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Mut gegen Konvention, Liebe trotz Verbot. Sie kennt nur zwei Wege nach vorn: arbeiten oder aufgeben. Florence Glitsch entscheidet sich für beides nicht - sie kämpft. Genf zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zwischen Fabriklärm und feinen Salons pflegt Florence ihre kranke Mutter und träumt von der Krankenpflege. Als ihr Wunsch scheitert, erkämpft sie sich einen Platz an der Seite eines Chirurgen - ein Umfeld, das Frauen nicht vorsieht. Mit unbeugschem Willen trotzt sie Armut, Gerede und Hierarchien. Doch je höher sie steigt, desto deutlicher spürt sie das Verbot, dem Herzen zu folgen: eine Liebe, die nicht sein darf und sie doch ein Leben lang begleitet. Die Stadt wird zur Bühne ihres Werdens, das Krankenhaus zum Prüfstein. Berufung, Pflicht und Sehnsucht kollidieren - und Florence muss entscheiden, welche Freiheit sie zu verteidigen bereit ist. Ein historischer und biografischer Roman über Selbstbestimmung, gesellschaftliche Zwänge und die Kraft einer Frau, die ihren Weg geht. Welche Wahl bleibt, wenn die Welt Nein sagt und das Herz Ja?
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Vorwort
Die Ziege
Mein Vater
Pressy
In der Stadt
Meine Mutter
Die Geschwister meiner Mutter
Der Garten von Servette
Schulfreundinnen
Am Chemin Liotard
Das Sommerfest
Ferien in den Bergen
Das erste Kriegsjahr
In den Rhone-Bädern
Mein Bruder Bernard
Meine Schwester Marguerite
Meine Schwester Germaine
Das Internat von Montmirail
Nach dem Internat
England
Verlobung
Der entscheidende Ball
Ferien in Toulon
Arbeitssuche
Paris
Arbeit in der Arztpraxis
Beginn der plastischen Chirurgie
Die Wohnung an der Rue du Rhône
Fliegen
Auto- und Motorradrennen
Arbeit in der Klinik
Ein Treffen in Vienne
Pannen mit Autos
Der Sommer 1939
Während des Zweiten Weltkrieges
Alte Häuser
Ein schwieriges Jahr
Erfahrungen mit Hausangestellten
Patientinnen
Wiederherstellungsoperationen in London
Dr. Henri Koechlin
Boote
Le Ricochet
Reisen
Kreuzfahrten
Ferien in Holland
Kongresse
Henris 75. Geburtstag
Yvonne
Ende der Arbeit
Rolle
Rückblick
Herzinfarkt
Schlusswort 1983
Nachwort
Dies ist die authentische Geschichte eines kleinen Mädchens, das im ersten Jahr des 20. Jahrhunderts geboren wurde und mit ihm alt wurde, bis es dem 21. Jahrhundert weichen musste. Sie hat uns eine Menge zu erzählen.
Ältere Menschen werden hier Erinnerungen an die gute alte Zeit finden, denn das Leben war noch angenehm. Man fand engagierte Bedienstete, Frauen vermochten abends allein auszugehen, ohne in Gefahr zu laufen, überfallen zu werden, wie es früher der Fall war und heute wieder der Fall ist. Man konnte beruhigt auf das Klingeln an der Haustür reagieren, ohne vor Betrügern zu stehen, die einem um sein Hab und Gut bringen.
In den Geschäften wurde man von eifrigen Verkäufern bedient. Es gab noch keinen Selbstbedienungsladen, bei dem man selbst mühsam Waren suchen musste. Im Restaurant musste man nicht sein Tablett mit erbärmlich kalten, in Massen produzierten Speisen an der Selbstbedienungstheke wählen. Das Reisen war mühelos, an allen Bahnhöfen gab es Träger, die sich um das Gepäck kümmerten. In den Hotels der Grossstädte war man keine Nummer.
Ältere Menschen werden diese Seiten mit etwas Wehmut lesen. Sie geben einen Einblick in das Leben nach dem Krieg von 1914, des englischen Hochadels, später in neureiche Familien auf dem Kontinent und in viele andere Milieus.
Die jüngeren Leser finden hier die Geschichte einer jungen Frau, die mit sehr geringen finanziellen Mitteln, mangels höherer Bildung und ohne Abschluss, aber dank ihres Willen, sich entschloss, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Sie ging verschiedene Verpflichtungen ein und führte sich in etliche Berufe ein. Ihre anfängliche Jugend und Unerfahrenheit wurde ausgenutzt. Sie wurde sowohl von gut gebildeten Familien als auch von einfachen Menschen geschätzt. In vielen Fällen musste sie so viel mühevolle Arbeit wie möglich verrichten und dabei ihr Selbstwertgefühl zurückstellen, das manchmal auf eine harte Probe gestellt wurde.
Nach all dem hat sie durch ihre Anstrengung und ihren Willen eine beneidenswerte Position erreicht. Ich schätzte sie wegen ihrer Kompetenz als Operationsassistentin bei rund 15'000 Eingriffen und gelegentlich auch als Operateurin unendlich. Sie wurde von allen, die sie kannten, geliebt, sei es angesichts ihrer Liebe, die sie zu verschenken wusste, oder wegen ihrer grenzenlosen Grosszügigkeit, sowohl was materielle Geschenke als auch die Selbsthingabe an die Menschen in ihrer Umgebung betraf. Die Patientinnen, die sie pflegte, erzählten so oft, wie sehr sie ihre Sanftheit und Kompetenz geschätzt haben. Schliesslich erlebten wir eine überaus grosse Liebe, die bis zum Ende unseres gemeinsamen Lebens immer stärker wurde.
Dr. H. Koechlin
Dr. Henri Koechlin, in der Praxis an der Rue du Rhône, Genève
«Vraiment ma petite Florence vous êtes une chèvre hors du chemin», so drückte es eine Lehrerin im Herrnhuter Internat Montmirail in der Nähe von Neuchâtel aus, als sie sich an ein 15-jähriges, schwarzhaariges Mädchen mit einem charmanten Gesicht wandte. Denn dieses verhielt sich nie so wie ihre Mitschülerinnen. Schon in ihrer Jugend gehorchte sie keiner geltender Regel und diese Tendenz blieb ihr bis ins hohe Alter erhalten. Denn der Weg, den sie einschlagen sollte, wurde ihr nur durch spontane Impulse vorgegeben, die es ihr erlaubten, ihre Talente und die Schätze ihres Herzens auszugeben.
Aber wer war dieses Kind, das ihre Lehrerin kritisiert hatte? Es wurde im ersten Jahr des 20. Jahrhunderts geboren und als ob sich die Natur bei der Familie dafür entschuldigen wollte, dass sie ihr ein unerwünschtes fünftes Kind geschenkt hatte, brachte sie, fast zögernd, ein winziges Baby zur Welt. Es war so klein, dass ihre Schwestern ihre Puppen ausziehen mussten, um es mit der nötigen Kleidung zu versorgen. Denn die für ein normales Kind vorbereitete Babywäsche passte ihr nicht. Ihre Mutter bevorzugte eine einfache Porzellanschale, um sie nicht in der Badewanne zu verlieren. Florence wurde von ihrer Mutter verhätschelt und diente ihren Schwestern als lebende Puppe. Damals gab es keine Stärkungsmittel, wie sie heute den Kindern verabreicht werden. Man ernährte sich lange Zeit von Milch und wenig nahrhaftem Brei. Dennoch entwickelte sie sich normal und erlangte ungeahnte Kräfte, die es ihr ermöglichte, ihr ganzes Leben lang in den verschiedensten Berufen aktiv zu arbeiten.
Ich wurde in Pressy in einem grossen Haus geboren, das von einem schönen Garten umgeben war. Das Haus bestand aus einem grossen Wohnzimmer, einem Esszimmer mit Veranda, dessen Glaswände in der Sonne spiegelten, einem Arbeitszimmer für den Hausherrn und einer Küche, wie sie heute nicht mehr gebaut wird. Von der Eingangshalle führte eine Treppe in den Korridor des ersten Stocks hinauf, wo sich die Schlafzimmer befanden. Zu viele Zimmer für eine einzige Familie. Nur ein junges Dienstmädchen half der charmanten Hausherrin. Es gab einiges zu tun, denn neben mir gab es noch drei ungestüme Kinder, die nicht nur das Haus zum Toben nutzten, sondern auch den angrenzenden Bauernhof mit seinem leeren Stall. Nur ein paar Hühner hausten im hinteren Teil des Gartens. Es war ein wunderschöner Garten, der durch hohe Kiefern von der Strasse abgeschirmt war, mit Blumenbeeten, die man vom langen Balkon aus überblicken konnte, der wie ein Band das ganze Haus umspannte. Er war geschmückt von Kletterrosen mit gelben Blüten, Glyzinien und wildem Wein, der wartete, bis die Rosen ihren Glanz und ihr Leben verloren hatten, um dann seine schönen Farben über die ganze Fassade zu verteilen.
Mein Vater installierte eines Tages einen Gasboiler im Badezimmer, aber das Lüftungsrohr war verstopft. Er bemerkte beim ersten Versuch nicht, dass Gas in den Raum strömte. Dabei verlor er für einen Moment das Bewusstsein und erzählte uns Kindern dann, dass er in dieser kurzen Zeit einen schönen Traum über sein geliebtes Russland hatte.
Geburtshaus von Florence in Pressy (Aufnahme von 1920)
Mein Vater1 war Mitte des 19. Jahrhunderts in Sarepta (Russland) einer Wolga-Kolonie, als Sohn eines strengen Pfarrers geboren worden, der keine Abweichungen von seinen Anordnungen zuliess. Mit ihm hatten seine zwölf Geschwister keinen Mangel an Platz zum Herumtollen, denn das Anwesen war gross. Um es zu durchqueren, verfügten sie über kleine Araberpferde, die sie gerne ritten.
Dieser Pfarrer, mein Grossvater2, war gutherzig zu den Armen. Wenn sie obdachlos oder unterernährt waren, nahm er sie in sein Haus auf und gab ihnen zu essen. Die Bedürftigen begaben sich nie mit leeren Händen nach Hause. Manchmal enthielten ihre Taschen ein paar Silberlöffel, die sie bei ihrer Abreise wieder abgeben mussten. Es war immer noch das Russland der Zaren, aber die Armen dieser Zeit waren womöglich glücklicher als die Menschen, die nach der Revolution von 1917 unter einem Regime der Angst lebten.
Die Grosseltern, Marie Luttringshauser und Alexander Glitsch
In Russland herrschten zu dieser Zeit strenge Vorstellungen über die Erziehung und mein Vater hatte selbst extrem darunter zu leiden. Mit 15 Jahren lehnte er das von seinem Vater vorgeschlagene Theologiestudium ab. Es war eine Familientradition, dass die ältesten Söhne Pfarrer werden sollten. Nach dieser strikten Ablehnung wurde er aus dem Haus geworfen, verliess das väterliche Dach und zog los, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es war nicht leicht für ihn. Er verliess Russland und fand in Deutschland, nach Abschluss des Technikums in Böhmen, Arbeit in einer grossen Kesselschmiede, wo er viele praktische Tätigkeiten lernte. So kam er in die Schweiz und erfand ein Verfahren zur Beleuchtung und Beheizung mit Benzingas durch ein ausgeklügeltes System und gründete eine kleine Fabrik3, die sich schnell entwickelte. Das Gas, das seinen Namen trug (Gaz Glitsch), wurde in vielen Haushalten und Fabriken in mehreren Ländern verwendet. Vor dem Krieg von 1914 war noch nicht überall Strom und Gas installiert, wie es heute der Fall ist.
Walter Glitsch (Foto aus dem Jahr 1882)
Man bot ihm verschiedene Stellungen an, eine davon in der Automobilfabrik Pic-Pic in Genf. Oder eine in Amerika, um sich um die Beleuchtung der Niagarafälle anzunehmen. Er zog es vor, sich um sein Gas zu kümmern, und bot Letzteres einem Freund an, der es annahm und dort ein Vermögen verdiente.
Aber dieser Erfinder machte seiner Frau das Leben durch die Ungewissheit des nächsten Tages schwer. Er hätte sich gerne von den Familienlasten befreit, um die verschiedenen Patente für seine Erfindungen zu erwerben und weiterzuentwickeln. Meine Mutter, die vier Kinder hatte, wollte sich nie scheiden lassen.
Meine Mutter wurde, als sie verlobt war, von einem Bankier umworben, der es später zu etwas gebracht hatte. Aber mein Vater sprach ihr wegen seiner Originalität mehr zu. Und wer weiss, ob es nicht ihm zu verdanken ist, dass meine Schwestern einen solchen Sinn für Kunst hatten. Insbesondere Germaine, die mit einem so aussergewöhnlichen Talent begabt war und zum Zeitpunkt ihres Todes mit 45 Jahren auf dem Höhepunkt ihres Schaffens stand. Marguerite, die sich für alle Künste begeisterte, malte vorzüglich. Was mich betrifft, die voller künstlerischer Talente bin (Skulpturen, Stickereien, Gemälde) so habe ich von meinem Vater den unabhängigen und temperamentvollen Charakter geerbt, der nach der Waage (meinem Sternzeichen) so schnell nach unten, wie nach oben geht. All das verdanke ich mit grösster Wahrscheinlichkeit meinem Vater, einem Geist, der nie nach Reichtum strebte, aber unerbittlich streng in Bezug auf Ehrlichkeit war.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte mein Vater es zunehmend schwerer, seine Familie zu ernähren. Alle seine Arbeiten wurden aufgrund des Benzinmangels eingestellt. Die Firma existierte nicht mehr, sein bester Mitarbeiter musste kündigen, weil er Deutscher war. Jeden Tag ging er in sein Büro, um weiter verschiedene Geräte zu erfinden, unter anderem eine Taschenlampe, die praktischer war wie die damals üblichen. Bei einer Ausstellung neuer Erfindungen wurde diese ausgezeichnet. Er hatte sich angewöhnt, etliche Stunden seines Tages mit Spaziergängen im Parc de la Grange zu verbringen, wo er sich für Vögel, Eichhörnchen usw. interessierte und beobachtete. Dazu hatte er früher nie Zeit gehabt, solange er so hart gearbeitet hatte. Sein Charakter wurde weicher. Seine Töchter begannen, ihn wirklich zu lieben, und er verstand sie besser. Er besuchte oft seine Schwägerin Sophie Barrelet in der Rue Senebier. An einem Sonntag, als er sich dorthin begab, fühlte er sich übel und ein Taxifahrer brachte ihn nach Hause, wo er kurz darauf im Alter von 70 Jahren starb.
Erst später wurde mir klar, dass ich leider zu wenig Kontakt zum Vater hatte, dessen Charakter ich als schwierig und selbstlos empfand. Er war nie daran interessiert, Geld zu verdienen, und die verlockenden Angebote, die er erhielt, reizten ihn nicht. Er war vorwiegend ein Erfinder, der nach Möglichkeiten suchte, Maschinen oder Utensilien des täglichen Gebrauchs für jedermann zu verbessern. Die Last einer Familie mit Kindern war für ihn immer schwierig.
Die Eltern von Florence, Walter Glitsch und Julia Leyvraz
1 Walter Glitsch, 1859 Sarepta (Russland) - 1929 Genève
2 Alexander Glitsch, 1826 Sarepta (Russland) - 1907 Herrnhut
3 An der Rue de la Poterie 19, Genève
Ich wuchs in Pressy4 heran und wurde langsam stärker. Bei klarem Wetter spielte ich mit meinen Schwestern im Garten oder, wenn die Witterung es nicht zuliess, brüteten wir uns gemeinsam Spiele aller Art auf den Dachböden von Haus und Hof aus.
Unser Vater hatte in einem der wenig genutzten Flure dieses grossen Hauses eine Schaukel und verschiedene Turngeräte aufgestellt. Und ich, immer bereit, etwas anderes zu tun, schaukelte auf dem Bauch. Eines Tages glitt ich von der Schaukel und landete kopfüber am Ende des Flurs, mit abgebrochenen Zähnen, die zum Glück nur Milchzähne waren. Mein Kopf hatte eine grosse Beule, und das war nur einer der vielen Stürze, die ich verüben würde.
In diesem Korridor stapelten sich sperrige Dinge. Vor allem die unbrauchbaren Möbel, die die Mutter abstossen wollte. Aber wir Kinder, mit unserer überbordenden Fantasie, die mit allen gewöhnlichen Gegenständen grandiose Paläste bauten, mochten sie nicht loswerden.
Sonntags versammelte die religiöse Mutter uns Kinder um sich. Wir sassen auf Kissen, während sie uns ein Kapitel aus der Bibel vorlas. Ich schien daraus keine Lehren für die Zukunft zu ziehen, denn mein Leben war ein ständiges Streben nach Unabhängigkeit, und wie wir später sehen werden, wurde ich dazu verleitet, ausserhalb der traditionellen und familiären Gesetze zu leben.
Wir müssen meinem Vater, der so streng in der Erziehung war, gerecht werden. Dank ihm war Weihnachten etwas, das ich unendlich schön fand, weil es die ganze Familie mit den gleichen Gefühlen zusammenbrachte. Dieser ebenso erfinderische Vater bereitete für jeden 24. Dezember Dekorationen zum Thema der Geburt Jesu vor. Alle Jahre anders, eine ganze Ecke des Wohnzimmers einnehmend, mit einem grossen, in herrlichen Farben bemalten Karton, der Bethlehem als Hintergrund darstellte. Die Krippe war ein Wunderwerk der Konstruktion, mit den kleinen Figuren, die vom Grossvater, Pfarrer in Russland, geerbt waren. Sie waren wahrhaftige Kunstwerke, mit dem Ochsen und dem Esel, wie es üblich ist. Zu diesem Anlass wurde der Salon einige Tage im Voraus für uns Kinder geschlossen. Am Abend des 24. Dezembers warteten wir hinter der Tür. Beim Ertönen des Weihnachtslieds, das unsere Mutter auf dem Klavier spielte, traten wir ein, geblendet von den lebendigen Flammen der vielen Kerzen, die auf den Zweigen des Baumes befestigt waren, der in der Mitte des Wohnzimmers stand. Er war nur mit Nüssen behängt, die unsere Mutter mit Gold- oder Silberpapier umwickelt und zwischen Äpfeln aufgehängt hatte, deren Röte den Kerzenschein reflektierte. Damals gab es noch keinen Christbaumschmuck zu kaufen. Heute werden zu diesem Zweck alle möglichen Gegenstände aus aller Welt verkauft, die aber leider oft einen schlechten Geschmack haben.
Zu meiner Taufe hatte die Mutter beim Bäcker in Vandoeuvres eine grosse Torte bestellt, herrlich garniert mit Zuckerrosen, Blättern aus Marzipan und Silberkugeln. Der Vater lief die Route de Pressy hinunter, um dieses Meisterwerk zu holen. Er brachte sie mit grösster Vorsicht zurück und legte sie auf eine grosse, von meiner Mutter bemalten Platte. Die Eltern warteten auf dem Balkon über der Strasse, von der aus man eine herrliche Sicht auf den Mont Blanc hatte, auf die Gäste. Sie beachteten nicht, dass ihre älteste Tochter Marguerite, die sechs Jahre alt war, einen Blick in den Speisesaal warf und von der bezaubernden Dekoration der Torte magisch angezogen wurde. Man muss dazu sagen, dass wir Kinder in unserer Jugend nicht verwöhnt wurden und dass es Süssigkeiten nur zu aussergewöhnlichen Gelegenheiten gab. Marguerite bewunderte dieses für sie so neue Kunstwerk und konnte dem Wunsch nicht widerstehen, es zu probieren. So hatten ihre kleinen Finger schnell irreparable Schäden in dem feinen Stück Gebäck angerichtet.
In meiner Kindheit in Pressy war es immer notwendig, einen schönen Vorrat an Butter, Brot und Marmelade für die Sonntage im Sommer zu haben. Viele Freunde schätzten es, von der Strassenbahnhaltestelle, die sie aus der Stadt brachte, zu diesem so einladenden Haus zu kommen. Sie sonnten sich auf der Terrasse. Die Dame des Hauses servierte Tee und mein Vater, der sich freute, seine Freunde wiederzusehen, unterhielt sich mit ihnen. Inzwischen spielten wir Kinder im Garten, denn wir waren zu viert. Mein älterer Bruder Bernard5, der etwa 13 Jahre älter war als ich, und zwei Schwestern, Marguerite6 und Germaine7, die schon bei meiner Geburt entzückende Mädchen waren.
Ich hatte oft verrückte Ideen, die manchmal unpassend und oft neckisch waren, wie diese hier: Meine Mutter empfing oft Freundinnen aus der Stadt, die gerne aufs Land zogen. Bei dieser Gelegenheit waren wir Kinder am Tisch nicht erwünscht, sondern wurden vom Dienstmädchen in einer Ecke des Gartens bedient. An einem heiteren Tag war im Esszimmer alles für einen ländlichen Tee mit Toast, Butter und Marmelade vorbereitet. Da es in der Gegend keine Konditorei gab, bot unsere Mutter nur das an, was sie zu Hause hatte. Ich hatte eine teuflische Idee. Ich kletterte mit einem Messer auf den Tisch, schnitt Butter ab und verteilte sie auf allen Stühlen rund um den Tisch! Bei dieser Begebenheit bekam ich eine schöne Tracht Prügel von meiner Mutter. Aus Angst vor den oft heftigen Reaktionen ihres Mannes zog sie es vor, ihn nicht darüber zu informieren.
Damals gab es noch kein Radio oder Fernsehen, sodass wir Kinder nur mit unserer Fantasie eine Menge Spass hatten. Wir erzählten uns einander schreckliche Geschichten über Abenteuer, die wir nie erlebt hatten! Wie glücklich waren wir Mädchen, eine Mutter zu haben, die immer damit einverstanden war. Sie erlaubte uns, beim Spielen die unbeschreiblichsten Sachen anzurichten, aber nur unter der Bedingung, dass wir es bis zum Abendessen wieder in Ordnung brachten. Dies geschah in den Jahren, in denen man den Eltern ohne Widerwillen gehorchte, ohne dass sie es zweimal wiederholen mussten.
Der Garten war voller Verstecke. Ein riesiger Busch aus grossem Schilf breitete sich in der Mitte des Gartens aus. Er bot ein willkommener Unterschlupf, wenn wir Mädchen Verstecken spielten. Zwei alte Bäume, die sich über der Terrasse neigten und mit einem dicken, weichen, grünlich-gelben Moos bedeckt waren, halfen uns, unseren Gleichgewichtssinn zu trainieren. Wenn die Mutter auf dem Klavier «La marche des Pèlerins» spielte, nahmen wir drei Töchter grosse Säcke mit Stoffresten von unseren zahlreichen Kleidern, schritten im Gänsemarsch mit den Säcken auf dem Rücken umher. Wir sangen, während wir mühsam durch das ganze Haus und den Garten stapften.
Mein Vater verkaufte dieses grosse Haus mit Verlust, denn in unserer Familie hatte man es nie verstanden, sich ernsthaft mit Geldfragen zu beschäftigen. Er war nicht der Einzige! Mein Vater ahmte es einem befreundeten Arzt nach, der keine Ahnung hatte, wie man eine Steuererklärung macht. Dieser steckte einfach jeden Tag das, was er verdiente, in einen Schuhkarton, aus dem seine Frau für den Haushaltsbedarf herausholte, was sie benötigte. Was am Ende des Jahres übrig blieb, wurde steuerlich deklariert! Dies geschah in gutem Glauben und er war erstaunt zu erfahren, dass er falschlag. Zugegebenermassen erfuhr ich nie viel mehr über diese Schwierigkeiten und benötigte im Leben jemanden, der sich darum kümmerte. Die Ergebnisse wären sonst miserabel. Ich hasste alles, was mit Zahlen zu tun hatte.
Das Haus in Pressy wurde auch deshalb 1912 verkauft, weil die Entfernung zur Schule für alle ein Problem wurde. Ein langer Fussweg trennte uns von der Strassenbahn, die hinunter in die Stadt fuhr. Dies machte es für Eltern und Kinder schwierig. Die Mutter war froh, in eine Wohnung in die Stadt zu ziehen, wo es all diese Beschwerlichkeit nicht gab. Für die Mutter, die schon unter Rheuma litt, war dieses Leben zu anstrengend. Sie vermisste das Landleben, für das sie nicht geschaffen war, keinen Augenblick.
4 Weiler der Gemeinde Vandoeuvres, Genève
5 Bernard Glitsch, 1888 Eaux-Vives - 1982 Binningen
6 Marguerite Glitsch, 1895 Pressy - 1970 Genève
7 Germaine Glitsch, 1896 Pressy - 1942 Genève
So zog die Familie von der Villa in Pressy in die Stadt Genf an den Boulevard Helvétique in eine grosse Wohnung. Der lange Flur war durch eine Trennwand von einer netten Familie getrennt. Der Vater dieser Familie war Zahnarzt und sein ältester Sohn, im gleichen Alter wie ich. Wir wurden unzertrennliche Freunde. Spaziergänge, Knabbereien und Wanderungen am Fusse des Salève unternahmen wir immer gemeinsam. Der Vater dieses jungen Freundes war gut und liebenswert. Seine Frau war gross und wurde von mir insbesondere wegen ihrer mit Vogelflügeln besetzten Hüte bewundert, die sie grösser erscheinen liess. Wir beiden Kinder, jedes in seinem Zimmer, kommunizierten durch Klopfzeichen an die Wand und erfanden so eine Art Geheimsprache.
Später ereignete sich für diese Familie eine schreckliche Tragödie. Ein Gesetz wurde verabschiedet, welches es den Zahnmechanikern verbot, als Zahnärzte zu praktizieren. Da er keinen Abschluss in Zahnmedizin hatte, musste er alle seine treuen Klienten aufgeben. Er wurde neurasthenisch und da er suizidale Tendenzen hatte, begleitete ihn seine Frau und suchte ihn bei seiner Arbeit auf. Doch eines Tages wurde sie durch einen Telefonanruf aufgehalten und kam zu spät, um ihn zu begleiten. Er nutzte die Gelegenheit, kletterte über das Geländer und stürzte sich in die Rhone. Leider war niemand da, um ihn aufzuhalten. Sein Sohn, der den gleichen Beruf wählte, entschied sich, zu studieren und brach nach seinem Abschluss nach Amerika auf, um dort sein Studium fortzusetzen. Am Ende seiner Karriere zog er sich auf ein Anwesen in der Provence zurück, sodass ich ihn am Ende meines Lebens aus den Augen verlor.
Neurasthenie ist eine tragische Krankheit und anfällig für Rückfälle. Jahre später erfuhr ich, dass eine Familie, die im 5. Stock des Gebäudes lebte, in dem ich selbst wohnte, in ständiger Alarmbereitschaft war. Der Familienvater, der an dieser quälenden Krankheit litt, versuchte oft, über die Brüstung des Balkons ins Leere zu stürzen. Zur Zeit dieser Anfälle beobachtete seine Frau ihn ständig. Sie schloss alle Fenster und Läden. Eines Tages, als sie einer dieser Attacken beginnen sah, lief sie zum Telefon, um den Arzt zu rufen, wie er sie darum gebeten hatte. Doch ihr Mann nutzte diese Gelegenheit, um das Fenster und die Läden zu öffnen. In dem Augenblick, als seine Frau, ins Zimmer zurückkehrte, sah sie ihn ins Leere springen. Er stürzte auf das Trottoir, wo glücklicherweise niemand vorbeikam. An jenem Tag lag ich krank im Bett. Unverhofft sah ich ihn vor meinem Fenster als ein grosses schwarzes Paket herabstürzen. Nachdem ich mich aus dem Fenster gelehnt hatte, sah ich ihn zusammengerollt auf der Strasse liegen. Alle Bewohner des Hauses waren entsetzt und bemitleideten die unglückliche, engagierte Frau, die ein solches Schicksal erlitten hatte.
Die Dienstmädchen leisteten damals Arbeitsstunden, die für einen sehr geringen Lohn in der Tat ausbeuterisch waren. Ich lebte wie meine Schwestern mit der Vorstellung, dass sie nur dazu da waren, uns zu dienen und bei allen häuslichen Angelegenheiten zu helfen. Die meisten von ihnen wurden gut behandelt und gehörten zur Familie, wo sie jahrelang blieben und an allen Freuden und Leiden teilnahmen. Martha war eine tüchtige Frau, kräftig, gutmütig, immer gut gelaunt und mit einem riesigen Gebiss, wenn sie lachte! Sie war die Erste, die aufstand und sich nach den anderen hinlegte. Ihre letzte Aufgabe bestand darin, die Petroleumlampen, die auf der Innenseite der Fensterbank aufgereiht waren, auszublasen. Sie schnitt den Docht ab, der schnell verrusste, dicken Rauch abgab und schwärzliche Flecken im ganzen Raum hinterliess. In dieser Wohnung gab es keine andere Heizung als den Ofen im Flur. Die Türen wurden offengelassen, um etwas Wärme einzufangen. Wenn wir Kinder jedoch krank waren, oder bei sehr kaltem Wetter, wurde die grosse Petroleumlampe auf einem eisernen Dreibein in den Schlafzimmern angezündet. Sie war von starren Stangen umgeben, die die Nachthemden auf einem Drahtgeflecht trugen, damit sie sich sanft erwärmten. Das Glas der Lampe war am Sockel abgerundet und rot und verlieh dem Raum einen behaglichen Schein. Es war eine schöne Messinglampe, breit, bauchig und immer tadellos poliert.
Mein Vater verlangte, dass ich ihm abends seine Hausschuhe ins Wohnzimmer brachte. Im Sommer klappte alles bestens, es war hell, aber im Winter tappte ich im Dunkeln herum. Eines Abends, ich hatte es nicht eilig zu gehorchen, wollte mir das Dienstmädchen, die gutherzige Martha, helfen und ging vor mir, um im Dunkeln die Pantoffeln zu suchen. Als ich dann zum Kleiderschrank kam, um sie zu holen, sah ich eine weisse Gestalt auf dem Boden herumkriechen und ich schrie vor Angst! Der Vater kam mit der Petroleumlampe in der Hand, gefolgt von der Familie. Wir sahen Martha mit den Hausschuhen in der Hand stehen, ihre grosse weisse Schürze, die sich in der Dunkelheit bewegt hatte, liess mich annehmen, es sei eine arme Seele. Der Vater erklärte daraufhin Martha, dass es falsch sei, für die kleinen Dienste, um die er seine Kinder bat, helfen zu wollen. Martha blieb viele Jahre in der Familie, bis sie einen Krankenpfleger aus dem Irrenhaus Bel-Air kennenlernte, der sie heiratete und sie als Mitarbeiterin einstellte. Sie war kräftig und wurde in der Abteilung für Rastlose eingesetzt. Eines Tages half sie, einen Verrückten festzuhalten, der ihr so heftig in den Bauch trat, dass sie an den schweren inneren Verletzungen starb.
Jetzt, im Alter, denke ich an all die kleinen Dinge, die mich als Kind beglückten. Wenn ich meine Kindheit vergleiche mit derjenigen der Kinder, die am Ende des Jahrhunderts geboren sind, so denke ich, dass sie nichts mehr erstaunen kann. Sie durchschauen und bewundern vielleicht die Mechanismen der neuen Erfindungen und haben von klein auf viel Spielzeug. Ich bemitleide sie, weil ihr erfinderischer Geist, ihre Vorstellungskraft und ihre Fantasie dadurch gebremst werden.
Meine Mutter8 nannte mich «ihr kleiner Sonnenschein», doch war mein Charakter weiss Gott nicht von aussergewöhnlicher Sanftmut und Gehorsam! Aber diese arme Mutter, deren Name Julia war, hatte in ihrer Kindheit selbst unter einem Mangel an mütterlicher Zärtlichkeit gelitten. Und dies ist ihre Geschichte.
Ihre Familie war hugenottischer Herkunft in Frankreich. Eine Vorfahrin9 verliess dieses Land zur Zeit der Aufhebung des Edikts von Nantes, im Jahre 1685. Sie lebte inmitten dieser Protestanten, von denen so viele von den Katholiken massakriert wurden. Sie schloss sich anderen Hugenotten an und floh in die Schweiz, indem sie den Genfersee mit einem Boot, das sie aufnahm, überquerte und nach Prangins an die Schweizer Küste brachte. Henriette kam nach Nyon, wo sie einen Apotheker10 kennenlernte, den sie später heiratete. Sie hatten zehn Kinder. Mehr ist über ihr Leben nicht bekannt, aber eine ihrer Töchter11, Caroline, heiratete 1833 einen Deutschen, Clément Naegele12. Sie hatten drei Kinder, von denen eine der Töchter, Anne Louise13, meine Grossmutter war. Diese Grossmutter hatte selbst zehn Kinder, eines davon, Julia, war meine Mutter. Mein Grossvater14 war Apotheker in Bulle im Kanton Freiburg, wo die Pharmacie du Serpent heute noch existiert. Als er starb, hinterliess er eine Witwe mit zehn Kindern. In diesem katholischen Kanton geschah etwas Empörendes: Der Pfarrer verbot, diesen Mann auf dem Friedhof zu beerdigen. Er wurde am Weg dorthin begraben. Erst durch ein Schreiben aus Bern sah sich der Pfarrer gezwungen, das Grab dieses Protestanten innerhalb der Mauern seines Friedhofs aufzunehmen.
Die Witwe verliess Bulle und zog in eine grosse Wohnung in Lausanne, wo sie Untermieter aufnahm, um das Studium ihrer Söhne zu finanzieren. Sie hatte finanzielle Schwierigkeiten, alle ihre Kinder zu ernähren, und so stimmte sie zu, ihre Tochter Julia einer Niederländerin anzuvertrauen. Es war eine ihrer Freundinnen aus dem Internat, die ihrerseits eine Gefährtin für ihre gleichaltrige Tochter Mathilde suchte. So wurde die Entscheidung getroffen und Julia reiste im Alter von 7 Jahren nach Holland, das damals weit weg schien.
Julia blieb 10 Jahre lang bei der Familie Brants van Löben Sels auf Schloss Wildenborch. Der Park war von Kanälen durchzogen, in denen viele Frösche lebten. Die Bäume, die den ganzen Park bevölkerten, so weit das Auge reichte, machten die Landschaft traurig und sogar unheimlich. Die Familie war gut, aber erbarmungslos streng. Sie stellte die Religion über alles andere. Die zahlreiche Dienerschaft musste sich jeden Sonntagabend im grossen Saal versammeln, ebenso die Kinder, um der Lesung eines Kapitels aus der Bibel zuzuhören. Im Winter wurden die beiden Wohnzimmer und das Esszimmer durch grosse Kachelöfen mit blauen geometrischen Mustern beheizt, die eine sanfte Wärme verbreiteten. Aber die zahlreichen Korridore und Wendeltreppen mit den gewachsten Holzstufen führten im Winter in eisige Schlafzimmer, was recht mühsam war. Es war nicht ungewöhnlich, dass man an sehr kalten Tagen gezwungen war, eine dünne Eisschicht in den Krügen zu brechen. Die Gouvernante der Kinder war eine deutsche Frau, die streng und ungerecht gegenüber meiner zukünftigen Mutter war, da sie sie für einen Eindringling hielt.
Morgens wurde das Pferd vor die Kutsche gespannt. Die Gouvernante brachte die beiden Mädchen zu einer Privatschule in Utrecht. Julia hatte das Glück, dass sie dadurch eine äusserst gründliche Ausbildung erhielt. Sie lernte vier Sprachen, spielte wunderbar Klavier, zeichnete und malte hervorragend. Doch in einer so strengen Familie, die nicht die ihre war, erlebte sie weder Zärtlichkeit noch Mutterliebe.
Mit 17 Jahre verliess sie diese Familie und musste sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Sie arbeitete zunächst als Lehrerin in Deutschland und später in England. Doch als ihre Mutter 1884 starb, kehrte sie nach Hause zurück, um sich um ihre jüngeren Geschwister zu kümmern. So kam Julia nach Genf, wo ihre ältere Schwester Sophie15 lebte, die einen Genfer Bankier16 geheiratet hatte, und dort traf Julia den Mann, der mein Vater wurde.
Im Haus eines gemeinsamen Freundes, sang dieser junge Mann russischer Herkunft mit einer schönen Stimme für die Gäste, begleitet von einer jungen Lehrerin am Klavier. Sie heirateten, hatten aber die Pflicht, die jüngste Schwester, Hélène17, bei sich aufzunehmen.
Julia hatte ein grosses Talent zum Zeichnen und Malen, das sie vielen Schülern beibrachte. Jede Woche fuhr sie mit dem Zug nach Rolle, um einer jungen Schülerin des Internats Le Rosay Malunterricht zu geben. Sie hatte ebenfalls eine Klasse am Bellevue eingerichtet, in der sich Studenten zum Unterricht versammelten. Meine Mutter, zwei ihrer Schwestern und eine Freundin malten abwechselnd in einer ihrer Wohnungen auf Porzellan. Zu dieser Zeit gab es in Genf keinen Ofen, um es zu brennen. Und so fuhren diese Damen, mit Körben auf ihren Armen, die ihre Werke enthielten, mit dem Zug nach Nyon, wo ein Mann namens Gagnebin ihre Werke brannte.
Julia hatte Ende 1887 geheiratet und lebte, bevor sie in der Villa von Pressy wohnte, in Genf, wo sie einen Sohn namens Bernard bekam. Dann wurde ihre erste Tochter geboren, Eleonore18, die Nora genannt wurde. Sie war besonders süss und brav. Als sie fast zwei Jahre alt war, gab es einen kleinen Zwischenfall. Nora, Bernard und ihre Mutter wurden für einige Tage nach Bardonnex zu Bernards Patentante eingeladen, die dort ein grosses Anwesen besass, dessen Felder die Grenze zu Frankreich markierten. Es gab ein Herrenhaus und einen Hof. Die Zufahrt verlief über eine lange, reizvolle Allee aus Hainbuchen und führte zur Terrasse des Hauses mit Blick auf die umliegenden Felder. Die Aussicht, die nur durch den Salève begrenzt war, war eine wahre Pracht. Entlang der Wiesen gelangte man zu einem gefälligen alten Pavillon mit zwei kleinen Bänken. Hier sassen Julia und ihre Freundin und führten ein inspirierendes Gespräch über die Malerei, die sie beide praktizierten und leidenschaftlich liebten. Plötzlich sahen sie die kleine Nora nicht mehr. Nora war keine zwei Jahre alt. Bernard war ins Dorf gegangen, um eine Besorgung zu tätigen, aber Nora hatte ihn nicht begleitet. Sie fingen an, überall nach ihr zu suchen. Sie war nirgends zu finden und Rufe wurden nicht beantwortet. Julia wurde von Sorge erfüllt, denn zwischen den Enden dieser grossen Felder und Frankreich gab es keinen Zaun, und die Grenze konnte leicht überschritten werden. Sie eilten zum Hof, weil sie wussten, dass das Kind gerne die Hühner besuchte, aber Nora war nicht da. Sie kehrten zu den Feldern zurück, das Getreide stand schon hoch und erstreckte sich weit. Schnell hasteten sie an jeder Seite des grossen Grundstücks entlang und fanden schliesslich Nora, die im Weizen sass. Sie war so lange gelaufen, dass sie nicht mehr aufstehen konnte, um den ganzen Hang hinaufzugehen, den sie so leicht hinuntergegangen war. Julia nahm den kostbaren Schatz in die Arme, der ihr so viel Angst bereitet hatte!
Einige Zeit später, wurde ihr Sohn Bernard durch einen Luftröhrenschnitt von der Diphtherie gerettet. Julia fragte ihren Arzt, ob nicht die Gefahr einer Ansteckung bestehe und ob es nicht besser sei, ihr kleines Mädchen wegzugeben. Der Arzt versicherte ihr leichtsinnigerweise, dass sie sicher sei! Doch die kleine Nora erkrankte daran und der Arzt entschied sich nicht schnell genug für eine Operation. Schon bald erstickte sie in den Armen ihrer Mutter und starb. Es war eine schreckliche Tragödie für Julia, die sie trotz der aufeinanderfolgenden Geburten ihrer drei Töchter nie vergessen hatte. Dann kaufte ihr Mann die grosse Villa in Pressy, in der ich geboren wurde und über die wir am Anfang dieser Geschichte gesprochen haben.
Julia war mit der ältesten Tochter von Schloss Wildenborch in Holland, wo sie aufgewachsen war, in Kontakt geblieben. Sie hatte geheiratet, wurde Frau Mathilde van Asch van Wijck und besass in Bursinel, am Ufer des Genfersees, ein stilvolles Landgut. Meine Mutter und ich wurden oft zu ihr nach Hause in dieses herrliche Haus eingeladen, wo ich das prächtige chinesische Porzellan und die geschmackvollen antiken Möbel bewunderte. Im Speisesaal wurde das Mittagessen von drei weiss gekleideten Zimmermädchen serviert, die hinter der Dame des Hauses und ihren Gästen standen. Ich versuchte, meiner Mutter zu gefallen, indem ich aufrecht auf meinem Stuhl sass und nur sprach, wenn ich gefragt wurde. Die angeborene Wildheit meines Charakters erlaubte es mir nicht, diese Art von Leben zu schätzen. Manchmal waren meine Mutter und ich im Hôtel Bonivard in Veytaux, um bei der Besitzerin, Madame Alblas, zu wohnen. Sie war in ihrer Jugend eine grosse Freundin meiner Mutter zur Zeit ihrer Jahre in England gewesen. Sie lud uns ein, in diesem komfortablen und gut gelegenen Hotel zu übernachten, was für mich immer ein Fest war.
Für meine Mutter wurden die Jahre immer schwieriger. Bald kam die Krankheit, die sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1938 leiden liess. Es war ein chronisches Rheuma der Wirbelsäule, kein Medikament hatte die Wirkung, sie zu heilen. Nur die Schmerzmittel gaben ihr ein paar Stunden Ruhe. Trotz all der Tage und Nächte mit grossen Schmerzen blieb sie immer sanft und lächelnd. Sie wollte ihren Töchtern auf keinen Fall die kleinen Freuden verderben, die sie haben konnten. Für unsere Schulfreundinnen war sie eine exquisite Mutter und sie nannten sie «maman grise», weil ihr schönes schwarzes Haar schnell weiss wurde und sie bis zu ihrem Ende ein Engel auf Erden war.
Julia mit Nora und Bernard
Florence, Julia, Marguerite und Germaine
8 Julia Leyvraz, 1862 Bulle - 1938 Genève
9 Jeanne Henriette Lanteires de la Gelle, 1754 - 1798
10 Jules Henri Guillaume Strecker, 1752 - 1818 Nyon
11 Caroline Georgine Strecker, 1796 Nyon - 1880 Bulle
12 Clément Naegele, 1803 Sankt Blasien (D) - 1884
13 Anne Louise Naegele, 1834 -1884
14 Charles Louis Leyvraz, 1822 - 1880 La-Tour-de-Trême
15 Sophie Fanny Suzanne Leyvraz, 1857 - 1945 Vésenaz
16 François Barrelet, 1849 -
17 Hélène «Lène» Sophie Leyvraz, 1875 -1947
18 Eléonore Glitsch, 1890 - 1892
Geht man in meiner Familiengeschichte weiter zurück, ist es wichtig, zu wissen, dass meine Grossmutter nach dem Tod ihres Mannes, zehn Kinder zu versorgen hatte. Sie zog nach Lausanne, wo sie eine grosse Wohnung gemietet hatte, und Kostgänger aufnahm, um das Studium ihrer Söhne zu bezahlen. Sie starb im Alter von 50 Jahren an Krebs und es waren die älteren Töchter, die sich um die jüngeren Geschwister kümmerten. Die Söhne, die ihr Studium beendet hatten, verstreuten sich über die ganze Welt, nach Indien, Südamerika und England. Die älteren Töchter, die heirateten, waren verpflichtet, die beiden Jüngeren aufzunehmen.
Tante Hélène
Die kleine Hélène19 war möglicherweise die Ursache für Unstimmigkeiten im Haushalt meiner Eltern. Sie wurde später zur weiteren Ausbildung auf ein Internat geschickt und erhielt eine gute Schulausbildung. Dann trat sie in die École de la Source ein, wo sie Krankenpflege lernte, genau in dem Jahr, in dem ich geboren wurde.
Sie blieb unverheiratet und ihr ganzes Leben bestand aus der Hingabe an andere, vorwiegend an Kinder. Mithilfe einer niederländischen Freundin, deren Onkel reich war, kaufte sie ein wunderschönes Haus mit einem grossen Garten auf halber Strecke zwischen dem See und den Bergen oberhalb von Montreux. Sie richteten es zu einer Unterkunft für tuberkulöse Kinder, die in Leysin behandelt worden waren und sich nicht auf einmal an das Stadtleben anpassen konnten. Im Ersten Weltkriegs betreute sie mehrere Kinder französischer Emigranten unentgeltlich in ihrem Haus. Durch Märkte, die sie und ihre Freundin organisierten, nahm sie Anteil am Dorfleben. Dank ihrer Verbindungen brachten sie genug Geld auf, um eine evangelische Kirche zu bauen. Hélène war auch ein Schutzengel für viele ältere und behinderte Menschen.
Als sie alt und ihre Freundin nicht mehr bei guter Gesundheit waren, verliessen sie ihr Zuhause und kamen nach Genf, in eine Wohnung, wo ihre Freundin kurz darauf an Leberkrebs starb. Hélène zog in eine kleinere Wohnung neben meiner Schwester Marguerite, mit der sie die Mahlzeiten teilte. Sie lebte dort ein paar Jahre. Dann kam leider der Tag, an dem sich ihr guter Gesundheitszustand verschlechterte. Zu diesem Zeitpunkt war ich erwachsen und begleitete sie in die Klinik zur Untersuchung, wo sie trotz der beruhigenden, aber falschen Diagnose des Arztes an Krebs starb.
Onkel Louis
Unter ihren Untermietern hatte meine Grossmutter, eine deutsche junge Frau, Emma20, die Tochter eines preussischen Offiziers. Sie umwarb meinen Onkel Louis21, ein Apotheker, so geschickt, dass er sie heiratete. Sie war eine boshafte, harte Frau, nahm aber die uneheliche Tochter einer ihrer Schwestern auf, die Onkel Louis adoptierte und seinen Namen trug. Dieses kleine Mädchen Elly wurde von Onkel Louis, der selbst keine Kinder von seiner Frau bekommen hatte, verwöhnt. Sie verbrachten ihre Ferien in den Bergen und am Meer. Elly bekam eine Ausbildung als Krankenschwester und verbrachte drei Jahre am Institut de la Source. Als dann Onkel Louis unerwartet starb, erlaubte das Vermögen, das er hinterliess, seiner Witwe und seiner Tochter, einige Jahre lang bequem zu leben. Nach dem Ersten Weltkrieg kam die Zeit, als das, was zum bequemen Leben reichte, bescheidener wurde. Meine Cousine Elly fand eine Stelle als Schulschwester. Ihr Charakter wurde genauso unsympathisch wie der ihrer Adoptivmutter und die Schikanen zwischen den beiden brachen täglich aus. Davon konnten sich meine Mutter und ich in Royat im Puy-du-Dôme, überzeugen, während wir im selben Hotel übernachteten. Es verging kein Tag, an dem nicht die eine oder andere weinte, nachdem eine der anderen eine Menge gemeiner Dinge gesagt hatte. Meine Mutter, die so sanft und gutmütig war, war fassungslos, wie sich diese beiden Streithähne ständig über Kleinigkeiten stritten. Diese Gesellschaft, die sich die gleiche Behandlung angedeihen liess, verdarb ihr die Stunden der Ruhe mit bitteren Betrachtungen über alle Menschen, die sie trafen. Meine Mutter war auf Anordnung des Arztes, der sie wegen ihres Herzens behandelte, nach Royat fahren, welches für sein alkalisches Mineralwasser berühmt war. Ich glaube, dass die Reise, die damals lang und anstrengend war, für ihr Herz schlimmer war wie das wenige Gute, das die Behandlung ihr brachte. Nach den Untersuchungen durch den Arzt begann die Behandlung. Bäder in kleinen Schwimmbädern in Kellern mit wenig Licht taten ihr nicht gut. Meine Mutter und ich hatten tragische Erinnerungen an diese Kur und doch liegt Royat in einer wunderschönen Region Frankreichs. Das kalkhaltige Wasser hat die Besonderheit, auf dem Sandboden der Höhle die abgelagerten Gegenstände mit Kalk zu überziehen. Diese Objekte wurden mit einer festen weissen Kruste überzogen, die sie in der gewählten Form hielt. Darunter waren auch kleine, weisse und verfestigte Kinderschuhe, die später als Aschenbecher dienen sollten, wie ich entsetzt feststellte. Die Auvergne, über die ich gerne mehr erfahren hätte, war hinreissend. Meine Mutter fertigte bezaubernde Zeichnungen von ihrem Balkon aus an. Sie starb im Alter von 75 Jahren nicht an ihrem Herzen, sondern an Darmkrebs.
Tante Emma, die so unangenehm war, starb im Alter von 74 Jahren. Ihr Charakter hatte sich mit den Jahren nicht gebessert, und die Verwandten hatten keine Lust, sie zu besuchen. Wir sahen die Tochter öfter, nicht liebenswürdiger, aber einsam, ohne Freunde. Elly kaufte sich einen Hund, der ihre einzige Freundschaft war. Er wartete geduldig auf ihre Rückkehr. Sie kam müde von den Besuchen bei den Eltern der Grundschüler heim. In manchen Kreisen waren die Verhältnisse bedauerlich. Sie sah Wohnungen mit Badewannen, die Kohle für die Heizung enthielten und die Kinder nie gebadet wurden. Nachlässigen Eltern liessen sie in schmutziger, nicht geflickten Kleidung zur Schule gehen. Elly hatte einen festen und harten Charakter und liess es sich nicht nehmen, den Eltern zu sagen, was sie von dieser Erziehung hielt. Nachdem sie sich zur Ruhe gesetzt hatte, lebte sie wie zuvor allein und hatte keine Freunde. Eines Tages hörten die Nachbarn den Hund unaufhörlich bellen. Sie sahen sie auch nicht herauskommen und so rief die Hausmeisterin einen Schlosser, der die Tür öffnete. Sie lag am Boden neben ihrem Bett, wo sie nicht mehr die Kraft hatte, sich zu erheben. Tante Emma wurde ins Krankenhaus eingeliefert, wo ihre Cousinen sie mehrmals besuchten. Nachdem sie wieder zu Kräften gekommen war, wurde sie aber wegen Brustkrebs operiert, der sich schnell entwickelt hatte. Ihr Hund wurde in ein Landhaus gebracht, wo er endlich im Freien herumspringen konnte. Elly starb einige Zeit später im Krankenhaus. Ihre Möbel wurden zugunsten einer entfernten Cousine in Deutschland verkauft. Dies war das Ende eines bedauernswerten Lebens. Aufgrund ihres abweisenden Charakters und ihrer Verschlossenheit gegenüber allem hatte sie keine menschliche Wärme und keine Freundschaften erhalten.
Onkel Alfred und Jules
Onkel Alfred22 und Onkel Jules23
