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"Unendliche Zukunft" enthält eine Sammlung von Science Fiction Kurzgeschichten aus den letzten 20 Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Autor ahnte damals nicht, dass er schon bald von der tatsächlichen Entwicklung überholt werden würde. Als die Storys in den achtziger Jahren entstanden, gab es noch keine PCs für jedermann, keine Handys, kein Internet, keine EMails, keine DNA-Bestimmungen - und Arnold Schwarzenegger war noch nicht Gouverneur von Kalifornien. Doch einige technische Entwicklungen zeichneten sich in den Anfängen bereits ab. Darauf bauen die Storys auf. Mit erstaunlicher Sicherheit griff Köhn Probleme auf, die in der heutigen Zeit aktueller als je zuvor sind. Wen wundert es, dass sie überwiegend makaber enden.
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Seitenzahl: 315
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Wulf Koehn
Unendliche Zukunft
und andere Science Fiction Storys - überwiegend makaber
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Ein Alien kehrt zurück
Annäherung
Der Intelligenzfaktor
Der Mensch, das unbekannte Wesen
Die Sättigungsgrenze
Weichensteller
Wer hat denn nun die Zeitmaschine erfunden?
Einigkeit macht stark
Das dritte Experiment
Der perfekte Mensch
Rehabilitationsprogramm
Made in Bavaria
Gesundheit und ein langes Leben
Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings
Mittelschweres Wasser
Toms Spielzeug
Feierabend
Nicht mit mir!
Die Prüfung
Anomalien
Arnold
Porters Erfindung
Ende der Sommerzeit
Unendliche Zukunft
Über den Autor
Über die Zeichnerin Sibylle Pieck
Impressum neobooks
Was man heute als Science Fiction beginnt,
wird man morgen vielleicht als Reportage zu Ende schreiben müssen.
Norman Mailer
* * *
Als ich diese Storys schrieb, wollte ich einen Blick in die Zukunft werfen, so wie ich sie mir vorstellte. Doch es sollte nur ein kurzer Blick werden – so von einigen Jahrzehnten vielleicht.
Im Fernsehen liefen bereits die ersten Folgen von Star Trek, und die Science-Fiction-Welt griff tief in den Weltraum hinein nach den Sternen. So weit wollte ich nicht greifen. Das, was ich schrieb, sollte man auch verstehen. Ich ahnte nicht, dass ich schon bald von den tatsächlichen Entwicklungen überholt werden würde.
Als die Storys in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts – ich könnte auch schreiben: Jahrtausends – entstanden, gab es noch keine PCs für jedermann, kein Handys, kein Internet, keine E-Mails, keine DNA-Bestimmungen – und Arnold Schwarzenegger war noch nicht Gouverneur von Kalifornien. Doch einige technische Entwicklungen zeichneten sich in den Anfängen bereits ab. Darauf baute ich auf.
Herausgekommen sind Storys, wie aus den Anfängen der Science Fiction.
1983 schrieb ich die Kurzgeschichte „Weichensteller“. 1985 kam ein Film in die Kinos, der genau dieses Thema behandelte: „Zurück in die Zukunft“ unter der Regie von Robert Zemecki mit Michael J. Fox. Jeder hätte damals gedacht, meine Story wäre ein Plagiat, obwohl ich sie bereits zwei Jahre vorher geschrieben hatte.
Doch die Themen „Zeit“ und „Zeitreise“ beschäftigten mich sehr, sodass noch weitere Werke zu diesem Problem entstanden. Ebenso war das mit der Frage, ob es außerirdisches Leben gab und was bei einer Begegnung passieren würde. Waren fatale Irrtümer nicht schon vorprogrammiert?
Wer Lust auf Sternenkriege und Gemetzel verspürt, kann dieses Buch beruhigt wieder aus der Hand legen. Wer jedoch nur einen – überwiegend makabren – kurzen Blick in die Zukunft werfen möchte, kommt sicherlich auf seine Kosten.
Wulf Köhn, 2010
„Na, hast du herausbekommen, wie die Erdlinge leben?“, fragte der KRAAK neugierig.
MOOK zögerte und druckste herum: „Nicht so richtig, manches verstehe ich nicht.“
„Was verstehst du nicht?“
„Zum Beispiel, wovon sie sich ernähren!“
„Nehmen sie denn keine Energie auf?“
„Das ist es ja! – Sie inkorporieren!“
„Sie machen was?“
„Sie inkorporieren. Sie haben neun Körperöffnungen. Mit zweien können sie sehen, mit zwei anderen riechen, mit zweien hören, und in eine stopfen sie allerlei Zeugs in sich rein. Sie inkorporieren Materie!“
KRRAK blickte fassungslos und entließ gedankenlos eine kleine magnetische Entladung. MOOK erstarrte etwas indigniert, sagte aber nichts zu dieser Entgleisung.
KRAAK blickte plötzlich auf und fragte: „Du hast doch von neun Körperöffnungen gesprochen. Was machen sie denn mit den beiden anderen?“
MOOK druckste herum. „Das glaubst du nie, Chef! Das kann ich unmöglich aussprechen!“
Und ehe KRAAK noch etwas fragen konnte, rannte MOOK los, um seine vor Aufregung angewachsene magnetische Überladung loszuwerden.
Work kämpfte mit dem Schlaf, während er routinemäßig die Kontrollen überblickte. Die Sensorfelder leuchteten beruhigend grün und signalisierten, dass alle Funktionen im Normalbereich lagen. Jede Abweichung wäre durch eine andere Farbe angezeigt worden. Alarmierende Wärmeimpulse würden ihn zusätzlich aufmerksam machen. Das vereinfachte die Überwachung, führte jedoch zu langsamer Ermüdung, wenn sich stundenlang nichts veränderte.
In diesen Stunden der Ruhe hatten seine Gedanken Zeit, zurückzuschweifen zu Hella, seinem Heimatplaneten. Er war ausgesucht worden, weil er keine Familie hatte, doch die Gedanken an Aayla wurden umso deutlicher, je mehr er sich von Hella entfernte. Er wollte sich mit Aayla irgendwann verbinden, doch das lag wohl in weiter Ferne und auch nur, wenn es ihm jemals gelang, wieder zur Hella zurückzukehren.
Die letzten Tage vor dem Abflug war er häufig mit ihr allein gewesen und hatte sich ihren sanften Wärmewellen hingegeben, sich treibenlassen in einem Meer von thermischen Empfindungen, die beruhigend über seine Sensoren gestrichen waren. Während der langen Vorbereitungen auf diese große Expedition mit dem „SUCHER“ hatte er häufig mit überschäumenden Kälte- und Hitzeausbrüchen auf die Belastungen der Ausbildung reagiert, doch war dies alles vergessen, wenn er in Aaylas Nähe war. Es gab zwar erregte Auseinandersetzungen, wenn er versuchte, sie von der Notwendigkeit seiner Teilnahme an der Mission zu überzeugen, aber es gelang ihm immer, dem Gespräch eine ausgeglichene Wärme zu geben.
Ähnlich war es den anderen beiden Mitgliedern seiner Besatzung ergangen.
Gorn war zuständig für die wissenschaftlichen Aufzeichnungen und verwaltete die magnetischen Thermscheiben, die den Verlauf der Expedition wiedergaben. Doch bisher waren nur die täglichen Routineangaben zu verzeichnen gewesen.
Klav bediente die Therminikatoren, die ständig Signale aussendeten, in der Hoffnung, dass irgendwann eine andere Lebensform antworten würde. Bisher hatten die Sensoren allerdings noch nichts eingefangen. Über viele Zeiteinheiten gab es noch eine Thermalverbindung zur Hella, bis diese immer schwächer wurde. Dann erst wurde auf den Hypertherminikator geschaltet, der mit höherer thermischer Wirkung auch weitere Entfernungen überbrücken konnte.
Doch bald war auch der Hypertherminikator nicht mehr stark genug, die entfernte Hella zu erreichen. Die Besatzung war auf sich selbst gestellt.
* * *
Roberts überließ sich den geübten Händen der Techniker, die ihn anschnallten und die Anschlüsse des Lebenserhaltungssystems einrasten ließen. Die Starts in den Weltraum waren schon Routine geworden, denn einmal wöchentlich verließ ein Shuttle die Erde, um die Raumstation zu versorgen, den Austausch der Mannschaften vorzunehmen oder die Bautrupps zu beliefern. Seit Jahren wurde die Station ständig erweitert. Sie hatte inzwischen ein recht skurriles Aussehen angenommen.
Doch spielte sich das ganze Raumflugprogramm bisher ausschließlich im Orbit der Erde ab. Von den wenigen Mondlandungen und einigen unbemannten Erkundungssonden abgesehen, hatte sich die Menschheit noch nicht weit von der Erde entfernt.
Die Mission von Roberts und seiner Crew reichte diesmal weiter in den Raum hinein. Mit der „LISTENER“ sollten sie den Orbit verlassen, um ein Zukunftsprojekt der NASA vorzubereiten.
Die Frage, ob es außerhalb der Erde auch noch andere Lebensformen gab, beschäftigte die Menschen schon seit Beginn der Raumfahrt. Mit mächtigen Parabolspiegeln wurden seit Jahren Signale ausgesendet, von denen man hoffte, dass sie von anderen Lebewesen eingefangen, verstanden und beantwortet werden konnten. Mit ebenso gewaltigen Parabolantennen lauschte man in den Weltraum, ohne bisher irgendwelche Hinweise auf extraterrestrisches Leben empfangen zu haben.
Aber die auf der Erde installierten Anlagen wurden durch den enormen Wellensmog der Erde erheblich beeinträchtigt. Es war, als würde man mit einem Fernglas durch Nebel schauen wollen. Auch die Verlagerung einiger Anlagen in den Orbit hatte nicht den erhofften Erfolg gebracht, da sich eine Vielzahl von Wellen in einer quasioptischen Ausdehnung nach allen Seiten in den Raum verbreitete. Auch wenn die Energie mit dem Quadrat der Entfernung abnahm, war sie im Orbit noch stark genug, die sensiblen Messungen zu stören.
Es gab eigentlich nur einen Punkt in relativer Erdnähe, der ständig im Wellenschatten der Erde lag. Das war die Rückseite des Mondes, die stets von der Erde abgewandt war. Dorthin gelangte kein Funkstrahl, ideal also für den Standort einer Lauschstation in den Weltraum.
Die LISTENER war startfertig. Roberts konzentrierte sich auf den Countdown, der weitgehend ohne seine Mitwirkung ablief. Neben ihm lag der Russe Atschinkow, ein hervorragender Wissenschaftler für Strahlenkunde und extraterrestrische Forschung, der aber auch in der Lage war, die komplizierte technische Spezialausrüstung in Betrieb zu setzen und ebenso wie Roberts die LISTENER zu steuern. Das galt auch für Abraham an seiner anderen Seite, der die Verantwortung für die Technik des Schiffes hatte, aber auch in jeder anderen Funktion eingesetzt werden konnte.
Roberts hatte den Start schon fast hundertmal erlebt, doch jedes Mal packte ihn erneut die Erregung des letzten Augenblicks. Erst als sich der starke Andruck der Beschleunigung über seinen ganzen Körper legte, seinen Brustkorb zusammendrückte und seine Gesichtsmuskeln zu einem flachen Grinsen verzerrte, löste sich die Spannung und wandelte sich in Kampfesstimmung. Die mehrfach gestaffelten Beschleunigungsphasen dauerten diesmal länger als gewohnt, denn das Ziel der LISTENER lag weit außerhalb des Orbits.
Roberts und seine Crew sollten den Funkschatten hinter dem Mond erreichen, um dort die Bedingungen für den Aufbau einer Lauschstation zu testen.
* * *
Alle drei saßen jetzt an den Anzeigen und beobachteten das Farbenspiel. Sie näherten sich dem dritten Planeten eines Sterns, der in ihren Karten mit einem gelben Thermalwert bezeichnet war. Die bisher passierten Planeten dieser Sonne hatten keine aktiven thermischen Reaktionen gezeigt, die auf intelligente Lebensformen hinwiesen. Hier schien es auch nicht anders zu sein. Die Sensoren des SUCHERs konnten bisher noch keine künstlichen Thermalreaktionen auffangen.
Ein plötzlich ausgelöstes Signal überraschte alle drei. Work beobachtete, wie ein Farbfeld auf der Konsole kurz ein grelles Orange anzeigte und dann wieder in das gewohnte Grün zurückfiel. Das Warnsignal schaltete wieder ab. Vielleicht war das eine kurze Fehlfunktion gewesen. Doch beunruhigend war es schon, wenn das Farbfeld den Angriff mit einer Hochfrequenzwaffe anzeigte.
Gespannt behielt Work das Farbfeld im Auge. Nach einiger Zeit blitzte es wieder grell auf. Weitere Anzeigen bestätigten es. Je näher sich der Sucher dem Planeten näherte, desto häufiger wurden sie von Hochfrequenzstrahlen getroffen. Das war verwirrend, denn die Thermalsensoren fingen keinerlei Kommunikation auf, die auf intelligente Bewohner hinwiesen.
Zu dritt werteten sie jetzt die Anzeigen aus. Die Hochfrequenzwellen kamen eindeutig von dem Planeten. Sie waren jedoch nicht gebündelt, sondern breiteten sich nach allen Seiten in den Raum aus. Der Sucher war gerade in den äußersten Einwirkungsbereich geraten, doch mit jeder Zeiteinheit, die er sich näherte, nahm die Intensität der gefährlichen Strahlung zu. Die Messungen ergaben, dass der ganze Planet einem ständigen Beschuss mit elektromagnetischen Hochfrequenzwaffen ausgesetzt war. Das ließ nur einen Schluss zu: Dort unten tobte ein erbarmungsloser Krieg.
* * *
Roberts meldete sich zum letzten Mal bei der Bodenstation. Der Flug war bisher hervorragend verlaufen. Sie hatten die Rückseite des Mondes fast erreicht und genossen den optischen Eindruck des Erdunterganges hinter dem Horizont des Mondes. In diesem Moment brach jeder Funkkontakt ab, und sie waren auf sich allein gestellt. Roberts steuerte die LISTENER zu einem Punkt, der etwa genau über der Mitte der erdabgewandten Seite lag, um dort das Schiff zu „verankern“.
Atschinkow und Abraham fingen an, die riesigen Antennen auszufahren und die Generatoren vorzubereiten. Magnetrone verschiedener Stärken würden in den nächsten Tagen elektromagnetische Wellen im Hochfrequenzbereich erzeugen und gebündelt in den Weltraum schleudern, während die Lauschantennen jedes noch so geringe Signal aufzeichneten, um die Empfangsbedingungen zu testen. Die Wissenschaftler hofften, dass einige der seit Jahrzehnten ausgesandten Signale der Erde von entfernten Himmelskörpern reflektiert und hinter dem Mond ohne störenden Einfluss der Erde wieder aufgefangen werden konnten. Man wagte gar nicht zu hoffen, dass schon eine Antwort dabei sein würde.
* * *
Nach Gorms Berechnungen gab es keinerlei Leben auf dem Planeten. Die Wirkung der Hochfrequenzwaffen war so stark, dass kein Lebewesen existieren konnte. Das Fehlen jeglicher thermischer Kommunikation bestätigte diese Annahme. Trotzdem ging der Beschuss unaufhörlich weiter. Wahrscheinlich führten Automaten einen Krieg weiter, der schon lange sinnlos geworden war.
Doch langsam fing es an, für den Sucher gefährlich zu werden. Noch konnten die Schutzschirme die tödlichen Strahlen abwehren, aber nur, solange sie weit genug entfernt waren. Sie beschlossen, den Planeten in weitem Abstand zu umkreisen, um weitere Messungen vorzunehmen. Schon jetzt war die Entdeckung dieses Planeten eine Sensation für die Hellanisten, wenn es ihnen gelang, ihre Aufzeichnungen zur Hella zurückzubringen.
Während des ständigen Hochfrequenzbeschusses war ihnen fast entgangen, dass der Planet einen Gefährten hatte, der ihn umkreiste. Er war erheblich kleiner und lag noch im Einwirkungsbereich der Waffen. Doch es bestand die Hoffnung, dass es dort Überlebende des Krieges geben konnte.
Vorsichtig näherten sie sich in einem Winkel, der den Gefährten zwischen sich und dem Planeten brachte. Hier waren sie vor dem Beschuss sicher.
* * *
Abraham überwachte das Entfalten der riesigen Antenne, als Atschinkow bereits seine Sendeanlage funktionsfertig hatte. Roberts beobachtete den Mond mit dem Spiegelteleskop und kartographierte die Oberfläche. Sollten die Tests positiv verlaufen, müsste dort unten eine geeignete Baustelle gefunden werden. Ein weiter Krater mit ebenem Grund, der geschützt zwischen einem hohen Ringgebirge lag, bot sich vermutlich an. Er trug seine Beobachtungen in die Karte ein und richtete das Teleskop hinaus in den Weltraum. Mit Hilfe der Zielvorrichtung peilte er einen entfernten Stern an und war beeindruckt von dem flimmerfreien Bild, das er hier erhielt. Er war kein Astronom und konnte den Stern nicht zuordnen. Doch das war auch nicht die Aufgabe dieser Mission. Atschinkow würde das Teleskop noch benötigen, um die Antennen auszurichten. Plötzlich bemerkte Roberts einen blitzenden kleinen Punkt.
* * *
Works Sensoren empfingen wieder beruhigende Wärmeeindrücke. Die Spannung, die über den Dreien gelegen hatte, während sie sich im Wirkungsbereich der Waffen befanden, ließ langsam nach, als der Planet hinter seinem Gefährten verschwand. Hier waren sie sicher und konnten in Ruhe die Oberfläche des Gefährten erkunden.
Auch dort war keine Kommunikation zu erkennen. Der Gefährte schien ebenfalls kein Leben zu beherbergen. Gespannt beobachteten die drei die Anzeigen des Therminikators. Das sanfte Grün veränderte sich nicht.
* * *
Roberts überlegte, ob es möglich war, dass sich ein Satellit in diese Gegend verirrt haben könnte. Doch das war unmöglich, denn sie befanden sich weit außerhalb des Orbits. Er rief Atschinkow, der eine noch stärkere Vergrößerung einstellte. Nun erkannten sie ein Raumschiff in einer Form, wie sie es noch nie gesehen hatten. Das konnte kein Schiff der Erde sein. Atschinkow wagte den Gedanken kaum auszusprechen. Hatten sie ein außerirdisches Raumschiff entdeckt?
Jetzt hieß es Ruhe zu bewahren. Sie waren auf sich allein gestellt. Funkkontakt zur Erde war nicht möglich. Er beobachtete weiter und konnte eine deutliche Kursveränderung feststellen. Das Raumschiff musste also bemannt sein.
Hier war seine große Chance. Als erstem Wissenschaftler der extraterrestrischen Forschung konnte er Kontakt zu Außerirdischen aufnehmen. Doch wie fing man das an? Seine Forschungsarbeit lag allein in der Frage, ob es überhaupt extraterrestrische Lebensformen gab. Bisher hatte er nur in das Weltall hineingelauscht, um mögliche Signale zu empfangen. Er musste die Außerirdischen irgendwie ansprechen. Welche Anrede würden sie verstehen? Abraham schlug vor, sie über Funk anzusprechen. Vielleicht beobachteten sie schon lange die Erde und hatten längst die wichtigsten Sprachen gelernt. Atschinkow fiel der Lehrsatz des Pythagoras ein, der überall Geltung haben musste. Doch wie ließ sich dieser an das fremde Raumschiff übermitteln?
Roberts dachte an Musik. Diese war unabhängig von einer Sprache und konnte friedliche Emotionen übermitteln.
Sie beschlossen, zunächst durch einen einfachen Signalton in verschiedenen Frequenzen auf sich aufmerksam zu machen und die Reaktion der anderen abzuwarten.
* * *
Der Angriff traf sie völlig unvorbereitet. Der erste Schuss zerstörte fast die Hälfte des Schutzschirmes, drang jedoch nicht tief in das Schiff ein. Work versuchte verzweifelt, sich zu orientieren. Eben schienen sie noch in Sicherheit zu sein, plötzlich wurden sie angegriffen.
Der zweite Schuss erfasste sie mit einer tieferen Frequenz, die den Schiffskörper fast auseinanderriss. Er hielt, doch fiel die Steuerung aus, was sie manövrierunfähig machte und dem Gegner praktisch hilflos auslieferte. Warum wurden sie angegriffen? Sie waren unbewaffnet und kamen in friedlicher Absicht.
Die Sensoren waren teilweise ausgefallen, doch konnten sie jetzt ein skurriles Gebilde erkennen, das sich in einiger Entfernung über der Oberfläche des Gefährten befand. Ein solches Raumschiff hatten sie noch nie gesehen. Aus dem Rumpf ragten lange Arme mit großen Flächen, die ein Manövrieren im Raum praktisch unmöglich machten.
Der dritte Schuss zerfetzte den Rest des Schutzschildes. Nun waren sie allen weiteren Angriffen hilflos ausgeliefert. Sie hatten keinerlei Waffen an Bord, mit denen sie sich hätten verteidigen können. Das lag auch nicht in ihrer Mission. Ihre Aufgabe war es, beim Kontakt mit außerhellanistischen Lebensformen jede Gewalt zu vermeiden und sich notfalls zurückzuziehen. Doch das war jetzt nicht mehr möglich.
Hastig setzte Klav den Therminikator in Betrieb und sendete den allgemeinen Notruf in Richtung des angreifenden Schiffes.
* * *
Der Angriff traf die Crew der LISTENER völlig unvorbereitet. Der Thermostrahl zerschmolz einen Teil der ausgefahrenen Antenne. Mit dieser Reaktion auf ihren Anruf hatten sie nicht gerechnet. Sie waren unbewaffnet und dem Angriff der Außerirdischen völlig hilflos ausgeliefert. Sie konnten nicht einmal Hilfe herbeirufen.
Der zweite Thermobeschuss erhitzte die Außenhaut des Schiffes und brachte die Luft im Innern fast zum Kochen. Abraham schwebte inmitten der Kabine und hielt sich die Hände vor das Gesicht, das großflächige Verbrennungen aufwies. Roberts und Atschinkow hatten mehr Glück gehabt. Die Geräte vor ihnen hatten wie ein Hitzeschild gewirkt.
Roberts musste die Außerirdischen besänftigen. Fieberhaft suchte er eine geeignete CD aus dem Bestand. Mit welcher Musik konnte er das am besten erreichen. Er entschied sich für Edvard Griegs „Peer Gynt“ und legte die CD ein. Als die ersten Töne der „Morgenstimmung“ aus dem Lautsprecher kamen, schaltete er den Sender dazu.
* * *
Der nächste Hochfrequenzangriff kam nicht mehr als einzelner Stoß, sondern als langanhaltender Dauerbeschuss. Der Schiffsrumpf vibrierte unter der Belastung und fing an, sich aufzulösen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er auseinanderbrach. Die tödlichen Wellen drangen in das Innere des SUCHERS und warfen die Besatzung zu Boden. Die Einwirkung auf ihre Sensoren war so gewaltig, dass sie sich vor Schmerzen krümmten. Sie waren dem Tode nahe. Sollte das hier das Ende sein?
Work schleppte sich unter Aufbietung aller Kräfte zum Therminikator, vor dem Klav zusammengebrochen war. Er musste einen stärkeren Notruf absetzen. Mühsam schaltete er den Hypertherminikator ein und berührte mit letzter Kraft die Schaltfläche, bevor sein Schiff in tausend Fetzen auseinanderbrach.
* * *
Der kurze Hitzestrahl traf die LISTENER so heftig, dass sie in wenigen Sekunden zerschmolz.
Galek genoss die untergehende Sonne, die langsam hinter dem Horizont verschwand. Das war die angenehmste Tageszeit, in der die brennende Hitze des Tages langsam der Nachtkühle wich. Er hatte sein Heim verlassen und sich behaglich in den Sand gelegt, der die Wärme noch lange Zeit speichern würde. Er konnte mit dem Tag zufrieden sein, denn er hatte gut gegessen, und in seinem Heim lagerten genügend Wasservorräte. Es war schon ein Vorteil, in einer Gegend zu leben, in der sich zahlreiche unterirdische Wasseradern durch den Boden zogen. Nicht überall auf dieser Welt lebten die Bewohner in solchem Überfluss, doch sie hatten sich den jeweiligen Gegebenheiten angepasst.
Manchmal hatte er überlegt, ob es nicht besser wäre, in den Bereich der Polkappen zu ziehen, wo es manchmal Niederschläge gab, die das Wachstum üppiger Algen möglich machten. Der Speiseplan war dort weitaus abwechslungsreicher als in den Steppengebieten. Doch die dichtere Bevölkerung brachte größere Probleme des Zusammenlebens.
Galek liebte die geistige Auseinandersetzung mit intelligenten Nachbarn in aller Geruhsamkeit. Die Massenkommunikation der dicht bevölkerten Gegenden brachte die Bewohner unter ständigen Stress und machte sie schneller aggressiv. Hier in der Steppe war es nicht immer einfach, seine tägliche Mahlzeit zu ergattern, doch bisher hatte das Land alles geliefert, was er zum Leben brauchte.
Sein Nachbar machte sich bemerkbar. Er wollte sein tägliches Plauderstündchen. Bedächtig erzählte er von seinen Tageserlebnissen, die sich kaum von denen der anderen Tage unterschieden. Galek selektierte die Gedanken seines Nachbarn. Unbewusst blendete er die störenden Nebenimpulse anderer Gedanken aus und hielt nur den Lauschteil seines Gehirns offen. So konnte er jederzeit weitere Anrufe empfangen.
Theoretisch war er in der Lage, die telepathischen Wellen aller Bewohner der ganzen Welt zu empfangen, doch sein Zweithirn filterte ständig die ihn nicht betreffenden Gedanken heraus, sonst wäre er schnell in der Fülle der Kommunikation ertrunken.
Sein Nachbar hatte ähnliche Gedanken. Beide äußerten sich befremdlich über den neuen Trend des Gedankensurfens, der sich in den übervölkerten Gebieten langsam ausbreitete. Besonders Jugendliche verbrachten immer mehr Zeit damit, ihre Gedanken auf die ganze Welt hinauszuschicken und auf Antworten zu warten. Diese kamen meist in so großen Mengen, dass das Zweithirn kaum noch in der Lage war zu selektieren.
Galek und sein Nachbar liebten jedoch die Ruhe und schalteten sich meist aus dem allgemeinen Kommunikationsgewirr aus. Einmal täglich empfingen sie gemeinsam die Gedanken des Nachrichtensenders, der die weltweit wichtigsten Nachrichten zusammenfasste. Meist handelte es sich um die Bekanntgabe von neuen Nahrungsmittelvorkommen oder die Wetternachrichten, die für die Entwicklung der Wasseradern eine wichtige Rolle spielten. Einige weiter am Äquator lebende Bewohner waren sehr darauf angewiesen.
Galek und sein Nachbar hatten diese Sorgen nicht. Ihr Land lieferte ihnen genug für den Lebensunterhalt. So hatten sie Zeit für ihr tägliches Spiel mit dem sie das Gedächtnis trainierten. Mit komplizierten Fragen über vergangene Geschehnisse, die sie über den Nachrichtenaustausch empfangen hatten, versuchten sie sich in die Irre zu leiten. Sein Nachbar freute sich jedes Mal unbändig, wenn es ihm gelungen war, Galek bei einer Unwissenheit zu ertappen. Umgekehrt war es aber genauso. Ihr Dritthirn hatte zwar neben den artbedingten Grunderinnerungen sämtliche Erinnerungen ihres ganzen Lebens gespeichert, doch war es eine Frage der Übersichtlichkeit, in welcher Schnelligkeit sie darüber verfügen konnten. Wer seine Speicher nicht pflegte, konnte sich bald nicht mehr zurechtfinden. Galek und sein Nachbar benutzten ihre täglichen Spiele, ihr Dritthirn nach immer wieder neuen Erkenntnissen neu zu konditionieren. Dabei fielen ihnen natürlich ständig alte Erinnerungen ein, die sie bei ihrem nächsten Spielabend an dem Nachbarn testeten. Sie konnten sich köstlich amüsieren, wenn der Partner lange vergeblich nach den Informationen suchte.
* * *
Die beiden Raumfahrer näherten sich dem Planeten. Gespannt beobachteten sie die Bildschirme, auf denen sich eine Welt abzeichnete, die stark der Erde ähnelte. Je dichter sie herankamen, desto deutlicher wurden die Einzelheiten. Die Oberfläche schien zum Teil wüstenartig zu sein, mit riesigen Flächen, die an weite Steppen erinnerten. Die Polkappen trugen einen leichten grünen Schimmer. Das deutete auf frische Vegetation hin. Von dort zogen sich riesige Wasserläufe in Richtung Äquator, die jedoch in keine Meere mündeten, sondern irgendwo in den Wüsten versickerten.
Es war ihre Aufgabe, nach besiedlungsfähigen Welten zu suchen, denn die Menschheit brauchte neuen Raum. Die Möglichkeiten im Sonnensystem waren längst ausgeschöpft, so dass man inzwischen begonnen hatte, die weiter entfernten Sterne auf geeignete Planeten zu untersuchen. Die Vorgaben waren klar: Welten, die eine geeignete Atmosphäre und keine allzu lebensfeindliche Flora und Fauna besaßen, waren für die Besiedlung geeignet, wenn keine intelligenten Lebensformen auf ihnen existierten. Als intelligent galten alle Lebewesen, die einen bestimmten Intelligenzfaktor aufwiesen, der selbstverständlich nicht an der menschlichen Intelligenz gemessen werden musste. Als Anhaltspunkte galten bereits das bewusste Verhalten aufgrund geistiger Überlegungen, eine in Ansätzen vorhandene soziale Gemeinschaftsform mit bewusster Kommunikation zwischen den Individuen, die sich an einer gemeinsamen Sprache erkennen ließ. Die aufgrund tierischer Instinkte bedingten Verhaltensformen und die damit verbundenen Geräusche zur Verständigung waren meist entwicklungsbedingt entstanden und hatten mit Intelligenz nichts zu tun. Nach den bisherigen Erkenntnissen gab es nur auf wenigen Welten intelligente Lebewesen. Viele der auf Besiedlungswelten vorgefundenen Tiere konnten dagegen erfolgreich in das Besiedlungsprogramm einbezogen werden.
Die Raumfahrer lenkten das Schiff in eine Umlaufbahn, auf der sie den größten Teil der Planetenoberfläche übersehen konnten. Die Analysegeräte arbeiteten auf Hochtouren. Die Ergebnisse der Erstuntersuchung waren außerordentlich befriedigend. Die Atmosphäre ähnelte der der Erde, war jedoch etwas dünner, was durch einen höheren Sauerstoffanteil ausgeglichen wurde. Die durchschnittliche Luftfeuchtigkeit war erheblich geringer. In den Wüstenregionen des Äquators herrschten tagsüber ungeheure Temperaturen, die einen längeren Aufenthalt ohne Schutzausrüstung unmöglich machten. Je weiter es aber an die Polkappen ging, desto mehr Vegetation breitete sich aus. Es gab allerdings nur kleinwüchsige Pflanzen, hauptsächlich Gräser in den breiten Steppengürteln und Algen in den feuchten Polargebieten. Die gemäßigten Zonen zwischen Polen und Wüsten schienen für eine Besiedlung geeignet zu sein.
Sorgfältig lauschten die Raumfahrer auf irgendwelche Art von Funkwellen. Der Bordscanner tastete alle Frequenzen ab, doch es wurden keinerlei künstlich erzeugte elektromagnetische Wellen aufgefangen. Die optische Auswertung der Planetenoberfläche zeigte keinerlei Bauten, keine Städte, Ortschaften oder sonstige Formen einer Besiedlung. Nacheinander und auf verschiedenen Frequenzen sendeten sie verschiedene vorbereitete Funkansprachen auf die Oberfläche, eine Reihe von elektromagnetischen Signalen mit mathematischen Symbolen und einige Musiktitel. Danach folgten optische Signale in Form heller Lichtbündel und Laserstrahlen, die besonders auf der Nachtseite bis auf die Planetenoberfläche reichten. Zum Abschluss folgte noch eine Signalgruppe thermoelektronischer Strahlen, falls die Bewohner dieser Welt die Thermokommunikation pflegten. Es erfolgte keinerlei Antwort.
Doch das hatte noch nichts zu bedeuten. Es war durchaus möglich, dass es intelligente Lebewesen gab, die in ihrer Entwicklungsgeschichte noch lange nicht in der Lage waren, künstliche Bauten zu errichten oder Werkzeuge zu benutzen.
Die Raumfahrer trugen alle Erkenntnisse sorgfältig in das Logbuch ein und beendeten die Aufzeichnungen vorläufig mit der Absicht der Landung in der gemäßigten Zone.
Es war immer ein spannender Augenblick, das Raumschiff aus dem Orbit zu lösen und langsam zur Oberfläche abzusteigen. Die Landedüsen wurden zunächst zum Abbremsen nach vorne und dann mit abnehmender Geschwindigkeit nach unten gerichtet. Sauber setzte das Schiff mit seinen langen Federbeinen auf.
Beide beobachteten die Umgebung. Die Landedüsen hatten das Steppengras unter dem Schiff in Brand gesetzt, doch das Feuer wurde mit der automatischen Stickstofflöscheinrichtung schnell erstickt. In Sichtweite war außer dem etwa kniehohen Steppengras nichts zu sehen. Es schien keine Tiere zu geben oder sie waren durch die Landung vertrieben worden. Ein letzter Check prüfte die Außenbedingungen. Die Luft war atembar, die Temperatur betrug 35 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit etwa 30% relativer Feuchte, die Gravitation lag bei 0,85 G. Als die künstliche Schwerkraft des Raumschiffes abgeschaltet war, fühlten sich die Raumfahrer merkwürdig beschwingt und voller Energie. Sie beschlossen, sofort auszusteigen, um den Planeten zu erkunden.
Es war immer ein besonderes Ereignis, als Erster den Fuß auf die Oberfläche einer neu entdeckten Welt zu setzen. Schnell verließen sie den verbrannten Kreis unterhalb des Raumschiffes und betraten das raschelnde Steppengras. Es erinnerte etwas an den trockenen Strandhafer, wie er in den sandigen Dünen ihrer Heimat wuchs. Die Halme trugen doldenförmig angeordnete Fruchtstände, in denen Körner heranreiften. Sie sammelten einige der Körner ein, um sie später auf Genießbarkeit analysieren zu können. Der trockene Sand wurde ebenso eingesammelt, wie einige breitblättrige Pflanzen mit roten Verdickungen, deren Funktion nicht zu erkennen war. Sie sahen eine ganze Reihe weiterer Pflanzen. Das gab eine Menge Arbeit in den nächsten Tagen.
Das Schiff war in einem kleinen Tal gelandet. Dort stand es etwas geschützt, doch schien es auf dieser Welt keine Gefahren zu geben. Die Raumfahrer beschlossen, sich einen besseren Überblick von einem der umliegenden Hügel zu verschaffen und stiegen langsam den Berg hinauf.
* * *
Galek hatte wie jeden Tag sein Land inspiziert. Die Pflanzen gaben ihm alles, was er zum Leben brauchte. Er kannte inzwischen die Stellen genau, an denen die stachligen Früchte mit dem saftigen Inhalt besonders gut gediehen. Er ließ immer so viel stehen, dass sie genügend nachwachsen konnten. In einem windgeschützten Tal hatte er im Laufe der letzten Jahre einige Körnerpflanzen angebaut, die sich erfreulich gut entwickelten. Die jährliche Ernte reichte für seine ganze Familie. Er hätte in Notzeiten vermutlich sogar seinen Nachbarn mitversorgen können, doch dieser hatte seine eigenen Anbaugebiete. Trotzdem war es beruhigend, sich gegenseitig helfen zu können, wenn es darauf ankam.
Als er einen kleinen Bergrücken emporstieg, sah er die beiden Fremden. Er hatte solche Lebewesen noch nie gesehen. Sie saßen auf einem kleinen Felsen und schauten in die Runde. Abwartend blieb Galek stehen und beobachtete sie. Sie schienen nicht denken zu können, denn er empfang keinerlei Impulse, auch wenn er sein Zweithirn noch so weit öffnete. Er informierte seinen Nachbarn über die zweifellos primitiven Lebewesen, von denen er noch nie etwas gehört hatte. Auch sein Nachbar konnte in seinem Erinnerungsspeicher keinerlei Hinweise auf Lebewesen finden, die zu den Beschreibungen passten. Eine Rundumanfrage förderte nur die allgemeine Neugierde jedoch keine Erinnerungen. Die Anfrage löste eine weltweite Aufregung aus. Niemand konnte sich erinnern, jemals etwas Ähnliches erlebt zu haben. Die Kommunikationsflut ließ sich kaum noch bändigen, bis man sich einigte, die Allgemeinheit ständig über die weitere Entwicklung zu unterrichten. Wer daran interessiert war, konnte sein Zweithirn entsprechend offen halten. Weitere Nachfragen würden nur Verwirrung erzeugen. Galek erklärte sich bereit, die Wesen weiterhin zu beobachten und nach Möglichkeit zu ihnen Kontakt aufzunehmen.
Langsam ging er näher.
* * *
Die beiden Raumfahrer genossen die saubere Luft und die angenehme Wärme. Sie hatten sich auf einem kleinen Felsen niedergelassen, von dem aus sie einen guten Überblick über die Landschaft hatten. Bei ihrem Marsch zu dem Gipfel hatten sie sorgfältig ihre Umgebung beobachtet und sich einen ersten Überblick über die reichhaltige Flora verschafft. Die Fauna schien sich jedoch auf kleinere Tiere zu beschränken. Sie entdeckten einige Lebewesen, die mit den irdischen Insekten vergleichbar waren, jedoch zum Teil sehr abstruse Formen aufwiesen. So ähnlich musste es aber auch einem Außerirdischen vorkommen, der eine Gottesanbeterin oder einen Hirschkäfer entdeckte. Ob es mikroskopisch kleine Lebewesen gab, würde die Auswertung der verschiedenen Proben ergeben.
Die Raumfahrer blieben sitzen und verhielten sich still. Je länger sie das taten, desto unbefangener verhielten sich die Lebewesen in ihrer Nähe. Einige käferartige Zwölffüßer fraßen große Stücke aus einer Blattpflanze. Auch die kleineren Insekten schienen Pflanzenfresser zu sein. Es würde interessant werden, die Nahrungsmittelkette dieses Planeten zu erforschen.
* * *
Galek versuchte immer wieder, zu den beiden Fremden geistigen Kontakt aufzunehmen. Doch er hatte keinen Erfolg. Entweder die beiden waren dazu nicht fähig, oder sie hatten sich für die Kommunikation blockiert. Er versuchte es mit Sichtkontakt. Vielleicht würden sie sich dann öffnen. Langsam trat er aus dem höheren Gras heraus auf den offenen Felsen und sprach sie erneut an.
* * *
Die Raumfahrer sahen fast gleichzeitig die große Echse, die sich auf den Felsen schob. Das war bisher das größte Tier, das sie entdeckt hatten. Die Echse war mit dem kräftigen Schwanz fast einen Meter lang und bewegte sich bedächtig auf vier Füßen. Sie schien den Steppenverhältnissen hervorragend angepasst zu sein. Sie hatte eine panzerartige Schuppenhaut und große kugelförmige Augen, mit denen sie unverwandt zu ihnen herüberschaute. Irgendwie kam ihnen das Tier etwas heimisch vor, denn es erinnerte stark an die skurrilen Echsen der Erde. Sie überlegten, ob sie es einfangen sollten, doch als sie sich erhoben, verschwand das Tier rasch im dichten Gras.
* * *
Galek hatte sich mächtig erschrocken, als sich die Fremden plötzlich zu voller Größe aufrichteten. Sie liefen auf zwei Beinen und waren ungeheuer groß. Also ergriff Galek zunächst die Flucht und versteckte sich. Er berichtete sofort über das Gesehene. Weltweit hing man an seinen Gedanken. Doch obwohl die Fremden ihn bestimmt gesehen haben mussten, konnte er keinerlei geistigen Impulse empfangen. Auch weitere Versuche aus sicherer Entfernung hatten keinen Erfolg. So konnte er der gespannt wartenden Weltöffentlichkeit mitteilen, es handele sich um primitive Lebewesen, deren Herkunft ungeklärt ist.
* * *
Die Raumfahrer hatten genug gesehen. Sie konnten den Planeten einstufen und ihm die Katalognummer Alpha 36 geben. Auch bei weiteren Erkundungen, insbesondere in der Nähe der Pole, hatten sie keine größeren Tiere als die Echsen entdeckt. Der Planet beherbergte keinerlei intelligente Lebensformen und war somit besiedlungsfähig. Einen richtigen Namen würden ihm die ersten Siedler geben. Wenn die paar Echsen störten, waren sie schnell ausgerottet.
Zitat aus MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 1981:
„Aus den vorliegenden Daten kann gefolgert werden, dass Venus kein organisches Leben tragen kann und der Aufenthalt von Menschen ohne gewaltigen technischen Aufwand selbst für kurze Zeit kaum möglich sein wird.“
Seit jeher war die Erde eines der interessantesten Studienobjekte der Astronomen. Der dritte Planet des Sonnensystems war von der Venus aus mit bloßem Auge gut zu erkennen und durch seine Blaufärbung leicht von den anderen Himmelskörpern zu unterscheiden.
Jahrhundertelang spekulierten die Wissenschaftler, ob es auf der Erde Leben geben konnte, doch die fundierten Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte hatten das verneint. Es gab eine ganze Reihe von Gründen, die das eindeutig bewiesen.
Wie die Messungen einiger unbemannter Sonden ergeben hatten, war der größte Teil der Oberfläche mit einer flüssigen Verbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff angefüllt. Die Atmosphäre enthielt erhebliche Mengen des tödlichen Sauerstoffes und nur geringe Mengen des lebenswichtigen Kohlendioxyds. Da der atmosphärische Druck auf der Oberfläche des Planeten nur etwas mehr als ein Hundertstel des eigenen Planeten betrug, war die Entwicklung von Lebensformen nicht möglich, denn der für die molekulare Entwicklung eines lebensfähigen Kristalls erforderliche Mindestdruck fehlte absolut. Außerdem war es bitterkalt. Die Durchschnittstemperatur der Erde lag noch weit unter dem Siedepunkt von Schwefel, so dass dieser auf der Erde nur in kristalliner Form vorkam.
Aus den vorgenannten Gründen konnte gefolgert werden, dass die Erde kein kristallines Leben tragen kann und der Aufenthalt von Venusiern ohne gewaltigen technischen Aufwand selbst für kurze Zeit kaum möglich sein würde.
Es gab aber auch Gegner dieser These, die es durchaus als möglich ansahen, dass sich auf der Erde Lebensformen entwickelt haben könnten, die völlig anders waren als das Leben auf der Venus. Das ließen die elektromagnetischen Strahlen vermuten, die in immer stärkerem Maße auf der Erdoberfläche entstanden und teilweise auch die Venus erreichten. Zunächst hatte man das für einen natürlichen Effekt dieses Planeten gehalten, doch deutete die ansteigende Intensität im Laufe der letzten Jahrzehnte und eine gewisse Regelmäßigkeit auf künstliche Entstehung hin.
Dass es neben den Venusiern auch noch Lebewesen auf anderen Himmelskörpern geben musste, hatte das geheimnisvolle Auftauchen von drei unbemannten Raumfahrzeugen bewiesen, die vor einiger Zeit auf der Venus niedergegangen waren. Es gab eine ganze Reihe von Venusiern, die darin die ersten Kontaktversuche von Erdbewohnern vermuteten, doch wurden sie allgemein als Spinner abgetan, zumal die Untersuchung der Gebilde keinen Aufschluss über die Lebensform, die sie geschaffen hatte, gab.
Vor etwa zwei Venusumläufen um die Sonne gab es allerdings eine unerklärliche Veränderung, die den Wissenschaftlern ein großes Rätsel war. Die Erde hatte mehrere Tage lang in einem viel helleren Licht geleuchtet, das in der Nacht besonders gut zu sehen war. Danach waren keine elektromagnetischen Impulse mehr aufzufangen. Sie waren einfach verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
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Das Raumschiff näherte sich der Erde. Halkor tastete die Sensorauswertungen ab, die sich mit der Oberflächendarstellung befassten, während Baran das Annäherungsmanöver überwachte. Sie waren die ersten Venusier, die sich der Erde näherten, um das Geheimnis ihrer Bewohner aufzuklären. Einige unbemannte Sonden hatten in den letzten Zeitabschnitten die Erde umrundet und sensorische Daten von der Erdoberfläche gesammelt. Die wenigen Landmassen, die zwischen den riesigen Meeren herausragten, waren öd und wiesen offensichtlich keinerlei Spuren einer Besiedlung auf. Die Meere bestanden aufgrund der niedrigen Temperaturen auf der Erde aus verflüssigtem Wasserstoff mit Sauerstoff. An den Polkappen war dieser Stoff sogar in einen festen Aggregatzustand übergegangen.
Das Raumschiff überflog die Erde in einer Umlaufbahn, von der sie einen großen Teil der Erdoberfläche erfassen konnten. Die Sensoren übermittelten ihnen einen Eindruck von Öde und Leere. Die Landoberflächen schienen wie von einer Glasur überzogen, die durch Temperaturen entstanden sein konnten, die noch über den Oberflächentemperaturen der Venus lagen. Die eigenen Wahrnehmungen der Raumfahrer bestätigten die Ergebnisse der Raumsondenmessungen. Über dem ganzen Planeten lag eine starke diffuse Strahlung, jedoch waren keinerlei geordnete elektromagnetische Impulse, wie man sie in früheren Zeitabschnitten auf der Venus empfangen hatte, zu messen. Die Erde schien tot zu sein.
Sie übermittelten ihre Eindrücke über einen starken Sender an die Leitzentrale auf der Venus und lösten dort eine Lawine an Siegesgefühlen aus. Die Wissenschaftler sahen ihre theoretischen Erkenntnisse bis hierhin als bestätigt an. Man hatte übrigens zur interplanetarischen Kommunikation Sender entwickelt, die die gleichen elektromagnetischen Wellen benutzten, die man in früheren Zeiten von der Erde empfangen hatte. Das gab ihnen die theoretische Möglichkeit, mit eventuellen Erdbewohnern Kontakt aufzunehmen.
Halkor überlegte, an welcher Stelle er landen könnte, um einen möglichst vielseitigen Überblick über die Verhältnisse auf der Erdoberfläche zu bekommen. Gemeinsam mit Baran wählte er eine Stelle aus, die am Rande eines Doppel-Kontinentes lag, der sich fast von Pol zu Pol über eine Erdhälfte hin erstreckte. Die beiden breiten Teile im Norden und Süden wurden von einer schmaleren Landenge nördlich des Äquators verbunden. Sie entschieden sich für den nördlichen Kontinent am Rande eines riesigen Meeres, das fast die Hälfte der Erdoberfläche einnahm.
Es gab kaum Probleme bei der Landung, denn die Anziehungskraft der Erde war fast identisch mit der auf der Venus. Die Atmosphäre war allerdings weitaus leichter zu überwinden, denn sie hatte nur den Bruchteil der Dichte auf der Venus. Die mechanischen Gleitvorrichtungen des Raumschiffes blieben daher weitgehend wirkungslos, so dass Halkor fast vollständig mit den Düsen manövrieren musste. Die für den hohen venusischen Luftdruck konstruierten Bremsdüsen mussten vorsichtig mit Minimalleistung eingesetzt werden, damit der Umkehrschub sie nicht sofort wieder in den Raum hinauskatapultierte. Vorsichtig, nur auf dem Mittelstrahl reitend, setzte Halkor das Raumschiff auf und schaltete den Antrieb ab.
Sie waren auf einem langgestreckten Höhenzug gelandet, von dem sie einen hervorragenden Überblick hatten. In aller Ruhe scannten sie die Umgebung. Auf einer Seite erstreckte sich eine bizarre Berglandschaft, auf der anderen Seite fiel das Land steil zum Meer ab. Die Scanner entdeckten zwei breite Landzungen, die einen Teil des Meeres umfassten. Das Meer erstreckte sich dahinter bis zum Horizont.
Sorgfältig bereiteten Halkor und Baran ihre Ausrüstung zum Verlassen des Raumschiffes vor. Die schweren Anzüge mussten den gewohnten Innendruck halten und die notwendige Kohlendioxidkonzentration herstellen. Die Analyse der Außenluft hatte ergeben, dass es dort nur wenig gasförmigen Kohlenstoff, jedoch erhebliche Mengen Sauerstoff gab. Sie führten in ihrem Anzug eine gewisse Menge Kohlendioxyd mit, waren aber auch in der Lage, mittels Kohlenstoffpatronen, die Oxyd-Anteile der Erdatmosphäre auszufiltern und in Kohlendioxyd umzuwandeln. Das gab ihnen eine fast unbegrenzte zeitliche Aktionsfreiheit. Das Hauptproblem lag in der ungeheuren Kälte der Erde. Die meisten auf Venus üblichen Werkstoffe waren unter diesen Bedingungen nicht einsetzbar, da sie sich in eine kristalline Form umwandelten und unbeweglich wurden oder unter Belastung zerbrachen. Es war den Wissenschaftlern allerdings gelungen, geeignete Materialien zu entwickeln, die für den Erdeinsatz geeignet waren. Die hohe Sauerstoffkonzentration auf der Erde begünstigte zusätzlich den Betrieb einer Heizung, die durch Sauerstoffkatalyse funktionierte. Der Ausfall der Heizung würde sie allerdings in wenigen Zeiteinheiten erstarren lassen.
Als erster betrat Halkor die kleine Luftschleuse und schloss das Innenschott hinter sich. Die Luft aus der Schleuse wurde in das Innere des Raumschiffes gepumpt, um möglichst wenig Druck zu verlieren. Dann öffnete er das Außenschott und machte einen leichten Sprung nach vorne. Wie in Zeitlupe sank er das kurze Stück bis zur Erdoberfläche unter dem geringen Luftdruck nach unten. Baran folgte auf gleichem Wege.
