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Bei dieser Auflage handelt es sich um eine Neuauflage. Das unbeschwerte Teenagerleben der siebzehnjährigen Liz nimmt eine dramatische Wendung, als sie das alte Familienanwesen erbt, wo sich ihr ein ungeheuerliches Geheimnis um ihre Abstammung aus der Familie Hirsch enthüllt. Inmitten der alltäglichen modernen Welt begegnet sie Wesen wie aus fantastischen Legenden und wird in eine uralte Fehde rivalisierender Sippen von Vampiren und Werwölfen verstrickt. Eine rätselhafte Prophezeiung aus grauer Vorzeit weist ihr den Weg zu ihrer besonderen Bestimmung, die sich als Vermächtnis und als Fluch zugleich entpuppt. Es scheint, als besitze sie, ohne es zu wissen, den Schlüssel zum endgültigen Sieg über ihre Feinde. Bald schon entwickelt sich Liz zu einer entschlossenen Kämpferin und gerät in höchste Gefahr. Wird sie das schreckliche Schicksal, das ihr droht, noch abwenden können? »Unsterbliches Vermächtnis« ist der Auftakt zu der spannenden Trilogie »Das Hirsch-Erbe«, einer abgründigen Geschichte um Magie und Blutsbande, Liebe und Verrat, Mord und Rache.
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker und das Leben nicht an eine einzige Hoffnung binden.
Epiktet
Prolog
Ein unbeschwertes Leben
Ein unerwartetes Erbe
Die Testamentseröffnung
Ein mysteriöser Fund
Die versteckte Bibliothek
Bedrohliche Begegnung
Vom Mythos zur Wahrheit
Neue Schule, neues Glück
Mein Date mit einem Vampir
Der Streit
Das Rudel
Schmerzhafte Erkenntnis
Offenbarungen einer Hexe
Ein schwerer Abschied so leicht
Kampfansage
In finsterster Nacht
Für Anne, die mich seit meiner Jugend kennt, immer zu mir gehalten hat und in jeder Phase meines bisherigen Lebens, ob gut oder schlecht, an mich geglaubt und meine Pläne aus vollem Herzen unterstützt hat.
Ein Wald bei London, 30. Juni 1910, 22:38 Uhr
Der Schriftsteller und Vampirjäger Bram Stoker zog sich sein Jackett über, bevor er schnellen Schrittes sein Anwesen verließ. Er wusste, dass er schon recht spät dran war und es fatal wäre, das anstehende Treffen zu verpassen. Zu viel hing von dem Gespräch ab. Er hatte alles in seiner Macht Stehende getan, um die Menschen zu warnen. Wirklich alles. Bram hatte sogar einen Roman mit dem Titel Dracula veröffentlicht, in der Hoffnung, den Sterblichen die Augen zu öffnen. Doch keiner hatte ihn ernst genommen. Man hielt ihn für einen guten Schriftsteller und Erzähler und lobte seine Liebe fürs Detail und seine Kreativität. Doch das war nie sein Ziel gewesen. Vielmehr wollte er der Menschheit klarmachen, dass brutale blutsaugende Wesen existierten und sich jeder in Acht nehmen müsse.
Seit sein Roman am 18. Mai 1897 erschienen war, ging alles bergab. Bram hatte nicht nur dahingehend versagt, die Menschen zu beschützen, er war zudem den Blutsaugern aufgefallen. Zweifellos, seine Tage waren gezählt. Er wollte die Hoffnung schon aufgeben, als ihn Frederick Hirsch, ein junger Gentleman aus dem Deutschen Reich, kontaktierte. Auf seiner Blutlinie lag ein grauenvoller Fluch, der zugleich das größte Geschenk für die Menschheit sein konnte. Das Wichtigste jedoch war, dass Frederick ihm glaubte. Seine letzte Hoffnung, sein Wissen weiterzugeben.
Außer Atem kam Abraham am besagten Treffpunkt an. Vorsichtig sah er sich um und atmete erleichtert auf. Sein Verhandlungspartner lehnte an einen Baumstamm und hatte den Blick auf seine Taschenuhr gerichtet.
»Mein guter Freund. Wie schön, dass Sie es geschafft haben«, begrüßte Frederick seinen Brieffreund und lächelte ihn freundlich an.
»Die Freude ist ganz meinerseits«, erwiderte Bram mit geschäftigem Lächeln und trat auf Frederick zu. »Es ist schön, dass Sie so kurzfristig Zeit gefunden haben, Frederick. Sagen Sie, wie genau zeigt sich der Fluch in Ihrer Familie und wie beabsichtigen Sie ihn gegen die Vampire als Waffe einzusetzen?«, wollte Abraham wissen, als sie ihren Weg in die Tiefe des Waldes hinein gemeinsam fortsetzten.
»Meine Familie wurde vor einigen Jahrhunderten auserwählt, den Vampiren zu trotzen. Ich bin mir dessen bewusst, dass es sich um eine große Ehre handelt, Sir. Problematisch daran ist, dass wir, seit der Fluch ausgelöst wurde, uns jeden Vollmond in Wölfe verwandeln. Wir haben spezielle Fähigkeiten, die uns stärker als andere Menschen machen. So können wir in der Dunkelheit besser sehen, wir können schneller laufen, unsere Knochen heilen sofort und in unseren Zähnen befindet sich ein Gift.«
»Aber Ihr Gift kann Vampire nicht töten«, gab Bram zu bedenken. »Es lähmt die meisten kurzzeitig, aber mehr nicht. Ich weiß nicht, wie viel Kontakt Sie schon mit diesen Kreaturen hatten. Aber mein Ziel geht über Ihre Fähigkeiten hinaus. Ich habe nicht vor, die Gegner vorüber gehend außer Gefecht zu setzen. Ich plane, sie ein für alle Mal zu töten. Evolutionsbedingt entwickeln wir uns immer weiter. Das gilt für alle Wesen, auch für die Blutsauger. Ich befürchte, dass Sie und Ihre Art in den nächsten Jahrzehnten immer schwächer werden, während der Gegner mehr und mehr an Stärke gewinnen wird. Meine Vorfahren haben diese Entwicklung bereits mit Bedauern beobachtet und die Vermutung der Hexen legt nahe, dass sich das große Finale in etwa 100 bis 120 Jahren ereignen wird.« Er sah seinen Freund mit nachdrücklichem Blick an.
»Wenn Sie mehr wissen als ich, Bram, ist es nun an der Zeit, mit der Wahrheit herauszurücken«, forderte Frederick ihn verärgert auf und blieb abrupt stehen. Was sollte das heißen? Welches Finale? Zugegeben, er selbst hatte bisher nie Kontakt mit Vampiren gehabt, er kannte sie nur aus Erzählungen seines Vaters. Wenn sein Freund die Wahrheit sagte, welche Chance hatte seine Familie dann noch?
»Nun beruhigen Sie sich doch. Ich habe mich mit Ihnen getroffen, um mein Wissen mit Ihnen zu teilen«, beschwichtigte Abraham seinen Freund. »Aber auch Sie sind nicht ganz ehrlich zu mir gewesen. Es ist schon Generationen her, dass Ihre Familie das letzte Mal auf Vampire gestoßen ist, nicht wahr? Seitdem bestand die Unterweisung ausschließlich aus theoretischem Wissen. Kein besonders umfangreiches Wissen, um das mal zu erwähnen. Ihre Familie ist nicht ohne Grund auserwählt worden. Ist Ihnen denn nicht bewusst, dass von Ihrem Blut jedermanns Zukunft abhängt? Sie müssen aufwachen und Ihre Fähigkeiten trainieren, bevor es zu spät ist. Aber zuvor erzählen Sie mir bitte von Ihrem Fluch.«
»Nun gut«, gab Frederick zähneknirschend nach und fuhr sich durch seine schwarze Mähne, die vom Wind zerzaust war. »Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, auf welches Datum sich der Fluch meiner Familie zurückführen lässt. Der Legende nach wurden wir eines Tages, zusammen mit wenigen weiteren Familien, von den Hexen auserwählt. Wir wurden mit dem Fluch belegt und erfuhren alles über die Vampire, was man damals wusste. Das ist alles, was uns erzählt wurde. Wenn jemand aus der Familie Hirsch einen Unfall verursacht, bei dem eine unschuldige Person stirbt, wird der Fluch ausgelöst. Das bedeutet, dass derjenige sich ab dem folgenden Vollmond einmal im Monat verwandelt. Dabei brechen alle unsere Knochen und nein, wir verlieren unser menschliches Bewusstsein nicht. Uns ist gesagt worden, dass wir dadurch in der Lage sein sollen, Vampire zu besiegen. Doch, wie Sie selbst schon gesagt haben, reichen unsere Fähigkeiten nur aus, um die Vampire außer Gefecht zu setzen. Wir wissen nicht, wie wir sie töten sollen. Zufrieden?« Frederick sah seinen Freund herausfordernd an, der den Blick amüsiert erwiderte.
»Überaus zufrieden sogar. Leider weiß ich selbst nicht, wie alle Blutsauger ausgelöscht werden können. Ich weiß nur, dass es irgendwie möglich ist und dass es Ihre Nachfahren sein werden, die am Ende die Lösung finden werden. Der letzte Nachfahre der Blutlinie Hirsch wird sich in einer Art und Weise verändern wie keiner von Ihnen zuvor. Er oder sie wird schlussendlich die Fäden in der Hand halten und über das Schicksal entscheiden. Ich weiß, mein Freund, dass es schwer ist. Aber haben Sie Vertrauen.« Er lächelte Frederick aufmunternd zu und überreichte ihm eine lederne Mappe. »Die Hexen haben etwas aufgeschrieben. Nehmen Sie das Dokument an sich und verwahren Sie es gut. Sie werden es brauchen.«
Kaum hatte Bram diese Worte ausgesprochen, verschwand er in der Nacht. Er wusste, dass sein Verhalten vorerst für Verwirrung und Wut sorgte. Aber er wusste auch, dass sich eines Tages alles zum Guten wendete. Zumindest hoffte er das.
In der Nähe von Cambridge, 29. Juni 2018
Schon in dem Augenblick, als ich aufwachte, kam in mir das unerklärliche Gefühl auf, dass sich etwas in meinem Leben grundlegend verändern würde. Woher diese Anwandlung kam und worauf sie sich bezog, konnte ich nur dunkel erahnen. Monatelang hatte ich seit dem Tod meiner Großmutter getrauert. In mir tat sich ein schwarzes Loch auf, das jegliche Chance auf Glück und Zufriedenheit verschlang. Das Herz schien langsamer zu schlagen und die Gedanken drehten sich ausschließlich um die schönen Momente der Vergangenheit. Momente, die ich mit IHR verbracht hatte.
Um nicht den Eindruck einer wandelnden Leiche zu erwecken, verzogen sich meine Lippen in jeder Sekunde, in der ich nicht allein war, zu einem scheinbar fröhlichen Lächeln und meine Augen strahlten Lebensfreude aus. Mir war bewusst, dass es gewisse Menschen verletzen könnte, wenn ihnen klar würde, dass ich sie über Wochen belogen hatte. Mein Verhalten hatte keinen böswilligen Grund, sondern diente als persönlicher Schutzschild. Ich war von jeher so gestrickt, dass ich mich zurückziehen musste, um Tod und Verlust zu verarbeiten. Diese schreckliche und beängstigende Tatsache wurde mir das erste Mal bewusst, als meine Eltern zwölf Jahre zuvor nach einem Autounfall im Krankenhaus ihren Verletzungen erlagen. Damals war ich fünf Jahre alt, glücklicherweise kam ich nicht ins Heim, sondern zog zu Tante und Onkel in die Nähe von Cambridge in England. Wenn mir jemand seine helfende Hand reichen und mir bei der Bewältigung der Trauer unter die Arme greifen wollte, geriet ich in Panik und versteckte mich in meinem Zimmer. Um niemand vor den Kopf zu stoßen, stand ich nach dem Tod meiner Großmutter stundenlang vor dem Spiegel und übte Mimik und Gestik ein, bis das einstudierte Trugbild von Fröhlichkeit glaubwürdig aussah.
Heute sollte endlich der Tag sein, an dem ich die Fassade ein für alle Mal fallen lassen und echte Freude empfinden wollte. Wenige Tage zuvor hatten meine Freunde und ich erfahren, dass wir in die zwölfte Klasse der Melton School versetzt worden waren und in einem Jahr unsere A-Levels absolvieren könnten. Für alle Schüler, deren Versetzung in trockenen Tüchern lag, sollte am Abend eine Feier stattfinden. Zu solch einem Ereignis konnte ich nur auftauchen, wenn ich bereit war, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und in eine vielversprechende Zukunft zu blicken. Nach dieser Entscheidung schloss ich erneut meine Augen und fiel in einen zweiten Schlaf.
Schlagartig riss mich mein Wecker um 7 Uhr morgens lautstark aus dem Schlaf. Jennifer Lopez’ Let’s get loud dröhnte mir in die Ohren. Normalerweise hätte ich diese Nervensäge frustriert ausgeschaltet, heute jedoch lächelte ich und verdrängte alle negativen Gedanken. Ich sagte mir: Da morgen die Sommerferien beginnen, kann ich dann ungestört ausschlafen. Wieso sollte es mich also stören, für die nächsten Wochen ein letztes Mal unausgeschlafen das Haus zu verlassen? Augenblicklich verwandelte sich das Gähnen in ein breites Grinsen und ohne es stoppen zu können, fing ich zu pfeifen an. Zehn Minuten später schwang ich mich aus dem Bett und tänzelte ins Badezimmer, das sich direkt neben dem Jugendzimmer befand.
Ein Blick in den Spiegel genügte, um festzustellen, dass ich zur Abwechslung nur wenig Zeit in mein Äußeres zu investieren brauchte. Die rabenschwarzen Wellen um das blasse ovale Gesicht fielen wie Samt über meine Schultern und bedurften keiner Nachbesserung. Dank der Pflegespülung, die ich am Vorabend ausprobiert hatte, glänzten sie intensiv. Meine grünen Augen wirkten durch die Nerdbrille klug und sanftmütig. Hinzu kam, dass ich als leidenschaftliche Schwimmerin fit war und drei Abende in der Woche ein Lauftraining absolvierte.
Da der letzte Schultag in der elften Klasse auf einen Freitag fiel, verzichtete ich auf das Frühstück zu Hause, um mir stattdessen in der Schule etwas zu holen. An Freitagen zogen es Tante Nicole und Onkel Michael vor, auszuschlafen und einen nur kurzen Arbeitstag einzulegen. Noch in Gedanken sah ich aus dem Augenwinkel, dass meine beste Freundin April in unsere Auffahrt einbog.
Lächelnd schnappte ich mir die Schultasche und verließ das Haus, um sie zu begrüßen. Die Spitzen ihrer kirschroten Korkenzieherlocken berührten die Schultern und fielen ohne jegliches Nachbessern perfekt. Aufgeregt darüber, dass ich ehrlich lächelte, leuchteten ihre haselnussbraunen Augen, während ihre Lippen sich zu einem verschmitzten Lächeln verzogen. April trug ein weißes Kleid, das mit roten Blumen bedruckt war und ideal zu ihren Haaren passte. Der enge Schnitt des Kleides betonte die selbstbewusste und herausfordernde Seite meiner besten Freundin, die trotz ihrer rundlichen Figur vor Lebensfreude strahlte und nicht an knappen Outfits sparte. Um schultauglich gekleidet zu sein, hatte April unauffällige Ballerinas in Weiß angezogen und auf jeglichen Schmuck verzichtet.
»Liz, deine gute Laune ist zur Abwechslung ja gar nicht aufgesetzt. Wie kommt denn das? Planen du und Jack eure Hochzeit?«, platzte es aus ihr heraus, kaum dass ich ins Auto gestiegen war.
Lachend schüttelte ich den Kopf und sah sie amüsiert an: »Was dir wieder einfällt! Natürlich wollen wir nicht heiraten, dafür sind wir doch beide viel zu jung. Ich bin siebzehn und Jack ist genau wie du ein Jahr älter als ich. Hab ich dir nicht mal gesagt, dass ich mir unsicher bin, ob ich mich jemals vor den Traualtar wage? Viele Ehen werden geschieden, so ein Drama erspare ich mir lieber. Sind doch sowieso nur chemische Reaktionen, die sich jederzeit verändern können und ...«
»Jaja, schon klar«, unterbrach sie mich. »Wozu Romantik, wenn es stattdessen eine naturwissenschaftliche Erklärung tut? Weshalb bist du dann so fröhlich? Und sag nicht, dass es die ganze Zeit so war, denn das stimmt nicht. Ich kenne dich doch seit der Grundschule, du kannst mich nicht täuschen. Wieso der plötzliche Sinnes wandel?« Sie durchbohrte mich mit einem allwissenden Blick.
Seufzend verdrehte ich die Augen. »Ich hab mich entschlossen, die Vergangenheit und die Trauer hinter mir zu lassen und in die Zukunft zu schauen«, weihte ich April ein.
Unsere Blicke trafen sich unvermittelt und ich entdeckte einen Schatten der Besorgnis in ihren Augen. »Bist du sicher, dass du das Trauma hinter dir lassen willst? Ist doch in Ordnung, wenn du weiterhin trauerst. Vielleicht solltest du warten, bis du vom Nachlassgericht in Deutschland gehört hast und weißt, ob du was erben wirst«, schlug meine Freundin vor, als sie den Wagen in eine Parklücke lenkte.
Entschlossen schüttelte ich den Kopf und stemmte meine Hände in die Hüften. »Wir haben nur noch ein Jahr vor uns, ich hab vor, danach zu studieren. Wenn ich weiterhin an der Vergangenheit und an der Familie hänge, schaffe ich es nie, auf eigenen Füßen zu stehen. Es wird Zeit, sich zu verändern und erwachsen zu werden.« Mit dieser Antwort löste ich den Gurt, griff mir die Tasche und stieg aus dem Auto aus.
Gemeinsam schlenderten April und ich die Treppen des Schulgebäudes nach oben, bis wir in der dritten Etage und vor Raum 302 ankamen. Dort hatten wir in diesem Schuljahr jeden Freitagmorgen Geschichte, mein Lieblingsfach. Vor dem Klassenzimmer wartete unsere beste Freundin Rachel, bei der die Party stattfand. Als sie uns entdeckte, stand sie vom Fußboden auf und kam auf uns zu. Obwohl sie in der Clique den Ton angab, war sie vom Wesen her entspannt und ausgeglichen. Rachels braune Haare fielen ihr zu einem Halbzopf gebunden über die Schultern. Ihre grünbraunen Augen brachten den gebräunten Teint zur Geltung. Wie zu erwarten, trug sie ein schwarzes T-Shirt und einen Rock in Pink, eine Angewohnheit, der sie mindestens einmal pro Woche nachkam. Rachel hatte sich leicht geschminkt und ihre Augen durch Kajal und Mascara zum Leuchten gebracht. Der Mittelpunkt waren ihre Lippen, die in einem sachten Rosé erstrahlten. Kaum stand sie vor uns, setzte sie zu einer ihrer berühmt-berüchtigten Reden an.
»April, Liz, da seid ihr ja endlich! Ich bin fast gestorben vor Langeweile! Die Jungs konnten nicht mit mir warten, da sie gleich Unterricht bei Mr. Miller haben, und er kommt immer zehn Minuten zu früh. Wann habt ihr vor, heute Abend zu kommen? Offiziell fängt die Party um 20 Uhr an«, wollte Rachel von uns wissen und sah uns auffordernd an.
»Das hängt ganz davon ab, welchen Dresscode du von uns erwartest und wie der Verkehr ist. Aber sei dir sicher, egal wie voll dein Haus sein wird, du wirst uns auf jeden Fall zu Gesicht bekommen«, erwiderte April amüsiert.
»Einen Dresscode gibt’s nicht, das wär problematisch mit den Jungs geworden. Die wenigsten auf unserer Schule kennen sich mit Mode aus, es sei denn, es geht um Sport. Dennoch fände ich es cool, wenn ihr sommerlich-elegant kommt«, beantwortete Rachel Aprils Frage.
Wir wurden unterbrochen, als unserer Geschichtslehrer um die Ecke kam und die Tür aufschloss. Mr. Belton war ein etwa sechzigjähriger, hochgewachsener Mann mit Glatze. Seine blaugrauen Augen wanderten über das Meer von Schülern, um abzuschätzen, wie vollzählig sein Kurs am letzten Schultag war. Wie jeden Tag trug Mr. Belton einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und roter Krawatte. Obwohl er ein strenger Lehrer war und Verspätungen nur in seltenen Fällen duldete, war er bei den Schülern beliebt. Oft suchten wir das Thema aus. Zudem überließ er es meist uns, ob wir eine Facharbeit oder eine Klausur bevorzugten. Gruppenarbeiten und Exkursionen gehörten für meinen Geschichtslehrer genauso dazu wie das bunte Laub zum Herbst.
Kaum hatten wir uns auf unsere Plätze gesetzt, begrüßte Mr. Belton uns mit einer typischen Versetzungsrede, die er allen Elftklässlern kurz vor den Sommerferien widmete. Er erklärte uns, die heutige Stunde für verschiedene organisatorische Angelegenheiten nutzen zu wollen. Zum einen sei es zum Lernen zu heiß, zum anderen wüsste er aus Erfahrung, dass die wenigsten Schüler in den Ferien ihre E-Mails lasen.
»Wer von Ihnen im folgenden Schuljahr gedenkt, weiterhin einen Geschichtskurs bei mir zu belegen, der kann mir bis zum 31. Juli eine E-Mail schicken. Verspätete Anmeldungen werde ich nur berücksichtigen können, wenn danach noch freie Plätze übrig sind«, ertönte seine tiefe Stimme und riss mich aus meinen Gedanken.
Die vielsagenden Blicke der anwesenden Schüler, die alle, mich eingeschlossen, zu Stift und Papier griffen, ließen erkennen, wie unwahrscheinlich die Aussicht auf freie Plätze bei verspäteter Anmeldung war.
»Wir werden mindestens zwei Exkursionen im folgenden Jahr unternehmen. Zu einer davon erwarte ich Protokolle, für die andere wird jeder Schüler eine Facharbeit abgeben. Dafür verzichte ich auf Klausuren«, kündigte Mr. Belton die wichtigsten Punkte für das folgende Schuljahr an.
Aufgeregtes Geflüster brach in allen Ecken aus und selbst die Musterschüler konnten und wollten ihren Mund nicht halten. Viele Mädchen fingen an zu kichern und zu quietschen. Unser Geschichtslehrer war für seine besonderen Ausflüge bekannt, weshalb sich des Öfteren Schüler anderer Kurse heimlich in die Liste eintrugen und sich mit uns zusammen in die Busse begaben. Zehn Minuten dauerte es, bis Mr. Belton sich durchsetzte und uns zum Schweigen brachte. Er schlug vor, dass jeder von uns eine Idee einbringen könne und alle Schüler des jetzigen Kurses abstimmten. Diese Aktion nahm den Großteil der Unterrichtszeit ein und fünf Minuten vor dem Pausengong standen die zukünftigen Ausflüge fest. Der Geschichtslehrer würde mit seinem Kurs einen Tag im Museum of Archaeology and Anthropology verbringen, eine weitere Exkursion sollte zum Cambridge Arts Theatre führen. Für das Ende des nächsten Schuljahres plante er, eine Klassenfahrt nach London zu organisieren, wenn die Schulleitung diesem Vorschlag zustimmte. Kaum hatte Mr. Belton die ausgewählten Ziele aufgeschrieben, wünschte er uns auch schon schöne Ferien und entließ uns in die Pause.
Quatschend verließen April, Rachel und ich das Klassenzimmer und begaben uns zu unserem Treffpunkt, an dem wir zusammen mit Ted und Jackson die freien Minuten verbrachten. Als wir dort ankamen, lehnten die beiden Jungs lässig an der Wand und schienen sich über irgendetwas zu amüsieren. Grinsend schlenderte ich auf meinen Freund zu und küsste ihn auf den Mund. Seine kräftigen Hände legten sich um meine Hüfte und innig erwiderte er den Kuss. Ewigkeiten hätte ich den Duft nach Feuerholz und Wald einatmen können, hätte sich der Rest unserer Clique nicht auffällig geräuspert. Belustigt lösten Jack und ich uns voneinander. Glücklich schaute ich ihm in die Augen und fuhr ihm durch sein schulterlanges schwarzes Haar. Obwohl das Thermometer fünfundzwanzig Grad anzeigte, trug er wie gewöhnlich dunkle Kleidung, die seinen Musikgeschmack unterstrich. Auf seine Favoritenliste schafften es die Bands Five Finger Death Punch, Green Day und Skillet.
»Hey, kleiner Engel, alles klar bei dir?«, erkundigte sich Jack, während er mir durch die Haarpracht wuschelte.
»Lass meine Haare in Ruhe, ich hab Ewigkeiten gebraucht, sie zu einem vernünftigen Zopf zusammenzubinden!«, meckerte ich beleidigt und holte eine Haarbürste aus der Hosentasche. Diese Reaktion löste bei den Jungs einen Lachanfall aus. Mit funkelnden Augen fixierte ich sie der Reihe nach, womit ich sie sofort zum Schweigen brachte. Ich hasste es, wenn jemand mir durch die Haare wuschelte. Erstens erinnerte mich das immer daran, wie Onkel Michael mich als Kind begrüßt hatte, und zweitens war die Mähne schwer zu bändigen – nicht, dass Jackson das jemals interessiert hätte.
»Dann stell ich die Frage eben noch mal: Ist alles okay bei dir, mein Engel?«, fragte Jack und schenkte mir sein süßestes Lächeln. Das war einer der Gründe, weshalb ich ihn so liebte: dieses unschuldige, verführerische Grinsen, das Mädchenherzen zum Schmelzen brachte und meistens dazu führte, dass ich vergaß, warum ich wütend auf ihn war. Bevor ich antworten konnte, hörte ich ein Räuspern, das mich daran erinnerte, dass Jackson und ich nicht allein auf dem Schulhof waren. Schmunzelnd wandte ich mich Ted zu, um auch ihn zu begrüßen. Sein Kleidungsstil war komplett anders als der von Jack. Ted bevorzugte sportliche Kleidung, mit Ausnahme von Partys und Restaurantbesuchen. Seine Haare waren hellbraun und kurz geschnitten, sein Teint war blass. Amüsiert zog Ted mich in den Arm und sagte: »Nur weil ich dich nicht als Engel bezeichne, heißt das nicht, dass ich gerne ignoriert werde!«
Lachend erwiderte ich die Umarmung: »Wäre ein bisschen seltsam, wenn der beste Kumpel meines Freundes mich mit Kosenamen ansprechen würde. Aber jetzt mal eine andere Frage. Wie geht es mit deinem Training voran? Meinst du, dass du bereit bist, im September beim Marathonlauf mitzumachen?«
»Wenn dein Freund mich weiterhin unterstützt, indem er mir in den Hintern tritt, bis ich neue Bestzeiten erreiche, dann ja. Jack erinnert mich daran, wie wichtig es ist, sich an meinen Ernährungs- und Trainingsplan zu halten und regelmäßig zu trainieren. Ohne ihn hätte ich schon längst aufgegeben. Gestern war es zu heiß zum Laufen, darum ist er mit mir ins Schwimmbad gegangen und hat dort meine Bestzeit gemessen. Ist es wirklich okay für dich? Immerhin hat er dadurch weniger Zeit für dich«, beendete Ted seine Rede mit einer besorgten Frage. Diese Sorge verwarf ich sofort, indem ich ihn ehrlich anlächelte und erklärte, dass es in Ordnung sei.
»Ich war in letzter Zeit nicht ich selbst. Meine Trauer hätte ihn nur runtergezogen, wenn er keine Ablenkung gehabt hätte. Wir alle wissen, dass Jack eine Beschäftigung braucht und vor allem jemanden, auf den er achtgeben kann. Es ist gut, dass er dir geholfen hat, anstatt sich die ganze Zeit um mich zu sorgen. Außerdem bist du doch unser Freund, dein Erfolg liegt uns beiden am Herzen.«
Bevor Ted sich bedanken konnte, klingelte es zur nächsten Stunde. Für Rachel und die Jungs stand jetzt Politik auf dem Plan, für April und mich Französisch. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, sprinteten wir die Treppen hoch, um nicht zu spät zu kommen. Madame Bleu konnte es nicht ausstehen, wenn Schüler nach dem Klingeln den Raum betraten, und am letzten Schultag wollte ich keinen Ärger haben. Im Klassenraum angekommen, atmeten April und ich erleichtert aus.
Unsere Lehrerin, halb Engländerin und halb Französin, schrieb gerade den Tagesablauf an die Tafel. Das bedeutete, dass der Unterricht offiziell noch nicht begonnen hatte. Madame Bleu wandte sich von der Tafel ab und ihre dunkelblauen Augen überprüften die Namensliste. Ihre blonden Haare hatte sie in einem strengen Dutt zusammengebunden und ihr perfekt geformter Körper steckte in einem hellblauen Etuikleid. Trotz ihrer unterdurchschnittlichen Körpergröße schaffte meine Lehrerin es, von allen Schülern respektiert zu werden. Dies erreichte sie durch Strenge, Fairness und High Heels. Die heutige Französischstunde zeichnete sich durch langweilige Themen aus, wir redeten über die Anforderungen an das nächste Schuljahr und über die A-Levels. Sport und Psychologie zogen sich heute ebenfalls zäh wie Kaugummi hin und allen Schülern war die Erleichterung anzusehen, als es um 15:30 Uhr klingelte. Endlich hatten wir Sommerferien!
April fuhr mich wieder nach Hause, so kam ich schon um kurz vor vier an. Gerade rechtzeitig, wie sich herausstellte, denn Nicole hatte soeben Mittagessen für die gesamte Familie gekocht, sie konnte es nicht ausstehen, wenn ihr Essen kalt wurde, immerhin gab sie sich viel Mühe beim Kochen.
»Das riecht lecker! Was gibt es denn heute?«, wollte ich neugierig wissen, als ich mit knurrendem Magen die Küche betrat. Beim Klang meiner Stimme drehte sich Nicole um und begrüßte mich herzlich. Ihre rotblonden, kinnlangen Haare standen in alle Richtungen ab und passten nicht recht zu ihrem Kleid, ihrem bevorzugten Kleidungsstil. Ihre braunen Augen hoben den gebräunten Teint perfekt hervor. Genau wie April war meine Tante trotz ihres Übergewichts selbstbewusst und zeigte sich häufig im Bikini oder in anderer figurbetonter Kleidung.
»Heute gibt es Spaghetti Carbonara. Das hast du immer gerne gegessen, wenn wir in Deutschland zu Besuch waren. Wie war es in der Schule? Freust du dich auf die Ferien und auf das Abschlussjahr danach?«, sprudelte es aus meiner Tante heraus, während sie die Sauce umrührte und die Spaghetti abgoss. Amüsiert schüttelte ich den Kopf und konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.
»Der Unterricht ist seit einer halben Stunde vorbei und du glaubst ernsthaft, dass ich mir jetzt schon Gedanken über das Abschlussjahr mache? Ich will erst mal meine Ferien genießen. Die habe ich mir mehr als verdient«, antwortete ich belustigt und begann den Tisch zu decken. Gerade als ich die letzte Gabel auf dem Küchentisch platzierte, kam Michael herein. Wie immer hatte er ein ausgeprägtes Gespür dafür, wann es sich lohnte, die Küche zu betreten. Mein Onkel war leicht gebräunt und hatte kurze braune Haare und hellblaue Augen, die auf eine Lesebrille angewiesen waren. Kaum bemerkte er, dass ihm keine Zeit mehr blieb, um die Zeitung zu lesen, nahm er seine Brille ab, umarmte mich und setzte sich an den Küchentisch. Nur während geschäftlicher Treffen legte er Wert auf eine angemessene Kleidung, zu Hause bevorzugte er Jeanshosen und T-Shirts. Er schien unser Gespräch belauscht zu haben, aber vertrat zum Glück meine Ansicht.
»Nicole, lass die Kleine erst mal ankommen und durchatmen. Das Schuljahr war lang genug und hat sie ganz schön gefordert. Liz hat sich eine Pause verdient.« Dankbar lächelte ich ihn an. Beim Mittagessen erzählte ich von Rachels Party am Abend und dass ich anschließend bei Jackson übernachten wollte. Jack wohnte in der Nähe von Rachel und es war nicht klar, wie lange die Party dauern würde. Zum Glück erteilten Michael und Nicole mir ihre Erlaubnis und ich begab mich nach dem Mittagessen ins Badezimmer.
Nach dem Duschen föhnte und glättete ich meine Haare, bevor ich im Kleiderschrank ein paar Minuten nach einem passenden Outfit suchte. Meine Wahl fiel auf ein hellgrünes, knielanges Kleid, das die Vorzüge meines sportlichen Körpers sanft betonte, ohne mich dabei billig aussehen zu lassen. Es war vorn hochgeschlossen, wies aber einen tief reichenden Rückenausschnitt auf. Passend dazu wählte ich eine Halskette mit Anhänger in Blumenform, ein Armband sowie schwarze Pumps mit leichtem Absatz. Um abends die Anzahl dämlicher Anmachsprüche auf ein Minimum zu reduzieren, beschränkte ich mein Make-up auf etwas Puder, Kajal, Mascara und ein dezentes Lipgloss. Kaum hatte ich einen letzten Blick in den Spiegel geworfen und dabei festgestellt, dass ich wirklich zufrieden mit dem gewählten Outfit war, hörte ich eine Hupe, mit der April sich ankündigte. Erstaunt bemerkte ich, dass es schon zwanzig vor acht war. Schnell schnappte ich mir meine grüne Handtasche, sprintete ins Wohnzimmer, verabschiedete mich von Michael und Nicole und verließ das Haus.
»So einen Aufriss, wie du um dein Outfit gemacht hast, vermute ich, dass für dich heute Nacht nach der Party noch lange nicht Schluss ist«, begrüßte mich meine beste Freundin grinsend, bevor sie losfuhr, und spielte damit auf den Plan an, bei Jackson übernachten zu wollen.
»Da hast du recht. Ich habe Jack in den vergangenen Wochen vernachlässigt und es wird Zeit, dass ich das wiedergutmache. Das letzte Mal, als ich bei ihm übernachtet habe, ist schon zwei Monate her. Zudem weiß ich nicht, was in den Sommerferien auf mich zukommt. Letzte Woche meinte meine Tante, dass die Testamentseröffnung mitten in den Ferien stattfinden wird. Wer weiß, wie lange ich dann in Deutschland bleibe und meinen Freund nicht sehen kann? Unsere Beziehung wäre nicht die erste, die an einer zu großen Entfernung zerbrechen würde. Natürlich muss es nicht so kommen und ich will es auch nicht, aber wenn es passiert, möchte ich zumindest jetzt die Zeit mit Jack genießen«, erklärte ich meiner Freundin und meinte auch jedes Wort so.
»Wie gut, dass Jacksons Eltern wohl schon schlafen, wenn ihr nach der Party zu ihm geht. Auch wenn du sie lange nicht gesehen hast und dein heutiger Besuch bestimmt eine schöne Überraschung für sie wäre, müssen die beiden ja nicht alles mitbekommen.«
Lachend schlug ich ihr auf den Arm, bevor ich Aprils rotes Kleid musterte, das einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté preisgab. »Und welchen jungen Mann willst du heute aufreißen?«, fragte ich schmunzelnd, bekam als Antwort jedoch nur ein Augenzwinkern. Schulterzuckend stieg ich aus dem Auto, als wir in der Auffahrt von Rachels Eltern hielten.
