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1918, der Erste Weltkrieg steht vor dem Ende, gewaltige Umbrüche zeichnen sich für das Ruhrgebiet und die Menschen dort ab. Sie arbeiten für die Berg- und Stahlwerke, kämpfen gegen schlechte Löhne und Ausbeutung. Als der Kaiser kommt, um sie in ihren Anstrengungen für den Krieg zu bestärken, versucht man die Unruhestifter von ihm fernzuhalten. Doch der hohe Besuch geht gründlich schief, und bald geschieht ein Mord. Für den darin verstrickten Gewerkschafter Adam Griguszies bricht ein wechselvolles Jahrzehnt an: Die Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern, Angestellten und einem Geheimbund der Unternehmer, der »Union der festen Hand«, ebnen den Weg für den Nationalsozialismus. Der Industrieroman »Union der festen Hand« ist ein bedeutendes Werk der Neuen Sachlichkeit und eines der wenigen literarischen Porträts des Ruhrgebiets. Zugleich ist es ein großer Schlüsselroman über eine der bekanntesten Industriellendynastien Deutschlands, mit kritischem Witz verfasst von einem intimen Kenner des zynischen Machtgefüges rund um Kohle und Stahl, das erschreckend heutig ist.
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Seitenzahl: 912
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
[Cover]
Titel
Vorwort zur Neuauflage 1946
Dem deutschen Volke
Gebrauchsanweisung
Erstes Buch: Überrumpelung
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Bericht des Generalanzeigers
Zweites Buch: Bestürzung
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Bericht des Generalanzeigers
Drittes Buch: Umstellung
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Bericht des Generalanzeigers
Viertes Buch: Sammlung
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Bericht des Generalanzeigers
Fünftes Buch: Befestigung
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Wegweiser
Nachwort
Literatur
Autor:innenporträt
Kurzbeschreibung
Impressum
Union der festen Hand
Vorwort zur Neuauflage 1946
Dieser Roman ist zuerst im Jahre 1931 erschienen. Er hat damals in der Öffentlichkeit nicht nur Deutschlands, sondern fast aller Länder Europas das Echo gefunden, das ich ihm wünschte, als ich ihn schrieb. Was mich betrifft, so denke ich weniger an die Zustimmung der einen oder den Hass und die Verfolgung der anderen, die das Buch eintrug. Ich denke vor allem an die leidenschaftliche Diskussion, die es entfachte. Sie allein rechtfertigte es, dass ich den Roman »dem deutschen Volke« gewidmet hatte.
In den verflossenen zwölf Jahren haben viele das Buch vermisst. Zahlreiche Leser hatten es verliehen und nicht zurückerhalten, andere hatten es entliehen und wollten es selbst besitzen, wieder andere, besonders aus der inzwischen herangewachsenen Generation, hatten davon gehört und waren begierig, es kennenzulernen. Sie alle hatten das Gefühl, dass dieser Roman unter der Perspektive der späteren politischen Entwicklung mit einer neuen Eindringlichkeit zu ihnen sprechen werde. So sind denn die Buchhändler, die Antiquare, die Leihbibliotheken und auch ich selbst immer wieder nach der »Union der festen Hand« gefragt worden. Umsonst. Das Buch war verboten und ausgemerzt.
Aber nicht nur dies bewog mich zu dem vorliegenden Neudruck. In seinem Erscheinungsjahr stand das Buch in einer Reihe mit anderen Büchern einer Gruppe von Schriftstellern, die die Schilderung der Zustände als Mittel geistiger Klärung und damit als Voraussetzung einer Wandlung im Wesen und Charakter ihres Volkes erkannt hatten. Ich glaube, jeder wird wahrnehmen, wie erschreckend aktuell gerade in dieser Hinsicht mein »Roman einer Entwicklung« geblieben ist. Soweit darin Parteiverhältnisse geschildert werden, kann niemand auf den Gedanken kommen, sie mit den heutigen zu verwechseln. Diese Dinge sind historisch. Aber weil sie historisch sind, haben sie sich mit historischer Konsequenz fortentwickelt; und weil in dem vorliegenden Roman die historische Konsequenz vorausgesehen wurde, behält er eine fortdauernde Aktualität.
Bis auf Kleinigkeiten stilistischer Natur oder solche, die für eine nun entrücktere Zeit Gedächtnisstützen bilden, habe ich den Neudruck daher unverändert lassen können. Wesentliches ist weder weggeblieben noch hinzugefügt. Dies gilt insbesondere von Sätzen, die so frappant wirken, als seien sie nachträglich geschrieben morden.
Mit der gleichen Widmung wie vor vierzehn Jahren tritt das Buch heute vor seine alten und neuen Leser. Eine Neuerung, die sie antreffen, ist praktischer Art: ein Wegweiser am Schluss soll ihnen helfen, nach der Lektüre miedergesuchte Stellen rascher aufzufinden. Wenn sich ihnen dabei erschließt, welches Maß an politischer, wirtschaftlicher und kultureller Geschichte der zwanziger Jahre dieser Roman enthält, darf ich als Autor dankbar und zufrieden sein.
Erik Reger
Dem deutschen Volke
Gebrauchsanweisung
1. Man lasse sich nicht dadurch täuschen, dass dieses Buch auf dem Titelblatt als Roman bezeichnet wird.
2. Man beachte, dass in diesem Buche nicht die Wirklichkeit von Personen oder Begebenheiten wiedergegeben, sondern die Wirklichkeit einer Sache und eines geistigen Zustandes dargestellt wird.
3. Wenn man in den Reden einzelner Personen Stellen findet, die besonders unwahrscheinlich klingen, so hat man es mit tatsächlichen Äußerungen führender Geister der Nation zu tun, oder wenigstens mit Gedankengängen, die auf solche zurückgehen. Der Verfasser hat sich überlegt, ob er diese Stellen im Druck kennzeichnen solle. Er hielt es nicht für geraten, aus drei Gründen:
a) weil es das Auge stören würde;
b) weil der Leser sich angewöhnen würde, darüber hinwegzusehen;
c) weil der Leser sich vorzeitig einbilden würde, diese Stellen von selbst erkannt zu haben.
4. Man beachte, dass in diesem Buch fünf Stationen durchlaufen werden, und bemühe sich, die Zahnräder des Getriebes zu erkennen. Der jeweilige Haltepunkt wird auf den ersten vier Strecken durch den »Bericht des Generalanzeigers« kenntlich gemacht. Bei genauer Befolgung dieser Anleitung wird es dem Leser möglich sein, nach der fünften Strecke den »Bericht des Generalanzeigers« selbst zu schreiben.
Erstes Buch Überrumpelung
Erstes Kapitel
Es ging auf den Frühling des Jahres 1918 zu. Die Stadt war nach dem Streik der Munitionsarbeiter ruhig.
Sie war eine von den vielen Ortschaften in Deutschland, die schon im achten Jahrhundert urkundlich belegt sind, ohne dass jene frühe Zeit deutliche Spuren in ihnen hinterlassen hätte. Da sind Gebäude, Einfahrten, Mauern, Höfe – viele alt und grau, gewiss, aber es ist trotzdem nichts Besonderes an ihnen, man wird nicht einmal neugierig auf ihre Herkunft. Das mürbe, rasenbezogene Gemäuer, das in Nebengassen von der verblichenen Vornehmheit und dem schämig versteckten Wohlstand ehemaliger Patrizierfamilien träumt, hat höchstens für melancholische Menschen einen Reiz, denen dabei der welke Pergamentduft der Chroniken in die Nase steigen mag, jener Chroniken, die in den Archiven von edlen, leider verwesten Geschlechtern erzählen.
Die Stadt, von der hier gesprochen wird, wäre freilich auf Wahrzeichen des Altertums vielleicht nicht einmal stolz gewesen, denn ihre Gegenwart war so hell und besinnungslos glänzend, dass sie zur Vergangenheit keine andere Beziehung haben konnte als die Beziehung der Hoffart und Selbstgefälligkeit, welche ein plötzlich reich gewordener Mann zur Armseligkeit seines einstigen Lebens haben mag. Seit Jahrzehnten war diese Stadt nämlich der Hauptplatz des großen Kohlenreviers, in welchem, obwohl es nur anderthalb Prozent des deutschen Bodens umfasste, der zehnte Teil der gesamten Bevölkerung wohnte. Auf so engem Raum waren fünfundsiebzig Prozent der deutschen Steinkohlenförderung vereinigt, achtzig der Roheisengewinnung, fünfundzwanzig des Eisenbahnverkehrs, fünfunddreißig der Binnenschifffahrt, dreiunddreißig der Stromerzeugung und fünfzehn der Spareinlagen.
War es ein wohlhabendes Land? – Jedenfalls war es eine ungeheuere Anhäufung wirtschaftlicher Macht, aber als solche galt sie wenig. Der Ernst und die Verantwortung der Arbeit, woraus sie entstanden war, hatte in der öffentlichen Wertschätzung gelitten, seitdem die Geschäfte flotter gingen und etwa auftretende Schwierigkeiten auch ohne persönliche Tüchtigkeit, allein durch den Einsatz größeren Kapitals, gemeistert werden konnten. Es war eine Zeit angebrochen, wo man sich daran gewöhnt hatte, Konsequenzen zu ziehen, bevor die Voraussetzungen geschaffen waren. Die Geltung, die dieses Land genoss, rührte daher, dass das monumentalisierte Arbeitsideal zur grandiosen Staffage für Heer und Flotte geworden war. Die Maler schufen Handelskammerdiplome, auf denen die Schlachtkreuzer den spritzenden Schaum mit finsteren Kanonenrohren bedrohten, während an der Küste ein bärtiger Schmied das feurige Eisen hämmerte.
Man hatte also diesem Industriegebiet die Funktion einer »Waffenschmiede des Reiches« übertragen, und zumal nach Ausbruch des Krieges, seit August 1914, klang durch alle Gedichte, Reden und Zeitungsartikel dieses klirrende Wort wie die zitternde Stimme eines Greises, der von der ewigen Seligkeit berichtet.
Gleichwohl geschah das alles aus ziemlicher Entfernung, und man hütete sich vor der näheren Berührung mit diesem Land wie vor einem Aussätzigen. Es war ein Gebrauchsgegenstand für Trinksprüche geworden, doch behielt es immer das rätselhafte, gefährliche Antlitz eines unerforschten Vulkans. Man hielt die Industrie für ein Übel, wenngleich für ein notwendiges Übel. Man sagte, sie sei für das Wohlergehen des Vaterlandes dasselbe, was der Dünger für das Wachstum der Blumen im Garten sei. Auch die Misthaufen auf den Äckern seien hässlich, und man müsse sich im Vorbeigehen die Nase zuhalten, aber man ziehe eben den Nutzen daraus, und bei gehöriger Anwendung bringe ihr Gehalt an Stickstoff, Phosphorsäure und Kali die köstlichen Farben und Düfte der Rosen hervor.
So wurde das Steinkohlenrevier nur von weitem und etwas ängstlich beobachtet, wie ein Kriegsschauplatz, dessen Verwesungsgeruch den Schönheitssinn abstößt, dessen heroisierende Verherrlichung ihn aber entzückt. Der Handelsteil der Zeitungen spiegelte bloß die börsenmäßig greifbaren Vorgänge, der politische Teil bloß die Vorpostengefechte der Interessengegner. In den Lesebüchern standen etliche Anekdoten von großen Unternehmern, die jetzt, wenn auch noch etwas befremdend, als Industriekapitäne neben den Heerführern rangierten.
Wie das Land überhaupt aussah und wie die Menschen darin lebten, wusste man nicht und wollte man nicht wissen. Man hatte die Vorstellung: Ruß und Asche und Kohlenstaub und graues Straßenelend, verdorrende Wälder und Sonne immer hinter Dunst. Jedoch man wusste: DIE WAFFENSCHMIEDE DES REICHES. Das war genug. Ragende Schlote, feurige Essen, schwielige Hände, natürlich, das gehört dazu. Das ist gewaltig, das ist unsere Überlegenheit, das macht uns keiner nach.
Fast ein Drittel des Bodens dieser Stadt gehörte dem Stahlwerk Risch-Zander, das ihn mit Konsumfilialen bebaut hatte, mit Lesesälen, Badeanstalten, Denkmälern, Biergärten, Kolonien, Lazaretten, Ledigenheimen, Beamtenkasinos und anderen Wohlfahrtseinrichtungen und Bildungsstätten. Hier begannen soeben neue Kurse in Hausschusterei und Kleidermachen, dort wurden Hauspflegerinnen abgegeben, dort Holzsohlen zum Anschrauben, »wärmer, wasserdichter, haltbarer und gesunder als Ledersohlen«, dort Kochrezepte für Kriegsküche, dort Molkeneiweiß, – »Molkeneiweiß ist stark eiweißhaltiger, nahrhafter, quarkartiger Brotaufstrich«, – hier wurden Wöchnerinnen unter Vorlage ihres Trauzeugnisses aufgenommen, dort Plätterinnen, dort Serviermädchen für die Speisehallen; hier wurde Kaffeesatz gesammelt, dort wurden Hausmütter und junge Mädchen zu Arbeitsstunden aufgerufen – »bei Mangel an Flicklappen und Nähgarnen wird nach Möglichkeit ausgeholfen« –, dort erging Befehl an die Jugend zur militärischen Vorbereitung, »8.15 Uhr Antreten zum Exerzieren mit anschließender Abendübung« – und diese Fünfzehnjährigen hießen dann nicht mehr Lausejungen, wie sonst während ihrer Lehrzeit, sondern »Jungmannen«, und bei Risch-Zander nannte sich ihr Klub sogar »Jung-Roland«.
Das zweite Drittel dieser Stadt war im Besitz der Kohlenzechen und der Nachkommen kleinerer Walzwerke, die längst das Zeitliche gesegnet hatten. In den Rest teilten sich die Grundstückspekulanten, die Stadtverwaltung und die wenigen, die hier noch ein wirkliches Privatleben zu führen vermochten.
Der altertümliche Kern mit seiner schönen romanischen Kirche war jetzt ganz für sich, verstaubt und vermufft von dem Leichenfledderergewerbe der Kriegswirtschaftsbüros; die Stadt, wie sie jetzt war, hatte ein neues Zentrum, die Risch-Zandersche Fabrik, und die Achsen, die von dort ausgingen, trugen nicht mehr den Stempel der historischen Folgerichtigkeit, sondern der sozialen Schichtung, die den Städtebauern über den Kopf gewachsen war.
Wie die Rumänen, Ungarn und Italiener nach Detroit zu Ford, so waren Jahrzehnte vorher die Massen aus Ostpreußen, Sachsen und Württemberg hierher zugeströmt. Das Objekt selbst hatte sich ausgebreitet und seine Anziehungskraft auf die Menschen bis zum letzten ausgenutzt. Der Mensch war sozusagen nur noch Zuschauer bei seiner eigenen Arbeit. »Es« ging vorwärts: der Mensch brauchte nur das Segel zu hissen, die Konjunktur blies den Wind hinein. Vier bis fünf Hektar hügeliges Ackerland wurden jeweils in wenigen Wochen von endlosen Häuserzeilen gefressen. Es musste schnell geschehen, die Leute warteten schon mit den Möbelwagen, ehe der Anstreicher hinaus war, schnell, schnell und billig.
So häuften sich mit den burgenhaften Fabrikfassaden die Stukkateurgeschäfte, die Destillen, Kinos und Bazare in der Stadtmitte, die Villen in Barockmanufaktur und die Siedlungen im Schwarzwälder Puppenstil nach Westen hin, wo die Wälder rauschten und der Fluss sie lautlos spiegelte, und die proletarischen Mietskasernen gen Osten, wo das Dickicht aus gelbem Qualm unaufhörlich wogte und scharenweise die Zechentürme, wie Bakterien auf Gelatine, daraus hervorsprossten. Gas, Wasser und Kanalisation wurden in die Vertiefungen hineingebuddelt, die auf dem Katasteramt schon Straßen hießen, in den Lehmtrichtern hingen die Möbelwagen fest – immer hinein damit, Fabriken, Häuser, Menschen, immer hinein damit, hier sitzt man sicher und warm, hier wird Geld verdient – nicht viel, wenn man die Arbeit rechnet, die dafür verlangt wird, aber ungeheuer viel, wenn man an das Elend auf den Zuckerrübenplantagen zurückdenkt, woher man gekommen ist.
Bankrotteure setzten sich mit viertel- oder halbfertigen Häuserruinen ein Denkmal. Die Jungen spielten tagsüber Räuber und Schandiz darin, abends war es ein Unterschlupf für Pärchen, und nachts wurde gestohlen, was an transportierbarem Material da war. Die Behörde teilte den ganzen Wirrwarr einfach in Blöcke ein und verausgabte Straßennamen nach Gattungsmerkmalen: hierhin Mädchennamen, dorthin Knabennamen, hierhin Dichter, dorthin Maler, hierhin Städte, dorthin Flüsse, hierhin Ärzte, dorthin Industrielle. Es war, als wolle sie wenigstens die Straßen sammeln, da die Stadt selbst ihr zu entlaufen drohte.
Aus dieser Zeit, in der die Backsteine rasend geworden waren, besaßen die Erben einiger Häuserkönige noch ganze Straßenfluchten, eine endlose Einöde, immer dieselben traurigen Mietshäuser mit dem grauen, von Säure zerfressenen Gestein und den abbröckelnden Stuckrosetten. Es war unmöglich, sich vorzustellen, dass diese Häuser wie andere gebaut worden waren; der Baumeister musste zwischen zwei Pfählen eine Schnur gespannt und daran einfach einen Kilometer Vorderwand hingepflanzt haben, so ähnlich, wie es die Gärtner machen, wenn sie Beete anlegen. Alle diese Häuser machten den Eindruck, als seien sie nur Attrappen, als hätten sie keine Tiefe, und wenn eine Tür offen stand, sah es aus wie eine Kulissenperspektive. Daher sah man ihre Bewohner immer auf den Treppen sitzen oder in den Fenstern liegen; sie hatten nichts, wohin sie sich zurückziehen konnten, sie wohnten gleichsam schon auf der Straße.
Die Menschen glichen sich, wie die Fenster sich glichen. Immer, auch im tiefsten Frieden, erblickte man hier fast nur Frauen und Kinder, denn die Männer waren auf Schicht, entweder gingen sie hin, oder sie kamen von dort, oder sie schliefen sich aus. Es waren also immer dieselben vom Luftentzug vergilbten Kindergesichter und immer dieselben von Bewegungslosigkeit aufgeschwemmten Frauenkörper, die eine ununterbrochene Schwangerschaft durchzumachen schienen.
Der Boden war unterwühlt von den Stollen der Bergwerke. Überall liefen helle Streifen, verschmierte Risse von Bergschäden, schief durch die Häuserwände. Manchmal stand mittendrin ein schmalgiebliges Schieferhaus, zweihundertjährig, die Fetzen hingen herunter, unten waren die Fenster mit Brettern vernagelt, Ratten und Mäuse schien es zu beherbergen; bei aller Verkommenheit war es dennoch das einzige Haus, dem man glaubte, dass es ein richtiger viereckiger Kasten und nicht bloß eine Fassade ohne Tiefendimensionen war.
Solcherart war das Skelett dieser Stadt, die sich nicht allein vom Dorf hinaufentwickelt, sondern, ohne es noch zu wissen, eine Etappe auf dem Wege von der geschlossenen Ortschaft zur aufgelösten Industrielandschaft zurückgelegt hatte. Noch hielt jedermann diesen ungeordneten, haltlos auseinanderfallenden Raum für einen gut eingefriedigten Weideplatz, der nach Wiederkehr der fetten Friedensjahre nur desto lustiger abzugrasen sei; noch war niemand geneigt, die gelegentlichen Schwankungen des Bodens ernster zu nehmen, als man gemeinhin in unseren Breiten ein Erdbeben nimmt.
Immerhin war die Ruhe, die augenblicklich in dieser Stadt herrschte, außerordentlich; es war eine Ruhe, die nicht das Gegenteil von Unruhe, sondern ein Ersatz für Unruhe war, eine nicht zum Ausbruch gelangte oder unterdrückte oder sonst wie verhinderte Unruhe. Es hatte den Anschein, als sei die Stadt vom Schicksal geplündert worden, und die Vorsehung habe daraufhin den Belagerungszustand über sie verhängt. Auch waren viele Soldaten in den Straßen, aber sie sahen eher aus wie Marodeure. Es gab viele, die ohne Urlaubsschein das Land durchzogen und ihre Ausrüstungen verkauften, und an den Viadukten hatte man schon Landsturmmänner mit grellroten Halstüchern beobachtet. Die Gerüchte, dass überall Fahnenflucht und bewaffneter Aufstand vorbereitet werde, wollten nicht verstummen, und sie traten umso bestimmter auf, je mehr sie vom Stellvertretenden Armeekorps verboten wurden.
An jeder Straßenecke waren Konzerte von Gesangvereinen angekündigt. Es schien Frohsinn und Gemütlichkeit auf Befehl zu sein – gleichwie ein Offizier seine ermüdete Truppe in Marsch zu halten hofft, indem er ihr zu singen befiehlt.
Von zehn Uhr vormittags an klingelten die Risch-Zanderschen Speisewagen, die nach Art einer Kochkiste gebaut waren und nach einem bestimmten Fahrplan durch manche Stadtteile fuhren, um die Henkelmänner mit dem Essen der einheimischen Arbeiter abzuholen. Die Straßenbahnen fuhren selten und waren überfüllt, die Schaffnerinnen konnten sich der Belästigungen nicht erwehren, die Führer waren eingepfercht und kaum noch imstande, Schaltung und Handbremse zu bedienen.
In den Vorgärten der Villen, wo sonst Nelken und Gladiolen blühten, fraßen die flaumigen, schwarz und gelb gescheckten Raupen den Wirsingkohl, und die schwarzen Läuse saugten das Mark der Bohnen aus. Die Raupen klebten an den Rändern und Einkerbungen des Wirsings, dessen Blätter von vielen Adern, Warzen und dunklen Runzeln zerspalten waren; unten mit den Bauchfüßen festgeklammert, den Kopf nach oben herumgebogen, staken sie wie Krampen fest. Mit den bärtigen Oberlippen bissen sie an und zermalmten zwischen einer Unzahl von Kiefern und Kauladen das wässerige, fade riechende Grün. Dabei quollen die Augen zu dicken, spähenden Punkten auf, und die Fühler streckten sich misstrauisch und wachsam nach den Seiten hin; wenn nur das Blatt erzitterte, bäumte sich schon der Vorderleib mit den strohgelben Bauchringen und klappte so geschwind nach unten, als sei mitten im Körper ein federndes Scharnier. So zusammengerollt und verschrumpft, brachten sie eine geraume Zeit unter der bergenden Blatthülle zu. Nahte sich der Verfolger, so hakten sie sich los und ließen sich rücklings zur Erde fallen, war es jedoch nur ein blinder Alarm, so krochen sie gleich wieder an. Die Hinterbeine, die wie Gabeln waren, schoben den Rumpf vor, der sich hierauf in der Mitte aufwölbte und dem Kopf einen kräftigen Stoß versetzte. Sie waren unersättlich, sie fraßen unentwegt, sie wanderten in Kolonien, so wie sie aus den kleinen, dottergelben Eiern geschlüpft waren, von einem Fressplatz zum anderen, Löcher und Buchten fransten sie aus, über die hin und wieder noch schmale Dämme von weißen Strünken liefen. Sie mussten viel in sich hineinschaffen, um den Winter über, verpuppt und eingesponnen, in die Dunkelheit kalter Winkel, hindämmern zu können.
Dagegen waren die Läuse ruhig und sesshaft, sie hatten Zeit, sie brauchten sich ja nicht zu verwandeln, sie legten nur immer Eier und schon saß eine neue Generation an ihrer Stelle. So lebten sie in Klumpen auf den Stängeln der Triebe und Schotten, die sie mit dem Saugrüssel anbohrten und deren Zellplasma sie abzapften, eine große, geruhsame Familie, die zuweilen von schnorrenden Ameisen besucht wurde, denn der Honigtau, den sie absonderte, war süß und klebrig wie Sirup, aber auch von Marienkäfern, welche ihr schwarzes Blut bei lebendigem Leibe austranken. Obwohl die Läuse nicht fressen konnten, hatte ihnen die gütige Natur doch die Wollust der Fressempfindung nicht versagt, denn wenn sie die Röhren des Rüssels wie ein Blasinstrument ein- und auszogen, so war es ihnen, als ob sie nagten, als ob sie etwas mit Zähnen vertilgten, als ob sie augenblicklich die Existenz eines anderen lebenden Wesens auslöschten. Aber in Wirklichkeit waren sie nur von einer unendlich langsamen, unendlich schleichenden Wirkung. Ganz allmählich verkapselte sich gallenartig das saftlose Gewebe der Blätter und wurde von einem grauen Filz befallen, in dessen verschimmeltem Haar Millionen winziger Milben nisteten.
Seit Menschengedenken hatte es nicht so viele Raupen und Läuse gegeben wie in diesem Kriegsjahr. Viele erblickten darin eine neue vom Himmel gesandte Plage, durch welche den darbenden Menschen die letzte Nahrung noch weggezehrt wurde; andere brachten es mit einem Wechsel in den astronomischen und meteorologischen Verhältnissen in Verbindung, der durch die vielen Kanonenschüsse verursacht sein sollte; manche glaubten auch, dass das Ungeziefer nur deshalb überhandnehme, weil sich jetzt so viele Leute, die nichts davon verstünden, mit Gartenbau beschäftigten.
In den Fenster- und Balkonkästen wurden Tomaten. Petersilie, Lauch und Sellerie gezogen, und wenn der volkswirtschaftliche Nutzen dieser dürftigen Anpflanzungen nur gering war, so war dafür das vaterländische Beispiel umso höher zu veranschlagen, das diese Villenbewohner, Prokuristen, Bankiers, Diplomingenieure, Stadträte und bessere Geschäftsleute, der Bevölkerung gaben. Überall in den Straßen der sogenannten besseren Viertel, in den zahllosen Straßen mit Dienstwohnungen, in all diesen winkligen, verdrehten, überzuckerten Erzeugnissen einer Architektengeneration, die keine Wohnhäuser, sondern »Schmuckkästen« baute –, überall waren Blumentöpfe mit verhutzelten Gurken und Endivien ausgestellt, überall roch es nach Kaninchenzucht, überall sah man alte Herren in Bratenröcken Schweizer Saanenziegen ausführen. Alle Menschen schienen sich der Natur zu nähern, ein wahrhaft Rousseausches Zeitalter schien angebrochen zu sein.
Die Geschäfte und die Konsums der Fabriken waren geschlossen, an den Metzgereien hingen Schilder »Fleischlose Woche! Abgabe von Speck nur an Feuerarbeiter gegen Ausweis!« Auf anderen gedruckten Plakaten war zu lesen: »Heute E–Gr 2–4½ Uhr«, oder »J–Ko Dienstagvormittag 7–10 Uhr« – alle Einwohner waren in den Läden alphabetisch registriert, und wer nicht in die Kundenliste eingetragen war, hatte kein Recht, sich den langen Trauerzügen hungernder, blutloser, von innen ausgekälteter Frauen anzuschließen, die schon am frühen Morgen sich vor den Türen der Krämer und Bäcker zu formieren begannen. Der Warenvorrat, über den diese verfügten, hätte normalerweise an zehn Kunden verkauft werden können, aber jetzt wurde er auf dreihundert verteilt.
Kurzum, die Stadt befand sich in einem Zustand wie ein Patient, den ein praktischer Arzt behandelt, welcher (ohne in der Lage zu sein, eine genaue Diagnose zu stellen und eine spezifische Therapie anzuwenden) allgemeine Erschöpfung konstatiert und den Kopf schüttelt. »Diese Ruhe gefällt mir nicht.«
Eigentlich war die Streikbewegung bei Risch-Zander abgeflaut, ehe sie richtig in Gang gekommen war. Nur die Gießereien und Artilleriewerkstätten waren mit einem stärkeren Prozentsatz der Belegschaft daran beteiligt gewesen. Angesichts der Stimmung im Lande, die weit Schlimmeres befürchten ließ, glaubte die Werksleitung mit diesem Verlauf zufrieden sein zu können. Nach ihrer Meinung hatte die Vernunft der Leute gesiegt über die Hetzereien der landfremden Elemente, mit denen der Arbeiterstamm im Krieg durchsetzt worden war. Ein paar Kündigungen und die in der Arbeitsordnung für unentschuldigtes Fehlen vorgesehenen Geldstrafen ausgenommen, hatte man sogar von härteren Maßnahmen Abstand nehmen können.
Ernstliche Unruhen waren ja auch eine bare Unmöglichkeit. Die Leute, die bei Risch-Zander beschäftigt waren, hießen nicht Arbeiter und Angestellte, sondern »Angehörige«. Sie bezeichneten sich als eine einträchtige Familie, die Familie der Rischianer. Diese stellte nicht nur eine streng abgeschlossene und sich für sozial bevorzugt haltende Gruppe dar, sondern auch eine bemerkenswerte Geistesströmung, die eine allgemeine Versicherung gegen die Zufälle des Lebens und ein hierarchisches System der Selbstentäußerung zugunsten der festen Lebensstellung erstrebte.
Hierfür war der Krieg allerdings eine schwere Belastungsprobe, doch die Werksleitung war überzeugt, dass die guten Grundsätze einer ungetrübten Vergangenheit ihr standhalten würden. Hatten die Leute nicht Löhne wie nie im Leben? Billigte man ihnen nicht nach zehn Dienstjahren vier Tage Urlaub zu? Wurden nicht Extrarationen Speck und Pferdewurst ausgegeben? War nicht für die Angehörigen der Kämpfenden, Verwundeten und Gefallenen weit über jede Verpflichtung hinaus gesorgt? Verdienten nicht sogar die Frauen? Wahrhaftig, hier war keine Ursache zur Beunruhigung. Von revolutionären Betrieben zu sprechen, in einem Werk, wo immer das beste Einvernehmen, die Liebe der Kinder zu ihrem Vater geherrscht hatte, wäre eine unverzeihliche Übertreibung gewesen.
Die Regierung sprach davon. In ihrer Nervosität schickte sie schwarzfärberische Berichte an den Kaiser. Sie entschied, dass es ein besonders schwerwiegender Umstand sei, wenn der Geist des Aufruhrs auf Risch-Zander übergreife – einerlei, ob die Arbeitsniederlegung dort spontan, schwerfällig oder widerwillig erfolgt sei. Im Gegenteil, die Stoßkraft des Kommandos sei prinzipiell höher zu bewerten als der spontane Antrieb. Eine Revolution sei gerade dann gefährlich, wenn die Disziplin des Exerzierplatzes dabei im Spiele sei.
Unabhängig von diesem Widerstreit der Meinungen beschloss das Direktorium (denn Risch-Zander hatte nicht wie andere Fabriken eine Direktion, sondern wie diktatorisch regierte Staaten ein Direktorium), eine außerordentliche Reinigung der Betriebe vorzunehmen. Wie die Armeeführer »fliegende Divisionen« unterhielten, die immer in die Brennpunkte der Schlachten geworfen wurden, so stellte Risch-Zander »fliegende Betriebsführer« an, die nach Bedarf eingesetzt wurden, wo Gefahr im Verzug war.
Einer der erfolgreichsten, Friedrich Bilgenstock, übernahm die Eisengießerei. Er beförderte sechzig Missliebige vom Fleck weg in den Schützengraben und warb achtzig neue Mitglieder für den Risch-Zanderschen WERKVEREIN, dessen Vorsitzender er war, und der friedliche Arbeit und Treue zum angestammten Herrscherhaus (womit sowohl der Kaiser wie der Firmeninhaber gemeint war) auf seine Fahne geschrieben hatte; eine schöne gelbe Fahne übrigens, in welche die Gattin des Firmeninhabers eigenhändig mit blauer Seide das Fabrikzeichen hineingestickt hatte, drei Pfeile, die im Kreis hintereinander her jagten.
Nach seinen Satzungen bezweckte der Verein »die Pflege des Zusammengehörigkeitsgefühls unter der Belegschaft und des Gedankens ihrer schicksalhaften Verbundenheit mit dem Werk«; die Beiträge waren gering, die Unterstützungsgelder der Firma flossen reichlich, und die Mitgliedschaft begründete mancherlei Vergünstigungen, zinslose Darlehen, gemeinsamen Bezug von Kinderwäsche, Kartoffeln und Tabak, gesellige Abende, Einkleidung von Konfirmanden und Kommunikanten, Rat und Hilfe in allen Lebenslagen.
Diejenigen, die den Beitritt verweigerten, gelangten bald in den Besitz einer Einladung des Bezirkskommandos, und es blieb ihnen nur übrig, ihre Niederlage mit einer großen Geste zu beschönigen, indem sie behaupteten, dass sie lieber in den Heldentod gingen, als dass sie sich einer Charakterlosigkeit schuldig machten.
Auf solche Weise sicherte Friedrich Bilgenstock Ordnung und Zufriedenheit. Die Arbeiter passten aufeinander auf; jeder suchte beim anderen etwas, was er angeben könne, um sich »lieb Kind« zu machen; einer war des anderen Feind. Bilgenstock brüllte sie an und misshandelte sie; so prüfte er die Festigkeit ihrer Gesinnung. »Die Frage der Disziplin«, sagte er, »ist die Frage, wie oft man jemandem in die Fresse hauen kann, ohne dass er zurückhaut.« Es war die Hölle, aber sie hatte den Vorzug, dass sie nicht das Leben kostete.
Zur allgemeinen Verwunderung wurde der Kranführer Adam Griguszies bei der Säuberungsaktion verschont, obwohl Bilgenstock natürlich über seine umstürzlerische Gesinnung unterrichtet war. Bald darauf wurde die Munitionsarbeiterin Paula Griguszies, Adams Schwester, auf unerklärliche Weise als Bürogehilfin in die Schreibstube des Hammerwerks hineinbugsiert. Der Werksklatsch, für den die Fabrik trotz ihrer riesigen Dimensionen nur die Ausmaße eines mittleren Dorfes hatte, stellte sofort zwischen diesen beiden Ereignissen Beziehungen her. Indessen war nichts Näheres herauszubekommen, und das Gerede wandte sich ergiebigeren Stoffen zu, die in dieser Zeit in Fülle vorhanden waren.
Der Platz des Adam Griguszies war in der Gondel unter der Brücke des großen Laufkrans, der unmittelbar unter dem Dach der Eisengießerei montiert war und mehr als zwanzig Meter Spannweite besaß. Über der Brücke waren zwei Kästen, die mit Hilfe von allerlei eisernem Gestänge, Rädern, Rollen und Scheiben, an einer Schiene entlangglitten; »Laufkatzen« hießen sie bei den Technikern, denn sie schlingerten wie Katzenleiber, die, den kugeligen Kopf geduckt, sich in vollem Lauf befinden. Im Vergleich zu der Wucht der ganzen Konstruktion sahen sie geringfügig, fast zierlich aus, aber sie waren die eigentlichen Kraftzentren, welche an langen Ketten die Lasten hoben und bewegten, ebenso behände wie stark, jede für sich und jede in ihrer eigenen Richtung. Es bestand zwischen ihnen ein geregeltes Verhältnis, ungefähr wie zwischen zwei Nationen, die sich über die Ziele ihrer Raubzüge vertraglich geeinigt haben und sich nicht mehr gegenseitig ins Gehege kommen. Niemals wirkten sie zusammen, niemals hinderten sie einander, niemals griff die mächtigere, die Gussstücke von fünfundsiebzig Tonnen Gewicht spielend verschob, in die Sphäre der kleineren ein, die sich mit fünfundzwanzig Tonnen begnügte; und niemals übersprang die kleinere die auf den Millimeter festgelegte Distanz zum großen Nachbar.
Dennoch gab es einen Punkt, wo sich ihre Fähigkeiten verschmolzen, und dieser Punkt war Adam Griguszies, der sie beherrschte, der die Macht hatte, sie durch einen Hebeldruck zu dirigieren, wie ein Generalmusikdirektor seine Kapelle oder ein Generalfeldmarschall seine Armee; und wenn er dabei auch weder den Klangrausch des einen noch den Blutrausch des anderen empfand, so war es doch ganz sicher, dass ihm die Berechtigung, über ein automatisch gehorchendes Ding zu befehlen, nicht weniger wohltat.
Während er die Laufkatzen lenkte, brauchte er sie nicht einmal zu sehen. Sein Vollzugsorgan war der Elektromotor. Sprang er an, so knatterte es mürrisch in den Katzen, aber sie mussten vorwärts, der Strom in den Induktoren war unbarmherzig hinter ihnen her, wie der Revolver des Offiziers hinter seiner zum Sturm kommandierten Kompanie. Krähend schaukelten die Lasten auf, hurtig schnarrten die leeren Ketten wieder herunter. Nur selten kam im Arbeitsfeld des Kranführers Adam Griguszies ein Augenblick des Stillstandes, der Besinnung vor.
Wären die Kräne nicht gewesen, so hätte in der Eisengießerei eine große, fast unnatürliche und gewaltsame Ruhe geherrscht. Es war eine Landschaft voll brodelndem Schweigen. Grelle Flammen schossen auf, der Boden qualmte, abenteuerliche Gebirge von Mauerwerk, hölzernen Türmen und farbigen Sandhügeln hoben sich in das milchige Licht der Halle.
Dieser Sand … wie er sich ins Auge einschmeichelte, wie er lockte und leuchtete! Bald war er fein und samtig, bald derb und körnig; bald glashart und mager, bald wachsweich, fettig und abfärbend; ein tonhaltiger, luftdurchlässiger und glimmerreicher Sand, in allen Schattierungen lag er da, pulverig, faserig, blättrig, porös, marmorartig gefleckt und geadert wie eine Feuerwerksmischung. Ein Haufen schimmerte silbrig wie Magnesium, ein anderer bronzebraun wie Kaliumpermanganat, ein dritter matt gelb und undurchsichtig wie Meerschaum, ein vierter durchsichtig und mit herrlichem Perlmutterglanz. Hier rann dieser Sand flott und gleich winzigen Kieseln in irisierenden Scheiben über die Schaufel des Hilfsarbeiters, dort hängte er sich an, ein zäher, speckiger Talk, wie verschwitzte Schminke. Manche dieser Sandberge waren ganz tot, perlgrau, stumpf wie Schmirgel, oder wie der Panzer einer Schildkröte, oder wie ausgeglühte Schlacke; aber manche trugen ein unerhörtes Leben in sich, waren wie Makrelen und Thunfische blauweiß geschuppt oder aus goldgelben und schieferblauen Flocken zusammengesetzt, als wäre es der schuppige Abfall von Diamantbarschen.
Immer eigentümlichere Reflexe fesselten das Auge, und wenn man nicht gut aufpasste, fand man darüber gar keine Menschen mehr auf. Ohnedies hockten die meisten grau, zottig, stumm in tiefen Gruben und hantierten mit Erde, wie die Höhlenbewohner der Diluvialzeit an rohen Gefäßen formend. Die Hilfsarbeiter fuhren den Sand heran, besprengten ihn mit Wasser und setzten ein wenig gemahlene Steinkohle zu; dann verlor er plötzlich die spezifische Gestalt und wurde plastisch. Der feuchte Sand war kein Sand mehr, sondern »Masse«, gleichförmig biegsame Formermasse, und die Pressluftstampfer würgten und kneteten ihn, bis er sich um das Holzmodell schmiegte wie das Trikot um die Muskeln eines Athleten.
So stellten sie nun die Sandformen her, tönerne, stark erdige oder lehmige Hohlkörper, die zur Aufnahme des flüssigen Metalls bestimmt waren. Die in den Gruben waren die »Herdformer«, sie arbeiteten die großen Gussstücke; die kleineren Teile besorgten die »Kastenformer« zwischen den viereckigen Rahmen einer Formlade, die man mit einer Mörtelpfanne vergleichen konnte. Oft waren auch hohle Stücke verlangt, dann wurde noch ein Kern aus fettem Sand in die Form gepresst, der nachher beim Eingießen die Höhlung aussparte.
Dutzende Arten gab es von jenen Holzmodellen; sie waren alle aus der Modellschreinerei hervorgegangen und glichen dem jeweils gewünschten Gussstück – nur dass sie um das »Schwindmaß« größer waren, so viel nämlich, wie das Gussmaterial beim Erkalten einzuschrumpfen pflegte; Modelle in Gestalt von geöffneten Koffern, Zigarrenkisten, Flaschen, Hutschachteln, Schubladen, Kasserollen, altertümlichen Folianten, massenhaft waren sie hier aufgespeichert, massenhaft wurden sie hier eingebettet. Der Kran entführte die Formen zur Gießstelle, in schäumenden Bränden schoss das geschmolzene Eisen hinein. Jene Koffer, Flaschen und Hutschachteln stellten sich auf einmal als Konstruktionsteile für Schiffe, Geschütze und Maschinen dar, als Räder, Zahnräder, Dampfzylinder, Ringgranaten in komplettem Eisenguss, und die daran haftende Form wurde abgeschält und zerstört. Kaum entstanden, war sie, wie die Techniker zärtlich sagten, »eine Verlorene«.
Täglich beobachtete Adam Griguszies diese trotz ihrer Eilfertigkeit und trotz ihrer gelegentlichen Gefahren unaufregenden Geschehnisse; täglich verwünschte er die heillose Kaltblütigkeit, die noch die hastigsten Bewegungen zügelte. Er hasste diese Formerarbeit; er wusste, dass die Tonfiguren, die von seinem Führerstand grotesk und primitiv aussahen, das Ergebnis genauester Berechnungen und Abmessungen waren, wunderbare Kunstwerke, und dass die Erde langsam und besinnlich aufgeschmiert, gerundet, gestreckt und gekantet wurde, haarscharf den Modellen angepasst. Dieser Vorgang schien ihm das Sinnbild einer Revolution zu sein, die aus »gesundem Fortschritt« und »allmählicher Entwicklung« gebraut werden sollte, und für deren Fahnenträger das Neue nur dann einen Reiz hatte, wenn es wie diese Gussformen andächtig und sozusagen wissenschaftlich gefeilt, gedrechselt und geschliffen worden war.
Die Former waren versponnene Handwerker, in das Winkelmaß verliebt, sie dachten nicht daran, dass man die Präzision, welche es lehrte, auch als Waffe gebrauchen könne. Verschwärmt und philosophisch wie die Schuster, die bei ihrem Lämpchen sitzen und sich am Geruch des Kernleders und an ihren Erleuchtungen erbauen, gehörten sie beinahe alle jener Partei an, die (wie Griguszies sich ausdrückte) nicht mehr die Befreiung, sondern nur noch die Verbürgerlichung der Arbeiterschaft begünstigte und den Kampf um die Idee allzu früh in eine Bewerbung um Ämter verwandelt hatte.
Hingegen die Kranführer, denen ständig das Geräusch der Motoren und die lärmende Sprungbereitschaft der Laufkatzen in den Ohren summte! Sie waren nur mühsam an sich haltende Rebellen. Allenthalben zwischen den eisernen Masten und Querstreben tauchten die gespannten, harten Gesichter auf, Gesichter, die keinen Pardon geben würden, Gesichter, die asketische Körper mit wilder Entschlossenheit belebten. Voll Zuversicht blickte Adam Griguszies auch in jenen Teil der gläsernen Halle, wo die Gießer vor den Schmelzöfen das flüssige Eisen abschöpften: Männer mit einer krustigen, feuerfesten Haut, die matt wie Schamotte war, und mit borstigen Haaren, die von der Hitze zerfressen waren. Alles sah er von oben vergrößert und verdeutlicht, die Ungerechtigkeiten, die Beschimpfungen, die Verhöhnungen und Erniedrigungen, all die Schamlosigkeiten, die ebenso schmutzig hinuntergeschluckt wurden, wie sie ersonnen worden waren.
Er schwieg nicht dazu. Er arbeitete, er klärte auf, er bereitete die Heimzahlung vor. Seine Leibbinde bestand aus Flugblättern, die er auf der Latrine losband und verteilte. Durch seinen Mund gelangten die Informationen aus Front, Etappe und Hinterland in den Betrieb, durch seinen Mund gingen die Informationen aus den Betrieben hinaus an Front, Etappe und Hinterland. Er gehörte zu jenen kleinen Verbindungsmännern der Weltgeschichte, die von der Vorsehung als Regulatoren bestellt sind, wenn die Großen Dummheiten machen. Es ist gewöhnlich ihre Tragik, dass, noch während sie in voller Tätigkeit sind, alles sich schon wieder eingerenkt hat.
Immer die Hand am Hebel, murmelte er ingrimmig vor sich hin. Er geriet in eine innerlich schwelende Wut, und dieser Gemütszustand bewirkte bei ihm dasselbe, was bei etlichen seiner Kameraden vom Spartakusbund der bergische Schnaps bewirkte, nämlich Magenüberhitzung und Sodbrennen. In seinem Mund häufte sich der Speichel. Er spuckte aus; lautlos verschlang es unten der Sand.
Dieser Sand … kein Wunder, dass romantisch erblindete, wer dauernd damit umging, kein Wunder, dass der Wille derer einschlief, die immer in der Erde vergraben waren.
Er wartete. Man kannte ihn. Die Zeit arbeitete mit. Das große Auskämmen ging spurlos an ihm vorüber, er war unabkömmlich, und was noch mehr wert war, er hatte einen von denen, die er die »Handlanger der Ausbeuter« und seine »Peiniger« nannte, ganz privatim in die Hand bekommen.
Tatsächlich bestand nämlich zwischen Paula Griguszies und Friedrich Bilgenstock eine Bekanntschaft, die diesen, der sonst alles gelenkig abschüttelte und immer über den Dingen blieb, zum ersten Mal bis zur Ratlosigkeit verstrickte. An und für sich war die schonende Behandlung, die der Kranführer erfuhr, weder ungewöhnlich noch besorgniserregend; Bilgenstock hatte schon andere Sachen getrieben, ohne sich den Hals zu brechen. Aber gerade dann sind es mitunter die Lappalien, wodurch man in die Tinte gerät, das kannte er schon.
Das Mädchen machte mit seinen flinken Gelenken und der auffallend reinen Haut gar nicht den Eindruck einer »dem Arbeiterstand angehörigen Person«, wie es in den Polizeiberichten heißt. Für ihre Jugend war sie in der Beckengegend ein bisschen zu völlig, sonst aber durchweg von gutem Wuchs und ermunternden Formen. Der fliegende Betriebsführer hatte sie durch ihre Stimme kennengelernt, eine klangvolle, leicht metallisch gefärbte Stimme, die er einmal in einem Biergarten gehört, verfolgt und festgehalten hatte.
In dieser Zeit, da die Liebe allgemein als Zahlungsmittel für Gegenstände des täglichen Bedarfs galt und viele Fabrikarbeiterinnen noch Geld zugezahlt hätten, um das Verhältnis eines Betriebsführers zu werden, bedurfte es von Seiten Bilgenstocks keiner großen Anstrengungen, um Paula Griguszies gefügig zu machen. Es war eine Sache, die in der Luft lag. Dennoch dauerte es eine ganze Weile, bis sie intim miteinander verkehrten. Dieses Mädchen war zwar aus Frechheit und Unschuld, Naivität und Raffiniertheit gemischt – gerade so, wie Bilgenstock es liebte, sie war auch nicht mehr ganz unerfahren, aber sie hatte immer noch ihre natürliche Scham, die sich bei jedem Beisammensein erneuerte und sehr hartnäckig war. War sie einmal unterjocht, so ließ sie sich gehen, doch der nächste Angriff fand wieder die nämliche Verteidigung vor.
Sie dachte sich zunächst gar nicht viel dabei, es gefiel ihr ganz gut, sie nutzte eine Zeitlang ihren Liebhaber nicht einmal aus, und Bilgenstock seinerseits geizte mit Geschenken. Auch war er sehr vorsichtig. Niemals zeigten sie sich miteinander, die Abende verbrachten sie in seiner Wohnung, vor Mitternacht ging sie immer nach Hause. Er durfte sie küssen und ihre Brüste haben, einmal ließ sie sich auch bis aufs Hemd entkleiden, aber dann schlug sie ihm auf die Finger. Er wusste selbst nicht, was ihn zurückhielt, Gewalt anzuwenden, er brachte es einfach nicht über sich, außerdem machte es ihm immer Spaß, bei gelinder Nachhilfe so lange Geduld zu üben, bis eine Sache von selber reif war.
Schließlich blieben die ewigen Gespräche der Kolleginnen über die Vorteile, die sie von ihren Verhältnissen hatten, nicht ohne Wirkung. Leni Milius hatte einen Bäcker aus der Konsumanstalt, der ihr die Taschen voll Mehl und Zucker mitbrachte, die Kriegswitwe Thomeszat einen Eisenbahner, der Säcke und Kisten aus den Waggons beiseiteschaffte, die Kestermannsche, deren Mann als Feldgendarm bei der Ortskommandantur von Pepinster stand, einen Steiger von Zeche »Glücklicher Morgenstern«, der ihren Keller mit Holz und Kohlen füllte. Da Paula Griguszies diese Dinge jeden Tag zu hören bekam, – »Meiner ist gestern wieder brav gewesen« und »Meiner lässt sich nicht lumpen« – so fing sie allmählich an zu bedenken, dass auch sie nichts zu verschenken habe. Sie sann darüber nach, was sie von Bilgenstock fordern solle. Es musste mehr sein, als er mit Geld erkaufen konnte; er musste ihr ein Opfer bringen, das seinem Beruf, seiner Stellung entsprach. Sie wusste, wie wacklig ihr Bruder im Betrieb stand, und dass er alle Tage hinausfliegen konnte. Es wäre ein harter Schlag für die Mutter gewesen, die außer ihnen noch vier Kinder am Bein hatte, deren jüngstes eben zur Schule gekommen war. Sie waren alle drei Jahre auseinander, das letzte war noch gekommen, nachdem der Vater auf Zeche »Glücklicher Morgenstern« totgeblieben war.
Sie nahm sich vor, mit Bilgenstock darüber zu sprechen. Vielleicht konnte er bei Adams Betriebsführer ein Wort einlegen.
Während sie an der Schokolade knabberte, die er aus den Beständen des Ausschusses für Liebesgaben mitgebracht hatte, überlegte sie, wie sie die Geschichte einfädeln solle. Sie wollte nicht, dass es so brutal herauskäme. Ganz fern und verschwommen ging ihr auch im Kopf herum, dass es ungeschickt sei, seinen Absichten Vorschub zu leisten.
Er stand am Fenster, die Hände auf dem Rücken, und drehte die Daumen umeinander. Plötzlich sagte er: »Ich bin in die Eisengießerei versetzt.«
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. In die Eisengießerei – in Adams Betrieb. Welch glückliche Fügung! Da brauchte sie ja weiter nichts mehr zu sagen.
In dieser Nacht schlief sie zum ersten Mal mit ihm.
So war das also gekommen.
Als Adam Griguszies sich so unvermutet aus der Feuerlinie zurückgestellt sah, ahnte er noch nicht, wie es zusammenhing. Eines Nachts entdeckte er durch einen Zufall, dass Paula nicht zu Hause war. Die Mutter wusste nichts, tat aber beschwichtigend. Das brachte ihn auf, denn nun nahm er erst recht an, dass sie eingeweiht sei. Sofort setzte es sich in ihm fest: die Weiber haben ein Komplott gegen mich.
Andern Tags schlug er Krach. Paula log nicht, sie brachte auch keine Entschuldigungen vor. Er schrie: »Euch Weiber durchschaue ich! Aber ein Revolutionär lässt sich umso einen Preis nicht loskaufen! Wenn ein Proletariermädel nicht mehr Stolz hat, als sich von einem fetten Bourgeois zur Hure machen zu lassen!«
»So fett ist er gar nicht«, sagte Paula gelassen, »und überhaupt, wer sagt dir denn, dass ich ein Proletariermädel sein will?«
Er tobte. Mit harmloser Munterkeit erklärte sie ihm, ein Revolutionär dürfte auch zu Hause keine Spießermoral haben. Sie sei ein freier Mensch, so gut wie er. Sie könne tun und lassen, was sie wolle, und er solle sich mit seinen sozialistischen Grundsätzen schämen, ihr in ihren Lebenswandel hineinzureden.
»Versteh das doch endlich!«, rief er verzweifelt, »dein Lebenswandel geht keinen was an, solange du damit nicht deine Klasse verrätst!«
»Quatsch, ich bin doch nicht irgendein Schrubblappen, ich weiß, was ich tue, und ich habe doch auch keinen Kopf aus Holz.«
Heimlich bewunderte er seine Schwester. Allerlei Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Nachdem geschehen war, was er nicht hatte verhindern können, musste man vielleicht diese Gelegenheit benutzen, um den Feind in seinen eigenen Schandtaten zu ersticken.
Vorläufig ward zwischen ihnen nicht mehr darüber gesprochen.
Bilgenstock verschaffte Paula den Posten im Büro. Damit schloss er diese Affäre ab. Nach wenigen Wochen wurde er mit einer neuen Mission in Geschossdreherei III betraut. Er verlor die Geschwister aus dem Gesichtskreis. Sie ließen auch einige Monate hindurch nichts von sich hören.
Geschossdreherei III war ein neuer Betrieb, erst kürzlich eingerichtet, an einer halb städtisch ausgebauten Landstraße, in einem langgestreckten, neuen Gebäude, das seine verhältnismäßig glatte und ungeschminkte Fassade weniger der Einsicht des Architekten als dem Zwang der Eile zu verdanken hatte. Alles in dieser Gegend war gleichsam über Nacht errichtet und sah, wiewohl einigermaßen unter Dach gebracht, unfertig aus – so, als habe man nicht Zeit gehabt, die Lücken zwischen den Mauersteinen mit Mörtel dicht zu machen.
Gleich am Eingang schreckte die Arbeiter ein blutroter Anschlag:
»Wir bringen zur Kenntnis der Werksangehörigen, dass die Gerichte den Diebstahl oder die Zerstörung von Treibriemen als Landesverrat beurteilen. Es werden wegen solcher Diebstähle schwere Zuchthausstrafen bis zu neun Jahren verhängt. Wir warnen daher unsere Werksangehörigen eindringlichst.«
Wie dieser Ton, der von Zorn und Kummer, von Wonne und Schmerz des Strafens zugleich erfüllt war, so war Bilgenstocks Regiment; seine Erziehungsmethoden waren dem Ritual eines väterlichen Büttels entnommen, der dem Zögling fünfundzwanzig aufzählt und ihn bei jedem Hieb damit tröstet, dass alles nur zu seinem Wohl geschehe.
Doch war die eiserne Energie, derentwegen er so berühmt war, nicht einmal sein Hauptgerät, vielmehr bediente er sich außerdem der Macht der Liebe. Er erhöhte die Zahl der Arbeiterinnen, so dass nunmehr in Geschossdreherei III auf je drei Männer eine Frau kam. Es war angenehm, dass der Vorstand des Arbeiterpersonalbüros, Herr Edelbert Körschgen, Schriftführer des Werkvereins war und das nötige Verständnis für die Erfordernisse des Betriebs besaß. Er überwies immer die hübschesten und nettesten Mädchen und hatte bei der Prüfung der Anmeldungen eine so geübte Hand, dass für die Leitung des Büros, damit es kein offenbares Bordell wurde, noch eine Dame hinzu engagiert werden musste. Wer diese Dame war? – Nun … es traf sich günstig, dass die Schwägerin des Personalchefs Wackerlein endgültig auf eine Heirat verzichtet hatte; der Personalchef konnte sich daher den dringenden Vorstellungen seiner Frau, dass ihre Schwester endlich untergebracht werden müsse, nicht verschließen. Was vermöchte ein Mann gegen eine Frau, die ihn jeden Abend vor dem Schlafengehen fragt: »Wozu bist du eigentlich Personalchef?«
Dies geschah jedoch erst nach der Zeit, zu der Bilgenstock seine Bestellungen für Geschossdreherei III machte. Nachdem sie von Herrn Körschgen zur völligen Zufriedenheit ausgeführt worden waren, ermunterte er, wo er konnte, die handgreiflichen Umgangsformen, zu welchen die enganliegenden weiblichen Arbeitsanzüge reizten. Angesichts der Männerknappheit bestand bei den Frauen nur geringe Neigung zum Widerstand, und außerdem hätte eine ernst zu nehmende Schamhaftigkeit allzu sehr gegen ihre Interessen verstoßen; die Rücksicht auf bedrängte Familienmitglieder, die vergrößerten Lebensmittelrationen, der scheinbar hohe Verdienst, die Ablenkung von dem gleichförmigen Stumpfsinn der Kriegsnachrichten und des Kriegshaushalts – das alles bestimmte sie, die Berührungen in der Werkstatt zu erdulden, denen sie doch nur um den Preis des Verlustes ihrer Stellung hätten ausweichen können.
Zwischen den Fabrikhallen, in der Dunkelheit der Schrottberge, vernahm man beständig Gekicher und halberstickte Schreie, begehrliche Schläge auf bloßes Fleisch, Aufruhr des Hinsinkens – alle jene versteckten, dennoch überdeutlichen Geräusche, wie sie durch die Brutalität eines Angriffs entstehen, der sich an eingebildeten Hindernissen entzündet, und durch die Nachgiebigkeit einer Abwehr, die sich einredet, der Gewalt zu erliegen. Zusehends wuchs die Produktion in dieser erotisierten Atmosphäre, und wenn früher der Meister die ganze Schicht über auf dem Trab sein musste, um den gruppenweisen und verdächtig ausgedehnten Aufenthalt seiner Arbeiter auf der Latrine zu überwachen, so regelte jetzt die natürliche Folge von Erhitzungs- und Abspannungszuständen die Dauer der Pausen, welche daher nur noch für kurze Zeit eine gesteigerte Arbeitsleistung unterbrachen.
Anfänglich hatten sich einige Frauen beschwert, mehr zur Beruhigung ihres Gewissens als aus tatsächlicher Empörung, aber Bilgenstock hatte ihnen erklärt, dass in einer so großen und harten Zeit eben jedermann dem Vaterland die Opfer bringen müsse, die seinem Vermögen entsprächen. Oder ob sie es lieber sähen, wenn ihre Väter, Männer und Brüder wehrlos vor den unerbittlichen Feinden stünden, weil die Frauen, auf den wichtigsten Posten gestellt, den die Heimat zu vergeben habe, ihrer Empfindlichkeit mehr Bedeutung beimäßen als der Erzeugung von Munition?
Dergestalt war der Acker, auf dem Bilgenstock seine Lorbeeren pflückte; Lorbeeren, die seinen Kollegen in den Geheimerlassen des Direktoriums immer wieder unter die Nase gerieben wurden. Obwohl diese von dem Geruch keineswegs erbaut waren, mussten sie so tun, als fänden sie ihn vorbildlich. Trotzdem hatte sich das Direktorium, wie sich später herausstellte, verrechnet, denn statt Bilgenstock nachzueifern, beschäftigten sich seine Kollegen damit, den Nachweis seiner Unzulänglichkeit zu erbringen. Nicht, dass sie alle von der Hohlheit seines Gebäudes überzeugt gewesen wären, aber sie ärgerten sich über seine Aufgeblasenheit. Diesen Beamten sagte ihr in langer Praxis erworbener Instinkt, dass sie vielleicht zur Bewunderung, doch niemals zur Anerkennung bereit sein dürften und dass eher die ganze Welt ersaufen müsse, als dass sie einem unter ihnen gestatten könnten, ohne Befragen der übrigen einen universalen Schwimmgürtel zu erfinden.
Möglich, dass die Direktoren, weil sie selbst vom gleichen Instinkt beherrscht waren, ihn bei anderen ebenso wenig voraussetzten, wie wir gewahr werden, dass die Erde sich dreht, weil wir selbst uns samt allem, was darauf und drumherum ist, mitdrehen. So kam es jedenfalls, dass Friedrich Bilgenstock vom Direktorium für einen Psychologen, von seinen Kollegen für einen Streber und von der KLASSENBEWUSSTEN ARBEITERSCHAFT für einen Schuft angesehen wurde.
Sein Nachfolger in der Eisengießerei wurde Herr Drees. Herr Drees war ein humaner Vorgesetzter, der zwischen den Interessen der Arbeiter und den Interessen der Unternehmer einen gerechten Ausgleich suchte. Dabei war er keineswegs wehleidig und tränenselig, sondern durchaus auf das Zweckmäßige gerichtet.
Die Arbeiter waren vorläufig geteilter Meinung über ihn. Die einen sagten: »Ja, wenn er könnte, wie er wollte! Aber er ist ja auch nur ein Angestellter.« Die anderen sagten, er trage Wasser auf beiden Schultern.
Einige Tage, nachdem er den von Bilgenstock disziplinierten Betrieb übernommen hatte, zeigten sich schon wieder aufsässige Gesichter. Besonders heimtückisch waren die neu angeworbenen Mitglieder des Werkvereins.
»Das ist die natürliche Reaktion auf dieses verrückte System«, sagte Herr Drees zu seinem Assistenten, »aber machen Sie das nun mal den Herren da oben klar. Der Charakter der Leute ist nicht schlecht. Man muss sie nicht unterdrücken, man muss sie überzeugen. Man muss ihre Seele gewinnen.«
Schon beim ersten Rundgang durch den Betrieb machte er die Wahrnehmung und teilte sie auch dem Assistenten mit, dass der Kranführer Griguszies der einzige wirklich Böswillige sei. »Da sehen Sie, was der Menschenkenner Bilgenstock wert ist, ausgerechnet diesen hat er hier behalten.« Aber auch er unternahm nichts gegen ihn. »Man muss jedermann eine ehrliche Chance geben, er hat ja noch keine gehabt. Man muss ihm etwas Zeit lassen, er soll sich freiwillig unterwerfen.«
Der Assistent dachte: das werden wir sehen, und antwortete nichts.
Die Zeit schleppte sich hin, die Menschen schleppten sich hin. Kleine Zwischenfälle gab es jeden Tag. Jeder Schritt, jeder Blick war Aufruhr. Jede Antwort geschah in einem flackernden Ton drohenden Gehorsams. Jede Lautlosigkeit der Bewegungen war verbissener Trotz. Jeder heimliche Wunsch, der in scheuen Augen stand, war Sabotage. Die Arbeit wurde von Tag zu Tag unbehaglicher, düsterer, zermürbender.
Nur der Meister Kurbjuhn blieb heiter und lärmend. Er war Bilgenstocks Hinterlassenschaft; überall, wo er Ordnung gemacht hatte, setzte dieser nämlich einen Statthalter ein. Der Meister Kurbjuhn betrachtete sich ziemlich ungeniert als Aufpasser, der nicht allein den Geist seines Herrn weiter zu pflegen, sondern auch den jetzigen Betriebsführer, Herrn Drees, zu überwachen habe.
Unterdessen beförderte Adam Griguszies mit seinem Kran die mächtigen Formblöcke, ungeheure Walzen, phantastische Gewölbe, Becher und Fässer. Ebenmäßig ging der Betrieb, die Luft dort oben war noch heißer, noch trockener, noch zitternder als an den anderen Arbeitsplätzen der Gießerei. Der Gaumen war ihm ganz ausgedörrt, das ihm zustehende Quantum Mineralwasser hatte er längst in den leeren Magen hintergespült. Es war das Gute an diesem Posten, dass man vor lauter Durst den Hunger nicht so spürte.
Plötzlich entstand an den Schmelzöfen ein Auflauf. Der Kran vor ihm, der die Gießpfannen trug, stand mit einem Mal still und verdeckte ihm die Aussicht. Die Hilfsarbeiter eilten von ihren Karren fort, zänkisches Geschrei erscholl. Herr Drees lief mit dem Assistenten hinzu, schon stiegen auch die Former die Leitern hinan; von oben war es ein Anblick, als stünden Gerippe aus Gräbern auf. Alle Kräne kamen zum Stehen.
Mit raschem Griff drosselte Griguszies seine Katzen und kletterte hinunter. In einer knappen Minute lag der ganze Betrieb still.
Was sich zugetragen hatte, war in den Anfängen eine alltägliche Geschichte gewesen.
Ein alter Gießer hatte sich vor etlichen Tagen krank gemeldet und war wegen Grippe arbeitsunfähig geschrieben worden. Wie es das Direktorium befahl, hatte er sich dem Vertrauensarzt der Betriebskrankenkasse zur Nachuntersuchung vorgestellt. Er hatte aber nur über Kopfschmerzen und Mattigkeit zu klagen gehabt, jene vagen Krankheitssymptome der kleinen Leute, die sich nicht geschickt auszudrücken verstehen und ihren Körper nur mangelhaft beobachten können.
Wie alle Ärzte, die über einen Amtsstempel verfügen, war auch dieser überlastet. Er war nicht ohne Kenntnisse, aber immer ohne die notwendige Zeit, sie anzuwenden. Er verfuhr so gewissenhaft und unbefangen, wie es der knappe Spielraum, den ihm die Weisung seiner Auftraggeber ließ, gestattete.
Auch diesmal nahm er einen sorgfältigen Befund auf: »Kräftig gebaut, gesundes Aussehen, Zunge belegt, Brustkorb wenig gewölbt, Klopfschall voll, Atmungsgeräusch rein, Herz ohne Besonderheiten.« Darauf überlegte er: der Mann fiebert nicht, organische Veränderungen sind nicht nachzuweisen, immerhin ist die Zunge belegt, also fehlt ihm etwas, aber nicht viel; noch einen Tag Schonung, und er wird ganz gesund sein. In diesem Sinne füllte er den Krankenschein aus.
»Der Nächste! Wer ist dran?«
Das Wartezimmer saß steif voll.
Kaum wieder an seine Arbeit zurückgekehrt, begann der Gießer zu taumeln. Er rang nach Luft, brach zusammen. Ein Kamerad, der den Ohnmächtigen aufzurichten versuchte, wurde mit Schrecken gewahr, dass seine Arme einen Sterbenden hielten.
In seiner Bestürzung wusste er nicht, was er anfangen solle. Er war nicht sehr kräftig und wurde von dem zunehmenden Gewicht des Leblosen überwältigt. Er wollte um Hilfe rufen, als eine Gießlokomotive mit flüssigem Feuer durch die nahe Gleiskreuzung rollte – und sei es nun, dass der Führer zu scharf bremste, sei es, dass das Gleis nicht in Ordnung war, der Kübel kippte und goss die Glut über Kopf, Rücken und Brust des Arbeiters, der bei dem alten, röchelnden Gießer kniete. Kleider und Haut fielen ab wie Zunder, rauchende Fetzen rohen Fleischs schälten sich aus dem Körper, die verstümmelten Augenhöhlen wimmerten leise.
Er verschied nach wenigen Augenblicken in großer Stille.
So schnell hatte sich die Katastrophe abgespielt, dass sie nur von den Nächststehenden beachtet worden war und die Kunde davon sich nur langsam verbreitete. Erst nach und nach entstand ein aufbegehrendes Geraune, ein Getuschel mit Blicken, eine allgemeine Bereitschaft zum Losschlagen. Man schrie den hinzutretenden Meistern entgegen: »Das sind die Opfer eurer Antreiberei!« Andere riefen: »Die schreiben noch die Toten gesund!« Der Meister Kurbjuhn pflanzte sich auf; wo er hintrat, wuchs kein Gras mehr, ein vierschrötiger Kerl, der schon durch seine bloße Erscheinung alles an die Wand quetschte.
»Wir haben Krieg, vergesst das nicht. Im Krieg muss was geleistet werden, mag es Tote geben, soviel es will. Wem das nicht passt, der kann seine Abkehr nehmen. Wir kriegen genug andere, die den Finger danach lecken, dass sie reklamiert werden.«
Herr Drees wollte vermitteln. Die Werksangehörigen dürften zur Firma das Vertrauen hegen, dass ihr alle diese erschwerten Verhältnisse voll bekannt seien und dass sie ihnen, soweit möglich, Rechnung tragen werde. Ihrer alten Gepflogenheit treu, werde die Werksleitung auch künftig bemüht bleiben, die Lage der Werksangehörigen nach Kräften zu sichern, doch möchten sie andererseits bedenken, dass ihrer Fürsorge in mancher Hinsicht unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstünden.
Er sprach gütig und sanft wie ein Beichtvater und ließ sich nicht dadurch beirren, dass der Lärm immer heftiger, das Gelächter immer höhnischer wurde.
Dies sei eben einer jener unbegreiflichen Fälle, meinte er, die jenseits des menschlichen Ermessens lägen, eine unvorhergesehene Verkettung der Umstände, die Unvollkommenheit des derzeitigen Standes der Wissenschaft, der Zufall, das Schicksal …
Kurbjuhn schrie unaufhörlich dazwischen, sie sollten sich an die Arbeit scheren, diese Unterbindung der Produktion sei ein verbrecherisches Treiben gegen die Volksgenossen an der Front.
»Wat? Die schmeißen ja schon von selber die Knarre fort!«
»Aber erst muss doch der Krieg gewonnen sein …«
»Faule Witze! Wir haben euren Krieg nicht angefangen!«
»Es ist unverantwortlich gehandelt, gegen unser Vaterland und gegen eure eigenen wohlverstandenen Interessen.«
»Dich haben se wohl wat in’n Kaffee getan? – Macht euch keine Sorge um unsre Interessen, die werden wir schon selber verteidigen!«
»Seid doch vernünftig, auch der Vorstand von unsrer Organisation hat die Betriebsstilllegungen missbilligt«, sagte ein Gewerkschaftler.
»Alles bestellte Arbeit! Ihr habt ja keine Ahnung, was die Lumpen dafür kriegen, ihr fallt ja auf alles herein!«
»Wer hier Unfrieden stiftet, ist vom Feind gekauft!«, schrie Kurbjuhn.
»Wir wollen bloß unsere Menschenrechte, wir Arbeiter sind auch Menschen!«
»Kinder, das bestreitet doch niemand«, beschwichtigte Herr Drees, »aber wie ihr das so daher sagt, sind es ja bloß geleckte Phrasen! Ihr bringt euch um die nächste Sonderzulage, wenn ihr so weiter macht. Die Firma hat Vertrauen zu euch, sie wird auch nach dem Krieg dazu beitragen, dass alle Schäden, soweit möglich, behoben und ausgebessert werden …«
»Kameraden! Genossen!«
Das war Adam Griguszies. Streng und bedeutsam stand er da. Die slawischen Backenknochen trieben sich angestrengt vor, und die aufgeraute, durch gewerkschaftliche Bildungskurse geistig profilierte Stirn zog sich heftig zusammen.
»Wir haben nichts zu verlieren«, sagte er. »Es kann uns gleich sein, ob wir von amerikanischen, englischen, französischen oder deutschen Kapitalisten ausgebeutet werden.«
Sie fühlten alle, und auch Herr Drees fühlte, dass dies die ersten Worte waren, die einen festen Inhalt hatten. Man konnte sie als töricht oder als sinnvoll, als Faustschlag oder als Balsam empfinden, doch man vermochte nicht über sie hinwegzuspringen, man musste sie aus dem Wege räumen.
»Kameraden! Genossen!«, rief der Kranführer erneut, »das planlose Geschwätz hat keinen Zweck. Wir müssen eine ordentliche Betriebsversammlung abhalten und einen Antrag zur Abstimmung stellen. Ich beantrage, dass wir allesamt diese Leichen hier nach Hause bringen und unsern Weg durch die Hauptstraßen der Stadt nehmen.«
Es wurde still. Kurbjuhn trat zurück. Er vermied jede Berührung mit diesem Menschen, weil auch Bilgenstock sie vermieden hatte.
Die Arbeiter waren verwirrt. Man merkte, wie es in ihnen wogte. Obgleich einige von ihnen denselben Gedanken gehabt hatten, waren sie doch betroffen, dass einer von ihnen die Kühnheit besaß, ihn auszusprechen. Etliche waren auch entsetzt; aber die meisten waren bloß ängstlich.
Griguszies stand da und wartete. Es musste sich ja nun zeigen, ob sie wert waren, dass man sich das Maul für sie verbrannte, ob sie einen Standpunkt hatten oder ob sie bloß im landläufigen Sinn »oppositionell« waren.
Eine dünne, weinerliche Stimme kam, lachend schauten sich alle um: »Der Jubilar! Hallo, der Jubilar!«
»Ja«, weinte die Stimme, »das geniert mich nicht, wenn ihr lacht. Fünfzig Jahre bin ich jetzt bei der Firma gewesen. Es war viel Arbeit, wir haben aber auch viel schöne Erfahrungen gemacht. Wie ich vor fünfzig Jahren eingetreten bin, hätte keiner gedacht, dass man mal so eine böse Zeit durchmachen müsste. Aber wir können hier noch froh sein, uns alte Rischianer begleitet die FÜRSORGE von die Firma unser ganzes Leben lang. Der Lohn ist doch nur für das Zeitliche, aber die Wohltätigkeit ist für das Ewige.«
Jemand schrie: »Wir wollen keine Fürsorge, wir wollen Gerechtigkeit!«
»Gerechtigkeit!«, sagte verächtlich Adam Griguszies. »Die kriegt ihr bei Herrn Drees, wenn ihr weiter nichts wollt.«
»Hier steht der wahre Feind der Arbeiterklasse!«, rief einer und zeigte auf den Jubilar. »Das ganze Elend kommt nur von die Arschkriecher unter uns!«
Sie machten Miene, auf ihn einzudringen, der Herdformer Fries warf sich dazwischen: »Vergreif’ sich keiner an den alten Mann!«
»Nur keine Aufregung«, sagte ein Gießer, »wer soll denn den dösigen Hund was tun, da ist man sich ja selbst viel zu schade dafür, dass man den anfasst, der is ja doof, der hat ja’n Stich in die Birne.«
Fries strich sich mit dem Handrücken dreimal unter seinem grauen Spitzbart her, sah auf die gesträubte Spitze und sagte scharf: »Jedenfalls zeugt es nur von politischer Unreife, wenn einer glaubt, man könnte mit Arbeitseinstellungen und Demonstrationen einen Druck zugunsten des Friedens ausüben. Die feindlichen Regierungen benutzen das nur, um mit der Hoffnung auf die Auflösung unserer Ordnung den sinkenden Mut ihrer Völker zu beleben.«
»Und unsern Mut, wat belebt den? Der ist doch schon bis unter die Holzsohlen gesunken! Womit willst du dem auf die Beine helfen?«
»Mit dem Glauben an den allmählichen Sieg der Vernunft und die Verbündung der internationalen Arbeiterschaft. Das Alte ist verbraucht, es soll und muss fallen, aber es kann nicht fallen, ehe das Neue reif ist. Wer etwas in Stücke schlagen will, muss erst beweisen, dass er es auch wieder zusammensetzen kann.«
So lange hatte sich der Kranführer beherrscht, aber obwohl sein Gesicht gleichgültig gewesen war, hatte er genau aufgepasst. In einer Sekunde wurden jetzt seine Augen fest, mit einem Satz sprang er an die nächste Formlade.
»Da kriegt man ja zu viel!«, schrie er und stampfte eine Form in Stücke, »verfluchter Breischmierer, Flickschuster! Zusammenleimen, habt ihr gehört, das ist eine schöne revolutionäre Logik!« Er raffte die Trümmer zusammen und legte sie aufeinander. »Wird das nun eine saubere Form? Dreck wird es, der Meister nimmt ihm den Akkord nicht ab, da kann er den Bruch noch so gut verkleistern. Die Kapitalisten lassen sich nichts zusammenstoppeln, die Ware muss egal akkurat sein, er würde es auch nicht wagen, ihnen so was anzubieten, aber uns, uns will er Bruch anbieten, uns will er die alten Brocken zusammenkleben und für neu verschleißen, da schämt er sich nicht!«
Das Gedränge nahm zu, Flüche knallten aneinander, ausholende Fäuste wurden über den Köpfen sichtbar.
»Sie müssen sofort die Werkspolizei anrufen, Herr Drees!«
»Aber warum denn, Kurbjuhn?«, fragte der Assistent. »Wenn sie sich schlagen, so ist das doch die beste Lösung.«
»Sie müssen dem Direktorium Meldung machen, Herr Drees! Es ist schon Werkseigentum vernichtet, wer weiß, wohin das hier noch führt! Kein Verstoß gegen die Arbeitsordnung darf ungeahndet bleiben, Herr Drees!«
Herr Drees drängte den Meister Kurbjuhn, der ihm beständig etwas in die Ohren zischte, zur Seite und nahm das Wort. Er wollte sie nicht bitten, die Folgen zu überlegen, die ihr Vorgehen für sie haben würde; er wollte sie nur bitten, an die heiligen Gefühle der Familien dieser Toten zu denken, die sie durch einen so pietätlosen Akt verletzen würden. Ob es nun im gesetzlichen Sinne Leichenschändung sei oder nicht, man treibe mit diesen unglücklichen OPFERN DES BERUFS einen schändlichen Missbrauch, wenn man sie zu Agitationszwecken durch die Straßen schleppe.
»Ach was, jetzt ist eben Krieg! Das sagt ihr doch auch immer, wenn wir einen Dreck fressen oder uns ein neues Bündel aufpacken sollen. Jetzt werden mir uns mal damit entschuldigen!«
»Also los – wer macht mit durch die Stadt?«
Aber dieser strikte Aufruf erreichte das Gegenteil dessen, was er beabsichtigte. Er verstärkte die Argumente des Herrn Drees, indem er sie zwang, darüber nachzudenken. Sie wurden fast alle wankend, und eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich ihrer. Es waren nur wenige hier, die mit eigenen Augen auf den Schlachtfeldern gesehen hatten, wie gering ein toter Mensch geschätzt wurde, aber es waren sehr viele, die sich (teils aus Aberglauben, teils aus Religiosität) vor den Toten fürchteten. Auf alle Fälle war der Tod eine ehrwürdige Angelegenheit, und wenn man ihnen von »Opfern des Berufs« sprach, wurden sie weich und beinahe stolz. OPFER DES BERUFS –: war das nicht schmeichelhaft, machte das nicht alle Welt auf die Tapferkeit, die Pflichttreue der Arbeiter aufmerksam?
Mittlerweile standen die Sanitäter ratlos mit ihren Töpfen voll Brandliniment da. Schließlich trugen sie die Verunglückten kurzerhand hinaus, und niemand widersprach. Adam Griguszies zuckte die Achseln. Er wusste schon, wie es wieder kommen würde, alles würde an ihm hängen bleiben. Kameraden und Vorgesetzte würden ihn gleich scheel ansehen; diese, weil er immer beim Vortrupp war, jene, weil trotzdem nichts geschah.
»Na, glauben Sie, dass er sich die Hörner noch abrennen wird?«, fragte Herr Drees den Assistenten.
»Wahrscheinlich, aber so lange können wir doch wohl nicht warten.«
»Scheint mir auch so. Schade. Ich bin überzeugt, dass er mit der Zeit ein brauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft werden wird. Aber woher die Zeit nehmen? Sie haben leider recht, Herr – Kollege.«
Zweites Kapitel
Man muss wissen, dass der derzeitige Besitzer des Stahlwerks, Herr von Zander oder »der Freiherr«, wie er kurz und unpersönlich von seinen Untergebenen genannt wurde, kein geborener Industrieller war, sondern aus der Uckermark stammte. Er war ein untersetzter Mann mit einer maskenhaften Starre im Gesicht, die ebenso wohl weltmännische Gewandtheit und diplomatische Undurchdringlichkeit wie ethischen Ernst oder bäuerische Zurückhaltung ausdrücken konnte. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr in den Anschauungen und Gewohnheiten eines ostelbischen Grundbesitzers verwurzelt, war er durch seine Heirat mit der Alleinerbin des Stahlmagnaten Risch plötzlich in die erste Reihe der westdeutschen Großindustriellen gerückt. Dieser Übergang war so jäh gewesen und der Luftwechsel so umstürzend, dass eine gewisse Unsicherheit und kompromisslerische Schwäche die Folge waren. Nur schwer konnte er sich in die neue Rolle schicken, wo es ewig Schwierigkeiten und Aufforderungen zu schnellen Entschlüssen gab. Zum Glück hatten die Rischwerke, die zwar nach dem Tode des alten Risch formell in die »Gussstahlwerke Risch-Zander Aktiengesellschaft« umgewandelt, doch gleichwohl unangetasteter Familienbesitz geblieben waren, eine lange Tradition, und der Freiherr machte es sich zu seiner Lebensaufgabe, sie aufrechtzuerhalten.
