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Undercover-Journalistin Maya gerät in eine Fake-Beziehung mit Mafiaboss Enzo. Zwischen Gefahr und Leidenschaft entdecken sie unerwartete Gefühle. »›Dann lass sie starren, beherrsche den Raum.‹ Maya schmiegte sich an Enzo und ließ sich für einen Moment in die Illusion fallen. Ein Tanz im Chaos, ein Herzschlag zwischen Gefahr und Leidenschaft.« Maya Bascot wagt sich nach einem anonymen Tipp undercover in die Unterwelt der New Yorker Mafiafamilien und trifft dort auf den charismatischen Mafiaboss Enzo. Als sie aufzufliegen droht, rettet er sie durch einen Kuss und schlägt ihr eine falsche Beziehung im Austausch für Schutz vor. Zwischen falschen Gefühlen und realen Gefahren wächst die Anziehung zwischen den beiden. Doch als alte Wunden aufbrechen und Mayas Vergangenheit sie einholt, steht ihre aufkeimende Liebe vor einer Entscheidung: Kann sie dem Mann vertrauen, der ein Teil der Welt ist, die ihr Leben einst brutal zerstörte?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
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© Piper Verlag GmbH, München 2025
Redaktion: Antje Steinhäuser
Covergestaltung: MostlyPremade - Nadine Most
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Cover & Impressum
KAPITEL 1
Whatever it takes
KAPITEL 2
Under attack
KAPITEL 3
I hate everything about you
KAPITEL 4
Don’t go breaking my heart
KAPITEL 5
Sometimes I wanna cry
KAPITEL 6
Speak softly, love
KAPITEL 7
All eyes on me
KAPITEL 8
Let your heart hold fast
KAPITEL 9
Wave after wave
KAPITEL 10
Head above water
KAPITEL 11
Always hate me
KAPITEL 12
Whistle for the choir
KAPITEL 13
Nothing matters
KAPITEL 14
Warning signs
KAPITEL 15
Say it like that
KAPITEL 16
So american
KAPITEL 17
Arcade
KAPITEL 18
Heart attack
KAPITEL 19
Long way home
KAPITEL 20
Red flag parade
KAPITEL 21
Behind these hazel eyes
KAPITEL 22
Alone
KAPITEL 23
I’m not okay
KAPITEL 24
What I want
KAPITEL 25
How do I say goodbye?
KAPITEL 26
We’re going home
KAPITEL 27
Eye of the tiger
KAPITEL 28
Heart of the hurricane
KAPITEL 29
Empires
KAPITEL 30
Undercover heart
KAPITEL 31
Army of two
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
»Entschuldigung, kann ich kurz vorbei – danke«, brummte Maya, während sie sich durch die Menschenmenge drängte. Am Ende der Traube stolperte sie beinahe in die anderen Journalisten hinein und kramte ihr Notizbuch hervor. Gerade noch rechtzeitig. Chase Masters betrat das Rednerpult, seinen Mund zum üblichen breiten Grinsen verzogen. Die Leute hinter Maya spendeten ihm eine übermäßige Welle Applaus. Dabei hatte er, außer reinzukommen und der Menge zuzunicken, noch rein gar nichts getan. Maya rollte mit den Augen, als der CEO sich verbeugte und anfing zu lachen.
»Danke Leute, aber es geht ausnahmsweise nicht um mich.«
Er legte eine kurze Kunstpause ein und die ganze Halle schien förmlich an seinen Lippen zu hängen. »Sondern um meine Firma und welchen Mehrwert wir für euch erschaffen können. Ihr wisst ja, was wir bei uns sagen, No need for need.«
Seine treuen Fans sprachen den Slogan sofort nach. Fast schon beängstigend, wie ein Kult. Mit einer spielerischen Grimasse wies Chase die Menge an, leiser zu sein. Er trommelte mit den Fingern gegen das Rednerpult und klatschte zum Finale in die Hände. »Vergessen wir die Vergangenheit, aber bevor wir uns über die Zukunft unterhalten, müssen wir die Fragen von heute klären.«
Mit einer einladenden Geste deutete er auf die journalistische Meute vor ihm. Maya biss sich auf die Unterlippe und zupfte an ihrem roten Flanellhemd. Zeitgleich mit allen anderen reckte sie den Arm nach oben. Nach und nach ging der CEO die Fragen durch, die alle vor Banalität und Bedeutungslosigkeit nur so trieften. Sein Blick streifte den von Maya und ging an ihr vorüber. So konnte das nichts werden, das war ihr klar.
»Mister Masters«, erhob sie ungefragt die Stimme und übertönte damit das allgemeine Gemurmel im Raum. Schlagartig war alle Aufmerksamkeit auf sie gerichtet und auch der Geschäftsmann hob eine Augenbraue. Maya atmete einmal tief durch und senkte ihre Stimme ein wenig. »Der Ruf Ihrer Firma baut auf sozialen Werten und dem Allgemeinwohl auf.«
»Gut recherchiert«, witzelte Masters mit seinem charmanten Grinsen. Mit einer Geste wies er sie an, näher heranzutreten. »Mit wem habe ich denn das Vergnügen?«
Maya nutzte die Gunst des Augenblicks, um ihre Ausführung fortzusetzen. »Wissen Ihre Kunden und Investoren von den ganzen Stadtvierteln, die Sie durch bezahlte Schläger gefügig machen, um an Sie zu verkaufen?«
»Wie sollten sie denn?«, brummte der CEO und legte eine dramatische Pause ein, ehe er zu lachen begann. »Da gibt es schließlich nichts zu wissen, auch wenn ich ihre Fantasie durchaus bewundere. Für wen berichten Sie noch gleich?«
»Metro Messenger. Ist das Ihre abschließende Stellungnahme?«
Noch einmal lächelte er sie an, ehe er die nächste Person aufrief. Maya presste die Lippen aneinander. Ihre weiteren Versuche wurden vom Wall der Journalisten abgeschmettert und blieben ungehört.
»Was zur Hölle hast du dir nur dabei gedacht?« Rogan knallte eine gefaltete Zeitung gegen den Tisch. Sein Kopf war rot angelaufen, die eckige Brille rutschte fast von seiner Nase. Die Gesamtsituation glich den Unterredungen, die ihre Eltern mit ihr geführt hatten, wenn sie sich nachts weggeschlichen hatte. Eigentlich hatte sie gehofft, zumindest diesen Teil hinter sich zu haben. Doch hier saß sie nun und verschränkte die Arme wie ein trotziges Kind. »Es geht um eine Wahrheit, die keinen weiteren Aufschub mehr verträgt. Mit nur ein paar mehr Fragen hätte ich ihn gehabt.«
»Selbst wenn«, seufzte ihr Boss. »Das ist belanglos, so arbeiten wir nicht. Weißt du was für ein schlechtes Bild das auf den Messenger wirft?«
Maya schwieg. Das war ihr selbst klar.
»Du warst einer großartigen Story auf der Spur und du weißt, ich schätze dich.« Rogan kratzte sich am kahlen Kopf, fuhr sich danach übers Gesicht. »Das tue ich wirklich, aber es gibt Regeln und Mächte, die darüber stehen und uns die Hände binden.«
»Worauf willst du hinaus?« Maya stellte die Frage, auch wenn die Antwort sich seit Beginn des Gesprächs in einem Nest eingerichtet hatte. Vielleicht verlief ihre Reaktion auf die Beurlaubung deswegen so emotionslos und gedämpft aus. Rogan musste den wahren Grund auch gar nicht erst aussprechen, sie wusste es. Ein Stich ins Wespennest führte selten zu einer friedlichen Beziehung. Seufzend ließ sie sich im Anschluss an das Mitarbeitergespräch auf den blauen Bürostuhl an ihrem Schreibtisch fallen und versank in die Tiefen seines trügerischen Komforts.
Maya lugte unter ihrer Bettdecke hervor und zuckte beim Anblick des dichten Nebels sofort zurück in ihr sicheres Versteck. Hier konnte das Chaos der Welt ihr nichts anhaben, kein Unheil bekam sie zu fassen. Das Quietschen von Schuhsohlen rüttelte sie wieder wach. Sie atmete tief durch, wagte einen neuen Versuch. Eine wabernde Silhouette ging an ihr vorbei. Bei jedem Schritt erklang das Geräusch. In der Hand der Gestalt knisterte ein brauner Umschlag. Dann verschwand sie im Nebel.
»Da bist du ja«, rief eine verzerrte Stimme, gefolgt von heiterem Gelächter. Aus der undefinierbaren Leere drang leise eine Jazztrompete hervor, zunächst langsam spielend, dann immer schneller. Weitere Trompeten gesellten sich dazu, das Stück spitzte sich zu. An ihrem Zenit verstummten sie schlagartig. Für einen Moment übernahm die Stille, dann knallte ein einsamer Paukenschlag ein. Die Druckwelle warf Maya aus ihrem Bett, sodass sie gegen eine Wand donnerte. Jemand zupfte an ihrem Hemd. Als sie aufsah, erblickte sie ein kleines dunkelhaariges Mädchen, ganz in Schwarz, mit einer einzelnen Rose in ihrer Hand. »Was hast du denn?«
Maya richtete sich auf. Ihre Augen trafen die des Kindes. Im gleichen Moment durchzuckte ein stechender Schmerz ihren Körper, als ob sie von Hunderten unsichtbaren Klingen durchbohrt wurde.
Maya wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als das grelle Läuten ihres Bürotelefons sie brutal aus dem bequemen Stuhl riss. Noch halb gähnend strich sie sich eine lilafarbene Haarsträhne aus dem Gesicht und griff dann so hektisch nach dem Hörer, dass er ihr fast aus der Hand rutschte. »Ganz schlechter Zeitpunkt.«
»Sind Sie Maya Bascot?«
»Kommt ganz drauf an«, seufzte Maya, während sie versuchte, sich die Müdigkeit durch kleine Wangenklapser aus dem Gesicht zu schlagen. »Wenn Sie sich beschweren wollen, bin ich es nicht.«
»Ich habe Ihren Auftritt bei der Pressekonferenz gesehen. Dumm, aber mutig.« Die Stimme im Hörer war durch einen Verzerrer so manipuliert, dass jede zweite Silbe wie verschluckt klang.
Maya lachte auf. »Also ich habe jetzt nur mutig verstanden, ist das richtig?«
»Der Kreis der Familien trifft sich heute um neun im Tramonto – und damit meine ich die Familien.«
Ein Kälteschauer mit nachfolgenden Hitzewogen durchfuhr ihren gesamten Körper, riss sie vollends aus ihrer Verschlafenheit. Bitte was hatte die Stimme da eben gesagt? Der Hörer rutschte ihr fast aus der Hand. »Klingt ja nett, könnten Sie vielleicht etwas mehr ins Detail gehen?«
Am anderen Ende stockte es, ein jähes Knacken ließ Maya aufschrecken. Sie hörte ein lautes Ausatmen der Person, als wolle sie zu einer Antwort ansetzen. Erneut knackte es, eine Tür schien im Hintergrund aufzugehen. Und darauf folgte nur noch der regelmäßige Signalton, der das Ende der Verbindung anzeigte. Verfluchter Mist. Stumm fluchend schlug Maya gegen den Hörer und knallte ihn zurück in die Station. War das eine Falle? In den Büchern oder Filmen waren solche Anrufe in der Regel eine. Sie biss auf ihre geballte Faust. Andererseits könnte das die fehlenden Puzzleteile für den Masters-Artikel liefern, wenn nicht noch mehr.
Maya stieß sich von ihrem Schreibtisch ab. Ihre braune Jacke an sich gepresst, huschte sie an Rogans Büro vorbei zum Aufzug. Während die Anzeige von Stockwerk zu Stockwerk aufglühte, beruhigte sie sich selbst durch das Murmeln ihres Mantras. »Ruhe im Sturm. Anker im Chaos.«
Die Türen öffneten sich quietschend, sie trat ein. Der neue Kollege vom Empfang nickte ihr noch mit besorgtem Blick zu, was sie kühl erwiderte. Hatte sie das jetzt wirklich vor? Gedankenversunken fuhr sie ins Erdgeschoss und stapfte direkt zu dem Bus auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
»Na, das System schon auf den Kopf gestellt?« Sam lag in eine Decke gekuschelt auf dem alten Sofa und begrüßte die Mitbewohnerin mit einem breiten Grinsen. Dey griff nach der Schüssel voller Popcorn und verzehrte demonstrativ eine Handvoll. Augenrollend schlüpfte Maya aus ihrer Jacke und warf ihre Tasche in die Ecke. »Mehr oder weniger.«
»Eher mehr oder eher weniger?« Sam hob eine Augenbraue und pausierte die Serie, die dey gerade sah.
Für einen Moment hielt Maya inne, nur um im nächsten durch die Wohnung zu flitzen und sich kurz darauf mit einem Tablet aufs Sofa fallen zu lassen. »Ein bisschen von beidem, wenn alles klappt.«
Rasch hatte sie die Seite des Tramonto entdeckt. Keine halbe Stunde entfernt und praktischerweise heute Abend für eine private Veranstaltung geschlossen. Konnte es wirklich so einfach sein? Ihr Blick huschte quer über den Bildschirm.
»Wenn was klappt?«
Als sie nicht reagierte, wiederholte Sam deren Frage ein weiteres Mal und warf ein kleines Kissen nach Maya. Das fluffige Polster knallte gegen ihr Gesicht und ließ sie aufschrecken.
»Wie, was?«
»Hast du nicht Feierabend?«
»Ich wurde sogar freigestellt«, murmelte Maya nebenbei, bereits tief in ihrer Recherche versunken. Na bitte, in der Belegschaft trugen allesamt die gleiche Kluft. Beim Aufschauen bemerkte sie Sams mahnenden Blick und zuckte kurz zusammen. »Kann ich mir – äh – von dir Hemd und Krawatte borgen?«
Seufzend wickelte Sam sich aus deren Decke, sprang auf und zwinkerte Maya zu. »Wie hoch stehen die Chancen, dass du das Outfit zum Feiern brauchst?«
»Es ist kompliziert«, druckste Maya herum. Sie tapste hinterher und bekam schon im Türrahmen ein Hemd entgegengeworfen. Sam reichte ihr einen Kleiderbügel mit drei Krawatten. »Ist es bei dir doch immer. Sagst du mir wenigstens, wohin es diesmal geht?«
»Ach, ich helfe nur bei einem Familienevent aus.« Maya nahm die Sachen entgegen, kramte ihre schwarze Hose aus dem Nebenzimmer und schlüpfte in ihre improvisierte Uniform. Vor dem Spiegel richtete sie noch einmal ihren Dutt, dann nickte sie sich selbst zu. Beim Verlassen ihres Zimmers stand Sam ihr mit verschränkten Armen gegenüber. Maya kratzte sich am Hinterkopf. »Na gut, ich geh einer Spur nach – aber ich pass auf, versprochen.«
»Besser ist es, wenn du weiter hier wohnen willst«, ermahnte Sam sie in übertrieben strengem Tonfall, ehe dey sie in den Arm nahm. »Du verrückte Nudel.«
Sie erwiderte die Umarmung und stapfte ohne ein weiteres Wort auf die Straße heraus. In der kurzen Zeit hatte die Sonne offenbar einem intensiven Regenschauer nachgegeben, der sich inzwischen ebenfalls wieder verabschiedet hatte. Sie hielt inne. Ruhe im Sturm. Anker im Chaos. Maya atmete tief durch, sog den beruhigenden Duft von Petrichor in sich ein und marschierte los, der angezeigten Route auf ihrem Smartphone folgend.
Auf halbem Weg blieb ihr Körper von allein stehen. Noch wäre Zeit umzukehren und sich auch auf dem Sofa bequem zu machen. Zittrig massierte Maya sich die verspannten Schultern und bemerkte erst jetzt, wie schweißfeucht ihre Handflächen waren. Jegliches Gefühl war aus ihrem Körper gewichen, das musste das Adrenalin sein. Es war eine unglaublich furchtbare Idee, aber wer würde sich außer ihr darum scheren? Maya schüttelte sich, wagte den nächsten Schritt. Darauf folgte ein weiterer, bis sie wieder lief – so schnell, dass sie fast den Weg eines Taxis gekreuzt hätte. Das plötzliche Hupen zwang ihre Gedanken zurück in die Realität. Ihr Körper glühte, der Herzrhythmus auf Anschlag aufgedreht. Maya stolperte rücklings. Die Ampel wurde grün. Ruhe im Sturm. Seufzend stiefelte sie weiter voraus – vorbei an einem Hotdogstand und einem flackernden Werbedisplay, das sich offensichtlich nicht entscheiden konnte, ob es gerade für Taylor Swift, Olivia Rodrigo oder eine Barbenheimer-Vorstellung werben wollte. Maya schlängelte sich an den Menschenmassen durch eine Abkürzung an einer verlassenen Baustelle vorbei. Eine Kreuzung weiter war das Tramonto bereits in Blickweite. Vier Männer in Anzügen standen in einer Linie aufgereiht vor der verglasten Tür. Zwei weitere halfen einem alten Ehepaar aus dem Auto und geleiteten es hinein. Nichts deutete direkt auf ein Treffen Krimineller hin, doch allein die Typen in den Anzügen waren mehr als Grund genug, um ein wenig Misstrauen zu entwickeln. Maya bog in eine kleine Seitengasse unmittelbar vor dem Restaurant ab und begab sich zur Rückseite des Gebäudes. An der großen Mülltonne vibrierte ihr Handy. Sie zuckte zusammen und verfluchte sich selbst. Rasch zerrte sie das Gerät aus der Hosentasche und stellte es auf stumm, ohne einen Blick auf das Display zu verlieren.
»Ich fass es ja nicht«, brüllte eine fremde Stimme sie aus dem Dunkeln an. Ein Mann mit dichtem Vollbart und einer Kochuniform tauchte vor ihr auf, einen glimmenden Zigarettenstängel im Mund. »Da drinnen gehts so richtig los und wir machen hier draußen bisschen Pause, oder was?«
Maya riss die Augen auf, blieb aber gelassen. Reflexartig hatte sie ihr Handy weggesteckt und sich dem strengen Blick des Mannes gestellt. Anker im Chaos. Alles war eine Chance. »Das Gleiche gilt doch für Sie – Chef.«
Die Augenbrauen ihres Gegenübers verengten sich, der Kopf lief innerhalb von Sekunden rot an. Er wollte zu wütendem Geschrei ansetzen, es kam aber nur ein Husten aus seiner Kehle, und so beließ er es bei der Ermahnung: »Vergessen Sie nicht, wo Sie stehen. Wäre nicht so viel los, sähe die Sache anders aus, aber jetzt los, wieder rein da.«
»Danke Chef«, entgegnete Maya mit einem trockenen Nicken und huschte mit unterdrücktem Grinsen an ihm vorbei. Als sie die Klinke der Hintertür berührte, wandte der Koch sich ein weiteres Mal in ihre Richtung. »Moment noch, habe ich Sie überhaupt schon einmal hier gesehen?«
Wäre auch zu schön gewesen. Sie kniff die Augen zusammen, atmete tief durch und drehte sich mit einem schiefen Lächeln um. Ruhe im Sturm. »Ich habe erst diese Woche angefangen – auf Probe. War das nicht abgesprochen?«
Ihr Herz tanzte wild umher, als der Mann eine schiere Ewigkeit an seiner Zigarette zu ziehen schien. Dann prustete er auf einmal los. »In diesem Fall war Ihre Pausenaktion noch viel mutiger als ich dachte. Mutig, aber dumm. Ist ja wieder mal typisch für Dario, erzählt einem nichts, bis man vor vollendeten Tatsachen steht.«
Maya lachte einige Takte mit ihm, bis sie sich mit einem kurzen Nicken aus der Affäre zog und in das Gebäude trat. Schlagartig schlug ihr der Geruch von heißem Fett entgegen. Mit jedem Schritt richtete sie ihren Körper ein Stück weiter auf. Es würde ausreichen, wenn sie selbst daran glaubte dazuzugehören, der Rest sollte automatisch kommen. Sicheren Schrittes reihte sie sich in die präzise Choreografie von Küchenpersonal und Bedienungen ein, schnappte sich ein Tablett mit Brötchen und folgte den anderen in den Gästebereich.
Mayas Herz hämmerte mit aller Kraft, doch sie schluckte die Anspannung vorerst herunter. Direkt nach der Küche schwärmte die Schar an Bedienungen wie ein Bienenvolk aus. Das schummrige Licht des Gästebereichs verlieh der Atmosphäre des Saals eine beunruhigende Note, als wäre man Nachts auf einer schlecht beleuchteten Straße unterwegs. Ohne zu zögern lief sie weiter, die Augen stur auf ihre neuen Kollegen gerichtet. Alles schien durchgetaktet zu sein. Sie musste nur einen Blick auf das Notenblatt erhaschen, um sich ebenfalls im Takt zu wiegen. Sie beobachtete aufmerksam, ahmte die anderen nach und stellte ihr Tablett mit den Brötchen auf einem der runden Tische ab. Ein Mann mit markantem Kinn und vernarbtem Gesicht half ihr beim Eindecken und nickte ihr zu. »Vielen Dank.«
Maya reagierte mit einem leichten Lächeln. Auf dem Rückweg wagte sie es das erste Mal, die anwesenden Gäste zu mustern. Einige Gesichter kannte sie aus den Nachrichten und ihren eigenen Recherchen, etwa Marco Gallo und seine Schwester Allesandra. Ein Geschwisterpaar, dem eine Serie von Einbrüchen nachgesagt wurde – nur nie nachgewiesen. Neben ihnen saß eine brünette Frau, die ihren Blick bemerkte und grimmig zurückstarrte. Maya zuckte zusammen, sie preschte vor und stieß unsanft gegen ein Hindernis. Wärme schlug ihr entgegen, sie stolperte zurück und stand vor einem jungen Mann mit einem edlen grünen Umhang. Das Zusammenspiel von Schnurr- und Kinnbart rund um sein schelmisches Grinsen ließ sie an den jungen Pedro Pascal denken. Doch kaum hatte sie sich gefangen, fielen seine Mundwinkel herab. In seiner Hand hing ein umgedrehtes Weinglas, dessen Inhalt auf den Boden gekippt war. Seine Nasenflügel blähten sich auf, dann blaffte er sie an. »Hast du keine Augen im Kopf?«
Selber. Ihre Gedanken ignorierend setzte Maya ihr falsches Lächeln auf und verbeugte sich überschwänglich. »Das tut mir so unfassbar leid, ich bringe Ihnen gleich ein neues Glas.«
»Lassen wir das lieber«, brummte er und rempelte sie im Vorbeigehen von der Seite an. »Wir wollen doch nicht noch mehr guten Wein verlieren.«
Zähneknirschend starrte sie ihm hinterher. Ihr Körper glühte. In jeder anderen Situation hätte sie ihn nur zu gerne konfrontiert. Arroganter Fatzke. Sie kniff die Augen zusammen und atmete tief durch. Als sie sie wieder öffnete, bemerkte sie, dass der eiskalte Blick der brünetten Frau immer noch auf ihr ruhte.
Schnellen Schrittes huschte sie zurück in die Küche und krallte sich eines der Getränketabletts. Eine Hand rauschte heran und hielt die Bestellung fest. Ein muskulöser Mann mit Glatze scannte sie von unten nach oben. »Ich habe dich hier noch nie gesehen, wer bist du?«
Fuck, der Betrieb war wirklich kleiner, als sie dachte. Schulterzuckend kratzte sie sich am Hinterkopf. »Hat Dario Ihnen nicht Bescheid gegeben?«
»Ich bin Dario«, entgegnete der Mann noch ruppiger als zuvor. Wie hoch waren die Chancen? Maya lachte nervös auf und riss die Augen in einem gespielten Geistesblitz auf. »Richtig, ich meinte auch, ob niemand Ihnen Bescheid gegeben hat. Bin nur nervös, ist mein erster Tag«, berichtete sie mit möglichst großer Unbeholfenheit in ihrer Stimme. Der warme Atem des Mannes kitzelte für eine ganze Weile ihre Stirn. Er ließ das Tablett los. »Eigentlich wieder typisch Romano, mich so zu übergehen. Nach Feierabend klären wir drei das.«
»Ja, Chef«, rief Maya und stürzte wieder hinaus in den Saal der Löwen. Hoffentlich beschlossen die beiden nicht schon vorher, ein Pläuschchen über sie zu halten. Einige Gäste sprangen auf, um sich ein paar Gläser von ihrem Tablett zu stibitzen. Es wurde langsam zu brenzlig, aber ganz ohne Erkenntnisse konnte sie sich nicht geschlagen geben. Ganz selbstverständlich, als würde sie dazugehören, platzierte sie sich mit den Getränken dicht an einem der größeren Tische. Eine ältere Frau kippte dort ein Bier nach dem anderen in sich hinein, dabei wechselte sie bei nahezu jedem Satz den Gesprächspartner. »Früher hätte es so was nicht bei uns gegeben. Im Gegensatz zu euch wussten wir noch, was die Gemeinschaft wert ist.«
»Aber Oma«, versuchte einer ihrer zehn Nebensitzer sie zu unterbrechen. »Es war ein guter Deal und gute Deals entwickeln sich mit genug Zeit und Pflege zu noch besseren.«
Selten eine so kapitalistische Argumentation gehört, aber das wäre auch nicht das erste Monster, das sich in eine größere Version verwandelt. Freundlich lächelnd reichte Maya einer vorbeigehenden Damengruppe zwei Weingläser. Die alte Dame schlug kräftig auf die Tischplatte. »Du willst es nicht in deinen Dickschädel bekommen, aber dort lebten Menschen. Weißt du noch, was das ist, ein Mensch?«
Mayas falsches Lächeln verwandelte sich für einen Moment in ein echtes Grinsen.
»Wird man hier etwa auch fürs Rumstehen bezahlt?« Vor ihrem Blickfeld tauchte der Mann mit dem grünen Umhang auf. Vereinzelte Haarlocken fielen ihm über die Stirn, wunderbar chaotisch und viel ästhetischer als es erlaubt sein sollte. Seine erheiterte Mimik verhöhnte sie, während er sich an einigen ihrer Gläser bediente. Reflexartig schüttelte sie den Kopf, gespielt betroffen. »N-Natürlich nicht, habe ich etwas falsch gemacht?«
»Bei der Nachfrage sicherlich«, konterte er und riss ihr das Tablett aus der Hand. »Na ja, musst du selber wissen. Ich bekämpfe jedenfalls mal den allgemeinen Durst im Raum und bringe das unter die Leute.«
»Du mich auch«, murmelte Maya fast unhörbar, doch er blieb mit gehobener Augenbraue stehen. »Hast du noch etwas gesagt?«
»Danke«, korrigierte sie sich mit einer Verbeugung. »Ich habe mich bedankt.«
»Na, wenn du das sagst«, lachte der Mafioso auf und ließ sie kopfschüttelnd stehen. Warum konnte der auch nicht einfach wie ein artiger Gangster auf seinem Sitzplatz bleiben.
Seufzend gab Maya ihren Spähposten neben der Mafiaoma auf. In dem Moment, als sie sich umdrehte, hakte sich jemand bei ihr unter. »Darf ich so unverschämt sein und Sie um einen Gefallen bitten?«
»Dafür bin ich hier«, entgegnete Maya, ehe sie den Kopf drehte und neben sich die brünette Frau entdeckte, von der sie vorher beobachtet worden war. »Worum geht es denn?«
Ihre Gesprächspartnerin biss sich auf die Lippe und druckste herum, leicht zittrig. »Es wäre mir lieb, wenn wir das woanders besprechen könnten. Auf der Dachterrasse vielleicht?«
»Natürlich«, antwortete Maya, doch als die Frau sich nicht in Bewegung setzte, erklärte sie sich mit einem nervösen Lachen: »Leider ist heute mein erster Tag, wissen Sie, wie wir nach oben gelangen?«
Ohne ein weiteres Wort nahm die Frau sie an der Hand und führte sie einen Gang entlang, vorbei an der Küche und hohen Kartonstapeln. Am Ende eines viel zu schmalen Ganges wartete eine rostige Leiter auf die beiden. Wäre das irgendeine Abschlussfeier, würden sie sich dort oben volllaufen lassen, doch bei einer Mafiafeier? Maya atmete tief durch und entspannte ihre Schultern. Einfach ruhig bleiben, das Dach war ein unpraktischer Ort, um jemandem Gewalt anzutun – dafür hatten sie sicher schalldichte Kühlkammern oder so was. Sie folgte ihrer Begleiterin nach oben. Die Frau lehnte bereits am morschen Geländer und deutete in die geschäftige Nacht der New Yorker Seitenstraße hinaus. »Wunderschöne Aussicht, nicht?«
Maya folgte ihrem Fingerzeig. Wartende Autos, vollgestopfte Mülleimer und grelles Neonlicht trafen zumindest nicht ihre Definition von schön oder überhaupt einer Aussicht. Unwillkürlich machte sie einige Schritte zur Seite, bereit, jederzeit loszurennen. »Also, wobei kann ich helfen?«
»Manchmal denke ich daran auszusteigen«, flüsterte die Fremde in die Nacht hinein. Die Stimmung war mit einem Mal eine andere. Klang da so etwas wie Zweifel oder gar Schmerz aus ihrer Stimme? »Haben Sie in ihrem Job auch manchmal das Gefühl, dass alles zu viel wird?«
Jeden verdammten Tag. Ob sie wirklich aus der Mafia austreten wollte, vielleicht sogar gegen sie aussagen würde? In Mayas Kopf pochte es heftig, ihr Magen fühlte sich flau an. Sie ballte die Fäuste und setzte wieder ihr falsches Lächeln auf. »Na ja, ich weiß noch gar nicht … Wie gesagt, das ist mein erster Tag hier.«
»Richtig, da war etwas«, kicherte die Frau, die jetzt gar nicht mehr bedrückt wirkte, und wandte sich ihr aufmerksam zu. Maya glaubte fast, die azurblauen Augen wollten sie durchbohren. »Gibt es sonst noch etwas, bei dem ich helfen kann?«
Die Mafiosa stolzierte auf sie zu, legte einen Finger auf ihre Brust und klopfte damit dreimal dagegen. »Wenn man lange genug lebt, versteht man, dass jeder Mensch ein Geheimnis hat. Also, was ist deines?«
Der veränderte Tonfall konnte nichts Gutes bedeuten. Bevor Maya etwas erwidern konnte, änderte die Mimik der Frau sich zu einer bedrohlichen Fratze. »Spar dir den Mist mit der Probearbeit. Was suchst du wirklich?«
Stumm fluchend ging Maya einen Schritt auf die Leiter zu, ihre unheimliche Begleiterin folgte ihr. Dann sollte sie eben bekommen, was sie sich wünschte. In einer Vorstellung, auf die ihre alte Theaterlehrerin sicher stolz gewesen wäre, schlug sie sich die Hände vors Gesicht und schluchzte laut los. »I-ich will doch nur genug Geld verdienen, um meine Familie aus den Schulden zu bekommen. Die Chefs meinten, dass ich nach und nach lukrativere Jobs erledigen könnte.«
Als sie aus ihrem Sichtschutz hervorlugte, sah sie kein Anzeichen von Empathie im Gesicht der Frau. Stattdessen legte diese wortlos eine Hand auf Mayas Schulter und kletterte die Leiter herunter. Die nächtliche Kühle ließ Maya frösteln, aber bis ins Mark traf sie die eiskalte Ausstrahlung der Mafiosa, die soeben die Dachterrasse verließ.
Nach einigem Abwarten wagte Maya sich wieder in die Höhle der Löwen und brach mit einem Getränketablett in den Gästebereich auf. In der Mitte des Raumes wurde sie auf einmal von einer Hand gepackt. Die Frau vom Dach nahm ihr das Tablett ab und stellte es auf dem nächstbesten Tisch ab. »Was soll das?«
»Ach Schätzchen, wir wissen beide, wer du bist und was du hier willst«, hauchte die Frau ihr sanft ins Ohr. »Und ich bin diejenige, die sicherstellt, dass du nichts davon bekommst.«
Ruhe im – Fuck, das war eindeutig. Maya riss sich los, ihr Kopf glühte. Jede Silbe aus ihrer Kehle klang, als würde sie vergeblich nach Atem ringen. »Keine Ahnung was Sie meinen, ich arbeite hier doch nur.«
»Lächerlich. Das kaufst du dir doch nicht mal selbst ab«, lachte die Frau, ohne den kühlen Ausdruck in ihrem Gesicht abzulegen. Sie zeigte in Richtung Küche, vor der Dario und Romano tuschelten, die Situation wachsam beobachtend. »Bei den beiden bist du zumindest schon durchgefallen. Mach dir nichts draus, ein einfaches Schaf ist nun mal nicht dafür geschaffen, sich unter Wölfe zu mischen.«
Noch wussten sie nicht alles. Sollte sie es darauf ankommen lassen, zu bleiben oder zu rennen? Maya stellte sich das Schlimmste vor, was passieren konnte und musste schwer schlucken. Die Frau winkte die Gallo-Geschwister zu sich. Kichernd lenkte sie die Aufmerksamkeit des Saals auf sich, indem sie mit einer Gabel gegen ein Glas schlug. Mayas Beine verloren den Halt, ihre Knie gaben nach. Ganz im Gegensatz zu ihr, schien die brünette Frau die gnadenlose Stille genussvoll aufzusaugen. Erst als Gemurmel aufkam, erhob sie ihre Stimme und nahm den Raum mit Leichtigkeit ein. »Werte Familien, wir alle haben uns heute hier versammelt, um vom Trubel des Alltags abzuschalten. Eine Feier unserer Einigkeit und des Friedens.«
Einige Anwesende jubelten oder applaudierten, während andere auf ihr eigentliches Anliegen warteten. Die Mundwinkel der Frau zuckten, dann präsentierte sie Maya mit einer Geste, als wäre sie ein Kaninchen, das gerade aus dem Hut gezaubert wurde. »Leider besitzt nicht jeder den nötigen Respekt, wie dieses kleine Nagetier hier.«
Die Tischgespräche wurden angeregter, einige zeigten mit den Fingern auf Maya, andere starrten sie mit funkelnden Augen an. »Stellt sich nur die Frage, was wir mit dieser Ratte anstellen. Gibt es Vorschläge?«
Was folgte, war das grausigste Publikum einer Impro-Show, dem Maya je beiwohnen durfte. Die Menge warf Begriffe wie Seeentsorgung, Verstümmelung oder Geiselnahme ins Plenum. Sie schloss die Augen, versuchte, sich einzig und allein auf ihr Mantra zu konzentrieren.
»Sie gehört zu mir«, durchbrach auf einmal eine raue Stimme das wahllose Gemurmel. Die Aufmerksamkeit der Versammlung wandte sich in die Richtung des Störenfrieds. Der Mann mit dem grünen Umhang erhob sich mit einem breiten Grinsen. Schnellen Schrittes eilte er mit offenen Armen auf sie zu. Fuck, der hatte gerade noch gefehlt. Bei ihr angekommen, schaute er tief in ihre Augen und fuhr mit einem Finger über ihre Wange. Ein kalter Schauer durchfuhr Mayas Körper, doch wagte sie nicht zurückzuschrecken. Diesen Gefallen würde sie ihren Peinigern nicht tun. Der Mann zwinkerte ihr elegant zu. »Ich schätze die Katze ist aus dem Sack, Amore.«
Ruhe im Sturm. Maya kniff die Lider fest zusammen. Ein Pochen in ihrem Kopf hinderte sie daran, einen klaren Gedanken zu fassen. Anker im Chaos. Mit angehaltenem Atem presste sie die Lippen aneinander. Jetzt war es aus. Die brünette Frau schien genauso überrumpelt zu sein wie sie und räusperte sich. »Was soll das heißen, Enzo, was meinst du damit?«
»Ist das nicht offensichtlich?« Enzo hob spielerisch die Augenbrauen und wandte sich abermals Maya zu, die ihre Augen langsam wieder öffnete. »Wir wollten es zwar noch etwas länger geheim halten …«
Ehe jemand der Anwesenden reagieren konnte, beugte er sich zu Maya hinunter. Seine Lippen trafen die ihren zu einem leidenschaftlichen Kuss, der das Geschehen um sie herum für einen Moment zum Stillstand brachte. Maya riss die Augen auf, doch ihr Körper rührte sich nicht, gab im Gegenteil nach. Der Bart des Fremden kratzte erbarmungslos gegen ihre weichen Wangen. Seine weichen Lippen erkundeten ihre, als suchten sie nach Halt. Egal, was das hier werden sollte, es war ihre einzige Chance. Ein heißer Schauer kroch über ihren Rücken. Ihr unverhoffter Retter schlug seine leuchtend grünen Augen auf und starrte sie eindringlich an. Maya verstand die unausgesprochenen Worte und ließ sich vollends fallen und erwiderte den Kuss. Es musste echt aussehen, da waren sie sich einig. Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten sich Enzos Lippen von ihr und formten erneut sein schiefes Grinsen. »Verzeih mir den Schreck, Amore.«
Maya entgegnete nichts und nahm stattdessen instinktiv seine Hand. In Gedanken streckte sie der brünetten Mafiosa die Zunge entgegen und richtete ihren Blick auf Enzo. »Können wir gehen?«
»Was auch immer du willst, Amore«, erwiderte er mit einem Zwinkern und geleitete sie quer durch den Raum. Auf einen Wink seiner Hand stand eine Gruppe Personen auf und folgte ihnen. Auf dem Weg zur Tür spürte Maya jeden einzelnen Blick der anderen Mafiosi. Im Raum lauerte zwar immer noch Tratsch in allen Ecken, doch schien er mittlerweile auf weniger mörderischen Absichten zu beruhen. Ein falscher Schritt konnte ihr Ende in diesem Spiel bedeuten, das sie nur Minuten zuvor eigentlich bereits verloren hatte. Schwer atmend linste sie zu dem Mann hinüber, der sich zu ihrem Freund ernannt hatte und mit selbstgefälligem Lächeln vorausstolzierte.
Erst als Enzo eingestiegen war und die Autotür zugezogen hatte, wagte sie es, wieder das Wort zu ergreifen. »Was war da … «
Gelassen streckte er seine Hand aus und legte einen Finger auf ihre Lippen. Mit seinen Augen deutete er unauffällig auf den Fahrer vor ihnen. Auch als Maya ihren Retter mit gerunzelter Stirn anstarrte, ließ er sich nichts anmerken und zog sie nah an sich heran. Enzo beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. Dicht an ihrem Ohr säuselte seine raue Stimme ihr ein einziges Wort zu. »Später.«
Das gleichmäßige Brummen des Automotors war in der folgenden Stille wie ein beruhigendes Mantra. Erst nach und nach wich die Anspannung aus ihren Muskeln und nahm sie das ungewohnte Gefühl von Enzos Körperwärme an ihrem Arm wahr.
Wie betäubt sah sie die bunten Lichter der Stadt am Fenster vorbeiziehen. Wo war sie da nur wieder reingeraten. Wenn Sam das hörte, würde dey sich in deren gemütlichen Fernsehabenden bestätigt fühlen, und ehrlicherweise wäre sie auch lieber zu Hause geblieben, anstatt sich durch ihre Aktionen zu Tode zu arbeiten. Gähnend schmiegte Maya ihren Nacken an das flauschige Sitzpolster. Ihr Geist kämpfte gegen die aufkommende Müdigkeit an, zwang sie, sich immer wieder ruckartig aufzurichten. Der Kampf war von vorneherein aussichtslos, der Punch der unmittelbaren Todesgefahr hatte sie zu sehr mitgenommen, und so schlummerte sie gegen ihren Willen auf dem Autositz ein.
Dort stand sie nun, inmitten des ungebändigten Strudels aus anderen Kindern. Auf der linken Seite spielten sie lautstark Fangen, während von der rechten schrilles Gelächter schallte. Wie eine tosende Brandung. Alles schien in donnernden Fluten aufzugehen. Ganz gleich wohin ihre Sinne sich auf diesem unbeugsamen Meer zu behaupten versuchten, waren die turbulenten Wellen stärker – drohten gar, sie zu verschlucken. Ihr Herz pochte und signalisierte ihr, was sie längst wusste. Sie musste weg, ganz weit weg, ehe sie in all dem Chaos ertrank. Ihr Körper zitterte, reagierte auf keinen Befehl. Die Hände suchten verzweifelt nach etwas, das ihr Halt geben konnte.
Eine wohlbekannte Wärme tauchte von der Seite auf, umhüllte sie als ihr Fels in der Brandung. Die Präsenz flüsterte ihr ruhig zu. »Du schaffst das. Ruhe im Sturm. Anker im Chaos.«
Sie wollte widersprechen, doch stattdessen wiederholte sie mit geschlossenen Augen das Mantra – dann wieder – und noch weitere Male. Als sie vorsichtig die Augen öffnete, war das Chaos um sie herum genauso wie zuvor. Doch etwas war anders, an ihren Füßen spürte sie Sand. Das erbarmungslose Meer unter ihr war einer kleinen Insel gewichen.
Ein Finger stupste vorsichtig ihre Wange an. Grummelnd drehte sie den Kopf weg und entspannte ihre Muskeln wieder. Erneut spürte sie das Klopfen der Fingerkuppe, riss die Augen auf und fuhr nach vorne – ehe der Gurt sie zurück in ihren Sitz zog. Neben ihr saß immer noch der Mann mit dem grünen Umhang. Wenn er doch einfach plötzlich verschwunden wäre, aber das war wohl zu viel verlangt. Enzo grinste sie vielsagend an und deutete aus dem Fenster. »Wir sind da.«
Ohne die geringste Erklärung stieg er aus dem Wagen. Benommen starrte sie ihm hinterher. In der Dunkelheit der Nacht konnte Maya nicht mehr als Umrisse von Bäumen sowie den Rand einer Steinwand ausmachen. Ein perfekter Ort, um jemanden loszuwerden. Ihre Finger zitterten beim Versuch, die Autotür zu öffnen, doch sie stieg ohne zu zögern aus. Neben dem Wagen standen vier sauber geparkte Vans. In dem Moment erst bemerkte sie die unzähligen leuchtenden Augenpaare, die sie hinter den Scheiben anstarrten. Mit einem stummen Schrei in der Kehle stolperte sie rücklings direkt in Enzos Arme. In der Position blickte sie aus nächster Nähe auf seine grünen Iriden.
»Kein Grund zur Panik. Da sind nur ein paar Quälgeister neugierig«, wisperte er und half ihr wieder auf die Beine. »Gleich ist es geschafft.«
Kaum zurück im Gleichgewicht, riss sie sich los, bemüht, ihre Stimme ebenfalls gedämpft zu halten. »Wo sind wir?«
»An einem sicheren Ort«, erwiderte er etwas lauter, kramte einen Schlüssel heraus und führte sie zu den finsteren Umrissen einer Tür. Sowie er diese aufgeschlossen hatte, erstrahlte das gesamte Gebäude schlagartig in hellem Licht und gab die wahre Pracht des Anwesens zu erkennen. Maya kniff die Lider zusammen, blinzelte mehrfach. Enzos reichte ihr die Hand und half ihr hinein, bis sie wieder richtig sehen konnte. »Willkommen in meinem bescheidenen Zuhause, Amore.«
Maya rollte mit den Augen. Erst jetzt hörte sie von draußen das Schließen einiger Autotüren. Sie folgte Enzo bis vor eine dunkle Holztür. Mit einer gespielten Verbeugung öffnete er sie und deutete hinein. Kein Ziegenbock hinter der Tür, aber ob das die Wahrscheinlichkeit ihres Überlebens begünstigte oder schmälerte, konnte sie nicht einschätzen. Seufzend nickte sie und trat ein, gefolgt von ihrem vermeintlichen Retter.
Sobald Enzo die Tür hinter sich geschlossen hatte, stürzte Maya auf ihn zu. »Also, warum hast du mir geholfen?«
»Brauchte ich dafür etwa einen Grund«, antwortete er mit gespielt überraschter Miene.
Maya wiederholte ihre Frage in kompromisslosem Tonfall. »Warum?«
»Bist du ein Cop?«
»Nein«, entgegnete sie seufzend und ließ sich auf ein gelbes Sofa fallen. Sams Hemd klebte an ihren Schultern. »Ich bin – Journalistin.«
Unbeeindruckt schlenderte Enzo zu einem kleinen Glasschränkchen und schenkte zwei Gläser Whiskey ein, ehe er sich neben ihr niederließ. »Das erklärt so einiges. Wolltest du deine Karriere durch eine letzte große Schlagzeile retten oder bist du ohne Grund dermaßen lebensmüde drauf?«
Als Maya keine Hand rührte, exte er schulterzuckend eines der Gläser, nur um an dem zweiten leicht zu nippen. Maya zupfte mit ihren schwitzigen Handflächen an den Ärmeln des Hemdes. »Kein Kommentar, zumindest nicht, so lange du meinen Fragen ausweichst.«
»Na schön«, seufzte er und nahm einen Schluck, den er genüsslich zelebrierte. »Sagen wir, ich war von deinem Mut beeindruckt und bin eben eine gute Seele. Wie klingt das?«
»Nach ziemlichen Bullshit«, blaffte Maya zurück und sprang auf. Verarschen konnte sie sich selber – warum musste der sich alles aus der Nase ziehen lassen und selbst dann nichts als Lügen von sich geben. Mit verschränkten Armen lief sie in dem geräumigen Zimmer auf und ab. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie ein barockes Himmelbett und andere ebenso alt wirkende Möbelstücke. Ein Klirren hinter ihr ließ sie aufschrecken, doch war es nur Enzo, der sich Nachschub einschenkte. »Das ist deine ganze Reaktion?«
Der Mafioso fuhr sich mit den Fingern über seine Schläfen und zwinkerte ihr zu. »Du fragst, ich antworte. War das nicht genau das, was du wolltest?«
Maya ballte die Fäuste, versuchte das aufsteigende Brennen in ihrer Kehle zu unterdrücken. Wie gerne würde sie jetzt diesen verdammten Glasschrank umwerfen. Stattdessen begnügte sie sich damit, sich ihre Fingernägel erbarmungslos in die Handflächen zu bohren. Sie atmete tief durch, kramte ihr Handy heraus und hielt es ihrem unliebsamen Retter mit rotem Gesicht entgegen. »Das Gespräch wird nicht aufgezeichnet, falls das deine Sorge ist. Ich will nur wissen, was für ein Spiel hier gespielt wird.«
Enzo stapfte mit zwei neuen Gläser auf sie zu, langsam und aufrecht. Erst als er bei ihr ankam, bot er ihr mit einem Lächeln eines an. Der Typ war auch nicht viel besser als eine kaputte Schallplatte. Mit gerümpfter Nase nahm Maya das rötliche Getränk entgegen, beschnupperte es. Lachend ließ Enzo sich wieder auf dem Sofa nieder. »Cranberrysaft, ich wäre doch ein miserabler Gastgeber, wenn ich dir noch mal das gleiche anbieten würde.«
Das Schnuppern bestätigte zumindest die Abwesenheit von Alkohol. Schulterzuckend nahm Maya einen Schluck – diesmal hatte er nicht gelogen. Vielleicht ein Anfang.
Maya blieb stehen, wagte aber einen weiteren Versuch. »Bitte, ich würde nur gerne meine Situation einschätzen können.«
Enzo nickte und lehnte sich zurück. »Du hast von mir nichts zu befürchten, falls das deine Sorge ist.«
»Für Angst bräuchte ich konkretere Details«, konterte Maya, wich dabei aber seinem Blick aus. Schmunzelnd fuhr Enzo fort. »Erinnerst du dich an die Frau, die deine Tarnung enthüllen wollte?«
Maya schwieg.
»Natürlich tust du das. Kurz gesagt, das Klima zwischen den Familien war zuletzt etwas angespannt. Die beste Lösung für die Alten ist es, dieses Machtvakuum durch eine einzige starke Partei zu lösen«, brummte er mit rauer Stimme und geriet ins Stocken. Sein Blick ging an ihr vorbei gen unerreichbare Leere. »Nennen wir es euphemistisch eine Hochzeit.«
»Ihr beide?«
»Oh, ich hoffe doch nicht.« Er stellte das halb volle Glas ab, richtete seinen Umhang. »Ich schätze meine Unabhängigkeit mehr als alles andere.«
Maya betrachtete die Umgebung etwas genauer. Welche Schalter musste sie drücken, um diesen Grobian zu überlisten? Sie suchte Inspiration in der mafiösen Inneneinrichtung. Was auf dem ersten Blick wie ein edles, unnahbares Zimmer wirkte, war in den Ecken mit Ramsch und Klamotten vollgestapelt. »Dann hast du mich benutzt, um aus der Sache herauszukommen – so einfach?«
»Ziemlich genial, oder?«
»Geht so, euer Machtvakuum besteht immer noch, und ich darf mir ab jetzt jeden Tag über die Schulter schauen, ob mich nicht jemand abmurksen will.« Sie lehnte sich gegen die kalte Tür hinter sich. »Das ist doch totaler Mist.«
»Hey«, erhob er seine Stimme, zügelte sich jedoch nach dem ersten Aufruf wieder. »Die Zielscheibe hast du dir selbst verpasst. Ich habe dir einen Freifahrtschein da raus geschenkt – bisher habe ich noch kein Danke gehört.«
Das Glas zitterte in ihrer Hand, ihre Zähne knirschten wild aneinander. Wie dreist kann man sein. »Weil du es ja aus reiner Herzensgüte getan hast.«
»Vielleicht nicht, aber hier sind wir jetzt«, brummte er und fuhr sich über den Bart. »Wenn du willst, kannst du jederzeit gehen. Ich werde dich nicht aufhalten.«
Das musste er ihr nicht zweimal sagen. Maya riss die Tür auf und stiefelte in den stockfinsteren Gang. Vom anderen Ende drang Stimmengewirr zu ihr, vielleicht auch Schritte. Schlagartig verspannten sich ihre Schultern, ihr Atem verlor seinen Rhythmus. Rasch kehrte sie zu Enzo zurück. »Du wirst mich nicht aufhalten, aber wie sieht es mit den anderen aus?«
»Oh, weil sie Mafiosi sind oder was«, erwiderte er und zog eine Schnute. »Meiner Freundin würden sie und auch niemand sonst etwas antun. Einer dahergelaufenen Journalistin hingegen – wer weiß das schon.«
Was für ein Arsch. Keuchend und grimmig nach Luft ringend, starrte sie Enzo an. »Sag schon, was willst du von mir?«
