Und wenn ich mir selbst vertraue - A.D. WiLK - E-Book

Und wenn ich mir selbst vertraue E-Book

A.D. WiLK

0,0
7,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Manchmal braucht es ein fremdes Gesicht, um sich selbst zu erkennen. Nicky hat gelernt, sich zu schützen – mit einem Lächeln, mit roten Nägeln, mit Kopfhörern ohne Musik. Als Friseurin in Berlin liebt sie das bunte Treiben am Alexanderplatz, die Gespräche im Salon, das Gefühl, dazuzugehören – zumindest an guten Tagen. Doch ein einziger Moment reicht, um alles zu kippen. Als eine Begegnung aus der Vergangenheit sie mit einem Schlag zurückwirft, brechen nicht nur alte Wunden auf. Es beginnt eine Spirale aus Angst, Ohnmacht – und einer leisen, aber entschlossenen Hinwendung zu sich selbst. Denn diesmal will Nicky sich nicht verstecken. Nicht schweigen. Nicht wieder unsichtbar werden. Sondern stark sein – für sich. Für ihr Leben. Für das, was niemand ihr nehmen kann. Ein leiser, eindringlicher Roman über die Kraft, sich selbst zurückzuerobern – mit Mut, Mitgefühl und Würde.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



UND WENN ICH MIR SELBST VERTRAUE.

AUF DEM WEG ZU MIR

BUCH DREI

A.D. WILK

INHALT

Ein liebevoller Hinweis.

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Epilog

Du bist nicht allein.

Meine Bücher

ANNA. This is my dream.

Laufe Lebe Liebe.

Über die Autorin.

let‘s be book friends!

Mein Podcast

EIN LIEBEVOLLER HINWEIS.

Bevor du mit dem Lesen beginnst, möchte ich dich auf Folgendes hinweisen (Achtung, der Hinweis könnte Spoiler enthalten):

Dieses Buch thematisiert Rassismus, Mobbing, verbale und physische Gewalt. Bitte lies achtsam. Vielleicht möchtest du eine vertraute Person einbeziehen, mit der du über das Gelesene sprechen kannst – und bitte leg Pausen ein, wenn es zu viel wird.

Du darfst für dich sorgen. Immer.

Weil es nur einen Menschen braucht,

dem du vertrauen können musst.

1

Wann kommst du denn am Wochenende, Nicky?« Meine Mutter klapperte mit irgendetwas im Hintergrund, weshalb ich mir die Worte ihrer Frage mehr zusammenreimte, als dass ich sie gehört hatte.

»Ich arbeite am Samstag, deswegen schaffe ich es erst am Sonntag.« Ich trank den letzten Schluck Kaffee aus meiner Tasse und stellte sie in die Spüle. Ich würde mich später darum kümmern.

»Sehr schön. Ruf eine halbe Stunde bevor du ankommst an, dann kann ich die Kartoffeln auf den Herd stellen.«

»Mama, du weißt, dass ich keine Kartoffeln esse.«

»Ja, das weiß ich. Aber das bedeutet nicht, dass dein Vater und ich auch keine essen dürfen, oder?«

Ich lächelte. »Natürlich nicht.«

»Schön, dann sehen wir uns Sonntag. Wir freuen uns auf dich, Liebling.«

»Ich freue mich auch auf euch.«

Wir beendeten den Anruf und ich prüfte den Akkustand meines Telefons. Es war nur halb voll, weshalb ich die größere Powerbank in meine Tasche steckte. Ich würde das Handy im Salon laden können, aber ich blieb lieber auf der sicheren Seite.

Meine Schicht begann in zwei Stunden. Ich hatte noch etwas Zeit und wollte am Alex durch die Geschäfte bummeln, bevor ich in die U-Bahn nach Lichtenberg stieg. Aber bevor ich das tat, setzte ich mich an den Küchentisch, den mein Vater an die Wand geschraubt hatte, damit ich ihn auf- und zuklappen konnte, je nachdem, ob ich ihn brauchte oder nicht. Ich schaltete einen Podcast ein, in dem sich zwei Frauen darüber unterhielten, wie sich der Feminismus in Deutschland entwickelte, und öffnete das Nagellackfläschchen, das schon seit gestern Abend auf dem Fensterbrett stand.

Auch wenn ich es einem anderen Menschen gegenüber nie zugeben würde, liebte ich es, wie sich das knallige Rot von meiner Haut abhob, die durch den Sommer zusätzlich gebräunt war. Okay, Mandy würde ich es vielleicht sagen, aber sonst niemandem.

Ich verließ die Wohnung zehn Minuten später, setzte die Kopfhörer auf die Ohren und verließ den Elfgeschosser an der Berolinastraße. Ich hätte auch direkt hier an der Haltestelle Schillingstraße in die U-Bahn steigen können, doch ich mochte es, über den Alexanderplatz zu schlendern, den Straßenmusikern zuzuhören und die vielen Touristen zu sehen, die Fotos von der Weltzeituhr und dem Fernsehturm schossen.

Zwischen all den Menschen, die aus allen möglichen Nationen kamen, fühlte ich mich weniger fremd. In Berlin war das an vielen Stellen der Fall. Doch nicht überall. Auch deshalb wollte ich nicht in einen der Randbezirke zurückziehen.

Bald war Mandys Geburtstag. Sie feierte nicht groß, aber ich wollte ihr trotzdem etwas schenken und weil ich wusste, wie gern sie shoppen ging, würde ich ihr einen Gutschein für das Alexa besorgen. Sie liebte dieses Einkaufszentrum und ich würde mich als ihre persönliche Shoppingbegleitung mitverschenken. Bei dem Gedanken daran lächelte ich. Ich hatte nicht viele Freunde. Wirklich eng befreundet war ich nur mit Mandy. Wir kannten uns seit der fünften Klasse, waren auf die gleiche Oberschule gegangen und mit jedem Jahr engere Freundinnen geworden. Und deshalb machte ich ihr gern große Geschenke, weil ich wusste, dass sie sich darüber freute, und deshalb freute ich mich auch.

Ich bummelte durch das Center, bis es Zeit war, zur U-Bahn zu gehen und zum Salon zu fahren. Ich arbeitete lieber in der Frühschicht, aber wenn ich erst um elf anfing, genoss ich den freien Vormittag trotzdem.

»Na, Süße, wie geht’s?«

Ich ignorierte den Typ, der mich von der Seite ansprach, so wie ich es immer tat. Deshalb trug ich die Kopfhörer. Ich schaltete nie Musik ein. Vielmehr nutzte ich sie als Schutz gegenüber den Leuten, die der Meinung waren, mich auf diese oder schlimmere Art anzusprechen. Sie gaben mir die Möglichkeit, so zu tun, als hätte ich nichts gehört. Und bei Typen wie diesem vergaß ich nach wenigen Sekunden, dass er mich überhaupt angesprochen hatte. Das war nicht bei allen so, aber zum Glück kam es nur selten vor, dass jemand etwas anderes von mir wollte als meine Telefonnummer.

Ich betrat das Bahnhofsgebäude und nahm die Treppe zur U5. Die Fahrt dauerte zwanzig Minuten und als ich die Bahn wieder verließ und auf die Straße vor dem Bahnhof Lichtenberg trat, hatte sich das Wetter geändert. Die Wolkendecke war aufgerissen und die Septembersonne wärmte meine Haut. Ich blieb stehen, hielt das Gesicht in das warme Licht und genoss für einen Moment den ausklingenden Sommer. In ein paar Wochen würde es deutlich kälter sein und mein Körper wollte noch so viel Licht und Wärme aufsaugen, wie er konnte.

Nach ein paar Minuten öffnete ich die Augen wieder und überquerte die Straße, um zum Salon zu gehen. Ich hatte in unserem Online-Kalender gesehen, dass einige Kundinnen Termine bei mir vereinbart hatten, und ich wollte nicht zu spät kommen, um sie nicht warten zu lassen.

Ich arbeitete mit Michi, die zehn Jahre älter war als ich, drei Kinder hatte und sich den ganzen Tag über ihren Mann beschwerte, der sich ihrer Meinung nach um nichts kümmerte. Ich mochte sie trotzdem, denn im Grunde ihres Herzens war sie ein mitfühlender Mensch, der vollkommen überlastet war.

»Hallo, Nicky.« Wir begrüßten uns mit einem Kuss auf die Wange. Ich zwinkerte ihrer jugendlichen Kundin zu, die ich selbst schon ein paar Mal bedient hatte, und ging in den Personalraum, um meine Tasche abzustellen und mein Handy zu laden.

Meine erste Kundin kam ein paar Minuten zu früh. Ich nahm sie sofort mit zum Haarewaschen, um ein bisschen Vorsprung herauszuarbeiten. Manche Frisuren erforderten mehr als die eingeplante Zeit und ich mochte es nicht, wenn die Kundinnen auf mich warten mussten, weil ich zu langsam arbeitete.

Wir plauderten über ihren Hund, während ich ihre nassen Haare kämmte und nachdem sie mir gesagt hatte, um wie viel ich sie kürzen sollte, erzählte sie mir davon, dass ihre Schwester sich jetzt auch endlich einen Hund anschaffte, mit dem sie täglich ein paar Mal rausgehen musste. Sie redete über die Notwendigkeit, sich zu bewegen - besonders, wenn man in ihrem Alter war, und erklärte mir, dass es für Menschen über siebzig schwierig wäre, einen Hund aus dem Tierheim zu bekommen.

Ich nickte, stellte Fragen und zeigte mich interessiert, auch wenn ich selbst nicht einmal im Traum daran denken würde, mir einen Hund anzuschaffen. Als Teenager hatte ich einen gewollt, damit er mich vor den anderen Kindern beschützte und mein bester Freund sein konnte. Doch in meiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung und mit meinen Arbeitszeiten war das nicht einmal eine Option. Außerdem brauchte ich niemanden mehr, der mich vor den Dingen beschützte, die damals passiert waren, und eine beste Freundin hatte ich auch.

Als ich fertig war, strahlte sie mich im Spiegel an. »Dankeschön.« Dann deutete sie auf meine Haare. »Ihre Haare sind so exotisch. Wunderschön.«

Sie hatte es nett gemeint. Viele meinten es nett. Ich atmete tief durch und schluckte das schlechte Gefühl hinunter.

Ich machte keine Pause zwischen meinen Terminen, ging nur zwischendurch pinkeln oder etwas trinken. Das hier war nicht der beste Job der Welt, aber ich mochte ihn. Die Gespräche mit den Kundinnen, die Arbeitsatmosphäre, alles hätte schlimmer sein können. Das Trinkgeld war auch okay. In der Schule war ich nicht gut genug gewesen, um einen großartigen Karriereweg einzuschlagen. Das Frisörhandwerk lag mir. Meine Mutter hatte nie gewusst, was sie mit meinen Haaren anstellen sollte. Deshalb hatten wir irgendwann angefangen, YouTube-Videos zu gucken, in denen erklärt wurde, welche Shampoos und welche Pflegeroutine gut für meine Locken waren. Auch hier hatte ich mich anders gefühlt. Doch gleichzeitig waren wir auf diese Weise auf etwas gestoßen, das zu mir gehörte. Vielleicht hatte ich deshalb nicht länger darüber nachgedacht, welchen anderen Beruf ich wählen wollte.

Ich war gut in dem, was ich tat, und deshalb machte es meistens Spaß. Manchmal wünschte ich mir ein bisschen mehr Herausforderung, aber wenn dann mal jemand kam, der einen extravaganteren Schnitt wollte, hatte ich Angst, etwas falsch zu machen, und überließ die Kundin in der Regel Michi, Kai oder Karin.

Nach drei Stunden wies Michi mich darauf hin, dass es Zeit für meine Pause war. Ich entschuldigte mich mit einem Lächeln bei der wartenden Kundin, die ohne Termin gekommen war. Wenn ich mich zunächst um sie gekümmert hätte, hätte ich vor meiner nächsten geplanten Kundin keine Zeit mehr zum Essen gehabt.

Sie winkte ab und wünschte mir einen Guten Appetit. Ich bedankte mich und verließ den Kundenbereich, um mich an den Tisch in dem winzigen Raum zu setzen, der uns als Pausenraum diente, holte die Plastikbox heraus, die mir meine Mutter zum Einzug in meine Wohnung geschenkt hatte, und schnappte mir ein Stück Gurke. Mit geschlossenen Augen kaute ich und aß den gesamten Inhalt der Box. Gemüse, ein bisschen Käse, gebratenes Tofu. Dazu trank ich einen halben Liter Wasser.

Mein Handy beachtete ich nicht. Früher war ich in jeder Pause durch meine Feeds in den Sozialen Medien gescrollt, doch irgendwann hatte ich gemerkt, dass ich danach noch gestresster war als vorher. Deshalb hatte ich damit aufgehört. Manchmal ging ich stattdessen spazieren, doch heute mochte ich die Ruhe in diesem kleinen Raum, der sich ein bisschen so anfühlte wie die Besenkammer in der Oberschule, in der ich mich manchmal versteckt hatte.

Nach 25 Minuten verließ ich den Raum wieder, wusch mir die Hände und ging zum Tresen, um den Kalender noch einmal zu prüfen. Meine Halb-Drei-Kundin war noch nicht da, die Frau, die zuvor gewartet hatte, saß auf einem Stuhl vor dem Spiegel und hatte eine Haube auf dem Kopf. In einer halben Stunde würde Kai kommen, der Michi ablöste. Mit ihm arbeitete ich besonders gern.

Ich wartete weitere zwanzig Minuten, doch meine Kundin erschien nicht. Michi kassierte die Kundin mit der Haube ab und sah fragend zu den beiden Männern, die darauf warteten, bedient zu werden. Hätte ich gewusst, dass mein Halb-Drei-Termin nicht kam, hätte ich einen von ihnen bereits fertig haben können.

Michi zuckte mit den Schultern. »Ihre Schuld, wenn sie zu spät kommt, oder?« Sie wandte sich an die Männer. »Haben Sie einen Termin?«

Der jüngere der beiden antwortete für den anderen: »Mein Vater wartet auf Kai. Ich bin mitgekommen, weil ich dachte, es könnte spontan etwas frei werden.«

»Das hab ich sie doch schon gefragt«, raunte ich Michi zu.

»Oh, natürlich hast du das. Entschuldige.«

»Weißt du was? Ich kümmere mich um ihn. Wenn meine Kundin noch kommt, muss sie warten.« So machten wir es immer. Wenn ein Termin nicht auftauchte, machten wir mit den anderen Kunden weiter. Die meisten riefen an, wenn sie sich verspäteten oder absagen mussten. Leider gab es aber auch immer welche, die es nicht taten, und dann auftauchten und der Meinung waren, sie müssten sofort drankommen, weil sie sowieso schon so spät dran waren und keine Zeit zum Warten hatten.

Ich bat den Mann, mir zu den Waschbecken zu folgen, und während ich seinen Kopf massierte, rechnete ich meine weiteren Termine durch. Erst um vier stand ein weiterer Name in meiner Liste. Wenn die Kundin innerhalb der nächsten halben Stunde auftauchte, hätte ich noch genug Zeit.

»Danke, das war wundervoll.« Der Mann lächelte mich mit einem weichen Blick an. Das mochte ich an meinem Job. Für die meisten war der Besuch beim Frisör ein kleiner Akt der Selbstliebe, auch wenn insbesondere die Männer es vermutlich nicht als solchen bezeichnen würden. Doch auch sie nahmen sich Zeit für sich und auch sie genossen es, wenn sie den stressigen Alltag für ein paar Minuten ablegen und sich während einer Kopfmassage entspannen konnten.

»Das habe ich sehr gern gemacht.« Ich leitete ihn zu einem freien Stuhl in der Nähe der Fenster, weil dort das Licht am besten war, und legte ihm einen Kittel um, damit die abgeschnittenen Haare nicht an seinen Klamotten hängen blieben. »Also, wie viel darf ab?«

Er zog sein Telefon aus der Tasche und zeigte mir ein Bild von sich selbst, das vermutlich ein paar Monate alt war. »Das ist die Länge, die ich normalerweise trage.«

Es war ein einfacher Fassonschnitt und als Kai den Laden betrat, war ich schon fast fertig. Er kam nicht allein. Eine Frau in meinem Alter trat nach ihm durch die Tür und sah sich neugierig um. Ich erkannte sie erst auf den zweiten Blick. Vielleicht weil ich sie durch den Spiegel betrachtete.

»Au!« Der Mann vor mir zuckte zusammen. Ich hatte ihm die Spitze meines Kamms in den Nacken gestochen.

»O Gott, es tut mir leid.« Ich besah die Stelle. Zum Glück hatte ich ihn nicht verletzt.

Er lächelte freundlich. »Nicht so schlimm. So lange du mir kein Ohr abschneidest.«

Es war ein Witz und ich lachte, aber innerlich schrak ich zusammen, weil ich deutlich das Bild seines blutenden Ohrläppchens vor mir sah. Ich atmete tief durch und schwor mir, die Frau zu ignorieren, bis ich mit diesem Kunden fertig war.

2

Am liebsten hätte ich mir so viel Zeit mit dem Haarschnitt des Mannes gelassen, bis es zu spät gewesen wäre, Laura zu bedienen. Aber das wäre Kai aufgefallen und ich wollte nicht, dass ihm irgendetwas auffiel, das mit Laura zu tun hatte. Ich wollte, dass sie wieder verschwand und sich herausstellte, dass sie im falschen Salon gewesen war.

Mit einem breiten Pinsel entfernte ich die letzten Härchen aus dem Nacken des Mannes, in dem ein winziger roter Punkt an mein Ungeschick erinnerte. »So, wir sind fertig.« Ich nahm ihm den schwarzen Umhang ab und strich über den Stoff, um auch von dort die Haare zu entfernen. Bevor er aufstand, griff ich nach dem Besen und fegte seine Haare zu einem Haufen zusammen, damit weder er noch ich sie im restlichen Laden verteilten.

Er lächelte mich an. »Dankeschön.« Für ein paar Augenblicke musterte er sich selbst im Spiegel, dann nickte er. »Jetzt bin ich doch wieder vorzeigbar, oder was meinst du?« Es war Salonstandard, dass die Kunden uns duzten. Die meisten wollten ebenfalls geduzt werden, wodurch eine zumeist angenehme, unkomplizierte Atmosphäre im Laden herrschte. Nur wenn es zu Problemen kam, wünschte ich mir das distanzierte Sie. Aber es kam zum Glück nur sehr selten vor, dass Kunden sich auf unangenehme Weise beschwerten.

»Perfekt für das sonntägliche Mittagessen.«

Wir lachten, bis ich im Spiegel Lauras Blick auffing. Sie musterte mich mit dem gleichen Blick, mit dem sie es in der Schule getan hatte. In der Oberschule. In der Grundschule hatte sie mich nie so angesehen. Warum nur war sie hier?

Ich kassierte den Kunden ab, reinigte den Platz, an dem ich gerade gearbeitet hatte, und ging noch einmal pinkeln. Mehr, um einen Moment in Ruhe für mich zu haben, als um meine Blase zu entleeren. Wobei man von Ruhe nicht sprechen konnte. Ich war nicht ruhig. Und ich fand auch keine Ruhe, solange ich wusste, dass Laura dort draußen war und auf mich wartete.

Als ich den Vornamen in der Terminliste gelesen hatte, hatte ich mir nichts dabei gedacht. Schon in der Schule hatte es allein in unserer Stufe vier Lauras gegeben. In jeder Woche vereinbarten mindestens zwei Lauras einen Termin bei mir oder einer Kollegin. Es war kein seltener Name und auch wenn es in den ersten Monaten meiner Ausbildung regelmäßig Herzrasen bei mir ausgelöst hatte, wenn eine Kundin so hieß, hatte ich mich doch inzwischen daran gewöhnt.

Jetzt war das Herzrasen wieder da. Das Personalklo war nicht der beste Ort für eine Atemübung, trotzdem versuchte ich, durch tiefe Atmung etwas Tempo aus meinem Puls zu nehmen. Es konnte ein Zufall sein. Das war möglich. Und es war auch möglich, dass sie sich verändert hatte. Immerhin waren fast zehn Jahre vergangen, seit ich von der Schule gegangen war.

Ich prüfte mein Make-up und mein Gesicht, wissend, dass es der Gruppe um Laura gegenüber nie von Vorteil gewesen war, wenn ich mich hübsch gefühlt hatte, und verließ dann mit dem Lächeln das WC, das ich mir über so viele Jahre hinweg antrainiert hatte. Ein Lächeln, das meine Augen erreichte, obwohl ich es in meinem Inneren nicht spüren konnte.

Laura saß mit einem Kaffee in der Hand in eine Frauenzeitschrift vertieft auf einer der gepolsterten Bänke, die im Eingangsbereich Platz für die wartenden Kunden boten. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, einfach abzuhauen. Wie wichtig war schon ein fester Arbeitsplatz? Ich könnte auch davon leben, den Freundinnen meiner Mutter die Haare zu schneiden. Und deren Freundinnen. Und deren Bekannten.

»Bin ich dran?« Lauras aufgesetztes Lächeln, das fröhliche Piepsen ihrer Stimme, die komplette Fassade, die sie früher vor Lehrern und anderen Erwachsenen hochgezogen hatte. Daran hatte sich nichts geändert.

»Ja, das bist du.« Ich schenkte ihr mein falsches Lächeln und hoffte, dass sie die Unsicherheit nicht sah. Meine Stimme hatte fest geklungen. Auch das hatte ich trainiert. »Setz dich erst mal in den Stuhl am Fenster, dann kannst du mir erzählen, was du dir wünschst.«

Entschlossen legte Laura die Zeitschrift auf den Stapel auf dem Tisch und kam mit ihrem Kaffee und ihrer Handtasche zum Stuhl. Ich legte ihr noch keinen Umhang um, nahm eine Bürste und strich ihr damit behutsam durch die dunklen dichten Haare, die ihr bis unter die Brust reichten. Sie waren nicht ausgedünnt, sondern wirkten, als wären sie vor nicht allzu langer Zeit geschnitten worden. Ihr Haar war gesund und glänzte. Viele meiner Kundinnen würden sich genau solche Haare wünschen.

»Sie sollen ab.« Laura sah mich durch den Spiegel an, hob die Hand bis zum Kinn und fügte hinzu: »Ich möchte einen Bob, bei dem die längsten Haare bis zum Kinn reichen.«

Ich legte die Bürste zurück und schluckte. Laura hatte immer lange Haare gehabt. In der siebten Klasse hatten sie ihr bis zum Hintern gereicht. So lang waren meine nie geworden, weil sich die Wellen irgendwann zu Locken formten.

»Ich bin sie so leid, weißt du? Überall fliegen die langen Dinger rum. Ich brauche mal was Neues.« Ihr Lächeln konnte ich nicht deuten. Es wich kaum von dem vorherigen ab und doch hatte es eine Veränderung gegeben.

»Du möchtest also …« Ich nahm eine Strähne der vorderen Haarpartie und legte sie locker über ihr Kinn. Dort hielt ich sie zwischen Zeige- und Mittelfinger hoch, sodass der Teil unterhalb meiner Finger in der Luft hing. »… dass ich etwa vierzig Zentimeter abschneide?«

Sie lächelte strahlend. »Ja, das will ich. Weißt du, mein Papa fand meine langen Haare immer doof. Und er wird nächste Woche fünfzig. Das ist mein Geschenk an ihn. Und an mich. Ich will endlich mal sehen, wie ich mit so kurzen Haaren aussehe.«

Nach außen hin blieb ich professionell und selbstbewusst. Innerlich zweifelte ich. Eine andere Kundin hätte ich darauf hingewiesen, dass es bei regelmäßigen Frisörbesuchen bis zu vier Jahre dauern konnte, bis sie die alte Länge wieder erreichten, doch bei Laura zögerte ich.

»Was meinst du?« Wieder konnte ich ihr Lächeln nicht deuten.

Ich spürte, wie ich in mein altes Muster verfiel. Früher hatte ich mich so unauffällig wie möglich gezeigt, weil ich gehofft hatte, sie und die anderen würden mich dann mal für einen Tag in Ruhe lassen. Doch dann fiel mir wieder ein, dass mein Job wie ein Panzer war. Ich konnte mich hinter meiner Professionalität verstecken. Hier würde sie mich nicht angreifen können, denn das war nicht ihr Machtbereich. Wir waren nicht mehr in der Schule. Wenn sie sich so benahm wie damals, konnte ich sie rauswerfen. Und Kai würde mir dabei helfen.

»Es würde dir sicher gut stehen. Bestimmt weißt du aber, dass es mehrere Jahre dauern wird, bis sie wieder so lang sind. Oft erreichen Frauen, die die Haare einmal so kurz geschnitten haben, nie wieder die Länge, die du jetzt hast.«

Sie winkte fröhlich ab. »Das ist bei mir anders. Meine Haare wachsen wahnsinnig schnell. Du wirst sehen, in zwei Jahren sind sie länger als heute.«

Ich lächelte sie freundlich an. »Also gut. Ich bin sicher, es sieht toll aus.« Ich trat einen Schritt zurück. »Dann komm mal mit zum Waschen.«

Dass ich es schaffte, so nett zu ihr zu sein, konnte ich auf zwei Dinge schieben: Erstens war es mein Job, zu jedem nett zu sein. Zweitens wollte ich jegliche Provokation vermeiden. In jenen wenigen Tagen, in denen ich die Ratschläge aus der Bravo oder aus YouTube-Videos befolgt hatte und die Anfeindungen von Lauras Gruppe nicht unbeantwortet gelassen hatte, war alles schlimmer geworden. So viel schlimmer, dass ich mir die Zeiten vor meinem Mutausbruch zurückgewünscht hatte. Es war zu spät gewesen. Sie hatten das Opfer in mir bereits in der siebten Klasse erkannt und es spielte auch keine Rolle, dass das in der fünften und sechsten anders gewesen war.

Als ich das Wasser anstellte, bemerkte ich, wie meine Hände zitterten. Ich vergewisserte mich genauso häufig, wie ich es bei Kindern tat, dass die Temperatur richtig war, fragte Laura dann aber während des Waschens mehrfach, ob sie das Wasser wärmer oder kälter haben wollte. Ich wusch ihre Haare so vorsichtig wie die eines Shampoo-Models und massierte ihren Kopf, als wäre dies meine Gesellinnenprüfung.

Nach zehn Minuten legte ich ihr sanft ein Handtuch um den Kopf und führte sie zurück zum Platz am Fenster. Inzwischen waren drei weitere Kunden in den Laden getreten. Eine erkannte ich als meinen 16-Uhr-Termin. Wie spät war es?

»Hallo, Sabine. Du bist die nächste.«

Sie lehnte sich gemütlich zurück. »Mach dir keinen Stress, Nicky.« Mit dem Handy in der Hand schenkte sie mir ein Lächeln und tauchte dann in die Welt hinter ihrem Display.

Die kurze Ablenkung hatte gutgetan und mich daran erinnert, warum ich hier war. Laura würde in einer halben Stunde wieder gehen und dann hoffentlich für immer aus meinem Leben verschwinden. Vielleicht sollte ich den Schnitt absichtlich etwas unsauber schneiden, damit sie auf keinen Fall wieder zu mir kam. Doch das würde ich nicht tun.

Ich löste das Handtuch von ihrem Kopf, kämmte die Haare und besprach mit ihr die Position des Scheitels. Dann nahm ich, so wie ich es immer bei so starken Veränderungen tat, eine der vorderen Strähnen, vielleicht die gleiche wie in trockenem Zustand, hielt sie noch einmal ans Kinn und fragte mit dem antrainierten Lächeln: »Sicher?«

»Sicher!« Sie strahlte breit.

Ich schnitt und ließ die Strähne fallen.

Lauras Augen hatten sich leicht vor Aufregung geweitet. Ich schnitt eine Strähne auf der anderen Seite des Scheitels auf die gleiche Länge und nahm dann den Rest der Haare zurück, sodass sie erkennen konnte, wie kurz es wirklich sein würde.

»Was meinst du?«, fragte ich. »Noch könnten wir den Rest länger lassen.«

Sie schüttelte grinsend den Kopf. »Nein. Das ist die perfekte Länge.«

Ich atmete tief durch und für einen Moment ließ ich den Gedanken zu, dass Laura sich verändert hatte. Vielleicht war es wirklich kein Zufall, dass sie hier war. Vielleicht war das ihre Art, mir zu zeigen, dass die alten Zeiten vorbei waren.

Ich hatte mich immerhin auch verändert. Ich war nicht mehr das stille Mäuschen, das nur weite Jeans und T-Shirts trug und ohne Make-up und mit einem langweiligen Pferdeschwanz herumlief, damit sich Lauras Gruppe nicht von mir herausgefordert fühlte.

Nein, ich hatte mich nach dem Verlassen der Schule nach und nach mehr getraut, die Klamotten zu tragen, die meine Figur nicht versteckten, sondern zur Geltung brachten. Ich wählte Frisuren, die meine Locken zum auffälligsten Teil an mir machten. Ich schminkte mich noch immer wenig, weil das nicht zu mir passte, aber ich trug diesen knallroten Nagellack, der zwischen Lauras nassen dunklen Haaren noch mehr leuchtete.

Ich hatte mich verändert. Und mit dieser Erkenntnis wiederholte ich innerlich die Frage: Warum hätte Laura das nicht auch tun sollen?

3

Laura hatte mir eine Weile beim Schneiden zugesehen, dabei aber kein Wort gesagt. Ich war die Letzte, die ein Gespräch mit einer Kundin anfing, wenn diese nicht von sich aus redete. Viele wollten einfach ihre Ruhe haben und ich war dankbar für diese Kunden. Den gesamten Tag über im Gespräch zu sein, war nicht nur für meine Stimme anstrengend, sondern auch für mein Gehirn, das abends zu müde war, um vollständige Sätze zu produzieren.

Laura hatte irgendwann die Augen geschlossen, auf meine sanften Hinweise, wie sie ihren Kopf drehen oder halten sollte, aber weiterhin reagiert. Sie war nicht eingeschlafen.

Ich gab mir besondere Mühe mit ihrem Schnitt, überprüfte jede Strähne mehrfach und war sicher, dass das der beste Bob war, den ich je geschnitten hatte.

»Möchtest du, dass ich dir die Haare föhne?«

»Ja.« Sie hielt noch immer die Augen geschlossen.

»Möchtest du die Haare vorher im nassen Zustand sehen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich will mich erst dann sehen, wenn du alles perfekt in Form gebracht hast.«

Es war selten, dass Kundinnen nicht die gesamte Zeit über prüften, ob ihnen der neue Haarschnitt gefiel, doch ich respektierte Lauras Wunsch. In geföhntem Zustand würde sie tatsächlich besser beurteilen können, wie gut ihr der Schnitt stand.

Ich verteilte etwas Hitzeschutz und Festiger zwischen ihren Haaren, nahm Föhn und Rundbürste und gab auch jetzt mein Bestes. Sie würde mit dieser Frisur zu einem wichtigen Geschäftsessen oder zu einem Date mit ihrem Traummann gehen können. Oder sogar zu ihrer eigenen Hochzeit.

Nachdem ich den Föhn ausgeschaltet hatte, fixierte ich die Frisur mit Haarspray und gab ihr mit meinen Händen den letzten Schliff. Für ein paar Sekunden betrachtete ich mein Werk. Kai, der den nächsten Kunden auf den Stuhl neben uns platzierte, nickte mir anerkennend zu.

»Fertig«, sagte ich fast ehrfürchtig.

Laura riss die Augen auf, ihr Mund öffnete sich und sie wirkte … entsetzt?

»Was hast du getan?« Tränen traten in ihre Augen. »Das ist viel zu kurz.«

Der Bob reichte im Gesicht exakt bis ans Kinn. Genau die Länge, die wir im trockenen Zustand besprochen hatten.

»Du hast meine Haare versaut.«

Ich war zu schockiert, um zu antworten. Nicht, weil mich Lauras Reaktion überraschte, sondern weil ich es hätte besser wissen müssen. Weil ich sie als Kundin hätte ablehnen müssen. Kai hätte es verstanden. Vermutlich hätte es sogar meine Chefin verstanden, wenn ich es ihr erklärt hätte.

»Du blöde Kuh. Das hast du mit Absicht gemacht.« Tränen flossen über ihre Wangen, zogen die Mascara mit sich und hinterließen schwarze Spuren auf ihrer Haut. Noch immer betrachtete sie sich im Spiegel. »Ich wollte einen Bob, keinen Kurzhaarschnitt. Wie konntest du mir das antun?« Jemand, der Laura nicht kannte, würde ihren Ausbruch als die große Verzweiflung deuten, die sie darzustellen versuchte. Ich aber kannte dieses Werkzeug bei ihr. Sie hatte es oft genug gegenüber Lehrern und anderen Schülern eingesetzt, um zu bekommen, was sie wollte, oder einer Strafe zu entgehen.

»Du hast kinnlang gesagt, Laura.« Meine Stimme war nicht ganz so stark, wie ich es mir gewünscht hätte, aber auch nicht so schwach, wie sie es vor zehn Jahren gewesen war.

»Es ist zu kurz.« Sie funkelte mich jetzt böse an. »Kein Wunder, dass du’s verbockt hast – was will man von deinesgleichen auch erwarten?«

Ich schluckte, unfähig etwas zu sagen, obwohl ich so viele Antworten in meinem Kopf hatte.

Kai reichte ihr ein Taschentuch. »Also, ich finde, dass es toll aussieht.«

Der Kunde, den er gerade bediente, nickte zustimmend. »Ich habe lange keine so schöne Frau mehr gesehen.« Er warf mir einen Blick durch den Spiegel zu. »Ich schätze, es braucht eine wunderschöne Frau, um eine schöne Frau noch schöner zu machen.« Seine Worte waren lieb gemeint, doch er bohrte sie in eine Wunde, die zwar alt, aber nicht verschlossen war. Das zeigte mir Lauras Reaktion.

»Ich war schon vor dieser Tortur eine wunderschöne Frau«, antwortete sie giftig.

»Natürlich, so war das nicht gemeint, ich …«

Kai bedeutete ihm mit einer vorsichtigen Kopfbewegung, zu schweigen. Der Kunde, der sicher schon über fünfzig war, nickte, weil er wohl selbst erkannte, dass er nichts sagen konnte, um die Situation zu verbessern.

»Ich will meine Haare zurück.«

Ich sah zu Boden, wo Lauras lange Strähnen lagen. Für einen Moment überlegte ich tatsächlich, sie ihr als Extensions wieder einzuflechten.

»Du hast mein Leben zerstört.« Sie funkelte mich so wütend an wie damals in der Achten, nachdem Martin ihr gesagt hatte, er wäre in mich verliebt.

Ich atmete tief durch und versuchte auszublenden, wer hier vor mir saß. Ich erinnerte mich daran, wie wir normalerweise mit unzufriedenen Kundinnen umgingen, und fand mein Lächeln wieder. Ich hatte nichts falsch gemacht. Kai war mein Zeuge, denn sicher hatte er gehört, wie Laura mir den Schnitt beschrieben und ich mit ihr besprochen hatte, wie kurz er sein sollte.

»Es tut mir wirklich leid, dass dir der Schnitt nicht gefällt, Laura. Natürlich kannst du dich bei meiner Vorgesetzten beschweren.«

»Beschweren? Verklagen, habe ich gesagt. Ich werde dich verklagen. Das ist Körperverletzung.«

Innerlich kochte ich. Nicht vor Wut, okay, vielleicht auch das. Nein, alles in mir stand auf Spannung. Ich wollte wegrennen. Ich wollte sie aus dem Laden werfen. Ich war sicher, dass ich all dem nur noch für kurze Zeit standhalten konnte. Meine Fassade war stark, doch ich hatte sie noch nicht gegen Laura ausprobieren müssen, denn gebaut hatte ich sie erst, nachdem ich die Schule verlassen hatte.

Noch einmal sammelte ich meinen Atem. »Laura, ich habe mich an deine Anweisungen gehalten und mehrfach nachgefragt. Ich habe dich darüber aufgeklärt, wie lange es dauern wird, bis du deine alte Länge wieder erreichst. Ich habe dir nach dem Schneiden der ersten Strähnen angeboten …«

»So wie du mir die Haare gezeigt hast, sah es viel länger aus. Du hast noch mehr abgeschnitten, als ich die Augen geschlossen hatte.«

Der gesamte Laden hörte ihre Worte. Im Spiegel sah ich, wie eine ältere Frau uns mit leicht geöffnetem Mund anstarrte. Ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen hielt ihr Handy auf uns gerichtet. Klasse, landeten wir jetzt bei TikTok?

Hilfe suchend sah ich zu Kai. Er musste gehört haben, wie ich den Schnitt mit Laura besprochen hatte. Bitte, formte ich lautlos mit den Lippen.

Er zuckte mit den Schultern und sagte dann. »Wie Nicky schon erwähnt hat, kannst du dich gern an unsere Chefin wenden. Ich kann bestätigen, was Nicky gesagt hat. Es ist ein kinnlanger Bob, genau, wie du ihn wolltest. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist es vielleicht die beste Bob-Arbeit, die ich bisher gesehen habe.«

Später würde ich vielleicht über den Begriff Bob-Arbeit lachen können. Jetzt wartete ich nur gebannt auf Lauras Reaktion.

»Kein Wunder, dass in diesem Saftladen nur Idioten arbeiten. Wer so eine anstellt, der ist offensichtlich nicht besonders wählerisch.«

Der Kunde, der mir schon vor ein paar Minuten zu Hilfe gekommen war, sah Laura nun mit einem entschlossenen Blick an. »Was auch immer Sie damit sagen wollten, es geht zu weit. Das ist ein professioneller Haarschnitt und er steht Ihnen gut. Ich schlage vor, dass sie jetzt bezahlen, dieser Frau ein ordentliches Trinkgeld geben und den Laden dann verlassen.«

Laura sah ihn mit erhobenen Augenbrauen an, ein belustigtes Lächeln auf den Lippen. »Bitte. Ich werde keinen Cent für diesen Mist bezahlen.«

»Der Job wurde nach deinen Anweisungen ausgeführt«, hörte ich mich sagen, während Laura an dem Verschluss des Umhangs herumnestelte. Ich war überrascht, wie fest meine Stimme war. Innerlich bebte ich noch mehr als zuvor. »Du kannst nicht einfach nicht bezahlen.«

»Sie hat leider recht. Wir können dich nicht gehen lassen, ohne dass du Geld auf den Tresen legst.«

Laura hatte die Klammer, die den Umhang zusammen hielt, geöffnet, stand auf und hob das Kinn. Dann nahm sie ihre Tasche von der Ablage vor dem Spiegel, zog ihr Portemonnaie heraus und öffnete das Münzfach. Sie brachte ein Zwanzig-Cent-Stück zum Vorschein, stolzierte zum Tresen, wobei sie ihre Haare auf dem Weg verteilte, weil sie unter ihren Schuhen klebten, und legte es auf die Geldablage. »Bitteschön.« Sie hätte mich auch anspucken können, so widerlich fühlte sich das Wort an. Und bei diesem Gedanken erinnerte ich mich daran, wie sich ihr Speichel wirklich in meinem Gesicht angefühlt hatte. Die Erinnerung machte mich handlungsunfähig. Ich war wieder das vierzehnjährige Mädchen, das noch immer nicht verstand, warum sie nicht mehr mit den anderen befreundet war.

Laura verließ den Laden ohne ein weiteres Wort.

Stille, die auch die Musik aus den Boxen über uns nicht vertreiben konnte, drückte mich zum Boden. Ich streckte eine Hand aus und legte sie auf den Frisierstuhl, um nicht umzukippen oder tatsächlich zu Boden zu sinken. Die aufsteigenden Tränen hielt ich zurück. So wie auch jede andere Emotion. Nur die Wut nahm ich, um meine Fassade neu zu errichten. Ich sah sie im Funkeln meiner Augen. Ich nutzte ihre Energie, um meinen Arbeitsplatz zu reinigen.

Als die anderen, besonders Kai, sahen, dass ich nichts dazu sagen würde, fanden auch sie zurück in ihre eigenen Kosmen. Das Mädchen senkte das Handy. Der Kunde lächelte mir freundlich zu. Kai nickte und versprach mir damit, dass er auf meiner Seite stand. Und die ältere Frau stand auf und kam zu mir. »Ich fand, dass es toll aussah. Und wenn ich dreißig Jahre jünger wäre, würde ich dich bitten, mir genau den gleichen Schnitt zu verpassen.« Sie lächelte mich mit so viel Wärme an, dass es mir etwas besser ging.

Doch die Unsicherheit konnte sie nicht vertreiben. Sie galt nicht meiner fachlichen Qualität. Nein, sie galt allem. Laura hatte mir ein weiteres Mal gezeigt, dass sie stärker war als ich. Dass sie in weniger als einer Stunde dafür sorgen konnte, dass ich mich klein und falsch fühlte. An einem Ort, der mir bisher Sicherheit gegeben hatte. Sicherheit, die ich so lange nur im Haus meiner Eltern hatte finden können.

»Hab Vertrauen in dich, Kind.« Die alte Frau strich mir sanft über den Rücken.

Ich nickte, doch gleichzeitig wusste ich, dass es keinen Unterschied machte, ob ich Selbstvertrauen hatte oder nicht. Menschen wie Laura interessierte es nicht, wie ich über mich dachte und wie ich auftrat. Sie würden immer einen Weg finden, mich zu verletzen.

4

Der Rest meiner Schicht lief entspannt. Oder er hätte entspannt verlaufen können, wenn ich nicht immer wieder aus dem Fenster gesehen und nach Laura Ausschau gehalten hätte. Und nach den anderen? Traten sie noch immer gemeinsam auf? Ich folgte keiner von ihnen in den Sozialen Medien, hatte von keiner die Telefonnummer gespeichert, sodass ich ihren WhatsApp-Status nicht sehen konnte. Bis vor ein paar Stunden hatte ich damit gerechnet, oder hatte vielmehr darauf gehofft, weder Laura noch die anderen drei jemals wieder zu sehen.

»Nimm es dir nicht so zu Herzen.« Kai umarmte mich, nachdem wir den Salon abgeschlossen hatten. Wir standen auf der Straße und ich wollte nur noch weg. Ich hätte ihm erzählen können, was damals alles passiert war. Doch ich wollte diese Vergangenheit nicht in meine Gegenwart tragen. Ich wollte nicht, dass die Menschen, die jetzt in meinem Leben waren, wussten, wer ich damals gewesen war. Vielleicht hatte ich Angst, noch immer diese Person zu sein. Irgendwo tief in mir drin. Und vielleicht würde Kai sie erkennen, wenn ich ihn genauer hinsehen ließ. Würde er dann das Gleiche in mir sehen, das alle anderen in mir gesehen hatten?

Es gab nur einen einzigen Menschen, mit dem ich jetzt sprechen wollte. Weil sie mich verstehen würde. Weil sie mich auch damals schon gekannt hatte und wusste, dass ich mich verändert hatte. Dass ich jetzt stärker war.

»Ist schon okay.« Ich setzte mein Lächeln auf. »So was passiert doch immer wieder.«

Er sah mich mit einem skeptischen Blick an. »Nicht in der …«

Ich legte meine Hand auf seinen Oberarm. »Kai, wirklich. Es ist nicht schlimm. Wenn du mich nicht immer wieder daran erinnern würdest, hätte ich es längst vergessen.« Normalerweise log ich nicht, doch in diesem Fall musste ich eine Ausnahme machen, um endlich von hier wegzukommen. Außerdem war Kai kein Freund, sondern ein Arbeitskollege. Ich mochte ihn und wir waren auch schon gemeinsam etwas trinken gegangen. Aber er war niemand, dem ich meine innerste Gefühlswelt offenbaren wollte. Vielleicht kam die Idee aus dem schlechten Gewissen heraus, ihm nicht die Wahrheit gesagt zu haben, aber ich beschloss, ihm auf dem Heimweg eine Kleinigkeit zu besorgen.

Ich gähnte, weil ich wirklich müde war. »Ich will einfach nur nach Hause.«

»Okay, dann … bis morgen.«

Ich schenkte ihm ein ehrliches Lächeln, denn irgendwie war es ja ganz süß, dass er sich um mich sorgte. »Bis morgen.«

Er ging in eine andere Richtung, weil er in Fußlaufweite entfernt wohnte. Ich zog mein Telefon aus der Tasche, setzte die Kopfhörer auf und rief Mandy an.

»Hey, liebste Freundin.«

Ich lächelte beim Klang ihrer Stimme und der Worte, die sie mit ihr sprach. »Na, liebste Freundin«, erwiderte ich und fühlte mich sofort besser. »Wie war dein Tag?«

»Ach, das Übliche. Du weißt ja, wie die Anwälte sind. Viel zu tun. Und die neue Auszubildende kann die Kaffeemaschine noch nicht bedienen, was bedeutet …«

»… dass du mehr Kaffee gekocht und erklärt hast, als dich um die Akten der Klienten zu kümmern.«

»Ja, genau.«

Wir lachten beide.

»Und bei dir? Durftest du irgendwelche extravaganten Frisuren schnippeln, mit denen du dein Portfolio aufpumpen kannst?«

»Na ja, ich habe vor ein paar Wochen einer siebzigjährigen Frau geraten, mit dem Färben aufzuhören. Heute kam sie zum Schneiden und sie hat jetzt weinrote Spitzen. Zählt das?«

»Vielleicht. Was hast du sonst noch?«

Ich seufzte. Gern hätte ich weiter mit ihr herumgeblödelt. Für einen Moment überlegte ich sogar, ihr die Sache mit Laura zu verschweigen. Aber Mandy war meine beste Freundin. Ihr so etwas zu verheimlichen, wäre ein echter Vertrauensbruch.

»Was ist los?« Sie kannte mich zu gut. »Blöde Kunden?«

»Eine blöde Kundin.«

»Hat sie kein Trinkgeld gegeben, nachdem du ihre megafettigen Haare gewaschen und dann ihren selbst fabrizierten Schnitt in Form gebracht hast?«

»Schlimmer.« Ich saugte die Luft ein, auch wenn die direkt neben der Straße nicht dafür geeignet war, die Tiefen meiner Lungen zu fluten.

»Was ist passiert?«

»Laura war da.«

»Laura?« Sie schien wirklich überlegen zu müssen. »Welche Laura?«

»Mandy! Wie viele Lauras kennst du, von denen ich nicht begeistert wäre, wenn sie einen Termin bei mir vereinbaren?«

»O Gott. Laura-Laura?«

Ich nickte, obwohl sie es nicht sah. »Laura-Laura.«

»Was wollte sie?«

Ich überlegte. »Das ist eine verdammt gute Frage.«

»Wie meinst du das?«

Ich erzählte ihr in jeder Einzelheit, was vorgefallen war. Wie Laura zu spät kam, wie sie mir davon vorgeschwärmt hatte, ihren Vater zu überraschen. Und wie sie sich dann in das Mädchen verwandelt hatte, das mir vier Jahre lang das Leben zur Hölle gemacht hatte.

»Kai meinte, es wäre der beste Bob, den ich je geschnitten habe.«

»Kai war da?«

Ich verdrehte die Augen. Natürlich, bei der Erwähnung seines Namens war alles andere egal. Mandy war schon seit drei Jahren in ihn verschossen. Er interessierte sich aber nicht für sie. Er hatte nicht einmal mit ihr ausgehen wollen. Das hatte sie gekränkt. Trotzdem fragte sie immer wieder nach ihm und manchmal tauchte sie im Laden auf, um sich die Haare schneiden zu lassen, wenn sie wusste, dass er da war.

»Mandy«, sagte ich etwas genervt.

»Sorry«, erwiderte sie kleinlaut. »Aber glaubst du wirklich, sie würde dich verklagen?«

»Keine Ahnung. Welche Chancen hätte sie?«

»Ich bin nicht sicher. So einen Fall hatten wir noch nicht. Ich kann mal nachfragen, wenn du willst.«

Ich wollte nicht. »Nein, das bauscht die Sache nur noch mehr auf. Ich will es einfach vergessen. Meine Chefin haben wir schon vorgewarnt.«

»Was hat sie gesagt?«

»Sie hat gelacht und gemeint, Laura sollte nur versuchen, rechtliche Schritte einzuleiten. Sie meinte, es gäbe ausreichend Zeugen dafür, dass ich alles richtig gemacht hätte. Außerdem hätte sie schon mit einigen unzufriedenen Kundinnen zu tun gehabt und wüsste, wie sie mit ihnen umgehen müsste.«

»Aha, und wie?«

»Das hat sie mir nicht verraten. Aber ich schätze, Laura könnte endlich auf jemanden stoßen, der ihr gewachsen ist.«

»Ach, komm schon, Nicky. Du bist ihr auch gewachsen.«

»Ich habe mich nicht gefühlt, als wäre ich ihr gewachsen.« Mandy war der einzige Mensch auf der Welt, dem gegenüber ich das zugeben würde. Meinen Eltern hatte ich nie verraten, wie schlecht es mir wirklich gegangen war, und in meinem heutigen Leben hielten mich alle für eine toughe, selbstbewusste Frau, die solche Biester wie Laura Müller mit einem Schulterzucken abschüttelte. Sie hatten es nicht mitbekommen. Sicher, sie hatten manchmal gesehen, wenn ich geweint hatte. Doch ich war ein Teenager. Teenager weinen aus den verschiedensten Gründen. Sie schließen sich auch ohne Mobbing in ihren Zimmern ein. Für meine Eltern war ich einfach ein normales Mädchen, das zur Frau wurde und versuchte, mit diesem Prozess klarzukommen.

»Das bist du aber. Nicky, du bist so stark geworden. Du bist nicht mehr das schwache Mädchen von damals. Ich bin sicher, dass Laura das auch gemerkt hat. Sie wird sich hüten, noch einmal zu kommen und dir das Leben schwer zu machen.«

Ich lächelte und eine beruhigende Wärme erfüllte mich. »Ich hoffe, du hast recht.«

»Das habe ich. Und jetzt kommen wir zu wichtigeren Menschen als Laura Müller. Was hatte Kai heute für eine Hose an?«

Ich lachte laut auf und schüttelte dann den Kopf. »Du wirst einfach nicht aufgeben, oder?«

»Niemals«, beteuerte sie. »Er wird schon noch merken, dass ich die Frau seiner Träume bin.«

»Oh, Mandy.«

»Lass mir diese Schwärmerei. Du weißt überhaupt nicht, was für ein Glück du hast. Die Anwaltsserien im Fernsehen haben mir versprochen, dass ich für heiße Kerle in ihren Dreißigern arbeiten würde. Und was habe ich bekommen? Dickbäuchige Glatzköpfe in ihren Fünfzigern.«

»Fies.«

»Nein, das ist es nicht. Du siehst keine Glatzköpfe. Deine Kunden haben alle Haare.«

»Manche aber auch dicke Bäuche«, wandte ich ein.

»Manche, Liebes, manche.«

Wir lachten, bis ich den Eingang zum Bahnhof erreichte. »Okay, liebste Freundin. Ich werde jetzt nach Hause fahren. Danke, dass du meinen Abend in diese schöne Richtung gedreht hast.«

»Immer wieder gern. Ich hab dich lieb, Nicky.«

»Ich dich auch.«

Wir beendeten das Gespräch und ich betrat das Bahnhofsgebäude mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit. Ich hatte nicht viele Freunde, weil es mir so schwerfiel, mich anderen zu öffnen, ihnen zu vertrauen. Doch eigentlich brauchte ich auch niemanden außer Mandy. Sie war immer für mich da, genau wie ich für sie. Wer brauchte einen großen Freundeskreis, wenn er diesen einen Menschen hatte, der einen zu hundert Prozent verstand?

5

Meine U-Bahn fuhr gerade ein, als ich den Bahnsteig erreichte. Ein weiteres Zeichen, dass dieser Tag gut endete. Vielleicht würde mich diese Intrige, anders als früher, nicht auf den Boden ziehen. Endlich standen Menschen auf meiner Seite. Kai und die beiden Kunden würden bezeugen, dass ich meinen Job korrekt gemacht hatte. Meine Chefin vertraute mir. Und Mandy stand an meiner Seite. Dieses Mal war ich nicht allein. Und ich war ziemlich sicher, dass Laura das auch gemerkt hatte.

Ob sie das von Anfang an geplant hatte? Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen. Wer würde sich die Haare kürzer schneiden lassen, als es ihm gefiel, nur, um einer anderen Person zu schaden?

Ich stieg in den Waggon und suchte mir einen Platz neben einer jungen Frau, die auf ihrem Telefon herumtippte. Ich wollte mich nicht direkt neben sie setzen, weil ich nicht wollte, dass sie den Eindruck bekam, ich würde sie beim Texten beobachten, deshalb ließ ich einen Sitz zwischen uns frei. Meine Kopfhörer ließ ich auf den Ohren, um mich von der Außenwelt abzuschotten. Weil ich trotzdem mitbekommen wollte, was um mich herum geschah, schaltete ich jedoch wieder keine Musik an.

»Vermietest du zufällig eine Schlafcouch?«

Irritiert wandte ich mich nach links zu der Frau. Hatte sie mit mir gesprochen? Nein, sie hielt ihr Handy am Ohr. Schnell wandte ich den Kopf wieder ab, hörte jetzt aber genauer zu, als sie weitersprach.

»Sascha … Mein …« Sie wirkte unsicher und ich betrachtete sie in der Scheibe vor uns. Sie sah traurig und müde aus.

»Er hat mich betrogen.«

---ENDE DER LESEPROBE---