Undercover bei Projekt Cinderella - Sarah Siebers - E-Book

Undercover bei Projekt Cinderella E-Book

Sarah Siebers

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Beschreibung

Nichts ist erstrebenswerter als die wahre Liebe - bei Projekt Cinderella kannst du sie finden! CC ist eine glückliche Singlefrau, doch in einer Gesellschaft, in der Verheiratete den Ton angeben, gehört sie zu Menschen zweiter Klasse. Der Preis einer Datingshow soll ihre Eintrittskarte in ein selbstbestimmtes Leben sein. Die Fünfundzwanzigjährige gehört zu den wenigen Auserwählten, die sich in einer romantischen Villa bis Mitternacht verlieben sollen. Wenn das nur so einfach wäre! Die Männer sind CC viel zu aufdringlich, die Konkurrentinnen zu hinterhältig und mit dem Flirten kommt sie kaum hinterher. Und dann ist da noch dieser äußerst nervige, viel zu perfekte Verehrer Erik, der ihr überall hinterherläuft. Dumm nur, dass gerade er dabei ist, als CC eine unerwartete Entdeckung macht: ein toter Kandidat im Bad. Bei einem frei herumlaufenden Mörder ist an Dating nicht mehr zu denken. CC und Erik nehmen im Geheimen die Ermittlungen auf und erfahren dabei Wahrheiten, die ihre Sicht auf Projekt Cinderella vollkommen verändern. Denn hier geht es ganz und gar nicht um die Liebe ...

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Hinweis zum Inhalt

Bei dem folgenden Buch handelt es um eine Datingshow-Satire mit überspitzt dargestellten Charakteren, die allesamt frei erfunden sind. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.

Es finden sich Szenen mit expliziter Gewaltdarstellung und Alkoholkonsum im Buch, die ausschließlich der authentischen Darstellung eines Krimis bzw. einer Datingshow und der Figurencharakterisierung dienen. Weder Gewalt noch Alkohol werden verherrlicht oder verharmlost. Die Lektüre wird ab sechzehn Jahren empfohlen.

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Cinderella wider Willen

7 Uhr

8 Uhr

9 Uhr

10 Uhr

11 Uhr

12 Uhr

Teil 2: Das Kennenlernen

13 Uhr

14 Uhr

15 Uhr

16 Uhr

17 Uhr

18 Uhr

Teil 3: Der Countdown

19 Uhr

20 Uhr

21 Uhr

22 Uhr

23 Uhr

24 Uhr

Teil 4: Die gute Fee

1 Uhr

5 Uhr

6 Uhr

7 Uhr

8 Uhr

9 Uhr

Teil 1:

Cinderella wider Willen

7 Uhr

„Willst du das da wirklich anziehen?“ Eine skeptisch dreinblickende, junge Frau schiebt sich in mein Blickfeld. Ihre voluminösen, roten Locken verdecken die Sicht auf mein Spiegelbild. Ich muss mich weit zur Seite lehnen, um mich wieder sehen zu können.

„Wir müssen den ganzen Tag in unseren Outfits durchhalten. Da wähle ich lieber etwas Bequemes, anstatt drei Lagen Tüll durchzuschwitzen.“ Schnaubend greife ich mir an den Ausschnitt und streiche die aufgestickten Blumen auf meiner Bluse glatt.

„Aber du trägst eine Jogginghose.“ Ihre Stimme ist nicht mehr als ein heiseres Flüstern. Der rot angemalte Mund bleibt noch einen Moment lang offen, nachdem sie verklingt. Die rabenschwarzen Augenbrauen, die ihre weit aufgerissenen, grünbraunen Augen rahmen, wandern wenige Zentimeter in die Höhe.

„Das ist keine Jogginghose! Sie ist aus Stoff …“, kontere ich, während meine Finger nervös durch meine blonden Strähnen fahren.

„Aber dort ist ein Gummiband eingearbeitet, mit zwei grässlichen, heraushängenden Endkappen aus Plastik.“ Die Augenbrauen der Rothaarigen senken sich, meine schießen in die Höhe. Hat sie nichts Besseres zu tun, als mir meine Lieblingshose madig zu reden?

„Mir gefällt die Hose, also werde ich sie tragen“, entscheide ich bestimmt. Ich ziehe meine Finger aus dem Haar und greife nach einer Bürste, um die störenden Knoten darin zu lösen. Es ziept unangenehm, aber ich höre erst auf, als ich wieder eine halbwegs vorzeigbare Blondine im Spiegel sehe.

„Gut, wie du meinst.“ Meine Kritikerin wirft mir noch einen letzten, abschätzigen Blick zu, dann rutscht sie zurück auf ihren Stuhl und widmet sich ihrem eigenen Spiegelbild. Sie greift nach dem Lockenstab, um ihrer Frisur den letzten Schliff zu geben. Die blonde Frau links von ihr ist ebenso geschäftig dabei, ihre dünnen Haare aufzudrehen, um ihnen mehr Volumen zu geben. Die zwei Brünetten, die unsere Reihe abschließen, bedienen sich an falschen Wimpern und einer gewaltigen Ladung an Puder und Rusch. Die müden Gesichter, die mich vor einer Stunde begrüßt haben, sind kaum noch wiederzuerkennen.

Ich drehe meinen Kopf zurück zum Spiegel und schaue in mein bleiches Gesicht. Im Gegensatz zu den anderen Mädchen trage ich weder falsche Wimpern noch zwei Schichten Make-up. Vor mir liegt eine einfache Mascara, ein Concealer und ein erdbeerroter Lipgloss. Der Anblick ist etwas bescheiden und da ich nicht für eine wandelnde Leiche gehalten werden will, stibitze ich mir spontan den knallroten Lippenstift meiner Sitznachbarin. Meine Augenringe sollte ich auch noch überschminken. Der Concealer lässt die letzte schlaflose Nacht der Vergangenheit angehören. Jetzt wird niemand mehr vermuten, dass ich die halbe Nacht wachgelegen hatte. Bis gestern hatte ich die bevorstehende Veranstaltung erfolgreich verdrängt, erst im Bett traf mich die Erkenntnis, dass mich nur noch wenige Stunden davon trennten.

Seufzend tusche ich mir die Wimpern. Meine eisblauen Augen funkeln mich an. Ich senke die Schultern, entspanne meine Stirn und versuche mich in einem freundlichen Lächeln. Meine Mundwinkel zucken nach oben, strahlend weiße Zähne blitzen mir entgegen. Erschrocken zucke ich zurück. Der Ausdruck in meinem Gesicht hat eher etwas mit einem wilden Tiger gemeinsam als mit einer jungen Singlefrau, mit der man gerne mal essen gehen würde.

Okay, so wird das nichts, CC. Versuch es einfach nochmal! Durchatmen und freundlich lächeln.

Mein angespannter Kiefer löst sich, meine Mundwinkel heben sich zaghaft. Es ist nur ein kleines Lächeln, ich zeige keine Zähne, aber wenigstens sehe ich so nicht aus, als würde ich meinen Gesprächspartner in Stücke reißen wollen.

Es sind weniger als vierundzwanzig Stunden und nur fünf Männer. Wenn es Mitternacht schlägt, werde ich entweder die Liebe meines Lebens gefunden haben und diesen schrecklichen Tag gar nicht mehr so scheußlich finden – oder, falls ich allein bleibe, ihn mit einer Flasche Wein aus meinem Gedächtnis spülen und mit einem Lächeln im Gesicht mein gewohntes Leben weiterführen.

Mein Blick fällt auf das runde Logo am Spiegelrahmen: Projekt Cinderella. Sie könnten es auch Selbsthilfegruppe für unvermittelbare Männer und Frauen nennen. Denn nichts anderes sind wir: Menschen, die Pech bei der Partnersuche hatten oder einer unmöglichen Liebe nachstreben, die nur im Märchen existiert.

„Wenn du bis zu deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag immer noch nicht fündig geworden bist, sehe ich keine andere Lösung, als dich bei diesem neuen Projekt anzumelden.“ Die Stimme meiner Mutter schwirrt mir noch immer im Kopf herum, als hätte ich sie erst gestern gehört, dabei ist das jetzt gute drei Monate her. Vor drei Monaten feierte ich meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag. Meine Schonfrist war abgelaufen.

„Ich muss die Liebe nicht suchen, ich habe genug und brauche keinen Mann, der mir noch mehr davon schenkt.“ Meine Antwort traf bei meinen Eltern auf Unverständnis.

Ohne einen Partner an deiner Seite ist dein Leben nicht lebenswert, das ist das ungeschriebene Gesetz unseres Landes. Einem Land, wo es Märchenschlösser à la Disney, Einhörner und andere Fabelwesen gibt, die man früher nur aus Büchern und Filmen kannte. Hier sollte man die Partnersuche so früh wie möglich abschließen und heiraten, wenn man nicht zum Gespött der Leute werden will. Unverheiratete Leute werden systematisch ausgegrenzt, dürfen weder eine vernünftige Arbeitsstelle haben, noch wählen gehen. Wenn man nicht für Nachwuchs sorgt, ist man es auch nicht wert, von der Gesellschaft durchgefüttert zu werden.

Normalerweise findet man seine wahre Liebe im zarten Alter von sechzehn Jahren, so wie es in den Märchenbüchern geschrieben steht. Dass man mit siebzehn oder achtzehn Jahren zufällig seiner großen Liebe über den Weg läuft, während man zum Beispiel gerade dabei ist, quer durch die Welt zu reisen oder ein Trauma aus der Kindheit zu verarbeiten, ist hier auch keine Seltenheit. Wenn man sich mit neunzehn verliebt, wird man schon belächelt, und schreibt man als Single bereits zwanzig Jahre, ist einem nicht mehr zu helfen. In dieser Gesellschaft dreht sich alles um die große Liebe und jeder, der etwas auf sich hält, gibt sein Bestes, um rechtzeitig sein passendes Gegenstück zu finden. Wie heißt es doch so schön, Liebe regiert die Welt, und wenn du nicht dein ganzes Leben nach ihr ausrichtest, musst du dich mit Sonderregelungen herumschlagen.

„Mit zwanzig bist du eine Ausnahme, mit dreißig ein Problemfall. Dir bleiben noch fünf Jahre, um die Liebe zu finden. Und wenn du den erstbesten Kerl nimmst, heirate endlich! Verbau dir nicht deine Zukunft, du bist so talentiert, du könntest ganz oben mitarbeiten.“ Meine Eltern, die für meinen Lebensunterhalt aufkommen müssen, weil mir als Single niemand einen Job geben will, zogen an meinem Geburtstag die Reißleine.

Ich habe in der Vergangenheit bereits genug Frösche geküsst, um mir ganz sicher zu sein: Ich will nicht die erstbeste Wahl! Ich will die wahre Liebe und wenn sie mich nicht findet, lebe ich lieber ohne einen Mann an meiner Seite als in einer unglücklichen Ehe, die mir zwar eine Arbeitsstelle und ein großes Haus verspricht, aber keine Freude am Leben. Meine Eltern wollten mich nicht länger durchfüttern und sahen in der neuen Datingshow Projekt Cinderella die perfekte Gelegenheit, um mich loszuwerden. Eine von einer Schönheitskönigin ins Leben gerufene, äußerst oberflächliche Veranstaltung, die schöne Damen mit attraktiven Männern verkuppelt. Ihr Versprechen: Melde dich bei Projekt Cinderella an, erlebe eine traumhafte Ballnacht und finde unter fünf Menschen deine wahre Liebe! *Liebe garantiert. Den zwei Glücklichen, die sich wahrhaftig ineinander verlieben, wird ein Herzenswunsch gewährt.

Die Realität: Jeweils fünf sorgsam ausgewählte Püppchen und Prinzchen werden von einer unbekannten Jury willkürlich zusammengewürfelt. Ein Vorzeigepaar darf sich über ein hohes Preisgeld freuen! Es handelt sich bei dieser Veranstaltung um den Probelauf für eine Fernsehshow, die, falls sie wahrhaftig heiratswillige Paare hervorbringt, wahrscheinlich auch in diversen anderen Formaten und mit anderen Paarkonstellationen im Fernsehen zu sehen sein wird. Andere Datingshows machen es vor und diese macht es nach.

Da ich die Wahrscheinlichkeit, mich bei dieser Show wirklich zu verlieben, sehr niedrig einschätze, und ich die Zeit hier nicht verschwenden will, habe ich mir vorgenommen, einen anderen Vorteil aus meiner Teilnahme zu ziehen: Gewinne ich die Show, habe ich einen Wunsch frei und diesen werde ich nutzen, um mich von dem Heiratsgesetz zu entbinden. Dann kann ich auch als Single Karriere machen. Ich habe nicht vor zu heiraten, ich plane, mir meine Freiheit zurückzuholen und den besserwisserischen Politikern da draußen zu beweisen, dass ein Leben als Single durchaus erfüllend sein kann.

Ein Klatschen reißt mich aus meinen Gedanken. „Penelope, Kathi, Annika, Mirabelle, Cindy Carolina, ihr seht fabelhaft aus! Aber damit das Gesamtbild stimmig ist und ihr die Ballnacht eurer Träume erlebt, schlüpft doch bitte in diese Ballkleider.“ Eine pummelige, schwarzhaarige Frau mittleren Alters steht im Türrahmen. Als sie zur Seite tritt, kommt ein Kleiderständer mit einer Vielzahl an bunten, ausladenden Ballkleidern zum Vorschein. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir ausgestattet werden, war fest davon überzeugt gewesen, dass wir unsere eigenen Kleider tragen dürfen. Ich hätte nicht falscher liegen können.

Die rothaarige Frau an meiner Seite, Penelope, springt als erste auf, um sich durch die vielen Schichten aus Tüll und Spitze zu kämpfen. Sie zieht ein trägerloses, orange schimmerndes Exemplar hervor, presst es eng an ihre Brust und dreht sich damit im Kreis. „Ich werde darin atemberaubend aussehen!“

Mir wird speiübel.

Penelope stoppt in ihrer Umdrehung und läuft, wahrscheinlich benebelt von den vielen Umdrehungen oder erschlagen von dem Preis ihres neuen Kleides, taumelnd auf mich zu. „Jetzt kannst du diese grässliche Jogginghose gegen ein angemessenes Kleid eintauschen, ist das nicht wunderbar?“

Nein, das ist ganz und gar nicht wunderbar, ich bevorzuge meine Jogging- ähm … Stoffhose.

„Cindy, du machst ja ein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter! Lass dich von dem sperrigen Reifrock und den vielen Lagen Stoff nicht abschrecken, ich werde euch allen in die Kleider helfen.“ Die pummelige Frau, die sich als unsere Ankleidedame vorstellt, zeigt mir ein freundliches Lächeln. Ich lächle zurück und bemerke erst, als sich der Mund meines Gegenübers erschrocken verzieht, dass ich gerade mein Tigerlächeln aufgesetzt habe. „Mädels, wer von euch will zuerst in eine Märchenprinzessin verwandelt werden?“, wirft die Frau eilig ein und wendet sich ab, um mir nicht länger ins Gesicht sehen zu müssen. Alle Anwesenden brechen in fröhliches Gequieke aus.

Ich drehe mich zurück zum Spiegel und sehe dabei zu, wie hinter mir das Chaos ausbricht. Blusen, Röcke und leichte Sommerkleider fliegen durch die Luft, meterlanger Tüll bereitet sich im kleinen Zimmer aus. Was würde ich jetzt dafür geben, das hier vom Fernsehbildschirm aus zu beobachten und mich darüber lustig zu machen! Aber nein, ich bin ein Teil davon und muss dieses Affentheater am eigenen Körper durchstehen. Der einzige Gedanke, der mich davon abhält, meine Fingernägel vor lauter Wut in meine Handflächen zu jagen, ist die Tatsache, dass der Probedurchlauf dieser Sendung nicht im Fernsehen ausgestrahlt wird. Mein peinlicher Auftritt als Märchenprinzessin wird nicht landesweit zu sehen sein.

8 Uhr

„Soll ich dir die Haare nicht doch aufdrehen und hochstecken?“

„Nein.“

„Aber sie hängen wie Spaghetti herunter, das ist wirklich kein schöner Anblick. Du willst doch einen guten ersten Eindruck auf deinen potenziellen Partner machen.“

„Nein, will ich nicht.“

„Ah, du achtest nicht auf Äußerlichkeiten, sondern willst, dass man sich allein in deinen Charakter verliebt!“

Die Aussage der Ankleidedame lässt mich beleidigt den Mund verziehen. Hat sie mir gerade etwa unterschwellig mitgeteilt, dass ich äußerlich nicht schön bin und auf einen Mann hoffen muss, der sich in meinen tollen Charakter verliebt?

„Nein, nimm das nicht falsch auf! Du bist auch so sehr schön, aber etwas mehr Make-up und eine schöne Hochsteckfrisur würden dich erst richtig zum Glänzen bringen.“

Ich könnte dieser Frau jetzt ins Gesicht sagen, was ich von ihrer Aussage und diesem ganzen Format hier halte, nämlich nichts, aber das tue ich nicht. Ich muss mich mit den Gegebenheiten abfinden, einen Mann um den Finger wickeln und mir diesen Wunsch unter den Nagel reißen. „Ich halte nicht so viel von stechenden Haarklammern und Make-up ist nur Fassade“, sage ich trotzig und wische mir einmal kräftig über die Lippen. Ich hatte sie mir vor einer Stunde extra rot angemalt, um neben den anderen Mädchen nicht wie ein Geist auszusehen, aber jetzt bevorzuge ich doch meinen erdbeerroten Lipgloss. Das rosafarbene Kleid, in dem ich stecke, wirkt auf einmal viel zu viel auf mich.

„Für die erste Folge ist eine Anreise per Kutsche geplant, aber für den Probelauf müssen wir auf den Bus zurückgreifen. Ein imposanter Auftritt mit Pferden würde das Budget sprengen“, klärt uns die Ankleidedame auf, bevor sie uns und unsere weiten Kleider durch die enge Fahrertür des Reisebusses zwängt.

„Nein, setz dich bloß nicht neben mich, sonst zerknittert mein Rock!“, schimpft Penelope und verweist mich auf den Platz hinter sich. Stumm setze ich mich und sehe dabei zu, wie sich nun auch Kathi, Mirabelle und Annika nacheinander durch den engen Gang quetschen.

„Ich bin so aufgeregt!“

„Ich auch, ich bin schon so gespannt auf die Männer!“

Die beiden Brünetten Mirabelle und Annika eröffnen nach einer halben Minute Fahrtzeit das erste Gespräch: Eine ausgiebige Diskussion um die persönlichen Vorstellungen von einem perfekten Mann.

„Ich habe keine Anforderungen. Ich lasse mich überraschen“, erklärt Kathi, fügt aber noch ganz beiläufig hinzu, „aber er sollte schon gut aussehen.“ Ich verdrehe die Augen, widme meine ganze Aufmerksamkeit den vorbeiziehenden Autos.

Penelope dreht sich zu den anderen Mädchen um und legt ihre Unterarme lässig auf die Sitzlehne. „Ich habe gehört, sie haben eine Art Wunderstein, mit dem sie aus hunderten von Menschen die perfekten Paare ausfindig machen können.“

„Woher hast du denn den Unsinn?“ Annika stellt ihre Aussage ins Lächerliche.

„Ich bitte dich, Annika. Es leben Einhörner und sprechende Kater unter uns, Kreaturen, die wir früher nur aus Märchen kannten, und das wird sicher nicht alles sein. Es gibt bestimmt auch Zauber, mit denen man seine wahre Liebe finden kann.“

Annika verschränkt abwehrend die Arme vor ihrer Brust. „Das mag sein, aber das klingt schon sehr weit hergeholt.“

Ich bin ganz ihrer Meinung, aber mische mich nicht in die Diskussion um Magie und Liebe ein, denn ich verstehe ja sowieso nichts davon. Wer nicht an Magie glaubt und noch nie richtig verliebt war, kann bei solchen Themen nicht mitreden.

Ein samtroter Teppich führt zu einer imposanten, goldenen Villa, die wie ein kleines Schloss aussieht. Sie besitzt sogar einen kleinen Turm, aber ist viel zu bescheiden, um sie als ein Märchenschloss bezeichnen zu können. Die Fenster sind mit Buntglas gefüllt und verhindern einen direkten Blick in die Räumlichkeiten.

„Hurtig, hurtig, Mädels, die Prinzen erwarten euch bereits“, erschallt die Stimme der Busfahrerin. So klischeehaft! Natürlich sind die Prinzen schon da und natürlich lassen die Prinzessinnen auf sich warten! Anders ginge es gar nicht, sonst hätten wir ja nicht unseren großen Auftritt.

Lachend schieben sich die Mädchen aus dem Bus und sprinten über den Teppich, anstatt wie Prinzessinnen über ihn zu schreiten. Sie können es wohl kaum erwarten, auf ihre Prinzen zu treffen. Ich lasse mir die Zeit, die ich brauche, um es in den hohen Schuhen bis zu dem Gebäude zu schaffen, ohne mir dabei ein Bein zu brechen.

Die Flügeltür ist größer, als sie von Weitem ausgesehen hat, aber ihre Größe schüchtert mich nicht ein. Weder die herrschaftliche Villa noch das riesige Kleid schaffen das. Ich habe keine Erwartungen an diesen Ball. Ich werde ihn einfach überstehen und im besten Fall diesen Wunsch bekommen. Die Männer, die hinter dieser Tür warten, sind mir gleichgültig. Egal wie gut sie auch aussehen, ich werde nicht in eine Schwärmerei verfallen, nur um in diese liebeskranke Gesellschaft zu passen.

Mit einem nicht ganz so damenhaften Stoß schlage ich als letzte die Türen auf. Fünf Augenpaare schnellen zu mir und auch die Mädels, die noch nicht dem Charme des ein oder anderen Mannes verfallen sind, drehen die Köpfe.

Es sind zu viele Gesichter, viel zu viele Gesichter! Mir wird schlagartig heiß. Ich will lächeln, überlege es mir aber anders, als mir mein Tigerlächeln wieder in den Sinn kommt.

Stumm beobachte ich, wie sich die Mädchen kichernd den jungen Herren vorstellen. Auch die Männer sehen so aus, als wären sie direkt einem Märchen entsprungen, zumindest ihrer Kleidung nach zu urteilen. Zu meinem großen Glück tragen sie keine Strumpfhosen, sondern bloß feine Uniformen in unterschiedlichen Farben. Sie sind genauso wie wir Mädchen in ihren Zwanzigern. Den Jüngsten würde ich auf einundzwanzig schätzen, ich hätte ihn auch für jünger gehalten, wenn ich nicht gewusst hätte, dass zu dieser Veranstaltung nur Problemfälle der Gesellschaft geladen sind.

Der Junge, als einen Mann kann ich ihn nicht bezeichnen, immerhin hat er nicht einmal Stoppeln im Gesicht, hat schulterlange, blonde Haare, blaue Augen und ein schelmisches Grinsen. Er steckt in einer hellblauen Uniform. Obwohl er noch jung und nicht sehr groß ist, wirkt sein Auftreten nicht unbeholfen. Er ergreift selbstbewusst die Hände der Damen und beglückt sie mit einem Handkuss. Ich taufe ihn: der nervige Frauenaufreißer Timo.

Der Mann neben dem Aufreißer ist ein Riese und ein Märchenprinz wie er im Buche steht. Er hat eine wallende, hellbraune Mähne, trägt eine edle, gelbe Uniform und seine warmen, braunen Augen wirken einladend. Nur sein tollpatschiges Verhalten widerspricht dem Bild, das sein Äußeres ausstrahlt. Ich muss mich nicht lange fragen, wieso er mit Ende zwanzig noch Single ist. Der dämliche Trottelprinz Konrad.

Der dritte Mann in der Reihe weckt sofort mein Interesse, aber das liegt weniger an seinen Muskeln, sondern eher an der Tatsache, dass er mir bei der Begrüßung als einziger direkt in die Augen schaut und nicht wie seine Vorgänger schüchtern den Blick senkt. Er ist Mitte zwanzig, hat kurze, rote Haare und graue Augen, die mich unangenehm intensiv mustern. Seine Muskeln stecken in einer blutroten Uniform. Der aufdringliche Macho PJ.

Prinz Nummer Vier ist ebenso gutaussehend und genauso alt wie der Muskelberg, aber im Vergleich zu ihm wirkt er eher unscheinbar. Sein Händedruck ist fest und hinterlässt keinen Schweißfilm auf meiner Handfläche. Seine Augen sind genauso grün wie seine Uniform, die Haare lockig. Zu meiner Überraschung ist er nicht nur der einzige dunkelhäutige Mann in der Mannschaft, sondern auch ein Brillenträger. Der langweilige Nerd Paolo.

Als ich zu dem letzten Prinzen in der Reihe trete, bin ich mir sicher, dass mich jetzt nichts mehr überraschen kann. Die Männer hier bedienen alle Stereotypen, die es in der Gesellschaft gibt. Sie sind gutaussehend, nervtötend und haben irgendwelche unscheinbaren Macken, die sie unausstehlich machen. Doch als mein Blick auf Prinz Nummer Fünf trifft, widerrufe ich meinen Gedanken wieder: Er sieht aus, als wäre er direkt aus einem Liebesroman entsprungen.

Seine braunen, mittellangen Haare sind leicht gewellt, fallen ihn aber nicht in die Stirn, weil sie zurückgekämmt sind. Auf seinem Kinn findet sich ein Zweitagebart. Seine Augen sind grau, dunkel und unergründlich. Sie passen perfekt zu seiner silbernen Uniform. Sein Körper besteht nicht aus Muskeln, ist aber durchtrainiert. Er ist nicht zu groß und nicht zu klein und selbstverständlich zwei, drei Jahre älter als ich. Sein Auftreten ist, was für eine Überraschung, kühl und zurückhaltend, aber er ist nicht unhöflich. Ein selbstverliebter Buchheld.

Er streckt mir mit nichtssagender Miene seine Hand entgegen. Anstatt sie zu schütteln, stemme ich die Hände in die Hüften. „Willst du mir nicht die Hand geben?“, drängt mich der Prinz.

Meine Augen werden schmal. „Ich werde dir die Hand geben. Aber bevor ich das tue, will ich etwas klarstellen.“

Mein Gegenüber hebt überrascht die Augenbrauen. „Ach ja?“ Sein Blick ist so überheblich und kalt, dass mir die Galle in den Hals steigt.

„Ich bin nicht hier, um mich zu verlieben. Egal wie geheimnisvoll du wirkst oder welche traumatische Vergangenheit dich verfolgt, du Pseudobuchheld, ich habe nicht vor, dich von einer misslungenen Partnerschaft zu rehabilitieren und dir zu zeigen, wie schön und erfüllend ein Leben zu zweit sein kann. Das hier ist kein Liebesroman und weder du noch die Typen neben dir werden mein Herz gewinnen. Diese ganze Veranstaltung ist ein Witz, ich mach hier nur mit, weil mich meine Eltern dazu gezwungen haben! Wenn ich mich verliebe, dann nicht auf diese Art und Weise. Und nein! Ich werde während meiner Zeit hier keine Erleuchtung haben oder zufälligerweise meinen Seelenverwandten in einem der Kandidaten entdecken, der mich vom Gegenteil überzeugt.“

Er starrt mich an.

Sie alle starren mich an.

Selbst die anderen Mädchen haben von ihren Gesprächen mit ihren Prinzen abgelassen und schauen mich nun erschrocken an.

Beim Eintreten hatte ich mich für mein plumpes Auftreten noch geschämt, aber der Anblick dieser Prinzen hat mich unglaublich wütend gemacht. Ich habe meine Prinzipien. Ich will mit keinem von ihnen verkuppelt werden! Mein Blut pocht wild in meinen Adern, meine Stirn verhärtet sich. All der Hass bekommt der Mann vor mir zu spüren, den ich jetzt am liebsten zurück in das Buch schicken würde, aus dem er wahrscheinlich entstammt.

„Bist du dir wirklich sicher, dass du nicht doch wie diese Mädchen aus den romantischen Büchern endest? Schau dich mal an: Du bist blond, blauäugig und wunderschön. Du lehnst mich ab, dabei ist dein Hass nicht auf mich, sondern auf diese Veranstaltung hier gerichtet. Du behauptest, du suchst keine Liebe, aber trotzdem bist du hier, Zwang hin oder her …“

Moment mal! Er kennt alle Klischees? Er liest Liebesromane? Und hat er mich gerade als ‚wunderschön‘ bezeichnet? Ich starre den Mann fassungslos an.

„Auf den ersten Blick wirkst du wie ein unscheinbares Mauerblümchen in deinem rosa Kleid, aber wenn du deine Haare aufdrehst und dir ein knallrotes Kleid anziehst, würdest du alle Blicke auf dich ziehen. Du bist nicht schüchtern, eigentlich bist du selbstbewusst und stehst konsequent hinter deiner Meinung. Aber du hast sicher auch ein großes Herz und kannst nicht blind dabei zusehen, wie ein Mann mit einer traumatischen Vergangenheit leidet und sich kühl zeigt, anstatt der Welt seinen tollen Charakter preiszugeben. Aus Feinden werden Geliebte und am Ende wirst du dich verlieben, ob in mich oder in einen der anderen Männer ist nur eine Frage der Zeit.“

„Das ist … nicht wahr.“ Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Ich bin doch kein Stereotyp! Ich bin ein Individuum, du kannst mich nicht einfach so über einen Kamm scheren.“ Als ich die Worte ausspreche, schießt mir die Hitze ins Gesicht. Genau das, was ich gerade anprangere, habe ich bei diesen fremden Männern getan: Aufreißer Timo, Trottel Konrad, Macho PJ, Nerd Paolo, Buchheld …

Während ich beschämt den Kopf senke und mich ganz klein mache, verlieren die Frauen und Männer das Interesse an mir und unterhalten sich wieder ausgiebig miteinander. Nur der Prinz vor mir bewegt sich nicht von der Stelle. Nach einer langen, unangenehmen Schweigeminute räuspert er sich. „Mein Name ist übrigens Erik und ich bin auch nicht freiwillig hier.“

Zögerlich hebe ich das Kinn. „Ich bin Cindy.“

9 Uhr

Schwarze Wände, goldene Fliesen, lange Buntglasfenster, die keinen Blick nach draußen erlauben. In jedem Raum, der uns Kandidaten zugänglich ist, finden sich diese drei Dinge.

„Tretet ein, meine Prinzen und Prinzessinnen. Das hier ist der Aufenthaltsraum. Links steht ein Buffet bereit. In der Bar findet ihr eine Auswahl an Wein, Bier und natürlich alkoholfreien Getränken. Auf der Fensterseite befindet sich eine große Lounge, in der ihr es euch gemütlich machen und euch näher kennenlernen könnt.“ Eine Stimme erschallt in der Villa. Ihre Lautstärke nimmt nicht ab, wenn ich mich von der Stelle entferne. Sie muss aus Lautsprechern kommen, die hier irgendwo installiert sind. Beim näheren Hinsehen kann ich auch Kameras erkennen.

„Ich dachte, die Show wird nicht im Fernsehen übertragen! Wieso werden wir gefilmt?“, wende ich mich entrüstet an Penelope.

Die junge Frau in dem orangefarbenen Kleid hebt automatisch den Kopf. „Oh, das ist ja so cool! Ich wollte schon immer ins Fernsehen!“ Ich kann ihre Begeisterung nicht teilen.

„Im Vertrag stand nichts davon, außerdem tragen wir doch gar keine Mikrofone!“ Mein vorwurfsvoller Blick trifft ins Leere, Penelope entfernt sich gerade von mir, um es sich mit Konrad in der Lounge gemütlich zu machen.

„Es grenzen drei weitere Zimmer an diesen Raum an: ein Bad mit Toilettenkabinen, sowie zwei Rückzugszimmer für private Gespräche. Das Bad ist sowohl den Prinzen als auch den Prinzessinnen zugänglich, das Zimmer mit der rosé-goldenen Tür dürfen ausschließlich die Prinzessinnen betreten, das Zimmer mit der silbernen Tür gehört den Prinzen. Es befinden sich im Aufenthaltsraum Kameras und Lautsprecher, mit denen ich, eure gute Fee, Kontakt mit euch aufnehmen kann …“

Kameras? So viel zum Thema Privatsphäre. Entnervt lasse ich mich auf einen gelben Ohrensessel plumpsen. Ich zupfe nervös an meinem rosa Tülltraum und überlege mir, auf was für eine Summe ich die Veranstalter wegen Vertragsbruch verklagen werde. Ich will nicht ins Fernsehen!

Die gute Fee scheint meinen Wunsch erhört zu haben, denn sie kommt gleich auf dieses Thema zu sprechen: „Die Kameras sind eine Sicherheitsmaßnahme, um Übergriffe zu vermeiden. Die Sicherheit unserer Kandidaten steht bei uns an erster Stelle und da sich niemand außer euch zehn in der Villa aufhält und wir nicht einfach schnell eingreifen können, falls sich jemand von einem anderen bedrängt fühlt, brauchen wir die Kameras.“

Penelope seufzt enttäuscht, ich klatsche innerlich in die Hände.

„Meine lieben Prinzen: Timo, Konrad, PJ, Paolo, Erik. Und Prinzessinnen: Penelope, Kathi, Mirabelle, Annika, Cindy Carolina. Amor hat sich auf die Suche nach euren Herzensmenschen gemacht und er ist fündig geworden. Mithilfe der magischen Pfeilspitze der Liebe konnten wir unter Hunderten eure wahre Liebe ausfindig machen. Jetzt müsst ihr sie unter den Anwesenden nur noch erkennen. Euer Prinz bzw. eure Prinzessin befindet sich hier und jetzt im Aufenthaltsraum, ein Zauber hat eure Kompatibilität bestätigt.“

„Ich wusste es!“ Penelope streckt begeistert die Arme hoch. Sie hatte bereits während der Busfahrt die Vermutung gehabt, dass die Veranstalter auf eine Art magischen Gegenstand zurückgreifen, um die perfekten Paare zusammenzustellen.

„Ihr habt bis Mitternacht Zeit, um euch unsterblich zu verlieben. Doch nur denjenigen von euch, die wahrhaftig lieben, wird um Punkt Null Uhr der Zugang zum Spiegelsaal eröffnet. Dort kommt es dann zum Heiratsantrag. Als Extra obendrauf hat das auserwählte Paar einen Wunsch frei. Wünscht euch eine Traumhochzeit, Flitterwochen auf den Malediven oder ein Traumhaus, es sind euch keine Grenzen gesetzt.“

Moment! Ich muss ‚wahrhaftig‘ verliebt sein? Ich hatte doch geplant, das nur zu spielen. Wie soll ich jetzt an meinen Wunsch kommen?

„Nun verabschiede ich mich von euch. Die gute Fee wünscht euch viel Spaß beim Kennenlernen und Verlieben. Möge Amors Pfeil euch treffen und in ein Leben in trauter Zweisamkeit führen.“

Ich kann nur trocken lachen. Möge diese Pseudofee zur Vernunft kommen und Zwangshochzeiten verbieten!

„Hey Cindy, warte mal. Willst du was trinken?“ Wenn ich mich nicht umdrehe, geht Erik vielleicht wieder weg. „Cindy! Lass uns mal reden.“ Ich möchte nicht mit dem Typen flirten, der mich vor der gesamten Truppe bloßgestellt hat, ich will das Gespräch mit einem der Mädels aufnehmen, aber sie sind alle entweder mit ihren Verehrern oder mit dem Alkohol beschäftigt. Schnurstracks laufe ich auf den Schönling Konrad und Penelope zu.

„Was machst du hier, Mädel? Verschwinde!“, flüstert mir Penelope zu und weist mit dem Kinn besitzergreifend Richtung Prinz. „Konrad ist perfekt. Er gehört mir!“

Ich lächle über ihre Aussage hinweg und reiche Konrad die Hand. „Wir hatten uns ja schon vorgestellt, aber da wir ja jetzt den gesamten Tag miteinander verbringen, sollten wir nicht so förmlich sein. Ich heiße Cindy Carolina, du kannst mich aber CC nennen.“

Der Mann, der mehr nach einem Model aussieht als nach einem Prinzen, drückt mir die Hand. Nein, er drückt sie nicht wirklich, sein Händedruck ist so schwach, dass ich seine Hand mit beiden Händen umklammern muss, damit sie nicht herabfällt. „Es … freut … mich … sehr, dich heute näher kennenzulernen, CC“, stottert er. Seine Wangen sind so rot wie Penelopes, dabei trägt er keinen Rusch. Gut, er ist ein bisschen verkorkst, aber äußerlich ist er genau mein Typ.

„Äh… ähm.“ Jemand hinter mir räuspert sich, ich reagiere nicht darauf.

„CC, muss ich das jetzt wirklich nochmal sagen? Hau ab! Du bist sowieso viel zu klein für dieses Model!“ Meine Konkurrentin droht mir, zwickt mir dabei aber spielerisch in die Seite und setzt ein freundliches Lächeln auf. Wahrscheinlich will sie nicht, dass Konrad mitbekommt, was für ein Biest sie wirklich ist. „Du kannst dich doch …“, Penelope greift nach meinen Schultern und dreht mich zur anderen Seite, „mit dem lieben Erik hier unterhalten, der wartet schon auf dich.“

Die grauen Augen vor mir blitzen auf. Er grinst, natürlich grinst Erik mich erstmal dämlich an. Er hält zwei Gläser, gefüllt mit Sekt, in den Händen.

„Gut, Konrad und ich haben ja noch den ganzen Abend Zeit, um uns auszutauschen“, entscheide ich. Ich gebe mich aber noch nicht geschlagen. Ohne Erik ein Glas abzunehmen, mache ich mich auf zur Lounge.

„Das hier war eigentlich für dich gedacht“, erklärt der Prinz und stellt unsere Gläser nacheinander auf dem kreisrunden Tisch ab, der uns voneinander trennt. Ich sinke etwas tiefer in den gelben Sessel. Meine Haltung ist miserabel und von außen sieht es sicher so aus, als wollte ich mir ein Nickerchen genehmigen, aber ich lege keinen Wert auf die Etikette. Ich bin schließlich keine Prinzessin, ich stecke nur in einem kratzigen Ballkleid.

Ich nehme Eriks Blick auf. „Was willst du?“, platzt es aus mir heraus.

„Dich kennenlernen.“ Erik greift nach seinem Glas und nimmt einen großen Schluck.

Schnaubend tue ich es ihm nach. Doch anstatt Sekt schmecke ich Apfelschorle auf der Zunge. „Ich dachte, das ist Sekt?“, hake ich mit hochgezogener Augenbraue nach.

„Und ich dachte, du gibst mir wenigstes eine Chance.“ Erik ext die Apfelschorle. „Ich trinke keinen Alkohol“, stellt er danach klar.

„Ich schon und ich habe nicht vor, heute darauf zu verzichten. Schau dir dieses Affentheater doch an! Diese Clowns halte ich keine Sekunde länger aus. Ich werde jetzt …“ Ich stehe bereits, aber Erik zieht mich ungefragt zurück auf meinen Platz.

„Ich möchte mich mit dir unterhalten und das geht nur, wenn du einen klaren Kopf hast. Du kannst dich später noch betrinken.“ Er verzieht angewidert das Gesicht. „Wenn du das unbedingt willst.“

Meine Fingernägel krallen sich in die Stuhllehne. „Ich entscheide selbst, was ich wann tue. Du hast mir gar nichts zu sag…“

„Willst du diesen Wunsch oder willst du ihn nicht?“

Ich richte mich kerzengerade auf. „Natürlich, aber nicht, weil ich so scharf auf eine teure Hochzeit oder ein Haus bin. Ich habe andere Pläne mit diesem Wunsch“, gebe ich vorsichtig zu.

„Ich auch.“ Meine Augenbrauen springen überrascht in die Höhe. „Ich hatte dir doch gesagt, dass ich auch nicht freiwillig hier bin. Ich tue das nur für diesen Wunsch. Nur wenn ich mir wünsche, nicht heiraten zu müssen und trotzdem in die Gesellschaft integriert zu werden, kann ich endlich frei sein.“

Mein Mund klappt auf. „Das ist auch mein Wunsch!“

Erik lächelt mich vielsagend an. „Dann tu dich mit mir zusammen und gib mir ein Versprechen: Ich helfe dir, deine wahre Liebe zu finden und du hilfst mir bei meiner. Nur wenn einer von uns diese Show gewinnt, wird dieses Heiratsgesetz endlich aufgehoben.“

„Das ist …“ Ich rücke näher an Erik heran, damit nur er mich hören kann. „Ein perfekter Plan!“

Er nickt. „Wir wollen uns beide nicht auf diese Art und Weise verlieben, aber wenn wir diesen Wunsch ergattern wollen, bleibt uns keine Wahl. Da du anscheinend kein Interesse an mir hast und wir nicht beide gewinnen können, müssen wir zusammenarbeiten. Wenn du gewinnst, wünsch dir einfach, dass dieses irrsinnige Gesetz mit dem Heiratszwang für alle aufgehoben wird, für die ganze Bevölkerung. Ich werde dasselbe tun.“

Bis vor fünf Minuten hatte ich ihn wegen seiner Aussage beim Empfang noch verabscheut, aber da wusste ich noch nichts von seinen wahren Beweggründen. Dieser Typ ist mir ähnlicher, als ich gedacht habe. Er liest Liebesromane und ist gegen den Heiratszwang. Er ist der perfekte Partner, aber nicht für eine Hochzeit, sondern für einen Umsturz des politischen Systems.

„Einverstanden, ziehen wir es durch!“ Ich strecke ihm die Hand entgegen, um das Händeschütteln vom Empfang nachzuholen. „Du bist gar nicht so eingebildet, wie vermutet, Erik.“

Er schüttelt meine Hand. „Und du bist gar nicht so kindisch, wie ich gedacht habe, CC. Du benutzt dein Köpfchen und das gefällt mir.“

10 Uhr

„Und dann hat er aus seinem Einstecktuch eine Rose geformt und sie mir geschenkt!“ Annika beendet gerade ihre rosige Erzählung von ihrem Plausch mit Timo.

„Was? Mir hat er auch so eine Rose geschenkt!“, erzählt Mirabelle mit den Händen in den Hüften. So naiv.

Timo scheint sich nicht auf einen bestimmten Typ Frau festgelegt zu haben. Mirabelle und Annika könnten äußerlich nicht unterschiedlicher sein. Mirabelle ist mit ihren braunen Schillerlocken und ihren warmen, braunen Augen eine natürliche Schönheit. Ihr gelbes Tüllkleid ist halb mit aufgestickten Blümchen bedeckt. Annikas mittelbraune Haare sind dagegen gefärbt, ihr blonder Ansatz ist deutlich zu sehen. Ihr violettes Kleid ist schlicht und besitzt weder Blümchen noch Tüll.

„Aber Timo ist mein Herzensmensch! Bilde dir bloß nichts darauf ein, dass er dir auch eine Rose geschenkt hat.“ Annika fixiert die andere Brünette mit ihren stechenden, blaugrauen Augen, ihre Gesichtsmuskeln spannen sich an. Sie kommt richtig in Fahrt. Ich hatte eigentlich gedacht, dass Penelope die Dramaqueen ist. Es ist schon unfassbar, wozu ein paar gutaussehende Männer und ihre charmanten Worte ein Mädchen treiben können.

„Schluss jetzt! Ihr seid so kindisch!“, mischt sich Kathi, die Älteste in unserer Runde, ein. „Ihr seid keine fünfzehn Jahre alten Mädels, die zu schüchtern sind, um einen Jungen anzusprechen. Ihr seid erwachsene, vierundzwanzigjährige Frauen! Geht da raus und fragt Timo doch einfach, wen er am besten findet.“

Gemeinsam mit den anderen Mädchen verlasse ich das Rückzugszimmer der Prinzessinnen. Dort treffen wir auf Paolo, Konrad und Erik. Timo ist nicht zu sehen und auch PJ ist außer Sichtweite.

„Na toll, wen Timo hinter der silbernen Tür ist, kann ich ihn nicht sprechen. Ich hoffe, er ist im Bad“, sagt Mirabelle und geht zielsicher auf die nächste Tür zu, aber Paolo fängt sie auf halbem Weg ab.

„Wohin des Weges, Schönheit? Wir haben uns noch gar nicht miteinander unterhalten, was ich sehr schade finde. Ich fand dich von Anfang an total interessant.“ Ich verdrehe die Augen, doch Mirabelle beißt sofort an und hakt sich bei dem galanten Mann unter. „Lass Timo hinter dir, der weiß nicht, wie man eine Dame wie dich richtig behandelt. Überhaupt lässt sein Benehmen zu wünschen übrig“, flüstert Paolo. „Er streitet sich gerade mit PJ im Bad.“

Die ach so perfekten Prinzen sind in einen Streit ausgebrochen? Ich kann es kaum glauben, muss mir selbst ein Bild davon machen. Neugierig trete ich an die Badtür. Ich öffne sie nur einen kleinen Spalt breit, trete nicht ein. Ich will nicht, dass sie nur wegen meiner Anwesenheit zurück in ihre Rollen fallen, um mir zu gefallen. Ich will sie so sehen, wie sie wirklich sind.

„Bist du hier, um dich zu verlieben oder bist du hier, weil dich jemand dafür bezahlt? Ich habe diesen Umschlag in deiner Jacke gefunden, also rede dich da nicht raus.“

PJ steht breitbeinig vor dem jungen Timo. Seine Arme, oder vielmehr, seine Muskelberge, sind bis zum Äußersten gespannt. Timo steht ihm gegenüber. Von meiner Position aus kann ich nur seinen Rücken sehen, aber auch er wirkt angespannt. Er bäumt seine Gestalt auf, macht sich so groß wie er kann. „Ich werde dir gar nichts sagen, du hirnloser Hulk! Dir sollte mal jemand …“

„CC! Konrad fragt nach dir. Ich glaube, er wäre der perfekte Partner für dich.“

Ertappt zucke ich zusammen, drücke eilig die Tür zu und drehe mich zu Erik um. „Konrad? Was soll ich mit dem anfangen?“

Erik zieht die Stirn kraus. „Dich in ihn verlieben vielleicht? Damit wir diesen Wunsch bekommen?“ Er untermalt seine Worte mit einer ausschweifenden Geste Richtung Konrad.

„Okay, ich werde mit ihm sprechen. Rede du mit …“ Mein Blick schweift durch den Raum, er bleibt an Penelope hängen. Sie will Konrad für sich, wenn sie sich in Erik verliebt, habe ich freie Bahn. „Du solltest es mit Penelope versuchen, sie ist total liebenswert.“

Fünfzehn Minuten später wünschte ich, Konrad nie ausgewählt zu haben. Er sieht gut aus, das ist nicht zu bestreiten, aber er besitzt den Wortschatz eines Kindes und drückt sich so unbeholfen aus, dass ich immer wieder nachhaken muss, um nicht den Faden im Gespräch zu verlieren. Na ja, wenigstens ist er nett und nicht so aufdringlich wie Timo oder PJ.