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Am Programm in Dieter Neths Leben steht nun der langersehnte sechswöchige Trip nach Nordmexiko. Dort will er seinem Interesse, der Pflanzenerkundung und Fotografie, nachgehen. Die Forschung zu Kakteen hat dabei höchste Priorität. Doch selbst der beste Plan am Papier kann von der Realität eingeholt werden: Es scheint, als ob das Schicksal weitere Pläne mit Dieter hat. Ist er gezwungen, in einem Bereich Erfahrungen zu sammeln, welchem er stets aus dem Weg zu gehen pflegte? Ist es nicht einfacher, in seiner Komfortzone zu bleiben? Er möchte sich doch bloß den Pflanzen widmen, diese Welt ist sein Zuhause. Kann er in die Sphäre der Liebe eintauchen, und wie findet man sich als vollkommener Neuling darin zu recht? Vielleicht können seine neuen Reisebekanntschaften hier für Abhilfe sorgen …
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Seitenzahl: 771
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-762-3
ISBN e-book: 978-3-99131-763-0
Lektorat: Elena Iby
Umschlagfoto: Dieter Neth
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Adam Vogt, Dieter Neth
www.novumverlag.com
Prolog
La Paz – California, 13. Juni 1685
Nach endlosen 35 Tagen, welche die Expeditionsteilnehmer mit dem Aufbringen von Lebensmitteln und sonstigen Gerätschaften an der Küste von Sonora verbracht hatten, kam die kleine Flotte aus 3 Segelschiffen,La Almiranta,La CapitanaundLa Balandraunter dem Kommando von Admiral Isidoro de Atondo y Antillon erneut in der Bahia von La Paz in California an. Von dort wandte sich die Expedition nach Norden, an der vor 2 Jahren gegründete Missionsstation San Bruno vorbei, bis sie endlich Punta de las Virgenes Gordas, die Landzunge der dicken Jungfrauen, ansichtig wurden. Diese Landestelle befand sich direkt unterhalb der drei Bergspitzen, ruhende Vulkane, welche heute als Las Tres Virgenes bekannt sind. Hier wurde auf Wunsch des Paters Eusebio Kino, welcher mit Matias Goñi und Juan Bautista Copart für die Bekehrung und Unterweisung der hier vermuteten Eingeborenen verantwortlich war, eine Siedlung gegründet. Eine größere Truppe Soldaten, ausgerüstet zum Teil mit Pferden, Harnisch und Musketen, war zu ihrem Schutz und zur Mithilfe bei den Gründungsarbeiten der geplanten Missionsstationen mit dabei. Der Admiral hielt vor der Ausschiffung noch eine kleine Ansprache:
„Also Männer, wir stehen vor einem neuen Abenteuer in California. Ihr habt bestimmt schon von den alten Berichten von Cortés gehört. Irgendwo müssen wir hier also auf dieses Amazonenvolk mit ihren schwarzen Perlen treffen, wenn wir diese Insel nur lange genug durchsuchen. Seid mir aber nicht zu ungestüm. Die Patres wollen noch ein paar Seelen zum Retten haben, und Ihr findet an den Amazonen bestimmt auch mehr Gefallen, wenn sie leben! Die Perlen können wir ihnen dann umso leichter abnehmen! Also los! Haltet Ausschau nach Rauch von den Lagerfeuern und nach grünen Stellen wegen Wasser!“
Während die großen Segler draußen im tiefen, fast tintenblauen Wasser des Cortés Meers ankerten, erreichte die Expedition mit Ruderbooten das Festland. Aufgrund des unwegsamen, von steilen Felsenbergen und Schluchten zernarbten rötlichen Felsgebirges am Horizont verzichteten sie auf das Anlanden von Reittieren. Die Soldaten murrten und waren nicht besonders begeistert.
„Von wegen Amazonen! Hier lebt nichts und niemand! Ein Land des Todes, das uns bei lebendigem Leibe austrocknet und frisst.“
„Und wenn es sie gibt, sie sollen unbeugsam und wild sein, schwer bewaffnet und stark. Wer will sich schon mit so jemandem einlassen!“
„Vielleicht besänftigt sie dieser italienische Pater mit einem Segen oder ein paar geweihten Hostien!“
Dröhnendes Lachen schallte über die steinigen Hänge. Der Angesprochene hatte sich jedoch weit von der müden und ausgelaugten Truppe entfernt und stand bereits auf einer hohen Felskuppe, mit dem Theodoliten in der Hand und seinem Tagebuch. Sein schwarzer Rock und weitkrempiger Hut waren unverkennbar.
„Schaut euch den an! Der liest den Amazonen keine Messe! Rennt lieber mit diesem unnützen Zeug rum und schreibt unverständliches Zeug da in ein Buch. Wenn das sein Erzbischof wüsste! Seltsame Methoden, um Heiden zu bekehren. Und dann diese Marotte mit der Behandlung der Eingeborenen! Benehmt Euch wie unter Christenmenschen üblich, sagt er. Wie soll man so schnell an Gold und Perlen kommen?“
Jetzt stieg der Pater langsam von der Felskuppe ab, um auf dem Bergrücken stehen zu bleiben, um auf die Seinen zu warten. Die Truppe keuchte langsam über die steinigen, roten, fast vegetationslosen Hänge in der sengenden Abendhitze in die Höhe. Oben angekommen sahen die erschöpften Männer, dass es auf der anderen Seite steil nach unten ging, und dafür am Gegenhang umso steiler nach oben. Der Berghang dahinter war gut doppelt so hoch wie derjenige, auf dem sie standen. Tief im Osten lagen die Schiffe auf dem schimmernden Meer. Sie sahen ob der Höhe klein wie Spielzeuge aus. Am Horizont schienen weitere Inseln zu lagern.
„Was meinen Sie, Admiral, sind das da drüben auch Inseln oder schon die Küste von Sonora?
„Hm, das sind kaum mehr als 25 Leguas, Padre. Es dürften Inseln sein, alles Fels, wie hier. Jetzt sind wir schon 4 Tage hier in dieser Einöde unterwegs. Wir sind keiner lebenden Seele begegnet. Die Berge im Westen werden immer höher und die Schluchten tiefer. Mir scheint, wir kommen in die Gegend von Salsipuedes. Wenn wir uns da hinein verirren, kann es uns schlecht ergehen. Unser Wasservorrat ist bald zu Ende!“
„Lasst uns hier übernachten, dann sehen wir, ob wir morgen am Gegenhang hochkommen. Vielleicht erkennen wir nachts die Lagerfeuer der Einheimischen.“
Da kamen ein paar von den Soldaten herbei und verlangten, den Admiral zu sprechen. Sie waren erregt und sie fürchteten sich.
„Da vorne steht der leibhaftige Teufel hinter diesen Felsen! Hier bleiben wir nicht. Hier ist die Welt zu Ende, die Hölle nicht mehr weit. Man kann ja schon die Hitze fühlen!“
„Redet keinen Unsinn! Wo ist denn Euer Teufel, vor dem Euch derart fürchtet. Wenn Euer Glauben so groß wäre wie eure Goldgier, müsstet Ihr nicht so furchtsam sein.“
Der Pater ging eine kurze Wegstrecke in die angegebene Richtung und erkannte bald zwei spitze Auswüchse über den Felsen im Gegenlicht der untergehenden Sonne. Sie hatten merkwürdige seitliche Fortsätze. So etwas hatte er tatsächlich noch nie gesehen. Als er den Felsen umrundete, sah er einen merkwürdigen hohen Pfahl, der oben in zwei hornartigen Fortsätzen endete. Beim Näherkommen erkannte Kino, dass es sich um eine allerdings wunderliche Pflanze handeln musste. Sie war weißlich, wie ausgelaugt, hatte von oben bis unten kleine, laublose Ästchen und auch sonst nichts Grünes an sich. Sie mochte an die 20 varas (Ellen) hoch sein und etwa einen Fuß dick. Weiter unten gab es noch mehr von ihnen, die erste nennenswerte Vegetation seit Tagen. Von den sonst bei La Paz häufigen Sahuesos und Organos war hier nichts zu sehen, welche von den Einheimischen gerne wegen der Früchte und der als Kamm verwendeten Dornenkugeln genutzt wurden.
„Es ist eine Pflanze, ihr Angsthasen! Ein gutes Zeichen. Vielleicht wird es weiter oben endlich fruchtbar und grün!“
Aber am folgenden Morgen brannte die Sonne mit versengender Glut herunter, die Stimmung in der Truppe wurde immer schlechter und trotz der Fürsprache der Patres hatte sich Angst unter die Soldaten gemischt, die immer mehr der Meinung waren, dass sie am Ende der Welt und somit am Tor zur Hölle gelandet wären. Pater Kino gelang es aber noch, mit dem Hinweis auf eine Zeile von grauen Wolken, die sich über der vor ihnen auftürmenden Bergkette aufgereiht hatten, die lustlose Truppe bei Marschlaune zu halten. Sie begannen, einem Trockenbett nach oben zu folgen, welches glücklicherweise zu einem immer flacheren Tal wurde, umso höher sie kamen.
Hier oben schien die Luft allmählich frischer zu werden, man konnte wieder frei atmen. Der Pater wollte seine Beobachtung für sich behalten, sie mochte ja nur in seiner unbegrenzten Hoffnung existieren – aber die Männer schienen die Veränderung ebenfalls zu spüren und einige zeigten wieder freundlichere, beinahe erwartungsfrohe Gesichter. Hinter ihnen waren allerdings das tief unter ihnen liegende Meer und die drei Schiffe hinter einer Felswand verschwunden. Nach einer weiteren Stunde endete das nunmehr flache Tal auf einer flachen, allmählich nach Westen eintauchenden Hochebene. Eilig trieben ganze Felder von ballenförmigen grauen Wolken im frischen Wind heran, als ob sie von der eintönig-grauen, düsteren Wolkenschicht geboren würden, die tief über der Hochebene lagerte, welche sich unendlich weit in den Westen erstreckte, unsäglich öde, leer und bis auf die seltsamen wie umgekehrte Rüben in die ewiggraue Novemberdüsternis hinaufragenden Pflanzen völlig kahl. Eine weitab im Westen liegende Bergzeile steckte mit ihren bizarren Gipfeln im Nebelgrau. Hier oben gab es nichts, es hatte auch nie etwas gegeben! Hier war die Welt zu Ende, der Nebel mochte auf dem großen Südmeer liegen, welches zwischen dieser Insel und Asien mit dem lebensfrohen und reichen Manila erstreckt.
Der Admiral fällte noch vor Mittag die Entscheidung, zu den Schiffen zurückzukehren. Sie würden zur Küste absteigen, am Strand zurückgehen und dann nach Osten weiterfahren, um sich neu mit Proviant und vor allem Wasser zu versorgen. Soweit nach Norden war vielleicht außer Cortés noch kein Spanier gekommen, es mochte von Nutzen sein, die Beschaffenheit des Festlandes zu erkunden. Auch Pater Kino war deswegen mit dieser Entscheidung einverstanden.
Sie segelten mit gutem Südwestwind über das Cortés-Meer nach Osten, kamen an einer sehr großen und hohen, dabei aber völlig unfruchtbar-kahlen Insel vorbei und sahen, dass dahinter die Küste nicht mehr weit sein mochte. Das Meer war hier somit kaum mehr als 25 Leguas breit. Am 19. Juni warfen sie Anker in der Mündung einer Bahia, oder Meeresarm, welche sie entdeckten. Am folgenden Tag segelten sie um ein steiles Kap herum in eine weitere, halbkreisförmige Bahia, welche in einem Ästuar auslief. Diese Bahia bekam von Pater Kino den Namen Bahia de San Juan Bautista. Heutzutage ist diese weite Bucht unter dem Namen Bahia de Kino bekannt, der einzige Ort aller durch Padre Kino erforschten Gegenden, der seinen Namen trägt.
Der Pater bestieg gegen Abend das am westlichen Ende der Bahia sich erhebende, sehr hohe und steile Vorgebirge, um seine Positionsbestimmungen zu machen. Die zahlreichen Inseln und Halbinseln lagen wie zerbrochene Tonscherben im glitzernden Wasser. Der enge, scheinbar vom Land umschlossene Kanal im Westen war wenig einladendes Terrain für die großen Schiffe, weshalb sie daraufhin am Strand der flachen Bahia, welche sie Playa de Balsas nannten, Anker warfen. Man konnte hier hunderte von varas vom Strand ins Meer hinauslaufen, ohne schwimmen zu müssen.
Pater Kino hielt eine Messe für die Soldaten und als er sich anschickte, das Evangelium zu lesen, sprach er:
„Del Santo Evangelio según San Marcos!
„Hört! Siehe, derSämannging hinaus, um zu säen. Und es geschah, indem er säte, fiel das eine an den Weg, und die Vögel kamen und fraßen es auf. Und anderes fiel auf das Steinige, wo es nicht viel Erde hatte; und es ging sogleich auf, weil es nicht tiefe Erde hatte. Und als die Sonne aufging, wurde es verbrannt, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Und anderes fiel unter die Dornen; und die Dornen sprossten auf und erstickten es, und es gab keine Frucht. Und anderes fiel in die gute Erde und gab Frucht, indem es aufsprosste und wuchs; und es trug eines dreißig-, eines sechzig- und eines hundertfach. Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
Den Soldaten und Seeleute war der Gedanken von Ackerbau fremd und sie waren unaufmerksam, was Pater Kino nicht verborgen blieb.
„Was seid Ihr doch für unverständige Grobiane! Aber wartet, ich will’s euch verständlich machen! Seht, der Samen, der auf sandigen Boden fällt, ist wie eine rasch entflammte Liebe, welche aber rasch erstirbt unter den Widrigkeiten des Lebens, wegen fehlender Substanz. Der Samen, welcher von den Disteln und Unkräutern überwuchert wird, ist eine große Liebe, welche durch Neid und schlechten Rat zerredet und verdorben wird, bis sich die Liebenden trennen, weil ihre Liebe nicht stark genug ist, um sich zu widersetzen. Der Samen, der zwischen die Steine des Weges fällt, keimt nicht, wie eine Freundschaft zu einer Dame nicht zu Liebe wird, wenn es am fruchtbaren Boden der Leidenschaft fehlt. Der gute Boden schließlich ist eine Liebe, welche wächst und gedeiht und langsam heranwächst und zu einer gesunden kräftigen Pflanze wird, welche reiche Frucht trägt und allen Widrigkeiten des Lebens zu trotzen vermag und kein Unkraut um sich duldet.“
Die Männer schwiegen verblüfft. Dann sagte einer: „Mann Padrecito, man könnte glatt meinen, Sie verstünden etwas davon!“
„Na und ob! Mein Vater hat mir die Bibelstelle immer so ausgelegt, wenn er mich dazu überreden suchte, endlich eine Frau zu nehmen!“
Die Männer stimmten ein herzhaftes Lachen an. Der Pater fügte an, dass sein Gleichnis auch auf den Glauben passen würde. Zuallererst müsse man Gott lieben, dann wäre man auch bereit, irdische Liebe zu empfinden. Trotz dieser erbaulichen Predigt fanden sie am folgenden Morgen, dass sie wegen widriger Winde aus Südwesten, die eine Rückkehr nach California verhinderten, erstmal am Strand der Bahia de Balsas bleiben mussten. Sie saßen einstweilig fest. Pater Kino und ein paar von den Soldaten machten eine kleine Tagesexpedition in die steinigen trockenen Berge hinter der Bahia. Es gab hier etwas mehr Bewuchs als zuletzt in California, und ein Soldat wies auf 3 seltsame, in bleichem Weiß schimmernde Gewächse hin, die auf einer Sanddüne standen und etwa einen Meter hoch senkrecht in den Himmel zeigten.
„Sehen Sie mal, Padrecito, die können Sie als Altarkerzen nehmen, wenn Sie hier eine Kirche bauen wollen!“
Die Pflanzen schienen dieselben zu sein, die in California die Leute so erschreckt hatten. Interessiert schaute Kino die Pflanzen an und machte sich ein paar Notizen. Sie stießen in ein flaches, langgestrecktes Tal vor, das voller Distelbäume stand, dieselben, die sie von California kannten, und Cardón getauft hatten. Auf einigen klebten leuchtend rot gefärbte Blumen, sie bemerkten dann beim Näherkommen, dass es Früchte sein mussten, weil an den im Sand liegenden Stücken zahllose Ameisen krabbelten. Mit einer Lanze schlugen die Soldaten einige herunter und zu ihrer Überraschung hatten sie einen süßen Wohlgeschmack. Es musste sich somit um eine andere Pflanze handeln.
Am 29. Juni entdeckten sie endlich eine tiefe Flussmündung, wo Indios damit beschäftigt waren, Austern und Muscheln aus dem bis zu 7 brazas (13 Meter) tiefen Wasser zu ziehen. Dies war die am weitesten landeinwärts gelegene Stelle der von Pater Kino und seiner Expedition entdeckten Bahia. Die Indios erzählten von einem mächtigen Fluss, der von Ures und Cucurpe herunterkam und zur spätsommerlichen Regenzeit enorme Mengen an Stämmen, Ästen und Röhricht anschwemmte, welche noch jetzt sichtbar waren. Sie fragten sie nach den süßen Früchten. Sie kämen von den Sahuaros, meinten sie. Bald würden sie ausschwärmen und sie einsammeln.
Die Indios lebten damals auf einer von allen Punkten der Bahia gut einsehbaren Insel. Sie waren unter den Spaniern in Sinaloa als Seri bekannt und als unzivilisierbare Wilde, Kannibalen gar, berüchtigt. Hierher wollten sich die Spanier dann vor dem sich verstärkenden Südweststurm zurückziehen, um die Schiffe zu schützen. Der ungünstige Wind sollte die Abreise der Expedition nach La Paz für volle 45 Tage verhindern. Pater Kino wusste damals noch nicht, dass er sein geliebtes Niederkalifornien für Jahrzehnte nur noch aus der Ferne sehen und La Paz niemals wiedersehen sollte. Zunächst brauchten sie aber wieder Trinkwasser, was die Expedition eine ganze Kiste voller Gebrauchsgegenstände für die Seri kostete, damit sie aufs Festland auf Wassersuche gingen.
Als die Spanier auf der Insel ankamen, wurden sie von den Seri am Strand willkommen geheißen. Es waren ihrer nicht viele, vielleicht ein paar Dutzend – Männer, Frauen und Kinder. Ein hochgewachsener Indio stand ein wenig abseits, in Begleitung zweier weiterer Eingeborenen.
„Im Namen meiner Brüder des Volkes der Comcaac wünsche ich die fremden Reisenden hier in unserer Wohnstatt willkommen!“, sprach der hochgewachsene Anführer in geläufigem Spanisch.
„Im Namen Gottes des Allmächtigen grüße ich meine neuen Brüder und erbitte Gottes Segen für unsere Freundschaft und Zusammenarbeit. Wir sind dankbar, dass wir bei Euch wohnen dürfen, bis besserer Wind unsere Weiterfahrt erlaubt.“
Damit gingen die Spanier an Land. Die Soldaten waren von den Indio-Frauen sehr angetan, waren sie doch von stolzer, schöner Gestalt und wirkten überdies freundlich. Der, der sie angeredet hatte, setzte sich mit seinen Begleitern zum Admiral und den Patres. Es waren seine Kinder, Sohn und Tochter. Er wurde von den Spaniern als Cacique angeredet, doch der Indio wehrte ab:
„Ich bin ein Gleicher unter meinen Brüdern, und lehre sie alles über die Götter und wo wir Wild und Fische finden, um keinen Mangel zu leiden. Bei uns ist aber jeder Mann sein eigener Herr und Meister. Ich bitte Euch, auch meine Kinder zu begrüßen. Auch sie haben von mir Kastilisch gelernt!“
„Das tun wir gerne, und es erfreut uns die Bekanntschaft Deiner Kinder machen zu dürfen. Aber jetzt sind wir müde und würden uns gerne ausruhen!“
„Dann kommt mit in mein Haus, auf dass ich Euch ein Lager anbieten kann. Die restlichen Eurer Männer werden von meinen Brüdern versorgt werden. Wir wollen alles, was Ihr wisst, von Euch lernen. Wir haben gehört, dass Ihr Bartträger große Weisheit in euren Köpfen trägt.“
Die Tochter des großgewachsenen Indios ging voran. Sie war groß gewachsen, wie ihr Vater, von dem sie wohl ihre recht breiten Schultern geerbt hatte. Ganz schwarzes, herrliches glattes Haar, das ihr bis an ihre schmale Taille reichte. Ihre sonnengebräunte Haut spielte fast ein wenig ins Bronzefarbene. Sie hatte eine vollerblühte formvollendete und dabei kräftig wirkende Gestalt, welche ihr einen königlichen, geschmeidigen Gang verlieh. Die Soldaten sprachen miteinander, in der Meinung, diese India würde sie nicht verstehen.
„Sieh mal einer an, unser Admiral hatte also doch recht. Das ist eindeutig Calafia, die Amazonenkönigin!“
„Mann, dass diese Wilden sich an so einer erfreuen dürfen. So eine gibt es in ganz California nicht“
„In ganz Neuspanien nicht, Trottel! Mal sehen, ob sie mit sich reden lässt, ich würde mich nicht zweimal bitten lassen“
„Ausgerechnet bei Dir, Du kriegst ja nicht mal eine, wenn Du sie bezahlen willst, und außerdem kommst Du dem Admiral ins Gehege. Hast Du nicht gesehen, wie er sie angeschaut hat?“
Ob dieses Geredes drehte die junge Frau diesen Schwätzern ihr Gesicht zu, ein Gesicht rund wie der volle Mond, mit großen mandelförmigen Augen. Sie streifte sie mit einem Blick aus ihren pechschwarzen Augen, der sie verstummen ließ.
In den folgenden Wochen beschäftigten sich die Patres damit, die willigen Seris im christlichen Glauben zu unterweisen, während die anderen zusammen mit den Soldaten in der Bahia auf Fischfang ausgingen, oder den Seevögeln, die in großer Zahl auf der Insel nisteten, bei ihren Flugkunststücken zuzusehen, oder sich gelegentlich bei ihren Eiern zu bedienen, wenn sie sicher sein konnten, dass sie einigermaßen frisch waren. Die besten Fänge wurden dazu benutzt, sich die Gunst der von den Spaniern weiterhin Calafia genannten Tochter des spirituellen Leiters der Seris zu erwirken.
Aber keiner ihrer zahlreichen Verehrer fand Gnade vor ihren dunklen Augen, gleichviel, ob Indio oder Spanier. Sie saß meistens in der Unterweisung oder verrichtete die Hausarbeit für ihren Vater. Eine Mutter schien es nicht zu geben, sie mochte verstorben sein. Die Patres erzählten ihren Schützlingen von ihrer Religion, wobei sie ihr Leiter nicht nur gerne gewähren ließ, er hörte Pater Kino ebenfalls häufig zu, und nahm ihn zum Abend hin des Öftern beiseite.
„Jetzt hat mein Bruder im schwarzen Rock viel von seinem Gott erzählt und es scheint uns, dass Deine Worte gut sind. Wir möchten, dass Du hier bei uns bleibst und uns weiterhin all jenes erklärst, was wir nicht kennen. Wir bauen Dir ein Haus oder einen Palast, von dem Du in Deinen Gesprächen immer erzählst, wo Ihr die Feier zu Ehren eures Gottes abhaltet. Ich lasse Dir Pferde und Lebensmittel vom Landesinneren bringen, damit Dir nie etwas fehlen möge.“
„Das wird nicht möglich sein. Ich muss wieder zurück zu jenem Land dort drüben. California. Es warten dort Menschen, die meiner Weisheit ebenfalls bedürfen.“
„Was will mein Bruder in jenem schlechten Land? Dort ist das Ende der Welt, wo Riesen und Geister im Nebel hausen und kein Sterblicher lange leben kann. Hier ist das Tor zum Ende der Welt, der letzte Ort, wo Menschen leben sollen. Auch hier bleiben wir nicht lange, sobald der Regen kommt, gehen wir nach Osten, um dem Hirsch nachzustellen und aus den Früchten der großen Dornenbäume Mus und einen Trank zu machen, der dabei hilft, mit den Göttern zu sprechen.“
„Wir haben dort drüben auf der Insel California ein Dorf aufgebaut, um die Pflanzen anzubauen, woraus das Brot gemacht wird, das wir Euch gegeben haben.“
„Das wird nicht möglich sein. Der Regengott hat dieses Land verflucht und von seinen Gaben ausgenommen. Er will nicht, dass dort Menschen siedeln. Du kannst es hier viel besser haben. Ich habe mit meiner Tochter gesprochen und weiß, dass sie Dir gefällt!“
„Das muss ein Irrtum sein, ich habe nichts dergleichen gesagt.“
„Muss man denn reden? Sie hat Dir in Deine Augen geschaut. Die Augen sind der Spiegel der Seele und sie hat dort Deine Liebe zu ihr gesehen.“
„Ich kann keine Liebe zu ihr empfinden. Mein Gott erlaubt es nicht.“
„Dann kann Dein Gott kein guter Gott sein, wenn er Dir Deine Freude nehmen will. Bei uns kann ich meinen Göttern dienen und mich von allen Frauen auserwählen lassen, die dies wünschen. Oder denkst Du etwa gar, meine Tochter sei nicht genug für Dich? Ich weiß von Dir, dass keine Frau je Dein Herz berührt hat.“
„Deine Tochter ist die schönste Jungfrau, die ich jemals sah, aber ich kann mein Wort nicht brechen, das ich meinem Gott gegeben habe.“
„Was war das für ein Versprechen?“
„Ich versprach, mein ganzes Leben für die Verbreitung seiner Lehre aufzubringen, wenn mein guter Gott mich von einer schweren unheilbaren Krankheit erlösen würde.“
„Und Du wurdest gesund?“
„Ja, der Herr hat mich erhört. Ich erfülle meinen Schwur. Ich muss es tun! Ich befürchte, tot umzufallen, und in die feuererfüllte Unterwelt verbannt zu werden, wenn ich ihn breche.
Dann ist Dein Gott mächtiger als unsere Götter. Sie können keine Kranken heilen, sondern haben uns dazu Pflanzen hinterlassen, auf dass wir sie aufsammeln und zu Tinkturen verarbeiten. Es hilft aber nicht immer, und hat jedenfalls bei meiner Frau versagt, als Jacaranda geboren wurde.“
„Ist das Deine Tochter?“
„Ja. Sie heißt wie die violetten Bäume, die bei Alamos wachsen und meiner Frau so gefallen haben. Meine Tochter wird sehr betrübt sein, wenn Du sie zurückweist. Aber ich sehe, dass Du ein Mann bist, der seine Versprechen halten will. Es ist Frieden zwischen Euch und uns. Aber wenn Du gehst, wollen wir von keinem anderen Spanier in Eurer Religion unterwiesen werden. Wir wissen, dass andere von Euch die Menschen in großen, dunklen Höhlen einsperren, damit sie schwere Steine aus der Erde herausbrechen und nie mehr das Angesicht der Sonne zu sehen bekommen. Diese Steine verbrennen sie dann in großen Feuern, bis das Blut von Mutter Erde herausrinnt und zu schweren, glitzernden Blöcken erstarrt. Wegen dieses Blutes ist große Not und Angst ins Land im Süden gekommen.“
„Ich denke nicht, dass jemand hierherkommen will. Ich und mein Mitbruder sind die Einzigen, die von euch wissen, und wir müssen zurück nach La Paz und San Bruno auf California.“
Am Abend des 8. August 1685 berieten sich der Admiral und Pater Kino über die weitere Vorgehensweise. Sie waren jetzt bereits mehr als 7 Wochen hier von dem nicht nachlassenden Südwestwind an der Weiterfahrt gehindert worden, und die Stimmung unter den Soldaten war nicht die beste, obwohl einige von ihnen sich mit den Seris angefreundet hatten. Aber die Perspektive, hier vielleicht für immer unter diesen Wilden leben zu müssen, erfüllte sie zunehmend mit Sorge. Der Admiral hatte den Pater zu einer seiner abendlichen Exkursionen begleitet, welche ihn bis zum Gipfel der Felseninsel geführt hatte.
Na, Padrecito, wird Ihnen nicht zu warm unter Ihrem schwarzen Rock? Sie möchten ihn wohl am liebsten ablegen, was?
Wie kommen Sie auf diesen abwegigen Gedanken? Ich bin Jesuit, und als solcher dem Glauben verpflichtet, egal, wie heiß es wird.
Mir brauchen Sie nichts vorzumachen! Ich habʼ gesehen, wie die Kleine mit den schwarzen Augen Euch angesehen hat. Und Ihr habt den Blick ja lange nicht von ihr lösen können. Also raus mit der Sprache! Was habt Ihr denn dort gesehen? Also ich würde nach so einem Blick von solch einem Mädchen glatt meine Alte an die Mauren verkaufen und schwören, ich kennte sie nicht!
Unterstehen Sie sich, Admiral! Sie sollten ein wenig Respekt vor mir zeigen. Und was sollen diese wollüstigen Reden von Ihnen, der Ihren Männern ein Vorbild sein sollte und …
Sparen Sie sich die Sermon, ich meine es gut mit Ihnen! Warum bleiben Sie nicht hier bei diesen Leuten? Sie halten große Stücke auf Sie und dieses Mädchen, diese Calafia, liebt Sie, also wenn sie so eine entwischen lassen, werde ich Sie sofort heiligsprechen lassen. Oder sind Sie blind? Angst vor der Inquisition, was? Ich lass mir eine glaubwürdige Geschichte einfallen, damit niemand nach Ihnen sucht!
Hören Sie auf damit! Und das Mädchen heißt Jacaranda, nicht Calafia. Unterstehen Sie sich, sie zu beleidigen! Aber ich habe dem Herrn ewigen Gehorsam geschworen und werde meine Mission in Kalifornien zu Ende bringen.
Seltsamer Name. Ist doch dieser Baum, mit den violetten Blüten. Ganz schwerer Duft! Aber Sie denken immer nur an diese Geschichte mit Kalifornien! Ist eine richtige Manie von Euch. Es ist aus, sehen Sie das endlich ein! Sobald wir zurückkommen, falls wir je zurückkommen, lassʼ ich abstimmen. Wenn die Mehrheit der Kolonisten und Indios von dort weg will, werde ich sie mit den Schiffen nach Sinaloa bringen. Sonst werden sie jämmerlich verhungern. Das kann nicht Gottes Wille sein!
Ich werde beten, damit wir besseren Wind bekommen. Wir müssen sofort von hier weg! Was habe ich gebetet, damit der Herrgott mich von dieser Versuchung erlöse! Aber ich bin ja auch schon über 40. Das ist nicht richtig für ein derart junges, schönes Mädchen.
Wissen Sie was, Padre? Sie sind ein guter Mann! Ehrlich, und aufgrund Ihrer letzten Worte weiß ich, dass sie eine menschliche Seite an sich haben, die man von Kirchenleuten selten zu sehen bekommt. Wenn die Kirche mehr solche Leute wie Sie hätte, würde es in der Kolonie anders aussehen. Aber diese pompösen Erzbischöfe und Äbte, die führen sich auf, als wären sie Herzöge und Kriegsherren, und in Rom wird es nicht besser, sondern schlimmer. Alles Heuchler! Unsereiner wird zum Morden um die halbe Welt geschickt und der Papst gibt seinen Segen dazu. Nichts für ungut, Padre, aber vielleicht hätten Sie Ihre kleine Bewunderin mal küssen sollen. Vielleicht kommen wir so endlich nach La Paz. Ihr Vater ist ja sowas wie ein Hexer und will uns vielleicht nicht fortlassen. Der Wind muss ja nur ein wenig mehr von Süden wegdrehen, dann könnten wir der Küste entlang nach Matanchel in Nayarit fahren, und vielleicht von dort nach California übersetzen.
Mit Gottes Willen und Segen kommen wir morgen weg. Ich will noch eine Messe halten für die Seris, zum Abschied.
Tun Sie das, Padre! Vergessen Sie nicht, um guten Wind zu bitten! Wenn der Herr auf jemanden hört, dann auf Sie!
Am folgenden Tag befand sich die kleine Flotille tatsächlich auf dem Weg nach Südosten, wo sie nach längerer Reise ankamen, nachdem sie in die Bahia bei La Paz übersetzten, um ein paar von den mitgereisten Indios dort aussteigen zu lassen. Ohne Aufenthalt ging es sofort weiter nach Nayarit. Dort erhielt Kino die Order, sofort nach Guadalajara zur Audienz mit dem dortigen Erzbischof zu kommen. Dieser setzte ihn über die geplante Auflösung der Kolonien in California ins Bild und schickte ihn sogleich weiter nach Ciudad de Mexico. Er erhielt dort keinen besseren Bescheid und fühlte, dass ihm das Herz brach. Er erinnerte sich an die glücklichen 45 Tage bei den Seris und erkundigte sich, ob seine Vorgesetzten ihm vielleicht erlauben würden, eine Mission in Sonora aufzubauen. Sein Plan war, mittels einiger gut ausgebauter Missionen in Sonora eine zukünftige Mission in California zu versorgen. Dieser Plan wurde gutgeheißen und Padre Kino machte sich auf den Weg nach Sonora. Dort würde er in den folgenden 24 Jahren die Erfüllung seines Lebens erreichen, bis zu seinem Tod am 15. März 1711. Er war nicht nur Missionar, sondern den verschiedenen Ureinwohnervölkern im nordwestlichen Sonora ein eigentlicher Apostel, der sie wiederholt vor Übergriffen seitens der Spanier beschützte und sie außer im Spirituellen auch in Viehzucht und Landwirtschaft unterwies. Aber zu den Seris kehrte er niemals zurück, und so kam es, dass dieses Volk Mexikos als einziges nicht von der katholischen Kirche bekehrt wurde. Dies geschah erst in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts als Mitglieder einer evangelikalen Freikirche in Desemboque eine Missionsstation einrichteten.
Das Boot ist voll!
Soeben hatte ich bei El Salto die 2’700 m Seehöhe erreicht. Ich war ganz allein auf der Küstenstraße MEX 40 aus Durango heraufgekommen. Anders als etwa in den Alpen war hier das Land jedoch beinahe eben, eher an den Schwarzwald als an ein Hochgebirge erinnernd. Der vorige Kiefern-Eichen Trockenwald war längst in endlose, Nordeuropa oder Kanada verblüffend ähnlich sehenden Koniferenwälder übergegangen. Neugierig geworden, obwohl die Reise eher den trockenheitsliebenden Kakteen und sonstigen Wüstenpflanzen gelten sollte, hatte ich vorhin kurz angehalten. Anders als in der Taiga, wo es Fichten, Tannen und Birken gibt, bestand hier der Wald aus lauter Kiefernarten. 70 an der Zahl, wie mein Naturführer zu wissen glaubte. Auch ich als Nichtförster konnte problemlos ein halbes Dutzend Arten unterscheiden. Aber – das war kein europäischer Wald. Er war so trocken, wie er selbst in Südeuropa nie sein würde, es gab weder Unterwuchs, nicht einmal dürres Gras. Die Bäume wuchsen vielerorts aus „Böden“, welche nur aus losen Steinen zu bestehen schienen.
Der kurze Halt erlaubte auch eine kurze Rückschau auf den bisherigen Verlauf meiner Reise. Diese sechswöchige Tour durch Nordmexiko war gedacht gewesen als Supplement zur großen USA-Südwest-Reise im Jahr 1987. Ich wollte einerseits die Trockengebiete südlich des Rio Grande im Hochland kennenzulernen und andererseits der Halbinsel Niederkalifornien einen Zweitbesuch abstatten, um die völlig missratenen Fotos der dort vorkommenden, einzigartigen Pflanzengemeinschaften zu wiederholen. Ausgerüstet mit einem Volkshochschulspanischkurs und einem wüstentauglichen VW Käfer glaubte ich, gut vorbereitet meinen Reiseplan wunschgemäß ans Ende zu bringen.
Und tatsächlich machte der bisherige Verlauf der Tour Mut: Das schwierigste Teilstück, die Fahrt durch die wegloseZona del Silencio,war ohne größere Probleme gelungen, wenn man von dem Umstand absah, dass ich an mehreren Orten aus unerklärlichen Gründen zu einer Art Sehenswürdigkeit mutiert war und mehr Aufmerksamkeit bei den Einheimischen erregt hatte als mir lieb war. Aber hier wird halt jeder auch noch so schüttere Fahrweg dazu angelegt, um ihn auch zu benutzen!
Trotzdem – ich war sehr zufrieden, keine Panne hatte mich aufgehalten, ich kam sogar noch vor dem Zeitplan in Durango an, wo ich mir zum Geburtstag eine Übernachtung im luxuriösen Presidente Hotel gegönnt hatte. Jetzt galt es, in Mazatlán ein Ticket für die Autofähre nach La Paz auf Baja California zu erwischen, dann würde einem Wiedersehen mit den sogenannten Cirios, die Amerikaner nennen sie nach Jonathan Swift Boojum Trees, nichts mehr im Wege stehen!
Curvas Peligrosas
Nach der Passhöhe auf knapp 3’000 Metern über Meer, wenn man den flachen Buckel denn so nennen will, wo die Straße nur wenig tiefer lag als die umliegenden, flachen, kiefernbestandenen Berge, kam ich an einer auffälligen Felsformation vorbei, welche den Durchreisenden vor allem als Leinwand für zahllose Graffiti gedient hat, neben der offiziellen Widmung der Regierung des nun folgenden Teilstücks. Es gab hier, in Mexiko eine Seltenheit, eine Gelegenheit, um das Auto abzustellen. Vielleicht ließ sich hier der abrupte Westabfall der Sierra Madre Occidental erreichen!
Und tatsächlich! Von einem Aussichtspunkt aus konnte ich nach Westen in die Leere blicken. Mittels unzähliger Kurven, Spitzkehren und waghalsigen Auf- und Abstiegen windet sich die schmale Bergstraße aus den ausgetrockneten Kiefernwäldern, die sich hier an der westlichen Abbruchkante der Sierra Madre Occidental an die Felsen klammern, schlangengleich in die bräunlich-violett schimmernden Tiefen. Rauchschwaden aus Waldbränden deuten auf den Höhepunkt der Trockenzeit hin, jetzt, zur Mittagszeit, bläst ein starker Talwind von der Küstenebene herauf, selbst hier auf 3’000 Metern über Meer ist er über 30 Grad warm und trocken wie aus einem Haarfön. Es galt, das sogenannte Rückgrat des Teufels,Espinazo del Diablo, zu bewältigen, um heute Abend noch vor dem Eindunkeln in Mazatlán an der Pazifikküste anzukommen.
Ein Warnschild, dreieckig wie bei uns, wies die Reisenden auf kommende Gefahren hin: „Curvas Peligrosas“ und darunter eine Zusatzinfo: Proximos 186 km. Also gefährliche Kurven für die nächsten 186 km! Ich musste ein wenig schmunzeln, nicht nur wegen der verchromten Figur einer attraktiven jungen Frau mit wehendem Haar, welche die US-Trucker so gerne an ihre Schmutzfänger montieren. Jetzt schien es die auch hier schon zu geben, denn irgendein Witzbold hatte geglaubt, das Schild damit verzieren zu müssen. Aber gefährliche Kurven in Mexiko? Dass ich nicht lache! In einem Land, wo es nur eine Fahrtrichtung gibt, nämlich geradeaus, mochte jeder Bogen eine Herausforderung darstellen. Echte Haarnadelkurven wie am Gotthard würde es hier nicht geben. Der Höhenunterschied war allerdings nicht zu verachten, das meiste der knapp 3 Kilometer würde ich gleich am Anfang einbüßen, etwa das Dreifache des Unterschieds vom Hochschwarzwald in den Oberrheingraben hinunter, oder etwa 700 m mehr als jeder Alpenpass.
So standen die Dinge, als sich jetzt die Sonne im 200 km Luftlinie entfernt liegenden Pazifik goldschimmernd spiegelte. Bald blieben die Kiefern zurück, die Eichen zeigten wegen der Trockenheit regelrechte Herbstfarben und verschwanden ebenfalls. Während in Mitteleuropa das Land umso üppiger und grüner wird, je tiefer man kommt, ist es hier umgekehrt, in den tiefen Schründen der hier Barrancas genannten Felsentälern wuchert eine laublose, etwa doppelt menschengroße Dornstrauchwildnis, welche derart undurchdringlich und anhänglich ist, dass sie botanisch kaum erfasst worden ist. Das einzig Grüne sind die großen Cardón-Kakteen, welche meterhoch über das Dornstrauchdickicht hinausragen. Sie hatten große, gelbe, stachelige Früchte, die trotz ihrer runden Form angeblich von den Ureinwohnern als Kamm benutzt wurden, deswegen der Name des Kaktus: Pachycereus pecten-aboriginum, also der „Dicke Säulenkaktus“ mit den „Eingeborenenkämmen“.
Die zahlreichen Aufenthalte und die doch überraschend vielen und auch scharfen Kurven brachten es dann mit sich, dass ich den hier klar ausgewiesenen Wendekreis des Krebses gerade noch bei Tageslicht queren konnte, bereits in der vorgelagerten Ebene.
Nach Mazatlán war es nun nicht mehr weit. Die MEX 40 traf vor der Stadt auf die 15 und die führte dann schnurstracks nach Mazatlán hinein und schließlich direkt an die Mole. In der Stadt angekommen, änderte sie allerdings den Namen nach Avenida Emilio Barragán. Ein Zimmer in Hafennähe wäre schnell gefunden, jetzt in der Zwischensaison, so dachte ich mir. War dann auch so, aber nicht wegen der Zwischensaison, sondern wegen der ziemlich üblen Absteige, an die ich auf die Schnelle geraten war. Aber egal, die Fahrt war lang gewesen, und die Aussicht, durchs nächtliche Mazatlán zu streifen, um ein besseres Hotel zu suchen, war nicht vielversprechend. Laut meinem Reiseführer überdies auch nicht empfohlen.
Ich schien der einzige Gast zu sein an diesem 25. April, einem Dienstag. Ich hatte gar nicht auf den Namen des Etablissements geachtet. Der junge Verwalter, recht groß, schlank, ziemlich dunkler Teint, halblanges leicht welliges fast schwarzes Haar und, eine Seltenheit hier, eine Brille. Er trug ein kurzärmliges blauweiß gestreiftes Polohemd und eine recht schicke, cremefarbene Hose. Er war sehr nett, wir verständigten uns in dem schaurigen Mischmasch aus Englisch und ein paar Brocken Spanisch, welchen die Nordmexikaner gerne anwenden, um einerseits dem Touristen zu beweisen, dass man beim Gringo was gelernt hat und andererseits dem sprachlich interessierten Gast Gelegenheit dazu gibt, zu erkennen, dass es noch viel zu lernen gibt. Dies alles mit einer derartigen Leichtigkeit, welche man auch aus dem Mittelmeerraum kennt. Luis kannte sich mit dem Viertel aus, essen konnte man in seinem Hotel zwar nicht, aber draußen sei das kein Problem und auch zum Hafen, wo die große Autofähre abgeht, sei es nicht weit. Alles bestens! Er ließ dann meinen roten VW in den Hof, wo er vor etwaigen begehrlichen Blicken gewisser nächtlicher Besucher des Hafenviertels hinter hohen Mauern versteckt in Sicherheit war.
Neuer Tag, neues Glück, heißt es. Laut meinem Reiseführer dauert die Überfahrt über die weite „Mündung“ des Golfes 18 Stunden, das Schiff läuft um 16:00 aus. Morgen Mittag würde ich bereits in La Paz nach Cirios suchen! Völlig entgegen den örtlichen Gepflogenheiten hielt ich mich am folgenden Morgen nicht lange mit dem Frühstück auf und ging zum Sonnenaufgang schnurstracks an die Mole. Selbst ohne Wecker und trotz der anstrengenden Fahrt gestern gelang das Aufstehen in aller Herrgottsfrühe ohne Weiteres. Gegenüber wird um 6:00 in der Marinekaserne nämlich großer Zapfenstreich geblasen, ein ganzer Posaunenchor aus Naturton-Cornets ließen wie weiland in Jericho die Einfachverglasung erbeben. Sie spielten die Nationalhymne Mexikos als Zugabe, und wer diese kennt, kann ermessen, wie sie geklungen hat, wenn nur Naturtöne zur Verfügung stehen!
Es gab aber an jenem Morgen Leute, die waren noch früher aufgestanden, sie bildeten bereits eine endlos wirkende Schlange vor dem noch geschlossenen Schalter! Ich tröstete mich mit dem Anblick der mächtigen Silhouette der Fähre. Da passen bestimmt eine Menge Autos hinein. Das Schiff musste über Nacht von La Paz angekommen sein. Eine Menge der altertümlich anmutenden DINA-Lastwagen standen an der Mole. Diese mexikanischen Eigenfabrikate, es gibt sie auch als Bus, sind aber durchaus ernstzunehmende „Gegner“ auf den Land- und Bergstraßen Mexikos. Ihre Höchstgeschwindigkeit liegt jenseits dessen, was ein VW Käfer zu leisten im Stande ist, oder der Tourist angesichts der buckligen Straßen wagt, aus einem stärkeren Fahrzeug herauszuholen. Dank der fehlenden Schalldämpfer hört man sie jedoch schon lange bevor der Fahrer zum Überholmanöver ansetzt.
So einer stand jetzt jedenfalls hier draußen auf dem Parkplatz, spitze Cowboystiefel, ausgebeulte Jeans, undefinierbares Oberteil mit irgendeinem englischen Aufdruck und das unvermeidliche Baseball-Käppi, damals noch mit dem Sonnenschutz nach vorne. Wenn er mitfahren wollte, würde er wohl hier unter uns Ungeduldigen weilen. Er war jedoch in besserer Gesellschaft. Er wurde von einer vergleichsweise sehr aufwändig aufgebrezelten jungen Frau mit einem stürmischen Kuss begrüßt. Sie trug eines jener mit farbigen Blumenmustern bedruckten Kleider, welche damals in Mexiko gerne getragen wurden, figurbetont, hier in gelborangen, wie goldenes Sonnenlicht wirkenden Tönen. Ich konnte den beiden gerade noch zusehen, wie sie über den Parkplatz zum Ausgang gingen, als vorne der Rollladen mit lautem Kreischen aufgemacht wurde und ein offiziell wirkender, mit blauer Kapitänsmütze und blütenweißem Hemd ausstaffierter Angestellter entfernte mit betonter Langsamkeit das „Cerrado“-Schild und verschwand erstmal zu einem kleinen Kaffeeplausch in den Hintergrund des kleinen Büros.
Wegen der aufkommenden Frühstückszeit machten derweil die fliegenden Händler, die wie Honigbienen einen blühenden Mezquitestrauch die Menschenmenge umschwärmten, ausgezeichnete Geschäfte. Da gab es Taquitos sudados, Machaca con Huevos, Liquados, lauter mir unbekannte Leckereien, von welchen ich mich so lange von meinem Reiseführer hatte abhalten lassen. Als sowohl der „Kapitän“ als auch seine „Bittsteller“ gefrühstückt hatten, gingʼs los. In Mexiko ist es immer noch gängige Praxis, dass man als stolzer Unternehmer seinen Kunden als Untergebenen behandelt, der froh sein sollte, hier seine Pesos loszuwerden für die feilgebotene, allzu oft qualitativ mangelhafte Ware oder Dienstleistung. Das gilt ohne Einschränkung auch für Touristen, aber diese lässt man nicht merken, dass sie ausgenommen werden. Wegen der ständigen Wechselkursanpassungen meinen sie auch so noch, ebenfalls ein ausgezeichnetes Geschäft gemacht zu haben.
Inzwischen kam die Sonne wie eine gestrenge Regentin auf den Platz, trotz des Umstandes, dass es noch vor 10:00 war, wurde es unangenehm heiß. Jetzt kamen die Aguas Frescas zum Einsatz, jene eisgekühlten Limonaden aus frisch verarbeitetem Fruchtsaft und -stücken, vor deren Genuss alle Reiseführer für Mexiko so eindringlich warnen. Auf einmal kam der Kapitän aus seinem klimatisierten Etablissement heraus und ließ einen Schwall spanischer Wörter los, worauf sich ein beträchtliches Stück der Menschenschlange vor mir in sich auf dem gleißend-weiß ausgeleuchteten Betonplatz verteilende Einzelpersonen auflöste. Andere redeten ebenso stürmisch auf den nun schwitzenden Ticketverkäufer ein, aus den Handbewegungen die er, Mütze in der Hand, machte, war unschwer zu erkennen, dass er wohl ausverkauft war. An mich gerichtet, den einzigen Gringo in der Menge, sagte er in geläufigem Englisch: No more Tickets! Auf meine Frage auf wann es wieder welche gäbe hieß es barsch: Tomorrow. Mañana!
So ein Mist aber auch! Ein ganzer Tag hier in der angeblichen „Perle des Pazifiks“ verloren! Wieso gibt es eigentlich einen derartigen Andrang auf Tickets nach La Paz, als ob hier keiner arbeiten müsste,dachte ich mir. Die Wartenden waren jedenfalls keine Lastwagenfahrer, die werden bestimmt woanders abgefertigt, sondern meist adrett bekleidete Leute etwa in meinem Alter oder etwas darüber, wie man sich sonst halt einen Touristen vorstellen könnte.Was nun? Zuerst das Hotel nochmal buchen. Kein Problem am Vormittag, hoffentlich.
Zurück in Luisʼ Hotel war der gerade eben aufgestanden.
„Kann ich das Zimmer nochmal haben?“
„Aaah, Dir hat Mazatlán also gefallen. Gut! Ja, kein Problem, bleibʼ so lange Du willst“
„Ich werde mich wohl ein wenig in der Stadt umsehen, die vom Boot hatten keine Tickets mehr. Sie meinten, ich solle mañana zurückkommen!“
„Ach so, mañana“, mit eigentümlicher Betonung auf dem letzten Wort „Du kannst das Zimmer die ganze Woche haben, kann Dir einen Rabatt geben“
„Nein, nein, morgen klappt es bestimmt!“
„Soviel ich weiß, geht das Schiff nur jeden zweiten Tag.“
„WASSSS?!“
„Ja 3x die Woche, wer will schon nach Baja California?!“
„Also da war eine enorme Menschenmenge da unten, und ich war kaum nach 7:00 dort!“
„Geh halt morgen um 6:00 los, dann bist Du der Erste in der Schlange. Du musst halt bis 9:00 warten, wenn sie aufmachen. Hör zu, morgen, sobald Du das Ticket für La Paz hast, führ ich Dich ein wenig in Mazatlán rum. Heute muss ich hier die Stellung halten, meine Mutter ist zu Besuch bei ihrer Schwester, sie kommt aber heute zurück.“
Damit musste ich mich wohl bescheiden! Ich würde halt versuchen, das Beste aus dem Missgeschick zu machen.
Inzwischen war es Mittag geworden, das Licht war womöglich noch gleißender, aber die Hitze war gewichen. Ich hatte erwartet, von einer bleiernen Hitze überwältigt zu werden, als ich aus dem angenehm kühlen Hotel trat, stattdessen kam eine frische Brise vom Hafen die menschenleeren Straßen herauf. Die von den extrem aufgeheizten Luftmassen in den Felsentälern der Sierra Madre erzeugte Thermik, verstärkt durch die normale Seebrise, führte dazu, dass die vom vergleichsweise kühlen Meer nachfließende Luft wie eine gigantische Klimaanlage mir recht angenehme Verhältnisse verschaffte. Zeit, für etwas Essbares zu sorgen, am besten unten in der Altstadt.
Von Weitem war der Leuchtturm auf seiner 150 m hohen felsigen Spitzkuppe zu sehen. Er soll angeblich von der anderen Golfseite aus zu sehen sein, immerhin 200 km entfernt. Nicht weniger prominent steht das weiße Hochhaus der „Pacifico“ Brauerei in der Mittagssonne. Wie in Nordmexiko üblich besteht auch Mazatlán aus einer Ansammlung ein- bis zweistöckiger Häuser, wenige Hotels und Geschäfte sind höher. Eine Downtown, wie sie in den USA jede vergleichbar große Provinzstadt aufweist, fehlt. Stattdessen findet man ein chaotisches Durcheinander aus netten Wohnhäusern und ihren 200 l Abfalltonnen, welche die Trottoirs belagern, kleineren Quartierläden, in doppelter Reihe parkende Autos, neben denen sich die dicke, schwarze Rauchwolken ausstoßende als Linienbusse figurierende, alte, amerikanische Schulbusse durchzwängen. Aus einem Hauseingang streckten gleich 4 mexikanische Nacktkatzen neugierig ihre Köpfe aus der Tür, sie sind nicht wirklich nackt, sondern haben als „Fell“ eine Art kurze, sandfarbene Unterwolle. Schöne elegante Tiere mit ausdrucksvollen „Gesichtern“, welche bei meinem Vorbeigehen sofort wieder in die sichere Dunkelheit ihres Zuhauses verschwanden. Daraus klang leise sogenannte „Trio“-Musik, eine Musikrichtung aus den Vierzigerjahren, welche so gar nicht in das festgefügte Bild der auftrumpfenden und lebhaften Mariachi-Musik passt, welche allgemein mit Mexiko verbunden wird.
Der Blick nach oben verfängt sich an dem unbeschreiblichen Kabelwirrwarr, welcher spinnwebenartig den ganzen Himmel überspannt. Telefon, Strom, die Halteseile der Strommasten und vielleicht auch noch die Leitungen, welche nicht mehr funktionieren und einfach hängen gelassen werden.
Dann, im Geschäftsviertel, ertönen von allen Seiten jede mögliche Musik und penetrante Lautsprecherdurchsagen mit dem berüchtigten Halleffekt, der die Werbung im Radio auszeichnet. Außerdem begann es, einladend nach Essen zu duften. Neben den bekannten fahrenden Händlern gab es auch fest installierte Restaurants mit offener Verkaufsfront. Ich betrat eines, welches zum einen gut roch und zum anderen nicht leer war, und ließ mir eine Portion Tacos geben, zusammen mit den frittierten Tortillachips und Saucen, was hierzulande als Vorspeise gereicht wird. Dazu eine der unvermeidlichem Colas, der Laden hatte keine Lizenz, wie oft in Mexiko – und an Aguas Frescas stirbt man als Ausländer! Ich begann die Tacos zu probieren und fühlte mich von der labberigen Konsistenz des „Fleisches“ sogleich unangenehm überrascht. Es schien aus lauter gallertartigem Zeug und einer Unmenge Zwiebeln zu bestehen, das Fett lief aus dem zusammengeklappten Taco hinten heraus und hinterließ eine Art orange Ölspur bis an den Ellenbogen. Interessiert betrachtete eine Gruppe Einheimischer die Versuche dieses Gringos, einen Taco zu essen.Egal, der nächste, das Zeug ist ja schließlich bezahlt. Was zum Teufel ist das? Sogar mit scharfer Salsa kaum runterzubekommen.Ich schaute mich im bunt bemalten, mit einfachen blechernen Vierertischen und ebensolchen Stühlen bestückten Lokal um. Oben, gegen die Straße hin, stand geschrieben, was die Hausspezialität war.
Tacos de Cabeza de Res. Jedenfalls mein Mittagessen. Was war gleich wieder Res? Schwein und Huhn fielen weg, die Worte kannte ich, aber Res? Was für ein Vieh sollte das sein? Beim Nachdenken über Vieh und Tiere erinnerte ich mich an den Umstand, dass eine Kuh zwar Vaca heißt, wenn es sich aber um ein junges, zur Schlachtung bestimmtes Exemplar handelt, oder die Fleischart an sich, von „Res“ gesprochen wird. Also Rindfleisch. Nie im Leben, es ließen sich kaum Fasern ausmachen, der Glibber hier auf meinen Tacos hatte kaum etwas mit normalem Fleisch zu tun. Ich zermarterte mir mein Hirn nach der Übersetzung von Cabeza, während ich den dritten Taco in Angriff nahm.
Wie war das doch gleich, wie hieß doch noch dieser spanische Eroberer, der vor Florida gestrandet war und innert 8 Jahren zu Fuß bis nach Culiacán, die etwa 400 km nördlich von hier gelegener Hauptstadt des Bundesstaats Sinaloa durch ganz Nordamerika gegangen war? Na, wenn sie dem hier solche lausigen Tacos serviert haben, hat er sich bestimmt wieder nach seinen Kakteenfeigen zurückgesehnt, welche er auf seiner Wanderung angeblich gegessen hatte. Alvar Nuñez Cabeza de Vaca, ja genau. So ein verrückter Nachname, Kuhkopf. Also Cabeza ist Kopf und Res ist Rind. Tacos davon!Ein deutlicher Würgereiz machte mir das Atmen schwer. Schnell die Cola runterschütten, um die Erinnerung an das glibbrig-fettige konturlose Zeug vom Gaumen runterzubekommen, den Brechreiz überdecken und zum geordneten Rückzug antreten. Bezahlt war schon, also Tablett zurück, gracias und raus!
Wieder auf der Straße kam der Hunger zurück. Kein Wunder ohne Frühstück und 3 miesen Glibbertacos. Irgendwo muss sich hier doch was Vernünftiges auftreiben lassen. Wenigstens kann man bei den fliegenden Händlern sehen, was es gibt, aber nichts wollte nach dem Kuhkopfabenteuer passen. An einem großen, überdachten Platz gab es ohrenbetäubende Cumbia-Musik. An langen Reihen stand da Grill an Grill. „Pollos Estilo Sinaloense“ stand in großen, rot aufgemalten Lettern auf gelbem Grund. Das Grillgut schien ein wenig zu groß für Poulet, was Pollo war, glaubte ich ja zu wissen. Sollten es junge Truthähne sein? Immerhin kommt die Zuchtform dieses Geflügels aus Mexiko. Egal, Geflügel auf jeden Fall, und der Kopf war immerhin ab. Die Viecher sahen zwar aus, als wären sie von einem Lastwagen plattgedrückt worden, aber die Angestellten waren eifrig dabei, die Stücke wie Steaks auf dem Holzkohlengrill zu wenden. Daneben haute ein anderer fast im Takt der Cumbia einen Holzhammer auf zuvor unten aufgeschnittene rohe Tiere, bis sie genauso flach waren, wie die soeben die richtige Bräune bekommenden Vorgänger. Her damit! Einmal Pollo Sinaloa, dazu gab es jede Menge Maistortillas, und eine geröstete Zwiebel, nebst der unvermeidlichen Saucen, giftgrüne, knallrote, solche die nur aus Zwiebeln Tomaten und Chilistückchen bestehen, eine dickere ziegelrote und natürlich Guacamole, ebenfalls grasgrün, aber eher pastös und kaum scharf.Ausgezeichnet. Das würde auch für die Nacht reichen, besser früh ins Bett, um rechtzeitig an der Mole zu sein!
Ich kam gerade rechtzeitig zum Zapfenstreich zurück ins Hotel. Luisʼ Mutter war wohl noch nicht zurück, er hing missmutig in der Rezeption herum.
„Ah da bist Du ja! Einen interessanten Nachmittag gehabt?“
„Kann man wohl sagen, komme gerade vom Mittagessen.“
Das schien Luis nicht zu verwundern, er hatte wohl auch keine geregelten Essenszeiten.
„Hör mal, ich mach hier gleich dicht, kommt sowieso keiner mehr. Mutter kommt erst morgen. Hast Du was vor für die Nacht?“
„Ab in die Falle und früh aufstehen, ich muss morgen um 6 an der Mole sein.“
„Ach komm, lass uns ein paar Bierchen besorgen, habʼ einen Freund eingeladen, den hat seine Alte verlassen und er ist am Boden zerstört. Mal sehen, ob wir ihn ein wenig aufmuntern. Sonst hören wir nicht zu trinken auf, bis er sie vergessen hat.“
„Ja, um sechs ist schon ein wenig früh zum Schlafengehen. Ich wartʼ hier, bis Du Deinen Laden in Ordnung hast!“
Etwas später, die Sonne ging gerade unter, waren wir unterwegs in ein Geschäft, welches sich auf Alkoholisches aller Art verschrieben hatte. Es war zwar Mitte der Woche, aber es herrschte reges Kommen und Gehen von Angeheiterten und noch Nüchternen aller Altersklassen, die sich vor der Sperrstunde noch eindecken wollten. Luis kam mit 2 Kartons à 24 Flaschen Pacifico an und hieß mich zwei Beutel mit Eiswürfeln holen. Ich bezahlte und wir waren wieder unterwegs ins Hotel. Ein Karton Bier wanderte direkt in einen großen verzinkten Kessel, Luis goss etwas Wasser und großzügig Eis dazu, bis es einen Kegel gebildet hat, in welchen er noch 3 zusätzliche Flaschen steckte. „Bis David kommt, ist das Bier kalt“, meinte er. „Lass uns in den Hof gehen, er findet den Weg allein!“ In der Tat kam bald einer durch den dunklen Gang geschlurft, der die Straße mit dem Hof über eine Schmiedeeisentüre verband, ungekämmt, wie man es hier selten sieht, etwa in unserem Alter. Wir stellten uns vor und Prost! Luis redete auf David ein, ich konnte da nicht mehr mithalten. Es war aber offensichtlich, dass David unglücklich war.
„Rosalba hat mich wegen einem Gringo verlassen“, nuschelte er undeutlich, er war wohl bereits ziemlich dicht.
„Ach komm, vergiss sie, pinche puta“, meinte Luis.
„Und Du bringst hier einen von der Sorte an!“
„Das ist doch kein Gringo, der ist von Europa.“
„Mir egal, aus welchem Bundesstaat der kommt, er will sich bestimmt ebenfalls eine aufreißen, wie viele von denen. Die haben Geld, und diese Zicken ziehen mit denen ab, obwohl sie doppelt so alt sind wie sie.“
„Hör auf damit, immerhin hat er das Bier bezahlt.“
„Tatsächlich? Na gut, aber was will er hier?“
„Auf die Fähre nach La Paz, so rasch wie möglich.“
„Viel Glück damit, Güero – wir stehen nämlich vor einer Brücke!“
„Was meint er damit, Luis, eine 200-km-Brücke nach La Paz ist kaum möglich.“
„Hahaha, nimmst Du eigentlich alles wortwörtlich?! – Mit Brücke ist das Feiertagswochenende gemeint. Noch ein Bierchen gefällig? Das Zeug muss weg, bevor meine Mutter zurückkommt. Sie mag es nicht, wenn ich trinke!“
In der Zwischenzeit, nach ein paar Runden Pacifico und Trostversuchen seitens Luis, wurde David immer betrunkener und auf einmal sackte er laut schluchzend in sich zusammen. Kopf auf den Knien, und mit bebenden Schultern. Ich begann mich unwohl zu fühlen angesichts eines solchen Gefühlsausbruches, aber Luis meinte nur, ich soll mir keine Sorgen machen.
„Tiene el corazon grande.“
„Wirklich, war er wegen des vergrößerten Herzes schon beim Arzt?“
Luis schaute mich verständnislos an.
„Deswegen geht man doch nicht zum Arzt!“, meinte er.
„Oh doch, mein Großvater war deswegen in Behandlung, sie haben ihm Tabletten gegeben!“
„Du spinnst doch, Dieter, habt ihr Europäer denn gar kein Herz? Oh Mann, Du bist vielleicht eine Marke, David ist verliebt und seine Freundin hat ihn sitzengelassen. Jetzt fühlt es sich so an, als ob das angeschwollene Herz von innen an die Brust drückt und man fast erstickt. Kennst Du das etwa nicht?“
„Nein, ich habe keine Freundin, die mich wegen eines Gringos sitzenlassen könnte.“
Luis guckte erstaunt, auch David schaute mit tränenüberströmtem Gesicht kurz auf.
„Das ist auch eine Lösung, hey David, was meinst Du? Vielleicht hat der – Wie hieß der noch gleich? – recht, Wie heißt es doch:
La perdicion de los hombres son las malditas mujeres. Vicente Fernandez singt das doch, wie gingʼs doch gleich …“
David begann den Text zu summen und als er meinte, den Ton getroffen zu haben, auch zu singen. In Anbetracht des sich langsam leerenden Kessels mit den Pacificoflaschen klang es gar nicht so übel. Luis meinte jedoch, der Text sei falsch, es hieße las BENDITAS mujeres, also statt verfluchte, bedeuten eben gesegnete Frauen den Untergang der Männer.
„Gibt es hier eigentlich Gelegenheit, Mariachi-Musik zu hören?“, wollte ich, das Thema wechselnd, wissen.
„Jaja, Ihr Ausländer wollt immer Mariachis sehen in Mexiko“, meinte Luis. „Die brauchst Du aber nur, wenn Du heiraten willst, oder Deiner Freundin ein Ständchen bringen willst. Hier in Sinaloa haben wir aber etwas Besseres.“
„Etwa diese laute Cumbia, welche in der Altstadt aus allen Läden dröhnt?“
„Nein, Bandas, Tamboras, das sind Blaskapellen.“
„Und sowas kommt hier an? Das scheint mir doch sehr europäisch zu sein.“
„Naja, kann schon sein, es gab mal viele Deutsche hier in Mazatlán.“
„Das Bier ist jedenfalls gut, Euer Pacifico könnte als bayrisches Pils durchgehen, schön leicht, aber geschmackvoll und man wird kaum betrunken davon.“
„Nicht betrunken? Schau den David an, der hat nicht nur ein großes Herz, sondern auch einen dicken Kopf, wir beide müssen den Kessel allein leeren.“
„Lass ihn, er soll seine Alte vergessen und wieder mal eine Nacht schlafen. Hey, Du verträgst aber viel, wo steckst du das alles hin? Bist ja wie ein Strich in der Landschaft!“
„Ich habe halt Praxis und bei uns am Karneval trinken wir vor allem Wein.“
„Aaah, Karneval, den haben wir hier auch, immer vor Aschermittwoch, eine ganze Woche. Dann ist unser Hotel ausgebucht. Da geht’s rund, dann kommen alle Tamboras von Sinaloa hierher und die von Pacifico müssen vorher Sonderschichten fahren. Wein trinken hier nur die Touristen und die Reichen, die euren europäischen Lebensstil für etwas Besseres halten.
„Wir trinken deshalb Wein, weil man davon keinen verdorbenen Magen bekommt. Das ist schlecht, wenn Du Trompete spielen willst. Karneval war früh heuer, wir feierten bei eisiger Kälte und Schnee.“
„Wie soll denn das gehen, da erkälten sich ja die Mädchen in ihren Kostümen“
„Ja, von denen kriegst Du in der Schweiz nur den Kopf zu sehen, die Kostüme gehen bis auf den Boden und man macht die Parade unter einer Maske.“
„Wirklich, also das stelle ich mir schwierig vor, wie willst Du Dir da eine aufreißen, die Dir gefällt.“
„Um Mitternacht wird die Maske abgenommen, wenn Du Pech gehabt hast, hast Du den ganzen Abend mit einer Schrulle getanzt oder gar mit einem Typen.“
„Das passiert aber nur, wenn man sich beim Tanz nicht anfasst.“
„Wir in der Schweiz können kaum tanzen, nur so Discozeugs, aber meistens kommt schon eine Frau unter der Maske raus, und Du findest sie vielleicht nach all dem Saufen gar nicht so übel!“
„Ja, das ist hier auch ohne Maske so, ich habe mal einen doch viel größeren Kater erwischt, als ich meine Errungenschaft vom vorigen Abend nüchtern neben mir gesehen habe. Ich bin dann so leise wie möglich abgehauen – hörʼ mal, bleibʼ doch bis am Wochenende, dann gehen wir in meine Stammkneipe, da kriegst auch eine ab, ich muss doch den David auf andere Ideen bringen.“
„Wochenende? Kommt nicht in Frage, da bin ich längst auf dem Weg durch Baja California!“
„Hast wohl eine Freundin dort, warst ja schon mal da, wie Du vorhin sagtest!“
„Quatsch, ich kann nicht genug Spanisch, um eine Freundin zu bekommen“
„Das geht ganz schnell, mit zu viel Labern vertreibst Du die Weiber nur, nicht wahr David?“
Doch der reagierte nicht darauf. Nachdem das Bier alle war, gelang es uns mit Mühen, David auf die Beine zu bringen. Er schlug jedoch Luis‘ Angebot, in der Rezeption zu schlafen, aus und machte sich in die Nacht davon. Luis schien sich keine Gedanken zu machen, ob er auch heil heimkomme, und auch wir beide waren derart verladen, dass wir mit uns selbst genug zu tun hatten.
Wieder der „Wecker“ von gegenüber. Mist, viel zu spät! Ich wollte doch um 6:00 bereits an der Mole stehen. Wie immer war von den Bieren kaum mehr als ein flaues Magengefühl übriggeblieben und ein immenser Durst. Egal, ich musste sofort an den Hafen. Dort angekommen wiederholte sich das gestrige Ritual: Dasselbe Wetter, die fliegenden Händler, eine ungeduldig wartende Menschenschlange unter dem Schatten spendenden Baldachin. Ich erstand mir einen Orangensaft, egal, was der Reiseführer dazu schrieb. Die wussten ja auch nicht, wie schwierig es war, hier ein Auto zu verladen. Nur der Küsser war heute nicht da, auch das Schiff nicht. Scheint also zu stimmen, das Boot fährt nur jeden zweiten Tag. Also noch ein Tag in Mazatlán, und eine Nacht. Den Luis wird’s freuen, aber ich fiel bereits in meinem Fahrplan zurück. Für Niederkalifornien waren 15 Tage geplant, dann etwa 5 für das Areal um den Pinacate Vulkan und die Gegend südlich von Tucson. Die restliche Zeit sollte vor allem für die Bahnfahrt von Chihuahua hinunter an die Golfküste durch die anderweitig unzugängliche Sierra Madre Occidental verwendet werden, nebst des Besuchs des wer laut meiner Pemex-Spezialkarte weglosen Vollwüstenregion südwestlich von Ciudad Juarez mit dem seltsamen Namen Ojo del Diablo, das Auge des Teufels. Das wollte ich mir keinesfalls entgehen lassen!
Der Teufel schien jedoch hier alles daranzusetzen, meine Reisepläne zu sabotieren. Pünktlich um 9:00 ging der Schalter auf, ein paar Glückliche erhielten ihre Fahrkarten – und das Boot war voll! Wahnsinn! Da aber heute sowieso kein Schiff ging, war der Schaden gering, morgen früh musste ich aber auf jeden Fall zuvorderst in der Schlange stehen, um endlich von hier wegzukommen. Vielleicht eine gute Gelegenheit, die nähere Umgebung ein wenig anzusehen.
Ich verkroch mich den ganzen Tag in die Dornstrauchsavanne am Fuß der Sierra Madre Occidental, südöstlich von Mazatlán. Es gab da eine recht interessante Kakteenvegetation, eine Art Strauchwüste, wo die Sträucher aber derart dicht standen und auch so hoch werden, dass die Kandelaberkakteen Mühe haben, ihre Triebe aus dem dornigen Dickicht zu strecken. Die Vegetation ähnelt durchaus derjenigen von der Südspitze Niederkaliforniens. Als ich am Abend ins Hotel zurückkehrte, wollte Luis natürlich wissen, wo ich den ganzen Tag gesteckt hatte und was mit dem Schiff passiert sei. Auch seine Mutter wollte ihren einzigen Gast begrüßen, eine freundliche kleine rundliche Frau, recht dunkle Hautfarbe, mit zurückgekämmten, am Hinterkopf zu einem Knoten gebundenen Haaren. Sie trug die traditionelle Kleidung für Frauen im gesetzten Alter, ein mit gelborangen Motiven bedrucktes, ähnlich einem Morgenmantel geschnittenes Kleid, nur natürlich vorne nicht aufknöpfbar, sondern mit einer Art breitem Kragen versehen. Unten reicht das Kleidungsstück bis fast an die Knöchel. Heute Abend wollte ich aber zeitig zur Ruhe kommen, es galt das Reisejournal nachzuführen sowie die Karte zu konsultieren.
Tags darauf gelang es mir tatsächlich, vor der Tagwache der Marinesoldatenschule mit dem VW aus dem Hof zu fahren, noch vor Tagesanbruch. Bald war der Hafen erreicht, das Schiff stand wieder vor Ort; heute würde es somit nach La Paz abgehen, vielleicht ein gutes Zeichen. Ein weniger gutes Zeichen war die riesige Menschenmenge, welche sich angesichts des nahenden Wochenendes erneut hier eingefunden hatte. Die mussten ja hier übernachtet haben, zumindest aber zu nachtschlafender Zeit sich hierher aufgemacht haben. Die Warterei zog sich endlos hin, Sonnenaufgang, fliegende Händler, die rasch zunehmende Hitze, aber heute natürlich wieder die Abschiedsszene an der Mole, oder warʼs ein Begrüßungskuss? Ob der auf der anderen Seite auch jeweils so empfangen oder verabschiedet wurde? Unerwartet früh machte der Schalter auf. Auch da hatte sich etwas geändert: Es gab heute überhaupt keine Tickets mehr. Ohne Auto kam man problemlos aufs Boot, war ja groß genug, aber das war in meinem Fall keine Alternative. Einige machten davon Gebrauch und nahmen dann wohl den Fernbus in La Paz an ihre Bestimmungsorte. Mich wunderte schon gar nichts mehr.
Wozu noch aufregen, es blieb gerade noch eine Chance, morgen Samstag, sonntags war zu, und dem Vernehmen nach auch montags, der 1. Mai ist ein Feiertag. Das nächste Schiff würde allerdings am Montag fahren. Missmutig stattete ich dem Quai mit der Touristenzone einen Kurzbesuch ab, ein paar Bilder mussten ja auch noch mit. Dann zurück ins Hotel, mal sehen, ob Luis schon aufgestanden war. Er war. Er schrubbte die Fliesenböden, machte sich im Hof zu schaffen, dazwischen brachte ich ihn auf den neuesten Stand.
„Hättest halt dem Typen etwas offerieren sollen, Du weißt schon, La Mordida.“
„Wie soll man das machen? Das habʼ ich noch nie getan.“
„Na, halt einen Schein in die Hand drücken, wenn Du ihn begrüßt.“
„Davon soll es mehr Platz geben auf dem Schiff?“
„Nein, nein, aber damit stellst Du sicher, dass Dein Vochito mit aufs Schiff kommt. Oder bist Du zu geizig, dem für die Feiertage ein paar Bierchen extra zu gönnen?“
„Mal sehen, morgen ist die letzte Gelegenheit, das macht mich völlig fertig!“
„Wir gehen besser an den Strand. Nachmittags, wirst schon sehen, es wird Dir so gut gefallen, dass Du Baja darüber vergisst. Zuerst essen wir aber was, ich lade Dich ein! Mamaaaa!“
