Unser Leben: Traum oder Wirklichkeit? - Arnold Gredig - E-Book

Unser Leben: Traum oder Wirklichkeit? E-Book

Arnold Gredig

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Beschreibung

Der Leitfaden "Unser Leben: Traum oder Wirklichkeit?" basiert auf Gredigs persönlichen, privaten und geschäftlichen Erlebnissen. Für ihn wichtig ist, was richtig ist. Und was wirklich wichtig ist im Leben? Diese Frage muss jeder Mensch für sich beantworten. Je nach den persönlichen Bedürfnissen, Lebenszielen, Stärken und Schwächen sowie Charaktereigenschaften fallen die Antworten unterschiedlich aus. Unsere höchsten Lebensziele sollten Glück, persönliche Zufriedenheit und innere Ruhe sein. Das Rezept für ein solches Leben kommt nicht ohne Entspannung, Ausgeglichenheit und Gelassenheit aus.

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-936-8

ISBN e-book: 978-3-99131-937-5

Lektorat: Laura Oberdorfer

Umschlagfoto: Fakepo | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Vorwort

Eigentlich müsste der Titel wie folgt lauten: „Unser Leben: Traum und Wirklichkeit.“ Meine Lebensgeschichte ist, liebe Leserinnen und liebe Leser, auch selbstredend und stellvertretend für Ihre Vergangenheit gedacht. Aufgrund unseres Denkmusters unterscheiden wir Menschen nämlich automatisch zwischen Gut oder Böse. Dass jedes Ereignis positive als auch negative Auswirkungen hat, wird einfach ausgeblendet. Erst wenn uns bewusst ist, dass jede Veränderung und jeder Prozess stets eine „sowohl als auch Wirkung“ beinhaltet, ist Persönlichkeitsentwicklung erst möglich.

Eine weitere, wichtige Tatsache ist, dass Veränderungen allein durch ganzheitliches Denken und Handeln umgesetzt werden können.

Mein Leitfaden soll dazu dienen, drei Entwicklungsbereiche der letzten rund 60 Jahre aus der Vogelperspektive aufzuzeigen.

Im ersten persönlichen Teil wird meine Lebensgeschichte als körperlich Behinderter gesamthaft beurteilt, aber keinesfalls als benachteiligte Privatperson dokumentiert. Dieser Bereich beinhaltet das höchstpersönliche Tummelfeld von uns allen und ist gleichzeitig unsere persönliche Schatzkammer. Ferner wird die medizinische und soziale Entwicklung in diesem Bereich festgehalten.

Im zweiten privaten Teil werden die gesellschaftlichen Entwicklungen in den unterschiedlichsten Sachgebieten dargestellt. Wichtig zu wissen ist, dass in diesem Bereich Respekt, Toleranz, Mitverantwortung und Solidarität die treibenden Kräfte für eine positive Entwicklung sind. Gefragt ist also kollektives Denken, Handeln und Verhalten.

Im dritten beruflichen/geschäftlichen Teil werden die auffälligen Entwicklungen am Beispiel Treuhandwesen beschrieben.

Mit meinem Leitfaden will ich mir einen historischen, philosophischen und sozialpolitischen Rückblick verschaffen. Gleichzeitig gebe ich die daraus gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse aufgrund meiner persönlichen Lebensgeschichte an die Nachwelt weiter.

Ein großes Dankeschön verdient Walter Christe für seinen Leistungseinsatz und seine Unterstützung als Lektor.

Es ist mir ein großes Anliegen, Sie als Leserinnen und Leser dazu anzuspornen, einmal kurz innezuhalten, Bilanz über Ihre persönliche Vergangenheit zu ziehen und, wenn nötig, passende Vorkehrungen einzuleiten und umzusetzen.

Jede persönliche Weiterentwicklung eines Menschen basiert letztendlich auf den eigenen Erfahrungen. Werden diese hinterfragt, analysiert und ausgewertet, lassen sich neue persönliche Zukunftsstrategien entwickeln. Die Möglichkeit der Realisierung des höchsten Lebenszieles „Innere Ruhe und vollkommene Zufriedenheit“ zu erlangen, ist damit gegeben.

Alle in männlicher Form abgefassten Begriffe und Texte sind geschlechtsneutral zu verstehen.

Masein, im August 2022

Arnold Gredig

Einleitung

Ob bewusst oder unbewusst von einem gewissen persönlichen Mitleid getrieben, entschied ich mich im Jahre 2007, eine Autobiographie mit dem Titel „Mein Leben mit 3 H“, Hämophilie – HIV – Hepatitis zu verfassen und ein Jahr später zu publizieren. Der Grund dieses Entscheids lag darin, einfach einen Schlußstrich mit der Vergangenheit zu ziehen und einen Neuanfang in Angriff zu nehmen.

Mit 60 Jahren kommt bei vielen Menschen, ob gewollt oder ungewollt, schlicht und einfach aus einem inneren Gefühl oder Sachzwang heraus der Gedanke auf, eine persönliche Bilanz zu ziehen und ihre Zukunftsstrategien festzulegen. Als Unternehmer zwingt allein schon die Geschäftsnachfolge zum Handeln.

Als stets interessierte und kämpferische Person war es mir ein Anliegen, auch meine Lebenserfahrungen ab dem 60. Altersjahr bis heute weiterzugeben sowie meine persönliche Gesamtbeurteilung kundzutun. So entschied ich mich für die Kreation eines weiteren Buches. Mein Ratgeber mit dem Titel „Die Steuerung der 3 Lebensbereiche für Ihren Erfolg“ erschien im August 2021.

Mein erstes Buch „Mein Leben mit 3 H“ verhalf mir zu meiner persönlichen Selbstfindung. Es war also vor allem Selbstzweck. Mein Ratgeber „Die Steuerung der 3 Lebensbereiche für Ihren Erfolg“ soll sensibilisieren und damit Unterstützung und letztlich einen Nutzen für Drittpersonen bringen.

Nach reichlicher Überlegung bin ich zur Überzeugung gelangt, dass als Ergänzung zu meinem Ratgeber die Publikation eines dritten Buches mit dem Titel „Unser Leben: Traum oder Wirklichkeit?“ Sinn macht. Gedacht ist es als Leitfaden. Er versucht, die Veränderungen von uns Menschen im persönlichen, privaten und beruflichen/geschäftlichen Bereich aufzuzeigen.

Für mich wichtig ist, dass der Leitfaden möglichst sachlich und emotionslos aufgenommen wird. Er soll Fakten aufzeigen und nicht Emotionen schüren. Das Buch soll gleichzeitig auch als Ersatz für meine Autobiographie aus dem Jahr 2008 dienen, die infolge des Konkurses des Verlages vergriffen ist.

Meine persönlichen, familiären sowie die gesellschaftlichen Ereignisse von 2008 bis heute sind stark prägend und haben bei mir zu einem massiven Sinneswandel geführt. Vor allem auch der Klimawandel, die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine haben bei mir und vielen Menschen tiefe Spuren hinterlassen.

Im Jahre 2019 musste sich meine liebe Ehefrau Yvonne einer Lebertransplantation unterziehen. Dieser Vorfall bewirkte bei mir, dass ich meine Scheuklappen fallen ließ, meinen Weitblick erweiterte und sich mein Denkmuster völligl veränderte. Zum ersten Mal in meinem Leben war nicht ich der Betroffene, sondern der Teilnehmende und Begleitende des Geschehens. Dieser Zustand von Hilflosigkeit und Ohnmacht hat mir vor Augen geführt, was meine liebe Großmutter, meine lieben Eltern und meine lieben Schwestern, aber vor allem auch meine mir stets unterstützend und aufopfernd zur Seite stehende liebe Yvonne durchgemacht haben. Das von meinem Ego aufgebaute Steuerungssystem versagte plötzlich. Dies führte bei mir zu einem regelrechten Sinneswandel. Seither betrachte ich das tägliche Geschehen nicht mehr allein aus meiner persönlichen Optik. Ich versuche stets auch die Perspektive meines Gegenübers zu verstehen, wer immer das ist.

Die 3 Lebensbereiche

1 Der persönliche Bereich

1.1 Meine Lebensgeschichte

1.1.1 Die Kinder- und Schuljahre

Am 11. August 1948 kam ich zur Welt. Mit 51 Zentimeter Länge und 4.2 Kilogramm Gewicht war ich wahrlich kein unterentwickeltes Kind. Das Ganze geschah im kleinen Bergdorf Masein mit seinen damals rund 170 Einwohnern. Verantwortlich für meine Hausgeburt war meine einmalige, wunderbare Stiefgroßmutter Menga. Sie lebte in unserer Familie, bestehend aus meinem Vater Martin, meiner Mutter Erika und bis zu meiner Geburt mit meiner Schwester Anna Marie im gleichen Haushalt. Zwei Jahre später wurde meine zweite Schwester Ursina geboren.

Jeremias Gotthelf, ein Schweizer Schriftsteller, schrieb einmal: „Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.“ Dieser Grundsatz wurde von meinen lieben Eltern und unserer allseits geliebten Stiefgroßmutter Menga nicht bloß zur Kenntnis genommen, sondern vollumfänglich vorgelebt.

Meine Mutter verlor ihre leibliche Mutter bereits kurz nach der Geburt. Großvater Arnold heiratete danach Menga. Sie war eine gute Freundin unserer leiblichen Großmutter Elisabeth. Schon mit 17 Jahren verlor meine Mutter auch ihren Vater Arnold. Menga übernahm die Sorge ihrer Stieftochter Erika. Sie löste zudem die damaligen Probleme mit dem durch den Tod unseres Großvaters verwaisten Landwirtschafsbetrieb. Großvater Arnold war Bluter und zählte zur Sippe der Bluterfamilie aus Tenna.

Unsere „Ersatz-Großmutter“ Menga stammte aus einer Lehrpersonenfamilie. Sie war sehr intelligent, einfühlsam und verfügte über eine riesige Sozialkompetenz. Nach Sprachaufenthalten in der französischen Westschweiz und im Tessin erlernte sie den Beruf der Hebamme. Diesen Beruf übte sie kompetent und mit Herzblut bis ins fortgeschrittene Alter aus. Leben und Einsatz für ihre Mitmenschen bedeuteten für sie alles.

Mein Vater wuchs in Tenna auf. Er siedelte erst nach der Heirat mit meiner Mutter nach Masein um. Ab dem 23. Altersjahr bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Aufseher in der kantonalen Strafanstalt Realta in Cazis. In seiner Freizeit betrieb er leidenschaftlich gern seine Schafzucht. Sein Beruf prägte ihn und er war sehr darauf bedacht, die drohenden Gefahren des Lebens auch uns Kindern mitzuteilen und dies in die Erziehung einfließen zu lassen.

Damit mein Vater sein Hobby pflegen und genießen konnte, war auch ein enormer Arbeitseinsatz meiner Mutter erforderlich. Viele Nächte pro Jahr und auch unzählige Wochenenden musste mein Vater in der Strafanstalt verbringen. Schlafen in der Anstalt zählte nicht als Arbeitszeit, sondern war Selbstverständlichkeit. Die Schafe mussten aber trotzdem versorgt werden und somit war in unserer Familie absolute Teamarbeit angesagt.

Unsere Großmutter Menga war der ruhende Pol und gleichzeitig aber auch die führende Person der Familie. Durch die Arbeitsaufteilung zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter wurden gleichzeitig auch ihre Zuständigkeiten bestimmt. Meine Mutter besorgte den Garten, verpflegte die Haustiere, half bei der Feldarbeit mit und unterstützte Menga im Haushalt. Die Küche, die Kinderbetreuung und später die Unterstützung bei den Schulaufgaben war ebenfalls Sache von Menga. Sie opferte sich buchstäblich für das Wohlergehen unserer Familie.

Aufgrund unserer komfortablen Situation hatten wir als Familie maßgebende Vorteile und das große Vergnügen über ein aus heutiger Sicht betrachtet primitives Eigenheim mit Umschwung und großem Auslauf zu verfügen. Dieses Privileg trug auch wesentlich zu unserer Persönlichkeitsentwicklung bei. Freiheit und Unabhängigkeit wurde uns so schon mit in die Wiege gegeben.

Dank dieser Voraussetzungen war die Familie sozial sichergestellt und wir Kinder durften eine wunderbare Kinder- und Jugendzeit erleben. Geprägt war das Ganze von gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Liebe.

Wäre da nicht die heimtückische Bluterkrankheit gewesen, hätten wir uns im wahren Paradies befunden.

Als zweijähriges Kind schnitt ich mir in den linken Zeigefinger. Die Schnittwunde blutete ununterbrochen und fortwährend. Die Stunde der Wahrheit nahte. Der konsultierte Hausarzt vermutete zu Recht, dass es sich bei mir um einen weiteren Bluter in der Familie handeln könnte. Für meine Eltern bedeutete dies den Schock fürs Leben. Weitere Abklärungen ergaben, dass sich die Befürchtungen bewahrheiteten. Eine sehr belastende und herausfordernde Bürde wurde mir als Betroffenem wie auch allen meinen Familienangehörigen auferlegt. Zu dieser Zeit war die Bluterkrankheit eine stetige Gratwanderung zwischen Leben und Tod.

Aufgrund der Erfahrungen mit meinem Großvater als Bluter war meinen Eltern wie auch meiner Großmutter bekannt, dass die Bluterkrankheit vererbt wird, dass die Frauen nicht erkranken, sondern Überträgerinnen der Krankheit sind und dass die Krankheit auch als die Krankheit der Könige galt. Ferner wussten sie, dass Bluter keine lange Lebenserwartung haben. Ebenfalls bekannt war, dass es unterschiedliche Krankheitsbilder gibt. Man spricht von der Bluterkrankheit A und B. Alle Angehörigen von Blutern lebten damit in ständiger Angst und Hilflosigkeit im Zusammenhang mit den Leidensgeschichten und dem lauernden Tod der Betroffenen. Übrig blieb für meine Eltern und meine einmalige Großmutter somit für den Moment allein die Hoffnung, dass das Leben und nicht der Tod obsiegen würde.

Von den ersten fünf Jahre blieb mir vor allem in Erinnerung, dass ich mir als Vierjähriger beim Skifahren eine Bänderzerrung im linken Knie zuzog. Danach hütete ich längere Zeit das Bett. Skifahren wie auch das Betreiben aller sonstigen Sportarten waren fortan keine Themen mehr für mich. Mit diesem Ereignis begann für mich mein persönlicher Lebensweg und letztlich die soziale Isolation.

Im Jahre 1955 begann der Ernst des Lebens. Ich wurde in der Primarschule in Masein eingeschult. Damals dauerte ein Schuljahr lediglich sechs Monate, nämlich vom 1. Oktober des laufenden bis zum April des nächsten Kalenderjahres. Die Anzahl der wöchentlichen Schulstunden lag bei 33 Stunden und das 26 Wochen lang. Eine kurze Erholungszeit gab es nur zwischen Weihnachten und Neujahr.

Die Schule war aufgeteilt in eine Unter- und eine Oberstufe. Zwei Lehrer waren zuständig für die Ausbildung der Kinder. Ein Kindergarten existierte nicht. Erst als ich in der dritten Klasse war, wurde die Schule in drei Stufen aufgeteilt und eine dritte Lehrkraft angestellt. Fortan war eine Lehrkraft für die erste, zweite und dritte Klasse, die zweite für die vierte, fünfte und sechste Klasse und die dritte für die Oberstufe umfassend die Klassen sieben bis neun zuständig. Eine Sekundarschule existierte in Masein nicht. Den Besuch der Sekundarschule ermöglichte uns Schulkindern von Masein die Gemeinde Thusis. Ich absolvierte dort die Sekundarschule ab 1961 bis 1964.

Mit zunehmendem Alter, bereits ab dem sechsten Altersjahr, machte sich die Bluterkrankheit bei mir vermehrt bemerkbar. Das führte dazu, dass ich jährlich mehrere Blutungen bekam. Diese häufigen Blutungen machten mir zu schaffen. Interessanterweise wiederholten sich die spontanen Blutungen periodisch, meistens im Frühjahr und im Herbst. Spontane Blutungen entstehen ohne äußere Einwirkung oftmals sogar im Schlaf. Der Verlauf einer Blutung verläuft stets gleich. Anfänglich verspürt der Hämophile* an der Stelle der Blutung ein Druckgefühl. Dieses Druckgefühl nimmt von Stunde zu Stunde zu. Ob in einem Gelenk oder in der Muskulatur eines Beines, Armes oder einer Hand nehmen die Schmerzen bei zunehmender Schwellung verursacht durch die Blutung laufend zu. Bei mir war es meistens so, dass eine Blutung erst nach sieben bis acht Tagen zum definitiven Stillstand kam. Das Resultat nach dem Stillstand der Blutung war, dass sich je nach Ort des Hämatoms* Blut von ein bis zwei Litern oder mehr angesammelt hatte. Da das gestockte Blut durch den eigenen Körper abgebaut wird, bedeutete dies für mich, dass ich während mehreren Wochen für lange Zeit das Bett hüten musste. Während diesen wochenlangen Rehabilitationszeiten war ich immobil. Gehen war nicht möglich. Die damit für mich verbundene totale Abhängigkeit von meiner ganzen Familie oder Drittpersonen war für mich sehr erniedrigend. Nicht einmal selbst aufs WC gehen zu können, war sehr belastend. Obwohl ich stets im Mittelpunkt der Familie stand und der Hahn im Korb war, belastete mich immer und immer wieder das Problem der Gleichbehandlung meinen Schwestern gegenüber. Mir war wohl bewusst, dass sie laufend zu meinen Gunsten auf Nächstenliebe und sonstige Betreuung der Eltern und unserer Großmutter verzichten mussten. Hoffentlich war der Verzicht dennoch nicht so groß und beeinträchtigend, dass damit ihre Persönlichkeitsentwicklung Schaden nahm.

Wenn ich heute rückblickend an diese Horrorszenarien denke, so ist es für mich schier unerklärbar, dass ich diese Zeiten überhaupt überlebt habe. Zur damaligen Zeit fehlte es an Schmerzmitteln. Gerinnungspräparate wie heute gab es keine. Übrig blieb allein die Hoffnung, dem Tode zu entrinnen. Was zählte war positives Denken, der Glaube an Gott und eine begleitende und unterstützende Hilfsperson, die bereit war, alles zu geben und trotzdem selbst nicht an die Grenzen des Erträglichen zu stoßen.

In der Person meiner Großmutter Menga wurde mir alles, was ein Mensch in solchen Situationen braucht, gegeben. Mit ihrem ruhigen und vertrauenswürdigen Verhalten und ihrer liebevollen Hingabe und Empathie half sie mir, die größten Klippen in den wütenden Wogen dieser Odyssee zu überwinden. Sie lebte mir vor, was Liebe, Geborgenheit und Hingabe für uns Menschen bedeutet. Dank ihr bin ich geworden, was ich heute bin.

Als kleinen Einblick, und damit das Vorgefallene besser verstanden werden kann, erlaube ich mir, einen solchen Akt der liebevollen Unterstützung kurz zu beschreiben. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Ich tummelte mich mit Kollegen im Freien. Dabei wollte ich wie die anderen über einen Holzzaun klettern. Ich setzte den linken Fuß auf das zweite montierte Brett, hob mein rechtes Bein und bewegte es über den Zaun mit der Absicht, den rechten Fuß auf gleicher Höhe wie den linken zu positionieren. Im selben Moment rutschte ich ab und fiel mit voller Wucht auf die Kante des obersten Zaunbrettes. Sofort wurde mir klar, was das für mich bedeutete. Ich begab mich bereits von Schmerzen geplagt auf den Heimweg. Glücklicherweise war ich nur etwa hundert Meter von unserem Zuhause entfernt. Kaum auf der Treppe beim Hausgang, die nach unten zur Wohnung führte, angekommen, empfing mich meine Großmutter mit nachdenklichem Blick. Ich spürte sofort, dass auch ihr blitzartig bewusst wurde, was sich da anbahnte. Sie verhalf mir in die Wohnstube und begleitete mich zum Sofa neben dem großen, prachtvollen, grünen Kachelofen. Dies war der Ort, wo ich stets zusammen mit meiner Großmutter die Leidenszeit während der akuten Blutungsdauer verbrachte. Der Zugang zum Schlafzimmer unserer Großmutter führte direkt von der Wohnstube in ihr Schlafzimmer. Damit bestanden optimale räumliche Verhältnisse, einerseits für meine Großmutter als Betreuerin und für mich als Betroffener. Die für mich so wichtige Unterstützung war somit garantiert.

Die Schwellung war bereits so groß und physisch wirksam, dass ich nur kurze Zeit später nicht mehr gehen konnte. Die Tortur begann und die Angst vor dem Verbluten stieg immer stärker in mir auf.

In solchen Situationen gab es nur eine Möglichkeit. Wichtig war, sich möglichst rasch in eine Ruhestellung zu begeben und mit kalten Essigsäure-Tonerde-Wickeln die Stelle der Blutung abzukühlen. Kälte wirkt blutstillend und schmerzmildernd. Allein der Glaube an diese Behandlungsmethode bewirkte Wunder. Je nach Heftigkeit der Blutung verblasste die Wirkung dieses Wundermittels aber rasch und die Tatsache, einer unkontrollierbaren IST-Situation gegenüberzustehen, verschlechterte meinen Zustand von Stunde zu Stunde. Sehr wichtig war ferner die richtige Lagerung des lädierten Körperteils. Für die Lagerung diente jeweils ein Leinenkissen gefüllt mit Spreu. Es konnte leicht verschoben und beispielsweise dem Knie angepasst werden und führte zugleich zu etwas Entspannung.

Geplagt von laufend zunehmenden Schmerzen, Angst und Unverständnis und der immer wieder auftauchenden Frage „Warum schon wieder?“ wurde ich stets nervöser, aggressiver und unkontrollierter. Das hatte zur Folge, dass ich außerstande war, ruhig liegen zu bleiben und nicht immer an die Schmerzen und die Verblutungsgefahr zu denken. Spätestens nach drei Tagen war ich meistens meinem Erschöpfungszustand ausgeliefert. Für meine Großmutter musste dies jeweils einen Befreiungsschlag bedeutet haben. Denn in diesem Zustand versagten meine persönlichen physischen und psychischen Kräfte und der Schlaf übermannte mich.

Meine Großmutter saß während dieser Prozeduren jeweils Tag und Nacht auf einem Stuhl neben mir. Wenn ich vollständig frustriert und erschöpft dalag, nahm sie meine Hände und streichelte sie, oder wenn es aus ihrer Sicht angebracht war, betete sie mit mir zusammen und bat Gott um Unterstützung und Gnade. Sie ließ mich ihre Liebe buchstäblich in mir spüren und verhalf mir damit zu neuer Kraft und Zuversicht.

Obwohl ich bislang bereits einige spontane Blutungen, eine massive Blutung infolge Einsinkens in einem Sumpfgebiet auf einer Alm, einen Ski- und ferner einen Velounfall erleiden musste und mein linkes Knie deformiert und auch nicht mehr komplett beweglich war, eine Blutung in diesem Umfang war auch für mich einzigartig. Mein linker Oberschenkel, mein linkes Becken und die ganze Leistengegend waren vollumfänglich gefüllt mit gestocktem Blut. Es dürfte sich um eine Menge von 1.0 bis 1.5 Liter Blut gehandelt haben. Die gesamte Hautoberfläche präsentierte sich wie ein Regenbogen. Das Ausmaß der Blutung war schlicht gewaltig. Die Haut war dermaßen gespannt, dass ich befürchtete, sie könnte jeden Moment platzen. Erst am achten Tag nahmen die Schmerzen ab und auch der Druck auf das Nervensystem flachte langsam ab. Meine Großmutter, ich und auch meine ganze Familie durften aufatmen. Das Ende der akuten Blutung war in Sicht. Ein Rest dieses Hämatoms in der linken Leistengegend begleitete mich noch während zwei Jahren, bis das ganze gestockte Blut restlos resorbiert war.

Was meine liebe und unvergessliche Großmutter in solchen Zeiten alles mitmachte und mit welcher Selbstverständlichkeit sie das alles auf sich nahm und mich unterstützte, wurde mir erst viele Jahre später so richtig bewusst. Leider weilte sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unter uns.

Auf der menschlichen Ebene gilt es zudem noch Folgendes festzuhalten. Mit meinem Schulkameraden Carl, mit dem ich zusammen von der ersten bis zur letzten Stunde während der obligatorischen Schulzeit die Schulbank drückte, entstand eine echte Freundschaft. Er unterstützte mich jederzeit und hielt auch in schlechten Zeiten zu mir. Dies war sehr wohltuend und ist auch heute noch eine sehr große Bereicherung für mich.

Mit dem Eintritt in die Sekundarschule in Thusis veränderte sich einiges. Erstens endete damit die jährliche kurze Schulzeit. In Thusis dauerte sie einige Wochen länger. Zweitens zwang mich die bedeutend größere Anzahl von Schülern auf dem Schulareal zu vermehrter Achtsamkeit die lauernde Gefahr betreffend, gestoßen oder touchiert zu werden.

In der Person von Titus, einem Mitschüler in unserer Klasse, fand ich einen weiteren echten Schulkameraden. Daraus entstand eine vertiefte Freundschaft, die bis zu seinem viel zu frühen Ableben dauerte. Er war wie ein Bruder für mich. Auch er teilte alle Hochs und Tiefs mit mir und war stets zur Stelle, wenn ich Unterstützung benötigte. Der Vater von Titus war ein bekannter Bauunternehmer, der jahrzehntelang eine bedeutende Rolle in der Bündner Bauwirtschaft spielte. Sein persönliches Auftreten, seine Sozialkompetenz und vor allem auch seine Bereitschaft zur gesellschaftlichen Verantwortungsübernahme waren für mich vorbildlich und beispielhaft. Er prägte damit auch meine Persönlichkeit.