Unerbittlich und unveränderlich - Marius Krauter - E-Book

Unerbittlich und unveränderlich E-Book

Marius Krauter

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Beschreibung

Ian und seine elfjährige Tochter Viola sehen sich nur wenige Wochen im Jahr. Er arbeitet als Astronaut bei der Weltraumbehörde SpaceTex und hat die Begeisterung für das All und die Raumfahrt an sein kleines Mädchen weitergegeben. Der Unfalltod Ians und weitere familiäre Umstände führen dazu, dass Viola bei ihrer Großmutter Dolores aufwächst und als jüngste und jahrgangsbeste Ingenieurswissenschaftlerin bei derselben Raumfahrtbehörde zu arbeiten beginnt, wie zuvor ihr Vater. Die Geschichte reicht bis in die 1970er Jahre zurück, in der die NASA und deren Mitarbeiter wie Frank DeLucci oder Dave Clarke mit den Voyager Sonden große Pionierarbeit leisteten. Doch alle Errungenschaften und Erkenntnisse der Menschheitsgeschichte werden vom riesigen Halley'schen Kometen überschattet, der seine Umlaufbahn geändert hat und in naher Zukunft mit der Erde kollidieren wird. Viola und ihre Kollegen stehen vor der Herausforderung, die Menschen von der Erde zu bringen und einen anderen, bewohnbaren Planeten zu finden, ehe ihr Heimatplanet zerstört wird. Während Professor Neustädter an der Kryonisierung von Menschen forscht und zunächst keine Erfolge erzielt, soll eine von Viola erschaffene künstliche Intelligenz helfen, die Menschheit zu retten. Diese stellt die Wissenschaftler jedoch vor neue Herausforderungen, die das Überleben der Menschheit immer wieder in Gefahr bringt.

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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2021

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MARIUS KRAUTER

***

© 2021 Marius Krauter

Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-27531-7

Hardcover:

978-3-347-28065-6

e-Book:

978-3-347-27803-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

UNERBITTLICHund unveränderlich

Von Marius Krauter

0 | Prolog

„Die Natur ist unerbittlich und unveränderlich, und es ist ihr gleichgültig, ob die verborgenen Gründe und Arten ihres Handelns dem Menschen verständlich sind oder nicht.“

Galileo Galilei, 1564-1641

 

Lange graue Kästen reihten sich im großen Raum vor den Drehstühlen der fleißig arbeitenden Menschen auf. Die Bildschirme im fensterlosen Mission Control Center flimmerten abwechselnd in grellen Neonfarben. Heute herrschte große Aufregung in Houstons Lyndon B. Johnson Space Center. Auf der riesigen Weltkarte, mittig des Raums, leuchteten immer wieder kleine Leuchtdioden auf, welche die Wissenschaftler scheinbar dazu veranlassten, ihre eigentlichen Aufgaben ruhen zu lassen und immer wieder andere Wege einzuschlagen.

„Alles in Ordnung bei euch?“, gedämpft dröhnte es aus den Lautsprechern der Kopfhörer von Frank und Dave. Die beiden arbeiteten bereits seit 12 Jahren im berühmten MCC der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA.

„Hier Mission Control, Voyager I alles in Ordnung.“

Franks Aufgabe bestand darin, die Messwerte der legendären Sonde Voyager 1, welche bereits seit zwei Jahren auf dem Weg zum Jupiter war, zu überwachen und bei Abweichungen Meldung zu geben. Sein Kollege Dave war nicht nur sein bester Freund, sondern auch eine Koryphäe unter den Programmierern der damaligen Zeit. Er hatte die Sonden Voyager I und II auf ihre lange Reise in die Weiten des Alls eingestellt und war daher stets nervös, wenn es um seine „Babys“ ging.

Die Sonden sollten zum einen Daten über die Atmosphäre des Planeten Jupiter erheben und zum anderen die Geologie der umliegenden galiläischen Monde erkunden - im speziellen Io und Titan. An diesem Tag stand die Voyager I kurz davor, ihr Ziel zu erreichen.

„Hast du heute eigentlich schon etwas gegessen Davie?“, Frank schmatzte.

„Und leg doch endlich diesen lästigen Fragebogen zur Seite! Seit Wochen kritzelst du darin herum? Was hat es mit dem Teil auf sich?“ Frank beugte sich über seinen Stuhl zu Dave herüber. Der Pastrami-Atem des rundlichen Mannes kroch in Daves Nase.

„Verdammt DeLucci, dein stinkendes Sandwich verdirbt mir sämtlichen Appetit – und das ist nicht irgendein Fragebogen“ – Dave wedelte mit dem Haufen Papiere herum – „hier steckt mehr drin, als du denkst! Eines Tages wirst du es sehen. Und jetzt gib endlich Ruhe, wir haben jetzt Wichtigeres zu tun DeLucci!“

Dave sprach Frank immer mit seinem Nachnamen DeLucci an. Dadurch wollte er die „professionelle Distanz“ zu seinem Kollegen wahren. Wenn die beiden sich abends auf ein oder zwei Bier in ihrer Lieblingsbar trafen, konnte von dieser Professionalität jedoch keine Rede mehr sein.

Die Voyager I und II bahnten sich nun seit Wochen ihren Weg durch die Weiten des Alls. Beide hatten schon vor einiger Zeit begonnen, wissenschaftliche Aufzeichnungen zu übermitteln – ob es um die Untersuchung der Sonnenwinde oder das Ausmessen von elektrisch geladenen Teilchen mit niedriger Energie ging – die Raumsonden waren zur damaligen Zeit Götzen des Technologiestands.

Noch nie zuvor konnte man so viele wichtige Informationen über die furchteinflößende Leere des Weltalls sammeln, wie es damals möglich war.

Am 5. März 1979 näherte sich die Voyager dem Mond Io, womit gleichzeitig die Hauptphase der Untersuchungen eingeläutet wurde.

Gebannt starrten Dave und Frank auf die Monitore, welche mit jeder Minute neue wissenschaftliche Erkenntnisse lieferten. Aufgrund des innovativen ISS, dem Imaging Science System, konnte erstmals auch Bildmaterial übermittelt werden.

Plötzlich stockte den Wissenschaftlern der Atem, als eines dieser Bilder alle in gemeinsames Staunen versetzte.

„DeLucci sieh dir das an! Das glaube ich nicht!“

Frank, Dave und mit ihnen alle Mitarbeiter des Mission Control Center sahen, was sie sich vorher nicht erträumen konnten. Bis vor wenigen Minuten ging die Menschheit noch davon aus, die Monde um Jupiter sähen aus wie der Erdmond. Doch Io hatte sie eines Besseren belehrt.

„Da sind überall Vulkane! Die Oberfläche – das muss Schwefel sein, oder? Sieh dir das an! Der ganze Planet ist in ständigem Wandel durch den heftigen Vulkanismus. Das ist unglaublich!“

Frank und Dave kamen aus dem Stauen nicht mehr heraus. Wenn sie es nicht schon vorher war, so konnte man die Voyager-Sonde spätestens jetzt als einen historischen Erfolg bezeichnen! Langsam wurden die Wissenschaftler hektisch. Die Sonde lieferte Unmengen an Daten, sodass alle Kollegen versuchten, die Informationen zu filtern und an die richtigen Abteilungen weiterzuleiten.

Während alle im MCC geschäftig umherrannten, zog Dave plötzlich an Franks Ärmel.

„Frank, sie hat aufgehört zu senden?!“

Noch während Frank fasziniert auf die gesendeten Bilder starrte, machte Dave ihn auf die fehlende Übertragung aufmerksam.

„Warum sendet sie nicht mehr?“

Dave analysierte die Funktionen der Sonde. Seine Finger huschten von Taste zu Taste und wie angewurzelt saß Frank neben ihm und betrachtete das Tastaturen-Feuerwerk. Dave galt, trotz seines jungen Alters von gerade mal 32 Jahren, schon jetzt als NASA-Legende.

Während Dave versuchte, den Grund für die fehlende Übertragung zu finden, hatte man nun auch im gesamten MCC festgestellt, dass kein weiteres Bildmaterial folgte. Überall liefen die Wissenschaftler wie aufgescheuchte Hühner durch die Stuhlreihen, während sie auf Antwort von Dave warteten.

„Es sieht so aus als sei sie überlastet?! Ich stelle die Funktionen ein wenig um, dann müsste…“

Niemand wagte es, Dave zu unterbrechen, der hochkonzentriert und verzweifelt versuchte, die Einstellungen der Sonde zu ändern.

Es vergingen viele Minuten in denen alle angespannt warteten, bis Dave sie schließlich alle beruhigen konnte.

„Ja, so müsste es gehen… Sie sendet wieder, alles in Ordnung!“

Erleichterung machte sich breit und sofort begannen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ihre Tätigkeiten wieder aufzunehmen. Dave hatte das Problem kanalisiert und umgehend ausgemerzt. Zwar wurden nun nicht mehr so viele Daten übertragen, doch „weniger Daten sind zumindest besser als keine…“ wie Frank auf Daves Schulter klopfend feststellte.

Dave ärgerte sich trotzdem. Es klaffte nun eine ca. 74-minütige Lücke in der Übertragung der Daten. Der Vulkanismus des Jupiter-Mondes war ein steter Zerstörer seiner eigenen Umwelt und obwohl sie diesen erst jetzt bemerkt hatten, konnte man bereits absehen, dass die Oberfläche Ios ständiger Veränderung ausgeliefert war. Hier wie üblich eine geografische Karte anzulegen wäre eine Fleißarbeit, die man selbst einem Lehrling nicht aufbrummen würde.

„Dort drüben fehlt ein ziemlich großes Stück, sieh mal… vor ca. anderthalb Stunden sah das noch so aus!“

Dave stellte beim Anblick der neu übermittelten Bilder fest, dass dort, wo sich vor wenigen Minuten noch eine Art Berg auftat, nun ein kilometergroßes Loch klaffte. Während einige der Wissenschaftler versuchten, den verlorenen Sohn zu finden, beobachteten Andere, wie die Oberfläche immer wieder explosionsartig Gesteinsbrocken bis zu 300 km hoch in die Atmosphäre katapultierte.

„Wenn wir jetzt anfangen, jeden dieser Brocken zu suchen dann können wir noch einige Studenten hinzuholen und das MCC ausbauen!“

raunte Frank in seiner gewohnt gelassenen Art und biss noch einmal von seinem saftigen Sandwich ab.

„DeLucci hat Recht!“, gestand Dave etwas genervt seinem Kollegen zu:

„So schnell wie sich die Oberfläche Io‘s aufgrund des extremen Vulkanismus ändert ist es unmöglich jeden dieser Meteore zu finden und zu kartieren!“

Trotzdem, oder gerade deswegen fasziniert standen sie da und bewunderten die Wandelbarkeit und Zufälle der Natur. So weit entfernt von der Erde ließ sich der große Planet Jupiter von seinen geheimnisvollen Monden umkreisen.

Langsam wurde ihnen bewusst, dass es ihnen in diesen Tagen gelungen war, einige dieser Geheimnisse zu lüften.

1 | 2022, auf dem Weg nach Hawthorne/Kalifornien, Viola

Viola sah die Kirschbäume an ihrem Fenster vorbeifliegen. Mit ihrem Zeigefinger versuchte sie jeden Baum zu überspringen, als wäre sie selbst in einem Arcade-Spiel. Auf langweiligen Autofahrten versuchte sie sich so zu beschäftigen und das Überspringen von Pfosten am Straßenrand, so wie es ihre Freundin Trisha machte, war für Viola keine große Herausforderung mehr. Bäume waren immerhin unterschiedlich groß und es erforderte viel mehr Konzentration, die Höhe der Bäume abzuschätzen.

Ihr Vater saß vorn und lauschte seinem Lieblingssong „Space Oddity“ von David Bowie. Wahrscheinlich, um seine Tochter ein wenig zu ärgern.

„Papaaa…“, meckerte sie „Können wir bitte ein anderes Lied hören?“

Viola hasste dieses Lied. Es erinnerte sie ständig daran, dass ihr Vater als Astronaut arbeitete und die meiste seiner kostbaren Zeit nicht mit ihr, sondern in den Raumfahrtbehörden dieser Welt verbrachte. Sie verstand nicht, wieso er keinen normalen Beruf wie jeder andere Vater haben konnte. Der Vater ihrer besten Freundin Trisha war Mechaniker und nie wochen- oder monatelang von zu Hause weg und dabei jederzeit dem Tod so gefährlich nahe, wie ihr geliebter Dad.

„Hawthorne!“ las Viola freudig von einem Straßenschild ab, als ihr Vater die Musik ein wenig leiser drehte und Viola im Rückspiegel liebevoll zunickte.

„Ja, sind fast da. Ab hier sind‘s noch circa 20 Minuten bis zu SpaceTex. In knapp zwei Stunden schauen wir uns das Alles hier mal von oben an! Natürlich nur, wenn du noch so lange durchhältst! Es ist schon 21 Uhr.“

Ian grinste verschmitzt. „Na klar schaffe ich das!“, antwortete Viola mit einem strahlenden Lächeln und müden Augen.

Ian war selbst mindestens genauso aufgeregt wie seine Tochter. Dank des neuen Weltraumtourismus-Programms der privaten Raumfahrtbehörde, konnten nun erstmals auch Nicht-Astronauten die wunderschöne Erde von oben betrachten. Natürlich war dies nur möglich, wenn man das dazu nötige Kleingeld aufbringen konnte oder, wie Ian, die entsprechenden Beziehungen hatte.

Ian hatte in Violas bisherigen 11 Lebensjahren nicht viel Zeit mit ihr teilen können. Jedes Jahr im Sommer schaffte er es, vier Wochen zuhause zu sein und versuchte dann so viele schöne Dinge wie möglich in seine „Viola-Zeit“ einzubauen.

Am liebsten würde er sein gesamtes Wissen über die faszinierenden Eindrücke aus dem Weltraum in das kleine Gehirn seiner Tochter pressen. Andere Kinder wären mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit von Ians Übermut überfordert gewesen, doch Viola war kein normales Mädchen. Sie saugte alles auf, was ihr Vater ihr erzählte. Statt im Garten oder Computerspiele für Kinder zu spielen, programmierten die beiden lieber selbst Spiele an Ians uraltem PC, lasen Science-Fiction Bücher von Arthur C. Clarke oder besuchten gemeinsam Museen.

Aber nicht „die mit den Dinosaurierknochen“, wie Viola ihren Freundinnen erzählte, „sondern naturwissenschaftliche und technische Museen!“

Ian prägte Viola mit seinem Enthusiasmus schon früh auf technische Fortschritte und die Bedeutsamkeit der Zukunft: „die Knochen liegen noch lange da, die können wir uns immer noch ansehen, mein kleiner Stern! Aber Technik ändert sich nahezu täglich, merk dir das!“

An diesem besonderen Tag wollte Ian seiner Tochter ihren größten Wunsch erfüllen. Ihr das zu zeigen, was er selbst schon 4-mal sehen durfte: die Erde von oben. Von sehr weit oben. „Ich möchte die Erde unbedingt aus dem Weltraum sehen Papa! Genau wie du!“, wie Viola ihrem Vater immer wieder in den Ohren lag.

„Du meinst aus der Thermosphäre, Schatz!“, wie Ian sie zu korrigieren wusste.

Viola liebte ihre vier Wochen „Papa-Zeit“, in der sie ihn für sich allein hatte.

Sie hatte ihrem Vater gerade noch geantwortet, dass sie bis zum Erreichen des SpaceTex wach bleiben würde, als er seinen Blick aus dem Rückspiegel wieder auf die Straße warf. Plötzlich sah er einen immer näher heranrauschenden Punkt. Wie eine Motte, die vom Licht angezogen wird und nicht aufhören kann darauf zu zufliegen, konnte auch Ian in diesem Bruchteil von Sekunden nichts weiter tun, als diesen Punkt starr im Blick zu halten und an seine kleine Viola auf dem Rücksitz zu denken.

Ein leichter Wind wehte weiße Kirschblütenblätter auf die Scheibe des Wagens. Viele der wunderschönen, reinen Blüten landeten in kleinen Pfützen aus tiefem Rot und verfärbten sich. Holzsplitter lagen auf dem zerstörten Auto verteilt, welches den großen Kirschbaum tödlich umarmte. Ian hatte beim Blick in den Rückspiegel die Straße vor sich vernachlässigt, die Kontrolle über sein Auto verloren und war mit voller Wucht gegen einen der Kirschbäume am Straßenrand gefahren.

Die kleine Viola schlug beim Aufprall gegen den leeren Beifahrersitz. Ihr war schwindelig und ihr Kopf schmerzte, doch scheinbar hatte sie sich keine weiteren Verletzungen zugezogen.

Sie schnallte sich langsam ab und versuchte verzweifelt die Tür neben sich zu öffnen. „Papa…?“, fragte sie leise, doch ihr Vater konnte ihr nicht helfen. Sie sah seinen Kopf nach unten hängen und er sah aus, als ob er schliefe.

„Papa!“, schrie sie „Papa wach auf!“. Doch Ian reagierte nicht. Sie kletterte aus dem zerbrochenen Fenster nach draußen und spürte kaum, dass ihre Beine an den scharfkantigen Überresten der Scheibe verletzt wurden. Sie wollte raus aus dem Wagen, ihrem Vater helfen, Hilfe holen, einfach irgendetwas tun. Draußen erblickte sie dann eine Szenerie der Zerstörung. Im Auto hatte sie nicht realisiert, wie sehr der Wagen in Mitleidenschaft gezogen wurde und wie viel Glück sie hatte, überwiegend unversehrt aus dem Wrack herauszuklettern.

Den Schmerz, der in ihren aufgeschnittenen Beinen brannte, spürte sie kaum. Durch den Schock breitete sich das Adrenalin in ihrem Körper aus und gab Viola die nötige Kraft, so schnell wie möglich zum vorderen Bereich des Autos zu gelangen. Dort lag ihr Vater, zitternd vor Schmerz auf dem Fahrersitz. Viola konnte sehen, wie sich Teile der Frontscheibe und ein riesiger Ast des Baumes in den Korpus gruben. Starr vor Entsetzen wusste sie nicht, was sie tun sollte, als ihr Vater sie ansah und stotternd versuchte Viola etwas zu sagen.

„Sieh nach… oben, die Sterne sind so… so gut sichtbar heute Abend… Der Himmel… ist ganz klar.“

Mit Tränen in den Augen schaute die angsterfüllte kleine Viola nach oben zu den Sternen. Diese schrecklich grausame Nacht hätte nicht schöner sein können. Unzählige Sterne breiteten sich am weiten und blauschwarzen Firmament aus. Die herabfallenden weißen Kirschblüten, die der Baum verlor, fielen wie Schneeflocken langsam und sanft zu Boden.

„Papa, bitte komm und steh auf… du musst aus dem Auto raus… bitte!“, winselte Viola ihrem Vater verzweifelt zu. Doch Ian versuchte erst gar nicht aufzustehen. Er wusste, dass dies der letzte Augenblick seines viel zu kurzen Lebens sein würde. Er wusste, dass er seine Tochter nicht mehr aufwachsen sehen würde. Wusste, dass er all die Zeit, die er dort oben allein verbracht hatte, nicht mehr zurückholen konnte, um sie stattdessen mit ihr zu verbringen. Er wusste, er würde nicht mit ihr in den, seine Gedanken stockten, in den „Weltraum“ fliegen. Ihm kamen die Tränen und im letzten Moment seines klaren Verstands, versuchte er mit aller Kraft und seinem stark in Mitleidenschaft gezogenen Arm in seine Brusttasche zu greifen. Er schaffte es nicht, doch Viola verstand was er tun wollte und griff für ihn in sein Hemd.

Dort fand sie einen etwas eigentümlichen, schwarzen Schlüsselanhänger.

„Behalte ihn… Viola… mein kleiner Stern… Vielleicht kannst du irgendwann etwas damit anfangen…“

Viola steckte den Anhänger in eine der kleinen Taschen ihres Kleides. Doch er war ihr egal, ihr Vater stammelte vor sich hin und sie verstand nichts von dem, was Ian bei halbem Bewusstsein von sich gab. Sie weinte schrecklich „Papa was soll ich tun? Lass mich nicht allein! Ich habe furchtbare Angst!“, flehte sie ihren Vater an. „Es… es tut mir so leid Viola.“, war das Letzte, was sie vernahm, ehe Ian „…iebe …dich“ röchelte und sein Bewusstsein verlor.

Viola nahm seine Hand und sank auf die Knie. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Von einem Moment auf den anderen war ihre Welt zerstört. Sie drückte seine Hand so fest sie konnte, legte ihren Kopf auf seine Brust und weinte. Sie weinte, bis aus einem der Autos, die anhielten, ein dicker Mann ausstieg, der wild gestikulierend auf Viola und ihren Vater zu gerannt kam. Er redete auf sie ein, doch Viola verstand kein Wort des Mannes, der scheinbar ein Mitarbeiter von SpaceTex war. Dies konnte sie auf seinem Namensschild erkennen, das vor ihr wild hin und her flog.

Er versuchte Viola wegzuzerren, doch sie wollte ihren Dad nicht loslassen. Sie hielt seine Hand so fest sie konnte und hörte aus der Ferne das schrille Gekreische von Sirenen. Die Farbe der weißen Blüten des Kirschbaums leuchtete abwechselnd rot und blau auf. Viola spürte den brennenden Schmerz in ihren Beinen, ebenso wie ihr Herz vor Trauer schmerzte. Kurz darauf sank ihr kleiner Körper in sich zusammen.

2 | 2029, Belle Haven/Washington, Viola

„Ich will nur kurz hoch und ein paar Sachen einpacken!“, sagte sie zu den Polizisten, die im Flur auf sie warteten. Das kleine, dennoch schöne und vor allem teure Reihenhaus in Belle Haven, direkt am Potomac River wurde von den Nachbarn seit Jahren gemieden. Mit seinem heruntergekommenen Äußeren passte das einstige Traumhaus nicht zum Rest der wundervoll gepflegten Vorstadt. Der Garten war ungemäht, überall lagen Zweige von den wuchernden Büschen und Bäumen herum. Es schien fast so, als sei dieses Haus seit langer Zeit unbewohnt.

Doch das war es nicht. In diesem Haus lebte Sadie, Violas Mutter. Sadie war seit dem Tod ihres Ex-Mannes in eine noch tiefere und schlimmere Depression gefallen, als sie es ohnehin schon war. Bereits 3 Jahre nach der Geburt von Viola reichte Ian die Scheidung ein. In Zeiten seiner langen Abwesenheit suchte Sadie gerne die Gesellschaft anderer Männer, sodass die Ehe der beiden keinen Bestand hatte. Er schenkte fortan all seine Liebe und Aufmerksamkeit Viola und hatte für seine Ex-Frau nichts mehr übrig. Doch auch, wenn Sadie es allein Zuhause nicht aushielt und andere Männer neben Ian hatte, so liebte sie ihn auch all die Jahre über seinen Tod hinaus. Verkraftet hatte sie die Trennung und den plötzlichen Tod von Ian nie und schob in ihrem Wahn alle Schuld auf ihre Tochter. Sie ließ ihren Zorn und ihre Trauer an Viola aus. Nicht körperlich, Sadie schlug ihre Tochter nie. Dennoch konnten ihre Worte schmerzvoller sein, als es jeder Schlag ins Gesicht gewesen wäre.

Viola litt oft unter den Wutanfällen ihrer Mutter und verschanzte sich dann in ihrem Kinderzimmer. Sadie durfte und konnte den Raum, seit Violas 9. Lebensjahr nicht mehr betreten, da Ian und Viola die Tür mit einem elektronischen Fingerabdrucksensor verbunden hatten. Violas Mutter wusste um die Leidenschaft der beiden, technische Erfindungen zu nutzen und zu programmieren, sodass sie nicht bemerkte, dass es sich nur um eine Attrappe handelte. Aufgrund ihrer Erkrankung verlor Sadie mit den Jahren immer mehr an Verstand, sodass Ians Mutter Dolores in das Haus einzog, um sich um ihre Enkeltochter Viola und in gewisser Weise auch um Sadie zu kümmern. Bis zu dem schicksalhaften Tag vor 7 Jahren, als Ian einen Moment nicht aufpasste und auf tragische Weise sein Leben verlor.

Der Zustand Sadies verschlechterte sich mehr und mehr, bis Dolores entschied mit Viola nach Kalifornien zu ziehen, weit weg vom schlechten Einfluss der Mutter. Sie wollte das Beste für ihre Enkelin und Viola einen Neustart, fernab der schrecklichen Erinnerungen, ermöglichen.

„Raus aus meinem Haus ihr Bastarde! Verpisst euch!“ hörte man eine hysterische und wütende Stimme aus der Küche.

Traurig sah Viola nach unten, wo Polizisten vergeblich versuchten ihre Mutter zu beruhigen. Sie fragte sich, wieso Sadie bislang noch nicht eingewiesen wurde. Sie hatte offensichtlich komplett den Verstand verloren.

Ihre Großmutter Dolores hatte sie immer davor gewarnt zurückzukehren, doch Viola musste noch einmal hierher. Zurück in die Vergangenheit. Noch einmal, bevor sie, mit gerade einmal 18 Jahren und einem abgeschlossenen Studium in Ingenieurwissenschaften in der Tasche, bei der privaten Raumfahrtbehörde SpaceTex anfangen sollte.

Langsam näherte sie sich der Tür ihres Zimmers. Überall lagen leere Flaschen verschiedenster alkoholischer Getränke auf dem Boden, die leise klirrten, als Viola diese versehentlich berührte.

„Ein wunderschönes Haus, doch sie hat es vollkommen zerstört.“, flüsterte Viola leise und blickte auf den alten Fingerabdrucksensor, der immer noch einen roten LED-Streifen aufleuchten ließ. Wie damals strich sie mit ihrem Zeigefinger darüber und grinste, als der Streifen grün aufleuchtete. Am Türschloss des Zimmers änderte sich nichts. Warum auch? Viola hatte die Zimmertür schließlich immer nur von innen verriegelt, damit sie von ihrer Mutter in Ruhe gelassen wurde. Viola nahm den Schlüssel, den sie bei ihrem Auszug mitgenommen hatte und öffnete die Tür.

Im Zimmer sah alles aus wie früher. Das für sie viel zu große Bett stand auf der linken Seite, an die hintere Wand gerückt. Eine dicke Staubschicht machte sich auf der Tagesdecke breit. Wenig überraschend, machte sich eigentlich überall eine dicke Staubschicht breit. Sie sah zu ihrem, in sattem Pink angestrichenen, Kleiderschrank. Viola ging langsam auf diesen zu und hörte die Dielen unter dem weißen Teppich knarzen. Vorsichtig öffnete sie die Schranktüren, aus Angst eine riesige Motte würde sie anfallen, vollgefressen mit sämtlichen Kleidern des verwaisten Schranks. Doch nicht die riesige kleiderverspeisende Motte flog ihr entgegen, sondern die gesamte Querstrebe des Schranks mit allen darauf befindlichen Kleidern. Sie trat die alten Sachen zur Seite, wegen Kleidern war sie schließlich nicht hier und bei dem Chaos im Haus, würden die paar Teile auch nichts mehr ausmachen.

Unten, auf dem Boden des Schranks, lag er tatsächlich noch immer. Der Schuhkarton mit den Bildern ihres Vaters. Hastig packte sie den Karton in ihren Rucksack und drehte sich um, die Tür im Blick. Auf der linken Seite fiel ihr der alte PC ins Auge. Der klobige Kasten stammte aus dem 20. Jahrhundert, Ende der 90er, um genau zu sein. Ihr Vater hatte ihn immer als „Zweitcomputer“ zu Hause genutzt, um mit ihr das Programmieren zu üben.

Nach seinem Tod hatte sie den PC mitgenommen und immer wieder geübt. Tränen schossen beim Anblick dieser alten Kiste in Violas Augen. „Graue Schrottmühle“, so hatte ihr Vater den PC immer in Anspielung an den Millennium Falken genannt und ihr war, als könne sie ihn genau das sagen hören. Sie ging näher an den Schreibtisch heran und suchte den Einschaltknopf des PCs. Viola war überrascht und erschrak fast, als das mittlerweile 30 Jahre alte Gerät tatsächlich hochfuhr. Wenige Minuten später fand sie sich auf der bekannten, türkisfarbenen Oberfläche des altertümlichen Desktops wieder, als sie einen kleinen Stich im Herzen spürte. Kojiro’s Treerun…

„Das haben Papa und ich programmiert. Er hatte die Idee mein Kinderspiel aus dem Auto in ein echtes Spiel zu verwandeln… Kojiro… So hieß der kleine Bär, den er mir aus Japan mitgebracht hatte!“, erinnerte sie sich.

Viola zögerte nicht und versuchte sich an einer Runde Kojiro’s Treerun. Während sie gekonnt mit dem weißen Strich über die Bäume hüpfte, bemerkte sie den grauen Strich hinter ihrem, der wie sie versuchte, die Bäume zu überspringen. Dabei war er allerdings nicht so schnell wie sie es war. Plötzlich schoss ihr eine Erinnerung in den Kopf und sie sprang sofort mit ihrem kleinen weißen Strich an den nächstbesten Baum und ließ den grauen Strich passieren. Der Highscore erschien…

1. IanSkywalker

2. IanSkywalker

3. etViola!

4. TYPE YOUR NAME//

5. etViolahaha

6. asdfasdf

Sie hatten das Spiel gemeinsam so programmiert, dass der höchste Highscore während des Spiels als Orientierung sichtbar war und den aktuellen Spieler verfolgte.

Ein beklemmendes Gefühl machte sich in Violas Magengegend breit. Es war eigentümlich, dem Geist ihres Vaters zu begegnen und dennoch war sie für einen Moment glücklich.

Nachdem sie den Computer wieder heruntergefahren hatte, klemmte sie die Stecker und Kabel vom Gerät ab und schob ihn sich unter die Arme.

Dann entdeckte sie neben der Tastatur ein Amulett. Den Rucksack vollgepackt, den PC unter die Arme geklemmt und das Amulett um den Hals gehängt, verließ Viola ihr Zimmer zum letzten Mal in ihrem Leben. Sie schloss die Tür hinter sich, sah zur Seite – zum Fingerabdrucksensor – und wartete, bis dieser wieder rot aufleuchtete. Viola sah den Gang herunter, bis hin zum ehemaligen Schlafzimmer ihrer Eltern.

Es fiel ihr schwer sich dieses Haus so vorzustellen, wie es früher einmal war. Unter all den Flaschen, dem Schutt, den kaputten Möbeln und den verwitterten Wänden.

Sie schaute nach unten, die Treppe herunter. Dort, wo sie ihre wütende Mutter erwartete, sah sie nichts. Also schritt sie herab, so leise sie konnte. Die Polizistin an der Haustür nickte, als Viola fragend nach unten sah. Und dann, völlig aus dem Nichts stand sie da. Wie angewurzelt neben der Treppe, im Rahmen der ausgehangenen Tür zum Essbereich des Hauses. Viola sah sie schockiert an. Sie sah schlimmer aus als gedacht. Vereinzelte, völlig verfettete Haarsträhnen hingen ihr im hageren Gesicht, ihr Kleid war zerschlissen und voller Dreck. Sie hatte erwartet, dass sie nicht gepflegt sein konnte, so wie das Haus aussah und dennoch war Viola der Schrecken ins Gesicht geschrieben, als sie das Antlitz ihrer schmutzigen und ungepflegten Mutter erblickte. Sie dachte, sie würde damit fertig werden, auch als sie oben zum ersten Mal die wütende Stimme ihrer Mutter hörte. Doch jetzt… dieses Gesicht. Es sah so anders aus.

Sadie blickte mit festem und abgrundtief bösem Blick in Richtung Viola. Sie sah aus, wie ein Stier in einer Arena, bereit den Torero aufzuspießen.

„Das gehört mir du Miststück! Das ist mein Amulett!“, Sadie sabberte, ihre Pupillen waren riesig und der Hass in ihrem Gesicht wuchs. Ihr Kopf wurde rot als sie das alte Amulett erkannte. Erstaunlich, dass sie überhaupt noch in der Lage war etwas zu erkennen oder sich an etwas zu erinnern.

Der Polizist konnte sie gerade noch halten, bevor Sadie losstürmen wollte. Viola sah den puren Zorn in den Augen ihrer Mutter. Doch Sadie erkannte ihre Tochter nicht. Sie starrte wie gebannt auf das Amulett um Violas Hals.

„KOMM SOFORT ZURÜCK DU KLEINES DRECKSSTÜCK!“

Der Polizist gebot ihr Einhalt und schob sie in den Wohnbereich. Die Polizistin bei der Haustür bedeutete Viola, sie solle sich beeilen – und das tat sie auch. Sie wollte nur schnell weg von hier. Sie hätte es wissen müssen. Das Amulett hatte Viola einst von ihrem Vater geschenkt bekommen, anschließend hatte er die Phiole zu einer seiner Mondfahrten mitgenommen.

„Sieh mal Viola, in deiner Phiole ist jetzt echter Mondstaub!“, erzählte er strahlend, als er ihr das Amulett überreichte. Fasziniert und stolz zugleich präsentierte die kleine Viola das Amulett und die Phiole ihres Astronauten-Papas am nächsten Tag auf dem Schulhof. Jedes Kind wollte die Kette und den Anhänger sehen und Viola war für einen Tag der Star in ihrer Schule.

„Vom echten Mond?“ fragten die anderen Kinder sie erstaunt.

„Dein Papa war da oben?“

„Der Mond ist doch viel kleiner als dein Papa?“

Ihr schossen die Fragen der Kinder durch den Kopf als sie aus ihren Gedanken herausgerissen wurde.

Sie hätte es wissen müssen. Die Polizisten begleiteten Viola aus dem Haus heraus und zurück in den Vorgarten. Im Inneren des Hauses hörte man Gläser fliegen und Möbel poltern. Wütende Schreie ertönten aus dem Haus, erst auf der unteren, dann auf der oberen Etage. Die Polizisten reagierten prompt und rannten zurück zum Haus.

Viola stand wie angewurzelt im Vorgarten und starrte gebannt auf das Fenster ihres Zimmers, in dem plötzlich das Licht anging. Dann verlangsamte sich die Zeit um Viola herum. Sie erlebte diese Sekunden in einer Art Déjà-Vu, als hätte sie das alles schon einmal erlebt. Ein langsames Déjà-Vu.

Während die Zeit still stand, fuhr alle Kraft aus Violas Körper. Sie sah zu, wie die Glasscheiben ihres Zimmers zersprangen, Scherben fielen zu Boden. Im Hauch einer Sekunde, die gefühlt wie eine Stunde verging, konnte sie eine Frau erkennen, welche sich in hohem Tempo durch das Fenster ihres Kinderzimmers stürzte. Nicht nur irgendeine Frau, sondern ihre Mutter, die mit einem dumpfen Schlag aufkam und Viola bis ins Mark erschütterte. Der Körper ihrer zuvor wutentbrannten Mutter hing nun direkt vor Viola, aufgespießt auf dem spitzen Eisenzaun des von Unkraut verwucherten Blumenbeets. Viola sah diese fremd wirkende, verwahrloste Frau in den Scherben des Fensters liegen, Blut tränkte den ungemähten Rasen. Viola erinnerte sich an ihren Vater, der auch vor ihr lag, aufgespießt von Glasscheiben und Holz, voll mit weißen Kirschblüten, die Augen glasig. Dann sah sie das Gesicht ihrer Mutter. Mit einem unerträglichen Wahnsinn im Blick, war sie nicht mehr bereit gewesen, die Qualen ihres zerstörten Lebens auf sich zu nehmen. Violas „Besuch“, wenn sie ihre Tochter denn erkannt hatte, gab ihr nun wohl den Rest…

Viola ging in die Hocke, dann sank sie zusammen und fiel flach auf den Rücken.

Sie sah die weiten des Himmels. Dieses helle blau, das entsteht, wenn das Streulicht der Sonne die Atmosphäre durchdringt, war für sie immer unfassbar.

„Das nennt sich Diffusstrahlung, Sternchen.“, hörte sie ihren Vater sagen.

Es war komisch, denn gemessen an der wenigen Zeit, die sie mit ihm verbracht hatte, konnte sie ihren Vater eigentlich kaum gekannt haben. Doch jedes Mal, wenn sie über die verschiedensten Dinge nachdachte, fiel ihr ein passender Spruch ihres liebevollen Vaters ein.

„Diffus…, wenn ich ihre Augen sehe… sie war auch diffus. Das ist nicht mehr meine Mutter, die da liegt. Meine Mutter hat den Dämonen besiegt, der sie festgehalten hat.“

Viola fühlte sich ein wenig besser, während sie sich das einredete. Um sie herum wurde es lauter. Sirenen schrien und das ihr allzu bekannte Blau und Rot der Einsatzfahrzeuge schimmerte an der vergilbten Hauswand.

Noch während man sie unter beiden Armen gepackt in einen Krankenwagen hievte, verlor Viola ihr Bewusstsein und um sie herum wurde alles schwarz. Es war zu viel für sie.

3 | 2020, Jacksonville/Florida, Linus

„…und so konnte man schon im Jahr 1967 erstmals einen Menschen kryokonservieren. Mr. Bedford steht noch heute im Hauptquartier von Alfound und wartet auf den Tag, an dem wir ihn wieder aufwecken werden. Wobei ich ihm hier ehrlicherweise nicht viel Hoffnung machen kann, denn Mr. Bedford ist bereits vor der Kryonisierung an Krebs verstorben…“

Geschmunzel machte sich unter den Besuchern des Cryonics Life Extension Institutes (kurz CLEI) breit. Interessierte konnten sich den Vortrag von Prof. Neustädter zum Thema „Kryonik damals und heute“ anhören, der an diesem Tag öffentlich referierte und dessen Vorträge in der Regel komplett ausgebucht waren, da er komplizierte Sachverhalte für „Nicht-Wissenschaftler“ verständlich zu vermitteln wusste.

„…tatsächlich ist es schon damals möglich gewesen, den Körper kryonisch zu versorgen. Das Problem war und ist jedoch die Vitrifizierung der Körperflüssigkeiten. Diese müssen durch eine Flüssigkeit ersetzt werden, die beim Einfrieren nicht kristallisiert – und nach Möglichkeit nicht giftig ist…“

Prof. Neustädter wusste, dass dies hier heute wohl sein letzter Arbeitstag im CLEI sein würde. Immerhin hing an den Menschen, die sich hier einfrieren lassen wollten, auch all das Geld, welches das Institut am Leben hielt. Doch Prof. Neustädter gab nicht viel darauf, erdachte Konstruktionen wie Firmen aufrechtzuerhalten. Er war eher ein Verfechter von Fakten und Wahrheiten – oder dem, was er für die Wahrheit hielt.

„…und da es eine solche Flüssigkeit bisher noch nicht gibt, kann ich Ihnen hier aufrichtig sagen, dass keiner der sich einfrieren ließ, egal ob vor oder nach seinem klinischen Tod, jemals wieder lebend aufwachenwird. Die Zellen der Körper sind durch die bis dato modernsten, aber dennoch weiterhin giftigen Vitrifizierungs-Flüssigkeitsgemische, wie zum Beispiel Dimethylsulfoxid, Formamid und Ethylenglykol alle unbrauchbar. Es ist unmöglich, diese Zellen wieder mit Leben zu Füllen. Nach heutigem Forschungsstand haben wir also über 20.000 „Mr. Bedfords“ in den Kryolaboren und Kabinen dieser Welt…“

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als die Menge bereits lauter wurde und einige verdutzt anfingen zu gestikulieren. Prof. Neustädter versuchte noch, die Leute mit Erklärungen zu beruhigen, doch seine Bemühungen waren vergebens. Er erkannte einige der Angehörigen, von bereits kryonisierten Menschen, die ihre Wut am liebsten an ihm ausgelassen hätten.

Doch diese Wut war unberechtigt. Jeder kryonisierte Mensch und so auch jeder Angehörige, hatte bei Vertragsabschluss und Unterzeichnung der Einwilligungspapiere Kenntnis darüber, welche Risiken eine kryonische Behandlung mit sich brachte und auch darüber, dass keiner von den Eingefrorenen eine Garantie attestiert bekam, jemals wieder lebend aus dem Kälteschlaf „aufgeweckt“ zu werden.

Trotz der harten Fakten hatte Prof. Linus Neustädter Verständnis für die tobende Menge. Er begab sich daher zügig in Richtung Hinterausgang, wo er bereits von seinem noch wütenderen Chef Dr. Fowler in Empfang genommen wurde.

„Linus, ich habe Ihnen schon einiges durchgehen lassen. Wie Sie sehr gut wissen, halte ich Sie für ein Genie in Ihrem Fach. Doch das war zu viel! Diese Menschen da draußen sind die Grundlage unserer Forschung! Diese Menschen zahlen für unsere Forschung und letztendlich bezahlen diese Menschen auch Sie! Zumindest haben Sie das bis jetzt – Sie sind mit sofortiger Wirkung entlassen!“

Er hatte es so gewollt. Obwohl Linus mit seinen 41 Jahren bereits viel erreicht hatte, blieb ihm bis dato der ganz große Erfolg verwehrt. Seine Arbeit war beispiellos. Immerhin gelang es ihm erstmalig, einen ausgewachsenen Schimpansen zu kryonisieren und nach 48 Stunden Kälteschlaf wieder zu wecken.

Leider überlebte es Charly, wie Linus ihn in Gedenken an seine Kindheit nannte, nur vier weitere Tage, ehe er in Folge einer Vergiftung verstarb.

Linus erkannte, dass es für ihn im Cryonics Life Extension Institute keine Möglichkeiten mehr gab, Fortschritte in seiner Arbeit zu erzielen. Dazu fehlten ihm und dem Institut schlicht und einfach die Mittel. Die vergangenen Erfolge seiner Forschung speicherte er auf einem speziell von der NASA gefertigten Stick, welchen er ausschließlich an „seinem“ passenden Gegenstück, einem alten NASA PC nutzen konnte. Es war untersagt, den kleinen schwarzen Stick, mit aufgedrucktem NASA Logo, außerhalb der Raumfahrtbehörde zu nutzen. Linus gelang es jedoch, dieses sichere Speichermedium, auf dunklen Kanälen und für eine unvorstellbare Summe, zu erwerben. Er sorgte sich ständig, jemand könnte ihn seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse und Errungenschaften berauben und daher war ihm nur das Beste gut genug geeignet, um diese Fortschritte seiner Arbeit aufzubewahren.

Linus wusste, dass er drauf und dran war Menschheitsgeschichte zu schreiben. Doch auch einem solch hochkarätigen Wissenschaftler wie ihm, wurden Grenzen gesetzt – in Form von imaginären Zahlen oder aufgehübschtem Papier mit hässlichen Gesichtern drauf.

Der Wille, weiter Affen einzufrieren und damit auf der Stelle zu stehen, ging ihm allmählich ab und so entschloss er am Abend zuvor, dem Elend mit dem heutigen Vortrag ein Ende zu setzen.

Und doch war er ein wenig enttäuscht, vielleicht sogar eher beleidigt als Dr. Fowler ihn einfach so, ohne Weiteres entließ.

Er mochte es, wenn man ihn umgarnte und um seine Dienste warb, so wie es einst die NASA und das CLEI getan hatten. Damals gewann das Institut, da man ihn bei der NASA weniger als Kryotechniker, denn als Wissenschaftler in der Biochemie sah. Er sollte bessere, effizientere Brennstoffe mischen. Doch Linus hatte daran kein Interesse.

Seit er Kubricks „2001: Odyssee im Weltall“ gesehen hatte, wollte er auch außerhalb der Kinosäle den Kälteschlaf ermöglichen. Er wollte der Menschheit ermöglichen, unvorstellbare Entfernungen zu überbrücken, ohne dabei hunderte Generationen zu überspringen, ehe man an seinem Ziel ankommen sollte.