Unheimlich schön - Regine Wagenknecht - E-Book

Unheimlich schön E-Book

Regine Wagenknecht

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Beschreibung

Eine 10. Klasse ist verschwunden. Während sich die Lehrerin Anna Herzberg Ereignisse des letzten Schuljahres in Erinnerung ruft, erstehen vor ihr Bilder des Schulbetriebs, in dem es reichlich Anlass zu Protest gibt. Bald ahnt sie, wie auch ihr Kollege David Broch, dessen Sohn zu den verschwundenen Schülern gehört, dass die Sechzehnjährigen nicht nur für einen Tag wegbleiben werden. Alle haben zu Hause Zettelchen hinterlassen, auf Kopfkissen, im Zahnputzbecher, im Kühlschrank: „Es geht uns gut, macht euch keine Sorgen.“ Auch nach drei Tagen ist die Klasse noch nicht wieder aufgetaucht, die Polizei hat die Suche nach den Vermissten aufgenommen, ohne eine Spur von ihnen zu finden... Dann kommt die erste von drei Botschaften der Verschwundenen an, die Feststellung, dass die Schule sich der „Kälte“ des Lebens anpasse. Die zweite Botschaft, zehn Tage nach dem Verschwinden, führt das Thema der Kälte provozierend fort. Aus beiden Botschaften zusammen lässt sich die Anklage der Jugendlichen erschließen: Die den Interessen der Wirtschaft angepasste Schule trage dazu bei, die Menschlichkeit verkümmern zu lassen. Da die zweite Botschaft aus Sardinien kommt, meint David Broch, der mit seinem Sohn im Sommer dort in den Ferien war, bei der Suche helfen zu können, und macht sich überstürzt auf die Reise. Sie wird ihn nicht zu dem verschwundenen Sohn führen, sondern zurück zu dem, was er einmal wollte.

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Zum Buch:

„Sie wollten anfangs nur für drei Tage verschwinden. Alle wollten mitmachen. Bald aber gab es Einwände. Was bringt das, es wird nur für kurze Zeit Aufregung und Empörung geben, und alles bleibt beim Alten. Die Enttäuschung war groß. Da hatte Jan die Idee mit den Botschaften, in Abständen drei Botschaften an die Öffentlichkeit richten, nur das würde Sinn machen. Aber das würde auch bedeuten, dass sie länger wegbleiben müssten.“

Zur Autorin:

Regine Wagenknecht hat lange Jahre an einem Göttinger Gymnasium Jugendliche beim Lernen und Leben begleitet und mit drei Büchern Deutsch-Italienisches von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Italienische Lyrik der Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 1980.

Judenverfolgung in Italien 1938-45: „Auf Procida waren doch alle dunkel“. Parthas Verlag, Berlin 2005.

Ein Treffen in Venedig. Books on Demand GmbH, Norderstedt 2010

Prognose

Der Versuch

die Menschen

zu retten

vor den Folgen

ihrer Lieblosigkeit

wird scheitern

an den Folgen

ihrer Lieblosigkeit

wenn sie

die Ursachen

ihrer Lieblosigkeit

nicht

erkennen

Erich Fried aus „Und nicht taub und stumpf werden.

Unrecht Widerstand und Protest.“ 1984

Für Liad

Inhaltsverzeichnis

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Eins

Ein heftiger Windstoß peitschte den prasselnden Regen, fuhr in eine Pfütze und trieb das Wasser bergauf, für einen Augenblick nur, dann bahnte es sich einen Weg zurück, bis die nächste Böe kam und ein Rinnsal sich wieder leicht zitternd aufwärts bewegte.

David Broch schaute vom Fenster seiner Wohnung fasziniert auf das kleine Naturschauspiel. Sein Sohn Jan hatte dafür keinen Blick, er starrte durch den Regen auf das sich breit erstreckende graue alte Schulgebäude auf der anderen Straßenseite, so als müsse er die Schule bewachen, und nicht sein Vater, der streng genommen hätte dort sein müssen, um seine Frühaufsicht wahrzunehmen. Der Sechzehnjährige schien sich sehr zu sorgen, dass die weiten Flure unbeaufsichtigt waren, er drängte den Vater, es sind doch nur ein paar Schritte über die Straße, dann bist du gleich wieder im Trockenen. Ein paar Schritte? Ein paar Schritte reichen bei einem derart wirbelnden Regen, um nass zu werden bis auf die Haut, auch unter einem Schirm. Kein vernünftiger Mensch setzt sich ohne Not einem solchen Unwetter aus. Es wird auch noch niemand in der Schule sein, nur der Hausmeister, schau, da ist er, er muss die mächtige Eichentür wieder schließen, weil der Regen eindringt, der Regen, der nicht aufhören will, schau doch nur, wie sich die Straße in einen Bach verwandelt hat. Ja, ein Bach, sagte der Sohn und starrte weiter auf die Schule. Der Vater gab es auf, seine Beobachtungen mit dem Sohn teilen zu wollen. Er sah zu, wie die Pfütze auf dem Bürgersteig sich immer weiter ausbreitete, zu einem braungelben Teich wurde. Der Wind fuhr nicht mehr hinein, und da, wo die prallen glitzernden Regenketten auf die nun glatte Wasserfläche auftrafen, bildeten sich immer von neuem kleine Strudel.

Vor der sorgfältig beschnittenen Buchsbaumhecke, die den schmalen Streifen Rasen zwischen dem Bürgersteig und der Vorderfront des Gymnasiums vor unbefugtem Betreten abschirmte, näherte sich eine Gestalt auf einem Fahrrad, die allein schon dadurch auffiel, dass sie dem Wetter trotzte. Außerdem war sie vermummt, mit einer Regenhose und einer Regenjacke, deren Kapuze kaum etwas vom dem Gesicht sehen ließ. Noch dazu folgte ihr ein Hund.

Ein Unmensch, der das Gebot missachtet, da jagt man doch keinen Hund hinaus, und dieser Hund, ein schwarzer mit vier weißen Pfoten, sah in der Tat ganz erbärmlich aus, mit dem nassen Fell. Er musste draußen an einer der beiden Säulen neben der Eingangstür sitzen bleiben, während sein missratenes Herrchen das Rad an die Hauswand lehnte, die schwere Schulpforte einen Spalt öffnete und hinein schlüpfte. David Broch war sich sicher, dass es sich um ein männliches Wesen handelte, aber wer ist es, fragte er mehr sich als den Sohn, ich habe den Hund schon einmal gesehen, schwarze Hunde mit vier weißen Pfoten gibt es nicht so oft. Weißt du, dass mein schwarzer Hund gestorben ist, als ich siebzehn war, an Lungenentzündung, ich habe es zu spät gemerkt. Nun werde auch ich dem Regen trotzen und den zitternden Hund abtrocknen, mit einem alten Handtuch, wir haben doch irgendwo alte Handtücher?

Während der Vater noch ein für seinen Samariterdienst geeignetes Tuch suchte, sah der Sohn vom Fenster aus, wie der frühe Schulbesucher wieder heraus kam, den Hund streichelte, sich umsah und dann wegradelte, der Hund hinterher. Es hatte aufgehört zu regnen.

In dem Moment trat die Lehrerin Anna Herzberg zum zweiten Mal an diesem Morgen aus der Haustür. Beim ersten Mal wusste sie nach wenigen Schritten, dass sie umkehren und sich umziehen musste, da die Kleidung auf der linken Seite ihres Körpers völlig durchnässt war. Sie hatte, anders als ihr Kollege Broch, auf den Schutz eines Schirms vertraut und das Zusammenwirken von Regen und Wind unterschätzt.

Die Lehrerin Herzberg konnte es nicht mehr schaffen, pünktlich in der Schule zu sein, und sie bedauerte, dass sich die Doppelstunde Englisch in der Klasse 10a um mindestens zehn Minuten verkürzen würde. Manch andere Lehrerinnen und Lehrer freuten sich sicherlich insgeheim über die Verzögerung infolge des Unwetters, besonders diejenigen, die sich willentlich einen Unterrichtstag leichter machen, indem sie zu spät kommen oder die Stunde früher schließen. Eine bemitleidenswerte Kollegin, die kurz vor der Pensionierung stand, war oft zehn Minuten und mehr nach dem Läuten streunend in leeren Fluren anzutreffen. Wenn sie dem Direktor begegnete oder einer anderen Person, die berechtigt war, während der Unterrichtszeit nicht vor einer Klasse zu stehen, sagte sie fast flehentlich, ich suche meine Klasse, ich suche meine Klasse.

Frau Herzberg gehörte nicht zu der anderen Kategorie, zu den Ordnungsbesessenen, den Übereifrigen, die mit dem Gongschlag die Tür ihres Klassenraumes öffnen und jeden auch nur eine Sekunde zu spät kommenden Schüler mit einem strafenden Blick bedenken. Für sie war Pünktlichkeit eines Übergeordneten eine Geste der Höflichkeit. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige heißt es ja, dabei war sie weit davon entfernt, die Klasse wie eine Königin zu beherrschen.

An diesem Tag bedauerte sie ihre Verspätung vor allem deshalb, weil sie sich auf den Unterricht in der 10a wie fast immer gefreut hatte, auf das Thema der Stunde, das die Schülerinnen und Schüler selbst gewählt hatten: Martin Luther King und der Marsch der Bürgerrechtler 1963 nach Washington.

Als Frau Herzberg leicht außer Atem im dritten Stock die Klassentür öffnete, sah sie nur leere Stühle, leere Tische. Sie blieb stehen. Hatte sie sich im Raum geirrt? Sie legte ihre Tasche auf einem Tisch nahe der Tür ab, holte ihren Lehrerinnenkalender heraus und blätterte zu dem Stundenplan: Dienstag, erste und zweite Stunde, 10a im Raum 312. Sie trat vor die Tür. Natürlich war es der Raum 312. Wahrscheinlich hatte sie, die Lehrerin, die doch alles wissen sollte, ein Mitteilungsblatt in ihrem immer überfüllten Fach nicht gelesen und es war kurzfristig eine Sonderveranstaltung in der Aula angesetzt worden. Oder war es gar der Tag der Bundesjugendspiele? Als sie zurück in die Klasse ging, um ihre Tasche zu holen, fiel ihr Blick auf die Tafel an der Frontseite des Raumes. Dort stand in großen Lettern WE HAVE A DREAM: NO MORE FAST SCHOOLING!

Anna Herzberg setzte sich und sagte leise vor sich hin, danke für den Morgengruß! Keine Hetze, keinen Druck mehr, weder auf euch noch auf mich, das wäre auch mein Traum.

Wer hat das geschrieben? Am frühen Morgen muss jemand von euch schon hier gewesen sein, denn die Frauen der Reinigungskolonne wischen doch immer sorgfältig die Tafeln sauber. Wo seid ihr nur?

Den Gedanken, dass ihre Lieblinge nicht zu ihrem Unterricht erscheinen würden, ließ sie noch nicht zu. Sie nahm ihre Tasche und eilte hinunter in den ersten Stock zum Lehrerzimmer, holte den Papierwust aus ihrem Fach, blätterte ihn schnell durch auf der Suche nach der Ankündigung einer Sonderveranstaltung, schaute nach, ob es Änderungen im aktuellen Stundenplan gab. Nichts. Sollte das bedeuten, dass die Klasse einfach verschwunden war?

Manche Lehrerinnen oder Lehrer fühlen sich in einer solchen Situation verletzt, weil sie annehmen, dass die Aktion – hier das Schwänzen des Unterrichts – gegen ihre Person gerichtet sei. Wenn die Lehrerin Herzberg nun zweimal hinter einander in dem leeren Lehrerzimmer sehr laut sagte, das dürfen sie mir nicht antun, so entsprang die Äußerung nicht der Annahme, dass die Abwesenheit der Schülerinnen und Schüler ein Affront gegen sie, die Lehrperson sei, sondern der Vorahnung, welche Unannehmlichkeiten nun auf sie zukommen würden. Die erste war der nun fällige Gang zur Schulleitung, sie scheute ihn, aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Im Sekretariat traf sie auf den Direktor, sagte atemlos, meine Klasse ist verschwunden.

Aber, liebe Frau Kollegin, eine Klasse verschwindet doch nicht so einfach, Sie haben sie sicher nur am falschen Ort gesucht. Das nachsichtige Lächeln des Direktors, das sie in die Kategorie „Ich suche meine Klasse“ einzuordnen schien, brachte sie leicht aus der Fassung.

Nein, sie ist weg, sagte sie etwas zu laut.

Aber, Frau Kollegin – er sah sie an, als sei sie ein Kind, das sich verlaufen hat – wir suchen jetzt gemeinsam nach der Klasse. Im Flur schaute er durch eines der hohen alten Fenster auf den Schulhof. Da strich nur eine dicke getigerte Katze herum.

Jetzt gehen wir zu dem Raum 312, sagte der Direktor.

Aber da war ich doch, da sind sie nicht.

Vier Augen sehen mehr als zwei.

Vier Augen werden die Leere nur verdoppeln. Anna Herzberg wusste gleich, dass sie etwas sehr Dummes gesagt hatte.

Es ist nicht immer leicht auf eine unangebrachte Äußerung eines Vorgesetzten angemessen zu reagieren, besonders, wenn die Anspannung zu groß ist wie bei Frau Herzberg, die nun, klein und schmächtig, dunkler Lockenkopf, eine Stufe hinter ihrem Direktor, klein und rundlich, weißer Lockenkopf, in den dritten Stock hinaufstieg. Sie blieb immer weiter zurück, nicht, weil sie von dem wiederholten Hinauf und Hinunter schon erschöpft war. Ihr fehlte nur der Ansporn, wieder in den Raum 312 zu gehen und auf die Leere zu schauen, für die der Direktor nach einem Blick in den Klassenraum, ohne die Schrift auf der Tafel wahrzunehmen, schnell eine Erklärung fand.

Sie sind zu spät gekommen, Frau Kollegin, wohl fünfzehn Minuten, schätze ich, da hat die Klasse, statt im Sekretariat nach dem Verbleib der Lehrerin zu fragen, das Weite gesucht. Sie, Frau Herzberg, bleiben jetzt bis zum Ende der zweiten Stunde in diesem Raum, auch, falls die Schüler nicht wieder auftauchen, das versteht sich, denn falls sie doch noch eintreffen, dürfen sie nicht wieder einen leeren Raum vorfinden. Setzen Sie sich an Ihren Platz. Ich werde inzwischen den Schulhof und die Aufenthaltsräume inspizieren. Ich werde die Ausreißer finden, sagte er bedeutungsvoll und eilte geschäftig davon.

Anna Herzberg setzte sich, wie angeordnet, an den Lehrertisch in dem leeren Raum. Auch in ihr war nur Leere, lange Minuten, bis eine Erinnerung sie zu füllen begann. Ein exotischer Nadelbaum, ein Rosenbeet und viele andere Bäume und Blumen in einem großen Garten. Weiße Stühle und Tische mit Essen und Getränken und ein buntes Gewimmel von jungen Menschen.

Das war vor etwa einem Jahr, als Luisa die ganze Klasse an einem Nachmittag im Frühling zu einer Feier im großen Garten ihres Elternhauses eingeladen hatte, zu einer kleinen Siegesfeier. Die Schülerinnen und Schüler hatten es geschafft, dass der damalige Geschichtslehrer wegen seines rassistischen Verhaltens nicht mehr in der Klasse unterrichten durfte. Er hatte Tera, eine Roma, und Malik aus Somalia wiederholt beleidigt, hatte ihre guten Leistungen ignoriert und ihnen schlechte Noten gegeben.

Sie haben es damals geschafft. Sie haben sich unerlaubter Mittel bedient. Gestreikt haben sie, was in diesem Land für Schüler und Lehrer verboten ist, sie sind nicht zum Geschichtsunterricht gekommen, fünfmal hintereinander. Keiner ist gekommen, sie haben fest zusammengehalten.

Was war diesmal der konkrete Anlass? Es waren noch zwei Monate bis zum Schuljahresende, und bei Sofia, Lukas und Tom war die Versetzung gefährdet. Vor allem zwei pädagogisch wenig begnadete Lehrer, die sich in keiner Weise verantwortlich fühlten für die ihnen anvertrauten Jugendlichen, die nur gewissenhaft ihrer Pflicht des Aussortierens nachkamen, hatten das herbeigeführt. Wollte die 10a die Versetzung der drei „Aussortierten“ erzwingen? Zuzutrauen wär’s ihnen, und Recht hätten sie außerdem.

Die Strafe für das unerlaubte Fernbleiben vom Unterricht würde nicht ausbleiben, und leider, ja, leider würden sie diesmal nichts mit ihrer Aktion erreichen, denn schlechte Leistungen von Schülern dem pädagogischen Unvermögen der Lehrer anzulasten war fast unmöglich. Dennoch war Anna Herzberg erleichtert, dass sie diese ihr sehr einleuchtende Erklärung gefunden hatte. Sie freute sich, dass ihre Schülerinnen und Schüler sich wieder einmal für andere einsetzten, dass sie nicht so stumpf vor sich hinstrebten wie die angepasste Jugend, die, vom „Haus am See“ singend und träumend, schon ihren Ruhesitz im Alter vor sich sieht.

Die Erleichterung hielt nur kurze Zeit an. Um Sofia, Lukas und Tom zu helfen, wären sie anders vorgegangen. Sie hätten ihre Aktion direkt gegen die unfähigen Lehrer gerichtet.

Anna schaute auf die leeren Tische und Stühle, die ordentlich in Reih und Glied standen, wie es ein Beschluss der Gesamtkonferenz vor einem Monat angeordnet hatte.

Das ist es, rief sie in den leeren Raum.

Zwei

Vor anderthalb Jahren hatte sie in ihrem Unterricht Tischgruppenarbeit eingeführt, um das Miteinander, die gegenseitige Wahrnehmung und Achtung zu fördern.

Viele Kollegen und ihnen hörige Kolleginnen fanden das gar nicht gut. Sie bestanden auf dem seit Urväterzeiten üblichen Frontalunterricht und wollten den Klassenraum in der dafür vorgesehenen Sitzordnung vorfinden. Außerdem sahen sich die meisten Kollegen in Klassen, in denen auch Frau Herzberg unterrichtete, dem Drängen der Schüler nach anderen Unterrichtsformen ausgesetzt, was dazu geführt hatte, dass sich verschärfende Anträge an die Gesamtkonferenz gestellt wurden.

Im ersten, schon weit zurück liegenden Antrag, als Anna Herzberg mit der Tischgruppenarbeit gerade angefangen hatte, ging es nur um die Störung durch die umgestellten Tische und Stühle, und beantragt wurde, dass der Kollegin Herzberg ein fester Raum zugewiesen werden sollte und die Gruppen sie aufzusuchen hätten, was ja in Materien, die in Fachräumen unterrichtet werden, die Regel ist. Der Antrag scheiterte daran, dass die Mehrheit des Kollegiums sich gegen eine Sonderregelung für eine Kollegin aussprach. Der nächste Antrag, jedem Lehrer und jeder Lehrerin einen „Stammraum“ zuzuweisen, wurde von dem Schulvorstand schon im Vorfeld mit dem leicht tadelnden Hinweis zurückgewiesen, dass die Zahl der Lehrpersonen doch mindestens doppelt so groß sei wie die Anzahl der Lerngruppen und folglich nicht genügend Räume zur Verfügung stünden. Der Rechenfehler war im folgenden Antrag korrigiert: Lehrerinnen und Lehrer sollten sich zu Dreiergruppen zusammenfinden, denen jeweils ein Raum zugeteilt werden sollte. Die Frage, ob die drei Lehrenden sich nach persönlichen Vorlieben zusammenfinden oder den Erfordernissen des Raum- und Stundenplans entsprechend durch den Schulvorstand zusammengesetzt werden sollten, wurde fast eine Stunde lang sehr heftig und – das muss leider gesagt werden – nicht immer sachlich diskutiert und schließlich durch das Machtwort des Direktors zugunsten des Schulvorstandes beendet. Am Ende siegte wider Erwarten die Vernunft. Lehrerstammräume hätten zur Folge, dass in den Pausen in breiten und engen Fluren, in Haupt- und Nebentreppen zusätzlich zu den Jahrgängen 11-12 eine wahre Völkerwanderung von Zehn- bis Sechzehnjährigen stattfinden würde, die sich bisher vorwiegend in ihren Stammräumen aufhielten und dort auf das Erscheinen der Lehrperson warteten, und so sollte es bleiben. Ein zweiter Einwand gegen den Antrag ging auf das Wohlbefinden der Jugendlichen ein. Die Möglichkeit für Gruppen, ihren Klassenraum nach ihren Wünschen zu gestalten, dürfe nicht wegfallen. Also wurde der Antrag „Stammräume für Lehrer“ mit knapper Mehrheit abgelehnt.

Die Fraktion gegen die Kollegin Herzberg gab nicht auf. Monate später kam ein neuer Antrag: Tische und Stühle müssen für den Frontalunterricht ausgerichtet sein und dürfen nicht umgestellt werden. Da es der vorletzte Tagesordnungspunkt war und die Ermüdung groß, stimmten die meisten für den Antrag zur Geschäftsordnung, dass die Diskussion entfallen solle und man sich auf eine Begründung des Antrags und eine Gegenrede beschränken wolle. Herr Broch hatte es übernommen, die Argumente gegen den Antrag vorzutragen, hatte nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die pädagogische Freiheit der Lehrenden auf unzulässige Weise eingeschränkt werde. Er bekam auch lautes Beifallklatschen, aber dennoch wurde der Antrag mit knapper Mehrheit angenommen.

Als Frau Herzberg am Tag darauf in der dritten Stunde in die 10a kam, fand sie zufrieden lächelnde Schülerinnen und Schüler vor – in ihren gewohnten Tischgruppen, obwohl ihnen der in der ersten Stunde unterrichtende Lehrer den Beschluss der Gesamtkonferenz mitgeteilt hatte. Anna Herzberg freute sich, wies aber darauf hin, dass nach ihrer Stunde die vorgeschriebene Sitzordnung für den Frontalunterricht wieder hergestellt werden müsse und dass die Nichteinhaltung des Beschlusses nicht an die große Glocke gehängt werden dürfe. Eine Woche lang ging es gut, dann kamen die ersten Beschwerden. In den benachbarten und den darunter liegenden Räumen hatten begierig Lauschende Geräusche gehört, die eindeutig durch das Rücken von Tischen und Stühlen verursacht waren. Der Direktor musste schweren Herzens der ungehorsamen Lehrerin eine Abmahnung wegen Störung des Schulfriedens androhen. Das hätte Frau Herzberg ihrer Klasse nicht mitteilen dürfen. Am Tag darauf – sie hatte keinen Unterricht in der 10a – fanden alle im Raum 312 Lehrenden die untersagte Tischgruppenaufstellung vor, eine Aktion, mit der die geliebte Klassenlehrerin entlastet werden sollte. Die Schülerinnen und Schüler, und nur sie allein, störten den Schulfrieden, das hatte die Klasse deutlich machen wollen, und es war ihr gelungen, denn in der vierten Stunde lief ein Lehrer aus dem Unterricht zum Direktor und beklagte sich lautstark über die 10a, die darauf bestehe die Sitzordnung selbst zu bestimmen. Ein derart unerhörtes Verhalten müsse geahndet werden.

Der Direktor hätte sich gern die Ohren zugehalten, aber das ging ja nicht an, und so begleitete er den unaufhörlich schimpfenden Lehrer in die widerspenstige Klasse, fand die Tischgruppen vor und sah sich gezwungen, für den Fall, dass der Unfug nicht aufhöre, eine Strafe anzudrohen. Die gesamte Klasse würde drei Tage lang vom Unterricht ausgeschlossen.

Wenn der Direktor die ihm scheinbar aufmerksam Zuhörenden genauer angeschaut hätte, dann hätte er bemerken können, dass die meisten den Atem nicht aus Furcht vor der Strafe anhielten, sondern um nicht in Gelächter auszubrechen.

Kollektivstrafen sind nicht erlaubt, ganz abgesehen davon, dass „Ausschluss vom Unterricht für die gesamte Klasse“ auch keinen Sinn ergibt. Es sind geschenkte Ferien. Niemand versäumt wichtigen Lehrstoff, wie es bei einer Einzelbestrafung geschieht, nur die Unterrichtenden sind geschädigt, weil sie den Inhalt ihrer übervollen Unterrichtstrichter nun in kürzerer Zeit in die bockigen Köpfe pressen müssen.

Am folgenden Tag saßen alle Schülerinnen und Schüler der 10a in Reih und Glied, wie von der Gesamtkonferenz gewünscht. Luisa, die Klassensprecherin, teilte Frau Herzberg mit ernster Miene mit, dass sie von nun an brav sein und keine Stühle und Tische mehr rücken würden, denn der Direktor habe angedroht, die gesamte Klasse drei Tage vom Unterricht auszuschließen. Während sie das sagte, knisterte es im Raum von unterdrücktem Lachen, das, als es endlich frei gelassen wurde, nicht so sehr Spott über die Fehlleistung des Direktors ausdrückte, sondern fröhliches Einverständnis, das keiner Worte bedurfte.

Nun, vor den leeren Tischen und Stühlen sitzend, konnte Anna Herzberg gar nicht aufhören zu lachen. Sie haben die angedrohte Strafe selbst vollzogen! Sie stand auf, fühlte sich endlich wieder ganz entspannt, bis ihr Blick noch einmal auf die Tafel fiel: NO MORE FAST SCHOOLING! Oder war das ihre Forderung? Daran erinnerten sie sich noch?

Nach den Sommerferien vor nun fast einem dreiviertel Jahr hatte Daniel von seiner in Kanada lebenden Tante Artikel zu dem Projekt slow schooling