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Unser Usedom Tierische Geschichten zum Schmunzeln Vom Strandkorb bis zum Mauerfall Usedom - eine Insel, wo das Rauschen der Wellen unvergessliche Erinnerungen weckt. Diese bewegende Aussage führt uns in einen Roman, der uns auf eine Reise in die Vergangenheit mitnimmt. Usedom erwacht aus einem Dornröschenschlaf und lässt zauberhafte Villen wie Phönix aus der Asche emporsteigen, die bis heute das Bild der Kaiserbäder bestimmen. Wir erleben das Leben des Protagonisten, der in der DDR-Zeit unweit von Usedom aufwächst und hautnah den Mauerfall und die Wendezeit miterlebt. Dabei wird er mit den Herausforderungen konfrontiert, die diese Veränderungen mit sich bringen. Doch nicht nur politische Konflikte prägen sein Leben, auch tierisch witzige Geschichten, die er auf der Insel erlebt, werden erzählt. Vom Fahnenappell bis zum Bau der Seebrücke - der Leser wird in eine Welt voller Erinnerungen, Abenteuer und Emotionen eintauchen. Dieser Roman berührt und begeistert, mit einer Ich-Erzählung, die den Leser tief in die Gedankenwelt des Protagonisten eintauchen lässt und gleichzeitig eine Hommage an die Insel Usedom ist. Die Beschreibungen der Landschaft und Natur sind so detailreich, dass man das Gefühl hat, selbst auf Usedom zu sein. Ein absolutes Lesevergnügen, das man nicht verpassen sollte.
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2025
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– geboren 1961 in der Feldberger Seenlandschaft.
Eine Region geprägt von kristallklaren Seen, Kanälen und Wasserläufen, die auch heute noch zu meinen absoluten Favoriten gehört. Meine Kindheit und auch meine Jugendjahre habe ich in der DDR verbracht. Doch trotz der politischen Umstände und Einschränkungen, die das Leben in der DDR mit sich brachte, hatte ich eine glückliche Zeit.
Ich erinnere mich noch gut an unsere Sommerurlaube am Lichtenberger See und die vielen Ausflüge mit meinen Eltern. Nach dem Mauerfall begann für mich ein neues Kapitel im Leben auf der Insel Usedom. Hier konnte ich eine kleine Pension übernehmen und erlebte hautnah den Aufbau der Kaiserbäder.
Ich war fasziniert von der Geschichte und Architektur der alten Villen und Hotels, die nach dem Krieg verfallen waren. Es war ein langer Prozess, aber langsam wurden sie restauriert und wieder zum Leben erweckt.
Heute ist Usedom eine beliebte Urlaubsdestination mit kilometerlangen Sandstränden, malerischen Dörfern und historischen Sehenswürdigkeiten.
Doch trotz des Tourismus hat sich die Insel ihren Charme bewahrt. Für mich wird Usedom immer ein besonderer Ort bleiben - nicht nur wegen meiner persönlichen Erinnerungen, sondern auch wegen seiner Schönheit und Vielfalt.
Die Autorin begibt sich heute als begeisterte Freizeitfotografin auf die wunderschöne Insel Usedom. Mit Leidenschaft und Kreativität hält sie die atemberaubende Schönheit der Ostsee und ihrer Strände fest.
Jeden Tag und jeden Morgen könnt ihr auf der Facebook-Seite UNSER USEDOM ein neues Meisterwerk bewundern, einen atemberaubenden Sonnenaufgang am Ostseestrand. Lasst euch von dieser einzigartigen Naturschönheit verzaubern und erlebt die Magie von Usedom hautnah!
Ein Buch zu schreiben ist wie eine Reise zu machen. Man weiß nie, was einen erwartet, wie lange es dauert oder wo man ankommt. Aber man kann sich immer auf eines verlassen: Es wird spannend, lehrreich und manchmal auch urkomisch. Denn ein Buch ist mehr als nur Worte auf Papier. Es ist ein Spiegel der Seele, ein Fenster zur Welt und ein Freund fürs Leben. Also pack deine Koffer, schnappe dir das Buch und lass dich überraschen, wohin diese Reise geht.
Als ich mit diesem Buch begann, waren bereits zwanzig Jahre nach der Wende vergangen. Zu dem Zeitpunkt ist mir aufgefallen, dass viele Geschichten aus DDR-Zeiten, sowie auch viele Begriffe, welche damals wie selbstverständlich zu unserem Leben gehörten, bereits in Vergessenheit geraten sind. Eine neue Generation war geboren und nahm all diese Geschichten bestenfalls wie wundersame Erzählungen wahr. Es war an der Zeit, Erinnerungen in einem Buch, einen kleinen Roman festzuhalten und für die nächsten Generationen aufzuschreiben. Da ich das Ganze als Hobby betrachtete, ahnte ich noch nicht, dass noch weitere zehn Jahre vergehen würden bis zur Veröffentlichung des Romans.
Viele der Geschichten sind authentisch, jedoch immer mit viel Fantasie verpackt. Die meisten Mitspieler hat es auch gegeben. Einige aber, so wie das Schatzilein, sind frei erfunden. Nachdem ich sie an Bord bekommen hatte, machte es auf einmal richtig Spaß, sie in die Geschichte einfließen zu lassen.
Jetzt ist endlich mein erster Roman fertig. Witzig, frech und gleichzeitig mit viel Spannung geschrieben.
Ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe, meine Ideen und Gedanken auf Papier zu bringen. Es war eine Herausforderung für mich, aber auch ein unglaubliches Erlebnis. Ich hoffe sehr, dass mein Buch den Lesern genauso viel Freude bereiten wird wie mir beim Schreiben. Jetzt freue ich mich erst einmal darauf, meinen Roman der Welt zu präsentieren und gespannt auf das Feedback der Leserinnen und Leser zu warten.
Weitere Geschichten könnten folgen – wer weiß?
Prolog
Kapitel 01 Es war Sommer auf Usedom
Kapitel 02 Der 09. November 1989
Kapitel 03 Das Telefon
Kapitel 04 Früher, ja früher war alles besser
Kapitel 05 Das Jahr Fünf nach dem Mauerfall.
Kapitel 06 Der Chef in unserem Haus
Kapitel 07 Der Westbesuch
Kapitel 08 Montag früh, 12. September 1977
Kapitel 09 Montag früh, 12. September 1994
Kapitel 10 Vorwärts immer, rückwärts nimmer
Kapitel 11 Abendbrot
Kapitel 12 Das Abenteuer Wende beginnt
Kapitel 13 An der Abend Bar
Kapitel 14 Anfang mit Hindernissen
Kapitel 15 Der ganz normale Wahnsinn
Kapitel 16 Schatzilein
Kapitel 17 Eine Ratte kommt selten allein
Kapitel 18 Das Festzelt
Kapitel 19 Tag eins meiner Rache
Kapitel 20 03.Oktober 1990 am Vormittag
Kapitel 21 03. Oktober 1990 am späten Nachmittag
Kapitel 22 Tag fünf meiner Rache
Kapitel 23 Tag sieben meiner Rache
Kapitel 24 Die Party steigt
Kapitel 25 Herberts Rache
Kapitel 26 Liebe kennt keine Grenzen
Epilog
Danksagung
Buchempfehlung
Sei du selbst, denn alle anderen sind schon vergeben.
Anfangs war es nur ein Schrei aus weiter Ferne, völlig unerwartet, er klang schrill und auch sehr laut.
Mit einem Riesenschreck erwachte ich und sprang aus meinem Bett. Meine Augen waren weit aufgerissen, das Herz schien bis in den Hals zu klopfen. Ehe ich begriffen hatte, was geschah, ertönte ein weiterer fürchterlicher Schrei, welcher grell durch die Lüfte eilte. Hatte ich nur geträumt? Nein. Ich konnte den Schrei zuordnen. Den Schrei, den ich kannte, oft schon hörte, den Schrei einer Möwe. Wahrscheinlich der einer Super Möwe, die dafür verantwortlich war, so schrill und laut wie möglich, so grell und durchdringend, wie es nur geht, den Möwen Himmel in Alarmbereitschaft zu versetzen. Noch im selben Moment setzte, wie zur Antwort, ein ganzer Chor dieser schreienden Strandhühner ein. Was für ein Alarm am frühen Morgen. Das konnten nur unsere Möwen sein. Eigentlich sollte ich vor Erleichterung froh sein, dass nur meine Fantasie mit mir durchdrehte, doch das ging gar nicht. Nein, das ging in jenen Sommer überhaupt nicht. Seit einigen Tagen nun mussten wir diese schrille und schroffe morgendliche Begrüßung über uns ergehen lassen. Hatten diese Biester doch tatsächlich auf dem Nachbarhaus ein Nest gebaut und ein Junges ausgebrütet. Die gesamte Sippschaft schien es zu bewachen.
Es schienen große Schwärme unterwegs zu sein, die mit viel Alarm und Gekreische versuchten, alle Gefahren für das Jungtier zu verbannen. Oder nur um auf sich aufmerksam zu machen? Keine Ahnung. Es war einfach fürchterlich. Sie machten einen Alarm, als würde dort jeden Moment ein Fuchs mit seinem Gefolge auf das Dach springen. Und das liebe Leser, natürlich immer in den frühen Morgenstunden, sofern die Morgensonne über den Horizont der Ostsee blickte und den ersten Sonnenstrahl des Tages hinüber an den noch menschenleeren Strand schickte, setzte ein Schwadron von Möwen ein, als ginge es um Leben und Tod. Für alle, die hier nicht im Urlaub waren, sondern arbeiten mussten und sich damit um das Wohl unserer Gäste kümmerten, wurde es zu einer ganz besonderen Zumutung, denn irgendwann müssen auch wir schlafen. So ein Sommer fordert von uns immer vollen Einsatz. Unsere Gäste hatten immer noch die Möglichkeit, am Tag den Schlaf nachzuholen. Wir hatten das nicht. Denn wenn der Tag erwacht, graute meistens nicht nur der Morgen, sondern eine Vielzahl von Aufgaben. Langsam entfernte ich mich vom Fenster, zog die Gardinen wieder zurecht und setzte mich dann doch etwas erleichtert auf den Rand meines Bettes. Mein Herzschlag schien sich zu beruhigen, als plötzlich das schrille Läuten des Weckers einsetzte. Das war jetzt zu viel. Mehr als ich ertragen konnte am frühen Morgen. Wütend und echt mies drauf hätte ich jetzt am liebsten diesen blöden Wecker, den schreienden Möwen hinterhergeschmissen. Doch das hätte nicht genutzt, dachte ich so bei mir und stellte das laute Ungetüm auf seinen Platz zurück! Doch eines war mir klar geworden: Ich war jetzt vollends wach. Noch mal zurück ins Bettchen schien für mich unmöglich. Die Geräusche unserer fliegenden Freunde hatten sich etwas verzogen und waren nur noch aus der Ferne zu hören. Jetzt nerven sie unsere Nachbarn. Sollen sie doch, dachte ich so bei mir. So sind wir dann wenigstens alle wach. Der gesamte Ort, mit all seinen Bewohnern, Einheimischen und vielen Gästen. Das war zwar ein schwacher Trost, aber immerhin ein Trost. Obwohl es noch sehr früh war, dachte ich darüber nach, heute an den Strand zu gehen. Schon jetzt prahlte die Sonne mit ihrer Kraft. Der Schweiß, den ich mir von der Stirn wischte, hatte nichts mehr mit den Möwen zu tun. Es war Sommer auf Usedom und jeder, der hier wohnte, hier seinen Urlaub verbrachte oder nur zum Baden oder einem Spaziergang am Meer hierherkam, jeder, der hier kellnerte, als Koch in der Küche bei Sauna ähnlichen Temperaturen sein Bestes gab, jeder, der hier Strandkörbe oder Gästezimmer vermietete, als Taxifahrer im Stau steht, als Kassierer stundenlang an der Kasse sitzt oder Ferienwohnungen ohne Ende putzt, bekam es mit ganzer Kraft zu spüren. Wir hatten einen Jahrhundertsommer. Es war schon der dritte in Folge. In diesem Jahr schien es der Echte zu sein und übertrumpfte schon jetzt alles Dagewesene der Vorjahre. Mein Gefühl sagte mir, die Kontinente haben sich verschoben und uns die Hitze von Afrika geschickt. Jeder spürte diese Affenhitze. Die Butter schmolz im Kühlschrank und die Getränkeindustrie rieb sich die Hände. Sämtliche Kühlgeräte, Lüfter und Ventilatoren liefen auf Hochtouren und kurbelten die Stromrechnung gewaltig an. Da blieb eigentlich nur noch der Strand, sollte man meinen. Doch wenn ich daran dachte, wie überlaufen es da unten war, dann sollte ich vielleicht doch die Dusche zu Hause nutzen. Nein, der Strand machte zurzeit keinen erfrischenden Eindruck, denn er war wie unsere Straßen völlig überfüllt. Eine ruhige Ecke finden, das war so gut wie unmöglich - eine Abkühlung im Wasser der Ostsee, schon lange nicht mehr denkbar. Denn auch hier hat die Sonne ganze Arbeit geleistet und aus der Ostsee eine riesige Badewanne gemacht. Dabei waren wir erst gestern zum Strand hinunter und haben eine Stippvisite vorgenommen. Geplant war das allerdings nicht, denn ein Strandbesuch im Sommer ist schon eher ein glücklicher Zufall als Alltagsgeschehen. Doch gestern Nachmittag waren alle Anreisen schon sehr zeitig angekommen. Unser Kofferservice hatte die Gepäckstücke unserer geschätzten Gäste bereits geliefert - eine erfreuliche Seltenheit während der belebten Hauptsaison. Zudem war der Einkauf für den nächsten Tag sorgfältig in der Speisekammer und im Kühlschrank verstaut. Es war einer von seltenen Tagen. Das grenzte schon an ein kleines Wunder. Ein freier Nachmittag mitten in der Hochsaison. Heinrich stand in seiner kleinen Werkstatt und hoffte dort wohl auf eine kleine Abkühlung, vielleicht auch auf ein Nickerchen in seiner privaten Abgeschiedenheit. Doch der Gast von Zimmer 11 hatte ihn noch erwischt und befragte ihn bereits seit einer dreiviertel Stunde nach den Gewohnheiten in der damaligen DDR. Von Weitem konnte ich schon erahnen, wie Heinrich seine Augen verdrehte und höchstwahrscheinlich mit seinen Paraden Antworten das Gespräch führte. Jetzt konnte ich erkennen, wie der Gast ein Foto aus seiner Jackentasche zauberte und Heinrich präsentierte. Das auch noch, dachte ich so bei mir. Es war Zeit zum Handeln, um dem Ganzen ein Ende zu setzen. Denn es war Alarmstufe Rot angesagt, und ich wusste, wie Heinrich es nervte, wenn jemand einfach nicht aufhören wollte zu erzählen. Ich rief laut nach Heinrich. Dabei tat ich dann so, als wenn jeden Moment die Küche brennt oder die Fritteuse explodieren würde. Der Hilferuf war nicht zu überhören. Sogar unser Gast aus Zimmer elf, der bereits seine gesamten Familienfotos auf Heinrichs Werkbank ausgebreitet hatte, wurde aufmerksam. Heinrich wusste meinen Hilferuf sofort zu deuten und stürzte wie von der Tarantel gestochen aus seiner Werkstatt. Dabei kam er mit Riesenschritten, quer über den Hof, auf mich zu gerannt, wobei ich schon ein leichtes Grinsen auf seinem Gesicht ausmachen konnte. Schnell öffnete ich die Haustür, um sie im selben Moment, als Heinrich diese durchschritt, wieder fest zu verschließen. Das hatten wir nicht das erste Mal geübt, freuten uns jedoch immer wieder wie kleine Kinder. Verschanzt im Schutz der Veranda, konnten wir erkennen, wie unser Gast seine Fotos wieder von der Werkbank nahm und, wenn auch zögernd, das Grundstück verließ. Grinsend schauten wir uns an und beschlossen dann, über den Hintereingang zur Küchentür, an den Strand zu flüchten. Dabei waren wir zwar gezwungen, einige kleine Umwege zu gehen, damit wir keinen weiteren Gast treffen würden, der uns mit Fragen löchern würde. Wir wollten jetzt einfach unsere Ruhe. Die steile Treppe am Kulm zum Strand war stets eine Herausforderung, denn die riesigen Stufen waren nicht sehr besucherfreundlich angebracht. Man benötigt immer einen halben Schritt mehr als gewohnt, um die nächste Stufe zu erklimmen oder hinabzusteigen. Doch heute nahmen wir die Stufen mit großen Schritten und hüpften dabei mit übermütigen Sprüngen die Treppe hinab, welche direkt an der Promenade endete. Eine Art Wettrennen war entstanden und es ließ uns glauben, noch wie die Teenager albern zu können. Angesichts der fragwürdigen Treppenkonstruktion dauerte es auch nicht lange, bis eine Baumwurzel unser kurzes Intermezzo beendete. Auf der letzten Treppenstufe kam Heinrich ins Stolpern, konnte sich nicht mehr halten, verlor das Gleichgewicht und segelte dabei, wie konnte es anders sein, in die Brennnesseln. Da hatten wir den Salat. Grinsend lief ich auf Heinrich zu, doch er war bereits dabei, seine Sachen, die mehr für die Werkstatt als für den Strand bestimmt waren, von Steinen, Brennnesseln und kleinen Disteln zu befreien. Außer einigen kleinen Schürfwunden und einem entsetzlichen Jucken an seinen Händen war nichts weiter passiert und wir konnten jetzt, mit größerer Vorsicht, unseren kleinen Ausflug fortsetzen. Zum Strand war es nun nicht mehr weit und schon sehr bald standen wir barfuß im heißen Sand am Ostseestrand. Der Sand war in diesem Sommer außerordentlich heiß geworden. Deshalb liefen wir schnell ins Wasser, wo wir uns sofort der Länge nach und in voller Montur fielen ließen und die kleine Abkühlung genossen. Mit kräftigen Schwimmbewegungen ging es auf die Ostsee hinaus. Bald standen wir auf einer Sandbank und genossen diesen wunderschönen Moment, weit weg vom ganzen Trubel. Ich schmiegte mich an Heinrich und wünschte, dass dieser Moment lange anhalten würde. Weiter draußen schien die Ostsee glatt wie ein Spiegel. Wir sahen kleine Segelboote, getrieben von ihren weißen Segeln. Das Meer schimmerte dabei wunderschön im Tageslicht. Dabei war sein Spiegelbild bis an den Strand zu sehen. Einfach zauberhaft. Die Sonne stand hoch am Himmel und ihre Strahlen wärmten mein Gesicht angenehm auf. Ich schloss für einen Moment die Augen und lauschte dem sanften Rauschen der Wellen an Land. Plötzlich sah ich etwas Dunkles im Wasser schwimmen. War es etwa eine Robbe? Neugierig beobachtete ich das Tier, während es langsam näherkam. Als es schließlich direkt vor uns auftauchte, erkannte ich erleichtert: Es war nur ein großer Fisch! Aber was für einer! Seine silbrigen Schuppen glänzten im Sonnenlicht wie Diamanten. Wir verfolgten ihn mit unseren Blicken, bis er wieder in den Tiefen der Ostsee verschwand – ein faszinierender Anblick. Auf dem Rücken liegend, ließen wir uns langsam treiben und beobachteten dabei eine klitzekleine Wolke am Himmel, die irgendwo den Eindruck machte, als wenn sie immer genau über uns stand. Vielleicht war es auch so, wer weiß das schon? Für uns war es gefühlt „unsere“ Wolke. Eine kurze Auszeit, mehr war es leider nicht, denn das Abendgeschäft stand vor der Tür und musste noch vorbereitet werden. Nur zögernd traten wir den Rückweg an, wobei wir den Rest des Weges mehr krabbelnd als schwimmend fortsetzen, bis wir das Ufer erreichten, genau an der Stelle, wo wir vor Kurzem noch unsere Schuhe achtlos in den feinen Sand am Strand geschmissen hatten. Halbsitzend im Wasser, halb liegend, beobachteten wir nun das Geschehen am Ostseestrand. Ein buntes Durcheinander von Strandkörben zierte den Strand. Ein bestimmtes System war hier nicht auszumachen. Rote, gelb gestreifte, grün karierte oder auch in der Farbe Blau oder einfach nur in Weiß, standen sie wie in einem Dschungel, in einem kreuz und quer, einem Zick und Zack über den gesamten Strandbereich verteilt. Jeden Tag aufs Neue verteilen unsere Gäste die am Vorabend ausgerichteten Strandkörbe über den gesamten Strandbereich. Es war nicht immer nachzuvollziehen, wozu das gut sein sollte. Einige standen dicht an der Wasserkante und die nächsten waren schon fast im Dünenbereich zu finden. Einige ganz Eifrige hatten sich ihre Strandkörbe dicht zusammengestellt, um gemeinsam den Tag zu verbringen oder mit der Nachbarin zu flirten. Andere Ostseeurlauber suchten einfach das Weite mit ihrem Strandkorb. Na, ja, des Menschen Wille können wir ohnehin nicht ändern, genauso wenig wie die Tatsache, dass sich dieses Schauspiel von Jahr zu Jahr immer wiederholt. Sinn und Zweck der Angelegenheit waren sicherlich, an einem sonnigen Urlaubstag ein lauschiges und windgeschütztes Plätzchen zu finden. Doch die Sommersonne knallte in diesem Jahr so heiß auf uns herab, dass es eigentlich nur noch lauschige Plätze gab. Unsere Strandkörbe waren zu reinsten Schwitz- und Schweißstuben mutiert und machten jeder Sauna Konkurrenz. Ein längerer Aufenthalt dort drinnen könnte in dieser heißen Sommerzeit zu gefährlichen Hitzeschäden führen. So zog man es vor, diesen als Ablage für alle möglichen unentbehrlichen Strandutensilien, wie Handtücher, Sonnencreme, Schwimmringe, Trecker Reifen, Schlauchboote, kleine Jachten und Surfbretter oder auch Kurschatten zu nutzen. Die meisten Gäste haben ihre Strandkörbe einfach in den Schatten gedreht. Hier streckte man sich aus, hier wurde ein Nickerchen gemacht, in einem Buch geschmökert, aufs Meer geschaut oder auch der hoffnungslose Versuch gestartet, die Sandkörner in der Hand zu zählen. Ein fröhliches Kinderlachen hallte durch die Luft und mischte sich mit dem leisen Plätschern der Wellen. Einige der Kinder hatten sich dort zu einer Wasserschlacht getroffen. Es schien ihnen sehr viel Spaß zu machen, immer wieder tauchen sie auf und wieder unter, um sich an ihre Mitspieler heranzupirschen. Eine Luftmatratze, ein kleines Schlauchboot und einige Schwimmringe in knallbunten Farben dienten heute als Schutzschild und Wasserwaffe zugleich. Mit blitzschnellen Bewegungen tauchten die Kinder ab, duckten sich hinter ihre „Verteidigungsboote“ und eröffneten mit lauten Juchzern das wilde Wasserschlacht-Finale. Wassertropfen spritzten in hohen Fontänen durch die Luft, begleitet von schrillem Kreischen und ansteckendem Gekicher. Es war einer dieser unbeschwerten Sommertage, an denen Kindheit in der Luft liegt – und niemand erwachsen sein will. Die meisten unserer Gäste lagen wie festgewachsen auf ihren Handtüchern – regungslos, in Badetücher gewickelt oder halb eingedöst, als hätte die Sonne selbst eine Sommerstarre über den Strand gelegt. Für die Kinder hingegen war das der perfekte Moment. Ihr Plan: eine heimliche Wasserattacke auf die friedlich dösende Welt der Erwachsenen. Mit verschwörerischem Blick und der Energie einer ganzen Horde Seeräuber schlichen sie in weitem Bogen um die Liegestühle und Picknickdecken, die nackten Füße heiß vom Sand, aber unbeeindruckt von der Glut des Nachmittags. In ihren Händen: bunte Buddeleimer, kleine Gießkannen, zusammengefaltete Luftmatratzen prall gefüllt mit glitzerndem Ostseewasser. Die Spannung war förmlich spürbar – als hielte der Strand selbst den Atem an. Dann, wie auf Kommando, ein schriller Schrei – irgendwo zwischen Triumph und Übermut – durchschnitt die flirrende Luft. Eine Sekunde lang herrschte absolute Verwirrung. Sonnenhüte flogen, Brillen wurden hochgerissen, Strandromane fielen aus Händen. Und dann: Gelächter, Schreie, flüchtende Kinderbeine, die quer durch das Chaos zurück zur Ostsee rannten. Zwei majestätische Sandburgen mit Muschelverzierung wurden im Eifer des Gefechts dem Erdboden gleichgemacht, eine verirrte Strandmuschel wurde zum Stolperstein, und eine empörte Möwe erhob sich kreischend in die Luft, als wolle sie Protest einlegen gegen diesen plötzlichen Tumult. Und mittendrin: Paul. In einem viel zu großen T-Shirt, auf dem mit großen Buchstaben „PAUL“ prangte, tapsend hinter den älteren Kindern her. Seine kurzen Beine wirbelten Sand auf, seine quietschenden Rufe mischten sich unter das Lachen der anderen – aber es reichte nicht ganz für den Anschluss. Ein bärtiger Mann, wohl sein Vater, schnappte ihn sich energisch am Arm, schimpfte halb im Ernst, halb amüsiert – doch kaum drehte er sich um, war Paul auch schon wieder frei. Wie ein kleiner Wirbelwind rannte er zurück in die bunte Bande, die sich am Wasserrand schon wieder neuformierte – bereit für das nächste große Abenteuer aus Sand, Sonne und salziger Freude. Ich stand mit Heinrich im seichten Wasser und beobachtete das Treiben am Strand. Dabei spielten kleine Wellen um unsere Fußgelenke und ließen uns kaum spüren, wie unsere Füße doch Stück für Stück und Welle für Welle immer ein kleines bisschen tiefer einsinken. Beim Versuch, mich wieder gerade aufzurichten – nach einem eleganten Ausrutscher auf nassem Sand – stützte ich mich reflexartig auf Heinrich, der gerade hochkonzentriert dabei war, seine Latschen im seichten Wasser zu entschlammen. Kaum stand ich halbwegs aufrecht, da tönte es blechern und bedeutungsvoll vom Lautsprecher: „Achtung, Achtung, hier spricht die Wasserwacht!“ Alle Köpfe drehten sich wie bei einer Möwenversammlung. „Das Baden in der Nähe der Buhnen ist verboten. Es besteht Verletzungsgefahr! Das Baden in der Nähe der Buhnen ist verboten. Es besteht Verletzungsgefahr! Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag!“ Ein kleines Mädchen im Strandkorb nebenan schaute fragend zu ihrem Opa, die Augen weit aufgerissen: „Opa, warum dürfen wir nicht zu den Bojen schwimmen?“ Der Opa, selbst etwas ratlos, schob seine Sonnenbrille hoch, zeigte auf die Dünen Richtung Landseite und raunte: „Weil man die Dünen nicht betreten darf, mein Schatz!“ – Und sah dabei aus, als hätte er gerade ein Seemannsmärchen erfunden. Ich hörte das und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Heinrich schmunzelte ebenfalls und sagte dann: „Super, die Durchsage ist wohl bestens angekommen.“ Schon wollten wir los, als wir einige ganz aufgeregte Stimmen und Musik aus der Ferne vernahmen. Wir blickten auf und sahen schon von Weitem, dass eine ganze Mannschaft von Urlaubern und Einheimischen in ihren Badesachen auf das Volleyballfeld stürmte.
Ich werde es wohl nie ganz verstehen – wie man bei dieser brütenden Hitze auch noch freiwillig Volleyball spielt. Und doch war es genau das, was einige unserer Gäste sehnsüchtig erwartet hatten. Stundenlang hatten sie ihre Badetücher im Sand drapiert und die Sonne genossen, während sie im Kopf vermutlich bereits die Teams aufstellten. Nun endlich war es so weit: Der erste Aufschlag flog über das Netz und das Spiel begann. Wie immer bei dieser Strandtradition war voller Körpereinsatz gefragt – und genau das machte das Geschehen auch für die zahlreichen Zuschauer so mitreißend. Ganze Familien versammelten sich als Zaungäste, lehnten sich in ihre Liegestühle zurück und verfolgten das Spiel, das irgendwo zwischen ehrgeizigem Wettkampf und herzlicher Sommergaudi pendelte. Besonders beeindruckend waren jene blitzartigen Reaktionen, mit denen die Spieler versuchten, den Ball noch über das Netz und ins gegnerische Feld zu manövrieren – oft mehr artistisch als strategisch, aber stets mit großem Einsatz. Zwanzig Minuten später: Seitenwechsel. Die Spieler waren inzwischen komplett vom feinen Ostseesand paniert – bis in die Haarspitzen, in den Wimpern und hinter den Ohren. Nur ihre weißen Zähne blitzten aus gebräunten Gesichtern, wenn sie lachend nach dem Ball hechteten oder sich gegenseitig anfeuerten. Die Sonne meinte es gut – zu gut. Sie brannte gnadenlos vom wolkenlosen Himmel, und selbst die leidenschaftlichsten Mitspieler begannen, spürbar langsamer zu werden. Die Beine schwer, die Arme träge – aber niemand wollte aufgeben. Noch nicht. Nach weiteren zehn hitzeflimmernden Minuten war es dann geschafft: Das Spiel endete, wenn auch unentschieden, weil niemand so recht wusste, wer eigentlich gewonnen hatte. Aber das war vollkommen egal. Der Spaß, das Miteinander, die ausgelassene Stimmung – das war der eigentliche Sieg. Kaum hatte der letzte Spieler seinen letzten Aufschlag gemacht, stürmten sie alle los – wie Möwen im Tiefflug – direkt hinein in das erlösende Wasser der Ostsee. Sie rannten, sprangen, tauchten unter, als gäbe es nichts Besseres auf der Welt. Ihre Körper glänzten vom Wasser, das in silbrigen Tropfen an ihnen herunterperlte. Die Sonne spiegelte sich auf sonnengebräunter Haut, und ihr Lachen trug der Wind bis weit hinter die Strandkörbe. Es war ein Anblick zum Festhalten – so voller Leichtigkeit, Lebensfreude und Sommermagie, dass man unweigerlich mitlächeln musste. Ich gab mir einen Ruck und stupse Heinrich vorsichtig an. Doch der schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Sein Blick galt nicht dem Meer oder dem Horizont, oder gar den flotten Sportlerinnen, die in bunten Badeanzügen am Strand trainierten. Sein Blick galt die ganze Zeit der Riesenbaustelle, nur wenige Meter von uns entfernt. Ein gigantisches Meisterwerk war dort zu bestaunen. Die Seebrücke Heringsdorf war fast fertiggestellt. Doch noch immer waren große Teilabschnitte vom Strand für unsere Gäste gesperrt, damit die mächtigen Schwimmkräne, die Pontons und andere Schwimmplattformen genügend Platz zum Wenden und Manövrieren für diverse Bauarbeiten hatten. Der Steg, der mit seinen 509 Metern ins Meer ragt, war gigantisch anzusehen. Hier waren noch einige kleine Restarbeiten zu erledigen. Auch die Plattform für das neue Restaurant, ganz am Ende, sozusagen am See Brückenkopf nahm schon Form an und ließ auf eine gar einzigartige Form der Erlebnisgastronomie mitten in der Ostsee schließen. Obwohl es in der Nähe nicht möglich war, am Strand auch nur ein Auge zu schließen, da die Bauarbeiten reichlich Lärm verursachten, war es höchst interessant, dieses kolossale Bauwerk zu beobachten. Auf der Riesenbaustelle der Seebrücke Heringsdorf wimmelte es nur so von Bauarbeitern. Von Weitem betrachtet hat es mich immer an ein Ameisenvolk erinnert, das emsig jeden Tag kleine und große Wunder vollbrachte. Und wir fanden es großartig, was da alles so vor unserer Haustür passierte. Immerhin noch drei Wochen und dann sollte Pfingsten 1995 die Seebrücke Heringsdorf feierlich mit Pauken und Trompeten, mit Konfetti und Freibier und selbstverständlich einem Riesenfeuerwerk und Bumsfallera eingeweiht werden. Na klar, wurde es wie immer knapp. Wie auf jeder Baustelle. Doch der Erfolg konnte sich sehen lassen und wir konnten gemeinsam mit unseren Gästen auf Usedom ein gigantisches und historisches Seebrückenfest erleben. Und weil das alles so großartig war, feiern wir dieses Fest jedes Jahr aufs Neue. Die längste interkontinentale Seebrücke Europas haben wir jetzt vor unserer Tür. Und wer das nicht glaubt, der soll selbst kommen und nachmessen. Die Kaiserbäder glichen in den ersten Jahren nach der Wende schon einer großen Baustelle. Die Baukräne waren nicht zu übersehen und so manch ein Gast hatte statt eines Meerblicks einen Baukran Blick. Doch Stück für Stück konnten wir die Seebäder gestalten, und wir konnten alle sehen, wie die Orte wuchsen und schön wurden. Ein Haus putzte sich nach dem anderen heraus. Mitunter erschien zum Erstaunen der verdutzten Bewohner eine Villa nach der anderen in strahlendem Glanz und neuem Farbanstrich. Und wie immer, fragte man sich: „Stand die Villa schon vorher da?“ Klar, da stand sie bereits seit über 100 Jahren. Vor über 100 Jahren hatte sie wahrscheinlich auch Ihren letzten Farbanstrich erhalten. Zu DDR-Zeiten hat sich keiner mehr die Mühe gemacht, diese prachtvolle Villa zu sanieren, geschweige denn, ihr einen neuen Außenputz zu verpassen. Bäume und anderes Gebüsch haben dann auch noch dafür gesorgt, dass sie nahezu unsichtbar wurden und aus dem Blickfeld verschwanden. Doch jetzt erhoben sie sich alle wie Phönix aus der Asche und gleich einem kleinen Wunder entstanden zauberhafte, malerische Häuser und Villen, als wären sie aus einem 100-jährigen Schlaf erwacht. In diesen Gedanken versunken, war es plötzlich Heinrich, der mich anstupste. Offenbar war ich nun diejenige, die ins Träumen geraten war. Ein Blick auf die Uhr ließ mich erschrocken aufspringen. War es wirklich schon so spät? Ich raffte meine Sachen zusammen, die inzwischen vollständig vom Wind getrocknet waren, klopfte mir den Sand von den Hosenbeinen und machte mich auf den Heimweg. Zuhause angekommen, war sie noch da – diese eine kleine weiße Wolke, die sich nicht hatte vertreiben lassen vom Tageslauf. Sie hing friedlich im Zenit, fast so, als habe sie auf mich gewartet. Ich schenkte ihr ein stilles Lächeln und machte mich an die Vorbereitungen für das Abendgeschäft. Der Sommer hatte gerade erst begonnen.
Das war er, der Sommer 95, als die Möwen lauter schrien, die Sonne höher stand und unsere Herzen schneller schlugen.
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Das neue RFT-Radio mit Stereo-Effekt, unser ganzer Stolz seit einigen Wochen, dudelte den ganzen Tag in der Küche so vor sich hin.
Ganz neu gab es einen automatischen Suchlauf. Was für eine Faszination der Technik und so ließen wir das gute Stück, solange automatisch suchen bis er sich beim SFB, beim RIAS oder gar beim Radio Luxemburg eingepegelt hatte, was meistens auch gelang. Der Empfang war nicht immer der beste und die kleine Antenne am Stern Radio musste immer wieder neu ausgerichtet werden, als wir plötzlich eine kurze, aber unglaubliche Nachricht vernahmen, welche immer wieder durch ein Rauschen unterbrochen wurde. Obwohl wir den Satz nicht zu Ende hören konnten, glaubten wir etwas von einem Aufstand am Brandenburger Tor in Berlin vernommen zu haben. Plötzlich herrschte eine unerwartete Stille im Raum. Selbst Oskar, der zuvor noch mit seinem Spielzeug-Panzer wild durch das Wohnzimmer tobte und dabei lautstark prustete, verstummte für einen Augenblick. Es schien, als ob jeder in diesem Moment erfasste, dass hier etwas Besonderes vor sich ging. Es war, als ob die Zeit für einen Moment stillstand und jeder einzelne Augenblick in seiner Bedeutung aufgeladen war. Neugierig geworden, versuchten wir mit allen möglichen Tricks den Dudelkasten zum Laufen zu bringen. Egal, was wir taten, das Radio verweigerte weitere Nachrichten und zog es vor, zu streiken. Da blieb uns doch die gute alte Flimmerkiste. Im Laufschritt pirschten wir an den Fernseher heran, wobei wir uns fast umgerannt hätten, bei so viel Schwung. Dieser funktionierte nur mit einem gut gezielten Schlag auf die linke Seite des Fernsehers, welcher dann nach einem kurzen Flimmern und Knacken auch sein Programm startete. Was wir dann sahen, verschlug uns die Sprache. Mit staunenden Augen klebten wir am Fernsehbild und konnten das Gesehene nicht wirklich einordnen. Tausende Menschen feierten bereits am Brandenburger Tor. Ein Freudenfest der Menschen. Trabis in allen Farben schlängelten sich entlang, wo einst die Mauer stand. Die Menschen lachten, weinten, umarmten sich und mein Heinrich und mir fehlten die Worte. Die Menschen lagen sich glücklich und jubelnd in den Armen. Die Menschenmenge, die sich vor dem Brandenburger Tor versammelt hatte, war in ekstatischer Freude vereint. Sie lagen sich in den Armen, tanzten und jubelten. Die Mauer, die einst die Stadt und ihre Bewohner teilte, war nun Geschichte. Und doch waren sie hier, auf der Mauer, die einst so unüberwindbar schien. Einige hielten Mauerstücke in den Händen, als ob sie ein Stück der Vergangenheit in ihren Händen hielten und konnten es kaum fassen. Das war der blanke Wahnsinn, aber auch ein Moment der Freude und des Triumphs. Die Stadt war wieder vereint und die Menschen feierten dieses historische Ereignis. Es war ein Augenblick, den niemand jemals vergessen würde. Ost-Berlin feierte gemeinsam mit West-Berlin den Fall der Mauer. Das hatte die Welt noch nicht gesehen. Fassungslos starrten wir nun schon seit einer ganzen Weile auf unseren „Raduga“, der uns vor Kurzem noch ein Vermögen gekostet hat und jetzt diese fantastischen Bilder lieferte. Oskar, mit seinen zwei Jahren staunte nicht schlecht über das Geschehen und vor allen Dingen über unsere verwunderten Ausrufe. So stand das Kind ebenfalls mit offenem Mund vor dem Fernseher und hoffte ganz stark, dass seine Eltern bald wieder normale Reaktionen aufweisen würden. Das taten sie aber nicht, im Gegenteil, jetzt hopsten sie schon im Wohnzimmer auf und ab, machten merkwürdige Geräusche und umarmten sich immer wieder. Sicherheitshalber klopften wir nochmals auf die linke Seite des Fernsehers und wechselten die Sender. Doch es blieb dabei, alle Sender berichteten das Gleiche. Es war wirklich wahr: Die Mauer war gefallen! Immer noch staunend starrten wir auf den Fernseher. Immer wieder verkündet Herr Schabowski die Reisefreiheit. Irgendwie konnte auch er den Satz nicht wirklich zu Ende sprechen, da seine Worte im allgemeinen Jubel der Menschen untergingen. Etwas abgehackt waren da noch die Worte: Es tritt nach meiner Erkenntnis ...ist sofort unverzüglich ….zu hören. Danach folgte ein großer Freudenschrei der Massen. Ein Aufschrei der Massen, der sich sofort auf uns übertrug und sich unverzüglich als Gänsehaut auf meinen Armen breit machte. Zitat: "Wann?" SCHABOWSKI: „Nach meiner Kenntnis, sofort, unverzüglich. „Frage: „Sie haben auch BRD gesagt. “SCHABOWSKI nach flüchtigem Überfliegen seines Zettels: „...hat der Ministerrat beschlossen, dass bis zum Inkrafttreten einer entsprechenden gesetzlichen Regelung durch die Volkskammer diese Übergangsregelung in Kraft gesetzt ..." Frage: „Gilt das auch für Berlin-West?“ SCHABOWSKI: „Ja, alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD und zu Berlin West...“ Die Freude und die Euphorie der Menschen, hatte auch uns erreicht und ließ uns um den Tisch tanzen. Plötzlich sah uns Oskar komisch an. Auch ihm schien die Freude angesteckt zu haben, so dass er uns seine kleinen Händchen reichte, um dann noch schneller durch die kleine Wohnung hüpfen zu können. Dabei strahlte nicht nur sein Gesicht, sondern das aller Menschen im ganzen Land. Was folgte, war eine unglaubliche Nacht. Die Menschen trafen sich auf den Straßen, von Fenster zu Fenster wurden die Ereignisse besprochen, mit den Fahrrädern zu Freunden und mit dem Trabi nach Berlin. Aus allen Ecken und Enden, aus jedem Haus, jeder Gartenanlage, jeder kleinen Datsche, von jedem Balkon und jeder Gartenbank, egal ob vor dem Konsum oder aus den Wirtshäusern, überall ertönten Hurrarufe und Freudengesänge. Die Party fand nicht nur in Berlin statt. Ein ganzes Land feierte seine Wiedervereinigung. An jenem Abend bekam ich Angst meine Augen zu schließen und glaubte schon, ich könnte das Ganze nur geträumt haben. Es hätte sein können, dass der Fernseher nur kaputt war und uns schon morgen Karl Eduard und die “aktuelle Kamera" wieder begrüßen würde. Das taten sie aber nicht. Nein, nie wieder!!! Am nächsten Morgen, noch bevor uns der Wecker aus dem Schlaf klingeln konnte, saßen wir putzmunter und völlig aufgeregt bei einer Tasse Kaffee am Frühstückstisch, wobei wir mit unseren Ohren den Stimmen im Radio Beifall spendeten. Noch in derselben Nacht eilten tausende von Menschen nach Berlin, um in den Westteil der Stadt zu gelangen. Eine endlose Schlange von Trabis in allen möglichen Farben, bunt geschmückt, zierten die Zufahrt und den Vorplatz am Brandenburger Tor. Der Radiosprecher vom SFB überschlug sich fast, als er gestern noch spät am Abend verkünden konnte, dass die Grenzen offen sind. Diese Nachricht habe ich heute immer wieder gehört, doch jedes Mal schlug mein Herz bis zum Hals vor lauter Freude. Dabei bekam ich einen Heißhunger auf Bananen, sodass mir schwor, so schnell wie möglich ein Bananenlager zu verschaffen. Gleich neben dem Nutella-Lager. Heinrich hatte immer noch einen kleinen Klecks Rasierschaum unter dem rechten Ohr, der im ersten Sonnenstrahl wie ein bizarrer Kragen aus Schaumkristall funkelte. Er bemerkte ihn nicht – oder er war ihm schlichtweg egal. Denn Heinrichs Lächeln durchbrach jeden Zweifel, jede Müdigkeit des Morgens. Mit einer Mischung aus Überschwang und Trotz hob er die Kaffeetasse, obwohl der gestrige Koffeinrekord in seinem Notizbuch längst mit drei Ausrufezeichen vermerkt war. Aber das hier – das war kein normaler Tag. So wie Heinrich strahlte, träumte er sicher schon von einem neuen Trecker, rot, groß und glänzend, vielleicht sogar mit einem Radio ausgestattet. Doch im Moment waren wir beide doch noch sehr pessimistisch. Auch vierzehn Tage später noch, als die Euphorie sich etwas gelegt hatte, glaubten wir immer noch, dass die Panzer in Leipzig, Berlin und anderen Bezirksstädten noch schießen könnten und dann Gorbatschow oder Kohl ganz schnell die Mauer in eine noch größere Festung verwandeln könnte. Alles war möglich. Doch nichts dergleichen passierte. Die Mauer fiel und fiel und fiel und wurde nicht wieder hoch sicherheitsmäßig aufgebaut oder von Eliteeinheiten bewacht. Nein! Es wurden auch keine Sondereinheiten stationiert. Es wurde wahr, so wahr, dass auch wir daran glauben konnten, dass diese Mauer, die für unseren Jahrgang einfach zur Welt gehörte, nicht mehr existierte. Nur allein die Möglichkeit zu haben, in den Westen fahren zu können, in diese bunte Welt zu tauchen, war für uns grenzenlos und irgendwie immer noch nicht wirklich begreiflich. Ab sofort liefen Geschichten in unserem Lande ab, die so schnelllebig, so ereignisreich, erlebnisreich und abenteuerlich waren, dass der normale Alltag nicht mehr ausreichte, um alles fassen zu können. Genau von da an – es war kein festes Datum, eher ein schleichender Moment – begann der Kapitalismus, uns heimlich ein paar Stunden am Tag zu rauben. Erst kaum merklich, wie eine Uhr, die unhörbar voreilt. Doch plötzlich war die Zeit weg. Einfach so. Unerklärlich. Als hätte jemand den Zeiger der Welt vorgespult. Früher, zu Ostzeiten, da hatte ein Jahr noch Gewicht. Es war ein großes, gemächliches Tier – man lebte mit ihm, zähmte es langsam. Wenn jemand sagte: „In einem Jahr sehen wir uns wieder“, dann war das ein Versprechen, das durch vier Jahreszeiten getragen wurde, durch Schuljahre, Kartoffelernte und Silvesterpartys mit Himbeerbrause. Damals war „ein Jahr“ wie ein Roman mit mehreren Kapiteln. Heute? Heute springt das Jahr wie ein nervöser Vogel von Ast zu Ast. Man sagt „Bis bald“, und kaum dreht man sich um, ist bald schon gewesen. Das Gestern ist kaum verdaut, da pocht schon wieder ein Morgen an die Tür. „Neulich“ – dieses Wort, das einst die weiche Patina vergangener Wochen trug – hat sich verwandelt in einen Trick des Bewusstseins. Neulich kann vorgestern bedeuten, oder letzten Herbst. Die Zeit schichtet sich übereinander wie dünne Blätter – durchsichtig, flatternd, schwer zu greifen. Ich frage mich bis heute: Wie haben sie das gemacht? Wie hat man uns die Langsamkeit gestohlen, die Wurzelzeit? Vielleicht lag es an diesen Zeitungen, die uns plötzlich wie bunte Bonbons gereicht wurden – „Der Spiegel“, „Bild“, „Super-Illu“. Sie prasselten auf uns ein mit Sensationen, Kommentaren, halben Wahrheiten und ganzen Schlagzeilen. Alles war plötzlich wichtig, alles drängte – und wir, noch hungrig nach dem Unbekannten, saugten es auf wie Schwämme. Wir glaubten fast alles, nicht weil wir naiv waren, sondern weil unsere innere Landkarte noch keine Grenzen kannte für das, was erfunden war. So waren wir – nicht besser, nicht schlechter. Wir waren schlicht so, wie wir sein konnten. Geprägt, geordnet, neugierig. Und dann brach alles auf: Die Schulsamstage wurden abgeschafft – ein unvorstellbarer Triumph! Die Klassenräume rochen plötzlich nach Freiheit. Und halb Ostdeutschland schob sich über die Grenze, auf den ersten Kilometer Autowahn, mit leuchtenden Augen und dem Versprechen von hundert D-Mark in der Tasche. Das Begrüßungsgeld – das klang, als würde man mehr bekommen als Geld: ein Stück Zukunft, verpackt in westlichen Geruch. Und während unsere Herzen taumelten und unsere Kalender immer voller wurden, entglitt uns etwas anderes: die Zeit, wie wir sie kannten. Vielleicht ist es kein Verlust, sondern nur ein Wandel – aber ich trauere manchmal der alten Langsamkeit hinterher. Könnt ihr euch noch erinnern? Wisst Ihr noch, wie die Großeltern oder entfernte Verwandte und Bekannte hinaus gezottelt worden sind, obwohl sie in ihrem Leben das Dorf noch nie verlassen hatten? Könnt ihr euch noch erinnern? So richtig erinnern, mit Gänsehaut und einem Grinsen bis hinter die Ohren? Wie die Großeltern – sonst fest verwurzelt im Dorf wie der Maulbeerbaum hinterm Feuerwehrschuppen – plötzlich „Reisepläne“ hatten. Nicht Mallorca, nicht die Ostsee. Nein! Zielkoordinaten: Berlin, Kurfürstendamm, Kilometer null des Kapitalismus! Da standen sie – Oma Erna mit frisch gebügeltem Kittel Schürzchen und Opa Walter, der die feinste Sonntagshose für den Ernstfall über die Thermounterwäsche gezogen hatte – plötzlich am
