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"Jeder Mensch ist von Geburt an gesegnet und ich wurde nie geboren." Im Stadtstaat Himmelsschoß werden operativ zur Welt gekommene Kinder nicht als Menschen anerkannt, sondern von ihren Eltern verstoßen und verflucht. Ungeborene leben in den Gängen der Kanalisation unter der Stadt und kämpfen dort ums Überleben, während die Menschen ihre ganz eigenen Probleme haben: Der Uhrmacherlehrling Leopold ringt mit seinen Gefühlen zu einer ihm flüchtig bekannten jungen Frau; parallel dazu erhält ein Ungeborener die Chance seines Lebens: Er soll einen bezahlten Auftragsmord ausführen!
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2022
© 2022 Jeremy L. Keller
Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer
ISBN Softcover: 978-3-347-66111-0
ISBN E-Book: 978-3-347-66114-1
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
JEREMY L. KELLER
Ungeborene
Prolog
Jeder Mensch ist von Geburt an gesegnet und ich wurde nie geboren.
Bei den meisten Ungeborenen hatte die Mutter die Muskelkrankheit, sodass sie sie nicht zur Welt bringen konnte. Dann kommen Ärzte und schneiden das Kind aus ihr heraus. Manchmal stirbt die Mutter dabei. Wenn sie es nicht tun, stirbt sie immer. Die Mutter hasst ihr Kind dafür meistens. Die anderen Menschen hassen ihr Kind dafür immer.
Ungeborene sind keine Menschen. Wir leben in den Gängen unter der Stadt, damit uns niemand sieht. Wir machen den Menschen Angst. Sie haben Angst, dass wir ihnen was antun. Wie unserer Mutter. Manchmal tun wir das auch. Wenn wir den Menschen was tun, hat das manchmal einen guten Grund. Wenn die Menschen uns was tun, hat das immer einen guten Grund.
Ungeborene sind das Werk der Unterwelt. Die Krankheit ist das Werk der Unterwelt. Himmelsschoß, die große Stadt, in der sich die Krankheit so wohl fühlt, ist das Werk der Unterwelt. Trotzdem leben wir alle in Himmelsschoß. Wir haben ja keine Wahl.
Ich weiß nicht, ob meine Mutter krank war. Vielleicht habe ich sie schon während sie schwanger war so gequält, dass sie begonnen hat, mich zu hassen. Meine Mutter hat mich rausschneiden lassen, damit sie sich nicht um mich kümmern muss.
Ungeborene sind Abfall. Ungeborene Säuglinge werden auf die Straße gelegt und vergessen. Nachts trauen wir uns nach oben. Wenn wir ein ausgesetztes Kind sehen, nehmen wir es auf. Auch wenn es Abfall ist. Aber das sind wir alle. Und wir leben. Wer leben darf, erlaubt auch anderen, zu leben.
Ich weiß nicht, ob meine Mutter mich gehasst hat. Vielleicht wollte sie die Schmerzen der Geburt nicht durchstehen. Sie hat mich heimlich rausschneiden lassen. Das war sehr dumm. Die Menschengarde hat sie erwischt. Sie haben meine Mutter gezwungen, mich abzulegen. Es war der einzig richtige Weg. Ich bin Abschaum. Ich bin das Werk der Unterwelt. Ich bin ein Ungeborener.
1.
Es ist heller Tag, trotzdem bin ich oben. Die Sonne blendet mich, obwohl ich im Schatten stehe. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand in einer Seitenstraße und hoffe, dass mich niemand sieht. Überall sind Menschen. Sie suchen sich aus, was sie heute zu Mittag essen. Und, was sie heute zum Kaffee essen. Und, was sie heute zu Abend essen. Und, was sie morgen zum Frühstück essen. Ich habe heute Morgen nicht gefrühstückt. Ich habe auch gestern Abend kein Abendessen gehabt. Ich habe noch nie Kaffee getrunken und mein letztes Mittagessen ist zwei Tage her. Ich verdiene das ja irgendwie. Wir alle verdienen es, zu hungern. Zu leiden. Zu sterben. Aber wir wollen nicht sterben. Auch Ungeborene wollen leben. Deshalb stehe ich hier oben und genieße die frische Luft. Ich habe mal einen Menschen sagen hören, dass die Luft in Himmelsschoß das Schlimmste ist, was man seiner Lunge antun kann. Eine Lunge ist etwas, das in der Brust von Menschen ist. Ich wüsste gerne, ob ich auch eine Lunge habe, aber die Ärzte wollen keine Ungeborenen aufschneiden. Hilft ihnen ja auch nicht, wenn sie Sachen über Menschen herausfinden wollen. Jedenfalls riecht es hier gut. Hier oben juckt meine Nase weniger und das Brennen in meinen Augen ist nicht so stark. Aber ich kann nicht lange hier bleiben, ich muss nur schnell etwas zu essen finden. Wenn die Menschengarde mich beim Klauen erwischt, töten sie mich. Das ist auch richtig so. Aber ich will nicht sterben. Der dicke Mensch am Stand, der mir am nächsten ist, sieht in sein Buch. Er streicht irgendwas durch und sieht aus, als würde er sich aufregen. Ich warte kurz ab, bis die Menschengarde in die andere Richtung sieht, dann renne ich aus meinem Versteck. Ich komme dem Stand immer näher und der dicke Verkäufer hat mich noch nicht bemerkt. Ein paar Menschen drehen sich nach mir um. Ich komme an, greife mir mit der einen Hand ein Brot und mit der anderen einen Apfel und will sofort zurücklaufen. Zwischen der Seitenstraße und mir steht ein Mensch und schaut mir genau in die Augen. Er sieht jung aus, trägt aber einen großen Hut. Das heißt, er ist schon Vater.
„Ungeborener!“, schreit er und zeigt mit dem Finger auf mich. Ich drehe mich wieder um. Der dicke Verkäufer hebt den Blick und Hass blitzt in seinen Augen auf: „Garde!“ Die Menschengarde war eben links von mir, also drehe ich mich nach rechts und renne los. Ich trage Schuhe, spüre aber trotzdem jede Spitze vom Pflaster. Mein keuchender Atem geht jetzt schneller. Meine Finger graben sich in das Brot. Wenn ich es bis zum Tempel schaffe, bin ich in Sicherheit. Ich höre die schweren Stiefel der Menschengarde hinter mir. Es sind mindestens drei. Am Markt habe ich nur zwei gesehen. Einer von ihnen scheint dichter hinter mir zu sein, vielleicht ist er aus einem Hauseingang gekommen. Das metallische Schaben und Klicken sagt mir, dass er seine Pistole vorbereitet. Ich versuche, noch schneller zu werden. Meine Brust klopft wie wild. Er bleibt stehen. Sofort schlage ich einen Haken nach links und bringe damit einen Wagen zwischen uns. Das Donnern nach dem Schuss hallt in meinen Ohren nach. „Verdammte Ungeborene!“ Ich achte gar nicht auf den Menschen, der versucht, sich mir in den Weg zu stellen. Nur noch ein paar Straßen. Wegen dem Knall kann ich nicht mehr genau hören, wie nah die Garde hinter mir ist. Ich werde nicht langsamer. Meine Beine brennen. Ich sehe den Tempel über die Dächer ragen. Links um die Ecke. Es knallt ein zweites Mal. Dieses Mal habe ich es nicht kommen hören. Ein scharfer Schmerz sticht in meine Hüfte. Ich bleibe nicht stehen. Da vorne ist der Tempel! Ich stoße ein Kind zur Seite, es fällt auf das Kopfsteinpflaster. Wenn die Menschen mich vorher noch nicht töten wollten, dann spätestens jetzt. Ich halte genau auf das Abflussrohr zu, das am Hang neben dem Tempel aus der Wand kommt. Meine Seite brennt wie verrückt. Als ich in das Rohr steige sehe ich mich ein letztes Mal nach der Menschengarde um. Sie kommen gerade auf den Platz gelaufen und können mich verschwinden sehen. Aber sie werden mir nicht hier runter folgen. Niemand geht zu den Ungeborenen. Ich stolpere blind durch die Rohre, bis sich meine Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnt haben. Dann werde ich langsamer. Ich setze mich auf den nassen Boden und lege meine Beute ab. Dann befühle ich meine Hüfte. Ich kann keine Verletzung spüren, sie haben mich nicht getroffen. Als ich wieder zu Atem gekommen bin, möchte ich nach dem Essen greifen, kann aber den Apfel nicht finden. Erst jetzt bemerke ich, dass ich nicht alleine bin. Neben mir in eine Biegung gekauert sitzt ein kleines Mädchen. Verdammte Ungeborene. Sie hat mich bestohlen! Aber ich lebe. Also darf sie auch leben. Sie umklammert den Apfel zitternd mit beiden Händen. Ich nicke ihr zu und reiße auch noch ein Stück von meinem Brot ab. Sie sieht hungriger aus als ich. Als wir kauend nebeneinander sitzen, läuft eine Ratte an uns vorbei. Sie hat nicht die Schaumkrankheit. Heute ist ein guter Tag.
2.
Als du erwachst, kitzelt dich etwas an der Nase. Das verdammte Hausmädchen hat schon wieder das Fenster zu lange offen gelassen und jetzt ist eine Fliege bis in dein Schlafzimmer geflogen. Du hast direkt schlechte Laune. Mühselig kämpfst du dich aus deinem Berg von Decken, welche anscheinend jeden Tag unbequemer werden. Du brauchst doch sowieso nicht mehr als eine! Der Orangensaft auf deinem Nachttisch schmeckt überhaupt nicht mehr frisch, wahrscheinlich hat sie dir einfach wieder den von gestern hingestellt. Du schlurfst ins Badezimmer und drehst den Hahn auf. Immerhin hat sie den Ofen angemacht, das Wasser fließt warm und beruhigend über deine Hände. Du führst es zum Gesicht und genießt das angenehme Prickeln auf deiner Haut. Nachdem du dich fertig gewaschen hast, gehst du zurück ins Schlafzimmer und ziehst dich an. Die Weste sieht im Spiegel etwas ausgeleiert aus und auch der Gehrock wirkt schon etwas abgetragen. Es wird Zeit, dass du deine Lehre abschließt und dir einen besseren Anzug leisten kannst! Bevor du nach unten gehst, greifst du deine Melone vom Hutständer. Lächerlich! Andere tragen in deinem Alter schon einen Zylinder! Du frühstückst etwas Brot mit Honig und trinkst dazu Milch. Das Wasser kann man in dieser stinkenden Stadt niemandem anbieten und du wirst ganz bestimmt nicht nochmal von dem Orangensaft trinken. Alleine schon aus Prinzip. Das Brot ist frisch, aber das ist es ja immer. Als du auf dem ersten Bissen der zweiten Scheibe Brot herumkaust, schweift dein Blick gedankenverloren aus dem Fenster. Die Luft ist heute morgen relativ klar, du kannst sogar in der Ferne die Spitze des Tempels ausmachen. Die große Uhr hat der Meister vom alten Hagelkelch angefertigt. Angeblich. Du hast häufiger deine Schwierigkeiten, Unterschiede zwischen Wahrheit und Geschwafel im endlosen Redefluss des Alten auszumachen. Wer weiß, wie lange der es noch macht. Du bist jedenfalls bereit, den Laden zu übernehmen, sage Hagelkelch dazu was er wolle. Ein Knall aus der Ferne lässt dich kurz zusammenzucken. Mussten die wieder einen Ungeborenen erschießen? Dass diese Trottel aber auch nichts daraus lernen… Jedenfalls macht die Garde ihren Job gut, du hattest noch nie einen Grund, innerhalb der Stadtmauern Angst zu haben. Du gehst allerdings auch fast nur tagsüber aus dem Haus. Aber du bist ja auch nicht bescheuert. Ein zweiter Knall. Ist jedenfalls ein beschissener Name. Menschengarde. Irgendjemand hat sich mal beschwert, dass der Bürgermeister seine Garde hat und die Bürger nicht. Meinte, dass die Garde für alle da sein sollte. Für alle Menschen natürlich. Anstatt ein paar Mitglieder der Garde zu den Schutzmännern zu schicken, heißen die Schutzmänner seitdem einfach Menschengarde. So war‘s zumindest laut Hagelkelch. Als du wieder vom Brot abbeißen willst, bemerkst du, dass der Honig heruntergelaufen und auf deinem Schoß gelandet ist. Genervt wirfst du die angebissene Scheibe zurück auf den Teller. Dass heute alles schief laufen muss! Du gehst zurück nach oben und durch dein Schlafzimmer. Nicht einmal ein zweites Bad hast du, armselig. Du feuchtest ein Tuch an und wischt auf deiner Hose herum. Der Honig klebt wie… keine Ahnung. Wie Leim oder so. Als du ihn endlich weg bekommen hast, wendest du dich zur Tür. Dabei fällt dein Blick auf das Bett, bei dem wie immer nur eine Seite zerwühlt ist. So viel zum Thema Zylinder. Ein alter Schulfreund von dir hatte sich letztes Jahr schon einen anfertigen lassen. Da wusste er aber noch nicht, dass seine Frau die Muskelkrankheit bekommen und einen Ungeborenen in die Welt setzen würde. Den Zylinder konnte er natürlich erstmal vergessen, aber immerhin hat sie den Eingriff überlebt. Sie haben also noch einen Versuch, sollte die Krankheit in ein paar Jahren weg sein. Nachdem du die Haustür abgeschlossen hast, wirfst du einen Blick auf deine Taschenuhr. Schon fast zehn. Wird Hagelkelch aber nicht interessieren. Es erstaunt dich immer wieder, wie ein Uhrmachermeister sich so wenig aus Zeit machen kann. Als du ihn einmal darauf angesprochen hast, hat er dir mit irgendeiner Lebensweisheit geantwortet, aber du hast nach ein paar Sätzen nicht mehr zugehört. Irgendetwas wie Wir herrschen über die Zeit, nicht die Zeit über uns oder so. Klingt auf jeden Fall, als könnte es von ihm kommen. Du gehst die Straße herunter und blickst Richtung Stadtrand. Am Horizont, über dem endlosen Meer von Dächern, türmen sich dunkle Wolken auf. Heute Nachmittag, wenn du nach Hause kommst, regnet es bestimmt. Du hättest den Schirm mitnehmen sollen. Kurz denkst du darüber nach, umzudrehen und ihn dir zu holen, aber du bist jetzt schon zu weit weg. Schlecht gelaunt trittst du einen Stein vor dir her. Er hüpft über das Pflaster, prallt dann schief ab und landet im Graben. Na toll. Nicht einmal das bekommst du heute hin.
3.
Ich schlurfe gebückt durch die Gänge. Der Schmerz in meiner Seite ist schon wieder weg, war gar nicht so schlimm. Hunger habe ich immer noch. Aber nicht mehr so viel wie vorher. Ich halte mich rechts, an der nächsten Ecke muss ich geradeaus. Als ich fast da bin, höre ich die ersten gedämpften Stimmen. Die Mitte, ein alter Kellerraum, ist wie alle anderen Versammlungsräume von uns immer voll mit Ungeborenen. Die Menschen haben früher ihre Häuser mit Zugang zu den Abwasserschächten gebaut. Jetzt nicht mehr. Alle Räume, die so einen Zugang haben, wurden von Ungeborenen eingenommen. Die Menschen hassen uns dafür. Aber sie haben die Türen, nicht die Rohre, zugemauert. Sie haben ihre Keller aufgegeben. Vielleicht, damit wir unten bleiben. Wahrscheinlich ist das der einzige Grund, warum wir hier unten noch genug Platz haben. Es gibt ekelhaft viele Ungeborene. Wir werden zwar nicht so alt, aber jedes ausgesetzte Kind wird aufgenommen. Und wir brauchen Platz.
Im Zentrum vom Raum, unter einem kleinen vergitterten Fenster, brennt wie immer ein Feuer. Leber brät darauf gerade irgendetwas. Wahrscheinlich eine Ratte. Leber ist schon sehr lange hier. Er sagt, er ist über vierzig Jahre alt. Er lebt schon so lange, weil er Essen tauscht. Er nimmt trockenes Feuerholz und tote Tiere an. Dafür gibt er gebratenes Fleisch ab. Natürlich behält er einen Teil. Manchmal teilt er sein Essen auch. Er will nicht, dass Ungeborene sterben. Leber ist nett. Wenn die Schnapper in den Grotten einen Fisch geschnappt haben, bringen sie ihn auch oft hierher. Fisch schmeckt besser als Ratte.
Die meisten anderen hier schlafen. Ich gehe auf Kugel zu. Sie sitzt in der Ecke vor einer Gruppe Kinder und erzählt etwas. „Ich hab‘ heute ‘ne kleine Ungeborene unter dem Tempel gesehen“. Sie hört auf zu reden und sieht mich an. „Vermisst du wen?“ - „Nich‘ direkt. Ich dachte sie is‘ verhungert, sah gestern echt schlecht aus.“ - „Warum hast du ihr nichts gegeben?“ - „Ich hab‘ nich‘ genug für alle. Ich bin ja froh, wenn ich selber genug zu Essen krieg‘.“ Sie wirkt ein bisschen traurig. Ist ja schon gut, dass sie den Kleinen alles Mögliche beibringt, da muss sie sie nicht auch noch durchfüttern. Sie hat mir auch viel gezeigt. So alt ist Kugel gar nicht, sie war damals fast auch noch ein Kind. Aber sie ist schlau. Kugel geht oft schon nach oben, wenn es noch nicht ganz dunkel ist. Dann hört sie an den Fenstern den Menschen zu. Kugel merkt sich viele Sachen, die die Menschen erzählen. Wenn sie zu früh in der Stadt rumläuft, also wenn es noch hell ist, wird sie manchmal erwischt. Aber sie wurde noch nie getötet. Einmal, als Kugel noch ganz klein war, hat die Menschengarde ihr in den Arm geschossen. Die Kugel hat sie immer noch, den Arm nicht. Ich kenne Kugel gar nicht mit zwei Armen. Und ich kenne sie als Kugel. Einen Namen kriegen Ungeborene meistens durch wichtige Sachen, die passieren. Mir ist noch nie etwas Wichtiges passiert. Manche Ungeborene werden auch nach einem wichtigen Gegenstand benannt, den sie haben. Ich habe außer meinem Messer nichts. Und das ist ja wirklich nichts Besonderes. Na gut, Schuhe habe ich momentan auch. Kugel redet weiter mit den Kindern, also drehe ich mich um. Ich muss mir dringend etwas einfallen lassen, um an mehr Essen zu kommen. Für mich, aber vielleicht auch für die Kinder. Bis vor ein paar Tagen habe ich immer Nagel geholfen. Nagel ist nachts zu den Menschen in die Häuser gegangen und hat Sachen gestohlen. Manchmal Essen, aber öfter etwas zum Tauschen. Ich musste an der Tür stehen bleiben, von der er mit seinem verbogenen Nagel das Schloss aufgemacht hat. Wenn jemand kommt, sollte ich Bande! rufen. Das war sein Signal. Zum Glück musste ich fast nie rufen, weil Nagel sehr leise war. Niemand hat ihn bemerkt. Vor ein paar Tagen musste ich rufen. Habe ich aber nicht. Oder zumindest nicht rechtzeitig. Ich habe es nicht gemerkt. Plötzlich waren überall Menschen und bevor ich wusste, was passiert, wurde Nagel schon von der Menschengarde erschossen. Kugel sagt, die Menschengarde ist nachts in den Häusern, vorher hatte ich die aber noch nie da gesehen. Ich bin weggelaufen, aber konnte leider nicht mehr das Werkzeug mitnehmen. Ich hätte der neue Nagel werden können, bestimmt hätte ich gelernt wie man damit Türen aufmacht. Aber ich hatte keine Zeit. Jedenfalls hatte ich seitdem nichts mehr gegessen. Bis eben. Ich pule mit der Zunge einen Fetzen Brot zwischen meinen Zähnen hervor. Einer in der rechten Backe tut weh, aber das geht meistens nach ein paar Tagen wieder weg. Manchmal nimmt der Schmerz den Zahn mit. Das ist mir aber zum Glück noch nicht so oft passiert.
Ich verlasse die Mitte Richtung Norden, ohne einen direkten Plan zu haben. Ich folge ein paar Gängen und wähle ziellos Abzweigungen. Als ich unter dem Rathausplatz bin, fällt mir eine Leiter auf, die fast nie von Ungeborenen genutzt wird. Sie führt hoch zu einem Kanaldeckel, der in einem Gebüsch endet. Das Gebüsch ist mitten auf dem Platz. Man kann es also nicht ungesehen verlassen. Ich klettere trotzdem nach oben. Von hier kann ich zwar nur zurück nach unten, aber wenn ich ruhig im Gebüsch sitze, wird mich niemand bemerken. Dann kann ich den Menschen zuhören. Vielleicht finde ich ja etwas heraus. Ich sitze eine Weile still da, aber niemand ist in Hörweite. Ich schaue mir die Blätter genauer an, zwischen denen ich sitze. Sie sind ziemlich breit, laufen aber spitz zu. Sie sind auch eher dick. Da kommen zwei Männer näher! Sie unterhalten sich gerade über irgendetwas. „…der Überzeugung, dass es durchaus noch regnen wird. Dennoch wäre ich hocherfreut, käme Ihre Prognose doch zum Tragen und mein Schirm könne heute trocken bleiben. Auch meine Petunien wären darüber sicherlich überaus erfreut, ist ihr Erscheinungsbild doch derart abhängig von der Witterung.“ - „Aber sicher, mein Lieber. Ich verstehe nur zu gut, welcherlei Sorgen diese zarten, empfindlichen Gewächse Ihnen bereiten müssen.“ Der Mann, der grade spricht, trägt einen braunen Anzug und einen kleinen Hut. Und das, obwohl ich ihn sehr alt eingeschätzt hätte. Mindestens so alt wie Leber! Der Mann ist dick und mittelgroß. Der andere Mann ist etwas größer und dünner. Ansonsten sieht er aus wie der erste. Aber seine Hose ist nicht braun, sondern braun-weiß gestreift. Und er trägt einen großen, breiten Bart unter der Nase. Und einen großen Hut. Eigentlich sieht er ganz anders aus. Er hat auch hellere Haare. Und ist ein bisschen jünger. Jetzt spricht er wieder. „Nun denn, mein guter Herr Bärth! Ich möchte Sie nicht länger mit meiner Anwesenheit belästigen, habe ich doch noch einige Besorgungen zu machen.“ Der andere zieht gerade an seiner Zigarre, also redet er einfach weiter: „Meine Taschenuhr scheint stehen geblieben zu sein, daher werde ich mich nun zum Uhrmacher begeben, um sie richten zu lassen. Ich wünsche noch einen ausgezeichneten Dienstag!“ - „Selbiges wünsche ich Ihnen ebenfalls! Auf Wiedersehen!“ Der Mann mit der gestreiften Hose geht. Der, den er Herbert genannt hat, bleibt stehen und raucht seine Zigarre zuende. Er sieht über die Schulter nach dem anderen, aber der ist schon weg. Dann murmelt er etwas vor sich hin, was ich von meinem Versteck aus nicht verstehen kann. Es klingt aber unfreundlich. Herbert schaut die ganze Zeit in meine Richtung, aber ich bin unsichtbar. Er redet mit sich selbst, aber nicht laut genug. Ich kann nur ab und zu Fetzen wie „…verdammte Hurenbock…“, „…scheiß Petunien…“ oder „… ungerecht…“ verstehen. Er scheint wegen irgendwas wütend zu sein. Ich habe Durst, mein Hals ist schon ganz trocken. Ich sollte gleich wieder nach unten gehen. Aber ich kann mich nicht bewegen, solange Herbert in meine Richtung sieht. Er würde mich bemerken. Ich darf jetzt nur nicht husten. Ich fühle, wie sich mein Hals verkrampft. Nicht husten. Ich presse die Lippen zusammen. Ich bekomme etwas von seinem Zigarrenrauch in die Nase. Ich huste. Nicht besonders laut, ich kann das meiste davon unterdrücken. Aber es hört nicht so schnell wieder auf. Als ich endlich fertig bin, steht Herbert direkt vor mir. „Ganz ruhig, ich tu dir nichts.“ Er zeigt mir seine leeren Hände und macht eine besänftigende Geste. „Hast du uns gerade zugehört?“ Ich nicke vorsichtig. Dabei taste ich mit der linken Hand hinter mir nach dem Kanaldeckel. Vielleicht muss ich gleich schnell hier weg. „Dann hast du ja den anderen Mann gesehen oder?“ Ich nicke wieder. „Ich hätte da ein Angebot für dich. Du hast doch ein Messer?“ Ich lege meine rechte Hand vorsichtig an meine Hüfte. Aber es ist nicht da! Ich muss es eben beim Weglaufen verloren haben! Finde ich das noch wieder? Ich kann doch jetzt unmöglich wieder hier oben herumlaufen! Aber ich kann mir auch ein neues besorgen. Außerdem will ich hören, was er zu sagen hat. Also nicke ich. „Sehr gut. Wenn du den anderen Mann bis morgen Abend, wenn es dunkel wird, umgebracht hast, belohne ich dich dafür - Ich kann dir eine Menge Geld geben!“ - „Brot.“, hauche ich. „Klar, wenn dir Brot lieber ist…“ Herbert hält seine Hand ein paar Sekunden lang vor den Mund. Stinke ich so stark? Dann spricht er weiter. „Wie viel Brot willst du denn dafür?“ Auf dem Markt sagen die Menschen immer zuerst viel mehr als sie eigentlich wollen und streiten dann eine Weile, bis beide mit einem Angebot zufrieden sind. Ich will nicht mit Herbert streiten, er macht mir Angst. Dabei bin ich doch die abscheuliche Kreatur hier. Er will ja auch, dass ich einen Menschen töte! Ich habe schon davon gehört, dass das früher manche Ungeborenen gemacht haben, aber ich? Bin ich wirklich so böse? Ja, natürlich würde ich es machen. Vielleicht auch ein bisschen, weil Herbert mir Angst macht. Ich denke an das Mädchen, das Kugel schon für tot gehalten hat. Ich brauche das Brot. Ich muss gut streiten. Also nenne ich als erstes die höchste Zahl die ich kenne. „Ein Dutzend Brote!“, stoße ich selbstbewusst hervor. Herbert lächelt. „Also gut, ein Dutzend Brote. Wir treffen uns morgen Abend wieder hier. Dann bekommst du deine Bezahlung. Aber nur, wenn der Mann tot ist!“ Ich nicke. Warum ist Herbert so nett zu mir? Das habe ich nicht verdient. „Ach so! Er arbeitet hier in der Altstadt bei der Bank. Du weißt, wo das ist?“ Ich nicke wieder. Dann dreht er sich um und geht. Er wirkt viel fröhlicher als vorher. Ich hab noch nie so lange mit einem Menschen geredet. Die anderen waren aber auch nie so nett. Leise klettere ich wieder zurück in den Kanal. Ich glaube, ich habe heute einen Freund gefunden.
4.
Als du in die Straße einbiegst, kommst du wie immer an der Schneiderei vorbei. Auf einer Bank vor dem Laden sitzt sie und stickt. Deine Laune ist schlagartig besser. Seitdem der Schneider vor einem Jahr angefangen hat, sie auszubilden, ist sie scheinbar jeden Tag schöner geworden. Du hast schon oft mit dem Gedanken gespielt, in der Mittagspause herüber zu gehen und sie unter irgendeinem Vorwand in ein Gespräch zu verwickeln. Aber was, wenn sie auch gerade Pause macht, nicht da ist, und der Schneider selber an der Theke steht? Und was wäre überhaupt deine Ausrede, zum Schneider zu gehen? Du hast kein Geld für neue Kleider. Wenn sie das herausfände, hättest du sofort verloren. Nein, das kannst du nicht riskieren. Gleich bist du auf ihrer Höhe. Wirst du sie grüßen? Es wäre doch nichts dabei, was soll schon passieren? Ein schneller Gruß ist doch ganz normal, vielleicht würde sie es nicht einmal als besondere Geste auffassen. Aber was würde es dir dann nützen? Du willst nicht wie irgendein unbedeutender, nebensächlich grüßender Passant wirken. Du bist jetzt fast bei ihr, du kannst schon fast die Sommersprossen auf ihrem Gesicht erkennen. Ihre blonden Haare sind in einem geflochtenen Zopf nach oben gebunden und du kannst ein großes Stück von ihrem glatten, makellosen Hals sehen. Ihr spitz zulaufendes Kinn wirkt sanft und elegant, auf den Lippen hat sie, wie immer, ein zufriedenes Lächeln. Vielleicht hat sie deine Schritte näher kommen gehört oder an irgendetwas gedacht, das sie von ihrer Arbeit abgelenkt hat, jedenfalls blickt sie jetzt auf. Du schaust sofort weg. Gerade noch einmal gut gegangen, sie hat ziemlich sicher nicht bemerkt, dass du sie angesehen hast. Das hätte katastrophale Auswirkungen gehabt! Wie hättest du reagiert, wenn sie dich angelächelt hätte? Zurück gelächelt? Ohne etwas zu sagen? Du hättest doch gewirkt, als wärst du wahnsinnig. Und grüßen?
