Inhaltsverzeichnis
Das Buch
Die Autorin
TEIL EINS
KAPITEL EINS
MONTAG, 9. MAI
KAPITEL ZWEI
DIENSTAG, 17. MAI
Copyright
Das Buch
Corinna ist mal wieder Single. Das Kochen, Putzen, Waschen für ihren Freund vermisst sie nicht - es fehlt nur der Sex. Was liegt da näher als eine Affäre, auch wenn alle ihr einreden wollen, sie suche ja nur doch wieder nach der großen Liebe. Also wettet sie mit ihren Freundinnen Sabine und Kara, dass auch Frauen ihre Gefühle für einen One-Night-Stand zu Hause lassen können. Die Männerjagd ist eröffnet: Nichts bleibt unversucht, doch keiner beißt an. Und ehrlicherweise muss Corinna sich eingestehen, dass sie als allein erziehende Mutter mit einem stressigen Job als Unternehmensberaterin kaum Zeit hat, sich der Sache gebührend zu widmen. Nur nachts, wenn ihre Tochter schläft, findet Corinna Zeit, sich endlich zu überlegen, was sie eigentlich will und wie sie sich ihr Leben vorstellt. Dann wird sie auf ihrer Website www.nosexinthecity.de zu Chantal - die längst nicht mehr vom perfekten Date träumt, sondern gerade wieder eins hat. Und tatsächlich lernt sie auf ihrer Internetseite Mateo kennen, der seinerseits Recherchen anstellt, wie junge Frauen als Singles ihr Glück finden. Bis Mateo Corinna zufällig kennenlernt - und sich in sie verliebt.
Die Autorin
Claudia Sanders, geboren 1972, lebt mit ihrer Tochter in München. Sie arbeitet als freie Journalistin. »Und wer küsst mich?« ist ihr erster Roman.
TEIL EINS
KAPITEL EINS
MONTAG, 9. MAI
Es war einer dieser Tage, die man am besten gleich wieder vergisst. Ein hektischer Morgen bei Weigelt & Partner drohte, und Corinna hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie ihn überstehen sollte. Während sie den Fahrstuhl in den vierten Stock nahm, bereute sie schon, nicht einfach im Bett geblieben zu sein.
Zumindest würde die Arbeit sie vom Grübeln abhalten und davon, sich für den heftigen Streit mit Pedro allein verantwortlich zu fühlen. Das letzte Glas Chardonnay, eigentlich zu schal, um es zu trinken, hatte eindeutig eine gewisse Mitschuld an dem trostlosen Zustand, in dem sie sich befand.
Der Fahrstuhl hielt. Als sie ausstieg und die Tür aufschloss, vermisste sie den gewohnten Geruch frisch gebrühten Kaffees. Stattdessen stieg ihr ein scharfes Putzmittel in die Nase, das aus dem achtlos in den Weg gestellten Wischeimer zu kommen schien. Das Röhren des Staubsaugers war weit und breit das einzige Geräusch.
»Guten Morgen, Frau Marquardt.« Pierre, das französische Mitglied der überwiegend afrikanischen Putzkolonne, begrüßte sie lächelnd.
»So früh?«
Corinna lachte.
»Früh? Es ist kurz nach sieben. Sagen Sie also nicht, ich hätte mich nicht gebessert.«
»Hoffentlich hatten Sie wenigstens ein schönes Wochenende.«
O ja, das hatte sie gehabt! Erst hatte Celia fiebernd das Bett hüten müssen, quengelig, weil aus ihrer gemeinsamen Radtour rund um den Starnberger See nichts geworden war. Dann war Pedro gekommen, ihr Lover, mit dem sie eine mehr als fragwürdige Beziehung verband. Lapidar hatte er ihr mitgeteilt, er müsse für eine Weile nach Spanien. Rein beruflich, natürlich. Sein überraschter Ausdruck, als sie ihm den Wein ins Gesicht gekippt hatte, war der Höhepunkt des verpatzten Wochenendes gewesen.
Corinna ging in die Küche, wo sie die chromblitzende Espressomaschine zum Gurgeln brachte. Im Stehen kippte sie eine Tasse Kaffee herunter, bevor sie in ihr Büro zurückkehrte. Als sie hinter dem Herrenhausschreibtisch Platz nahm und sich dabei wieder einmal das Knie an einer der Schubladen stieß, schwor sie zum tausendsten Mal, den für ihre Größe viel zu niedrigen Koloss durch einen funktionalen Schreibtisch zu ersetzen.
Sie schaltete den Computer ein und rief zuerst ihre E-Mails ab. Die einzige private Mitteilung im Meer ihrer Geschäftskorrespondenz stach ihr sofort ins Auge.
Na also! Noch waren keine vierundzwanzig Stunden vergangen, und schon hatte Pedro es sich anders überlegt! Wie süß, er schrieb ihr auf Spanisch, wie am Anfang ihrer Beziehung. Inzwischen bereute er also seine Entscheidung, die natürlich nichts anderes als ein dummer Fehler gewesen war, und kroch zu Kreuze. Sie lächelte bei dem Gedanken, wie schwer es ihm gefallen sein musste, seinen Stolz zu vergessen und sie um Verzeihung zu bitten. Selbstverständlich würde sie es ihm nicht leicht machen. Sollte er ruhig ein wenig schmoren, bis sie geneigt war, seinen Liebesschwüren Gehör zu schenken.
Neugierig klickte sie auf seine Nachricht und wünschte wenig später, sie hätte es nicht getan.
Von: Pedro Garcia <
[email protected]> Gesendet: Freitag, 6. Mai 2005 23:06 An: Corinna Marquardt Betreff: mi amor, te quiero!
Querida Celina,
ich vermisse dich so! In Gedanken sehe ich dich, wie du da sitzt, auf dieser kleinen Bank am Strand von Sitges, ein Eis in der Hand. Schon bei unserer ersten Begegnung habe ich gespürt, dass wir zusammengehören.
Auch wenn ich deine Stimme nicht hören, dich nicht berühren, dich nicht schmecken kann, so bist du doch immer bei mir. Ich denke an dich, jede Sekunde des Tages.
Un abrazo fuerte, y muchos besos Pedro
PS: In einer Woche bin ich wieder in Barcelona. Hast du dich schon nach einer Wohnung für uns umgesehen? Etwas in der Nähe der Ramblas wäre nett.
Die Kaffeetasse, ironischerweise ein Geschenk von Pedro, war der erste Gegenstand, der ihrer Wut zum Opfer fiel. Das Klirren alarmierte Pierre, der neugierig den Kopf durch die Tür steckte und dabei fast von einem Aktenordner getroffen worden wäre.
»Frau Marquardt? Ist alles in Ordnung?«
Natürlich nicht!
»Danke, Pierre. Ich bin heute Morgen nicht zum Joggen gekommen und trainiere stattdessen meine Oberarmmuskulatur.«
»Hm.« Pierres Blick fiel auf einen Stapel Bücher, Standardwerke der Wirtschaftsliteratur, die auf Corinnas Schreibtisch verstreut lagen, bereit, gegen die Glastür geschmettert zu werden.
»Stärkt den Trizeps, glaube ich. Oder Bizeps? Egal. Für ein effizientes Training ist es unabdingbar, Gewichte etwas länger in der Hand zu halten. Das dürfte kaum gelingen, wenn Sie damit um sich werfen.«
»Werd ich mir merken.«
»Ich werde dann mal sauber machen.«
»Nein, Pierre, das werden Sie nicht tun.«
Corinna vermied es geschickt, ihn anzusehen, als sie ihm kurzentschlossen den Wischmopp aus der Hand nahm. Er brauchte die Tränen, die in ihren Augenwinkeln glitzerten, nicht zu sehen. Nachdem Pierre die Scherben in einen blauen Müllbeutel entsorgt hatte und mitsamt seinen Gerätschaften entschwunden war, verrauchte ihre Wut zwar nicht, köchelte aber auf Sparflamme.
Kurz spielte sie mit dem Gedanken, Pedro anzurufen und ihn mit der fehlgeleiteten Mail zu konfrontieren. Aber was nützte das jetzt noch? Sie hatte ihn verloren! Nichts, was sie sagte oder tat, würde daran etwas ändern. Was nun noch zu tun blieb, konnte ebenso gut ihr Computer erledigen.
Ein Klick auf »Antworten« und seine Mail ging ohne weiteren Kommentar an ihn zurück. Wenn er ihren Namen im Absender las, würde er seinen Fehler schon bemerken. Sie war sicher, danach nie wieder von ihm zu hören.
Corinna erhob sich von ihrem Schreibtisch und tigerte unschlüssig in ihrem Büro umher. Die Maisonne tauchte den warmen Braunton des Parketts in ein lebendiges Rostrot und ließ selbst die angegilbten Wedel der Yuccapalme wieder frisch erscheinen. Das helle Licht blendete, doch anstatt die Rollläden herunterzulassen, riss sie das Fenster weit auf und blickte auf den Rosenkavalierplatz herunter. Die nahegelegene U-Bahn-Station spuckte die ersten Angestellten aus. Manche legten auf dem Weg in ihre Büros, Geschäfte oder Arztpraxen eine Pause beim Bäcker oder Fleischer in der Ladenpassage ein. Sie überlegte gerade, ob sie sich beim Wiener Café an der Ecke ein Sandwich holen sollte, als ihr Telefon klingelte. Ihre Mandanten vermuteten richtig, dass man einen Senior Consultant am besten frühmorgens erreichte. Als sie den Hörer abnahm, erkannte sie die ausgeschlafene Stimme Sabines, Ressortleiterin eines privaten Fernsehsenders und, was wichtiger war, ihre beste Freundin.
»Meine Schöne! Du, ich wollte dich und Pedro …« Weiter kam sie nicht, denn sie wurde von hysterischem Lachen unterbrochen.
»Corinna? Ist was?«
»Sieht ganz so aus. Pedro hat …«
»Sag es nicht. Er hat dich verlassen, stimmt’s?«
»Ja!«, brachte Corinna mühsam hervor. Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen, das nur von ihrem Schluchzen begleitet wurde.
»Wie hat er es dir gesagt?«
»Gar nicht. Dazu war er zu feige. Ich habe es zufällig herausgefunden.«
Corinna erzählte der Freundin von Pedros Verwechslung der Mailadressen, während sie in ihrer Schreibtischschublade nach Taschentüchern kramte. Türenschlagen und Stimmengemurmel kündigten die ersten Vertreter der Beratermeute an. Ihre Tür war geschlossen, trotzdem sprach sie gleich ein wenig leiser.
»Gestern Nacht hat er mir einen wirklich interessanten Vorschlag ins Ohr geflüstert. Da dachte ich allerdings noch, der Herr Stararchitekt geht nach Barcelona, um zu arbeiten. Nicht um seiner neuen Liebe nahe zu sein.«
»Hat er etwa von dir verlangt mitzukommen?«
»Nein. Ganz im Gegenteil. Er wollte, dass ich hierbleibe und ihm das Bett schön warm halte.«
»Das kannst du ja auch am besten. Nur falls es dir entgangen sein sollte: Du hast in den letzten zwei Jahren kaum etwas anderes gemacht.«
»Danke, dass du mich daran erinnerst.« Die Bemerkung war typisch für Sabine. Wie alle guten Journalisten kam sie gleich auf den entscheidenden Punkt.
»War es denn nicht schon immer dein Wunsch, dein Beziehungsdasein als ewige Geliebte zu fristen?«
»Wie es aussieht, habe ich die Chance wohl verpasst.«
»Bei deiner Erfahrung hättest du die Rolle sicher gut gespielt«, stichelte Sabine weiter.
Ihre Freundin irrte. Ihre Beziehung mochte keine gemeinsame Zukunft gehabt haben, aber zwischen ihnen war eindeutig mehr gewesen als nur Sex.
»Es wird höchste Zeit, dass du deine Einstellung Männern gegenüber überdenkst«, fuhr Sabine sachlich fort und Corinna verdrehte die Augen.
Zu oft hatte die Freundin ihr gepredigt, sich nicht unter Wert zu verkaufen. Sabine hatte ja auch gut reden, sie war verheiratet! Letztes Jahr hatte sie ihrem langjährigen Freund Armin die Pistole auf die Brust gesetzt und ihn, ohne Widersprüche gelten zu lassen, schnurstracks vor den Traualtar gezerrt. Seitdem führten sie das, was man gemeinhin als glückliche Ehe bezeichnete.
»Oder aber ich reduziere meine Ansprüche. Wenn ich von den Männern nicht viel mehr will, als …«
»Sex«, fiel Sabine ihr ins Wort. »Was wohl kaum bedeutet, dass du keine Probleme mehr bekommst. Bei deinem Talent, in Schwierigkeiten zu geraten …«
»Danke.«
Das Blinken eines roten Lämpchens zeigte einen Anrufer auf der anderen Leitung an.
»Bleib mal einen Moment dran, bitte.« Corinna nahm ab und bereute ihren Entschluss augenblicklich.
»Guten Morgen, Frau Marquardt. Schreiber, Joorg Biere.«
Routiniert schaltete sie für ihren wichtigsten Klienten in den Strictly-Business-Modus um.
»Ich überlege, ob wir die Produkteinführung von Colaschwapp nicht vorverlegen sollten«, setzte er an. Corinna erstarrte. Wenn die Brauerei vorhatte, Bier trinkende Konsumenten schon früher mit einem neuen Mischgetränk zu beglücken, das, solange ein passender Name noch nicht gefunden war, unter der lächerlichen Bezeichnung Colaschwapp lief, stimmte etwas nicht. Sie hatten den Zeitrahmen für dieses Projekt gemeinsam abgesteckt. Warum konnten sich ihre Kunden eigentlich nie an die Terminabsprachen halten?
»Wir sollten das, äh«, er räusperte sich gekünstelt, »nächste Woche bei einem Abendessen besprechen.«
»Gerne. Meine Assistentin Susanna wird Ihnen einen Termin geben.«
Im Geiste sah sie sich mit dem Marketingleiter der Brauerei im Restaurant sitzen. Seine Vorstellung von Extravaganz war es, witzige Krawatten zu Designeranzügen zu tragen. Das letzte Mal hatte er ein Rudel mümmelnder Osterhasen gewählt. Ein passenderes Motiv in der Vorweihnachtszeit hätte sich kaum finden lassen.
Höflich verabschiedete sie sich und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Sabine zu, die geduldig gewartet hatte.
»Nun, es spricht nichts dagegen, sich nach einer Enttäuschung mit einer heißen Affäre zu trösten. Aber Sex taugt wohl kaum, um an den Ursachen deiner Nicht-Beziehungen etwas zu ändern. One-Night-Stand-Geschichten sind da einfach nicht die richtige Therapie.«
»Wer sagt denn, dass ich One-Night-Stand-Geschichten will? Ich dachte eher an ein paar Wochen genüsslichen Sex ab und an.«
»Du machst dir doch nur selbst etwas vor. Oder willst du etwa ernsthaft behaupten, dass Sex funktioniert, ohne Gefühle zu investieren?«
»Natürlich«, entgegnete Corinna trotzig. Ihre Finger spielten mit der Telefonschnur und bildeten eine Schlinge. Groß genug einen Kopf hindurchzustecken und zuzuziehen. Wen wollte sie erwürgen? »Es wird sogar sehr gut funktionieren.«
»Wird es nicht. Es vergeht garantiert kein halbes Jahr, und du steckst emotional drin«, fuhr Sabine fort, ihren Widerspruch ignorierend. »Und eh du dich versiehst, hast du genau die Probleme, die du eigentlich vermeiden wolltest. Wer weiß, vielleicht verliebst du dich sogar.«
»Ganz bestimmt nicht!« Corinnas Stimme klang jetzt noch trotziger. »Ich habe nicht vor, mich auf irgendetwas einzulassen. Ist das denn so schwer zu begreifen?«
»Wenn du dir so sicher bist, dann lass uns doch ein kleines Experiment starten. Wie wär’s mit einer Wette?«
»Nichts dagegen.« Corinnas Kampfeslust war geweckt. Sabines Prophezeiungen konnte sie keinesfalls auf sich sitzen lassen.
»Also gut«, fuhr die Freundin fort, »ich bin sicher, du wirst es nicht schaffen, deine Männerbeziehungen auf Sex zu reduzieren. Spätestens nach einem halben Jahr mit irgendeinem Kerl wirst du mehr wollen.«
Es war zu spät für einen Rückzieher. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die Flucht nach vorn anzutreten.
»Die Wette wirst du verlieren«, hörte sich Corinna sagen. »Abgemacht. Vorausgesetzt, der Einsatz ist nicht zu hoch.«
»Eigentlich wollte ich dich heute Abend zum Essen einladen. Dann können wir über die Details reden. Was hältst du davon? Soll ich Kara und Günther anrufen?«
Die Aussicht auf einen Abend mit ihren Freunden war verlockend. Doch so schnell würde sie keinen Babysitter auftreiben können.
»Heute Abend nicht. Aber am Wochenende habe ich Zeit.« Die beiden Freundinnen verabschiedeten sich und legten auf.
»Guten Morgen, Corinna.« Susanna lugte in ihr Büro, und Corinna zuckte erschreckt zusammen.
»Was treiben Sie denn so?«
Corinna mochte ihre Assistentin und arbeitete gern mit ihr zusammen, wenn auch die Kommunikation mit einer Einundzwanzigjährigen, die sich außer für Männer, Klamotten, Handys und vielleicht noch Tattoos für nichts wirklich zu interessieren schien, mitunter schwierig war. Doch jetzt war ihr nicht nach Small Talk. Als sie eine Antwort schuldig blieb, verstand ihre Assistentin den Wink und verschwand.
Hatte Susanna da gerade eben treiben gesagt? Das war ja wohl ein einziger Hohn. Es würde noch verdammt viel Wasser die Isar hinunterfließen, bis sie es wieder einmal so richtig treiben konnte. Entschlossen wischte sie jeden weiteren Gedanken an Pedro beiseite und vertiefte sich in die Vorbereitung des Meetings.
Nachdem sie die Agenda ausgedruckt und Susanne zum Kopieren gegeben hatte, machte sie sich daran, einige Links aus dem Gastgewerbe und der Getränkebranche abzusurfen. Schreibers Anruf war eine versteckte Warnung gewesen, die den Druck auf Corinna, im Rekordtempo ein schlüssiges Marketingkonzept vorstellen zu müssen, noch erhöhte.
Es war hoffnungslos! Das Chaos in ihrem Kopf verhinderte, dass sie auch nur die einfachste der recherchierten Informationen aufnehmen konnte.
Auf der Suche nach Ablenkung rief sie ihr Weblog auf. Das hatte sie in letzter Zeit vernachlässigt, und dementsprechend sah es aus. Die wenigen Einträge, die Corinna in ihrer kurzen Zeit als Mitglied der Blogger-Gemeinde eingestellt hatte, waren alles andere als aktuell. Das Ding schrie laut und lärmend nach einer Generalüberholung! Kurz entschlossen legte sie ihren Blog erst einmal auf einen eigenen Webspace. Und da sie schon mal dabei war, konnte sie dem Ding ebenso gut gleich ein neues Gesicht verpassen.
Etwas später betrachtete Corinna zufrieden das Ergebnis. Sie hatte sich für ein strahlendes Blau als Hintergrundfarbe entschieden und Kategorien erstellt, damit Einträge in Zukunft nach Überschriften geordnet werden konnten. Jetzt fehlte nur noch ein neuer, passender Name. Vielleicht verlassene. de? Corinna konnte sich allerdings kaum vorstellen, dass diese Domain noch frei war. Ebenso wenig wie frustrierte.de. Oder klimakteriumsclub.de? Witzig - aber eindeutig zu negativ. Sie wollte nicht eine von diesen frustrierten Single-Frauen werden, die keine Gelegenheit ausließen, sich selbst zu bemitleiden. Sie brauchte ein programmatisches Statement, um sich abzugrenzen. Etwas, was den geschätzten Lesern vermittelte, dass sie gar nicht daran dachte, sich unterkriegen zu lassen. No Sex in the City! No Sex. Genau das, was ihr bevorstand. Auch wenn Corinna gewettet hatte, diesen Zustand so schnell wie möglich zu ändern, war erst einmal kein Nachfolger für Pedro in Sicht.
Das Weblog könnte so etwas wie ein persönlicher Wegweiser durch den Beziehungsdschungel der Großstadt werden. Ein Notizbuch, um alles festzuhalten, was ihr hoffentlich bald passierte, wenn sie damit begann, die bittere Galle ihres Single-Lebens in zahlreichen sexuellen Eskapaden zu ertränken. Und der erste Eintrag im neuen Gewand? Ergab sich von selbst.
Ich habe keinen. Das letzte Mal, so weit ich mich erinnere, hatte ich welchen kurz vor Weihnachten. Mit einem Mann, der so in Anspruch genommen war, die richtigen Geschenke für seine Familie und Freunde auszuwählen, dass er ständig abgelenkt war. Leider auch, als wir es taten. Er fragte mich dauernd so etwas wie: »Meinst du, der letzte Mankell ist etwas für Tante Magda?« Da fragte er die Richtige. Ich kenne weder den letzten Mankell noch Tante Magda.
No Sex! Pas de Sex! Kein Sex! Und das in einer Großstadt wie München. In einer Stadt, in der sich Klassemänner, zur Besichtigung und Auswahl freigegeben, im Sommer nackt im Englischen Garten räkeln. Die neusten Cabrio-Modelle auf der Leopoldstraße vorführen. Im Winter Fitness-Studios ihres Vertrauens besuchen. Tische in angesagten Restaurants mühelos in eine Ausstellung drahtloser Endgeräte verwandeln.
München. Die südlichste Großstadt Deutschlands. Eine Stadt, in der sich italienische Lebensart zelebrieren lässt, ohne die Alpen überquert zu haben. Wo sich niemand etwas dabei denkt, schon morgens ein Weißbier zu kippen, und das Zutzeln blasser Weißwürste dazu als Tradition bezeichnet wird.
Eine Stadt, in der die Feste im September ein kleines bisschen lärmender, der Hintern der Frauen ein kleines bisschen breiter und eingefleischte Flirtrituale der Männer vielleicht ein kleines bisschen gewitzter sind.
München. Die Weltstadt mit Herz. Herzschmerz inklusive. Hauptstadt der Singles. Dennoch eine Stadt wie jede andere. In der Männer der Extraklasse für Frauen um die fünfunddreißig kaum vorhanden sind. Weil sie verheiratet sind. Bindungsunfähig. Neurotisch. Schwul. Oder alles zusammen. Was nicht notwendigerweise dagegen spricht, eine sexuelle Beziehung mit ihnen einzugehen.
9. Mai 2005 - 10:08 [link] [0 Kommentare]
Was nun noch fehlte, um den Neuauftritt ihres Blogs abzurunden, war ein passendes Pseudonym! Irma la douce! Schön, aber eindeutig zu lang. Belle! Mist, auf den Gedanken war schon jemand anderes gekommen. Chantal! Perfekt. Das klang ganz nach Sex! Nach Abenteuer, unverschämt hohen Pumps, nach zerwühlter, roter Satinbettwäsche, verführerischen schwarzen Dessous und einer Wagenladung erstklassiger Drogen. Assoziationen, die Corinna, die normalerweise mit all diesen Dingen nichts am Hut hatte, gefielen.
»Kann ich kurz reinkommen?« Susanna unternahm einen erneuten Versuch, ein Gespräch mit ihr zu beginnen.
Jetzt, als Corinna sie ansah, registrierte sie überrascht, dass ihre Assistentin, die ansonsten alles tat, eine gelangweilte Miene zur Schau zu stellen, ausgesprochen glücklich aussah. Nur ihre wie immer verwegene äußere Erscheinung trübte den Eindruck einer selbstsicheren, mit sich und der Welt zufriedenen Person. Mit ihrem aufdringlichen knallroten Küss-mich-Lippenstift, ihren blondierten Haaren und ihrem kirschroten Lederrock, natürlich mehr als eine Spur zu kurz, wirkte sie deplatziert in den heiligen Hallen von Weigelt & Partner.
Doch alles Zureden, sie zu einem dezenteren, unauffälligeren Look zu bewegen, hatte sich in den mehr als zwei Jahren, in denen sie für Corinna arbeitete, als vergeblich herausgestellt. Versuche, an denen sich ihre Vorgesetzte nie beteiligt hatte. Individualität war Mangelware in der vor uniformierter Gleichförmigkeit strotzenden Welt der Unternehmensberatungen. Eine Abweichung von der Kleiderordnung war Corinnas Meinung nach von erfrischender Unkonventionalität und damit zu tolerieren, mochte sie geschmacklich auch noch so fragwürdig sein.
Nachdem Corinna sie höflich aufgefordert hatte, hereinzukommen, marschierte Susanna schnurstracks auf die Ledercouch zu und balancierte ihren gertenschlanken Körper gekonnt auf der Lehne.
»Hatten Sie einen schönen Urlaub, Susanna?«, fragte Corinna, wie immer um eine freundliche Atmosphäre zu ihren Mitarbeitern bemüht.
»Es geht mir nicht besonders.« Susanna sah alles andere als krank aus. Eher erinnerte ihr zufriedenes Lächeln an eine Frau, die erst vor kurzem geliebt worden war. Sicher hatte sie auf Ibiza versucht, ihren eigenen Beischlafrekord der letzten Jahre zu brechen, ganz zu schweigen davon, wer alles zu Hause auf sie wartete.
»Es wäre nett, wenn ich den Rest des Tages freihaben könnte. Ich möchte gerne nach Hause.«
Wie bitte?
»Sind Sie krank? Hoffentlich ist es nichts Ansteckendes!«, fragte Corinna mitfühlend. Insgeheim überlegte sie, ob es sich bei Susannas Krankheit wohl um ein so genanntes typisches Frauenleiden handelte. Vielleicht Chlamydien, eine Blasenentzündung oder gar Schlimmeres.
»Das nicht gerade«, fuhr Susanna fort, »es ist nur … also, es gibt etwas, über das ich nachdenken muss.«
Immerhin war sie ehrlich und versuchte gar nicht erst, mit Lügen oder vorgetäuschten Krankheiten ihr Mitgefühl zu wecken. Ihr Aufrichtigkeit sprach für sie. Fragend sah Corinna sie an.
»Ich habe jemanden kennengelernt.«
Na prima. Schön für sie. Wollte sie mit ihm durchbrennen?
Sie strahlte, und es war ihr deutlich anzumerken, dass sie darauf brannte, mehr zu erzählen. »Ich glaube, er könnte der Richtige sein.«
Corinna runzelte die Stirn, gefasst auf die euphorische Lobpreisung des Mannes aller Männer, die nun zwangsläufig folgen musste. Und mit der Realität ebenso viel zu tun hatte wie ein weichgespülter Werbespot mit dem angepriesenen Produkt.
»Das freut mich für Sie, Susanna. Aber das ist wohl kaum ein Grund, den Arbeitstag vorzeitig zu beenden. Oder haben Sie heute Vormittag einen wichtigen Termin? Beim Standesamt vielleicht?«
Susanna lachte herzlich. »Glauben Sie, es hat Sinn, sich aufzusparen?«, platzte sie, nachdem ihre Bemühungen, Corinna in ein vertrauliches Gespräch zu verwickeln, keinen Erfolg hatten, auf halbem Weg zur Tür plötzlich heraus.
»Wie bitte?« Corinna verstand nicht gleich.
»Ich habe noch nie, ich meine …« Sie drehte sich zu Corinna um und schloss die geöffnete Tür wieder. »Ach, dieser ganze Sex … Das ist so ermüdend. Ich meine, was bedeutet es denn schon? Ich meine wirklich.«
Einen Moment lang verschlug es Corinna die Sprache. Nicht nur, dass Susanna, die so sehr dem Klischee der typischen Blondine entsprach, offenbar noch nie mit einem Mann zusammen gewesen war. Nein, sie hatte auch die Absicht, es bei diesem Zustand zu belassen. Staunendes Unverständnis war alles, was Corinna empfand.
Auf Sex verzichten. Freiwillig, bis der »Richtige« kommt. So ein Blödsinn! Sie überlegte fieberhaft, wie ihr Sexleben post Pedro coitum wieder in Schwung kam, und eine blutjunge attraktive Blondine zog es vor, sich selbst aus dem Sexualverkehr zu ziehen!
No Sex in the City. Da waren sie also schon zu zweit. Vielleicht sollten sie einen Club gründen. Nach Mitgliedern würde man, so wie es aussah, nicht lange suchen müssen. Immerhin rang die Ironie der Situation ihr ein Lächeln ab.
»Hören Sie, ich glaube kaum, dass ich Ihnen in dieser Angelegenheit helfen kann. Ich denke, Sie sollten sich mit Ihren Freundinnen darüber unterhalten.«
Kopfschütteln war die Antwort. Leider wusste sie nicht, wie man einer verunsicherten jungen Frau auf der Suche nach ihrer Identität begegnete. Und sie hatte wirklich eigene Probleme.
Doch Susannas Mut, sich einer Person anzuvertrauen, die ihrer Meinung nach über reichhaltige Erfahrungen verfügte, verlangte ernst genommen zu werden. Mit Spott und Häme von anderen, die ihre Meinung nicht respektierten, würde sie noch früh genug konfrontiert werden.
»Susanna. Natürlich kann ich Sie nicht nach Hause schicken. Und ich habe im Moment auch keine Zeit, das Thema zu vertiefen. Aber es gibt bestimmt Leute, mit denen Sie sprechen können.« Und die mit deinem Anliegen mehr anfangen können als ich.
»Vielleicht sehen Sie sich mal im Internet um, von mir aus gleich. Ich bin mir sicher, es gibt Beratungsstellen, Gleichgesinnte, Gesprächsgruppen, was weiß ich. Lassen Sie mich wissen, wenn Sie etwas gefunden haben, was Ihnen zusagt.«
Dankbar sah Susanna sie an, zufrieden mit ihrem Vorschlag.
»Und Ihre Präsentation für Behringer? Sagten Sie nicht, sie muss heute fertig werden?«
»Die kann warten.«
Es war nicht einzusehen, warum nicht auch sie diesem Tag ein paar persönliche Freiheiten abrang.
Corinna lehnte sich entspannt in ihrem Stuhl zurück und dachte an die Wette. Die sie gewinnen würde, keine Frage. Sie wusste nur noch nicht, wie.
KAPITEL ZWEI
DIENSTAG, 17. MAI
Mateo Conradi hockte zusammengesunken in seinem klapprigen Lieblingsliegestuhl und hämmerte auf die Tastatur seines Notebooks. Jetzt, am späten Nachmittag, hing eine drückende Schwüle über der Mitte Berlins. Die Smog geschwängerte Hauptstadtluft flirrte und staute sich bleischwer unter der ausladenden zitronengelben Markise. Sein weißes, kurzärmeliges Baumwollhemd klebte am Rücken, und der Notizblock, mit dem er sich immer wieder Luft zufächelte, konnte gegen die Schweißperlen auf seiner Stirn nichts ausrichten.
Mateo störte die Affenhitze nicht. Selbst die Kopfschmerzen, die gegen seine Schläfen pochten, ignorierte er. Er hatte zu arbeiten, und wie immer, wenn er das tat, ließ er sich durch nichts und niemanden in seiner Konzentration stören.
Letzten Monat war er zweiundvierzig Jahre alt geworden, und nichts an ihm erinnerte mehr an den smarten Überflieger, der das Geld an den Börsen dieser Welt schneller scheffelte, als er es auszugeben vermochte. Erfolgreiche Spekulationen hatten ihm ein kleines Vermögen eingebracht, und er hatte sich ins Privatleben zurückgezogen, um es unter die Leute zu bringen. Wie nicht anders zu erwarten, hatte er bald begonnen, sich zu langweilen.
Dem rasanten Aufstieg zum ungekrönten König der Clubszene hatte er nichts abgewinnen können, und so war die Rolle des unangefochtenen Frauenhelden schon nach ein paar Wochen wieder frei.
Als ein Freund ihn gebeten hatte, Ideen zu einem Exposé für eine Krimiserie beizusteuern, hatte er spontan seine Hilfe zugesagt. Die Rolle des gewissenlosen Bankers, der in gesetzeswidrige Insidergeschäfte verwickelt war, hatte ihn gereizt, wohl weil er sie selbst einmal gespielt hatte. Auch wenn er, anders als der Bösewicht im Krimi, clever genug gewesen war, seinen Machenschaften den Deckmantel der Legalität umzuhängen.
Am Ende hatte Mateo nicht eher Ruhe gegeben, bis jede einzelne Zeile des unsäglichen Skripts verschwunden und seinen eigenen Dialogen gewichen war. Das Ergebnis waren ein klasse Drehbuch, ein paar Skrupel mehr und ein Freund weniger.
Und heute? War er einer der gefragten Drehbuchautoren im deutschen Fernsehen, und in den Genres Soap und Comedy machte ihm so schnell keiner was vor.
Umständlich erhob er sich aus seinem Liegestuhl und trat aus dem gleißenden Licht der Dachterrasse ins Wohnzimmer. Der spärlich eingerichtete Raum vermittelte Besuchern immer den Eindruck, versehentlich im Wartezimmer einer Arztpraxis gelandet zu sein. Hastig griff er zur Fernbedienung. Der riesige Flachbildschirm gegenüber der Sitzgarnitur erstrahlte in farbigen Pixeln bester HDTV-Qualität. Jetzt, am frühen Abend, flimmerten die Soaps der Republik durch die Sender.
»Was für ein Mist«, dachte Mateo. Die unfreiwillige Inhalation dieser fantasielosen Machwerke langweilte ihn. Leider gehörte die Konkurrenzbeobachtung zu seinen täglichen Pflichten als Chef der Drehbuchabteilung bei Cora TV.
Konkurrenz! Lächerlich! Die Anwältinnen hatten keine Konkurrenz! Diese wöchentlich ausgestrahlte Soap hatte alles, wovon andere Formate dieser Machart nur träumen konnten: eine klar strukturierte, überschaubare Handlung. Witzige, lebensnahe Dialoge. Und natürlich drei überzeugende, liebevoll ausgearbeitete Heldinnen. Janice, Bernadette und Marion, die als gleichberechtigte Partnerinnen einer florierenden Berliner Anwaltskanzlei schufteten. Drei erfolgsverwöhnte Singles, die sich selbstverständlich auch so etwas wie ein Privatleben gönnten, das sie vorzugsweise mit den falschen Männern verbrachten.
Mateo schnappte sich die Colaflasche, die auf dem Beistelltisch neben der weißen Ledercouch stand, und füllte sein Glas. Eigentlich war ihm nach Champagner zumute, immerhin hatte er sich gerade die 783. Folge, die letzte vor der Sommerpause, aus den Rippen geleiert. Aber er verbot es sich rigoros, vor dem Abendessen Alkohol zu trinken.
Zufrieden lehnte er sich zurück und überlegte, sich stattdessen eine kubanische Cohiba zu gönnen, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Wer schwer arbeitet, der soll auch genießen können, das war nicht unbedingt seine Devise. Schwer arbeiten, ha, ha, ha! Das passte ohnehin nicht. Die Mühe, die es ihn kostete, seine Heldinnen auf hohen Lacklederpumps durch den Beziehungsdschungel der Großstadt stöckeln zu lassen, ging praktisch gegen Null. Er konnte es eben einfach. Basta!
Das Telefon meldete sich laut und aufdringlich. Genervt nahm er ab.
Klaus, natürlich. Wer sonst.
»Hey, Mateo, reicht es, wenn ich dir die Änderungen morgen maile? Mir gefällt die Bettszene einfach nicht.«
Klaus, sein bester Freund und einer seiner Skriptautoren, hatte wieder einmal Probleme, eine Alternative zum vorgesehenen Plot zu entwerfen.
»Klaus, sei doch wenigstens ehrlich, du willst doch nur mit Angie ausgehen«, antwortete Mateo. Sein Freund war frisch verliebt. Er ließ keine Gelegenheit aus, zu betonen, dass ihn seine neue Flamme, eine nette, harmlose Krankenschwester, momentan mehr interessierte als sein Job.
»Und wenn jemand von den Schauspielern ausfällt? Soll ich dann in letzter Sekunde wieder alles umschreiben?«, fragte Mateo ihn ungehalten.
»Dass du immer alles so verdammt genau nehmen musst!«, geiferte Klaus. »Deine Perfektion bringt uns noch alle um«, fuhr er fort. »Es wird schon niemand krank. Ich brauche nun mal hin und wieder eine Auszeit. Dann klappt es auch mit den Ideen wieder.«
Natürlich. Ein Mann, eine Frau, eine Auszeit - und eine noch fehlende Bettszene. Was lag da näher, als diese Elemente im realen Leben miteinander zu verknüpfen und das Ergebnis anschließend zu verbraten?
»Hör zu, Klaus. Mach es einfach, okay? Morgen früh will ich die Änderungen auf dem Tisch haben«, würgte Mateo ihn ab. Er griff nach der Cohiba und drehte sie unentschlossen zwischen Daumen und Zeigefinger. Doch er schnupperte nur tief an ihrem unbeschreiblichen, würzigen Aroma, bevor er sie wieder auf den Tisch zurücklegte.
»Aber …« Klaus’ Stimme erstarb. Er musste es mit Angie verdammt ernst meinen, wenn er bereit war, sich ihretwegen mit Mateo anzulegen, nur um ein wenig mehr Zeit mit ihr verbringen zu können.
»Kein Aber.«
Mateo seufzte, als er auflegte. Wann kapierten seine Mitarbeiter endlich, dass Disziplin und Durchhaltevermögen in diesem Job ebenso wichtig waren wie Kreativität und Talent?
Sein Blick fiel auf einen Haufen Zeitungen, die er achtlos auf den Boden geworfen hatte. Er hasste Unordnung, erst recht, wenn er sie selbst verursacht hatte. Genervt hob er den Stapel auf, sortierte die Zeitungen nach Datum und die Zeitschriften nach Titeln.
Stirnrunzelnd betrachtete er das Coverbild eines Boulevardmagazins, das eine hochgewachsene, attraktive Blondine zierte. Gewandet in einen metallisch glänzenden, zarten Hauch aus Stoff und Tüll posierte sie am Arm eines tadellos aussehenden, befrackten Begleiters in der luxuriösen Eingangshalle des Hotels Adlon. Natürlich zeigte ihr durchsichtiges, als glamouröse Abendrobe getarntes Nichts mehr, als es verbarg.
»Typisch Miriam«, dachte sich Mateo, »immer muss sie übertreiben!« Er kannte ihren Hang zur Extravaganz, nicht zuletzt aus seiner Ehe mit ihr.
Kaum zu fassen, dass er mal mit Deutschlands beliebtester Jungschauspielerin verheiratet war! Doch die Ehe mit Miriam war die reinste Hölle, und das war noch milde ausgedrückt.
Anfangs hatte ihn ihre spielerische Oberflächlichkeit gereizt. Ihre entwaffnende Naivität amüsierte ihn und war eine erfrischende Abwechslung in seinem von Organisation und Planung bestimmten Leben. Doch im Laufe ihrer Beziehung erkannte er immer deutlicher, was er von Anfang an geahnt hatte. Er war mit einem unselbstständigen Kind verheiratet, das sich weigerte, erwachsen zu werden.
Miriam verlangte von ihrem Ehemann, dem sie nur allzu schnell die Vaterrolle in ihrem Leben aufgebürdet hatte, ihr alle wichtigen Entscheidungen abzunehmen. Mateo hatte ihren Erwartungen entsprochen. Er hatte die Scheidung eingereicht. Seitdem ließ Miriam ihn zappeln. Er wusste noch nicht einmal, ob sie die Papiere, die er ihr durch einen Kurier zugestellt hatte, überhaupt gelesen hatte.
Nachdenklich sammelte er die Zeitschrift vom Boden auf und legte sie ordentlich in ein entsprechend gekennzeichnetes Fach des Zeitungsständers.
Wie immer, wenn er an Miriam dachte, war er sicher, ohne sie besser dran zu sein. Aber war er deshalb glücklich? Von seinem anfänglichen Enthusiasmus als Drehbuchautor war jedenfalls nicht viel übrig geblieben. In letzter Zeit ertappte er sich immer häufiger dabei, die Struktur seiner Storys bewährten Strickmustern zu überlassen, anstatt auf eigene eher unkonventionelle Ideen zu setzen. Das Ergebnis seiner Zugeständnisse war ebenso vorhersehbar wie unbefriedigend: Die Anwältinnen hatten alles an Preisen abgeräumt, was es in der deutschen Fernsehlandschaft zu gewinnen gab.
Er schwang seine Beine von der Couch, erhob sich, um die Terrassentür zu schließen und den Ventilator an der Decke auf die höchste Stufe zu schalten. Dann griff er zum Telefon. Während er die Nummer einer alten Freundin wählte, fragte er sich, was es wohl über sein Leben aussagte, wenn die Aussicht auf lauwarmen Sex zum Highlight der Woche wurde. Hoffentlich hatte er sich verwählt und eine Fremde würde an den Apparat gehen. Dann kam vielleicht doch noch so etwas wie Abwechslung in sein Leben.
Er legte auf, bevor sich am anderen Ende der Leitung jemand melden konnte.
Mateo duschte, zog sich um und überlegte gerade, ob ein kaltes Bier in seiner Stammkneipe seine trübe Stimmung zu heben vermochte, als das Telefon klingelte. Die Nummer auf dem Display sagte ihm nichts. Neugierig nahm er ab.
»Guten Abend, Herr Conradi. Herr Wellner möchte Sie sprechen.« Die Sekretärin von Mediadays, einer erfolgreichen Filmproduktion, die sich die Förderung des deutschen Films auf die Fahnen geschrieben hatte, stellte die Verbindung her. Mateos Herz schlug schneller, als die Stimme des Geschäftsführers an sein Ohr dröhnte.
»Conradi, es geht los!«
Was ging los? Wenn der Bär, wie ihn Freund und Feind in der Branche nannten, sagte, dass es losginge, so konnte das nur eines bedeuten: Er scharte seine Truppen um sich. Jeder, der die Ehre hatte, sich zu seinen Getreuen zu zählen, hatte unverzüglich alles stehen und liegen zu lassen, um sich in den Wahnsinn zu stürzen, der bei einer Filmproduktion als Arbeit bezeichnet wurde. Nur dass Mateo nicht zu Wellners Stab gehörte.
»Ich habe immer gesagt, Sie sind gut. Zu gut, um Ihr Talent an das Fernsehen zu verschwenden.«
Mateo schnappte nach Luft und ließ sich auf die Couch fallen, während der Bär einfach weiterredete. Mit wenigen Worten setzte Wellner ihn über sein neuestes Projekt ins Bild, und er hörte schweigend zu. Sein anfängliches Erstaunen über Wellners Anruf wich ungestümer Neugier. Eifrig machte er sich Notizen.
»Ich habe immer gesagt, Sie sind mein Mann!«, kam Wellner schließlich zum Ende. »Was machen Sie nächste Woche?« Er wartete gar nicht erst auf eine Antwort. »Sagen wir Montag. Sagen wir Mittagessen«, fuhr er fort. »Sagen wir im Borchardt? So um zwölf?«
Eine Pause entstand. Hoffentlich wertete Wellner sie als die Zeit, die Mateo brauchte, um im Geiste einen imaginären Terminplan über den Haufen zu werfen. Er sagte sein Erscheinen zu. Der Filmproduzent grunzte zufrieden und legte auf.
Mateo brauchte nicht lange, um sich von seiner Überraschung zu erholen. Hatte er das richtig verstanden? Hatte Wellner ihm wirklich angeboten, fürs Kino zu schreiben? Das war seine Chance, die ihn hoffentlich ganz nach oben brachte. Zum Thema promiskuitive Frauen, die ihre Sexualität ohne falsche Scham oder gar schlechtes Gewissen auslebten, hatte er sicher einiges zu sagen. Er war sich sicher, dass eine Armada von Drehbuchautoren versuchte, ihre Ideen dazu aufs Papier zu bringen, doch nur ihm hatte Wellner einen Vertrag angeboten.
Die Arbeit an dem Drehbuch bedeutete monatelange, harte Schufterei. Er sollte schnellstens mit den Recherchen beginnen, sich intensiv mit dem Stoff auseinandersetzen.
Nur: Wie sollte er das anstellen?
In diesem Roman ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, mit Ereignissen und Orten vollkommen zufällig und unbeabsichtigt.
Originalausgabe 01/2007
Copyright © 2007 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Redaktion | Barbara Raschig
Herstellung | Helga Schörnig
978-3-89480-499-2
http://www.diana-verlag.de
eISBN : 978-3-894-80499-2
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