UNlabelled - Alexandra C. Eckel - E-Book

UNlabelled E-Book

Alexandra C. Eckel

0,0

Beschreibung

In den Wirren des Zweiten Weltkrieges trifft der Luftwaffensoldat Markus Hofer auf sein Schicksal. Die Liebe zu Sonderingenieur Baron Oberst Oskar zu Schöneburg. Ihre Liebe trotzt allen Widerständen und lässt beide als Menschen wachsen. Doch der §175 stellt die Homosexualität und damit ihre Liebe unter Todesstrafe. Die Schlinge zieht sich immer enger, als die SS die beiden an den Abgrund des Lebens treibt ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Vorwort

4. August 1942 – Gerichtssaal München

1. September 1942 – Hauptbahnhof Salzburg

1. September 1942 – Zug Richtung Ostfront

1. September 1942 – Plattform am Zug

13. März 1938 – Heldenplatz Wien

1. September 1942 – Plattform am Zug

31. Juli 1942 – Café Salzburg

1. September 1942 – Plattform am Zug

10. September 1942 – Baracke Fliegerhorst I

9. September 1942 – Kantine Fliegerhorst I

10. September 1942 – Sturzkampfbomber JU88

10. September 1942 – Flugfeld Fliegerhorst I

10. September 1942 – Baracke Fliegerhorst I

27. September 1942 – Badesee Tundra

28. September 1942 – SS-Abteilung zur Bekämpfung von Homosexualität München

10. Dezember 1942 – Sturzkampfbomber JU88

10. Dezember 1942 – Tundra

19. Dezember 1943 – Weimar

21. Dezember 1942 – Tundra

21. Dezember 1942 – Appellplatz Fliegerhorst II

21. Dezember 1942 – Schultes Büro Fliegerhorst II

21. Dezember 1942 – Gefängniszelle Fliegerhorst II

22. Dezember 1942 – Gefängniszelle Fliegerhorst IIq

21. Dezember 1942 – Schultes Büro Fliegerhorst II

21. Dezember 1942 – Hofers Büro München

22. Dezember 1942 – Gefängniszelle Fliegerhorst II

2. Jänner 1943 – Tundra

2. Jänner 1943 – Soldatenlager Tundra

2. Jänner 1943 – Feld Tundra

6. Jänner 1943 – Kantine Fliegerhorst II

6. Jänner 1943 – Offiziersmesse Fliegerhorst II

6. Jänner 1943 – Kantine Fliegerhorst II

6. Jänner 1943 – Appellplatz Fliegerhorst II

10. Jänner 1943 – Scheune Fliegerhorst II

18. Jänner 1943 – Appellplatz Fliegerhorst II

18. Jänner 1943 – Baracken Fliegerhorst II

19. Jänner 1943 – Sturzkampfbomber JU88

19. Jänner 1943 – Hauptbahnhof München

20. Jänner 1943 – Kellerdruckerei Berlin

20. Jänner 1943 – Reichsluftfahrtministerium Berlin

20. Jänner 1943 – Flughafen Berlin-Tempelhof

5. Februar 1943 – Gerichtssaal München

5. Februar 1943 – Gerichtsgebäude München

5. Februar 1943 – Richterzimmer München

15. März 1943 – Paris

15. März 1943 – Salon Hôtel Ritz Paris

15. März 1943 – Foyer Hôtel Ritz Paris

19. März 1943 – Schultes Büro Fliegerhorst II

19. März 1943 – Baracke Fliegerhorst II

20. März 1943 – Feld Frankreich

21. März 1943 – Salzburg

21. März 1943 – Hofers Haus Salzburg

22. März 1943 – Mönchsberg Salzburg

22. März 1943 – Salzburg

22. März 1943 – Hofers Arbeitszimmer Salzburg

23. März 1943 – Hofers Kinderzimmer Salzburg

23. März 1943 – Hofers Arbeitszimmer Salzburg

23. März 1943 – Hofers Kinderzimmer

24. März 1943 – Salzburg

24. März 1943 – Schillers Haus Salzburg

22. Juli 1942 – Schillers Wohnung Salzburg

23. März 1943 – Schillers Haus Salzburg

24. März 1943 – Schillers Haus Salzburg

26. März 1943 – Garten Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

26. März 1943 – Eingangshalle Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

26. März 1943 – Saal Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

26. März 1943 – Absturzstelle Cognac

26. März 1943 – Flugfeld Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

26. März 1943 – Eingangshalle Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

26. März 1943 – Schöneburgs Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

26. März 1943 – Garten Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

26. März 1943 – Schöneburgs Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

26. März 1943 – Restaurant „Le Coq Allemand“ Paris

31. März 1943 – Hofers Büro München

3. April 1943 – Restaurant „Le Coq Allemand“ Paris

7. April 1943 – Bar „Au Ciel“ Paris

10. April 1943 – Schöneburgs Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

3. Mai 1943 – Paris

7. Mai 1943 – Bar „Au Ciel“ Paris

7. Mai 1943 – Hinterzimmer „Au Ciel“ Paris

17. Mai 1943 – Flakturm Hamburg

17. Mai 1943 – Geländewagen Richtung Paris

1. Juni 1943 – Restaurant „Le Coq Allemand“ Paris

1. Juni 1943 – Bar „Au Ciel“ Paris

7. Juni 1943 – Kleins Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

7. Juni 1943 – Flugfeld Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

7. Juni 1943 – Arado 96

7. Juni 1943 – Pyrenäen

7. Juni 1943 – Garten Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

20. Juni 1943 – Gestapo-Büro Paris

20. Juni 1943 – Seitengasse Paris

20. Juni 1943 – Restaurant „Le Coq Allemand“ Paris

21. Juni 1943 – Hofers Büro München

20. Juli 1943 – Kleins Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

20. Juli 1943 – Schöneburgs Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

18. Juli 1943 – Bar „Au Ciel“ Paris

20. Juli 1943 – Schöneburgs Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

21. Juli 1943 – Gestapo Paris

21. Juli 1943 – Gestapo-Büro Paris

21. Juli 1943 – Gestapo-Verhörraum Paris

21. Juli 1943 – Gestapo-Büro Paris

22. Juli 1943 – Schöneburgs Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

8. August 1943 – Paris

8. August 1943 – Absturzstelle Broucherque

8. August 1943 – Wrack Broucherque

8. August 1943 – Absturzstelle Broucherque

8. August 1943 – Wrack Broucherque

8. August 1943 – Pier Dünkirchen

8. August 1943 – Steg Dünkirchen

21. Oktober 1943 – Hofers Büro München

24. Dezember 1943 – Saal Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

24. Dezember 1943 – Salon Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

24. Dezember 1943 – Saal der Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

24. Dezember 1943 – Salon Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

24. Dezember 1943 – Eingangshalle Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

24. Dezember 1943 – Hofers Haus Salzburg

25. Dezember 1943 – Hofers Haus Salzburg

25. Dezember 1943 – Wald Paris

25. Dezember 1943 – Waldkapelle Paris

25. Dezember 1943 – Hofers Haus Salzburg

25. Dezember 1943 – Waldkapelle Paris

21. März 1944 – Wald Paris

21. März 1944 – Pferdestall Paris

6. Juni 1944 – Normandie

6. Juni 1944 – Widerstandsnest Gold Beach

6. Juni 1944 – Gold Beach

6. Juni 1944 – Widerstandsnest am Gold Beach

30. August 1944 – Stützpunkt Westfront

30. August 1944 – Schützengraben Westfront

30. August 1944 – Niemandsland Westfront

30. August 1944 – Schützengraben Westfront

30. August 1944 – Stützpunkt Westfront

2. September 1944 – Spitalszimmer Paris

2. September 1944 – Spitalsgang Paris

2. September 1944 – Spitalszimmer Paris

11. September 1944 – Waldkapelle Paris

27. April 1945 – Eingangshalle Feindger27. April 1945 – Schöneburgs Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

27. April 1945 – Schöneburgs BüroFeindgeräteuntersuchungsstelle 2

19. April 1945 – Schöneburgs Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

27. April 1945 – Schöneburgs Büro Feindgeräteuntersuchungsstelle 2

27. April 1945 – EingangshalleFeindgeräteuntersuchungsstelle 2

28. April 1945 – Gerichtssaal München

29. April 1945 – Zug Richtung Dachau

25. April 1945 – Waldhütte Ostmark

29. April 1945 – Zug Richtung Dachau

29. April 1945 – Einfahrt Konzentrationslager Dachau

29. April 1945 – Bahnhof Konzentrationslager Dachau

29. April 1945 – Wald Dachau

28. April 1945 – Verhörzimmer München

29. April 1945 – Wald Dachau

29. April 1945 – Graben Dachau

4. Mai 1945 – Hofers Haus Salzburg

29. April 1946 – Hofers Arbeitszimmer Villa ‚Schöneburg’

29. April 1946 – Garten Villa ‚Schöneburg’

29. April 1946 – Arbeitszimmer Villa ‚Schöneburg’

29. April 1946 – Eingangshalle Villa ‚Schöneburg’

17. Mai 1946 – Schillers Haus Salzburg

17. Mai 1946 – Hofers Haus Salzburg

17. Mai 1957 – Schule Österreich

Nachwort

Vorwort

Durch den fast schmerzhaft trockenen Stil zieht einen die Geschichte sehr bald in einen Sog, in einen Bann, und erzeugt im Leser (zumindest in mir) eine große Wut. Die Abläufe klingen sehr drastisch, sind allerdings genau so passiert. Da ist nichts hinzugefügt und nichts weggelassen, nichts verschärft und nichts abgemildert. Es war so. Ich weiß das aus Erzählungen, die mir (leider längst verstorbene) Freunde zukommen ließen. Da ich ja selber einmal ein wenig als Aktivist in Sachen Schwulsein unterwegs war, wurden einige wirklich fürchterliche Geschichten an mich herangetragen. Ich kann also als Zeitzeuge, allerdings aus zweiter Hand, dienen. „Zeitzeuge aus zweiter Hand“ – den Begriff gibt es wohl gar nicht.

Das Buch ist jedenfalls sehr wichtig, weil die Schwulenschicksale in der NS-Zeit sowieso sehr unterbelichtet sind.

Eine Geschichte möchte ich Ihnen erzählen.

Zwei sehr gute Freunde von mir (sie sind beide schon verstorben) wurden Ende 1944 in Wien wegen Homosexualität zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Damals kannten sie sich noch nicht. Beide aber wurden von Nachbarn angezeigt, vernadert, wie man in Wien so schön sagt. Da aber die Wiener Gefängnisse überfüllt waren, wurden die beiden nach Mauthausen gleichsam ausgelagert. Dort waren sie sofort der letzte Dreck. Als Homosexuelle sowieso. Aber sie waren ja auch keine richtigen KZler, sondern eben Strafgefangene, also jedenfalls minderwertige KZler. Beide wurden aber nichts desto Trotz „benützt“, denn sowohl unter den Wärtern als auch unter den „echten“ KZlern gab es Männer, denen die beiden eine willkommene Beute waren. Dort lernten sich die beiden kennen – und lieben. Sie erzählten mir, dass sie sich dort sogar ein eigenes Liebesleben einrichten konnten, mit Hilfe eines Wärters und unter der Bedingung, dass er ihnen zuschauen durfte.

Als dann am 5. Mai 1945 die Amerikaner das KZ Mauthausen befreiten war für die beiden wieder niemand zuständig, da sie ja, wie gesagt, eigentlich gar nicht hierhergehörten. Die beiden verließen also das Lager ungehindert, unregistriert – aber egal, Hauptsache, sie waren draußen.

Sie hatten sich vor ihrem Abschied folgendes ausgemacht: Sie machen sich getrennt auf den Weg nach Wien und treffen sich „heute in einer Woche im Café Wortner in der Wiedner Hauptstraße um 5 Uhr Nachmittag.“

Der Treffpunkt hat gehalten. Seit damals sind die beiden ein Paar geblieben. Sie waren beide 20 Jahre alt und lebten 60 Jahre zusammen. Der eine hatte noch die eintätowierte KZ-Nummer am Arm, der andere hat sie sich wegmachen lassen, ein weißer Fleck auf seiner Haut ist aber geblieben. Der eine hat mir die Geschichte erzählt, der andere hat immer den Raum verlassen, wenn die Rede auf diese Zeit kam.

Die Geschichte hat ein unwürdiges Ende, das sich erst in unseren Zeiten abgespielt hat. Einer der beiden starb. Er war der Besitzer der Wohnung. Der andere musste nach 60 Jahren raus aus der Wohnung – die eingetragene Partnerschaft gab es noch nicht, sie waren nach 60 Jahren Fremde vor dem Gesetz. Der andere nahm sich eine kleine Wohnung, in der er noch im selben Jahr ebenfalls starb.

Warum ich Ihnen diese Geschichte erzähle? Weil sie erzählt werden muss. Weil das Schicksal zweier sich liebender Männer nicht im Achselzucken des Vergessens landen darf.

Und damit habe ich auch den Sinn und die Wichtigkeit des heute hier präsentierten Buches beschrieben: Homosexuelle haben immer in irgendeiner schmutzigen Ecke gelebt. Und es geht bei uns – ich bin ja auch schwul – nicht um Rasse oder Hautfarbe oder Herkunft oder sozialen oder gesellschaftlichen Status – nein, es geht ganz einfach um die Liebe zweier Menschen.

Das Schönste und Höchste, was ein Mensch einem anderen Menschen schenken kann, darf nie, nie, nie abwegigen Ideologien geopfert werden. Eine Ideologie, die die Liebe in ihrem Codex nicht an hoher Stelle anführt, ist eine Fehlleistung des menschlichen Geistes.

Ich wünsche dem Buch, dass es von vielen Menschen gelesen wird.

Günter Tolar Schauspieler und Buchautor Wien, Mai 2017

4. August 1942 – Gerichtssaal München

„Schmach des Jahrhunderts! Sie sind eine Schande für das reine deutsche Volk! Sie verunreinigen unser Blut auf die hinterlistigste Art, zu der nicht einmal die dreckigen Juden fähig sind!“

Das Publikum raunt zustimmend. Der Führer blickt auf sie herab von seinem überlebensgroßen Porträt.

„Ihr Verstoß gegen Paragraph 175 ist bereits bestätigt. Ich selbst war Zeuge, wie ein Mann mitten in der Nacht durch Ihr Fenster geflohen ist.“

Der Angeklagte blickt hektisch umher. Wie allen im Saal ist auch ihm bewusst, dass das Urteil bereits gefällt ist. Der Delinquent kämpft auf verlorenem Posten ums blanke Überleben. „Du, Arnulf, kennst mich und meine gesamte Familie seit zig Jahren! Du weißt...“

„Lügner! Schändlicher Lügner! Niemals zuvor bin ich Ihnen begegnet!“

Der Richter wirft der verlorenen Seele einen spöttischen Blick zu. Das Publikum lacht. Auch die vor Hakenkreuzfahnen postierten SS-Wachen lachen. Resigniert sackt das Opfer in seinem Stuhl zusammen.

Ein junger Mann im Publikum, sein Haar ist vom Kohlestaub schwarz gefärbt, senkt den Kopf. „Doch. Er kennt uns alle.“

Langsam beruhigt sich das Publikum wieder, und Arnulf Hofer ergreift erneut das Wort. „Werter Herr Richter, da die einzige Verteidigung des Angeklagten eine infame Lüge ist, bitte ich Sie, Ihr Urteil jetzt zu fällen. Die Wahrheit können Sie den Protokollen der Gestapo entnehmen.“

Der Richter nickt. „Ich kenne die Unterlagen bereits.“ Er wendet sich an den Angeklagten. „Hat Ihr Verteidiger noch etwas zu sagen?“

Dieser nutzt die Gelegenheit, um den Schlaf der vergangenen Nacht nachzuholen.

„Ich sitze hier dennoch zu Unrecht!“

Der Richter unterbricht ihn. „Ich kenne sowohl Ihre Aussage bei der Gestapo als auch die renommierte Arbeit von SS-Hauptsturmführer Hofer. Also lassen Sie die Lügen endlich sein!“

Der Ankläger lacht höhnisch. „Sehen Sie es ihm nach. Die Schwulität hat sein Hirn zerfressen.“

Wieder hallt Gelächter durch den Saal. Auch der Richter kann sich das Grinsen kaum noch verkneifen.

Hofer lässt sich auf seinem Sessel nieder und lehnt sich süffisant zurück. Seine Arbeit ist getan.

Der Richter füllt einige Zeilen auf einem Zettel aus, legt die Feder beiseite und verkündet von seinem erhöhten Pult: „Im Namen des Führers und des deutschen Volkes verurteile ich den Angeklagten Gustav Schiller zum Aufenthalt im Konzentrationslager Dachau.“

Zwei der SS-Wachen treten vor. Einer heftet Schiller den Rosa Winkel auf die Brust: den offiziellen Stempel.

Das Publikum applaudiert, einige erheben sich. Der junge Mann eilt unauffällig zum Ausgang, in der Hoffnung, den Todgeweihten ein letztes Mal persönlich zu sehen. In seinen Augenwinkeln hängen Tränen.

Rasch leert sich der Gerichtssaal. Der Angeklagte ist abgeführt, sein Verteidiger beim Schlussapplaus hochgeschreckt und ohne den Blick zu heben verschwunden. Der Ankläger und der Richter haben den Saal plaudernd durch die Hintertür verlassen.

Nur ein Mann sitzt noch regungslos auf seinem Stuhl in der dritten Reihe. Sein Gesicht wirkt gleichgültig, nur das leichte Zucken um seine Augen verrät seine Unruhe. Seine gestrafften Schultern spannen die gut sitzende Offiziersuniform. Er kämpft innerlich um Contenance. Der Luftwaffenoffizier besucht jeden Hofer-Prozess, in der Hoffnung, Hofers Schwachstelle zu finden. Doch kein einziges Mal ist bisher ein Delinquent dem Gas entgangen.

1. September 1942 – Hauptbahnhof Salzburg

„Ich bin stolz auf dich, mein Sohn!“

Markus strafft sich und grinst seinen Vater an. Dieser trägt seine gut sitzende SS-Uniform und überstrahlt damit sein Umfeld an Autorität und Größe. Dagegen fühlt sich Markus selbst wie eine kleine braune Feldmaus. In seiner tristen Uniform ist er einer unter Hunderten, die heute mit ihm an die Front versetzt werden. Trotz der gleißenden Mittagssonne ist der Bahnhof heillos mit schwitzenden Soldaten und ihren leidenden Familien überfüllt. Freundinnen weinen in den Armen der Furchtlosen. Kumpel sieht man selten. Die kämpfen meist selbst schon an der Front. Zum Abschied schenkt die Familie eine Umarmung, ein paar Schluchzer, einen Kuss – womöglich den letzten.

Der SS-Offizier legt Markus den Arm um die Schulter und schwärmt: „Siehst du, was unser Führer alles erreicht hat?

All diese Krieger kämpfen für unser Land und unsere Zukunft! Und jetzt kämpfst du an ihrer Seite.“

Seine Gattin schnieft vernehmlich in ihr weißes Taschentuch. „Arnulf, hör auf!“ Die sonst so aufgeräumte Maria scheint vollkommen aus der Form geraten. Ihr dunkelgrauer Rock ist dort zerknittert, wo sie ihre Fäuste hineingekrallt hat. Die moosgrüne Strickjacke hängt schief auf ihren Schultern, ihre SS-Anstecknadel liegt vergessen in ihrer Schmuckschatulle, und Haarsträhnen lösen sich aus ihrem üblicherweise strengen Knoten.

Markus kann nicht anders und umarmt seine Mutter so herzlich, wie er es als Kind zuletzt getan hat.

„Ich verspreche dir, ich werde diesen Krieg überleben. Und dann sehen wir uns wieder, Mutti!“ Als er sich löst, blickt er zweifelnd zu seinem Vater.

„Natürlich wirst du zurückkommen! Du warst immer schon ein größerer Überlebenskünstler als Georg.“

Bei der Erwähnung seines als verschollen geltenden Bruders bricht Maria endgültig in Tränen aus. Markus nimmt sie erneut tröstend in den Arm.

Als er in der Menge seinen besten Kumpel erkennt, schiebt Markus seine Mutter vorsichtig in die Arme ihres Gatten und geht seinem Freund erfreut ein paar Schritte entgegen. Sie umarmen einander kameradschaftlich.

„Guten Tag, Pilot!“ grinst Alexander. Seine Augen sind glasig.

Markus wirkt deutlich gefasster, als er mit einem Salut antwortet. „Alexander.“

Diesem sieht man seine Arbeit in der Munitionsfabrik an. Obwohl seine Kleidung heute sauber ist, hängt ein feiner, schwarzer Staub in seinen braunen Haaren. Dadurch wirken sie noch dunkler, glänzen aber in einer wundervollen Schattierung. Die kurz geschnittenen Fingernägel sind unter den Rändern kohlrabenschwarz.

Alexanders Verlobte zwängt sich durch die Menge. „Servus, Markus“, begrüßt sie ihn knapp, um dann ihrem Verlobten vorzuwerfen: „Nie wartest du auf mich!“

Dieser nimmt daraufhin zwar ihre Hand, scheint aber die Bemerkung über den Lärm hinweg überhört zu haben. Stattdessen ruht sein trauriger Blick weiter auf Markus.

Maria räuspert sich und schnieft eine Begrüßung in Richtung der beiden Neuankömmlinge.

Alexander antwortet höflich: „Grüß Gott, Frau Hofer! Herr Hofer.“ Er wirft dem Offizier einen Blick zu, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Ein schriller Pfiff zerreißt die Luft, und durch die Lautsprecher werden die Soldaten krächzend zur Abfahrt gemahnt. Maria klammert sich wieder an ihren Sohn, der sie ein letztes Mal in den Arm nimmt und ihr einen Kuss auf die Wange drückt.

Dann wendet er sich seinem Vater zu. Der salutiert. „Mach mir keine Schand’, Soldat!“

Markus strafft sich ebenfalls zum Salut, schlägt die Hacken lautstark zusammen und antwortet zackig: „Jawohl, SS-Hauptsturmführer Hofer!“

Einige Leute drehen neugierig die Köpfe zu ihnen. Arnulf strafft die Schultern. Er ist sich des Publikums durchaus bewusst.

Als Markus sich zu Alexander umdreht, bemerkt er dessen argwöhnischen Blick. Verwundert runzelt er die Stirn, schiebt die Skepsis dennoch beiseite. Die Freunde klopfen einander zum Abschied verhalten auf die Schultern. Ihre Hände ruhen dort, ganz so, als wollten sie den Moment festhalten. Doch wie jeder andere Augenblick ist auch dieser flüchtig. Schweigend nehmen sie Abschied. Alexanders Augen sind gerötet, aber er kämpft seine Tränen tapfer zurück. Markus’ eigene Gemütslage spiegelt sich im Antlitz seines Freundes wider, doch er unterdrückt seine Gefühle tief in seinem Herzen. So hat er es ein Leben lang von seinem Vater und auch in der HJ gelernt.

Wieder kracht der Lautsprecher, aber bevor man eine Silbe vernehmen kann, heulen die Motoren der Dampflokomotive auf. Markus und sein Abschiedskomitee stehen direkt daneben und werden von einer Wolke weißen Dampfes eingehüllt. Mit einem gequält tapferen Lächeln winkt er ein letztes Mal und springt auf das Trittbrett des anfahrenden Zugs.

Dort hält er noch einmal inne. Ein allerletztes Mal blickt er auf die Menschen, die ihm die Welt bedeuten. Seine Mutter Maria klammert sich, von Schluchzern gebeutelt, an seines Vaters Arm. Arnulf steht mit eiserner Haltung da und nickt seinem Sohn stolz zu. Alexander ist einen Schritt auf Markus zugegangen und wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, während seine Verlobte hinter ihm verschwindet. Dieses Bild brennt sich tief in Markus’ Herz. Es brennt sich sogar noch tiefer ein: in seine Seele.

1. September 1942 – Zug Richtung Ostfront

Erschöpft von dieser emotionalen Achterbahnfahrt schleppt sich Markus durch den Waggon. Vor ihm verläuft ein Gang, der bereits von einigen Gepäckstücken blockiert ist, die in den stabilen Netzen über den Abteilen keinen Platz mehr gefunden haben. Unter diesen Netzen stehen einander jeweils zwei Sitzbänke für je drei Personen gegenüber. Alle Sitze sind bereits belegt, obwohl die meisten Soldaten unruhig umherzappeln. Sie spielen nervös mit den Fotos der Daheimgebliebenen oder wetzen auf der Sitzbank hin und her. Sie schwelgen bereits enthusiastisch in ihren Erwartungen und Hoffnungen von Ruhm, Ehre und Sieg. Dementsprechend ist die Stimmung auch abteilübergreifend aufgeheizt. Einige der Soldaten stecken ihre Köpfe durch die schmale Öffnung zwischen den Rückenlehnen und dem hängenden Gepäcksgitter. Jetzt, da der Krieg entsprechend ihren Hoffnungen noch andauert und sie endlich gegen den Roten Iwan an der Ostfront kämpfen dürfen, kann keine Barriere sie mehr aufhalten.

Während unzählige Geschichten und Träumereien um Markus herumschwirren, geht er langsam und umsichtig durch den Waggon. Die Siegesparolen und Lobreden auf ihren Führer Adolf Hitler treiben ihn weiter. Er hofft inständig, noch ein ruhigeres Plätzchen zu finden. Auf der Suche blickt ihm ein durchaus bekanntes Gesicht entgegen. Bei genauerem Hinsehen erkennt er sich selbst als Spiegelung im Fenster der hinteren Wagentür. Verwundert mustert er sich genauer. Ist sein Gesicht jemals eine derart versteinerte, verzerrte Maske gewesen?

Der Gefreite Markus Hofer ist keine klassische Schönheit. Im Gegenteil, sein Gesicht wirft Fragen auf. Er hat rotblondes Haar, das durch die vielen HJ-Aktivitäten unter der Sommersonne blond gebleicht ist. Seine Augen leuchten im klarsten arischen Blau – sein bestes Attribut, wie viele immer wieder feststellen. Seine Lippen sind voll und durchaus weiblich geschwungen. Sie geben Markus zusammen mit seiner hageren, wenn auch muskulösen Figur eine sehr ausgeprägte feminine Seite. Als Kind haben ihn viele Leute trotz Lederhosen und kurzer Haare für ein Mädchen gehalten. Heute lässt seine Uniform diese Fragen verstummen. Sein heller Teint offenbart auch seinen Charakter. Er ist nicht der Krieger, der sich in die Schlacht stürzt, der zuschlägt, ohne nachzudenken. Markus verschwindet lieber im Hintergrund, beobachtet, zieht Schlüsse und handelt überlegt. Das hat bei seinen Kameraden den Eindruck erweckt, er würde Gefahr instinktiv erkennen. Sie haben selten erkannt, dass er einfach nur beobachtet, und Markus hat sie in dem Glauben gelassen.

Doch dieses Spiegelbild ist ihm unbekannt. Sein resignierter Blick steht in Kontrast zu seinen zusammengebissenen Kiefern. Der genaue Beobachter erkennt den ungreifbaren Schwelbrand. Kann überhaupt jemand einen inneren Schwelbrand in diesem schwirrenden, angestachelten Umfeld löschen? Will es überhaupt jemand?

Noch während Markus nach einer Antwort sucht, hält ihn eine Hand zurück.

„Hier ist noch was frei.“ Ein Unterfeldwebel in Pilotenuniform, dessen Namensschild ihn als S. Bommer ausweist, deutet einladend auf zwei leere Plätze neben sich.

Etwas zaghaft grüßt Markus die beiden Kameraden auf der anderen Bank des Abteils und stellt sich vor. Aus Platzmangel verstaut er seinen Rucksack auf der Bank und setzt sich zu S. Bommer.

Am Fenster schräg gegenüber sitzt Sepp, ein stämmiger Bursche mit starkem Tiroler Akzent. Neben ihm ist Matthias, ein kleiner drahtiger Junge aus München mit hellblauen Fischaugen. S. Bommer heißt mit vollem Namen Sebastian Bommer. Seine blitzblauen Augen, seine kohlrabenschwarzen Haare und sein charmantes Lächeln faszinieren Markus auf Anhieb. Schüchtern wendet dieser seinen Blick ab. Es stellt sich heraus, dass alle vier bei der Luftwaffe sind, allerdings auf verschiedenen Stützpunkten. Eifrig beginnen Sepp und Matthias eine Diskussion über die Leichtigkeit, mit der ihre Einheit die Ölfelder am Kaukasus einnehmen würde. „Unsere JU88 ist nicht zu schlagen“, manifestiert Matthias, und Sepp fasst zusammen: „Hinfliegen, Bomben auf den Iwan werfen, und schon ist der Weg zum Öl frei. Immerhin kämpfen wir nur gegen Untermenschen.“

Sebastian folgt diesen Ereiferungen mit einem nachsichtigen Lächeln. Er kehrt von einem Fronturlaub zurück und weiß, dass die neuen Rekruten noch schnell genug auf dem Boden der Realität aufschlagen werden. Denn auch diese Front fordert ihren Blutzoll. Sebastian erzählt von seinen Erfahrungen, die 6. Armee aus der Luft zu unterstützen. Trotz des schnellen Vormarsches der deutschen Truppen sieht man am Schlachtfeld nur Tod, Schmerz und Pein. Sein Bericht wird unterbrochen von Sepp und Matthias, die mit glänzenden Augen und glühenden Wangen von der 6. Armee zu schwärmen beginnen. Sie sinnen über all das von der Wochenschau Propagierte nach. Sie stellen die deutschen Soldaten als heldenhafte Ritter dar, die bei strahlendem Sonnenschein in glänzenden Rüstungen auf weißen Rössern die Städte friedlich in Besitz nehmen.

Markus hingegen blickt Sebastian lange nachdenklich an, unschlüssig, ob er mehr erfahren will, und murmelt dann leise: „Ich bin in deinem Horst stationiert.“

Langsam aber sicher überfordert Markus das euphorische Geplänkel der Kameraden. Er schließt einen Moment lang die Augen. Wenn ihn seine Familie eines gelehrt hat, dann das Wissen über die Brutalität des Krieges. Jeden Tag, wenn er das vernarbte Gesicht seines Vaters gesehen hat, hat er die Gräueltaten des Weltkrieges gesehen. Eine Granate hat den stolzen Arnulf fast sein Gesicht und sein Leben gekostet. Auch die Photographie seines Bruders Georg mahnt jeden Tag vor dem Preis der Freiheit.

Unwillkürlich überkommt Markus der Drang, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Er windet sich auf seinem Platz. Das Abteil schrumpft und nimmt ihm die Luft zum Atmen.

„Wenn du Ruhe brauchst, empfehle ich die Plattform zwischen den Wagons.“

Markus starrt Sebastian verständnislos an. Die Worte sickern langsam. Nach einer Ewigkeit nickt er dankbar und verlässt das Abteil. Sebastian blickt ihm nachdenklich hinterher.

1. September 1942 – Plattform am Zug

Bevor Markus auf die Plattform tritt, sieht er erneut sein Spiegelbild. Ihm stockt der Atem, schwarze Punkte tanzen vor seinen Augen. Er stürzt nach vorne.

Gierig zieht er die kühle Luft ein und klammert sich an das schwarze Eisengeländer. Nach ein paar Atemzügen beruhigt sich sein Herzschlag. Die Panikattacke schwindet. Erschöpft lehnt er sich neben die Tür. Seine gesamte Energie ist aus ihm gewichen. In dieser Welt wird alles anders. Das fühlt er jetzt schon.

Mit gequältem Gesichtsausdruck sucht in seinem tauben Herzen nach Erinnerungen.

Er tastet nach seiner linken Brusttasche. Zittrig zieht er ein in sandfarbenes Leder gebundenes Buch, eingefasst von dunklen Riemen, hervor. Während er das weiche Leder unter seinen Fingerspitzen fühlt, tauchen nach und nach Bilder vor seinem geistigen Auge auf.

Bedächtig öffnet er das Tagebuch, zieht seinen Bleistift aus der rechten Hosentasche und beginnt zu zeichnen. Markus’ Hand gleitet wie von selbst über das Papier, doch sein Ausdruck bleibt leer. Seine Gedanken sind weit in der Vergangenheit. Seine Augen brennen wie Feuer.

13. März 1938 – Heldenplatz Wien

An jenem Tag vier Jahre zuvor – 1934 – nahm sein Vater ihn zum ersten Mal zu einer Führerrede nach München mit. Arnulf verfolgte den Aufstieg Hitlers von der ersten Stunde an und reiste nahezu jede Woche von seiner Heimatstadt Salzburg aus über die deutsch-österreichische Grenze nach München.

Immer wieder wetterte er gegen die umständlichen und oft langwierigen Grenzkontrollen, die den Bürgern eines Großdeutschen Reiches erspart blieben. Doch schon kurz darauf begannen seine Augen zu leuchten, und er erzählte der gesamten Familie euphorisch von der positiven Umbruchstimmung im Nachbarland. Während das kleine Österreich rasant in Armut, Ständestaat und Bürgerkrieg zerfiel, gab es in Deutschland einen wirtschaftlichen Aufschwung ungeahnten Ausmaßes. „Wenn der große Adolf Hitler auch bei uns an der Macht ist, dann bekommt jeder Arbeit!“ Das hatte Arnulf allen erklärt, die es hören wollten oder auch nicht. Arnulf betete um ein Großdeutsches Reich durch Annexion.

1938 ist der Tag dann gekommen. Hitler marschiert über Linz nach Wien ein, und Arnulf packt seine ganze Familie zusammen, um mit ihr in die Noch-Hauptstadt zu fahren. Nie zuvor hat Markus seinen Vater so ausgelassen, regelrecht glücklich erlebt. Überraschend schnell ist auch die Erlaubnis, Alexander mitnehmen zu dürfen, eingeholt gewesen. Denn obwohl dessen Vater auch regelmäßig nach München gefahren war, schien ihn irgendetwas abtrünnig werden zu lassen. Die eingeschweißte Männerfreundschaft bekam einen tiefen Riss.

Doch Markus will seinen Freund bei diesem Erlebnis an seiner Seite haben. Im Gegensatz zu Arnulf ist Alexander sehr schwer zu überreden gewesen. Letztendlich hat er mit den Worten, es nur für Markus zu tun, zugestimmt. Obwohl Arnulf Bescheid gewusst hat, mustert er Alexander einen Augenblick lang verwundert, fast ungläubig, als dieser am Bahnhof erscheint.

Die Erlebnisse in Wien brennen sich tief ein. Auf dem Heldenplatz erkämpfen sie die letzten Plätze auf dem Sockel der Reiterstatue Erzherzogs Karls. Dort verharren sie stundenlang in der Sonne, und Arnulf schwärmt unermüdlich von Hitlers Erfolgen in der deutschen Wirtschaft. Vor allem schreibt er das der Bekämpfung der Judenschande zu. Denn der Teufel hat nun seinen Platz für den ehrlichen Arier räumen müssen. Zusammen mit den Umstehenden malen sie sich das anbrechende goldene Zeitalter aus.

Markus bemerkt, wie Alexander sich zusehends verkrampft, misst diesem Verhalten aber keinerlei Bedeutung bei. Er lässt sich lieber von der Euphorie der Masse anstecken und ablenken.

Als der Führer, ihr Führer Adolf Hitler, dann endlich auf den Balkon der Nationalbibliothek tritt und Österreich im Deutschen Reich willkommen heißt, durchströmt Markus ein Gefühl der Ruhe und des Friedens. Jetzt wird alles gut werden, jetzt sind sie angekommen. Sie werden nun von einem Mann beschützt, der selbst große persönliche Opfer bringt, um sein Land und sein Volk vor den Gefahren von innen und von außen zu schützen.

Und diesen Moment puren Glückes teilt er mit den wichtigsten Menschen in seinem Leben.

1. September 1942 – Plattform am Zug

Eben diese Menschen haben seine Welt vor wenigen Minuten verlassen. Ein ziehender Schmerz wirft Markus in seiner Erinnerung nach vorne. Anfang dieses Sommers hat er dasselbe Gefühl schon einmal verspürt.

31. Juli 1942 – Café Salzburg

Einige Male hat er sich bereits mit diesem Mädchen getroffen. Sie ist bildhübsch, zurückhaltend und charmant. Vermutlich bezeichnet man sie landläufig als perfekte Ehefrau. Markus will seine Einberufung zur Luftwaffe mit ihr und Alexander feiern. Wie er es bereits geahnt hat, zieht sich der Abend unangenehm in die Länge. Alexander hat das Mädchen vom ersten Augenblick an nicht leiden können und lässt das alle spüren. Sie feiern in einem kleinen Café, das bei Schülern und Studenten sehr beliebt ist. Viele andere Einberufene sind ebenfalls hier. Mühselig ergatterten die drei einen kleinen, runden Tisch, dessen samtüberzogene Sitzbank ein kleines Separee bildet. Alexander sitzt mit finsterer Miene da und wirft Markus grimmige Blicke zu, während dieser mit dem Mädchen heiter von seinen Heldentaten als Krieger schwärmt. Alexander steht auf und spricht an der Bar eines der Mädchen an. Während dieses Flirts wirft er Markus immer wieder herausfordernde Blicke zu. Die Intention verfehlt die Wirkung keineswegs. Markus ist es vorgekommen, als ramme man ihm einen Dolch in sein Herz und jeder weitere Blick drehe jeder weitere Blick diesen Dolch auch noch um.

1. September 1942 – Plattform am Zug

Eine Träne tropft auf das Papier des Tagebuchs, und die Zeichnung am unteren Rand verschmiert. Markus wird sich seiner Umgebung wieder gewahr. Paralysiert starrt er auf das Bild, und zurück starrt Alexanders schmerzverzerrtes Gesicht. Es ist der letzte Anblick, den er sich von seinem Freund bewahrt hat.

Wieder dreht sich der Dolch in seinem Herzen.

Geschwächt lehnt er den Kopf nach hinten, seine Hände fallen kraftlos zu Boden. Tränen strömen ungehindert über sein Gesicht. Er starrt durch die schwarzen Gitterstäbe auf die vorbeiziehende Landschaft. Würde er sich jemals wieder so frei fühlen wie an Alexanders Seite?

10. September 1942 – Baracke Fliegerhorst I

Die Sirene heult über den gesamten Fliegerhorst.

„Jetzt ist es also so weit. Meine Feuertaufe“, denkt Markus, als er in voller Uniform aus dem Bett springt. Seine Kameraden tun es ihm gleich. Sie schnappen sich nur mehr ihre Fallschirme und Fliegerjacken, in deren Taschen bereits Schal, Fliegerbrille und Mütze verstaut sind. Erstere haben sie bei der Einsatzbesprechung am Vorabend bekommen.

9. September 1942 – Kantine Fliegerhorst I

In der karg ausgestatteten Kantine wurden die Tische an die Wand gerückt, die Sessel in Reihen in der Mitte des Raumes ausgerichtet, und der Unteroffizier vom Dienst schiebt eine große Kartentafel herein.

Gleich darauf tritt der Oberst ein, und alle nehmen Haltung an, bevor sie sich setzen. Als Einsatzleiter erläutert ihnen der Oberst die kommende Mission. Es handelt sich um die Luftunterstützung der 6. Armee auf ihrem unaufhaltsamen Weg nach Stalingrad. Markus wirft Sebastian einen Seitenblick zu. Am Ende der Besprechung werden noch die Fallschirme an die Neuankömmlinge verteilt und alle ihren Posten zugewiesen. Markus soll in Sebastians JU88 als Mechaniker fungieren. Grundsätzlich eine sehr dankbare Aufgabe für Markus, wenn die Position im Flugzeug selbst nicht so unbequem wäre.

Die JU88 ist ein Sturzkampfbomber, der neben drei Maschinengewehren auch noch eine Bombe unter der rechten Tragfläche hat. Während die Maschinengewehre der Verteidigung dienen, ist die Bombe eine gefährliche Angriffswaffe. Der Pilot macht sein Ziel am Boden aus. Wie Markus schon während der Ausbildung immerzu gehört hat, greift man ausschließlich für den Feind kriegswichtige Infrastrukturen an. Nachdem also das Ziel gewählt ist, geht der Pilot in einen 70° bis 90° steilen Sturzflug über und entlässt die Bombe erst knapp über dem Ziel. Diese Kampfmethode ist zwar sehr effektiv in Bezug auf Treffgenauigkeit und Zerstörung, allerdings für die Crew auch sehr gefährlich. Einerseits hat die feindliche Flak durch die relativ kurze Entfernung eine höhere Trefferquote. Andererseits bewirkt der Sturzflug beim Piloten ein Grey-out, welches den Steigflug im wahrsten Sinne des Wortes zum Blindflug macht. Die technische Meisterleistung des JU88 ist das automatische Abfangen des Fliegers nach dem Abwerfen der Bombe und der Steigflug, bis die Sicht des Piloten wiederhergestellt ist.

Unterstützt wird der Pilot von einem Beobachter, der neben ihm sitzt und mit einem Maschinengewehr alle Angriffe von vorne abwehren kann.

Der Funker sitzt Rücken an Rücken mit dem Piloten und hält die Verbindung zum Horst und den anderen Fliegern der Staffel. Außerdem hält er mit seinem Maschinengewehr dem Stuka den Rücken frei.

Und dann ist da noch der Mechaniker: für den kommenden Einsatz Markus’ Position. Er liegt im Bauch des Flugzeugs und schützt ebendiesen mit seinem Gewehr. Ansonsten kann er in der Luft nicht sehr viel ausrichten. Wenn er allerdings eine Notlandung überleben sollte, ist er der wichtigste Mann.

10. September 1942 – Sturzkampfbomber JU88

Mittlerweile haben sich alle am Flugfeld versammelt und besteigen die Maschinen. Markus muss als Erster hinein. Als er einen Blick auf das Armaturenbrett wirft, durchfährt ihn die Gewissheit, jetzt dem Führer zu dienen. Dieses Machtgefühl berauscht ihn regelrecht, und er erstarrt in Ehrfurcht, bis Johannes, der Funker, ihn weiterdrängt.

Schnell zwängt sich Markus in die Bodenwanne des Stukas und versucht, auf dem Bauch liegend eine einigermaßen bequeme Position einzunehmen. Sehen kann er momentan nur einen kleinen Ausschnitt des Rollfeldes, welches aus abgefahrenem, stacheligem Gras besteht.

Die Piloten werfen ihre Motoren an. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Die Luft vibriert. Die Schwingungen lassen Markus’ Herz schneller schlagen. Die JU88 beschleunigt mit Vollgas, und Markus fühlt sich, als seien ihm selbst Flügel gewachsen. Rasant steigt der Vogel und nimmt seinen Platz in der Formation ein. Markus’ Sichtfeld vergrößert sich deutlich, und er blickt auf seinen Fliegerhorst hinab. Sie kreisen.

Die Anordnung der hastig aufgebauten Gebäude lässt nichts an deutscher Ingenieurskunst, Gewissenhaftigkeit und Logik vermissen. Sie erinnern Markus stark an seine Ausbildungsstätte. Auf einem weiten Feld, zu dem eine schlecht befestigte Straße führt, steht nahe der Einfahrt das Hauptgebäude mit Verwaltung, Kantine, Aufenthaltsräumen und Lagern für Lebensmittel und Waffen. Gleich daneben steht eine Scheune, die als Garage und Werkstatt dient. Auf der anderen Seite der Gebäude liegt ein niedergetrampelter, die meiste Zeit matschiger Appellplatz mit Fahnenmast. Dahinter stehen in langen Reihen niedrige, hölzerne Baracken, die den Soldaten aller Ränge als Unterkunft dienen. Von der Straße aus am unzugänglichsten liegt das Flugfeld, an dessen Rändern die Maschinen aufgereiht stehen.

Doch Markus kreist nicht mehr über seinem Ausbildungslager. Diese Tatsache ist ihm gerade sehr bewusst. Wieder durchflutet ihn eine Welle der Begeisterung, und er spürt selbst, wie seine Augen leuchten und seine Mundwinkel sich heben. Jetzt ist er im Krieg. „Dieser Weg ist mein Schicksal“, denkt er bei sich, und ihn durchfluten Ruhe und Friedlichkeit.

Einige Zeit fliegen sie über erobertes Gebiet, und sie genießen die Landschaft unter sich. Vereinzelt sehen sie auf den Feldern liegengebliebene Panzer und Lastkraftwagen. Einige wenige kleine Wäldchen, die zwischen den Straßen emporragen, sind abgebrannt. Im Großen und Ganzen aber wirkt alles sehr ruhig, nahezu idyllisch.

Aus der Ferne kann Markus bereits die Nachhut der deutschen Truppen erkennen. Versorgungswagen und Sanitäter folgen den Spuren der Panzerketten im erdigen Boden. Daneben marschieren Infanteristen und durchsuchen auf ihrem Weg die Gebäude.

Am Ende seines Blickfeldes zieht eine Gruppe Menschen Markus’ Aufmerksamkeit auf sich. Sie kommen im Gänsemarsch aus einem großen Bauernhaus. Die Situation bannt ihn. Als der Letzte das Haus verlässt, schießt einer der Soldaten auf einige Metallbehälter. Sie explodieren. Das Haus brennt. Markus fühlt die Druckwelle. Oder ist es Einbildung? Um den Brandherd flimmert die Luft, schwarzer Rauch steigt in den Himmel. Die Formation schwenkt im Einklang nach rechts. Als sie fast auf gleicher Höhe mit dem Brand sind, erkennt Markus die Herausgetriebenen genauer: eine Frau und vier Kinder, die nun vor den angelegten Waffen der deutschen Soldaten im Hof knien. Während die Kinder weinen, starrt die Mutter mit stoisch beschwörendem Blick auf das Haus. Ein Mann stürzt heraus. Sein gesamter Rücken steht in Flammen, und auch der weiße Stofffetzen in seiner Hand verfärbt sich schwarz. Entsetzt reißt Markus die Augen auf. Das Letzte, was er erkennen kann, ist der Mann, der zu Boden sackt: tot, letztendlich erschossen. Dann sind sie aus Markus’ Blickfeld verschwunden.

Unter Schock starrt Markus auf die vorbeiziehende Landschaft. Unglaube verdrängt das Gefühl der unbändigen Macht. Doch noch bevor dies sein Bewusstsein erreicht, hört er seine Kameraden aus allen Rohren feuern. Sebastian startet schlingernde Ausweichmanöver. Automatisch, als folge er einem unhörbaren Befehl, zieht Markus den Abzug und schickt Salven auf die russische Flak und auf entgegenkommende Tiefflieger. Jetzt gilt es sich den Weg zum eigentlichen Bombenziel freizuschießen. Während Sebastian ihren Stuka hinter zwei anderen in Position bringt, sieht Markus einen weiteren mit rasender Geschwindigkeit in Richtung Boden trudeln, aufschlagen und in Flammen aufgehen. Ihm wird speiübel, und er fühlt sich wie ein kleiner, unbedeutender Zwerg vor einem übergroßen Riesen.

Viel zu schnell sind sie mit dem Sturzflug an der Reihe. Als der Stuka mit unglaublicher Geschwindigkeit auf das russische Waffenlager zurast, verschwimmt Markus’ Sicht. Angestrengt versucht er sich auf einen Fixpunkt zu konzentrieren. Doch der voranfliegende Stuka durchbricht mit seinem Steigflug den Blickkontakt. Geistig und körperlich an seiner Grenze schließt Markus die Augen. Das unvermittelte Abfangen, der Druck in die Bodenwanne hinein und der darauf folgende Steigflug drängen ihn nahe an die Ohnmacht. Als sich das Flugzeug wieder stabilisiert, kämpft er sich tapfer in die Realität zurück. Der Gefechtslärm liegt nun deutlich hörbar hinter ihnen. „Das Schlimmste ist überstanden“, denkt Markus.

Das Knattern eines Maschinengewehrs zerreißt die Luft. Ein russischer Jäger ist ihnen auf den Fersen und nimmt sie radikal unter Beschuss. Ein ohrenbetäubender Knall, das Metall kreischt, und zurück bleibt ein langes, hohes Pfeifen. Sebastians Befehle dringen leise durch den Lärm. Johannes soll dem Stützpunkt ihren Treffer melden und ihre Rückkehr ankündigen. Der Funker reagiert nicht. Der Beobachter dreht sich um. Er kann nur mehr den Tod des Kameraden feststellen. Mittlerweile nimmt der Pilot solche Nachrichten mit unterkühlter Gelassenheit auf. Er weist Markus an, umgehend Johannes’ Posten einzunehmen. Einen Augenblick verweilt Markus in einer Schockstarre. Als nun auch der Beobachter seinen Namen über den Lärm hinweg brüllt, stemmt sich Markus aus der Bodenwanne. Der russische Jäger hat mittlerweile von ihnen abgelassen, da er selbst unter Beschuss der deutschen Kameraden geraten ist.

Mit wackeligen Beinen richtet sich Markus in der Bodenwanne auf und starrt auf die Rückenlehne des Beobachters. Sein Gesicht wird blutleer. Sebastian bemerkt das Zögern aus seinem Augenwinkel, dreht den Kopf und folgt mit den Augen Markus’ Blick. In die Rückenlehne hat sich ein Geschoss in sehr flachem Winkel durch die dünne Polsterung gebohrt und ist im harten Metall stecken geblieben. Denkt man die Flugstrecke dieser Patrone weiter, hätte sie sich von der Seite in Sebastians Herz gebohrt.