Unter dem Banner des Gefleckten Drachen - Sina Blackwood - E-Book

Unter dem Banner des Gefleckten Drachen E-Book

Sina Blackwood

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Beschreibung

Die Lebenszeit König Williams neigt sich dem Ende zu. Er weiß, dass sein Sohn Vincent ein schwacher Regent sein wird. So erfährt der alte Herrscher auf dem Sterbebett die Gunst, sehen zu dürfen, auf welches Clanmitglied der Geist des Großen Drachen als Nächstes übergeht. Wird es dem Auserwählten gelingen, die Herrschaft König Vincents für die Zukunft zu sichern? Auf zu neuen Ufern! Und das im wahrsten Sinne des Wortes …

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Seitenzahl: 276

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Inhaltsverzeichnis

Sir Vincents Krönung

Sir Williams Abschied

Wie der Vater so der Sohn

Grundregeln

Tim

Schnelle Entscheidungen

Kampfbereit

Rache ist süß

Aufbruch ins ungewisse

Drachenkrankheit

Heimkehr zur Smaragdburg

Liebesenest im Nebelwald

Verbündete

Ein »Häuschen« im Grünen

Annes Geheimnis

Feste Positionen

Die Macht der vier Drachen

Trennung wider Willen

Die Letzte ihrer Art

Sir Patricks große Liebe

Materialbeschaffung auf Drachenart

Umsturzversuch

Für den König

Für Ruhm und Ehre

Sir Vincents Krönung

Mit eiligem Schlag der riesigen Schwingen flogen drei Drachen der Königsburg entgegen. Auf ihren Rücken trugen sie die besten Ritter des Landes und in den Klauen deren Pferde. In der aufgehenden Sonne gleißten die Prunkrüstungen der Drachenreiter wie flüssiges Gold.

Prinz Vincent sollte die Regentschaft übernehmen und noch zu Lebzeiten seines Vaters zum König gekrönt werden. Doch nur die Drachen wussten, was das wirklich bedeutete, nämlich, dass die Krönungsfeierlichkeiten mit einem Totenschmaus enden sollten.

Der Geist des Großen Drachen war bereit, nach dem Ableben des Königs, auf ein anderes Mitglied des Clans überzugehen. Für die Sippe gab es mehrere Kandidaten, die man favorisierte. Dazu zählten, neben den Prinzen, auch Sir Elliot und Sir Timothy, sowie die Damen Faye und Shona. Die Lebensspanne Lady Brendas, der ältesten Tochter des Königs, dem erstem weißen Drachen, den es jemals gegeben hatte, neigte sich bereits dem Ende zu, so dass ihre Wahl als unwahrscheinlich galt.

Sir Timothy, der Herr der Smaragdberge, sah sich selber auch nicht im Kreis der Auserwählten. Seine Wandlung vom Menschen zum Drachen, ohne jegliche Vorfahren im Clan, war für ihn schon das Höchste, was man wohl je erringen konnte. Zudem war ihm die Ehre zuteilgeworden, einer der Schwiegersöhne des Königs zu werden. Lady Shona, der zweite weiße Drache, hatte ihn zum Gatten auserkoren.

Ihr gemeinsamer Sohn, Ian, war erst vor vierzehn Jahren auf die Welt gekommen, verfügte aber über gewaltige Körperkräfte.

„Ihr seid Euerm Vater unglaublich ähnlich“, pflegte Lady Shona zu sagen, wenn er beim Kampftraining fast spielerisch die anderen Knappen besiegte und manch gestandenen Ritter aus dem Ring stach.

„Ich bin ja auch unglaublich stolz darauf, der Sohn des ungewöhnlichsten Drachen zu sein“, bekam sie dann stets lächelnd zur Antwort. „Ich möchte werden, wie er ist – schier unbesiegbar, stark im Willen und mildtätig Bedürftigen gegenüber.“

Shona warf einen warmherzigen Blick zu Vater und Sohn hinüber, die mit fast synchronem Flügelschlag ihre Bahn zogen.

Wann werden die Drachen von Löwenfels kommen, fragte Ian soeben.

Sie sind bereits unterwegs und werden in einer Viertelstunde zu uns aufschließen, erwiderte Sir Timothy.

Ian drehte sich um, konnte aber nichts entdecken. Manchmal machen mir Eure Fähigkeiten Angst, Vater.

Der begann genau so zu lachen, wie Lady Shona, was für die Ritter wie ein tiefes Grollen klang. Die hellseherischen Fähigkeiten des Gefleckten Drachen sorgten immer wieder für Aufmerksamkeit, zumal er stets recht behalten hatte.

König William nahm Warnungen aus dem Mund seines Schwiegersohnes sehr ernst, ersparten sie ihm und seinen Untertanen viel Ungemach. Es war ihm von Beginn an niemals in den Sinn gekommen, auch nur eine in den Wind zu schlagen.

Wisst Ihr, mein Vater, was mir noch mehr Furcht einflößt? Dass Ihr seit Tagen angespannt wirkt, als stände uns ein großes Übel bevor. Ian schaute ihm tief in die Augen.

Lady Shona erschrak. Sie hatte die Schweigsamkeit ihres Gatten ausschließlich auf den bevorstehenden Tod ihres Vaters bezogen, den er über alles verehrte. Sie zuckte sogar so deutlich zusammen, dass der Ritter auf ihrem Rücken besorgt nachfragte, ob es Probleme gebe.

Gut beobachtet, mein Sohn. Ich habe Ahnungen, die ich nicht erklären kann, antwortete Sir Timothy.

Sofort hakte Shona nach: Wegen der Ereignisse, die genau vor uns liegen?

Nein, deswegen nicht, beruhigte sie Timothy. Es betrifft die nahe Zukunft.

Ich bin sicher, Ihr findet eine Lösung, erwiderte Shona zuversichtlich.

Hoffentlich.

Inzwischen war der andere Pulk Drachen in Sichtweite gekommen, machte sich durch Begrüßungsrufe bemerkbar und unterbrach die düsteren Gedanken.

Sir Elliot nahm den Platz links neben Sir Timothy ein, während sich die Damen Shona und Faye hinter ihnen einordneten. Im Windschatten der drei gigantischen Drachenmänner konnten sie Kraft sparen, zumal sie die gleiche Last wie diese trugen, obwohl sie viel kleiner waren.

Warum müssen Freud und Leid nur so nah beieinanderliegen, seufzte Shona. Die Krönung meines Bruders kann ich ja fassen, aber nicht, dass es meinen Vater in wenigen Tagen nicht mehr geben wird. Diese Vorstellung will einfach nicht in meinen Kopf.

Ich wüsste nicht einmal, womit ich Euch trösten könnte, gab Lady Faye zu.

In der Ferne tauchte die Silhouette der Königsburg Drachenstein auf. Banner wehten im Wind, Blumengirlanden verströmten einen betörenden Duft und Dutzende Zelte verwandelten das Areal um den großen Turnierplatz vor den Toren der Festung in eine bunte Stadt.

Menschenmassen schauten in den Himmel, um die heranfliegenden Drachen zu bestaunen. Einer nach dem anderen landete hinter der hohen Mauer, setzte Pferde und Reiter ab, ehe er menschliche Gestalt annahm.

Königin Fran begrüßte sowohl die Drachen als auch die Ritter persönlich.

»Wie geht es Vater?«, fragte Shona, ihre herzliche Umarmung erwidernd.

Frans Augen füllten sich mit Tränen. »Wenn ich es nicht genau wüsste, dass er gehen muss, würde ich alle Worte darüber für einen schlechten Scherz halten.«

Ian führte seine Mutter am Arm in den Thronsaal, wie es Vater mit Lady Fran tat.

König William erhob sich, als die vielen neuen Gäste eintrafen. Mit fester Stimme hieß er alle herzlich willkommen. Es war wieder einer jener Augenblicke, wo Ian ernsthaft daran zweifelte, einen fast 700-jährigen Mann vor sich zu haben. Nach einem Menschenleben bemessen, hätte er ihm bestenfalls 40 zugestanden.

William schloss seine Lieben fest in die Arme. Timothy bat er für einen Moment auf einen Schemel neben seinem Thron.

»Ich weiß, welche Gedanken Ihr hegt. Nur habe ich Lady Brenda den Lebenszauber verboten, wenn es meine Person betrifft. Lasst mich einfach gehen. Ich habe ein langes, sehr schönes Leben gehabt. Es ist an der Zeit, Platz für einen anderen zu machen. Nur die Kraft des Großen Drachen hält mich noch am Leben, um Vincent die Geschicke meines Reiches übergeben zu können.«

»Ihm bin ich genau so treu ergeben, wie Euch, mein König.«

»Das weiß ich und es lässt mich ganz beruhigt meinem Ende entgegengehen.« König William lächelte, den Blick in eine imaginäre Ferne gerichtet. »Aber erst wollen wir den neuen Regenten gebührend feiern.«

Im Lauf der nächsten beiden Stunden trafen die Mitglieder des gesamten Clans ein und am Nachmittag begann man mit den Krönungsfeierlichkeiten.

Prinz Vincent schritt, so wie es das Protokoll verlangte, durch die Gasse, welche die vielen Schaulustigen bildeten. Lady Maya folgte ihm mit drei Schritten Abstand. Sie überquerten den großen vorderen Hof, stiegen die Stufen des Haupthauses hinauf, um Augenblicke später im Thronsaal zu erscheinen.

König William erhob sich, ging ihnen einige Schritte entgegen, nahm die Krone von seinem Kopf, um sie sofort Vincent aufs Haar zu setzen.

»Heil dem neuen König!«, rief er und die Edelleute im Saal stimmten ein.

Vincent dankte, reichte Maya die Hand und führte sie zum Thron, wo sie an seiner Seite Platz nahm. Ein Herold verkündete den Gästen im Hof die frohe Botschaft, worauf der Jubel aus Tausenden Kehlen bis in die Burg erklang. Die Hochrufe steigerten sich, als der neue König mit seiner Gattin am Fenster erschien und das Fest eröffnete.

Auch im großen Rittersaal wurde festlich aufgetafelt. König Vincent bestand darauf, dass sein Vater zu seiner Linken, der Herzseite, Platz nahm und Lady Fran neben Königin Maya. Die wenige Zeit, die Sir William noch blieb, wollte Vincent mit ihm gemeinsam verbringen.

Die Familien aller anderen Kinder Sir Williams mischten sich locker mit den Rittern an der Tafel. Das Schicksal schien es so zu wollen, dass ihm Sir Timothy genau gegenübersaß. Seit dem Augenblick, als Vincent die Krone empfangen hatte, fühlte Timothy jene Stelle brennen, auf der sich einst die Schuppe aus dem Drachenpanzer des alten Königs untrennbar mit seinem Körper verbunden hatte und ihn schließlich selbst in einen Drachen verwandelte.

»Was ist mit Euch?«, raunte ihm Shona schließlich ins Ohr, weil er immer wieder unbewusst an seine Brust fasste.

»Nichts«, gab er genau so leise zurück und bekam ein kaum merkliches ungläubiges Kopfschütteln als Antwort.

Ihr fühlt mich, hörte er eine fremde Stimme in seinen Gedanken.

Wer seid Ihr?

Das werdet Ihr zeitig genug herausfinden.

Mit den letzten Worten des Unbekannten legte sich das seltsame Gefühl auf Sir Timothys Haut. Das verschmitzte Lächeln in Sir Williams Mundwinkeln hielt er für eine optische Täuschung.

Am nächsten Morgen rief man für die Knappen aller Herren Geschicklichkeitsspiele in voller Rüstung aus, um den neuen Herrscher zu ehren. Dem Besten sollte der Ritterschlag zuteilwerden, so er es schaffte, Sir Andrew, den Herrn von Sternfels und jüngeren Bruder des Königs, zu besiegen.

Ehe die anderen einen klaren Gedanken gefasst hatten, meldete sich Ian zum Kampf an.

»Oh, ein Déjà-vu!«, lachte der König. »Ich kann mich bestens an einen jungen Knappen namens Timothy erinnern, der einige Ritter das Fürchten lehrte.«

Ebenjener lächelte breit, als er seinem Sohn das eigene Lieblingsschwert umgürtete. »Es soll Euch Kraft und Glück bringen. Ein wundervoller Mensch hat es vor über 200 Jahren extra für mich geschmiedet. Macht tüchtig Gebrauch davon, mein Sohn.«

»Das ist ja schon fast unlauterer Wettbewerb«, grinste Sir Andrew. »Wie sollen die Knappen gegen ihn siegen, dem schon Drachenkräfte zur Verfügung stehen?«

»Das, mein Lieber, ist deren Problem«, schmunzelte Sir William.

»Richtig«, meldete sich Sir Finnegan zu Wort. »Ich, der Drachenritter, bin damals von einem sehr jungen Menschlein verdroschen worden, dass es eine Art hatte!« Er drückte fest Timothys Hand. »Ich werde Euerm Sohn die Daumen halten, bis die Gelenke knacken! Genau so, wie ich es damals für Euch getan habe, als es um alles oder nichts ging.«

Inzwischen war ein Parcours aufgebaut worden, den die Knappen mit ihren Pferden abzureiten hatten. Alle drei Runden wurde ihnen eine Aufgabe gestellt, die sie lösen mussten, ehe sie ihren Weg fortsetzen durften. Es galt, bei allem, der Schnellste zu sein.

Königin Maya ließ ein Tüchlein fallen. Als es den Boden berührte, preschten etwa 40 Reiter davon, den Sieg zu erringen. Ian hielt sein Pferd stark zurück. Sollten sich die anderen ruhig um die besten Zielscheiben prügeln. Das taten sie auch, ohne zu bedenken, dass ihnen so wertvolle Zeit verloren ging.

Ian wählte die erstbeste freie Scheibe, nahm bedächtig den Bogen von der Schulter und setzte alle zehn geforderten Pfeile innerhalb weniger Augenblicke ins Schwarze. Als Dritter ritt er zum nächsten Test.

Dort standen pro Teilnehmer zehn Streitäxte, die exakt geworfen werden mussten. Denn, wie schon beim Bogenschießen, durfte ein Knappe erst weiterreiten, wenn er tatsächlich zehn Mal die Scheibe getroffen hatte.

Hier machte er sich als Schnellster wieder auf den Weg, während andere noch immer verzweifelt versuchten, die erste Aufgabe zu lösen, und wenigstens alle Pfeile innerhalb der Ringe zu platzieren.

Nach der neunten Runde legte man ihm Dolche vor. Ian wog einen nach dem anderen in der Hand, suchte den Schwerpunkt und schleuderte die Waffen aus dem Handgelenk. Er traf acht Mal das Zentrum und zweimal den Ring genau daneben. Bei seinen beiden Kontrahenten sahen die Trefferbilder nicht ganz so gut aus, wie er aus den Augenwinkeln bemerkte, als er sich auf sein Pferd schwang, um als Sieger auch aus diesem Vergleich hervorzugehen.

Unter großem Applaus ritt er an der Tribüne vorbei.

»Für Emerald Castle!«, rief er, mit der Faust auf das Wappen seines Brustpanzers schlagend.

»Emerald Castle dankt!«, erwiderte Sir Timothy laut.

»Unglaublich«, murmelte Sir William. »Fast wie damals. Das schönste Geschenk, für einen, der bald sein letztes Lebewohl sagen muss.«

Nur noch 32 junge Männer blieben im Rennen, nachdem viele, zum Gespött ihrer Herren, aufgegeben hatten.

Ian beobachte sehr genau, was nun aufgebaut wurde. Mittels einer Lanze sollten während des Rittes Ringe gesammelt werden, die an Stricken von einer Stange herabhingen. Des Weiteren mussten ein Pfeil abgeschossen, eine Streitaxt aus einem Balken gezogen und in den nächsten eingeschlagen werden. Mit einem Gewaltritt über eine volle Runde um den Platz, zum Abschluss, sollte man etwaig gleichstarke Gegner noch überholen können.

Ein Gongschlag startete das Geschicklichkeitsrennen. Ian schaute weder links noch rechts. Voll auf seine Aufgaben fixiert, stürmte er auf seinem Rappen voran. Der Wind versetzte die Ringe in schaukelnde Bewegungen, was es den Reitern noch schwerer machte. Vier Ringe musste Ian schweren Herzens hängen lassen. Dafür bewies er erneut seine Treffsicherheit mit Bogen und Axt.

Kopf an Kopf erreichte sein Pferd mit dem eines anderen Knappen die Ziellinie.

Ein kurzer Blick des Schiedsrichters genügte, um Ian zum Sieger zu erklären, denn dessen Kontrahent hatte sieben Ringe verfehlt.

Lady Shonas halb freudiger, halb entsetzter Aufschrei entlockte den anderen Drachen ein Schmunzeln.

Die meisten ahnten, was sich soeben in ihrem Kopf abspielte. Timothy nahm ihre Hand. Auch er wurde an jenen Tag erinnert, als sie ihm unter Aufbietung all ihrer Kräfte das schon verlorene Leben gerettet hatte.

Alle guten Geister mögen Euch beschützen, mein Sohn!

Danke, Mutter, ich werde mein Bestes geben.

Genau das befürchte ich.

Ian blieb weder Zeit, zu antworten noch über ihre Worte nachzudenken, denn Sir Andrew betrat mit gezogenem Schwert den Kampfplatz.

»Ich hab es geahnt, als Ihr ihm Euer Schwert gabt«, hauchte Shona, sich an Timothys Arm klammernd.

Ian hob grüßend die Waffe, um gleich darauf den Angriff seines Onkels zu parieren. Mit jeder erfolgreich absolvierten Runde seines Sohnes wurde Timothys Lächeln breiter. Dabei schenkten sich die beiden Kämpfer nichts. Sie droschen aufeinander ein, als ginge es um Leben oder Tod.

Beider Helme und Rüstungen sahen nach vier Runden aus, als seien sie zwischen Mühlsteine geraten, Blut tropfte aus den Panzerhandschuhen.

Ian wusste, dass er gegen Andrew nur eine Chance haben werde, wenn er alle legalen Tricks und Kniffe anwendete. Also ließ er Andrew glauben, seine Kräfte seien am Ende, indem er sich in eine Position drängen ließ, wo ihm die Sonne ins Gesicht schien.

Als sich der Herr von Sternfels fast auf der Siegerstraße wähnte, drehte Ian sein Schwert blitzschnell mit der polierten Verzierung so, dass die Sonnenstrahlen direkt in Andrews Augen abgelenkt wurden. Andrew zuckte geblendet zusammen. Ian schlug mit dem Knauf der Waffe zu und schickte seinen Onkel ins Land der Träume.

Er selber stützte sich völlig ausgepumpt auf das linke Knie, um zu Atem zu kommen.

»Perfekt in jeder Weise«, hörte er plötzlich die Stimme Sir Vincents genau vor sich und hob überrascht den Kopf.

Vor ihm stand tatsächlich König Vincent, der von Sir William und Sir Andrew begleitet wurde. Letzterer nickte ihm sogar aufmunternd zu, obwohl der Schlag nicht spurlos an ihm vorübergegangen war, wie ein Bluterguss an der Schläfe deutlich zeigte.

Da fühlte Ian auch schon das Schwert des Königs auf der Schulter und hörte die Worte: »Ich schlage Euch zum Ritter von Drachenfels. Erhebt Euch, Sir Ian.«

Sir Williams Abschied

Ian nahm die vielen Glückwünsche wie ein Traumwandler entgegen.

»Ich habe nicht erwartet, dass Ihr so schnell das Geheimnis der Waffe ergründen würdet«, gab Sir Andrew zu. »Nur wenige wissen darum.«

»Behaltet es, mein Sohn«, sagte Sir Timothy, als ihm Ian das Schwert dankend zurückgeben wollte. »Bei Euch ist es in den richtigen Händen.«

»Wo er recht hat, hat er recht«, ließ sich Sir William sehr zufrieden vernehmen. »Ich bin stolz, solch einen Enkel zu haben.«

»Ein Bad für die Herren Ritter!«, befahl der König.

Ian atmete tief durch. Ihn hatte von jüngsten Kindesbeinen an die unglaubliche Lebensgeschichte seines Vaters fasziniert und nun stand er hier, im gleichen Alter wie dieser damals, und gehörte dem Stand der Ritter an.

»Rasch, Herr Ritter, ins Bad! Sonst verpasst Ihr noch die Feier, Euch zu ehren.« Lady Maya deutete blinzelnd zur Tür.

»Das ist wahr, Mylady. Ich bin schon weg.« Ian eilte mit großen Schritten davon.

Er genoss es mit allen Sinnen, wie sich zwei junge hübsche Bademägde ausschließlich um seine Befindlichkeiten kümmerten. Ach, wäre nur mehr Zeit gewesen ...

So stieg er rasch wieder aus der hölzernen Wanne, warf sich in seine Festkleidung und kehrte in den Festsaal zurück. Sir Andrew kam wenige Sekunden nach ihm zur Tür herein und nahm an der schier überquellenden Tafel Platz.

»Ohne Schwert, Herr Ritter?«, versuchte Lady Brenda, Ian zu necken.

»Zum Braten schneiden reicht mein Dolch«, erwiderte der junge Mann lächelnd. »Ich will doch hoffen, dass der Koch sein Handwerk versteht.«

Brenda brach in Gelächter aus. »Euer Vater meinte damals, er könne sich mit bloßen Händen seiner Verehrerinnen bei Tisch erwehren.«

»Die muss ich mir erst verdienen«, blinzelte Ian.

»Oje, dann wart Ihr wirklich ausschließlich auf die Kämpfe fixiert.«

Ian nickte. »Daran werde ich auch in Zukunft festhalten. Das Leben ist zu kostbar, um es leichtfertig wegzuwerfen.«

Brenda bedachte Vincent mit einem zufriedenen Blick. »Ein König, der solche Ritter um sich hat, kann sich wahrlich glücklich schätzen.«

Vincent nickte. »Das tut er mit großer Freude.«

Sir William winkte Ian auf den Platz neben sich. »Das ist der Vorteil daran, die Königswürde abgegeben zu haben. Die Etikette verbietet es mir nicht mehr, den jüngsten Edelmann als Gesprächspartner bei Tisch zu wählen. Alle meine Wünsche sind erfüllt worden, auch der, Euch noch als Ritter erlebt zu haben.«

König Vincent hob seinen Weinbecher. »Auf den jüngsten Ritter des Reiches!«

»Danke, mein König!« Ian hob ebenfalls den Becher.

So feierte er die ganze Nacht mit den anderen, die sich schließlich zu wundern begannen, dass er, außer etwas mehr Farbe auf den Wangen, kaum Auswirkungen des Gelages zeigte. Darauf angesprochen, hob er die Schultern und antwortete: »Ich bin es gewohnt, die guten Ratschläge meines Vaters zu befolgen.«

»Übersetzt heißt das, Ihr bevorzugt die gleiche Mischung«, vermutete Sir Andrew mit einem Blinzeln.

»So ist es, mein Herr. Ein Drittel Wein und zwei Drittel Wasser. Und wie man sieht, es funktioniert.« Ian amüsierte sich über die verblüfften Gesichter.

Auch am nächsten Morgen, als er pünktlich mit dem ersten Hahnenschrei aus dem Bett sprang, um mit den anderen Rittern des Königs zu trainieren.

Sir Vincent hatte die Rüstung seines Neffen sofort nach dem Kampf reparieren lassen und so fand dieser sie gegenüber seiner Zimmertür in der Fensternische.

»Nehmen wir es als gutes Zeichen«, murmelte Ian erfreut.

Sir William wohnte zum ersten Mal nicht den Kämpfen bei. Auch bei Tisch erschien er nicht. Lady Fran bat König Vincent mit völlig verweinten Augen dafür um Entschuldigung.

Vincent sprang auf und hastete zu seinem Vater, wohin ihm die Geschwister sofort folgten.

Sir William konnte kaum noch den Kopf heben. »Ich glaube, ich werde diesen Tag nicht überstehen«, erklärte er flüsternd. »Meine Lebenskraft ist aufgebraucht. Gern möchte ich alle noch einmal sehen.«

»Ich werde Euch hinunter in den Rittersaal bringen lassen«, versprach Vincent. »Ihr sollt einen Abschied haben, der eines großen Königs würdig ist.«

Shona übernahm es, an seiner statt, den Saal entsprechend vorbereiten zu lassen. In Windeseile wurden die Blumengirlanden entfernt, ein Bett aufgestellt und mit blutrotem Samt bedeckt, welcher bis auf dem Boden reichte. Mehrere Knappen polierten die Prunkrüstung und das Lieblingsschwert des alten Königs auf Hochglanz.

Lady Fran saß neben dem Bett ihres geliebten Mannes, hielt seine Hand und telepathische Zwiesprache mit ihm, weil ihn andere Kommunikation zu sehr anstrengte.

Versprecht mir, dass Ihr Euch nicht aufgebt, bat er sie inständig.

Es fällt schwer, das nicht zu tun. Ich werde in den Nebelwald gehen und so lange dort leben, bis das Schicksal etwas anderes mit mir vorhat.

Die uralte Magie wird Euch schützen. William schloss die Augen.

Fran schluchzte auf.

Ich will nur etwas ruhen, wisperte Williams Stimme.

Shona steckte den Kopf zur Tür herein. »Es ist alles bereit.«

»Die Männer mögen ihn hinunter tragen«, gebot Fran mit erstickter Stimme.

König Vincent, sein Bruder Andrew, Sir Elliot, als Freund Williams, und Sir Timothy fassten die vier Ecken der Decke. Vorsichtig brachten sie den Schlummernden zu jener Liegestatt, die sein Sterbebett werden sollte. Fran hüllte William in die Farben des Königshauses, eine schwarz-rote Samtdecke. Dann versammelten sich alle Drachen um ihn und warteten schweigend, ob er noch einmal erwache.

Erschüttert vernahmen die Menschen die Botschaft, dass Sir William im Sterben liege. Als Gewissheit nahmen sie es aber erst an, als auch im Burghof und an den Zelten die Blumengirlanden verschwanden.

Erst als die Sonne bereits unterging und Öllämpchen angezündet wurden, öffnete Sir William noch einmal die Augen. Vincent und Andrew legten ihm die Prunkrüstung an und gaben ihm sein Schwert in die Hand.

Sir William ließ seinen Blick über die Versammelten schweifen. Selbst in den Augen der härtesten Männer glänzte es verräterisch feucht.

Der Augenblick des Abschieds ist gekommen, hörten sie seine telepathische Stimme. Der Große Drache gewährt mir eine letzte Gunst. Ich darf noch sehen, auf wen von Euch sein Geist übergeht.

Die Haut des Sterbenden begann blau zu leuchten. Der Schimmer löste sich, glitt lautlos und zielstrebig unter den erstaunten Blicken der anderen auf Sir Timothy zu und umhüllte ihn.

»Ihr seid der Auserwählte«, hörten alle die tiefe Stimme, welche Timothy schon einmal vernommen hatte.

Dann drang das blaue Licht genau dort in seinen Körper ein, wo die Schuppe des Drachenkönigs saß.

Sir William lächelte erleichtert. Genau jener, den ich erhofft habe. Dort steht der Mann, der in allen Kriegen ein siegreicher Feldherr sein wird, wenn Ihr all seinen Befehlen gehorcht. Und nun lebt wohl.

Fran brach ohnmächtig neben ihrem leblosen Gatten zusammen. Shona, deren Zwillingsschwester Caitlin und Williams älteste Tochter Brenda kümmerten sich um sie, selbst beinahe in Tränen zerfließend.

Dann hielten alle gemeinsam die Totenwache.

Mit dem ersten Sonnenstrahl ließ Vincent die Tore öffnen und Hunderte kamen, um sich von seinem Vater zu verabschieden. Mit dem letzten Licht des Tages betteten seine Söhne den Toten in einen prunkvollen Sarg. Gemeinsam mit seinen Schwiegersöhnen trugen sie ihn zur Gruft.

Sir Ian stützte Lady Fran, die in einem Zustand verharrte, der einer Ohnmacht nahekam. Sie nahm die Welt um sich herum gar nicht mehr wahr.

Für persönliche Gespräche war seit dem Tod Sir Williams keine Zeit gewesen, jeder der Edelleute, egal, ob Drachen- oder Menschenritter, hatte vor dem Volk zu repräsentieren gehabt. Für den späten Abend rief der König deshalb alle in den Rittersaal zum Totenschmaus.

»Trauer und Freude liegen bei uns oft sehr eng beieinander. Wir gedenken eines Toten und feiern gleichzeitig den Auserwählten des Großen Drachen«, sagte er, als alle am Tisch versammelt waren. »Genau wie mein Vater, habe ich erwartet, dass Sir Timothy Drachenherz fortan der Heerführer des Clans sein wird. So wie er mir ewige Treue geschworen hat, schwöre ich, stets seinem Rat zu folgen.«

»Da seid Ihr nicht der Einzige, mein König«, erklärte dessen Bruder Andrew. »Wenn einer eine vernünftige Lösung für irgendein Problem findet, dann Sir Timothy. Das war schon immer so und wird auch immer so sein. Sein Banner weht nicht grundlos seit fast 200 Jahren auch auf einem Turm meiner Burg, selbst dann, wenn er nicht anwesend ist.«

Lady Shona vernahm die Worte mit der gleichen Freude, wie in Ians Augen der Stolz auf seinen Vater zu erkennen war.

Sir Finnegan, der langjährige Kampfgefährte Timothys, reichte diesem wortlos die Hand. Seine Heirat mit Lady Caitlin hatte die beiden noch enger zusammengeschweißt. Zudem war es Finnegan gelungen, auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt und den Smaragdbergen ein Stück Land zu erringen und eine ansehnliche Burg errichten zu lassen. Der König hatte ihm Erbrecht garantiert, zumal das Land durch Caitlin buchstäblich in der Familie blieb.

»Ihr seid unruhig und schweigsam, mein Freund«, bemerkte Finnegan besorgt.

Sir Vincent horchte auf. Timothys Blick traf den seinen. Daraufhin befahl der König: »Meine Herren Ritter, morgen nach dem Frühstück ist Lagebesprechung.«

Shona strich mit der Fingerspitze über Timothys Handrücken. »Ihr habt den Großen Drachen schon seit langem gespürt, ohne es zu ahnen. Da bin ich nun ganz sicher.«

»Ich gebe Euch in allen Punkten recht«, erwiderte Timothy lächelnd. »Er hat mich ja sogar angesprochen und ich hab nicht gemerkt, wer es war.«

»Wie und wann?«, riefen einige erstaunt.

»Sofort nach Sir Vincents Krönung«, erklärte Timothy. »Ich hatte ein seltsames Gefühl in der Brust, da wo die Drachenschuppe Sir Williams sitzt. Meine Gattin hat mich bei Tisch darauf aufmerksam gemacht, dass ich ständig unbewusst jene Stelle betastete. Da hörte ich in meinen Gedanken deutlich jemanden sagen: Ihr fühlt mich. Es war die Stimme des Großen Drachen gewesen, wie ich seit seinen Worten, die alle gehört haben, weiß.«

»Dann sind Eure Ahnungen der letzten Monate wohl auch nicht nur Träume gewesen«, murmelte Shona nachdenklich.

Der König gebot mit einer Handbewegung Schweigen. »Darüber sprechen wir morgen, denn Sir Finnegans Worte zu Euerm Gatten kamen nicht von ungefähr.«

Shona deutete mit einem Nicken Zustimmung an. In ihrem Kopf kreisten genügend andere Gedanken, mit denen sie sich beschäftigen konnte.

Konzentriert Euch dabei auf die angenehmen Dinge, vernahm sie Sir Vincents Stimme in ihrem Kopf und schenkte ihm ein dankbares Lächeln.

Es gab inmitten der Trauer um ihren Vater tatsächliche viele Glanzlichter, die dieser wohl ganz genau so geplant hatte, um die Tränen aller rasch zu trocknen. Da waren die Krönung ihres Halbbruders, der Ritterschlag für ihren Sohn und die unerwartete Ehre, die ihren Gatten zum Heerführer aller Drachen erhob.

Heerführer – das Wort bereitete Lady Shona mit einem Mal Kopfzerbrechen. Seit über 100 Jahren herrschte Frieden ...

Seufzend folgte sie dem Befehl ihres Bruders, alle Fragen bis zum nächsten Morgen zu verdrängen.

Wie der Vater so der Sohn

Ian verbrachte die Nacht in Gesellschaft seiner Großmutter Lady Fran in der Bibliothek der Burg. Sie weihte ihn in die letzten Geheimnisse des Clans ein, die er als Ritter wissen musste.

Sir Timothy und Lady Shona hatten ihr gern diese Aufgabe überlassen, lenkte es sie doch ein wenig von ihrem Kummer ab.

Als die ersten Sonnenstrahlen in den Raum huschten, erhob sich Fran. »Ich werde jetzt eine Stunde ruhen. Aber vorher müsst Ihr mir versprechen, sofort nach mir zu rufen, wenn ihr irgendwann zu meinen Lebzeiten keinen Ausweg mehr seht.«

»Wie meint Ihr das?«

»Wörtlich, mein lieber Sir Ian. Schwört mir, dass Ihr nicht zögern werdet, einen telepathischen Hilferuf zu senden, wenn Euer Leben verloren scheint!«

Nach kurzem Überlegen schwor der junge Ritter, genau dies zu tun. Der seltsame blaue Schein in Lady Frans Augen bewog ihn dazu. Als er ihn bemerkte, fiel ihm plötzlich jene Geschichte ein, nach der Fran in Sekundenschnelle einen ganzen Landstrich niedergebrannt hatte, um die Männer aus einer tödlichen Falle zu retten.

»Ich möchte nur nicht, dass Ihr Euch für mich opfert«, erklärte er.

Fran blinzelte ihm zu. »Das, lasst meine Entscheidung sein.«

Ian atmete einmal tief durch. Er wusste, dass nichts und niemand sie davon abbringen konnten, für ihn genau das zu tun, was sie für ihre große Liebe William riskiert hatte.

»Und Ihr versprecht mir das Gleiche!«, bat er.

»Ich schwöre es«, erwiderte Fran mit fester Stimme.

Bereits zwei Stunden später war er sehr dankbar dafür. König Vincent kam sofort auf den Punkt, kaum dass alle ihre Plätze am runden Tisch des Saales eingenommen hatten. »Sir Timothy, berichtet uns, welche Ahnungen Euch bedrücken!«

Mit den Worten: »Wir Drachen werden in einen ungewöhnlichen Kampf ziehen müssen«, begann Timothy, den Clan in ein unglaubliches Geheimnis einzuweihen. »Nicht in unserer Welt möchte ich es nennen. Es gibt noch ein anderes Drachenvolk, dem der Tod droht, sollten wir ihm unsere Hilfe verweigern.«

Er schaute in die Runde und Gesichter, die deutlich Erstaunen, Erschrecken und völlige Verblüffung widerspiegelten. König Vincent beugte sich nach vorn, um sich nicht ein einziges Wort entgehen zu lassen.

»Bisher haben wir alle geglaubt, unsere Welt ende am Rand des Ozeans. Wir haben uns geirrt. Unsere Ländereien sind nicht der einzige bewohnte Punkt im unendlichen Blau des Wassers. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.«

Der letzte Satz bewirkte, dass einige aufsprangen und wild durcheinanderredeten. Sir Vincent ließ ihnen einige Sekunden, ehe er sie zur Ruhe rief.

Sir Timothy dankte mit einem Nicken und berichtete weiter: »Viele von uns sind schon weit hinausgeflogen und haben nur Wasser gesehen. Ich hingegen bin so hoch aufgestiegen, dass ich kaum noch atmen konnte in der dünnen Luft und ich habe in weiter Ferne mehr entdeckt. Auf der anderen Seite des Salzwassers gibt es riesige gelblich-braune Flächen und Bäume, wie sie hier nicht wachsen. Genau von dorther kommt der Hilferuf.«

Keiner wagte zu fragen, ob er sich nicht vielleicht geirrt habe. Schon gar nicht jetzt, wo ihn der Geist des Großen Drachen leitete.

Also bat der König um Informationen, zu jenem geheimnisvollen Volk, die ihnen Timothy gab, soweit sie ihm bekannt waren.

»Es sind Drachen, die tief im Meer leben. Sie ähneln uns von Gestalt. Aber ihre Körper sind langgestreckt, haben winzige Flügel, mit denen sie perfekt durch die Fluten, aber nicht durch die Lüfte gleiten können. An Land überleben sie nur wenige Stunden. Einige von ihnen sind im süßen Wasser eines gigantischen Sees gefangen, welcher nun auszutrocknen droht.

Für uns ist das nicht das einzige Problem – es gibt dort Menschen, die alle Drachen töten wollen. Gut möglich, dass sie begonnen haben, den See trocken zu legen.«

Mit einer Handbewegung bat er, weitersprechen zu dürfen, was ihm Sir Vincent gewährte. »Da gibt es noch etwas, worauf wir uns einstellen sollten. Die fremden Drachen können sich nicht in menschliche Gestalt verwandeln. Eine Annäherung ist also nur im Schuppenpanzer zu empfehlen, wenn wir nicht zwischen ihren Zähnen landen wollen.

Das ist im Augenblick alles, was es an Fakten gibt. Mein Vorschlag ist, telepathischen Kontakt aufzunehmen, um mehr zu erfahren. Die Entscheidung darüber, und zum weiteren Vorgehen, obliegt unserem König.«

Sir Vincent bedankte sich für die umfassenden Informationen, um Timothy sofort aufzutragen: »Ihr sollt mein Botschafter sein. Versucht, die Fremden mit Euren Gedanken zu erreichen. Eure menschliche Vergangenheit, gepaart mit Euerm Dracheninstinkt, sind hier die besten Ratgeber. Nichtsdestotrotz sollten wir uns auf einen Kampf vorbereiten, falls das andere Volk tatsächlich unsere Hilfe wünscht.«

»Wie sollen wir diese immense Entfernung überfliegen können?«, fragte ein rangniederer Drache skeptisch.

Ein kurzer Blickwechsel zwischen den Herren Timothy und Vincent genügte, dann antwortete der Herr der Smaragdberge. »Sollte es wirklich zu dieser Unternehmung kommen, müssen wir große feste Boote haben, mit denen wir Waffen, aber auch Proviant transportieren können. Drachen werden sie ziehen und, wenn ihre Kräfte nachlassen, mit jenen tauschen, die in den Booten sitzen.«

Andrew schaute triumphierend um sich: »Ich wusste doch, dass er immer eine Lösung findet!«

Am Nachmittag des gleichen Tages schnürte Lady Fran ihr Bündel. Sie verabschiedete sich vom Clan und besonders innig von ihrer Familie, um in den Nebelwald aufzubrechen. Eine Begleitung durch Ian, oder einen anderen Drachen, lehnte sie kategorisch ab.

»Ihr könnt mich aber gern besuchen kommen, wenn Ihr, irgendwann einmal, nichts Besseres vorhabt«, erklärte sie, verwandelte sich, griff nach ihrem Kleiderpaket und segelte majestätisch davon.

Timothy zog Shona fest an sich. »Sie wird lange brauchen, um den Verlust Eures Vaters zu verarbeiten.«

König Vincent krallte die Finger in die Steine der Burgmauer, von wo aus Fran gestartet war. Obwohl sie nicht älter als er war, hatte er die Frau seines Vaters sehr verehrt. Maya legte ihren Kopf an seine Schulter und schaute der Davonfliegenden wehmütig nach. Vielleicht wäre sie ja hiergeblieben, wenn wir Kinder hätten?

Womöglich kommt sie wieder, wenn wir eines Tages welche haben? Vincent hob hilflos die Schultern. Das Schicksal ließ sich nicht zwingen. Den einzigen freien Platz im Clan würde demnächst ganz sicher ein Baby einnehmen. Nur, wessen Kind, konnte keiner voraussagen.

Die Nächsten, die abreisten, waren die Gäste von Emerald Castle. Sir Timothy verwandelte sich unter den neugierigen Blicken der anderen Clanmitglieder als Erster. Die Macht des Großen Drachen ließ ihn zu einem Giganten werden, der sogar den alten König in den Schatten stellte.

Zwei Ritter, zwei Pferde, gebot er, damit Lady Shona ohne Last fliegen konnte.

Ian half ihm, die Pferde sicher zu greifen. Als er abhob, war es, als träfe eine Orkanböe die Zuschauer. Einige, die zu nahe standen, fanden sich auf allen Vieren wieder.

Ian konnte sich ein amüsiertes Grinsen nur mühsam verkneifen. Er wartete, bis seine Mutter ebenfalls gestartet war, ehe er sich mit seinem Ritter und dessen Pferd auf den Heimweg machte.

Die sonst so menschenleere Gegend wimmelte geradezu vor Reitern, welche schon am Tag zuvor die Burg verlassen und den Weg nach Hause angetreten hatten. Ian fing mit seinen scharfen Drachenohren belanglose Gesprächsfetzen auf.

Manchmal hatten sich mehrere Ritter zusammengeschlossen, um die Reise kurzweiliger zu gestalten. Sie winkten zu den Drachen herauf und zogen weiter. Im Anflug an einen dieser Züge gewahrte Ian etwas, das seine Neugier erregte.

Es waren vier Berittene, denen ein Fünfter mit etwas Abstand folgte. Jener letzte Mann hatte Blutergüsse im Gesicht und wurde mit Schmähreden bedacht, wenn er sich nur um einen einzigen Meter näherte.

Sogar Ians Begleiter wurde aufmerksam. »Das da unten ist Kunz mit seinen Knappen und, wie es aussieht, hat er den Pechvogel vom Turnier schwer in die Mangel genommen.«

Fragend schaute Ian seinen eigenen Mann an, denn der hätte seine telepathischen Worte nicht verstanden. Er wusste, dass Kunz seinen Knappen geohrfeigt und wüst beschimpft hatte, als dieser Vorletzter geworden war.