Und wer küsst mich? - Ellen Sander - E-Book

Und wer küsst mich? E-Book

Ellen Sander

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Beschreibung

Ella Schön macht zwar ihrem Namen alle Ehre, sie ist eine attraktive Frau, aber sie ist unglücklich: 41 Jahre und schon wieder Single. Kein Mann in Sicht, die letzten verfügbaren Eizellen verdorren ungenutzt zu Rosinen – eine Verschwendung von Ressourcen. Bevor die letzte Chance auf Fortpflanzung in die ewigen Jagdgründe übergeht, will sie es noch einmal wissen: "Wenn ich sage, ich will in Weiß heiraten, dann meine ich damit die Farbe des Kleides und nicht die meiner Haare."

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ellen Sander

Und wer küsst mich?

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Wie alles begann

Ex und Ex-Ex

Der Messie

Mr. Top of the Flops

Le Figaro

www.find_mich.de

www.luxus_liebe.de

Lucky Luke

frosch-teich.de

Mr. Happy New Year

Rain Man

Bozen Teil 1 – Der Kuschelbär aus Südtirol

Mr. Right

Bozen Teil 2 – Der Südtiroler Bergmensch

Bozen Teil 3 – Der Oetzi

Die Bayern sind los

Wiener Schmäh

Das Leben danach

The End

The Happy End

Impressum neobooks

Wie alles begann

Während andere schon von Ihrer zweiten Scheidung berichten, konnte ich noch nicht mal eine einzige Hochzeit vorweisen. Einundvierzig Jahre und Familienstand: Ledig!

»Ledig«, das Wort klingt doch nach purer Verzweiflung. »Geschieden« würde immerhin bedeuten, dass wenigstens Einer mal gewollt hat. Dabei hieß mein großes Lebensziel: Heiraten und Kinder kriegen. Und es fing ja auch ganz viel versprechend an: Schon mit neunzehn Jahren bin ich mit meinem ersten Freund zusammen gezogen, mit Zwanzig war ich mit ihm verlobt (Wie es dazu kam, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. So sehr ich mich anstrenge, ich kann mich an keinen Heiratsantrag erinnern. Entweder es gab keinen, oder er war traumatisch unromantisch), und mit Vierundzwanzig war ich dann wieder getrennt. Single!

Damals klang das noch nicht wie ein Schimpfwort für mich. Ich war eigentlich froh, dass ich ihn wieder los war. Inzwischen kann ich auf siebzehn Jahre Beziehung zurückblicken – leider nicht am Stück und leider ohne das ersehnte goldene Schmuckstück.

»Aber du kannst doch immer noch heiraten. Es ist doch nicht zu spät!«, bekomme ich immer wieder zu hören. Keiner versteht mich. Wenn ich sage, ich will in Weiß heiraten, dann meine ich damit die Farbe des Kleides und nicht die meiner Haare. Ich werde nämlich Grau. Bis jetzt sind es nur vier Haare, aber man weiß ja, wie schnell ein solcher Prozess voranschreitet. Und darum muss ich was tun. Ich muss IHN finden solange ich noch jung (!) und schön (!) bin. Nur wo?

Ex und Ex-Ex

Mein Telefon klingelt und ich melde mich:

»Ella Schön!«

Männerstimme:

»Hallo!«

Wieso meldet der sich nicht mit Namen? Natürlich habe ich die Stimme meines Ex sofort erkannt. Ich kann ein solch respektloses Benehmen aber nicht einfach durchgehen lassen und sage:

»Hier auch Hallo! Wer ist denn da?«

»Na, ich!«

»Wer ist ich?«

»Du weißt doch wer ich bin.«

»Wieso meldest du dich nicht mit Namen?«

»Siehst du, du weißt wer dran ist!«

Meine Erziehungsmethoden führen ins Nichts. Ich gebe auf:

»Was willst du?«, frage ich ihn.

»Nur mal hören wie es dir geht.«

»Gut. Und dir?«

»Auch.«

Nettes Gespräch!

Eigentlich ist mein Ex – ein Journalist – eloquent und nicht so einsilbig. Wortkarg wurde er immer nur, wenn ich mit ihm unsere gemeinsame Zukunft besprechen wollte. Wenn ich ernsthafte Themen ansprach, dann kam blitzschnell seine humorvolle Seite zum Vorschein. Er konnte mich immer zum Lachen bringen. Und vor lauter Spaß habe ich die ernsten Themen dann auch schnell wieder vergessen.

So vergingen vier Jahre bis ich endlich begriffen habe, dass es keine gemeinsame Zukunft gibt. Mein Ex ist im Prinzip ein Musterbild eines mit sich zufriedenen Singles. Für ihn war es vollkommen ausreichend, wenn seine Tochter – das Produkt einer »Ehefalle« wie er es nannte und in die er für knapp zwei Jahre getappt war – und ich nur die Wochenenden mit ihm verbrachten. Die andere Zeit brauchte er für sich. Und zusammen leben? Nein! Bloß nichts verändern!

Während ich zig Gründe fand mit ihm zusammen zu ziehen, fand er doppelt so viele Gründe dies nicht zu tun. Meine einzige Möglichkeit, wenn ich nicht als total Frustrierte enden wollte, war, mich von ihm zu trennen.

Und noch heute bin ich verletzt und versuche bei jedem Telefonat aus ihm heraus zu kitzeln, warum er mich nicht so sehr wollte, wie ich ihn. Eine Antwort bekomme ich nie und so bleibt immer das traurige Gefühl: Er hat mich einfach nicht genug geliebt.

Das Telefon klingelt schon wieder:

»Schön!«

Stimme meines Ex-Ex:

»Hallo!«

Was ist das denn? Der meldet sich ja auch nicht mit Namen. Also, das hat doch System! Spielen denn hier alle den Platzhirsch?

Mein Ex-Ex ist seit unserer Trennung vor sieben Jahren keine feste Beziehung mehr eingegangen.

»Ich finde einfach nicht die Richtige«, sagte er kürzlich zu mir. »Ich suche eine Frau die ...«

»Weißt du, was du suchst?« viel ich ihm ins Wort. »Du suchst eine Frau wie mich. Aber mich gibt es nicht noch einmal.«

Ha! DAS TAT GUT. Das musste ich jetzt einfach mal loswerden, als kleine Rache dafür, dass auch er mich nicht wollte. Er wollte erst mal die Welt im Armani-Anzug durchschreiten, Karriere und sich die Frauen untertan machen. Teil Eins und Zwei seines Planes sind aufgegangen.

Abgesehen von der Tatsache, dass er mich und den Wert unsere Beziehung damals nicht zu schätzen wusste, ist mein Ex-Ex aber ein wirklich feiner Kerl. Und er ist mir über die Jahre immer ein guter Freund geblieben.

Und wieder das Telefon. Heute bin ich aber gefragt.

»Kuckuck, Sonnenschein! Hier ist deine Kiki!«

Aha, das ist der Beweis: Eine Frau meldet sich mit Namen und erwartet nicht, dass man sie an der Stimme erkennt.

Der Messie

Das Telefon klingelte mal wieder und als ich abnahm scholl mir ohne Vorwarnung lautest Gegacker ins Ohr:

»Pooooookpockpockpockpock!«

Sich so am Telefon zu melden war Chrissies Markenzeichen und ich retournierte sogleich:

»Ach, Frau Braaatbecker – das verrückte Huhn ist wieder dran! Chrissie, was machen die Männer?«

»O, das Geschäft floriert!«

Chrissie ist um einige Jahre jünger als ich und meine Verbindung zur Young Generation mit allem was dazu gehört: Parties, Piercings – ob im Ohr oder Intimbereich – Körperrasur-Kult und chatten in Internet-Partnerbörsen.

»Dieses Wochenende bekomme ich Besuch von einem gaaanz heißen Modell«, Chrissie sprudelte nur so vor Begeisterung. »Er ist Fünfunddreißig Jahre, lebt in Frankfurt, ledig, ein Kind mit seiner Ex – waren aber nicht verheiratet – und arbeitet selbständig in der IT-Branche. Habe ich im Internet bei www.find_mich.de aufgerissen. Ich maile dir gleich mal seine Bilder rüber – soooo süß.«

Diese Beschreibung passt so gut wie auf jede von Chrissies Bekanntschaften. Ich kann die Typen nicht auseinander halten. Meist haben sie sehr kurz geschorene Haare, einen durchtrainierten Körper, somit kräftige Oberarme mit mindestens einem Tattoo – wie gesagt: Tattoos, Piercings und abrasierte Schamhaare.

»Wir schreiben uns seit einer Weile und telefonieren seit zwei Wochen täglich. Der Typ ist ganz heiß und will unbedingt kommen.«

»Aber doch nicht in dir?« wollte ich wissen. Ich dachte mit dieser Anzüglichkeit könnte ich Chrissie provozieren, aber Sie antwortete ganz entspannt:

»Ella, du weißt doch, dass ich mit den Typen nicht ...«

Genau das wusste ich nicht und hakte ein:

»Eigentlich weiß ich nicht, was du mit den Typen machst und was nicht. Ich verstehe nämlich deine Definition von ‚Mit jemand schlafen’ und ‚Nicht mit jemand schlafen’ nicht genau. Du gehst doch mit den Typen ist Bett, richtig? Und da geht auch was, auch richtig? WAS?«

»Ella Schätzchen, das erkläre ich dir mal in Ruhe bei einem Gläschen Prosecco. Aber wie sieht es denn bei dir aus? Alles fit im Schritt?«

»Chrissie, also bitte!«, entgegnete ich gespielt empört. »Nein, bei mir geht gar nichts. Ich bin mein eigener Held. Dank deines Tipps bezüglich dieser ‚speziellen’ Bestelladresse im Internet habe ich auf Batteriebetrieb umgestellt.«

»Meine liebe Elli, dann hör auch weiterhin auf dein Chrissielein und bestell dir deine Typen ebenfalls im Internet. Mit einem ECHTEN Kerl macht es doch viel mehr Spaß im Bett!«

Wahrscheinlich hat Chrissie Recht, denn auf meine letzten noch auf traditionellem Wege gemachten Männerbekanntschaften zurückblickend wurde mir klar, dass es an der Zeit war, neue Wege zu beschreiten.

Eine dieser traditionellen Bekanntschaften war beispiels-weise der ältere, etwas verhuschte Typ, den ich bei einer Ausstellungseröffnung kennen gelernt hatte. Er trug einen Dries van Noten-Designeranzug und eine von Intellektuellen gern getragene Hornbrille, die den Eindruck vorhandener Intelligenz vermitteln sollte.

Ich kann nicht einmal sagen, dass mir dieser grauhaarige Mann schlürfenden Schrittes zugelaufen wäre. Nein, ICH bin auf IHN zugegangen und habe ihn angesprochen. Was hatte mich dazu bewogen? Was reizte mich an ihm? Ich fand ihn anziehend, so viel war klar, aber erklären konnte ich es mir nicht.

Vielleicht hatte ich nur Mitleid mit ihm, weil er einsam wirkte. Das muss es gewesen sein, denn wo immer ich ihn zuvor schon mal gesehen hatte, war er allein. Ein einsamer Mann also, der meiner Gesellschaft bedurfte. Und dieser einsame Mann hatte in seinem mehr als Fünfzig Jahre währenden Leben schon eine Menge erlebt und hatte viel zu erzählen, was ich außerordentlich spannend fand.

Er wusste sehr viel über Design, Architektur und Kunst – Themen, für die ich mich ebenfalls begeistern konnte. Seine Erzählungen sein Leben betreffend blieben allerdings immer bruchstückhaft und ließen Raum für Interpretation. Wenn es um seine Familie ging tat er sehr geheimnisvoll und beschränkte sich auf Andeutungen. Nur ganz nebenbei erwähnte er seine antiken Erbstücke.

Er hatte es offensichtlich »nicht nötig« arbeiten zu gehen – er lebte von dem Geld, das seine Vorfahren bereits erarbeitet hatten. Kellner, für ihn ‚Personal’, behandelte er ‚einem Mann seines Standes’ entsprechend herablassend. Sein Motto war: »Wer die Regeln kennt, kann sie auch brechen.« Ich persönlich fand den Ausspruch dumm und sein Benehmen flegelhaft.

Nach all seinen Erzählungen und seinem distinguiertem Gehabe war ich natürlich unglaublich neugierig darauf, seine Wohnung zu besichtigen. Ich stellte mir vor, eine hochherrschaftliche, großzügige und durch und durch stylische Junggesellenwohnung würde mich erwarten. Aber nein. Weit gefehlt. Ein winziges Appartement in einem unscheinbaren Fünfziger-Jahre Mehrfamilienhaus nannte der selbsternannte Design-Papst sein Reich. Die gebrauchen Kaffeetassen im Wohnzimmer standen sicherlich nicht erst seit ein paar Tagen dort. An der Wand unverputzte Bohrlöcher des Vor- und Vor-Vormieters. Tatsächlich war auch eine »antike« Kommode da, die allerdings definitiv bessere Zeiten gesehen hatte und der eine Auffrischung mehr als gut getan hätte. An Stelle eines Bettes nur eine Matratze auf dem Boden – dreckige Bettwäsche, verstaubte Zeitungsstapel, vergilbte Gardinen. Es roch nach altem Zigarrenrauch und überall flogen Kleidungstücke rum. Ein Messie hätte nicht chaotischer hausen können.

Und dann das Bad: Mon dieu! Mit dem angeschimmelten Duschvorhang hätte ich niemals Freundschaft schließen und die Dusche teilen können. Das war zu viel. Adieu!

Mr. Top of the Flops

Im Nachhinein betrachtet glaube ich, dass mich der Messie magisch anzog, weil er mich an meinen Ex erinnerte. Beide waren schrullige Einzelgänger. Da stellt sich natürlich die Frage, warum mich ‚schrullige Einzelgänger’ anziehen, wo ich doch offiziell nach ‚liebevollem Familienvater’ suche. Aber so ist das wohl – man macht seine Erfahrungen und Fehler. Und den Fehler zu glauben, man könnte Einzelgänger bekehren, werde ich nach der Erfahrung mit meinem Ex bestimmt nicht wiederholen.

Diesen Fehler beging ich tatsächlich nicht noch mal, dafür aber einen anderen. Hätte ich den Spruch ‚Männer, die man sich angelt, haben einen Haken.’ schon vorher gehört, hätte ich die Finger davon gelassen. Mir wäre zwar etwas entgangen, dafür aber auch einiges erspart geblieben. So aber hat Thomas, ein Immobilien-Makler aus Hamburg, eine wahrhaft unschöne Kerbe in meinem Designergürtel hinterlassen. Das Schicksal nahm seinen Lauf, als an einem drögen Sonntagabend mit einem noch drögeren Fernsehprogramm das Telefon klingelte und ich die aufgeregte Stimme von meiner Freundin Kiki vernahm:

»Hallo Sonnenschein! Hier ist Kiki!«

Ich kam nicht mal mit einem »Hallo« dazwischen, schon schnatterte Kiki weiter:

»Ella, halt dich fest! Du kannst dich doch noch an den großen Blonden von meiner letzten Atelierparty erinnern!?«

Meine allerliebste Kiki ist Malerin, lebt mit ihrem Freund der ebenfalls Maler ist in Hamburg und an ihre letzte Atelierparty sowie den großen Blonden konnte ich mich nur zu gut erinnern. Kiki und ich hatten im Anschluss an die Party ausgiebig bedauert, dass er seit mehr als 10 Jahren in fester Beziehung mit einer gewissen Ulla lebt, denn wir fanden er würde ausgesprochen gut zu mir passen.

»Willst du mich auf den Arm nehmen? Natürlich kann ich mich an den erinnern!« erwiderte ich. »Du sprichst von Thomas, richtig?«

»Richtig. Ella, halt dich fest. Er ist wieder zu haben!«

»Nein!«

»Doch!«

»Nein?«

»DOCH!«

»Drei, zwei, eins ... meins!«

Verheiratete Männer, egal wie locker der Ehering auch sitzt, und Männer in festen Beziehungen sind selbstverständlich tabu. Thomas dagegen war jetzt Single und somit zum ‚Abschluss’ freigegeben. Kiki und ich waren uns einig, dass wir von nun an nichts mehr dem Zufall überlassen durften.

Wir wussten, dass Single-Männer um die Vierzig mit gutem Job und ohne Altlasten – so nennt man Ex-Frauen und Kinder an die noch Geldmittel fließen – sehr selten und daher heiß umkämpft sind. Und so klügelten wir einen 3-Phasen-Plan aus:

1. Phase: Ködern!

Das Objekt auf mich aufmerksam machen und für mich begeistern. Natürlich war darauf zu achten, dass mir vor Start der nächsten Phase keine Andere in die Quere kommt.

2. Phase: Falle stellen!

Wir mussten eine Gelegenheit schaffen, bei der ich dem Objekt begegnen konnte, ohne dass Konkurrenz in der Nähe wäre, die meinen Plan durchkreuzen könnte.

3. Phase: Falle zuschnappen lassen!

Objekt erlegen und in die Höhle schleifen – Hugga Agga!

Ein paar Tage später erhielt ich von Kiki telefonisch folgenden Rapport:

»Hallo Ella! Melde gehorsamst: Erste Phase erfolgreich abgeschlossen.«

»Es hat geklappt?«, fragte ich ungläubig.

»Ella, unglaublich. Es lief wie am Schnürchen.«

»Erzähl!«

»Also, Thomas war wie geplant gestern Abend zum Essen bei uns. Hmmmm, das war so lecker. Manuel hat Kalbsbrust mit Ciabatta-Füllung gemacht und dazu gab es Artischocken mit Thymian. Und zum Nachtisch ...«

Manuel ist der Lebensgefährte von Kiki, Maler wie sie und leidenschaftlicher Koch – ein ‚Hobby-Paul-Bocuse’. Die Betonung liegt auf ‚Hobby’. Mit ein bisschen mehr Übung würde es vielleicht auch schmecken wie bei Paul Bocuse. Ich erinnerte mich an die rohe Weihnachtsganz – egal, im Moment interessierte mich etwas anderes mehr als die Kochkünste von Manuel.

»Kiki! Komm zur Sache«, fiel ich ihr ins Wort.

»Ja, ja. Ich mache ja schon. Also: Beim ersten Glas Wein fing Thomas, ohne dass ich ihn auf das Thema bringen musste, von sich aus an zu erzählen, wie es zu der Trennung von Ulla kam. Dass sie kein Familienleben leben wollte, so wie er. Und ich konnte einwerfen: ‚Was für ein Zufall. Das ist ja wie bei meiner Freundin Ella!’ Und beim zweiten Glas erzählte er, dass er sich von einer Frau doch nur Nähe, Wärme und Geborgenheit erhofft. Und ich wieder: ‚Also, genau so eine warmherzige Frau ist meine Freundin Ella.’.«

Nur zu gut konnte ich mir Kiki in Aktion vorstellen und musste schmunzeln.

»Oh, Kiki! Hast du nicht ein bisschen zu dick aufgetragen? Deine Absicht wäre doch einem Blinden mit Krückstock aufgefallen.«

»Vielleicht lag es am Wein, aber er schien nichts zu merken. Das war für mich die Chance wirklich dick aufzutragen. Unter dem Vorwand, ihm den neuen Einladungs-Entwurf für meine nächste Ausstellung in München zu zeigen, habe ich ihn an meinen PC gelockt. Und rate mal, wessen liebreizendes Gesicht uns anlächelte, nachdem der PC hochgefahren war.«

»?«

»DEINS! Ich hatte ein Foto von dir als Bildschirmschoner geladen.«

»Kiki, du bist …«

»Und Thomas zu mir: ‚Ist das nicht deine Freundin Ella? Die ist aber hübsch. Und sie ist Single?’«

»Oh Kiki, du bist sooooooo guuut!«

Ja, Kiki ist wirklich die Beste. Was für ein Glück eine solche Freundin zu haben. Seit der Trennung von meinem Ex vor einem halben Jahr ruft sie mich täglich an um zu hören, wie es mir geht. Manchmal ist mir ihre Aufmerksamkeit fast zu viel – geradezu peinlich – und ich versuche die Abstände zwischen den Telefonaten zu vergrößern. Aber Kiki fühlt sich für mich verantwortlich und letzten Endes tut mir jedes einzelne Gespräch unsagbar gut und lassen mich ein bisschen meine Traurigkeit und Einsamkeit vergessen.

Kiki kann es nicht ertragen, wenn ihre Liebsten leiden und somit wird es nicht zuletzt aus Freundschaft zu ihr Zeit, dass ich unter die Haube komme. Also weiter zur zweiten Phase unseres Plans. Telefonisch besprachen Kiki und ich die weitere Vorgehensweise:

»Ella, ich habe nachgedacht. Da du nicht bei uns in Hamburg wohnst und wir auch nicht auf Events hoffen können zu denen wir, vor allem du und Thomas, gemeinsam eingeladen werden, obendrein das Risiko besteht, dass er gar nicht kommt – wir müssen selbst ein solches Event schaffen.«

»Wie denn? Meinst du ich soll eine Party geben und ihn einladen?«

»Das würde auffallen. Nein, Manuel und ich werden einen Kaminabend geben und den Kreis der Gäste sorgsam wählen.«

»Der ganze Aufwand für mich? Aber das kann ich doch nicht annehmen.«

»Doch, du kannst. Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Einer für alle – alle für dich!«

Und so waren wir uns schnell über den Termin und die übersichtliche Gästeliste einig: Unsere gemeinsame Freundin Alexa, das Architektenehepaar Maria und Karl, Gunther der Bildhauer, Arthur der Kunsthistoriker und natürlich die Gastgeber Kiki und Manuel sowie die Special Guests Ella und Thomas. Keine Konkurrenz. Alexa würde zwar ohne ihren Mann kommen, aber ihrer Loyalität konnte ich mir gewiss sein.

»Wirst du bei Alexa übernachten, Ella?«, fragte Kiki.

»Nein, ich denke, dass ich in ein Hotel gehe. Wer weiß wann sich wieder eine Gelegenheit ergibt, darum will ich doch mal sehen, ob sich Phase zwei und drei unseres Plans effizient zusammenlegen lassen.«

Kiki und ich hatten zwischen dem Tag, an dem unser Plan geboren wurde und dem Tag der Ausführung so oft über Thomas gesprochen, und was er gesagt hat und was er sagen könnte und wie er ist und wie wir glauben, wie er sein könnte, dass ich am Tag X gar nicht mehr wusste, was ich da eigentlich tat.

Da war ich nun in Hamburg, abends würde es, was natürlich keiner der Gäste wusste, mir zu Ehren ein »Come Together« geben und dann würde ich alles daran setzen einen Mann zu erlegen, den ich genau genommen gar nicht kannte. Ich konnte mich ja noch nicht einmal mehr richtig daran erinnern, wie er eigentlich aussah. Ich hatte ihn doch nur ein einziges Mal auf dieser Party gesehen.

Aber die Kugel rollt – zu spät sich den hübschen Kopf zu zerbrechen.

»Mein Sonnenschein! Wie schön dich wiederzusehen.« Keine konnte einen stürmischer begrüßen, als Kiki. Die Heftigkeit ihres Begrüßungskusses konnte ich noch rechtzeitig dämpfen, so dass ich von Lippenstiftspuren verschont blieb.

»Ich habe dich so vermisst«, fuhr sie aufgeregt fort und drückte mich fest an sich, um mich sofort danach wieder auf Abstand zu halten: »Lass dich anschauen! Du siehst phantastisch aus. Einfach perfekt. Thomas wird dir zu Füßen liegen.«

Nur, wo bleibt der Mann? Inzwischen sind alle Gäste eingetroffen – außer Thomas. Alexa und ich sitzen vor dem Kamin und entweder die Hitze des Feuers, der Rotwein oder meine steigende Wut der Enttäuschung treiben mir die Röte ins Gesicht. Niedergeschlagen fragte ich Alexa:

»Glaubst du er kommt noch? Er ist schon über eine Stunde zu spät.«

»Ganz bestimmt. Er wird schon kommen«, sagte sie zu mir und an Kiki gewandt: »Kiki, Thomas hat doch zugesagt, oder etwa nicht?«

»Aber ja doch. Ich weiß auch nicht wo er bleibt. Ich kann noch nicht einmal anrufen, denn ich habe seine Handy-Nummer gar nicht. Oder, warte – ich werde Ulla anrufen und sie nach seiner Nummer fragen.«

War aber nicht mehr nötig. Plötzlich stand er da, mit einem Blumenstrauß in der Hand. Er wirkte nervös und leider konnte ich nicht hören, was er zur Begrüßung zu Kiki sagte und ob und wie er sich für sein Zuspätkommen entschuldigte. Aber das war nun auch egal. Hauptsache er war endlich da.

»Und?«, fragte mich Alexa. »Nervös?«

»Komischerweise gar nicht.« Ich nutzte die Gelegenheit Thomas unauffällig und ausgiebig betrachten zu können.

»Alexa?«, fragte ich. »Findest du nicht auch, dass er ganz schön speckig ist?«

»Nein, finde ich nicht.«

»Aber schau mal, er hat doch ein richtiges Doppelkinn.«

»Ich finde er ist genau richtig und nicht so ein dünner Hering wie dein Ex. Thomas ist ein großer, stattlicher Mann. Ihr wärt ein schönes Paar.«

»So, so.« Ich war noch nicht recht überzeugt. Mir fiel ein, dass ich kürzlich noch gelesen hatte, dass 55 Prozent aller Männer um die Vierzig Übergewicht haben und nur 20 Prozent aller Frauen in derselben Altersgruppe. Ich war mir in diesem Moment sicher, dass Thomas zu den 55 Prozent gehört. Als könnte Alexa meine Gedanken lesen fuhr sie fort:

»Und er ist wirklich nett. Glaub mir. Ich habe ihn kürzlich auf der Ausstellungseröffnung von Samuel Reim getroffen und mich lange mit ihm unterhalten. Er steht mit beiden Beinen im Leben, so wie du.«

»Alexa, ich glaube ER ist nervös. Der hampelt so hin und her. Und manchmal schaut er rüber und wenn ich dann aufschaue, sieht er sofort wieder weg. Wahrscheinlich riecht er den Braten.«

»So weit ich weiß hatte er kürzlich einen Bandschadenvorfall. Es könnte sein, dass er noch Schmerzen hat und daher nicht ruhig stehen kann.«

Bandscheibenvorfall? Ein Pflegefall für Schwester Ella?

»Komm Ella, Angriff. Ich gehe zu ihm rüber und du holst dir ein Glas Wein und kommst dann zu uns.«

Ich hatte mich gerade zu Alexa und Thomas gesellt, als der 1,50 Meter große Kunsthistoriker mich 1,80 Meter-Frau um ein Tänzchen bat. Wie hypnotisiert starte er beim Tanzen auf meine Brüste die für ihn auf Augenhöhe lagen. Vermutlich ließ das seinen Testosteron-Spiegel steigen, was das Tier im Manne weckte, denn er vollführte wahrhaft wildes mit mir auf der Tanzfläche. Mir wurde schwindelig und ich musste mich erst einmal setzen. Da hörte ich eine Stimme hinter mir sagen:

»Gehen wir nachher noch zusammen in eine Bar?«

Es war die Stimme von Thomas und er meinte mich. Ich drehte mich halb zu ihm und erwiderte um Gelassenheit bemüht:

»Gern!«

Zweite Phase beendet. Das ging ja einfach. Fast zu einfach. Ich musste auch im Weiteren gar nichts tun, da Thomas das Kommando übernahm. Ging es hier noch um meinen Plan, oder war es schon seiner?

Thomas bestellte ein Taxi. Thomas nahm mich an die Hand und führte mich zur Verabschiedung zu unserer Gastgeberin Kiki. Diese war auf diesen Fall vorbereitet und verzog keine verräterische Miene. Thomas nannte dem Taxifahrer den Namen der Bar, Thomas bestellte beim Barkeeper zwei Gläser Champagner. Dann bestellte er noch zwei Gläser und noch zwei. Thomas bestellte eine ganze Flasche und schon wieder ein Taxi. Thomas nannte dem Taxifahrer den Namen meines Hotels, ich nannte Thomas die Nummer meines Zimmers. Ab hier keine Details – nur so viel: Vom Bandschadenvorfall war nichts zu merken.

Also auch die dritte Phase erfolgreich abgeschlossen. Ich hatte die Nacht aus gegebenem Anlass nicht besonders viel Schlaf bekommen und war ein bisschen angeschlagen. On Top kamen die Auswirkungen des Champagnergenusses und die nun auf mich einprasselnden Kommentare meine Freundinnen, nachdem ich Ihnen klitzekleine Details der letzten Nacht offenbarte.

»Ella, du kannst doch nicht gleich die erste Nacht mit ihm ...!«

»Ella, habt ihr wenigstens ein Kondom benutzt?«

»Ella, ich bin mir sicher, dass wenn eine Beziehung von Dauer sein soll, dann darf man auf keinen Fall gleich die erste Nacht zusammen ...!«

Nicht gleich die erste Nacht? Wie soll ich das machen? Ich weiß was Sex ist, habe jahrelange Praxis und finde ihn phantastisch. Schlimm genug, dass ich mangels Beziehung eine Zwangspause einlegen musste. Kann man von mir Zurückhaltung erwarten, wenn sich mir eine solche Gelegenheit bietet? Man hält doch auch keinem Hund eine Wurst unter die Nase und nimmt sie wieder weg. Aber ich sah ein, dass so etwas nicht sonderlich damenhaft ist und versprach:

»Meine Lieben, sollte ich wieder einmal in dieselbe Situation kommen, werde ich selbstverständlich die Unerfahrene mimen und mich erst nach wochenlangem Werben verführen lassen. Versprochen!«

Aber bis dahin ...

Thomas schien sich nicht so viele Gedanken zu machen, wie meine Freundinnen. Er wollte mich trotzdem – oder gerade deshalb? – umgehend wieder sehen. Und noch am gleichen Tag trafen wir uns nachmittags zum verspäteten Frühstück.

Ich fühlte mich ein bisschen unwohl in meiner Haut, denn mir fehlte mein acht-Stunden-Schönheitsschlaf und ich sah etwas verquollen aus. Mir bestätigt zwar jeder, dass ich gut aussehe und jünger als ich bin, aber ich mache mir nichts vor – nur unter günstigen Bedingungen. Das heißt:

Viel Schlaf – aber nicht zu viel, denn dann sehe ich ebenfalls verquollen aus.

Gedämpftes Tageslicht – nicht zu hell, sonst sieht man jeden noch so kleinen Mitesser und nicht dort hingehörende Härchen im Gesicht.

Kein Kerzenlicht – wirft Schatten und die Augenringe werden verstärkt.

Immer den Kopf gerade halten – bloß nicht nach unten gucken, das macht ein Doppelkinn und die Wangen hängen runter.

Thomas hatte, wie ich ja schon bemerkt hatte, auch ein Doppelkinn und ihm schien das gar nichts auszumachen. Er erinnerte mich an eine Figur aus ‚Asterix und Obelix’. Da gab es einen Centurio – einen Offizier der römischen Legion – der hatte genau so eine Nase wie er mit schmalem langem Rücken. Die Bauchumfänge von Thomas und dem Centurio stimmten ebenfalls überein.

Thomas ist im Besonderen durch seine Größe ein durchaus attraktiver Mann und er wirkt ausgesprochen sympathisch; aber hübsch ist er definitiv nicht. Warum also bin ich so kritisch mit meinem Aussehen und mache mir so viele Gedanken? Ich fing an mich zu entspannen.

Es wurde noch ein sehr netter Nachmittag, dem nach ein paar Telefonaten ein Treffen bei mir zu Hause in Hannover folgen sollte, um uns besser kennen zu lernen. Die Gespräche mit Thomas waren bisher nicht besonders ergiebig und auch seine Nachrichten übers Handy, die SMSse, waren ausgesprochen minimalistisch. So schickte er mir beispielsweise dieses Rätsel:

»4 a.m. home. Lg 2U. T.«

Seit frühester Kindheit war ich durch meinen Vater darauf trainiert, Sätze die er anfing, dann aber nur im Geiste zu Ende sprach, eigenständig zu vollenden.

»Ihr müsst mitdenken«, forderte mein Vater.

So war es für mich ein Leichtes, die SMS von Thomas zu entschlüsseln. Die Übersetzung von »4 a.m. home. Lg 2U. T.« lautet:

»Wurde gestern eine lange Nacht und bin erst um 4.00 Uhr morgens nach Hause gekommen. Liebe Grüße an dich. Thomas.«

So freute ich mich nun auf seinen Besuch und die Gelegenheit, mehr über ihn zu erfahren.

Montagmorgen, halb 9 im Büro – das Telefon:

»Kuckuck, Sonnenschein! Hier ist Kiki!«

»Kiki! Hallo meine Liebe! Wie geht’s dir?«

»Gut, gut. Genug der Höflichkeiten – alles bestens. Spann mich doch nicht auf die Folter. Wie war das Wochenende mit Thomas?«

»Ach, es war eigentlich ganz nett.«

»Ganz nett? Ist das alles?«

»Tja ...« Ich wusste nicht richtig wie ich das Wochenende mit einem Satz beschreiben sollte, daher holte ich aus:

»Freitagabend, das war der Tag, an dem er ankam, da hatten wir einen wirklich schönen Abend. Ich hatte Karten für ein absolut lustiges Theaterstück besorgt – wir haben unglaublich gelacht. Und Samstagabend waren wir in Frau ohne Schatten von Richard Wagner.«

»Umfangreiches Kulturprogramm für ein erstes Date«, bemerkte Kiki.

»Thomas war derjenige der schon im Vorfeld fragte, ob in Hannover eine gute Oper läuft, und darum hatte ich mich um Karten gekümmert.«

»Und hat sie Thomas gefallen?«

»Die Oper? Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Wann immer ich mit ihm darüber plaudern wollte, ist er nicht auf das Thema eingestiegen. Duhu ... Kiki?«, fragte ich gedehnt.

»Jaha, was denn?«

»Kann es sein, dass er – wie soll ich sagen? – nicht sonderlich intelligent ist?«

»Thomas?«, fragte Kiki verwirrt. »Dumm? Nein, das glaub ich nicht. Er hat doch studiert. Wie kommst du darauf? Warum fragst du?«

»Er hat mir so begeistert von einer Geschäftsidee erzählt, die gar keine ist. Absolut inhalts- und konzeptlos. Was hat er denn studiert?«

»Tja Ella, das weiß ich eigentlich gar nicht. BWL nehme ich an. Er erzählt doch immer von seiner Studienzeit in Amerika.«

»Oh, das ist auch so eine Sache.«

»Was?«

»Er hat es mit Anglizismen.«