Unheilige Heilige - Nadia Bolz-Weber - E-Book

Unheilige Heilige E-Book

Nadia Bolz-Weber

4,8

Beschreibung

In „Unheilige Heilige“ lädt Nadia Bolz-Weber Leser zu einer Begegnung mit dem ein, was sie als „religiöses, aber nicht besonders spirituelles Leben“ bezeichnet. Hartnäckig und zugleich urkomisch versucht die ungewöhnliche Pfarrerin darin, dem Gott zu widerstehen, dem sie sich doch eigentlich zu dienen berufen fühlt. Immer wieder begegnet er ihr ausgerechnet in den Menschen, die dafür am wenigsten geeignet scheinen – jedenfalls in ihren Augen: in einem die Kirche liebenden Agnostiker, einer Drag Queen, einem kriminellen Bischof oder in einem Mitglied der National Rifle Army, die sich für den freien Schusswaffenbesitz einsetzt. Indem sie diesen „unheiligen Heiligen“ begegnet, gerät Nadia in unmittelbare Berührung mit Gnade – einer Gnade, die nicht wie eine warme Kuscheldecke daherkommt, sondern vielmehr wie eine Bratpfanne genau auf den Kopf trifft.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 281

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Aus dem Amerikanischen von Christian Rendel

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86506-912-2

© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by

Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

First published under the title

„Accidental Saints. Finding God in all the wrong people”

© 2015 by Nadia Bolz-Weber. All rights reserved

This translation published by arrangement with Convergent Books,

an imprint of the Crown Publishing Group

a division of Penguin Random House LLC

Einbandgestaltung: Brendow Verlag

Titelfoto: Private collection/​Prismatic Pictures/​Bridgeman Images;

fotolia Anelina; fotolia Seamartini Graphics

Satz: Brendow Web & Print, Moers

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

www.brendow-verlag.de

Für die Leute im House for All Sinners and Saints.

Ihr lasst mich glauben!

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Vorbemerkung der Autorin

1. Heiligenplätzchen für Sünder

2. Absolution für Arschlöcher

3. Mein Niedrigstes für sein Höchstes

4. Walspucke im Superdome

5. Ihr seid nicht „Der Segen“

6. Ein Dieb in der Nacht

7. Maria, die Mutter unseres Herrn

8. Das Gemetzel an den unschuldigen Heiligen von Sandy Hook

9. Frances

10. Panikattacke in Jericho

11. Salons

12. Die Gelähmte

13. Schmutzige Füße

14. Die Hunde vom Karfreitag

15. Vignetten einer Osterwache

16. Holzkohlenfeuer und eine Gefängniszelle

17. Judas wird dir jetzt die Beichte abnehmen

18. Das beste beschissene Gefühl der Welt

19. Selig sind die

Ein Wort an die Leser

Danksagungen

Vorbemerkung der Autorin

Die Geschichten in diesem Buch sind nach meinem besten Wissen getreu so wiedergegeben, wie ich sie in Erinnerung habe. Manche bezeichnenden Einzelheiten wurden verändert, um die Privatsphäre einiger großartiger Menschen zu schützen. Stellenweise habe ich zeitliche Abläufe um des Erzählflusses willen verdichtet. Wie es bei Memoiren immer der Fall ist, kann sich die Geschichte, die ich in Erinnerung habe und erzähle, in mancher Hinsicht davon unterscheiden, wie andere dasselbe Ereignis erlebt haben mögen.

Frohlocket, all ihr seligen Chöre der Engel,

frohlocket, ihr himmlischen Scharen,

lasset die Posaune erschallen,

preiset den Sieger, den erhabenen König!

Lobsinge, du Erde,

überstrahlt vom Glanz aus der Höhe!

Licht des großen Königs umleuchtet dich.

Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel.

Auch du freue dich, Mutter Kirche,

umkleidet von Licht und herrlichem Glanze!

Töne wider, heilige Halle,

töne von des Volkes mächtigem Jubel.1

Heiligenplätzchen für Sünder

In der Frühzeit des House for All Sinners and Saints entstand bei uns die Tradition, zu Allerheiligen „Heiligenkekse“ zu backen.2 Wir begingen den Brauch zum ersten Mal am 1. November. Wir läuten eine Glocke für jeden geliebten Menschen, der seit dem letzten Allerheiligenfest gestorben ist, und wir, die Heiligen, die noch auf der Erde sind, ehren all jene, die auch Heilige genannt werden und schon von diesem Leben in das künftige übergegangen sind.

Schon damals, ganz am Anfang, zog es uns zu den uralten Bräuchen der Kirche hin, wie dem Verbrennen von Palmzweigen am Palmsonntag, um die Asche dann am folgenden Aschermittwoch zu verwenden, dem Vergraben der Halleluja-Fahnen am Fest der Verklärung oder dem Singen des Trisagion am Karfreitag.

In jenem ersten Jahr stöberte ich im Internet nach alten oder merkwürdigen Bräuchen rund um Allerheiligen. Ich bin mir sicher, dass ich dabei irgendwo las, wie die Leute in Finnland oder so Heiligenplätzchen backen – kleine Lebkuchen-Männer und -Frauen, die dann im Rahmen der Allerheiligen-Feier verteilt werden. Ich schwöre, so habe ich es in Erinnerung.

Also versammelten sich damals, als wir dabei waren, uns unsere Kirchengemeinde zurechtzubacken, ein paar Leute in meiner Küche, um Lebkuchenfiguren zu backen, in der Meinung, das wäre so üblich.

Irgendwann merkte ich, dass unseren kleinen braunen Heiligenplätzchen etwas fehlte – Heiligenscheine natürlich. Also bemalten wir die runden Köpfe unserer Lebkuchenfiguren mit einem Kranz aus leuchtend gelber Glasur (wodurch sie weniger heilig als vielmehr blond aussahen).

„Wie wär’s mit denen hier?“, fragte Victoria, als sie dazukam, und hielt zwei besonders große Plätzchenformen hoch. Für eine Sozialarbeiterin hatte sie schon immer eine ziemliche Neigung zum Unfug gehabt. Es muss wohl an den roten Haaren liegen. Ehe der Abend vorbei war, zeigte Victoria stolz zwei ganz besondere Heiligenplätzchen vor, die ihre Artgenossen um Haupteslänge überragten. Das eine, eine Frau, trug einen Rock, der von roten und gelben Flammen umzingelt war. Außerdem hatte sie riesige Augen und einen kreisrund geöffneten roten Mund.

„Die heilige Johanna?“, tippte ich zutreffend. Gleich neben Johanna lag ihr Mitheiliger, und der sah aus, als trüge er ein gegürtetes Fell mit einem Schulterträger wie ein Höhlenmensch. Außerdem fehlte ihm der Kopf. „Fred Feuerstein, der Märtyrer?“, riet ich, doch diesmal lag ich falsch.

„Johannes der Täufer“, sagte sie stolz. Natürlich. Victoria erbot sich, den Korb mit den fertigen Heiligenplätzchen am nächsten Tag mitzubringen, um sie nach dem Gottesdienst zu verteilen. Erwartungsgemäß stellte sich heraus, dass sie sich wunderbar dafür eigneten, ein wenig Heiterkeit in eine ansonsten schwermütige Liturgie hineinzubringen.

Inzwischen wissen wir, dass es die Tradition der Heiligenplätzchen nirgendwo gibt außer im House for All Sinners and Saints – zumindest konnte ich nirgends etwas davon finden, als ich später noch einmal im Internet nachschaute. Offenbar hatte ich den ganzen Blödsinn nur geträumt.

Victorias Korb mit Heiligenplätzchen stand ganz am Ende einer langen Reihe weißgedeckter Tische an der Wand, die eine anschauliche Darstellung der Allerheiligenlitanei waren, eines liturgischen Gesangs, bei dem die Namen von Heiligen (entweder eine Liste, die von der Gemeinde aufgestellt wird, oder eine vorgegebene Reihe bekannter Namen) ehrfürchtig gesungen werden, um Gott für die Glaubenshelden zu danken, die uns vorausgegangen sind. Auf jedem Tisch befanden sich Kerzen, Ringelblumen und verschiedene Gegenstände, die an die Toten erinnerten: der abgetragene Overall eines Großvaters, der Bauer gewesen war. Eine Ikone von Maria Magdalena. Eine Ikone von Cesar Chávez. Ein Foto von einer Gruppe von Freunden aus den Achtzigern. Die Krabbeldecke eines Kindes. Ein Schrein, den mein Gemeindeglied Amy Clifford für Vincent van Gogh angefertigt hatte – ein kleines, aufrecht stehendes bemaltes Kästchen, in das sie sein Selbstporträt hineingeklebt hatte. Außen waren zwei Ohren angeklebt. An einem davon fehlte ein Stück.

Abgesehen von denen, die im Krieg gefallen sind, neigen wir Amerikaner dazu, unsere Vorfahren zu vergessen, und wir verbringen so wenig Zeit wie möglich damit, öffentlich um sie zu trauern. Doch in der Kirche tun wir etwas ganz Seltsames: Wir verkündigen, dass die Toten immer noch ein Teil von uns sind, ein Teil unseres Lebens, ja, dass sie sogar eine belebende Präsenz in der Gemeinde sind. Der Apostel Paulus bezeichnet die Heiligen als „eine große Wolke von Zeugen“. Auch wenn sie von uns gegangen sind, halten wir sie immer noch in Ehren und hoffen vielleicht, dass ihre Tugenden – ihre Fähigkeit, im Angesicht eines bedrückenden Regimes, einer verlorenen Ernte oder der Geißel des Krebses, auf Gott zu vertrauen – uns selbst Tugendhaftigkeit und Kraft geben mögen.

Zwei Monate zuvor war ich mit einer Frau aus meiner Gemeinde, Amy Clifford, die Sherman Street in Denver entlanggegangen. Amy ist eine intelligente, leidenschaftliche Frau mit viel Sinn für Kunst, die immer an meiner Seite gewesen war und mitgeholfen hatte, unsere Gemeinde aufzubauen. Bei unserem Spaziergang damals war uns eine Art Denkmal im Hof einer großen, seltsam aussehenden Kirche gegenüber dem Regierungssitz des Staates Colorado aufgefallen.

Das Dach der „Pillar of Fire Church“ ist gekrönt von einem riesigen Logo aus den pinkfarbenen Buchstaben KPOF, die nachts leuchten und das Ganze so aussehen lassen wie das, was es ist: eine Pfingstkirche, die gleichzeitig ein Radiosender ist.

Wir kniffen die Augen zusammen, um die Inschrift auf dem Denkmal zu lesen: „Alma White, Gründerin der Pillar of Fire Church, 1901“. Ich drehte mich zu Amy um und sagte: „Alma? Das ist doch ein Frauenname, oder? Hat etwa eine Frau 1901 in Denver eine Gemeinde gegründet?“

Ich kannte nicht viele Frauen, die sich ganz allein darangemacht hatten, eine Gemeinde zu gründen, und schon gar nicht an der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert. Insofern konnte ich dringend jemanden brauchen, den ich in die Kategorie „Heldin“ und „Vorbild“ einsortieren konnte (da ich mich auch gerade daranmachte, die weibliche Pastorin einer neuen Gemeinde in Denver zu sein). Also holte ich mein Telefon hervor und googelte Alma White. Meine Begeisterung darüber, eine Heldin entdeckt zu haben, stieg noch mehr, als ich ihren Wikipedia-Eintrag las: „Alma Bridwell White (geboren 1862 – gestorben 1946) war die Gründerin und ‚Bischöfin‘ der Pillar of Fire Church. (Nicht zu fassen! Es stimmt tatsächlich!) 1918 wurde sie die erste ‚weibliche Bischöfin‘ in den Vereinigten Staaten. Sie war bekannt für ihren Feminismus (Ja!) und ihre Verbindung zum (jetzt kommt es …) Ku-Klux-Klan in New Jersey, ihren Anti-Katholizismus, Antisemitismus, Rassismus und ihre Feindseligkeit gegenüber Immigranten.“

Am nächsten Tag rief ich meine Freundin Sara an, die zur Episkopalkirche gehört, und erzählte ihr, wie ich gedacht hatte, ich hätte eine Heldin gefunden, nur, um dann herauszufinden, dass sie nur eine bescheuerte Rassistin war. Saras Antwort? „Schick mir per Mail ihren Namen. Ich setze ihn auf die Heiligenlitanei, zusammen mit allen anderen kaputten Typen Gottes.“

Aber ich wollte Alma White nicht auf der Heiligenlitanei stehen haben. Die Vorstellung fühlte sich falsch an, dass ihr Name dort auf dem Tisch läge, beleuchtet von der Passakerze2daneben, zusammen mit den Namen des heiligen Franziskus und Cesar Chávez´. Ich will, dass Rassisten in ihrer „Rassistenschublade“ bleiben. Wenn sie anfangen, sich in die „Heiligenschublade“ hinüberzuschleichen, macht mich das nervös. Aber so läuft das nun einmal. An Allerheiligen bekomme ich es mit kniffligen Widersprüchlichkeiten zu tun, mit Heiligen, die böse waren, und Sündern, die gut waren.

Ich persönlich finde es irgendwie wichtig, den Unterschied zwischen einem Rassisten und einem Heiligen zu kennen. Aber wenn Jesus immer wieder so Sachen sagt wie, die Letzten werden die Ersten sein, und die Ersten werden die Letzten sein, und die Armen sind glücklich, und die Reichen sind verflucht, und Prostituierte sind willkommene Gäste beim Abendessen, dann muss ich mich fragen, ob unser Bedürfnis danach, Schwarz und Weiß säuberlich voneinander zu trennen, vielleicht gar nicht dem Glauben entspricht, sondern sogar eine Sünde ist. Wenn wir wissen, in welche Kategorie Schierling gehört, dann hilft uns das sicher, zu entscheiden, ob wir gefahrlos davon trinken können oder nicht. Aber zu wissen, in welche Kategorie wir uns selbst und andere einsortieren sollten, hilft uns überhaupt nicht dabei, Gott so gut kennenzulernen, wie die Kirche ihn oft zu kennen behauptet.

Und überhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, dass nicht unsere eigene Fähigkeit, heilig zu leben, uns zu den Heiligen Gottes macht, sondern Gottes Fähigkeit, durch Sünder zu wirken. Der Titel „Heiliger“ wird immer verliehen, niemals verdient. Oder um es mit dem Apostel Paulus zu sagen: „Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen“ (Philipper 2,13). Mir ist klar geworden, dass alle Heiligen, denen ich je begegnet bin, aus Versehen dazu geworden waren. Es sind Leute, die unversehens in die Erlösung hineinstolpern, so als wären sie gerade auf der Suche nach etwas ganz anderem gewesen. Leute, die ein kleines Problemchen mit dem Alkohol haben und es schaffen, nüchtern zu werden, und dann anderen dabei helfen, es ebenso zu schaffen. Leute, die gleichermaßen freundlich und feindselig sind.

Neben Alma befand sich auf unserem Allerheiligen-Tisch eine Ikone von einem anderen zufälligen Heiligen: Harvey Milk. Er wurde als erste Person, die sich zu ihrem Schwulsein bekannte, in Kalifornien in ein öffentliches Amt gewählt und 1978 von einem anderen städtischen Beamten erschossen. Auf unserer Ikone hatte Harvey Milk fünf silberne Einschusslöcher in der Brust und stand mit einem goldenen Heiligenschein auf dem Kopf vor der Golden-Gate-Brücke. Ein Künstler aus unserer Gemeinde, Bill McConnell, hatte die Ikone gestaltet. Später rief er mich an, weil jemand ihn zur Rede gestellt hatte, weil er eine christliche Heiligendarstellung von jemandem geschaffen hatte, der gar kein Christ war.

Ich erklärte Bill, dass wir die Heiligen nicht wegen ihrer Frömmigkeit oder Vollkommenheit feiern, sondern weil wir an einen Gott glauben, der in dieser Welt rettende und heilige Taten ausgerechnet durch Menschen vollbringen lässt, die allesamt mit Fehlern behaftet sind.

Daran glaube ich wirklich. Und doch konnte ich, nachdem ich aufgelegt hatte, an nichts anderes denken als daran, wie schwer es mir fällt, zu glauben, dass das, was für Alma White oder Harvey Milk gilt, auch für mich gelten könnte – dass Gott mich vielleicht gebrauchen kann, obwohl ich doch in so vieler Hinsicht für die Arbeit, die ich tue, völlig ungeeignet bin.

Doch das ist meine Erfahrung. Ich mache immer wieder Fehler, sogar immer wieder dieselben. Ständig versuche ich (vergeblich), mir Gott und meine Mitmenschen auf Armeslänge vom Leib zu halten. Ich sage nein, wenn ich ja sagen sollte. Ich sage ja, wenn ich nein sagen sollte. Ich platze in heilige Momente hinein und merke gar nicht, wo ich bin, bis sie vorbei sind. Es fällt mir schwer, anderen Liebe zu zeigen, und dann sage ich aus Versehen das Richtige im richtigen Moment, ohne es zu merken. Ich vergesse, worauf es ankommt, und zeige wieder Freundlichkeit, wenn sie gebraucht wird, um dann erneut allzu oft auf dem Absatz kehrtzumachen und nur an mich selbst zu denken.

Ich bin und bleibe einfach ein Mensch, an dem Gott arbeitet. Und um ehrlich zu sein, ich bemühe mich nicht einmal darum. Ich bewundere Leute, die sich „geistlichen Übungen“ unterziehen, die durch Yoga oder Meditation oder Stille Zeit für ihr Wohlbefinden sorgen, aber außer dass ich jeden Morgen im Fitnessstudio richtig schwere Gewichte pumpe, fallen mir ehrlich gesagt keine Übungen ein, die ich mache, um geistlicher zu werden. Allerdings kann ich endlos davon erzählen, wie ich durch die Bibel, die kirchlichen Bräuche und das Volk Gottes – kurz, durch den Glauben – immer wieder auf den Pott gesetzt werde.

Kürzlich fragte mich ein junger Seminarstudent während einer Fragestunde: „Pastorin Nadia, was tun Sie persönlich, um Gott näher zu kommen?“

Bevor ich selbst merkte, was ich da sagte, erwiderte ich: „Was? Nichts. Kommt mir vor wie ein schauderhafter Gedanke, Gott näher kommen zu wollen.“ Oft wäre es mir am liebsten, er würde mich in Ruhe lassen. Gott näher kommen, das könnte ja bedeuten, dass er mir aufträgt, jemanden zu lieben, den ich überhaupt nicht leiden kann, oder noch mehr von meinem Geld abzugeben. Es könnte ja bedeuten, dass mir irgendein lieb gewordener Gedanke oder Traum weggerissen wird.

Mein geistliches Leben ist besonders in solchen Momenten aktiv, in denen ich merke, dass Gott vielleicht durch mich etwas Schönes vollbracht hat, obwohl ich ein Arschloch bin. In Momenten, in denen mir die Barmherzigkeit des Evangeliums so sehr vor Augen steht, dass ich meine Feinde nicht hassen kann, und in denen ich unfähig bin, die Sünde eines anderen Menschen zu verurteilen (was ich, ehrlich gesagt, liebend gern tue), weil mir mein eigener Mist zu sehr bewusst ist. In Momenten, in denen ich Zeugin des Leides eines anderen Menschen werden muss, trotz meines Verlangens, in Ruhe gelassen zu werden. In Momenten, in denen andere Menschen mir vergeben, obwohl ich es nicht verdiene, und in denen diese Anderen das tun, weil auch sie vom Evangelium gefangen sind. In Momenten, in denen in der Welt verheerende, traumatische Dinge geschehen, die ich nirgendwo einsortieren und auf die ich mir keinen Reim machen kann. Es ist gut, dass ich dann eine Gruppe von Leuten habe, die sich jede Woche mit mir trifft, damit wir in diesem Raum Worte sprechen, um unsere gemeinsame Trauer über ein Unheil wie eine Schießerei in einer Schule auszudrücken und dafür zu beten. In Momenten, in denen ich dadurch verändert werde, dass ich lerne, jemanden zu lieben, den ich mir nie aus einem Katalog aussuchen würde, den Gott mir aber über den Weg schickt, damit ich seine Liebe besser kennenlerne. Doch nichts von alledem ist das Ergebnis geistlicher Bräuche oder Übungen, so bewundernswert solche Dinge auch sein können. Sie werden aus einem Leben des Glaubens heraus geboren, einem Leben, das von Riten und von Gemeinschaft eingerahmt ist, von Wiederholung, von Arbeit, von Geben und Nehmen, von der Pflicht zur Barmherzigkeit.

All das spiegelt sich in unserer Praxis im House for All Sinners and Saints wider. Stephen, ein Mann aus meiner Gemeinde, drückt es so aus: „Unser ‚Dienst‘ besteht aus Wort und Sakrament – alles andere entspringt daraus. Wir sehen ein Bedürfnis; wir erfüllen es. Wir bauen Mist; wir sagen, es tut uns leid. Wir bitten um Gnade und Fürbitte, wenn wir sie brauchen (fast dauernd). Jesus begegnet uns durch uns gegenseitig. Wir essen, wir beten, wir singen, wir fallen hin, wir stehen wieder auf und dann wieder von vorn. Gar nicht so kompliziert.“

Es gibt viele Gründe, sich vom Christentum fernzuhalten. Keine Frage. Ich kann es total verstehen, wenn Leute sich so entscheiden. Das Christentum hat unsägliche Abscheulichkeiten durchgemacht: die Kreuzzüge, Sexskandale bei Geistlichen, Korruption im Vatikan, betrügerische Fernsehprediger und Clowns auf der Kanzel. Aber es wird auch uns überleben. Es wird unsere Fehler überleben, unseren Stolz und unser ausgrenzendes Verhalten gegenüber anderen. Ich glaube, dass die Kraft des Christentums nicht unterzukriegen ist – das, was die allerersten Jünger dazu brachte, ihre Netze niederzulegen und alles Vertraute hinter sich zu lassen, das, was Maria Magdalena dazu brachte, vom Grab zurückzukehren und den auferstandenen Christus zu verkündigen, das, wofür die frühen Christen sich zu Märtyrern machen ließen, und was mich bis heute bei Jesus hält (oder bei der „Arbeit für die Firma“, wie es mein Freund Paul, ein Priester der Episkopalkirche, nennt). Die Kraft der grenzenlosen Gnade, die Kraft des Evangeliums, wie wir es nennen, lässt sich nicht durch Korruption und grinsende Fernsehprediger zerstören. Denn schließlich ist Jesus immer noch da.

Und ich kann Jesus nicht abschütteln, obwohl ich es schon versucht habe. Das Evangelium, diese Geschichte von einem Gott, der durch Jesus zu uns gekommen ist, der uns grenzenlos liebt und uns rückhaltlos vergibt und sagt, dass wir die Kraft haben, das Gleiche zu tun, lässt sich nicht zerstören durch all die blöden Fehler, von denen du in den folgenden Kapiteln lesen wirst. Es sind meine Fehler, meine Sünden und mein Versagen, aber vielleicht sind es auch unsere. Und auch die Erlösung ist unsere. Denn wenn Alma White das Licht nicht zerstören kann, das in ihre Dunkelheit hineinleuchtet, dann können wir es vielleicht auch nicht.

Auf diesem Allerheiligen-Tisch, zwischen dem Korb mit den Heiligenplätzchen und der Karte mit dem Namen von Alma White, stellten wir unsere erste Passakerze auf, die wir kürzlich in der katholischen Buchhandlung erstanden hatten. Während der Osterwache und immer wieder während des kommenden Jahres würden wir sie verwenden, um die Gegenwart Christi in unserer Mitte zu symbolisieren.

In jenem Jahr war die Kerze neu und weiß. Doch seither hat Victoria jedes Jahr unsere Passakerze aus den Überresten all der Kerzen hergestellt, die in den Gottesdiensten der vorausgegangenen Monate verwendet worden waren, sodass die Kerze in unserer Mitte, genau wie unsere Gemeinde selbst, jede Menge schöner Unvollkommenheiten an sich hat. Das Bienenwachs ist glatt und golden, aber durchsetzt mit kleinen verbrannten Dochtresten und Verunreinigungen. Wie die heruntergebrannten Überreste unserer eigenen Geschichten, die wir mit uns herumschleppen, und wie die unvollkommenen Stücke unserer Menschlichkeit, die der göttlichen Liebe, die wir auch in uns tragen, ihre Maserung geben.

Wir werden eingeschmolzen und neu geformt, aber die verbrannten Stücke bleiben.

Absolution für Arschlöcher

Mein Kaffee war schon alle, als Larry endlich zu unserer Verabredung erschien. Dass er ein paar Minuten zu spät kam, war nicht so schlimm, aber es bedeutete, dass ich, als wir uns auf das Ledersofa im Untergeschoss meines Lieblingscafés in Denver setzten, nichts mehr zu trinken hatte, womit ich mich von diesem Gespräch, vor dem mir ziemlich graute, hätte ablenken können.

„Cooler Laden!“, sagte er und ließ seinen Blick durch das Café schweifen, das aussieht wie eine Mischung aus einem Bordell und einer Bibliothek. „Ich habe nur ein bisschen länger hierhergebraucht, als ich dachte. Aber ich bin froh, dass ich hier bin. Ich hab mich riesig darauf gefreut, mit dir Kaffee zu trinken!“

„Ich auch!“, log ich.

Von wegen gefreut. Ich fühlte mich total unwohl. Am vergangenen Sonntag war Larry zum ersten Mal in unserem Gottesdienst gewesen und hatte mich gleich angesprochen. Er hatte mich am Arm gepackt, mich unangenehm lange mit seinen glasigen Augen fixiert und angefangen, davon zu reden, wie toll ihm meine Predigt in Red Rocks1 gefallen habe und wie begeistert er gewesen war, als er herausfand, dass er sogar in meine Gemeinde kommen konnte.

Er redete viel über Roosevelt und die Demokratische Partei – zwei seiner Leidenschaften. Viel mehr habe ich von diesem Treffen nicht mehr in Erinnerung, außer dass ich keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte.

Ich wusste nie, was ich zu Larry sagen sollte. Es kam mir vor, als käme er nur in die Gemeinde, weil er den Kontakt zu mir suchte, nicht, weil er hoffte, Verbindung zu Gott und zu anderen Menschen zu finden. Mag durchaus sein, dass ich im Blick auf seine Motive falschlag, aber so etwas ist mir unangenehm, ob es nun real ist oder nicht. Außerdem mochte ich ihn einfach nicht. Und das nicht einmal aus interessanten Gründen: Es waren bloß das Alter, das Geschlecht, die Postleitzahl, der Atem, die Hosenbundweite. Eben all die blöden Kriterien, derentwegen miese Charaktere sich über ganz normale nette Leute echauffieren, weil wir einfach elende Mistkerle sind. Also hielt ich mir Larry auf Armeslänge vom Leib und gab mir nie viel Mühe, einen Zugang zu ihm zu finden oder ihm zu helfen, mit anderen in Kontakt zu kommen. Aber bald würde es zu spät sein.

„Hallo?“ Gott sei Dank war Caitlin gleich am Telefon.

„Können wir uns zur Beichte und Absolution treffen? Möglichst jetzt gleich?“ Ich wünschte mir eines dieser alten Telefonkabel, die man sich um die Hand wickeln konnte. Manchmal lässt sich das Zittern aus der Stimme in die Finger ableiten, wenn man etwas hat, womit man herumfummeln kann.

Caitlin und ich hatten uns in einem Seminar kennengelernt. Sie war genau wie ich in der Church of Christ aufgewachsen und hatte das Luthertum erst später im Leben während der Pastorenausbildung entdeckt. Aber damit erschöpfen sich die Ähnlichkeiten auch schon. Vor ein paar Jahren, als wir beide die Partys für unseren vierzigsten Geburtstag planten – ich mietete dazu eine Rollschuhbahn für eine Rollschuh-Disco-Party an, während sie mit einer kleinen Gruppe enger Freunde auf einem Hügel über der Stadt den Sonnenaufgang betrachtete –, machte ich die Bemerkung, dass der Unterschied zwischen unseren Geburtstagsfeiern ein bezeichnendes Licht auf den Unterschied zwischen unseren beiden Persönlichkeiten warf. Sie hat so viele liebenswerte Charaktereigenschaften, die mir einfach fehlen. Sie entgegnete: „Die hast du natürlich auch, Nadia, es sind bloß nicht deine Lieblingseigenschaften.“

So ist Caitlin, und deshalb ist sie auch meine „Beichtmutter“. Sie kennt mich. Richtig gut. Und sie ist von meiner Sünde überhaupt nicht beeindruckt. Ich habe ihr schon Dinge erzählt, über die ich mit keinem anderen Menschen gesprochen habe, und sie will trotzdem noch meine Freundin sein. Nicht, weil sie so großzügig ist, sondern weil sie an die Kraft der Vergebung und der Gnade Gottes glaubt. Man könnte meinen, dass das für alle Geistlichen gilt, aber glaub mir, das tut es nicht.

„Ein Mann aus meiner Gemeinde ist heute gestorben“, sagte ich ihr, „und ich kann nicht hingehen, um seine Frau zu trösten, bevor ich etwas richtig Ekliges gebeichtet habe.“

„Komm rüber“, sagte sie.

Als ich eine Stunde später in ihr Büro trat, witzelte sie: „Moment mal. Du hast ihn doch wohl nicht umgebracht, oder?“

Nein. Umgebracht hatte ich ihn nicht. Ich hatte ihn bloß nicht leiden können, obwohl er im Gegensatz zu mir ein richtig netter Kerl war. Und jetzt war er tot, und ich musste seine Witwe trösten und wusste doch genau, dass ich überhaupt nicht imstande war, ihr in ihrer Trauer zu begegnen, solange ich nur daran denken konnte, wie blöde und unfreundlich ich ihn kürzlich behandelt hatte.

Es war eine Sache, von der nie jemand erfahren würde, aber ich musste sie einfach bekennen und mich davon freisprechen lassen: Ich hatte eine Rundmail verschickt, um Leute daran zu erinnern, sich für die Frühjahrsfreizeit anzumelden, und dabei absichtlich Larrys Adresse weggelassen. Im Ernst. Wer tut so etwas? Das hatte seither schwer auf mir gelastet, auch wenn es in der großen Welt des Verbrechens und des Verrats schlimmstenfalls ein kleines Vergehen sein mochte.

Es ist ein furchtbares Gefühl, wenn bei einem Menschen, den man liebt, ein Hirntumor festgestellt wird. Aber noch furchtbarer ist es, wenn die Diagnose jemanden trifft, von dem man schlecht gedacht hat – jemanden, der eigentlich ein richtig netter Kerl ist, aber man selbst ist ein Arschloch und hat versucht, dafür zu sorgen, dass er mit seinen viel zu weiten Hosen und seinem Mundgeruch nicht mit zur Gemeindefreizeit kommt. Es lastete schwer auf meinem Gewissen, und ich hätte mich in Grund und Boden geschämt, wenn irgendjemand anderes davon gewusst hätte. Das heißt, eigentlich schämte ich mich auch so in Grund und Boden, obwohl ich die Einzige war, die es wusste. Aber wir haben alle Dinge, die wir für uns behalten – wie wir unserem Kind einen viel zu festen Klaps auf den Hintern gegeben haben, wie oft wir schon unseren Browser-Verlauf löschen mussten, wie wir damals geschwindelt haben, um einen Job zu bekommen, oder der Online-Flirt, von dem unser Ehepartner nichts weiß. Was auch immer, wir alle haben unsere Geheimnisse. Die alten Kettenraucher in meinem Zwölf-Schritte-Programm sagen immer: „Du bist immer nur so krank wie deine Geheimnisse, Mädchen.“ Deshalb musste ich Caitlin von meiner Sünde gegen Larry erzählen, bevor ich mit reinem Gewissen zu seiner Frau gehen konnte, um sie zu trösten.

Okay, na schön, da gab es noch etwas, was ich Larry angetan hatte. Kaum der Rede wert …

Eine Woche, nachdem der Hirntumor bei Larry festgestellt worden war, hatte er mir eine E-Mail geschickt. Seine Freundin und er hätten Angst, dass er sterben würde, schrieb er, und deshalb wollten sie in der folgenden Woche heiraten. Ob ich sie trauen würde? Zum Glück hatte ich eine Ausrede. Wie ich Caitlin in ihrem Büro erklärte, war es mein Prinzip, immer zuerst eine Reihe von Ehevorbereitungsgesprächen zu führen, bevor ich ein Paar traute. Also sagte ich, es täte mir leid, ich könne das nicht machen. Letzten Endes konnten sie einen Schamanen, der ein Freund seiner Braut war, dazu bewegen, sie zu trauen.

Tatsache ist aber, dass ich keinen Herzschlag lang gezögert hätte, wenn meine langjährigen Gemeindeglieder Jim und Stuart von einer tödlichen Krankheit betroffen wären und auf der Stelle heiraten wollten – oder irgendein anderes Paar, das ich gut leiden kann. Nur zu dieser Trauung hatte ich einfach keine Lust. Also schob ich die Sache mit den Ehevorbereitungsgesprächen vor und ließ das sogar noch von meinem Bischof mit unterschreiben.

Caitlin hörte mir freundlich zu. Ich redete mich in Fahrt.

Natürlich ist es nicht direkt gelogen, räumte ich ein, wenn man sich hinter einem „legitimeren“ Vorwand als „Ich habe keine Lust“ versteckt, aber es ändert nichts an der Wahrheit. Das ist eine verbreitete Angewohnheit. Wir gebrauchen faule Ausreden, um Verpflichtungen zu entrinnen, oder wir geben anderen Leuten die Schuld dafür, dass wir nicht zur Stelle sein können. Aber manchmal verwenden wir diese Verschleierungstaktik auch, um von Dingen abzulenken, die wir wirklich falsch gemacht haben und mit denen wir uns nicht auseinandersetzen wollen. Also lenken wir die ganze Aufmerksamkeit auf etwas, was jemand anderes getan hat. Oft führen wir uns mit diesen Ausreden selbst hinters Licht, aber bisweilen lässt uns die Wahrheit nicht los. Natürlich kann ich es vermeiden, dass andere mir auf die Schliche kommen, indem ich immer wieder jedem, der mir zuhört, meine geflunkerte Seite der Geschichte erzähle. Aber ich kenne die Wahrheit. Und manchmal holt sie mich nachts ein, wenn ich im Bett liege – in diesem Zwischenzustand, in dem man nicht mehr richtig wach ist und noch nicht richtig schläft. Das sind die Momente, in denen mein Ego abgeschaltet ist, vielleicht die einzigen während des ganzen Tages. In diesem Bewusstsein-minus-Ego-Zustand kämpft sich die Wahrheit durch die Schichten aus Essen und Unterhaltung und allen möglichen Ablenkungen hindurch, mit denen ich sie zugeschaufelt habe, und kriecht ungebeten wieder zurück hinauf in meine Gedanken.

Ob wohl jeder solche Momente hat?, überlegte ich laut, als ich Caitlin gegenübersaß. Vielleicht meinen manche, die Irrtümer in ihrem Leben seien nicht so schlimm, um sich deswegen verrückt zu machen, oder vielleicht haben sie ihr Ego mit so dicken Schutzschichten umgeben, dass es ihnen tatsächlich gelingt, sich jedes Schamgefühl wegen ihrer Geheimnisse vom Leib zu halten. Aber wenn man sich vor sie hinstellen und ihnen wie der Therapeut, den Robin Williams in dem Film Good Will Hunting spielte, grenzenlose und immer wieder neue Gnade anbieten würde, dann würden sie irgendwann genauso zusammenbrechen wie Matt Damons Figur. Nicht, weil sie müssen, sondern weil wir alle das tun. Oder? Denn die hässlichen Dinge, die wir getan haben und immer wieder tun, sind uns doch allen eine Last.

Bei mir ist es so: Solange ich wach bin, schirmt mein Ego mich wunderbar ab, aber wenn ich kurz davor bin, einzuschlafen, verflüchtigt es sich, und dann kommen die hässlichen Wahrheiten an die Oberfläche gekrochen. Komischerweise fühle ich mich ausgerechnet dann „Gott am nächsten“. Nicht wenn ich auf einem Berggipfel stehe, sondern wenn ich im Halbschlaf im Bett liege und mich schutzlos fühle.

Aber sobald mein Ego sich wieder einklinkt, ist das Spiel vorbei. Dann komme ich wieder wunderbar zurecht.

Wenn ich zurückdenke, kann ich sagen, dass meine Sünde gegenüber Larry vielleicht nicht auf derselben Ebene liegt wie die Unterschlagung von Spendengeldern oder ein Schäferstündchen mit dem Chorleiter. Aber wenn jemand in deine Gemeinde kommt und du dich in Ausreden flüchtest, um ihm nicht mit Gnade und Liebe zu dienen, dann ist das trotzdem abscheulich. Und die Tatsache, dass ich aus alldem „gelernt“ und so etwas seither nicht mehr gemacht habe, macht es auch nicht wieder gut, denn wenn ich eine Minute überlegen würde, würden mir zweifellos andere Dinge einfallen, die ich stattdessen getan habe. Und das bedeutet, dass ich ständig auf Gnade angewiesen bin.

Caitlin hörte sich das alles schweigend an. Dann trank sie einen Schluck Wasser, griff nach meiner Hand und sagte: „Nadia, Jesus ist für unsere Sünden gestorben. Auch für diese.“

Auch für diese. Auch für jede.

Es hört sich irgendwie seltsam und abstrakt an, wenn man sagt: „Jesus ist für deine Sünden gestorben.“ Und ich habe schon fässerweise Tinte verbraucht, um gegen den Gedanken zu argumentieren, Gott habe Jesus töten müssen, weil wir so böse waren. Aber als Caitlin mir sagte, Jesus sei für unsere Sünden gestorben, auch für diese, wurde ich wieder daran erinnert, dass es nichts gibt, was wir getan haben, was Gott nicht erlösen könnte. Kleine Verrätereien, große Übertretungen, geringfügige Verstöße. Alles.

Manche würden sagen, dass es beim Kreuz nicht so sehr darum geht, dass Jesus an unsere Stelle tritt, um sich von Gott die Tracht Prügel verabreichen zu lassen, die für unsere Ungezogenheit fällig wurde (der schlaue theologische Ausdruck dafür lautet „stellvertretende Sühne“), sondern dass am Kreuz ein „heiliges Tauschgeschäft“ vor sich geht. Gott sammelt all unsere Sünden, all den Müll unseres Lebens in sich selbst auf und verwandelt all das Tote in neues Leben. Jesus nimmt unseren Mist und tauscht ihn gegen seine Seligkeit ein.

Der Gedanke dieses heiligen Tauschgeschäfts hat mir schon immer viel mehr eingeleuchtet. Aber manchmal werden solche Gedanken Wirklichkeit. So war es, als in Larrys Garten ein heiliges Tauschgeschäft vonstatten ging, nachdem ich bei der Trauerfeier für ihn eine kurze Andacht gehalten hatte.

Ich wünschte, ich könnte sagen, nachdem Caitlin mir die Absolution zugesprochen hatte, sei ich von aller Gewissenslast vollkommen frei gewesen, aber das stimmt nicht ganz. So ganz kam es dazu erst, als eine Frau mittleren Alters, eine Weiße, auf mich zukam und sagte: „Du bist Nadia, nicht wahr?“

Sie ergriff meine Hände und schaute mir so gerade in die Augen, dass es mich fast erschreckte. „Ich wollte dir für deine Gemeinde danken, in der Larry sich so willkommen fühlte. Er hat immer ganz begeistert von dir und deiner Gemeinde erzählt, und ich weiß, dass es ihm in seinen letzten Monaten viel bedeutet hat, dich als Pastorin zu haben.“

Da war es, das heilige Tauschgeschäft. Mein Mist gegen Jesu Gnade.

Ich werde Larry nie wirklich kennen. Ich werde nie erfahren, wie es ist, ihn zu lieben, ihn zu sehen, zu wissen, aus welcher Quelle die Zärtlichkeit gegenüber seiner Frau kam oder woraus er in seinen letzten Tagen seine Kraft schöpfte. Das alles ist mir entgangen. Aber aus irgendeinem Grund war unsere Gemeinde für ihn ein Ort, an dem er Trost fand.

Manchmal gibt es Dinge, die Gott erledigt haben will, auch wenn ich noch so ein Arschloch bin. Es ist nicht im Entferntesten gerecht, dass Larry so große Stücke auf mich und diese Gemeinde hielt. Aber wenn ich in diesem Leben das bekäme, was ich verdient habe, dann wäre ich geliefert – also nehme ich diese Gnade als das, was sie ist: ein Geschenk.

Mein Niedrigstes für sein Höchstes

Na dann, Freundin, hast du Lust, mit mir zum Schießstand zu gehen?“, fragte mich Clayton mit einem schelmischen Funkeln in seinen hellbraunen Augen. Beim Stretching vor dem Crossfit-Kurs, den Clayton leitet, hatte ich erwähnt, mir sei kürzlich klar geworden, dass er mein „konservativer Alibifreund“ sei, so wie manche Leute einen „schwarzen Alibifreund“ haben. Seine Reaktion darauf war, dass er mich ausgerechnet zu Schießübungen einlud.

Während ich meine Fingerspitzen nach meinen Zehen reckte, antwortete mein liberales, immer für schärfere Waffengesetze eintretendes Ich voller Begeisterung: „Im Ernst? Klar habe ich Lust.“ Schließlich sollte die Politik niemals dem Spaß im Weg stehen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

In derselben Woche wurde George Zimmerman von dem Vorwurf des Mordes an Trayvon Martin freigesprochen.1 Mein Erlebnis mit Clayton war nur eines von mehreren in dieser Woche, die es mir praktisch unmöglich machten, mich auf den Standpunkt der liberalen Empörung und moralischen Überlegenheit zu stellen, den ich später so gerne eingenommen hätte. Manchmal stürzen das Leben und seine Mehrdeutigkeiten unsere Ideale in eine Krise.