Unequally Love - Sara Wagener - E-Book

Unequally Love E-Book

Sara Wagener

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Beschreibung

Khyra. Ein kleiner Unfall und zwei starke Hände, die sie retten, genügen, damit sie verloren ist. Sie weiß, sie muss ihn wiedersehen, doch sie hat nicht die geringste Ahnung, wie sie das anstellen soll. Kian. Er hat eine völlig fremde Frau geküsst und seitdem geht sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er weiß, er will nur noch sie. Kompromisslos. Nadeya. Blaue Augen und ein Lächeln, obwohl sie nie angelächelt wird. Und doch darf sie nicht einmal mit diesem Typen befreundet sein. Die Konsequenzen wären hart. Chris. Schmerz in ihren Augen. Eine Reaktion auf ihre Vergangenheit und der starke Drang, sie zu beschützen. Wut auf den Mann, der sie von ihm fern hält. Unequally Love erzählt zwei Liebesgeschichten, so unterschiedlich wie Tag und Nacht und doch miteinander verworren. Altersempfehlung: 16 Jahre

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Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Sara Wagener

Unequally Love

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1 - Khyra

Kapitel 2 - Kian

Kapitel 3 - Nadeya

Kapitel 4 - Chris

Kapitel 5 - Nadeya

Kapitel 6 - Khyra

Kapitel 7 - Nadeya

Kapitel 8 - Kian

Kapitel 9 - Khyra

Kapitel 10 - Nadeya

Kapitel 11 - Chris

Kapitel 12 - Kian

Kapitel 13 - Chris

Kapitel 14 - Kian

Kapitel 15 - Khyra

Kapitel 16 - Chris

Kapitel 17 - Khyra

Kapitel 18 - Nadeya

Kapitel 19 - Khyra

Kapitel 20 - Nadeya

Kapitel 21 - Kian

Kapitel 22 - Nadeya

Kapitel 23 - Khyra

Kapitel 24 - Chris

Kapitel 25 - Kian

Kapitel 26 - Nadeya

Kapitel 27 - Khyra

Kapitel 28 - Kian

Kapitel 29 - Chris

Kapitel 30 - Nadeya

Kapitel 31 - Kian

Kapitel 32 - Chris

Kapitel 33 - Khyra

Kapitel 34 - Nadeya

Kapitel 35 - Kian

Kapitel 36 - Chris

Kapitel 37 - Khyra

Kapitel 38 - Nadeya

Kapitel 39 - Khyra

Kapitel 40 - Chris

Kapitel 41 - Nadeya

Kapitel 42 - Kian

Kapitel 43 - Chris

Kapitel 44 - Khyra

Kapitel 45 - Kian

Kapitel 46 - Nadeya

Kapitel 47 - Chris

Kapitel 48 - Kian

Kapitel 49 - Khyra

Kapitel 50 - Nadeya

Kapitel 51 - Chris

Kapitel 52 - Khyra

Kapitel 53 - Chris

Kapitel 54 - Nadeya

Kapitel 55 - Chris

Kapitel 56 - Kian

Kapitel 57 - Nadeya

Kapitel 58 - Chris

Kapitel 59 - Kian

Kapitel 60 - Chris

Kapitel 61 - Nadeya

Kapitel 62 - Kian

Kapitel 63 - Chris

Kapitel 64 - Kian

Kapitel 65 - Nadeya

Kapitel 66 - Khyra

Kapitel 67 - Chris

Nachwort - Danksagung

Impressum neobooks

Prolog

Die Liebe ist geduldig und freundlich.

Sie ist nicht neidisch oder überheblich,

stolz oder anstößig.

Liebe ist nicht selbstsüchtig.

Sie lässt sich nicht reizen,

und wenn man ihr Böses tut,

trägt sie es nicht nach.

Sie freut sich niemals über Ungerechtigkeit,

sondern sie freut sich immer an der Wahrheit.

Liebe erträgt alles, verliert nie den Glauben,

bewahrt stets die Hoffnung

und bleibt bestehen, was auch geschieht.

Die Liebe hört niemals auf.

- Die Bibel: 1. Korinther 13,4-8 -

Kapitel 1 - Khyra

May the road rise up

to meet you.

May the wind be

always at your back.

May the sun shine warm

on your face

and the rain falls soft

upon your fields.

And until we meet again,

may God hold you

in the palm of his hand.

- Irish Blessing -

Es waren die ersten warmen Tage in diesem Jahr. Dabei hatte der Sommer nicht einmal Einzug erhalten. Es war April, doch die Sonne schien schon um 9 Uhr morgens angenehm warm.

Khyra nahm die gleichmäßigen, schabenden Geräusche nicht mehr wahr, die ihre Inlineskates auf dem glatten Asphalt des Fahrradweges hervorriefen. Sie fuhr seit einer Viertelstunde in immer schnellerem Tempo in der Nähe des River Shannon. Schon in aller Frühe hatte sie beschlossen, den freien Vormittag zu nutzen, um ein wenig Sport zu treiben. Endlich wieder Bewegung an der frischen Luft, nach den vielen düsteren Wintertagen.

Khyra hatte sich darauf gefreut. Doch dann war dieser verheerende Anruf dazwischen gekommen. Und nun liefen ihr unaufhaltsam die Tränen über das Gesicht. Sie konnte nichts dagegen tun. Die Ränder des schmalen Asphaltweges nahm sie nur verschwommen wahr. Sie spürte die Kälte des Fahrtwindes an ihren tränenfeuchten Wangen.

Sie konnte Nadeyas Stimme noch immer hören, die in ihrem Kopf widerhallte.

»Bitte fang nicht gleich an zu weinen, okay?«

Erneut entstieg ein Schluchzen ihrer Kehle. Bald würde sie nicht mehr weiter fahren können. Ihr Inneres krampfte sich zusammen.

»Mom ist gestern Abend etwas... zugestoßen...«

Sie keuchte, als die Worte ihrer Schwester erneut ihre Gedanken durchströmten. Der erschreckend tiefe Schmerz fraß sich durch ihr Inneres. Nein... das war einfach... nicht möglich...

Sie rief sich das Gesicht ihrer Mutter in Erinnerung. Die feinen Lachfältchen, das rote, von grauen Strähnen durchzogene Lockenhaar, die blauen Augen, die sie ihren Töchtern vererbt hatte... Es konnte einfach nicht wahr sein. Jemand erlaubte sich einen üblen Scherz mit ihr.

In der Ferne sah sie einen Jogger herannahen. Peinlich berührt wischte sie sich die Tränen aus den Augen. Sie hatte gehofft, um diese Uhrzeit niemanden zu treffen. Doch vielleicht hatte der Mann Kopfhörer im Ohr und achtete ohnehin nicht auf eine junge Frau, die in raschem Tempo an ihm vorbei sauste. Khyra konnte nur erkennen, dass er blaue Kleidung trug, doch fast sofort schossen neue Tränen in ihre Augen und die noch weit entfernte Gestalt verschwamm erneut.

»Sie ist tot, Khyra...«

Ein schmerzerfüllter Schrei entstieg ihrer Kehle und fast zeitgleich spürte sie die kleinen Steinchen der Bankette unter den Rädern ihres rechten Fußes. Sie verlor das Gleichgewicht. Der Tränenschleier trübte ihre Sicht und nur undeutlich nahm sie wahr, dass der Boden näher kam. Sie spürte den Aufprall, den harten Schlag an ihrer Schläfe und stieß einen neuerlichen Schrei aus. Vertrocknete Pflanzen stachen ihr in die Haut, während sie die Böschung hinab rutschte und sich dabei um sich selbst drehte. Sie keuchte erschrocken, während auf einmal jeder Zentimeter ihres Körpers schmerzte. Die feinen Zweige eines noch blätterlosen Busches zerkratzten ihr das Gesicht, als sie darin hängen blieb. Der Abhang war nicht tief. Zwei oder drei Meter vielleicht. In der Mulde blieb sie reglos liegen und konnte sich nicht rühren. Und sie wollte es auch gar nicht. Es war zu schmerzhaft. Nicht nur ihr Körper, sondern vor allem ihre Seele fühlte sich an, als wäre sie entzwei gerissen.

Alles war still um sie herum, nur Nadeyas Stimme dröhnte in ihrem Kopf.

»Khyra bist du noch dran? Ich sagte doch, du sollst nicht gleich weinen. Beruhig dich erst mal.«

»Ich gehe jetzt skaten«, hatte sie gesagt und einfach aufgelegt. Wie in Trance hatte sie ihre Inlineskater angezogen und war hinaus in die Morgensonne gerollt. Wahrscheinlich war es ein Fehler gewesen, sich ausgerechnet dann auf die Straße zu begeben, wenn einen jeden Moment der Schock übermannen konnte.

»Miss? Hey Miss!«

Eine tiefe, männliche Stimme drang an ihr Ohr. Der Jogger vielleicht. Er musste ihren Sturz gesehen haben, war er doch kaum einen halben Kilometer von ihr entfernt gewesen.

Eine Hand berührte ihr Gesicht und sie öffnete die Augen, während ein schmerzerfüllter Laut ihre Lippen verließ. Der Fremde hielt sich ein Handy ans Ohr, während er sie erleichtert anlächelte.

»Ja... Ja, sie ist wach. Beeilen Sie sich bitte... Ja ich bewege sie nicht... Gut... Gut das mache ich.«

Ihr Kopf dröhnte. Sie hob langsam die Hand, presste sie an ihre Schläfe und kniff die Augen wieder zusammen, als sie der Schmerz übermannte.

»Nicht bewegen«, sagte die sanfte Stimme des Fremden, »Wie heißen Sie?«

Sie reagierte nicht. Eine große, raue Hand massierte leicht ihre Finger.

»Miss?«

»Khyra...«, presste sie hervor.

»Freut mich, Khyra«, sagte der Fremde und lächelte sie an. »Ich bin Kian.«

Tiefbraune Augen schauten sie an und einige lange, braune Haarsträhnen hingen in seinem Gesicht. Er schwieg einen Moment, während er behutsam ihre Hand drückte.

»Wo haben Sie Schmerzen?«

Wieder brauchte sie einen Augenblick, um zu reagieren.

»Mein Kopf«, antwortete sie und versuchte verzweifelt, sich auf den Rest ihres Körpers zu besinnen. Doch es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren.

»Noch irgendwo?«

Khyra stöhnte leise und schloss die Augen.

»Überall«, antwortete sie und griff sich an die Brust. In ihrem Innern schien etwas zu brennen. Sie krallte die Finger in ihren dünnen, verschwitzten Pulli und spürte, wie erneut Tränen über ihre Wangen liefen. Sie schluchzte.

»Es wird alles gut. Der Krankenwagen kommt bald und dann wird es Ihnen besser gehen.«

Khyra schüttelte den Kopf und stützte sich mit der freien Hand auf dem Boden ab. Sie wollte sich in eine aufrechte Position befördern, doch ihre dichten, roten Locken verfingen sich hinter ihr in den Zweigen des Busches.

»Au«, jammerte sie und versuchte sich zu befreien. Lange Finger griffen an ihr vorbei und lösten behutsam ihre Haarsträhnen aus den Ästen.

»Kommen Sie«, sagte Kian leise und schob seine Hände unter ihren Körper. Khyra schnappte nach Luft, als er sie mit Leichtigkeit auf seine Arme hievte und die Böschung erklomm.

»Geht es?«

»Ja«, gab sie zurück, doch urplötzlich traf sie der Schwindel und sie klammerte sich unwillkürlich am Hals des Fremden fest. Ein leises Keuchen entwich ihrer Kehle, während er sie sanft auf dem aufgewärmten Asphalt absetzte.

»Sie haben sich ganz schön den Kopf angeschlagen«, sagte Kian mit besorgter Miene, während er ihren Rücken stützte. Khyra schloss die Augen und presste sich erneut die Hand an die Schläfe. Doch das machte es nicht besser. Tränen rannen ihr über die Wangen. Ihre Mom... die Frau, die sie aufgezogen hatte, zu der sie es nie geschafft hatte, eine gute Beziehung aufzubauen... Sie war tot... Wie war das möglich? Und wieso war sie so leichtsinnig gewesen? Verzweifelt schluchzte sie auf.

Da spürte sie, wie die Finger des Fremden sanft ihre Hand umschlossen. Sein warmer Körper war dicht neben ihr, während er ihren Kopf auf seine Schulter bettete und ihr übers Haar strich.

»Ganz ruhig«, flüsterte er, »es wird alles gut.«

»Nichts wird gut«, brachte sie verzweifelt hervor. »Sie ist tot. Was soll schon gut werden?«

»Scht«, machte er, während er sie einfach in den Armen hielt. In diesem Augenblick ertönten entfernt die Sirenen des Krankenwagens.

»Sie sind gleich da«, sagte Kian leise. Er hob die Hand und legte sie an ihre Wange. Mit dem Daumen strich er ihr die Tränen fort. Ihre Blicke begegneten sich und Khyra verlor sich für einen Augenblick in diesem warmen Braun. Ihr Mund war leicht geöffnet, während sie ihn unentwegt ansah. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals einem Fremden so in die Augen gesehen zu haben - überhaupt jemandem so nah gewesen zu sein, wie sie sich diesem Mann im Augenblick fühlte. Und das absurde an dieser Situation war, dass es dafür keine plausible Erklärung gab. Als er ihren Mund mit seinen warmen, weichen Lippen verschloss, fühlte es sich an, wie das Natürlichste auf der Welt. Sie würde es nicht in Frage stellen. Es war einfach so.

Kapitel 2 - Kian

»Chris, nun mach schon. Ich muss auch noch da rein«, rief Kian durch die geschlossene Badezimmertür. Er klopfte ungeduldig gegen das helle Holz und stütze sich mit der anderen Hand am Türrahmen ab. Der Schlüssel wurde herumgedreht und sein Bruder stand in karierten Boxershorts und mit der Zahnbürste im Mund vor ihm. Sein fragender Blick glitt über Kians Sportkleidung.

»Iff dafte du bift fon weg«, sagte er durch den Schaum, der aus seinen Mundwinkeln quoll.

»Von wegen«, gab Kian zurück und drängte sich an dem Älteren vorbei ins Badezimmer. Ein Kribbeln schoss ihm durch sämtliche Gliedmaßen, als er an den Grund dachte, weshalb er noch nicht weg war. Diese Lippen...

Chris spuckte ins Waschbecken und spülte sich den Mund aus.

»Bist du nicht ein bisschen arg spät dran?«, fragte er, während er sich das Gesicht abtrocknete.

»Ach wirklich? Wäre mir gar nicht aufgefallen, wenn du es nicht erwähnt hättest.«

Kian drehte den Duschhahn auf und zog sich das verschwitzte T-Shirt über den Kopf.

Er war gerade im Begriff gewesen, umzukehren, als er sie hatte stürzen sehen. Und dann war er losgerannt, hatte das Handy aus der Tasche gezogen und den Notruf gewählt. Dass er gleich arbeiten musste, war in den Hintergrund gerückt. Was spielte das schon für eine Rolle?

»Was ist denn bei dir verkehrt?«, wollte Chris wissen und fasste seine langen blonden Locken mit einem Gummiband zusammen. Kian warf ihm die nicht minder verschwitzte Jogginghose an den Kopf.

»Nichts ist bei mir verkehrt. Ich hab‘s einfach eilig.«

Er hielt die Hand prüfend unter den Wasserstrahl, während sein Bruder nach dem Rasierer griff und so etwas wie »Teenager« murmelte. Kian war schon lange kein Teenager mehr und nur zu dieser Zeit hätte ihn der Spruch seines Bruders geärgert.

»Kannst du nicht raus gehen? Du hast doch noch genug Zeit.«

Dennoch stieg Kian unter den angenehmen Strahl der Dusche und gönnte sich einen winzigen Augenblick der Ruhe. Er schloss die Augen und spürte das heiße Wasser an seinem Körper abperlen. Es tat unheimlich gut.

»Von wegen, Mister Ich-habs-eilig. Ich habe ein Date mit der Werkstatt.«

»Und dafür rasierst du dich seit Wochen mal?«, fragte Kian und griff nach dem Duschgel. Er quetschte ein wenig zu viel aus der Tube und seifte sich hastig ein.

»Ne, aber da arbeitet eine Neue.«

»In der Werkstatt arbeitet eine Frau? Sicher, dass die nicht lesbisch ist?«

Kian grinste, griff nach dem Shampoo und drückte sich das glitschige Zeug direkt aus der Tube auf den Kopf. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er vergessen hatte, seinen Pferdeschwanz zu lösen. Er griff nach dem widerspenstigen Haargummi und warf es auf die Ablage neben die Shampooflasche, bevor er seine Haare einschäumte.

»Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Könnte sein... Und wenn schon. Ich will sie ja schließlich nicht aufreißen. Nur einen guten Eindruck machen, damit‘s nicht so teuer wird. Und sie sollen die Arbeit ja auch vernünftig machen. Mein Guter darf nur in die besten Hände.«

Kian schnaubte und stellte sich unter den Wasserstrahl. »Mein Guter«, war ein alter T1, den Chris seit etwa einem halben Jahr restaurierte. Der hatte ihn schon viel Geld und Mühen gekostet, doch das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Manchmal glaubte Kian, dass sein Bruder überhaupt kein Interesse mehr an Frauen hatte, seit er sich diesen lang gehegten Traum erfüllt hatte. Aber das war natürlich Blödsinn. Chris war einfach wählerisch und hätte sicher nicht einfach ein fremdes Mädchen geküsst, das sich wohl ohnehin eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte. Oh man, was hatte ihn in diesem Augenblick nur geritten?

»Sag mal hörst du mir eigentlich zu?«

»Was?« Kian drehte das Wasser ab und tat, als hätte er seinen Bruder deshalb nicht verstanden, obwohl das vorher auch kein Problem gewesen war. Chris warf ihm ein Handtuch zu und verdrehte die Augen.

»Ich habe gefragt, was dich aufgehalten hat.«

Kian presste kurz die Lippen aufeinander, doch das konnte der Ältere nicht sehen, weil der ihm den Rücken zugekehrt hatte.

»Ein Unfall«, antwortete er, während er sich abtrocknete. Chris drehte sich kurz zu ihm herum.

»Was ist passiert?«

»Ein Mädchen. Sie ist hingefallen, beim Inlineskaten und hat sich den Kopf angeschlagen. Ich habe gewartet, bis der Krankenwagen kam«, erklärte Kian ausweichend.

»Oh und ist sie okay?« Chris wusch den Rasierer unter dem Wasserhahn ab und legte ihn zurück auf die Ablage.

»Ja, ich denke schon«, gab Kian zurück, schlang sich das Handtuch um die Hüften und verließ ohne ein weiteres Wort das Bad. Er durchquerte barfuß den kleinen Flur und ließ die Tür zu seinem Schlafzimmer offen stehen. Rasch schlüpfte er in Boxershorts, ein weißes T-Shirt mit irgendeinem nichtssagenden Aufdruck und schlichte Bluejeans.

So kehrte er ins Bad zurück, wo Chris noch immer vor dem Spiegel stand. Er fasste gerade die vordere Haarpartie seiner schulterlangen, blonden Locken zusammen und flocht sie am Hinterkopf.

»Ich habe sie geküsst«, sagte Kian und schaltete im nächsten Augenblick den Föhn ein. Er konnte sich das Grinsen kaum verkneifen, als sein Bruder ihm gegen die Schulter boxte.

»Ist das dein Ernst?«, rief er gegen das laute Dröhnen an. Kian nickte und biss sich auf die Unterlippe. Allein der Gedanke an diese unglaublich blauen Augen ließ seinen ganzen Körper erneut kribbeln. Khyra... Wie sie ihn angesehen hatte... Als wüsste sie genau, was er im Begriff war, zu tun. Dabei hatte er es nicht einmal selbst gewusst.

Chris zog den Stecker und der Krach erstarb. Kian blickte seinen Bruder an, der ihn ungläubig musterte.

»Du hast sie geküsst? So richtig?«

Kian nickte.

»So richtig...«, gestand er und schloss für eine Sekunde die Augen, während er sich an das Gefühl ihrer Lippen auf seinen erinnerte.

»Hat sie dir wenigstens eine verpasst? Hast du vorher überhaupt nachgedacht?«

»Ehrlich gesagt nein«, gab Kian ein wenig zerknirscht zurück.

»Oh man, du bist echt irre«, sagte Chris, lachte kopfschüttelnd und wollte den Stecker schon wieder in die Dose befördern, als er sich noch einmal zu seinem Bruder umwandte.

»War‘s gut?«

Kian grinste.

»Sehr gut.«

Mit lautem Knall zerschellte der Stapel Teller am Boden und Kian stieß einen unschönen Fluch aus.

»Sorry, Kian. Tut mir so leid.«

Payla hatte sich die Hände vor den Mund geschlagen. Wie erfroren stand sie mit ihren High Heels im Türrahmen zur Küche. In Kian kochte die Wut. Das war so typisch. Er gab keinen Laut von sich, während er sich zwischen die Scherben kniete, einen Mülleimer heranzog und den Unrat beseitigte, bevor...

»Was ist denn hier los?«

Kian schloss für einen Augenblick genervt die Augen, bevor er den Kopf hob und Connors Blick begegnete.

»Kian hat die Teller fallen gelassen«, sagte Payla zuckersüß und nahm den Arm ihres Liebsten. Galle stieg ihm in der Kehle auf, während er sich wieder dem Chaos zuwandte.

»Willst du mir alle Gäste vergraulen?«, fragte Connor wütend.

»Welche Gäste?«, murmelte Kian, doch nicht laut genug, damit sein Chef ihn hörte.

»Tut mir leid. Payla hat mir die Tür vor den Kopf geschlagen.«

»Willst du ihr jetzt die Schuld geben?«, fuhr Connor ihn an.

»Natürlich nicht. Ich passe beim nächsten Mal besser auf.« Seine Stimme triefte vor Sarkasmus, während er sich aufrichtete, um Handfeger und Kehrblech zu holen.

»Kian, ich warne dich. Das ist schon das zweite Mal, dass du Geschirr zertrümmerst. Beim nächsten Mal ziehe ich dir das vom Gehalt ab.«

Kian verdrehte die Augen. Dann konnte er auch gleich kündigen. Vielleicht wurde das ohnehin langsam Zeit. Er arbeitete jetzt seit über zwei Jahren im Pub und hatte die Nase gestrichen voll. Vor allem seit Payla hier aufgetaucht war. Sie war schlappe 13 Jahre jünger als Connor und kaum den Windeln entschlüpft.

Aber er wollte sich nichts vormachen. Er brauchte diesen Job. Anders konnte er sich die Miete nicht leisten und mit seinen Songs hatte Kian noch keinen Cent verdient. Der Job in Connors Pub war zwar nicht gerade gut bezahlt und machte ihm keinen Spaß, doch irgendwie musste er sich ja über Wasser halten. Sein Cousin hatte ihm damals einen Gefallen tun wollen und ihn eingestellt, doch Kian fragte sich manchmal, ob er ihm damit wirklich geholfen hatte. Vielleicht hätte er längst einen anderen Job gehabt, der ihm mehr brachte, als die Bestellungen von unfreundlichen Touristen entgegen zu nehmen.

Kian beeilte sich, die restlichen Scherben zu beseitigen und ging dann in die Küche zurück.

»Alles okay mit dir?«, fragte Jayden, der an dem großen Herd stand und klein geschnittene Pilze in die Suppe gab.

»Verfluchte Göre«, murmelte Kian. Jayden grinste.

»Payla oder Connor?«

Kian musste lachen.

»Beide, glaub ich«, antwortete er und machte sich daran, das schmutzige Geschirr - das, was nicht zerdeppert war - in die Industriespülmaschine zu räumen.

Kapitel 3 - Nadeya

Dear Lord,

Give me a few friends

who will love me for what I am,

and keep ever burning

before my vagrant steps

the kindly light of hope...

And though I come not within sight

of the castle of my dreams,

teach me to be thankful for life,

and for time‘s olden memories

that are good and sweet.

And may the evening‘s twilight

find me gentle still.

- Irish Blessing -

»Verdammt Alan! Meine Mom ist vor weniger als einem Monat gestorben. Findest du das komisch?«

Nadeya presste sich das Smartphone fest ans Ohr und hörte das unterdrückte Seufzen, das ihr Freund von sich gab.

»Nein Babe. Natürlich nicht. Aber du warst schon ewig nicht mehr hier. Langsam nervt‘s einfach und ich überlege schon, ob ich was mit der hübschen Blondine anfangen soll, die gerade in die Wohnung unter mir eingezogen ist.«

Alans Stimme triefte vor Sarkasmus.

»Dann mach doch!«, zischte Nadeya, legte auf und warf ihr Handy achtlos aufs Bett. Kochend vor Wut griff sie nach ihrem Wäschekorb und machte sich auf den Weg in den Keller. Alan war einfach unmöglich. Natürlich hatte sie keine Zeit gehabt, ihn in Dublin zu besuchen. Zuerst die Beerdigung ihrer Mutter, dann die ganzen anderen Dinge, die es zu klären gab. Das Testament hatte bei einem Notar gelegen. Doch es hatte sie viele Gänge zu Behörden und Anrufe bei Versicherungen gekostet, um endlich alles ins Reine zu bringen. Khyra war ihr keine große Hilfe gewesen, war sie doch seit ihrem Unfall noch immer nicht richtig auf der Höhe.

Nadeya seufzte, während sie die Klamotten wahllos in die Maschine stopfte. Ihre Schwester war nicht mehr dieselbe, seit diesem Sturz. Vielleicht auch einfach wegen des Todes ihrer Mutter. Sie war zu oft fröhlich und traurig zugleich.

Am Anfang hatte Nadeya Schwierigkeiten gehabt, ihr die Geschichte mit dem gutaussehenden Fremden abzukaufen, der sie einfach geküsst hatte. Wer bitte machte so etwas? Direkt nach einem Unfall? Doch ihre merkwürdigen Stimmungsschwankungen waren anders nicht zu erklären.

Sie telefonierten fast jeden Tag und trafen sich mindestens einmal die Woche. Manchmal gab es Fragen zu klären. Zum Beispiel was sie mit dem riesigen Haus machen sollten, das ihre Mom ihnen vererbt hatte. Und hin und wieder sprachen sie ohne besonderen Grund miteinander.

Nadeya erhob sich, füllte Waschpulver in die Maschine und ging dann mit dem leeren Wäschekorb zurück zu ihrer Wohnung.

Auf dem Weg dorthin hörte sie, dass von oben Schritte die Treppe hinunter kamen. Die beiden Menschen sprachen miteinander.

»Geben Sie mir einfach bis morgen Abend Bescheid, ob sie die Wohnung nehmen wollen. Bis dahin habe ich sie Ihnen reserviert«, sagte ein Mann in rauem, männlichem Klang. Eine weibliche, näselnde Stimme antwortete.

»Ich bin mir schon fast sicher. Auch wenn ich den Balkon etwas klein finde. Aber mehr kann man für den Preis wohl nicht erwarten.«

Es sah ganz so aus, als bekäme Nadeya eine neue Nachbarin. Neugierig stieg sie die Stufen hinauf und drückte sich dann in den Wohnungseingang der alten Katzenomi, die hier wohnte, als die beiden sich im engen Flur an ihr vorbei drängten. Die Frau trug ihre Nase hoch und dieser Eindruck verstärkte sich noch, als sie Nadeya bemerkte. Ein kleines, herablassendes Lächeln erschien auf ihren bemalten Lippen. Sie kannte solche Frauen zu genüge. Nur weil sie sich etwas anders kleidete als normale Menschen und ein paar Piercings im Gesicht trug, wurde sie von ihnen als minderwertig angesehen. Doch es war ihr egal.

Aber der Makler machte einen ganz anderen Eindruck auf sie. Er war hochgewachsen und breitschultrig und seine blonden Locken waren teilweise zu kleinen Zöpfen geflochten. Auch er wirkte wie jemand, der Blicke in einer Menschenmasse auf sich zog. Seine blauen Augen begegneten den ihren, und als er sie freundlich, doch reserviert anlächelte und im Vorübergehen grüßte, spürte Nadeya ein merkwürdiges Fallgefühl in der Magengegend. Sie vergaß den Gruß zu erwidern und kaute stattdessen auf ihren Piercings herum.

Da wurde hinter ihr die Tür geöffnet.

»Oh«, stieß Misses Counter überrascht aus. »Schätzchen wolltest du etwas? Ich wollte gerade einkaufen gehen.«

»Ähm«, gab Nadeya zurück.

»Oh, oh!« Die Katzenomi lachte.

»Wenn das in deinem Alter schon anfängt mit der Vergesslichkeit, wie soll das erst werden, wenn du so alt bist wie ich?«

»Eier«, stieß Nadeya verzweifelt aus. Warum nicht? Sie hatte ohnehin noch nicht gefrühstückt.

»Natürlich. Was ist ein Frühstück ohne Eier? Aber du solltest auch etwas Frisches zu dir nehmen, du siehst viel zu blass aus«, sagte die alte Dame und wackelte zurück in die Wohnung. Eine ihrer Katzen folgte ihr.

»Eier und Äpfel, bitteschön. Brauchst du sonst noch etwas? Ich gehe ohnehin einkaufen.«

»Nein, vielen Dank, Misses Counter. Aber Sie sollten vielleicht Ihr Haarnetz abnehmen, bevor Sie gehen.«

»Wo wir wieder bei der Vergesslichkeit wären.«

Nadeya grinste, während sie in ihre Wohnung zurückkehrte. Misses Counter war eine der wenigen ihrer Generation, die kein Problem mit ihrem auffallenden Äußeren hatte.

Sie warf sich bäuchlings aufs Bett und nahm ihr Handy in die Hand. Zwei Anrufe in Abwesenheit. Beide von Alan. Doch sie hatte jetzt keine Lust, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Der Streit ließ sich ohne weiteres auf später verschieben.

Stattdessen schloss sie die Augen und merkwürdigerweise tauchte das Gesicht des Maklers vor ihr auf. Sein Lächeln hatte absolut nichts Herablassendes an sich gehabt. Doch warum interessierte sie das überhaupt?

Es gab heute wichtigere Dinge zu tun. Sie musste... einen Makler finden, der das Haus für sie verkaufte. Nadeya raufte sich die wilden, roten Locken. Und schon wieder waren da die furchtbar blauen Augen des Mannes. Grinsend stellte sie sich eine Szene wie im Film vor, bei der sie dem gutaussehenden Fremden hinterher rannte und ihn bat, diesen Job anzunehmen. Sie musste lachen, ging in die Küche und bereitete sich ein paar Eier mit Speck zu. Während ihr Frühstück in der Pfanne brutzelte, steckte sie zwei Scheiben Brot in den Toaster und blickte aus dem Küchenfenster. Missmutig verzog sie das Gesicht. Dicke Regentropfen fielen auf den Shannon herab, der unterhalb des mehrstöckigen Wohnhauses dahin floss. Der April war so angenehm warm gewesen. So sehr, dass sie bei der Beerdigung in ihrer schwarzen Kleidung mächtig geschwitzt hatten. Der Mai hatte schon verregnet begonnen und das Wetter hatte sich seit Tagen nicht verändert.

Nadeya wollte sich gerade mit ihrem Frühstück vor ihren PC setzen, als es an der Haustür klingelte. Sie verdrehte die Augen und ging zu der Sprechanlage im Flur.

»Ja?«, sagte sie eine Spur zu genervt.

»Deya, ich bin‘s. Mach auf.«

Ohne noch etwas zu sagen, drückte Nadeya auf den Türöffner und ging zu ihrer Wohnungstür. Sie öffnete sie einen Spalt breit und kehrte in ihr Schlafzimmer zurück. Der PC war mittlerweile hochgefahren. Sie nahm ihr Toast, vollbeladen mit Ei und Speck in die Hand und biss davon ab, während sie YouTube öffnete und wahllos ein Video aus ihrer Playlist anklickte. Irgendein Typ aus Limerick, der seine Musik hochgeladen hatte. Seine Lieder waren ganz cool und Nadeya mochte den Klang seiner tiefen, rauen Stimme. Sie nahm den Teller in die Hand und drehte ihren Stuhl zur Tür um. Die Wohnungstür fiel ins Schloss und Khyra betrat ihr Schlafzimmer. Sie ließ ihre Tasche fallen und warf sich rücklings auf das Bett. Dabei stöhnte sie gequält.

»Kommst du von der Nachtschicht?«

»Ja«, gab sie zurück und verschränkte die Arme vor dem Gesicht. Nadeya grinste.

»Frühstück? In der Pfanne sind noch Eier mit Speck. Ich hab ohnehin zu viel gemacht.«

»Gern«, sagte Khyra, rappelte sich auf und verschwand in Nadeyas Küche. Wenig später hörte sie sie zurückkehren. Sie hatte mittlerweile das neue Video angeklickt, dass der Nutzer hochgeladen hatte.

»Hey Leute, ich habe einen neuen Song für euch. Ich spiele ihn euch gleich vor, aber vorweg: Er ist noch nicht perfekt«, sagte der Typ und lächelte freundlich in die Kamera. Er saß auf einem Cajon und hielt den Hals seiner Gitarre fest, die vor ihm auf dem Boden stand.

»Es handelt sich eigentlich um ein Duett, und wenn euch der Song gefällt und ihr singen könnt, meldet euch doch mal bei mir. In der Infobox habe ich euch meine E-Mail-Adresse hinterlassen.«

Der Typ platzierte die Gitarre, ein schönes, nachtschwarzes Instrument, auf seinem rechten Bein und spielte ein paar Akkorde, als hinter Nadeya klirrend etwas zu Boden fiel.

»Verdammt noch mal, Khyra. Was soll das?«, fuhr sie ihre Schwester an, die wie erstarrt in der Mitte des Schlafzimmers stand. Vor ihren Füßen lag der Teller, das Ei überall auf dem Boden verteilt. Sie zitterte.

»Das ist er.«

»Was?«

»Das ist der Typ. Kian.«

Nadeya starrte sie einen Augenblick ungläubig an, bevor ihr Blick zurück auf den Monitor wanderte. Reflexartig hatte sie auf Pause gedrückt und das Bild des YouTubers war eingefroren.

»Was für ein Kian?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort zu kennen glaubte.

»Na der, der mich...«

Sie schien völlig aufgelöst. Rasch stand Nadeya auf, tänzelte um die Sauerei herum und nahm ihre Schwester fest in den Arm. Sie zitterte noch immer, während Nadeya genau merkte, dass sie über ihre Schulter hinweg den Bildschirm ansah.

»Mensch Süße, mach dich nicht lächerlich.« Nadeya strich ihrer Schwester eine verirrte, rote Locke aus dem Gesicht.

»Deya, er ist es wirklich. Ich meins ernst.«

»Bist du sicher?«

Sie nickte. Die Ältere zögerte kurz, spielte mit der Zunge an ihren Lippenpiercings und bückte sich schließlich, um die Sauerei wegzuräumen.

»Tja, das mit dem Frühstück hat sich wohl erledigt.«

Sie sammelte die Ei-Stücke auf, warf sie zurück auf den Teller und trug ihn in die Küche. Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte, saß Khyra auf ihrem Schreibtischstuhl und hatte auf Play gedrückt. Ungläubig schüttelte sie den Kopf.

»Der Wahnsinn«, murmelte sie, während sie sich das gefühlvolle Lied anhörte, das - obwohl nur mit Gitarre begleitet - eine einzige Symphonie darstellte. Dieser Kian hatte echt Talent. Nadeya hatte seine Songs ja schon vor einer Weile entdeckt und auch gewusst, dass er aus der Gegend stammte, doch dass ausgerechnet er Khyras Retter sein sollte? Irgendwie war das zu schön, um wahr zu sein. Und wahrscheinlich war es das auch. Zu schön. Es musste einen Haken geben und Nadeya glaubte, ihn zu kennen.

Dieser Typ hatte ihre Schwester geküsst. Einfach so. Wer machte so etwas? Nur ein Macho, einer, der zu viel auf sich hielt. Dieser Kerl konnte nicht gut für Khyra sein. Warum nur hatte sie das YouTube-Video geöffnet? Vielleicht hätte Khyra es irgendwann endlich geschafft, ihn zu vergessen. Er wäre zu einer schönen Erinnerung geworden und nichts weiter. Doch jetzt würde er aufs Neue ihr Denken einnehmen.

»Genug jetzt«, sagte Nadeya und schloss mit einem einzigen Klick den Browser.

»Hey«, stieß Khyra aus, die wie versunken in dem Anblick des Fremden gewesen war.

»Schluss damit. Du gehst jetzt nach Hause, pennst eine Runde und heute Abend gehen wir aus.«

»Aber ich wollte...«

»Keine Widerrede. Mach schon!« Nadeya zog ihre Schwester auf die Füße und schubste sie zur Tür hinaus.

»Melde dich, sobald du wach bist, dann komme ich vorbei und wir überlegen uns, was wir unternehmen.«

Khyra schnaubte ergeben.

Kapitel 4 - Chris

Chris fluchte laut.

»Verdammt Kian, das kann nicht dein Ernst sein.«

Sein Bruder ließ sich über die Seitenlehne der Couch fallen und schloss die Augen. Das lange, braune Haar hing ihm im Gesicht.

»Willst du nicht mal wissen, warum er mich gefeuert hat? Ich glaube dann muss ich dich davon abhalten, persönlich bei ihm vorbeizufahren und Hackfleisch aus ihm zu machen.«

Chris zog eine Augenbraue nach oben. Was hatte das wieder zu bedeuten?

»Hau raus!«

»Connors kleine, blonde Schnecke hat versucht, mich anzubaggern. Daraufhin hab ich ihr höflich zu verstehen gegeben, dass ich nicht interessiert bin, und habe vielleicht auch erwähnt, dass sie gerade mal... wie alt? Keine Ahnung. Fünfzehn ist? Sie fand das jedenfalls nicht so klasse, dass ich ihr einen Korb gegeben habe. Also ist sie zu Connor gegangen und hat behauptet, ich hätte sie angegrabscht.«

Chris atmete hörbar aus, drehte die Fernbedienung zwischen den Fingern und betrachtete seinen kleinen Bruder.

»Mann, Kian.«

»Was denn?«, fuhr er ihn an. »Nenn mir eine Lösung, die besser gewesen wäre. Ich bin froh, dass ich da nicht mehr hin muss. Payla hat mich wahnsinnig gemacht.«

»Hör zu, Kian. Vielleicht... vielleicht ist das der Wink mit dem Zaunpfahl, dass du endlich was Vernünftiges machen solltest.«

Kian schnaubte und blickte ihn ungläubig an.

»Du willst jetzt nicht ernsthaft den großen Bruder raushängen lassen, oder?«

Chris grinste entschuldigend.

»Ich mein ja nur.«

»Ich habe schon was anderes gefunden«, sagte Kian und schloss die Augen. Er schien ein Grinsen unterdrücken zu müssen.

»Im Ernst?« Das war ja schnell gegangen. Chris betete inständig, dass »was anderes« nicht noch ein schlecht bezahlter Job in einem Pub war.

»Ich hab einen Gig.«

Er öffnete ungläubig den Mund und starrte seinen Bruder an. Als er begriff, dass der keinen Scherz gemacht hatte, strahlte er ihn an. Der Jüngere öffnete die Augen wieder und grinste leicht.

»Im Ernst? Hey, das ist ja super. Wann? Vielleicht kann ich mitkommen.«

Kian senkte ein wenig verlegen den Blick, richtete sich auf und knetete die Finger.

»Heute Abend schon. Die Band, die eigentlich im Underground auftreten sollte, hat kurzfristig abgesagt. Joe hat gemeint, ich würde ihm den Arsch retten, wenn ich einspringe. Und wenn ich bei den Leuten ankomme, krieg ich vielleicht einen Vertrag.«

»Hey Wahnsinn!«, stieß Chris aus. Das waren wirklich super Neuigkeiten. Auftritte im Pub waren vielleicht nicht das, was ihr Dad als einen angemessenen Beruf bezeichnen würde, doch das war allemal besser, als jeder Kellnerjob. Und Chris wusste, wie viel Talent sein Bruder hatte.

»Kommst du mit?«, fragte Kian und Chris hörte aus seiner Stimme heraus, wie viel Angst er vor dem Abend hatte.

»Klar. Als ob ich mir das entgehen lassen würde.« Er grinste erneut. Natürlich musste er Kian beistehen. Er würde schrecklich nervös sein.

Doch das war immer sein Traum gewesen. Seine eigenen Songs präsentieren. Sein YouTube-Kanal hatte längst nicht so viele Abonnenten, wie Kian seiner Meinung nach verdient hätte. Heute Abend würde er zum ersten Mal vor größerem Publikum auftreten. Er fand es super, dass Joe ihm diese Chance bot. Immerhin war es für den Barbesitzer ein großes Risiko. Fanden die Leute keinen Gefallen an Kians Musik, würden sie vielleicht nicht wieder kommen. Doch Chris hatte Vertrauen in seinen Bruder. Er wusste, dass er die Bühne rocken würde.

Das Licht im Underground war angenehm. Es war nicht so schummrig, dass man nach einem harten Arbeitstag müde wurde, aber auch nicht zu hell. Musik spielte im Hintergrund. Doch noch keine Live-Musik. Die kam erst später.

»Hey Jungs«, rief ein hochgewachsener Mann mit verschlagenem Grinsen. Er kam zu ihnen hinüber und reichte zuerst Kian, dann Chris die Hand.

»Ey, Chris! Wo hast du nur gesteckt? Tut gut, dich mal zu sehen, Mann.«

»Freut mich auch, Joe«, antwortete Chris und schlug in die ausgestreckte Hand seines ehemaligen Chefs ein.

»Kian! Super, dass das geklappt hat. Du willst dich sicher einsingen. Direkt neben der Bühne ist eine Tür, die führt in den Keller. Da kannst du dich aufwärmen.«

Kian grinste nervös. Chris schlug ihm aufmunternd auf die Schulter.

»Wir sehen uns nachher, Bruder. Du machst das schon.«

Kian wirkte etwas verloren, während er sich zwischen den Gästen hindurch schlängelte. Irgendwie kam es Chris falsch vor, seinen Bruder ganz allein zu lassen. Er würde furchtbare Angst haben. Doch andererseits, vielleicht brauchte er die paar Minuten für sich.

»Ganz schön voll heute, oder?«

»Ja«, antwortete Joe und grinste selbstgefällig, »Umso erleichterter bin ich, dass Kian Zeit hat.«

Chris musste lachen.

»Ich hoffe, er macht sich nicht in die Hose.«

Joe grinste erneut und winkte ein paar Neuankömmlingen zu.

»Soll ich dich mit ein paar Leuten bekannt machen oder siehst du schon jemanden, den du kennst?«

»Ach, ich komm schon klar. Danke Joe. Ich setz mich ein wenig an die Bar.«

»Alles klar. Oh, da kommt meine Rettung«, sagte Joe und ohne ein weiteres Wort drängte er sich zwischen zwei Mädchen mit hochhackigen Schuhen und überschminkten Gesichtern hindurch. Kurz folgte Chris ihm mit dem Blick, bevor er stutzte. Der Mittdreißiger blieb vor einer jungen Frau stehen, die ihm bekannt vorkam. Er brauchte nur einen Augenblick, um sie einzuordnen. Ihr Gesicht war glatt und ebenmäßig und die azurblauen Augen schwarz umrandet. Jede Seite ihrer Unterlippe zierten zwei Ringe und in der Mitte ihrer Oberlippe steckte eine silberfarbene Perle. Heute Morgen hatte er sie gesehen, in dem altmodischen Haus am Shannon, in dem er eine Wohnung zu vermitteln hatte. Da hatte sie zwar ihre Piercings getragen, war jedoch noch nicht geschminkt gewesen. Sie hatte sich in einem weiten T-Shirt in den Eingang einer Wohnung gedrängt, um ihn und seine Kundin vorbei zu lassen. Ihre dichten, roten Locken hatte sie mittlerweile gebändigt. Jetzt waren sie auf einer Seite zu einer wilden Frisur zusammengefasst und ihr schwarz gefärbter Sidecut kam darunter zum Vorschein.

Joe sprach sie an und Chris wandte sich ab. Er wollte nicht dabei ertappt werden, wie er die beiden beobachtete.

Langsam schlenderte er zur Bar hinüber und ließ sich auf einem der hohen Lederstühle nieder. Er sah sich nach einer Bedienung um, doch es kam niemand. Der Laden hatte echt nachgelassen, seit er nach seinem Studium hier gekündigt hatte.

Kapitel 5 - Nadeya

May love and laughter light your days,

and warm your heart and home.

May good and faithful friends be yours,

wherever you may roam.

May peace and plenty bless your world

with joy that long endures.

May all life‘s passing seasons

bring the best to you and yours!

- Irish Blessing -

»Nadeya, schön dich zu sehen.« Joe schob sich zwischen zwei dieser typisch aufgetakelten Tussis hindurch und kam direkt auf sie zu. Sie lächelte ihn an, als er sich zu ihr hinab beugte und ihr einen flüchtigen Kuss an der Wange vorbei hauchte.

»Frag mich bloß nicht, ob ich zum Arbeiten hier bin. Ich bin mit meiner Schwester da.«

Joe grinste zerknirscht.

»Ich bitte dich, Darling. Suzanne ist krank geworden. Ich habe schon versucht, dich anzurufen.«

»Mein Handy ist ins Klo gefallen«, gab Nadeya ungerührt zurück. Tatsächlich hatte sie es ausgeschaltet in ihrer Nachttischschublade verschwinden lassen, nachdem Alan noch dreimal versucht hatte, sie zu erreichen.

»Wie dem auch sei. Ich bitte dich inständig. Colin ist alleine hinter der Theke total überfordert.«

Nadeya blickte sich nach ihrer Schwester um. Die stand bei drei anderen jungen Frauen, die sie in ein Gespräch verwickelt hatten. Nadeya seufzte resigniert.

»Na gut. Dafür will ich die doppelte Bezahlung.«

Joe gluckste vergnügt, umarmte sie und gab ihr diesmal einen richtigen Kuss auf die Wange.

»Du bist die Beste.«

Sie verdrehte die Augen, und als Joe sich abgewandt hatte, wischte sich mit der Hand über die Wange.

»Ja, bis du die nächste am Start hast«, murmelte sie.

Heute wäre ihr einziger freier Tag in dieser Woche gewesen. Warum hatte sie mit Khyra auch hierher kommen müssen? - Weil sie die Drinks günstiger bekam...

Nadeya schob sich zwischen zwei zu jung aussehenden Kerlen hindurch, die ihr interessierte Blicke zuwarfen, und trat neben Khyra.

»Oh, hey. Das ist Nadeya. Meine Schwester. Und das sind Beatrice, Lauren und Olivia. Kolleginnen von mir.«

»Reizend«, gab Nadeya trocken zurück, musterte kurz die brav aussehenden Gestalten, die sie misstrauisch taxierten, und nahm ihre Schwester bei Seite, um ihr die Planänderung mitzuteilen. Khyra wirkte ehrlich enttäuscht.

»Das kann er doch nicht von dir verlangen«, beschwerte sie sich.

»Er ist der Boss.«

Khyra seufzte.

»Na schön. Obwohl ich keine große Lust habe, mir Olives Geplapper den ganzen Abend anzuhören. Morgen Abend hab ich zusammen mit ihr Dienst. Das reicht mir schon.«

Nadeya grinste ihre Schwester an.

»Ich lad dich morgen zur Entschädigung auf einen Kaffee ein. Joe bezahlt mir das doppelte.«

»Das klingt schon besser«, antwortete sie und lachte. Es war so schön, dieses Geräusch wieder zu hören. Seit Wochen war sie so in sich gekehrt. Hatte Nadeya ihre geliebte Schwester endlich wieder?

»Bis nachher, Süße.«

Khyra nickte und gesellte sich zurück zu ihren Kolleginnen. Nadeya hatte sich nie sonderlich wohl unter den Freundinnen ihrer Schwester gefühlt. Unter ihnen war sie sich immer zu... mittelmäßig vorgekommen. Sie waren so perfekt mit ihren großen Plänen. Studiert hatten sie alle oder übten zumindest Berufe aus, bei dessen Einstellungsgesprächen Nadeya aufgrund ihres Äußeren schon ausgemustert worden wäre.

Deshalb hatten Nadeya früher nicht viel mit Khyra unternommen. Sie war sowieso nie ein großer Fan von wilden Feiern gewesen. Nicht mehr, seit sie mit sechzehn Jahren auf dieser verhängnisvollen Privat-Party gewesen war...

Unwirsch schob sie die Gedanken daran bei Seite. Sie kannte sich zu gut. Würde sie dort verweilen, die Erinnerung zulassen, saß sie letztendlich mit vor der Brust verschränkten Armen in irgendeiner Ecke und weinte.

Langsam kämpfte Nadeya sich zwischen den Gästen hindurch. Das Gedränge wurde allmählich zu viel für sie und sie war froh, als sie die Theke erreicht hatte. Mit einem Satz sprang sie hinauf und schwang die Beine über den Tresen.

»Oh, Nadeya«, stieß Colin erleichtert aus, der gerade aus der Küche gestürzt kam, »gut, dass du da bist. Ich bin am verzweifeln. Kannst du den vorderen Teil der Bar übernehmen?«

»Klar. Entspann dich. Kesha und Letty sind an den Tischen, oder?«

»Ja, die kommen klar. Aber hier ist die Hölle los. Ich glaube, der Typ da hinten wartet schon seit fünfzehn Minuten.«

Colin deutete mit einem Spültuch auf die andere Seite der Bar.

Nadeya stockte der Atem. Sie erkannte ihn sofort. Das war er. Der Makler... Konnte es ein Zufall sein, dass sie ihn heute schon zum zweiten Mal sah?

»Okay, ich kümmere mich drum«, gab sie nur zurück und hörte selbst, dass sie ein wenig atemlos klang. Colin schien das nicht zu registrieren. Er wandte sich schon den nächsten Gästen zu.

Nadeya bewegte sich ein wenig zu langsam auf dem Fremden zu. Er beobachtete gerade irgendetwas hinter sich, während er, mit auf dem Tresen verschränkten Händen, da saß. Fieberhaft überlegte sie, was sie sagen sollte. Einfach »Was darf‘s sein?« Oder gab es etwas Ausgefalleneres, das vielleicht sein Interesse weckte?

Im nächsten Augenblick schalt sie sich für ihre Dummheit. Gute Güte, sie hatte einen Freund. Der war zwar manchmal ein Idiot, doch das gab ihr noch lange nicht das Recht, mit wildfremden Typen zu flirten.

»Bitte sag mir, dass diese aufgeblasene Tussi nicht meine Nachbarin wird«, rutschte es ihr heraus, als sie sich mit beiden Händen vor ihm auf dem Tresen abstützte. Der Blonde zuckte zusammen und blickte sie erstaunt an. Er schien einen Moment zu brauchen, um sie einzuordnen.

»Du arbeitest hier?«

»Zum Spaß stehe ich nicht hinter der Theke. Was darf‘s sein?«

»Ein Wasser mit Kohlensäure, bitte.«

»Ein Wasser?« Sie starrte ihn ungläubig an. War das sein Ernst oder machte er sich über sie lustig? Er lachte tatsächlich.

»Ich fürchte ich muss dich enttäuschen. Die nette Dame hat vor etwa einer Stunde angerufen und mir mitgeteilt, dass sie die Wohnung nehmen wird.«

Nadeya verzog das Gesicht. Wenigstens wusste er noch, wo sie sich getroffen hatten.

»Ich hab aber auch nie Glück«, beschwerte sie sich. Wieder lachte der Fremde.

»Ich kann gerne nach einer neuen Wohnung für dich Ausschau halten, wenn du mir sagst, was du für Vorstellungen hast.«

Nadeya musste lächeln.

»Nein danke. Ich fühle mich dort eigentlich ganz wohl. Und wenn mir Eier oder Milch fehlen, frage ich Misses Counter und füttere dafür ab und zu ihre Katzen, wenn sie ihre Tochter in Dublin besucht.«

Er lachte herzlich und plötzlich wurde Nadeya ganz warm. Sein Lachen war so ehrlich. Da war absolut nichts Geheucheltes dran. Alan lachte manchmal so... unecht. Halbherzig. Und dann hatte sie das Gefühl, er tat das nur, damit sie mit ihm schlief.

»Was ist? Bekomme ich jetzt mein Wasser?«, fragte der Fremde schließlich. Sie sah ihn ungläubig an.

»Im Ernst jetzt? Ich dachte das wäre ein Scherz.«

Wieder lachte er und nickte.

»Ganz im Ernst.«

Nadeya schoss aus irgendeinem Grund das Blut in die Wangen. Sie holte rasch ein Glas unter der Theke hervor und öffnete eine frische Sprudelflasche.

»Vielen Dank«, sagte er und reichte ihr einen Fünfer. Verlegen gab sie ihm sein Wechselgeld und zuckte zusammen, als seine warmen Finger die Ihren streiften.

»Hey Miss. Dauert das noch lange?«

Ein bulliger Typ mit harten, kantigen Gesichtszügen hatte sie angesprochen.

»Tut mir leid«, antwortete Nadeya rasch und wandte sich den anderen Gästen zu, die darauf warteten, ihre Bestellungen aufzugeben. Rasch füllte sie Gläser mit diversen Alkoholsorten und zwang sich, nicht zu dem merkwürdigen Fremden hinüber zu blicken, der alleine in eine Bar ging, bloß, um ein Wasser zu trinken.

Nadeya ließ jeglichen Schwung vermissen, den sie sonst an den Tag legte, wenn sie mit den Gästen sprach und über ihre Scherze lachte. Heute war sie nicht bei der Sache, denn sie hörte die ganze Zeit nur den schwachen Abklatsch des Lachens in ihrem Kopf, das von dem ungewöhnlichen Mann an der Theke gekommen war. Sie sehnte sich danach, es noch einmal zu hören, um es sich besser in Erinnerung rufen zu können und verfluchte ihre Dummheit. Was war nur in sie gefahren?

Doch sie kam nicht drum herum, sich ihm noch einmal zuzuwenden.

»Darf‘s noch was sein?« Sie nahm das leere Glas und stellte es zu dem anderen schmutzigen Geschirr, das die Küchenmädchen regelmäßig abholten.

Er blickte auf, fast ein wenig überrascht, als hätte sie ihn aus tiefen Gedanken gerissen.

»Ähm«, machte er, einen Augenblick verwirrt, »ein alkoholfreier Cocktail?«

»Klar«, gab Nadeya zurück und musterte ihn interessiert, während sie ihm die Cocktailauswahl auf der Karte aufschlug. Er schien wahllos einen auszusuchen, und während sie ihm einen Früchtecocktail zubereitete, schielte er hinüber zur Bühne.

»Wann startet denn bei euch die Live-Musik? Ich war ewig nicht mehr hier.«

»Um zehn«, antwortete sie automatisch.

»Noch zwei Minuten«, sagte er mehr zu sich selbst, während er einen Blick auf sein Handy warf.

»Bitte sehr.« Sie stellte den Cocktail vor ihm ab.

»Vielen Dank. Sieht klasse aus«, gab er zurück und lächelte sie an. Einen Moment zögerte er, bevor er die Hand ausstreckte.

»Ich bin übrigens Christian... Oder Chris.«

Einen winzigen Augenblick starrte sie irritiert auf die kleinen, keltischen Symbole, die in die Innenseite seines Unterarms eintätowiert waren, bevor sie seine große, warme Hand ergriff. Von seiner Arbeit als Makler waren seine Finger bestimmt nicht so rau geworden.

»Nadeya«, antwortete sie und stieß nervös mit der Zunge gegen ihre Piercings. Geistesabwesend spielte sie daran herum.

»Freut mich, Nadeya. Ich hab übrigens auch mal da gestanden, wo du jetzt stehst.«

Überrascht sah sie ihn an. Er schien keinen Witz zu machen.

»Du hast im Underground gearbeitet?«

Er nickte.

»Joe ist ein guter Chef. Er bezahlt ganz anständig.«

Nadeya zuckte ausweichend mit den Schultern.

»Es gibt sicher Schlimmere.«

»Was machst du sonst? Außer hier zu arbeiten, meine ich.«

Sie blickte ihn irritiert an.

»Nichts.«

»So gar nichts?« Da war es wieder. Sein Lachen. Nadeya musste selbst ein Lächeln unterdrücken.

»Naja, ich studiere nicht, oder so. Ich arbeite hier und verdiene genug, um davon zu leben.«

Chris musterte sie einen Augenblick, doch das Lächeln verschwand nicht aus seinen markanten Zügen.

In diesem Moment setzte die Musik ein. Einfach so, ohne dass jemand den Neuling angekündigt hätte. Der erste Gitarrenschlag ließ Nadeya leicht zusammenzucken. Sie kannte dieses Lied. Heute Morgen hatte sie es zuletzt gehört. Automatisch wanderte ihr Blick zur Bühne.

»Oh Scheiße!«

Chris lachte wieder.

»Lass ihn das bloß nicht hören. Das würde mächtig an seinem Ego kratzen.«

Nadeya schüttelte ungläubig den Kopf, während genau derselbe Mann dort auf der Bühne saß, der am Morgen noch aus ihrem PC-Bildschirm herausgelächelt hatte. Er war es. Ohne Zweifel. Es waren dieselben braunen Locken, die er in seinen Videos fast immer im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Heute trug er sie offen. Sie fielen ihm über die Schultern und ins Gesicht.

Nadeya kannte die Art, wie er Gitarre spielte und wie seine Stimme in den niedrigen Tonlagen besonders voll und rau klang. Sie kannte jede einzelne Note dieses Songs, hatte sie sie doch selbst zu singen geübt.

Verdammt! Ausgerechnet heute, wo Khyra hier war.

»So ein Mist«, murmelte Nadeya und starrte den Sänger ungläubig an.

»So schlecht ist er nun auch wieder nicht.«

»Nein! Nein... oh verdammt...«

»Na Chris, hältst du meine Bedienung vom Arbeiten ab?« Joe war an ihrer Seite aufgetaucht und legte locker den Arm um ihre Schulter.

»Ich weiß nicht recht. Ich glaube sie hält sich gerade erfolgreich selbst davon ab. Kians Stimme scheint ihr nicht sonderlich zu gefallen.«

»Soll das ein Scherz sein? Dein Bruder singt unglaublich.«

Joe musterte Nadeya anklagend. Ihr schlug das Herz in doppelter Geschwindigkeit. Bruder? Das war einfach nicht möglich. Solche großen Zufälle konnte es nicht geben. Wahrscheinlich hatte Khyra sich den Kuss nur ausgedacht und gemeinsam mit Joe diesen Plan ausgeheckt, um sie auf die Schippe zu nehmen. Das hätte sie vielleicht geglaubt, wenn Joe und ihre Schwester einander gekannt hätten und Khyra der Typ für solche Späße gewesen wäre.

»Khyra...«, murmelte sie und machte sich von Joe los. Ohne Zeit zu verlieren, sprang sie auf den Tresen, schwang die Beine über die Kante und landete neben Chris auf dem Boden.

»Was zum...«, stieß der aus und Nadeya konnte seinen Blick spüren, als sie sich durch den immer voller werdenden Pub kämpfte. Menschen rempelten sie an, stießen sie bei Seite und beleidigten sie, weil sie sich so unwirsch vorbei drängte. Sie musste zu Khyra und ihre kleine Schwester vor Dummheiten bewahren.

»Hey!«, blaffte sie jemand an, als sie gegen ihn stieß. Der stämmige, kleine Typ schubste sie zurück. Sie taumelte und stieß gegen den nächsten Körper.

»Nein...«, keuchte sie, während Hände sie berührten. Grobe Hände, raue, unwirsche Finger, die ihr die Kleider vom Leib rissen... Nein... Das war nicht echt. Das waren bloß... Erinnerungen!

Nadeya rang nach Atem, griff sich an die Kehle und keuchte. Sofort schossen ihr die Tränen in die Augen und sie spürte, wie sie in sich zusammensackte. Ihre Knie schlugen hart auf dem Boden auf.

Nur undeutlich nahm sie wahr, dass dieser Kian aufgehört hatte zu singen. Er sprach in das Mikrofon, stellte sich vor und redete irgendetwas, das nicht richtig zu ihr durchdrang. Verzweifelt schlang sie die Arme um den Oberkörper und spürte das unkontrollierbare Zittern. Füße von Menschen, die sie nicht sahen, stießen gegen sie. Niemand half ihr auf. Sie spürte die Tränen über ihre Wangen laufen, heiß und unaufhaltsam. Es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Sie würde einfach hier sitzen bleiben, bis sich der Pub leerte und niemand mehr hier war, der sie bedrängen konnte. Sie machte sich klein, schlang die Arme um ihren Kopf, wollte Geräusche und Menschen ausblenden und nicht mehr sie selbst sein...

Zwei starke Hände packten sie plötzlich und zogen sie auf die Füße. Ihr erster Impuls war zu schreien, doch aus dem Augenwinkel sah sie die keltische Tätowierung auf der Innenseite des Unterarms und der Schrei blieb ihr in der Kehle stecken. Im nächsten Moment blickte sie in diese unendlich blauen Augen. Sie glänzten im gedämpften Licht des Pubs.

»Chris«, stieß sie atemlos aus.

Einen Augenblick waren sie sich so nah, dass sie seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. Dann trat er einen kleinen Schritt zurück, doch seine rauen Hände umfassten noch immer ihre Oberarme.

»Oh Mann, du weinst ja«, sagte er leise. Sie musste aussehen wie ein verflixtes Streifenhörnchen. Wer hätte schon damit rechnen können, dass sie wasserfestes Make-up benötigen würde?

»Brauchst du frische Luft?«

Sie nickte langsam. Ohne zu zögern, nahm er ihre Hand in die seine und bahnte ihnen einen Weg zum Ausgang. Hinter ihm zu gehen war leichter, als sich selbst durchzukämpfen. Chris schien so etwas wie eine natürliche Autorität zu besitzen, denn Nadeya war sich sicher, dass die Leute ihm nicht nur wegen seiner muskulösen Statur Platz machten. Er war ohnehin nicht überdurchschnittlich breit gebaut. Muskulös ja, doch er sah nicht aus, wie einer dieser übertriebenen Bodybuilder.

Ihr wurde jäh bewusst, was sie hier tat. Sie hielt die Hand eines Typen, den sie kaum... nein, eigentlich überhaupt nicht... kannte und ging mit ihm zum Ausgang. Er könnte wie diese Kerle von damals sein, nur nett verpackt. Doch stattdessen fühlte Nadeya sich vollkommen sicher mit ihm. Das Zittern ihrer Knie war verschwunden und es liefen keine Tränen mehr über ihre Wangen. Wie machte er das mit seiner bloßen Anwesenheit?

Am Ausgang drängten sie sich an Terry vorbei, der ihr einen fragenden Blick zuwarf. Der Türsteher griff unwirsch nach Chris Schulter.

»Hey! Lass sie los!«

Nadeya musste einfach lächeln. Es sah bestimmt kläglich aus, unter dem verschmierten Make-up. Chris blickte den großen, massigen Typen irritiert an.

»Schon gut, Terry«, beschwichtigte sie ihn rasch, doch ihre Stimme klang rau und ein wenig hilflos. Der Türsteher war in seinem Innern wohl eher ein Riesenteddy, als alles andere. Er war ein herzensguter Mensch und nur seines Studiums wegen verdiente er sich bei Joe ein wenig Geld.

»Alles okay bei dir?«, fragte er gerade und Nadeya spürte, dass Chris ihre Hand loslassen wollte. Sie griff nur umso fester danach und er tat ihr den Gefallen. Der leichte, angenehme Druck seiner Finger ließ sie ein wenig schaudern. Sie waren so warm...

»Ja, mach dir keine Gedanken«, gab sie zurück und lächelte Terry an. Chris zog sie weiter und sie folgte ihm durch die Tür nach draußen. Die kühle, angenehme Nachtluft roch nach Regen, doch kein Tropfen fiel vom Himmel.

»Dachte er, ich entführe dich, oder so?«

Sie lachte leise.

»Wahrscheinlich.«

Einen Moment standen sie schweigend voreinander. Nadeya lehnte sich an die Wand des Pubs und ignorierte die Blicke der Neuankömmlinge. Immer wieder wischte sie sich über das Gesicht und versuchte verzweifelt, die Make-up Streifen zu entfernen. Chris lächelte entschuldigend.

»Ich hab leider kein Taschentuch.« Er blickte sich kurz um, dann sprach er zwei Mädchen an, die gerade mit ihren High Heels über das unebene Pflaster staksten. Nadeya konnte nicht verstehen, was sie sagten. Kians Gesang erklang laut und voll aus der geöffneten Tür. Als Chris sich ihr wieder zuwandte, hielt er eine Packung Taschentücher in der Hand. Sein Lächeln, als er sie ihr reichte, war fast schüchtern. Ein wenig verlegen schnäuzte sie sich die Nase und wischte sich die Make-up Spuren vom Gesicht.

Kaum, dass sie das Taschentuch in der Hand zerknüllt hatte, stiegen ihr neue Tränen in die Augen. Sie konnte nichts dagegen tun. Ihr Brustkorb fühlte sich an, als würde er bersten. Sie schlang die Arme fest darum, kniff die Augen zu und presste die Kiefer aufeinander. Die Erinnerungen waren da, wie sie es vorhergesehen hatte. Hände, die grob ihren Körper berührten. Lippen, die unerlaubt die ihren küssten...

»Tut mir leid«, hauchte sie irgendwann. Er schüttelte den Kopf und lehnte sich neben ihr an die Wand. Er wirkte ziemlich hilflos und überfordert mit der Situation. Nadeya warf ihm einen flüchtigen Seitenblick zu. Sein Kopf war gesenkt. Ein paar blonde Haarsträhnen hatten sich aus seiner Frisur gelöst und hingen ihm im Gesicht.

»Du bist mir gefolgt«, sagte sie nach einer Weile, ohne ihn anzusehen.

»Joe hat gesagt, ich soll dir nachlaufen. Dabei hatte ich das ohnehin gerade vor.«

Sie hob den Blick und begegnete seinen durchdringend blauen Augen. Er grinste plötzlich.

»Er hat gesagt... und ich zitiere wörtlich, da ist nichts von mir hinzugedichtet... ich soll dir sagen, dass du deinen süßen Arsch sofort wieder hinter die Theke bewegen sollst oder du würdest ihn kennenlernen.«

Ihr wurde übel.

»War er wirklich sauer oder hat er das so nach Joe-Art gesagt?«

»Ich glaube, ein bisschen von beidem.«

Sie stöhnte leise. Das war‘s dann wohl mit der doppelten Bezahlung.

»Also?«

Irritiert blickte sie ihn an. Er musterte sie forschend.

»Was war los?«

Sie presste die Lippen aufeinander. Es war zu schwierig... Wie sollte sie ihm erklären... Aber das musste sie nicht. Vielleicht konnte sie ihn ablenken, wenn sie ihm sagte, weshalb sie so auf Kians Musik reagiert hatte.

»Dieser Kian ist dein Bruder?«, fragte sie, statt seine Frage offen zu beantworten.

»Du findest seine Musik nicht wirklich schlecht, oder?« Er lachte. Rasch schüttelte sie den Kopf.

»Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe seinen YouTube-Channel abonniert«, antwortete sie und grinste verlegen. »Aber ich war einfach geschockt, ihn da zu sehen.«

»Kennst du ihn?«

Abermals schüttelte sie den Kopf.

»Ich nicht. Aber meine Schwester, glaube ich.«

Er schien verwirrt. Und dann erzählte sie ihm die Geschichte von Khyras Unfall und dem Fremden, der sie einfach geküsst hatte. Im nächsten Moment stieß Chris sich von der Wand ab, um sie richtig ansehen zu können. Seine Augen waren geweitet.

»Das Mädchen, das Kian geküsst hat, war deine Schwester?« Er klang fassungslos. Nadeya nickte.

»Er hat es dir erzählt?« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

»Deine Schwester dir offenbar auch.« Er grinste und sie musste lächeln.

»Aber eines musst du mir noch erklären. Woher wusstest du, dass Kian derjenige war?«

»Khyra war heute Morgen bei mir und hat mehr zufällig gesehen, dass ich ihn in meiner Playlist habe. Ehrlich gesagt dachte ich, er wäre ein ziemlicher Macho, weil er sie einfach geküsst hat. Wer macht sowas bitte schön?«

Chris lachte herzhaft.

»Er ist ja auch ein Idiot. Aber anders, als du denkst. Eigentlich ist er ganz in Ordnung.«

»Ich wollte einfach schnell zu ihr, sehen, wie sie auf ihn reagiert.«

Er nickte.

»Denkst du, sie wird ihn nachher ansprechen?«

»Keine Ahnung. Sie kann ein ziemlicher Feigling sein.« Sie merkte selbst, dass sich ihre Meinung über Kian geändert hatte, seit sie wusste, dass Chris sein Bruder war. Es war absurd. Bis vor nicht einmal einer halben Stunde hatte sie ihre Schwester von ihm fernhalten wollen. Und jetzt hoffte sie sogar, dass Khyra den Mut fand, ihn anzusprechen.

Kapitel 6 - Khyra

Eigentlich hatte sie nicht die geringste Lust gehabt, ins Underground zu gehen. Etwas mit Nadeya unternehmen, ja, das schon. Aber der Pub war vor allem freitags immer gerammelt voll. Hinzu kam, dass die letzte Nacht besonders anstrengend gewesen war. Die Regentage im Mai hatten zu einer Grippewelle geführt und die meisten Stationsschwestern hatten entweder schon krankgefeiert oder standen kurz davor.

Deshalb waren sie letzte Nacht unterbesetzt gewesen und sie hatte allein drei Geburten meistern müssen. Khyra konnte von Glück reden, dass es sich um einfache Entbindungen gehandelt hatte. Die Mütter waren freundlich gewesen, die Väter anwesend und es hatte keine Komplikationen gegeben.

Bei der ersten Geburt hatte sie selbst als Erste das Neugeborene gehalten. Das waren die Momente, in denen sie ihren Beruf einfach liebte. Wenn sie die Winzlinge in die Arme ihrer Eltern legen durfte.

»Habt ihr das mit Alice gehört?«, fragte Olivia gerade und setzte ihre Ich-habe-brandheiße-Neuigkeiten-Miene auf. Khyra mochte sie nicht besonders, doch sie war nur gemeinsam mit Beatrice zu haben und sie war mit Lauren übereingekommen, dass die Gesellschaft von Beatrice es durchaus wert war, Olivias nervtötender, näselnder Stimme hin und wieder ausgesetzt zu sein.

»Nein, erzähl!«, sagte Beatrice. Olivia setzte einen überheblichen Blick auf.

»Sie hat was mit Dr. Robert. Ich hab gesehen, wie sie zusammen in ein Café gegangen sind.«

Lauren und Beatrice stießen gleichzeitig hohe, kreischende Laute aus, während Khyra die Blondine ungläubig anstarrte.

»Olive?«

Die zog eine ihrer perfekt gezupften Brauen in die Höhe und bedachte sie mit einem herablassenden Blick.

»Sag bloß, das wusstest du schon«, sagte sie und sah aus, als glaube sie nicht daran.