähnlich, dessen Foto Anna in einem Buch über verschiedene Hunderassen gefunden und unter dem Bildschirmlesegerät genau studiert hatte. »Ich habe den Eindruck, dass keiner der Welpen so aussieht wie der andere. Sind alle unterschiedlich gefärbt?«

Frau Rensing bestätigte: »Ja, tatsächlich. In diesem Wurf sehen alle anders aus. Die Gene von Mutter und Vater haben sich hier wirklich bunt gemischt. Pünktchen hat ein beigefarbenes Fell mit dunkelbraunen Flecken und Streifen. Ihre Fellfarbe nennt man ›Red Merle‹. Die braunen Flächen sind nicht scharf abgegrenzt, sondern an den Rändern ausgefranst, wie von Motten zerfressen, sagen die Spötter.«

»Und der Vater, wie sieht der aus?«

»Der Zuchtrüde ist schwarz-weiß gefleckt, aber bei ihm liegt kein Merle-Faktor vor. Die Zuchtordnung verbietet die Paarung von zwei Hunden mit Merle-Faktor. So sollen genetisch bedingte Erkrankungen vermieden werden.«

Anna und Frau Rensing gingen ins Haus, Anna hatte nun doch das Bedürfnis, etwas Kühles zu trinken. Und es gab viel zu besprechen.

Anna war überwältigt von dem, was sie da draußen auf der Wiese erlebt hatte. Ja, eines dieser hinreißend schönen, lebhaften Exemplare möchte sie für sich haben. »Sind schon einige ihrer Welpen an zukünftige Halter vergeben?«, fragte sie daher.

»Die drei Hündinnen des Wurfs sind schon alle gebucht. Tut mir leid für Sie, aber da ist nichts zu machen. Hündinnen sind immer heiß begehrt«, erklärte die Züchterin.

»Kein Problem, bisher hatte ich nur Rüden und bin damit gut gefahren. Mit Hündinnen komme ich nicht zurecht, sind mir zu zickig.«

»Zwei der fünf Rüden sind auch schon vergeben.«