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Ein Leben voller Angst, aus dem sich die Autorin, ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen, nie hat befreien können - trotz neu gewonnener Heimat, trotz enger und lang andauernder Partnerschaft, trotz eines erfolgreichen beruflichen Werdegangs als Grundschullehrerin und trotz Geburt zweier gesunder Jungen - Andreas und Tobias. Zu sehr griffen Belastungen von außen in dieses Leben ein: Die Betreuung der an Multipler Sklerose erkrankten Mutter, die Pflege des invaliden Vaters, der überfahren und danach bettlägerig wurde, der frühe Tod der krebskranken Schwester und schließlich der schwere Verkehrsunfall, aus dem Tobias mit 17 Jahren nach wochenlangem Koma mit einem unheilbaren Hirnschaden wieder erwachte, unfähig zu einem selbständigen Leben. Jahrzehntelange Bemühungen um eine fachgerechte Therapie und Betreuung scheiterten, insbesondere in den letzten Jahren, so dass mit der letzten Konsequenz, dem Suizid von Tobias mit 50 Jahren, ein weiterer schwerer Schicksalsschlag zu verarbeiten war. Die intensiv betriebene Ursachenforschung zeigt gravierende Defizite in der Gesetzeslage, das Versagen von Psychiatrie und Psychiatern, die Willkür und die Machtlosigkeit von Betreuern und die Hilflosigkeit der Eltern. Es ist insgesamt die Anklage einer verzweifelten Mutter, die aus bitteren und krankmachenden Erfahrungen heraus sofortige Veränderungen einfordert. Die bibliografischen Skizzen werden immer wieder ergänzt durch Naturschilderungen, Beobachtungen von Menschen und Gebräuchen in Ostbrandenburg, in das sich die Autorin jetzt zurückgezogen hat, durch kritische Blicke auf die Wendezeit, aber auch auf das gegenwärtige Versagen von Politik und Politikern.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ein Leben mit Angst
Mit Frohsinn in einen traurigen Urlaub
Leben und Tode
Abschied
Nacharbeit
Erkenntnisse
Ablenkung
Rückblende
Sitten und Unsitten
Naturliebe und Geschmackssache
Katzengeschichten
Maienfelde
Atempause
Kirchenwillkür – Glockenkrieg
Unrecht im Recht
Aus Träumen in Ängsten bin ich erwacht;
Was singt doch die Lerche so tief in der Nacht!
Der Tag ist gegangen, der Morgen ist fern,
Aufs Kissen hernieder scheinen die Stern'.
Und immer hör ich den Lerchengesang;
O Stimme des Tages, mein Herz ist bang.
Theodor Storm
Ich beginne dieses Buch im Juni 2012, in meinem 72. Lebensjahr. Jürgen, mein fast sechs Jahre älterer Mann, befindet sich in seinem 78. So haben wir, wie man so schön sagt, das letzte Viertel unseres Lebens erreicht.
Was wir nicht wissen: Ist es der Beginn oder das Ende des Lebensviertels? Wie jedes ältere Ehepaar (wir haben unsere Goldene Hochzeit schon seit Jahren hinter uns gelassen) beschäftigt uns natürlich die Frage, wie die Zukunft aussehen wird. Die Angst, dass einer von uns früher gehen muss und der andere zurückbleibt, besteht. Fast noch größer ist die Angst vor einem langen Leiden, vor der schlimmen Vergessenskrankheit, die Angst, jemandem zur Last zu fallen oder einen angemessenen Pflegeplatz nicht finanzieren zu können. Eine Patientenverfügung haben wir zwar unterschrieben, aber das beruhigt nicht wirklich.
Nach dem letzten schweren Schicksalsschlag haben wir uns vorgenommen, die uns noch verbleibende Zeit zu nutzen und sie so harmonisch wie möglich zu verbringen. So lange es geht, Theateraufführungen und Konzerte zu besuchen, nach Möglichkeit unsere Kinder, Enkel und unser Urenkelchen zu treffen und die wunderbare Natur zu genießen.
Angst gehört ja zum Leben dazu und ist als Warnfunktion auch außerordentlich wichtig. Aber in meinem Leben gab es viele Ursachen, dieses Gefühl übermächtig werden zu lassen. Als Kind wurde mir von meinen älteren Geschwistern oft eingeredet: Sei tapfer! Wehr dich! Beiß' die Zähne zusammen! Das hat bei mir gewirkt. In den Augen meiner ersten und besten Freundin galt ich als äußerst mutig und tapfer. Erst später habe ich gelernt, dass ich Tapferkeit mit Leichtsinn verwechselt hatte und musste bis dahin noch viel Lehrgeld bezahlen. Eigentlich war bei mir das Angstgefühl im Kindes- und Jugendalter sehr ausgeprägt.
Da ging es aber nicht so sehr um mich, sondern es war eher die Sorge um meine Mutter. Von der Flucht meiner Familie aus Ostpreußen im Frühsommer 1944 habe ich als Jüngste von vier Geschwistern (ich war damals keine vier Jahre alt) zum Glück nur sehr wenig mitbekommen. Unsere liebe Tante Hannchen brachte uns vier Kinder und ihre Mutter, unser Omchen, mit dem Zug von Ostpreußen nach Quedlinburg am Harz zu ihrem Bruder und ihrer Schwägerin, für uns Onkel Rudolf und Tante Marianne. Wie sie das Wunder vollbracht hatte, für uns in dem völlig überfüllten Wehrmachtszug ein Abteil zu ergattern, lag nicht nur an ihrer Diakonissenkleidung. Davon hat sie uns später erzählt, wenn sie zu einer „Blauen Stunde“ zu sich eingeladen hatte. Dann las sie auch ihre vielen eigenen Gedichte vor, meist in ostpreußischem Platt, auch einige, die Flucht und Vertreibung zum Inhalt hatten.
Aus Rückschau am Sylvester 1946 einen Ausschnitt:
Fünf Johre ligge nu dazweschen.
An wat for Johr! - Se gefalle mie nich.
Bie Rückerinnerung deit man sich erwesche
dat dä Trone kullre, un man hellt se nich.
Man raubt ons alles, wat ons dier un lew,
als man dat Johr 45 schrew.
Nich bloß „Tu Hus“, ock ons Heimatland
von de Grenz bis an dem Ostseestrand.
Eck micht mie miene Oge verdecke,
vor all dem Weh un Leid un Schrecke.
Do marschere onse Schwestern un Breder,
doch nich mehr mit frohe Siegesleder.
Se gone gebeckt, verängstigt, verdräwe.
Noch nie hät dat soviel Trone gegäve.
Mie micht dat odder binoh so schiene
als kenne se garnich so recht mehr griene.
Die Heimat un alles se mußte verlote,
dä Männer em Feld oft all dot geschote.
Die nun folgende Zeit ohne unsere Eltern und auch danach mit ihnen habe ich in keiner guten Erinnerung. Es gab oft Unruhe und Streitigkeiten, was sicherlich unumgänglich ist, wenn fünf Personen zusätzlich in eine Wohnung einziehen und zurechtkommen müssen. Später konnte mein Vater, dem es gelungen war, mit einem der letzten Schiffe aus dem Kessel von Ostpreußen zu entkommen, die Situation etwas entschärfen, indem er für unsere Familie die zum Haus dazugehörige Werkstatt und das Stallgebäude wohnmäßig herrichtete. Wir lebten auf dem Dachboden, „Oppe Lucht“, wie meine Eltern das auf ostpreußisch nannten. Wir Kinder schliefen hinter einer Brettertür, wie man sie häufig an Stallgebäuden findet. Es zog durch alle Ritzen. Ich erinnere mich noch besonders daran, dass im Winter der Urin im Nachttopf morgens oft gefroren war.
Die Beziehungen zu Onkel Rudolf und Tante Marianne wurden unterbrochen, als sie ihr Haus verließen und sich in der damaligen britischen Besatzungszone eine neue Existenz aufbauten. Nur durch Tante Hannchen erfuhren wir hin und wieder etwas von ihnen und ihren Kindern. Als sich durch die Wende für uns die Möglichkeit ergab, mit der westlichen Verwandtschaft in Kontakt zu treten, war eins meiner ersten Reiseziele Großburgwedel. Hier konnte ich Charlotte, meine älteste Cousine, mit ihrem Mann Hartmut besuchen, die ihre Mutter, unsere nun über neunzigjährige Tante Marianne, in ihrem Haus beherbergten und pflegten. Nie werde ich das Wiedersehen mit ihr vergessen und ihre Worte: „Krimhild, dass ich das nochmal erlebe, so fünf Minuten vor zwölf!“ Es folgten noch viele Besuche mit einer herzlichen Aufnahme bei ihnen.
Doch zurück zu meinen Angstgefühlen. Für mich hatte sich von einem zum anderen Tag alles verändert. Das niedliche, kleine Mädchen, umsorgt und behütet, das verwöhnte Nesthäkchen, kam plötzlich in eine Umgebung, in der es nicht mehr Mittelpunkt und den Großen manchmal im Wege war. Oft unverstanden stand ich in irgendeiner Ecke und weinte laut meinen Kummer hinaus, war bei den Geschwistern bald als Heulsuse abgestempelt.
Ich erinnere mich aber auch, wie ich von den Eltern meiner Freundinnen gesehen wurde: Ein bescheidenes, manchmal recht wildes Mädchen, das immer treu und zuverlässig bei ihnen klingelte. Mit meiner damals besten Freundin Lene stellten wir einmal fest: „Auf die anderen kann man sich nicht verlassen, aber wenn wir etwas versprechen, dann halten wir das auch.“ So wurde unsere Freundschaft besiegelt. Lene und später Hanne und ich, wir waren das unzertrennliche Kleeblatt.
Aber ich war eigentlich nicht nur bescheiden. In Wirklichkeit hatte ich große Minderwertigkeitskomplexe. Mit meinen schäbigen, abgetragenen Klamotten fühlte ich mich mit den anderen Kindern der Wohngegend nicht gleichwertig. Sie ließen mich spüren, dass ich ein Flüchtlingskind war und nicht so richtig zu ihnen gehörte. Doch durch meine sportliche Begeisterungsfähigkeit wurde ich aber auch schnell wieder anerkannt, denn bei Spielen, die eine hohe Einsatzbereitschaft erforderten, war ich gefragt, notfalls erkämpfte ich mir die Gleichberechtigung mit den Fäusten. Später, als ich älter wurde, kam noch das Schamgefühl hinzu. Ich ärgerte mich immer sehr, wenn ich vor Scham errötete. Mit zunehmenden Alter verschlimmerte sich dieses Gefühl und blieb eigentlich bis zum Erwachsenwerden erhalten. Erst viel später wurde ich selbstbewusster.
Ich war schon verheiratet und Mutter von zwei Söhnen, als sich für mich die Gelegenheit ergab, eine Stelle als Schulsekretärin anzunehmen, die ich nach einigen Jahren mit einer Stelle als Horterzieherin eintauschte, um ein 5jähriges Fernstudium aufzunehmen und den Abschluss als Erzieherin mit Lehrbefähigung zu erwerben. Dabei konnte ich durch die überwiegend sehr guten Erfolge Ansehen und Anerkennung gewinnen. Mein Mann war mir dabei eine große Hilfe und stärkte kontinuierlich mein Selbstvertrauen, indem er mich immer wieder aufmunterte und mir Mut machte. Auch später im Arbeitsprozess als Erzieherin und Lehrerin unterstützte er mich sehr, indem er meine Meinungen bestärkte und mir so half, zu einem angesehenen Mitglied des Kollegiums zu werden.
Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, habe ich in Gedanken meine Mutti vor Augen. Damals, nach der Flucht, begann ihre Krankheit schleichend. Ich sehe sie, wie sie schwankend über den unregelmäßig gepflasterten Hof wankt und in den meisten Fällen lang auf die harten Steine stürzt. Das löste bei mir regelmäßig ein großes Angstgeschrei aus. In dieser Situation, es stellte sich später heraus, dass meine Mutti an Multipler Sklerose (MS) litt, hatte meine älteste Schwester Grete die Haushaltsführung und so auch meine Erziehung übernommen, was für sie damals sicher eine viel zu große Anforderung war und für meine älteren Geschwister, die die Flucht aus der alten Heimat ganz bewusst miterlebt hatten, eine besondere Belastung. Es gab viel Streit unter uns Geschwistern, es wuchs aber auch ein enger Zusammenhalt heran.
Besonders mit Grete verband mich eine sehr enge Beziehung, die bis zum Ende anhielt. Als sie wegen ihrer Heirat als Haushaltsführerin ausschied, trat ich an ihre Stelle, denn die anderen beiden Geschwister waren zum Studium und nicht mehr zu Hause.
Nun wuchsen wieder meine Ängste. So oft ich meine Mutti alleine ließ, mein Vater arbeiten war, hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn sehr oft lag sie am Boden, wenn ich vom Spiel oder Treffen mit Freunden nach Hause eilte.
Viele Jahre vergingen, meine Schwester Grete und ich gründeten Familien und wir besuchten uns regelmäßig, unsere Kinder waren gern zusammen. Da traf uns wieder ein harter Schlag, der wieder alle Ängste aufleben ließ. Fast im selben Zeitraum, in dem mein alter Vater einen Verkehrsunfall erlitt, bei dem seine Beine gebrochen wurden, er wohnte schon in unserer Familie und ich pflegte ihn, als uns ein Anruf von meinem Schwager Siegfried erreichte, vollkommen aufgelöst unter Tränen berichtete er: „Grete hat Krebs, der ganze Unterleib ist voller Metastasen.“ Ich konnte es nicht fassen. „Krebs, das haben doch nur die anderen“, dachte ich, „warum gerade Gretchen? Das hat sie nicht verdient!“. Ich haderte mit Gott: “Soll das gerecht sein? Sie, die sich für uns aufgeopfert hat!“
Von nun an fuhr ich jedes Wochenende von Suhl nach Quedlinburg, mein Mann blieb bei meinem pflegebedürftigen Vater und den Kindern. Nach einem halben Jahr mussten wir unser Gretchen mit 43 Jahren beerdigen, wovon unser inzwischen demenzkranker Vater zum Glück nichts mitbekam.
Hier muss ich nochmals einige Zeilen aus einem Gedicht von Tante Hannchen zitieren, denn für mich ergab sich nun, im Gegensatz zu ihr, die meine Schwester an ihrem Krankenbett auch oft besuchte, die Schlussfolgerung: „Es kann keinen Gott geben, so ungerecht darf es nicht zugehen!“
Sie aber schrieb in einem ihrer ostpreußischen Gedichte:
O, äwer grote Flichtlingsnot!
Vom Frost erstarrt, un nich mal Brot.
Nuscht Warmet tum drinke,
nuscht Warmet tum äte!
Mien Gott, häst du ons ganz vergäte?
Doch nä! Gott tällt onse Trone,
will bi all dem Leid doch mit ons gohne.
He mott ons fähl nähme
um uns noch mehr noch to gäwe.
Dä Heimat dort boawe blewt ewig bestohne.
On Gott well wie glowe,
to em will wie gohne.
Aber auch dieses traurige Erlebnis sollte noch nicht das letzte für uns sein. Es kam noch viel schlimmer. Unsere Ängste wurden immer wieder neu geschürt. Sie begleiteten uns von neuem jahrzehntelang. Bei mir steigerten sie sich zu Angstattacken. Dagegen bekam ich Psychopharmaka. Alle möglichen Tabletten probierte mein Neurologe bei mir aus. Da er unsere Probleme kannte, riet er zur Psychotherapie, die aber auch nur geringen Erfolg brachte.
Die Wende kam und machte, anstatt das Leben zu erleichtern, wie wir anfangs glaubten, noch zusätzlich Probleme. Um diese zu verarbeiten, verfasste ich damals ein Gedicht, das in Kurzform mein Erleben mit der Wende und den sich damit ergebenden Schwierigkeiten in meinem beruflichen Weiterkommen widerspiegelt.
Zehnjahresendbericht - von Wende und Gericht
Und wieder ist ein Jahr vergangen,
2002 hat angefangen,
man überlegt und resümiert,
was da so alles ist passiert.
Man setzt sich hin, nur ein paar Zeilen,
um sich den andern mitzuteilen.
Doch zu vieles ist gescheh'n,
will alle Seiten man beseh'n.
War es nun fröhlich, war es Glück?
Hatte man ein Missgeschick?
Ist es den Kindern gut ergangen,
konnten sie Erfolg erlangen?
War die Gesundheit immer gut,
fehlte es an Lebensmut?
Konnte man das Schwere meistern
oder andre gar begeistern.
Das und mehr in diesen Tagen
will man seinem Nächsten sagen.
Mit ein paar Zeilen geht das nicht,
man schreibt fürs Jahr einen Bericht.
Prosa aber liegt mir nicht.
Ich schreibe ein Gedicht!
Doch was im letzten Jahr passiert,
mich am wenigsten berührt.
Die Zeit, sie ist so schnell verflogen,
an uns glatt vorbeigezogen.
Ich ein Jahrzehnt lang sprachlos war,
das wird nach Jahren mir nun klar.
Alle Sorgen, alles Bangen,
hat mit der Wende angefangen.
Wie vielen heut in dieser Zeit,
beruflich brachte sie mir Leid.
Ich hatte dabei so viel Mut
und dachte: Nun wird alles gut.
Nun endlich kann man alles sagen,
ohne die Partei zu fragen,
braucht "Horch und Guck" nicht zu beachten,
die dann die Berichte machten.
Man kann sich richtig frei entfalten,
'nen guten Unterricht gestalten
und nicht immer danach gehen,
was politisch ist geschehen.
Nach Qualität wird nun gefragt,
wie man es seinen Schülern sagt.
Auch mit den Eltern spricht man frei
ohne jede Heuchelei.
Mit Klasse Eins fang ich nun an
und mache alles freudig dann.
So kam es aber leider nicht,
ich musste vors Gericht!
Natürlich, und das war mir klar,
man prüft, wer unbedenklich war.
Mit diesem Siegel, frei im Sinn,
ging ich zur neuen Schule hin.
In dem Gedanken angekommen,
hatt' ich mir sehr viel vorgenommen.
Die Enttäuschung war dann groß,
man nahm mich als Erzieher bloß.
Ohne Erklärung stand ich da
und wusste nicht, wie mir geschah.
Zwölf Jahre war ich doch bisher Klassenlehrer
und noch mehr,
half überall, zu jeder Zeit,
als Mentor war ich auch bereit,
'ne off'ne Stunde gab ich gar
und das ganz ohne Honorar.
Andre Kollegen kamen nun hinzu
und das ließ mir keine Ruh.
Eine frisch vom Studium war,
'ne alte Direktorin gar,
die Kreisgewerkschaftsleiterin,
auch sie kam neu zum Schuldienst hin.
Die Schulamtsleitung zu mir spricht:
"Ein richt'ger Lehrer sind Sie nicht!"
So begann ich mich zu wehren,
beim Ministerium zu beschweren.
Nach viel Verhandlung, hin und her,
ich hatte keine Nerven mehr,
vom Referat die Leiterin,
sie sprach zu mir mit Engelssinn:
"Wir können positiv entscheiden,
Sie dürfen doch noch Lehrer bleiben!"
Learning by doing, nach so viel Zeit,
denk ich, das ist Gerechtigkeit.
Die Ferien kamen, ich fuhr zur Kur,
kurz, in den paar Wochen nur
begann man sich hier dann zu streiten:
Wer darf eine Klasse leiten,
wer kann bleiben, wer muss gehn?
Man ging nach einem Punktsystem.
Nach diesem stand ich da nicht schlecht.
Trotzdem, und ganz ungerecht, alle Stellen waren weg,
Einspruch hatte keinen Zweck.
Man hatt' mich, das ist nicht gelogen,
mit den Punkten glatt betrogen
und gab mir, was noch übrig war.
Ganz weit, nach Unterpörlitz gar,
für Zeichnen, Werken, Sport und Singen,
von Raum zu Raum musste ich springen.
Zur Pestalozzi teilte man mich ein,
sollte da mal frei was sein.
Mit 52 denk ich, bin ich jung
und mach Schwimmlehrerausbildung,
werd' abgeordnet nach hier und dort,
von einem an den andern Ort.
Das ist nicht leicht, das kostet Kraft.
Nur mühsam hab ich das geschafft.
Glaubt mir, das muss man doch verstehn,
für für immer kann das nicht so gehen.
So darf man es mit mir nicht treiben,
das kann ich doch nicht unterschreiben.
Die Frau vom Amt nur höhnisch spricht:
"Was wollen Sie? Das wissen Sie wohl selber nicht."
So kam sie, in der Weihnachtszeit,
in der man bringt normal nur Freud,
bös noch in Erinnerung, die angedrohte Kündigung.
Ja, es musste wohl so sein,
ich reichte gleich die Klage ein.
Was wusste ich denn, wie man klagt,
wie man es dem Richter sagt.
Was schreib ich und was muss ich unterlassen,
wie soll den Wortlaut ich verfassen?
Zum Glück, ich hatte meinen Mann,
der zu mir hält und vieles kann.
Er hat mir immer Mut gemacht,
ob es nun Tag war oder Nacht.
Welche Entscheidung wir auch trafen,
ich konnte längst schon nicht mehr schlafen.
Man musste in Geduld sich üben,
als Briefe hin und her geschrieben.
Was Ungerechtes war passiert,
wurde nun schriftlich aufgeführt.
Und was da in dem Schreiben steht,
ist inhaltlich ganz schön verdreht.
Zur Begründung hieß es scharf:
"Es ist Mangel an Bedarf!"
Und außerdem stand da zu lesen,
der PR wär auch dafür gewesen.
Er hat mich nicht mal angehört,
das ist es, was mich heut noch stört.
Was ich nun gar nicht kann verstehn,
will man nach Paragraphen gehen,
die das Land hat aufgeführt,
so hat's den Richter nicht gerührt.
Obwohl der Mann aus Bayern war,
lautet das Urteil klipp und klar:
Schwarz auf weiß, so das Gericht,
die Kündigung wird wirksam nicht!
Was will ich da noch groß erzählen.
Jetzt begann man mich erst recht zu quälen.
Sie hatten mich noch längst nicht klein
und reichten die Berufung ein.
Ich konnte damals es nicht fassen.
Die müssen mich ja furchtbar hassen.
Worauf man sich die Frage stellt:
"Was soll das? Das kostet doch viel Geld."
Und auch dieses ließ sie völlig kalt:
Es blieb der gleiche Sachverhalt.
Sie wollten mich noch mehr verletzen
und weiter hin und her mich hetzen.
Hatt' ich das Urteil in der Hand,
das kümmerte zwar nicht das Land,
mein Rechtsanwalt jedoch, er setzt sich ein,
dass in die Schule wieder ich komm rein.
Die Kollegen, denk ich, das wäre schön,
würden mich doch gerne sehn.
So freut' ich mich auf diesen Tag,
der mir so sehr am Herzen lag.
Doch leider nein, so kam es nicht.
Sie blickten mir kaum ins Gesicht.
Ich, die immer angesehn,
in ihre Schule sollte ich nicht gehn.
Ich könnte ja, ich müsst' mich schämen,
ihnen ihre Stunden nehmen.
Sie kamen doch, und das nicht schlecht,
auch ohne mich ganz gut zurecht.
Der Direktor, der immer war so nett zu mir,
so höflich und adrett,
entpuppte sich, ward dreist und stur,
für mich als Radfahrernatur.
Es ging mir, kaum noch zu ertragen,
jetzt erst richtig an den Kragen.
Im Fach Musik setzt er mich ein,
da fühlte ich mich sehr allein.
Ansonsten, und das war mir klar,
Mädchen ich für alles war.
Nur Sport und Schwimmen, das machte Spaß,
meinen Kummer ich da mal vergaß.
Sonst hatte ich, was sollt ich machen,
fürwahr nun wirklich nichts lachen.
Verheult lief manchmal ich umher
und hatte keine Kräfte mehr.
Sogar mein Arzt beim Nadeln innehält
und fragt, was mich denn da so quält.
Er, der immer war gehetzt,
sich ganz ruhig zu mir setzt.
Er hat sich alles angehört.
Das ist Mobbing“, ruft er da empört,
"klären müssen sie das doch,
sonst fall'n sie in ein tiefes Loch!"
Der Direktor im Namen des Amtes spricht:
"Eine Klasse kriegen Sie doch nicht!"
Den Kampf darum, man kann so viel erleben,
hatte ich längst nicht aufgegeben.
Zu Hilfe kam ein Missgeschick,
für mich war es ein kleines Glück.
Die Schule, die uns mit der Zeit vertraut,
mit so viel Aufwand umgebaut,
sie sollte nun geschlossen werden.
So kann es zugehen auf Erden,
der Leiter, der sich fühlte groß,
er wurde nämlich arbeitslos.
Zieht schnell von dannen, räumt den Platz,
die große Schule hat Ersatz.
Nun setzt er mich, ich kann mich freun,
endlich als Klassenleiter ein.
Das Schulamt machtlos dabei steht,
denn der Übeltäter geht.
Pech gehabt, im Sommer muss ich zur OP,
warum das jetzt, denk ich, oh weh.
Doch bis dahin, stark will ich sein,
ich selbst führ meine Klasse ein.
Solange ich noch etwas krank,
hilft die Kollegin, Gott sei Dank,
die uns noch zur Verfügung steht,
bis sie dann bald in Rente geht.
Obwohl noch schwach, manchmal mit Schmerzen,
liegt mir die Klasse sehr am Herzen.
Gern will ich nun alles machen
und kann sogar schon wieder lachen.
Eltern und Schüler prima sind!
Ich freue mich an jedem Kind.
Von Schule zu Schwimmhalle, hin und her,
das macht mir keine Mühe mehr.
Der Erfolg, er gibt mir recht,
meine Arbeit ist nicht schlecht.
Das schätzt Frau "Schulrat" nicht so ein.
Es konnte ja nicht anders sein.
Wollte sie mir, nach diesem Streit,
nachweisen Unfähigkeit?
Mit Hohn sie in der Stimme spricht:
"Stehen lassen können wir das so nicht.
„Und überhaupt, das ganze Unterrichtsgeschehen!“
Das muss ich mir noch mal ansehen.
Die Schüler überfordert sind.
Das ist nicht gut für so ein Kind."
„Oh doch,“ so denk ich und bin froh,
"meine Eltern wolln das so!"
Zitterten mir damals auch die Glieder,
zum Hospitieren sie kam nicht mehr wieder.
Man kann so einem alten Eisen
Inkompetenz wohl schlecht beweisen.
Denk heut ich an die Zeit zurück,
es war nur kurz, mein kleines Glück.
Denn als das erste Schuljahr war herum,
wir alle zogen schließlich um
und fügten uns, vorher ganz klein,
nun in die große Schule ein.
Es ging nur gut ein halbes Jahr,
da droht erneut eine Gefahr.
Das, was auf meinen Rücken aufgeladen,
nun musste ich es doch ausbaden.
Ich hielt vor Schmerzen es kaum noch aus
und kam dann bald ins Krankenhaus.
Von hier nach dort schickt man mich nur,
unnützer weise noch zur Kur.
Engagiert endlich ein Doktor spricht:
"Eine OP vermeiden lässt sich nicht!"
Das ließ sich leider nicht abwenden.
Die Klasse aber war in guten Händen.
Die Lehrerin, bei der sie Mathe und Musik bekam,
nun die Leitung übernahm.
Natürlich nur für diese Zeit,
so denk ich, bis ich wieder bin bereit.
Ich geb mir Mühe und ich sammle Kraft,
so hab ich es schon mal geschafft.
Am Telefon hör ich es dann,
dass ich sie nicht behalten kann.
Abgeordnet soll ich wieder werden,
wird mir erklärt mit viel Gebärden.
Die Kollegin soll sie nun behalten
und den Unterricht gestalten,
weil sie vier Jahre hatte Pech
und ihre Schüler war'n so frech.
Dagegen ich nun protestier,
denn ich kann ja nichts dafür.
So soll ich eine andre dritte nehmen,
eine mit recht viel Problemen.
Für diese brauch ich sehr viel Zeit,
bereit mich vor, mit Gründlichkeit
und knie mich in die Arbeit rein.
Das aber reicht nicht aus allein.
Was in zwei Jahren ward versäumt,
wird so schnell nicht ausgeräumt.
Es kostete mich zu viel Kraft.
Ich wurde müd und abgeschlafft.
Du darfst doch jetzt verzweifeln nicht,
mein Gewissen zu mir spricht.
Auf das Gewissen, was da stört,
der Körper hat nicht hingehört.
Er schon lange rebellierte,
auf das, was da mit ihm passierte.
Seine Nerven lagen blank,
denn er wurde wieder krank.
Der Einsatz war wohl doch zu früh.
Vergeblich waren Fleiß und Müh.
In Herdecke, im Ruhrgebiet,
es eine gute Klinik gibt.
Dort nimmt mich auf die Psychiatrie,
für eine lange Therapie.
Die Zeit dort in dem Klinikum,
sie ging zwar langsam nur herum,
man hatte dafür aber Zeit,
ausführlich und mit Gründlichkeit,
zu sprechen über alle Themen,
auch mit beruflichen Problemen.
Man sah so manchen Unterschied,
der zwischen Ost und West geschieht.
Für den westdeutschen Lehrer die Krankenkosten,
waren längst nicht so hoch wie für mich aus dem Osten.
Bei denen, die dort Beamte sind,
auch welche mit Kurzausbildung man find.
Und mich als Lehrer man wollte absetzen,
ausgerechnet mit westdeutschen Gesetzen?
Das alles und mehr haben wir diskutiert.
Den Arzt hat alles interessiert.
Nach Für und Wider, was will ich und muss,
am Ende kommt er zu dem Schluss:
"So weitermachen können sie nicht.
Ihr Zustand eindeutig dagegen spricht."
Dieser Entschluss, fiel er mir auch schwer,
zurück ich konnte nun doch nicht mehr.
Mit den Nerven schon längst am Ende ich war.
Das wurde mir hier erst richtig klar.
Nie im Leben hätte ich gedacht,
dass das mir so wenig Probleme macht.
Wo ich doch immer so gerne zur Schule ging
und noch an Generationen von Kindern hing.
Meine Odyssee aber hat mich auch etwas gelehrt:
Ich sah so vieles, ob richtig oder verkehrt.
Ging ich von hier nach dort in die Einrichtungen hin,
ich fragte oftmals mich nach dem Sinn.
Was ich da an neuen Methoden sah,
das ging mir manchmal doch recht nah.
Das, was im Westen längst ausdiskutiert,
an unsern Schülern wurde es ausprobiert.
Religion und Ethik, mal fehlten die Stühle,
verschiedene Gruppen, das gab oft Gewühle.
Ethik ist wichtig, das sehe ich ein,
doch sie schloss man früher in jedes Fach mit ein.
Lesen lernen ohne Fibel,
als Lehrbuch dient manchmal auch die Bibel,
mit Teppichen Kuschelecken man richtet ein,
man nimmt Spielzeug mit in den Unterricht rein.
Zum Bemalen die Kinder oft erhalten Kopien.
Am Ende ich kann nun mein Fazit ziehn:
Als Lehrer man heute ist auch nicht frei,
ob Alt oder Jung, das ist einerlei.
Und was von der PISA-Studie man hört,
unsre Behörden das scheinbar nicht stört.
Es bleibt alles beim Alten, in unserer Welt
die Rolle spielt immer nur das Geld.
Wenn heut mein Gewissen zu mir spricht,
ändern ließ man mich das alles nicht!
Diese Erfahrung mussten viele Lehrer machen. Man hatte plötzlich zu viel von ihnen. Was nützte es allen, wenn sie ihre Prozesse zwar gewannen, aber nicht beschäftigt werden konnten. Das Land ging lieber in Berufung oder bezahlte eine volle Stelle, obwohl man, wie in meinem Fall, nur halbtags eingesetzt werden konnte.
Mein Gedicht machte damals die Runde und sprach vielen aus dem Herzen. Ich hatte die Nase gestrichen voll, in der Berufungszeit von einer Stelle zur anderen geschickt zu werden und irgendwo als Vertretung auszuhelfen. Deshalb fiel mir es dann gar nicht mehr schwer, das Vergleichsangebot anzunehmen und schon im 58. Lebensjahr die Erwerbsunfähigkeitsrente zu akzeptieren.
Unser Leben mit unseren zwei Söhnen Tobias und Andreas wäre wahrscheinlich problemloser verlaufen, wenn die beiden Jungen nicht so grundverschieden gewesen wären. Mit dem ersten Kind ist man noch ängstlich und man will keinen Fehler machen. Ich weiß noch, wie vorsichtig wir das kleine Bündel Tobias das erste Mal zu Hause auspackten. Dabei war es gar nicht so zerbrechlich, denn es brachte immerhin neuneinhalb Pfund auf die Waage. Man macht sich am Anfang auch viele Gedanken darüber, welchen Platz das Kind im Leben einmal einnehmen wird oder was es alles erreichen könnte. Beim zweiten ist man schon abgeklärter. Man hat alles schon einmal erlebt und wird etwas gelassener.
Beide Kinder waren gesund und widerstandsfähig. Andreas etwas molliger und robuster, Tobias schlank und sehnig. Wir sorgten dafür, dass sie nicht zimperlich und zu empfindlich wurden, tollten mit ihnen herum, so dass beide Kinder bald gern Sport trieben und abgehärtet wurden. Die Kinderkrankheiten überstanden sie relativ gut. Tobias überwand die Krankheiten sogar etwas leichter, obwohl er im Wesen empfindsamer und zurückhaltender war als sein jüngerer Bruder.
Tobias (l) und Andreas (r) im Jahre 1967 (Bleistiftskizze der Autorin)
Er war aber trotzdem sehr lebhaft und manchmal ungestüm in seinen Bewegungen. Andreas war von Anfang an ein Strahlemann, aufgeschlossen und fröhlich, er fand schnell Anschluss und Freunde. Das Glück war auf seiner Seite.
Tobias dagegen war verträumter und mehr in sich gekehrt und fand nicht so schnell Kontakt zu anderen Kindern. Er hatte zudem auch viel Pech. Seine erste Lehrerin z.B. war sehr strebsam, wollte besonders vorbildlich in der sozialistischen Erziehung vorgehen. Sie war die Ehefrau des Stadtschulrates und natürlich führend im Kollegium.
Das war für unseren fantasievollen Sohn und auch für mich nicht von Vorteil. Später tat es mir oft leid, dass ich die strengen Anforderungen seiner Lehrerin und auch der Erzieherin in den ersten Schuljahren erfüllen half. Ich erinnere mich noch an einige ihrer Erziehungsmethoden. Es wurde z.B. mit kleinen Figuren, die die Kinder der Klasse an einer Wandzeitung darstellen sollten, für alle sichtbar gemacht, wie gut oder wie schlecht sie in ihrem Verhalten eingeschätzt wurden. Die besonders lieben und folgsamen Kinder waren immer ganz oben auf einer Leiter zu sehen. Bei größeren oder kleineren Vergehen rutschten sie, je nach Einschätzung der Lehrer, eine oder mehrere Sprossen nach unten. Unser armer Tobias hatte sichtlich Mühe und blieb meistens an den unteren Stufen hängen.
Auch ärgerte er sich, dass er bei Unterrichtsgängen der Klasse, sie mussten dabei zu zweit nebeneinander gehen, immer das unbeliebteste Mädchen in der Klasse anfassen sollte.
Bei Andreas nahm seine Lehrerin alles lockerer. Er hatte eben wieder mehr Glück und durch seine Art war es auch einfacher, mit ihm umzugehen.
Als Jürgen als Dozent an die Universität Erfurt berufen wurde, war es für Andreas deshalb schwerer, sich von seinen vielen Freunden (und Freundinnen) zu trennen, als es für Tobias war.
Er liebte zwar seine Geburtsstadt Wismar sehr, doch die neue Klasse in Suhl mit den unvoreingenommenen Klassenkameraden und Lehrern ermöglichte ihm einen guten Neustart. Auch hier galt er als ruhig und zurückhaltend, fand aber nach einiger Zeit sogar einen Freund und wurde wegen seiner guten Leistungen anerkannt. Im nahegelegenen Örtchen Oberweide hatte er beim Segelfliegen Anschluss gefunden.
Nach kurzer Zeit konnten wir aus der großen Übergangswohnung in unser neues Eigenheim einziehen. So waren wir alle in Thüringen angekommen. Die Erwachsenen fanden herzliche Aufnahme im Tennisverein und ich später in meinem Beruf als Schulsekretärin, Erzieherin und schließlich lange Jahre als Grundschullehrerin in einer Polytechnischen Oberschule eine Arbeit.
