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Sie sucht ihre Vergangenheit, er will seine vergessen. Zusammen finden sie eine Zukunft. Die achtunddreißigjährige Joy liebt die flirrende Hitze ihrer Heimat Arizona, die blühenden Kakteen und den unglaublichen Sternenhimmel über der Wüste. Doch als sie nach dem Tod ihres Vaters herausfindet, dass sie adoptiert ist, fühlt sie sich entwurzelt und einsam. Bis sie in einer besonderen Sternennacht Lewis kennenlernt und sofort eine Verbindung zwischen ihnen spürbar ist. Fortan kreuzen sich ihre Wege immer wieder – so auch am Flughafen, als beide sich auf die Suche nach ihren irischen Wurzeln begeben. Gemeinsam machen sie sich auf die Reise und erkennen, dass das Schicksal sie nicht zufällig zusammengeführt hat. Vom sonnenbeschienenen Arizona bis an die raue irische Küste: ein berührender Roman über Familie, Liebe und die Suche nach den eigenen Wurzeln
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Veröffentlichungsjahr: 2020
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Aus dem Englischen von Maria Hochsieder
Das Zitat stammt aus dem Gedicht »Der kleine schwarze Junge« von William Blake, deutsch von Raimund Borgmeier, entnommen der Sammlung Gedichte der englischen Romantik, hrsg. von Raimund Borgmeier, Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG 1992.
© Noëlle Harrison 2018
Titel der englischen Originalausgabe:
»The Gravity of Love«, Black & White Publishing Ltd., Edinburgh 2018
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Piper Verlag GmbH, München 2020
Redaktion: Kerstin Kubitz
Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Covermotiv: shutterstock.com/Verock
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Cover & Impressum
Eins
Scottsdale, Arizona, 13. März 1989
London, 13. April 1967, 7:15 Uhr
Zwei
Scottsdale, 14. März 1989
London, 13. April 1967, 8:43 Uhr
Drei
Scottsdale, 14. März 1989
Scottsdale, 15. März 1989
London, 14. April 1967, 9:08 Uhr
Vier
Scottsdale, 20. März 1989
London, 14. April 1967, 9:23 Uhr
Berkshire, 29. Oktober 1954
Fünf
Scottsdale, 23. März 1989
London, 13. April 1967, 11:38 Uhr
Scottsdale, 23. März 1989
Rosses Point, Sligo, Irland, Ostermontag, 27. März 1967
Scottsdale, 23. März 1989
London, 13. April 1967, 12:57 Uhr
Berkshire, 7. Juli 1955
Sechs
Scottsdale, 23. März 1989
London, 13. April 1967, 17:14 Uhr
London, 27. Juli 1955
Sieben
Scottsdale, 23. März 1989
London, 13. April 1967, 18:17 Uhr
Scottsdale, 23. März 1989
Irische See, 28. März 1967
Acht
Scottsdale, Karfreitag, 24. März 1989
London, 13. April 1967, 19:32 Uhr
Neun
Sky Harbor, Phoenix, 24. März 1989
London, 13. April 1967, 20:46 Uhr
Zehn
New York, 25. März 1989
London, 13. April 1967, 22:06 Uhr
Irland, 25. März 1989
London, 14. April 1967, 0:10 Uhr
Elf
Skerries, County Dublin, 25. März 1989
London, 14. April 1967, 5:19 Uhr
Von Skerries nach Mayo, Ostersonntag, 26. März 1989
Zwölf
Ballycastle, County Mayo, Ostersonntag, 26. März 1989
London, 14. April 1967, 10:31 Uhr
Dreizehn
Von Mayo nach Sligo, Ostersonntag, 26. März 1989
Ballycastle, County Mayo, Ostersonntag, 26. März 1989
Strandhill, County Sligo, Ostersonntag, 26. März 1989
Ballycastle, County Mayo, Ostermontag, 27. März 1989
Strandhill, County Sligo, Ostersonntag, 26. März 1989
Putney, London, 30. Juni 1974
Strandhill, County Sligo, Ostermontag, 27. März 1989
London, 14. April 1967, 11:21 Uhr
Von Mayo nach Dublin, Ostermontag, 27. März 1989
London, 28. März 1989
Dank
Für Barry, meinen Leitstern
Wir sind für kurze Zeit auf die Erde gestellt, um die Strahlen der Liebe ertragen zu lernen.
William Blake
Teilchen
Die Postkarte traf exakt am einundzwanzigsten Hochzeitstag ein. Ohne großes Aufheben glitt sie in den grünen Briefkasten und landete in dem noch morgendlich kühlen Gehäuse. Ein lautloser Eindringling.
Zwanzig Minuten später trat Lewis Bell aus dem Haus. In einem alten Hawaiihemd, Jeans und Flipflops ging er über den trockenen Rasen seines Vorgartens.
Lewis öffnete den Briefkasten und langte hinein. Zunächst dachte er, der Kasten sei leer, dann aber ertastete seine Hand die glatte Oberfläche der Postkarte. Er zog sie heraus und betrachtete das Bild auf der Vorderseite. Er fragte sich, ob er sich das, was er sah, nur einbildete.
Der Nachbar von gegenüber ließ seinen brummenden alten Pick-up an und fuhr aus der Einfahrt, aber Lewis hob nicht einmal den Blick. Genauso wenig nahm er das Kreischen der Kinder wahr, die zwei Häuser weiter im Vorgarten spielten. Alle Geräusche auf der Cactus Road waren in einem Vakuum verschluckt, alles stand still. Das Universum war zu dem Bild vor seinen Augen zusammengeschnurrt.
Es war eine Ansicht vom Meer. Im Vordergrund brach die grüne Graskante der Klippe ab, und am Fuß der algenüberwucherten Felsen sah man eine kleine Schar Badender. Die aquamarinblaue See kräuselte sich leicht, und dahinter erhob sich an der Rundung eines Sandstrands eine weitere moosgrüne Klippe, auf der ein kleines weißes Cottage saß. Im Hintergrund bildete ein flacher Bergrücken eine tiefblaue Silhouette vor dem makellos blauen Himmel. Er hatte diesen Anblick nie vergessen, bis heute nicht, auch wenn sein Leben keinerlei Spuren desjenigen mehr aufwies, der er einmal gewesen war. Es war ein Ort, der in seinen Erinnerungen unter einem Schleier der Sehnsucht verwahrt war. Hätte er noch Zweifel gehabt, dass es sich um ebendiesen Ort handelte, hätte er nur den Text am unteren Bildrand lesen müssen: »Strand von Rosses Point und Tafelberg Ben Bulben, Co. Sligo.«
Wer hatte ihm eine Postkarte aus Irland geschickt?
Natürlich kannte er die Antwort, trotzdem konnte er es nicht recht glauben.
Er drehte die Postkarte um. Sein Herz verkrampfte sich beim Lesen, und die Welt um ihn herum schrumpfte auf die sechs Wörter zusammen, die vor seinen Augen verschwammen. Aus der Ferne hörte er seine Frau nach ihm rufen, doch er war zu keiner Regung fähig.
Etwas verschob sich. Es war, als würde der Rasen ihm unter den Füßen weggleiten, als wäre die Erde plötzlich in Schräglage geraten. Ihm blieb die Luft weg.
»Lewis!«
Schließlich rüttelte ihn Samanthas Stimme wach, holte ihn wieder zurück, und er schnappte nach Luft, als hätte ihm eine eisige Hand auf den Rücken geschlagen.
Er machte einen Schritt nach vorn und ging dann auf das Haus zu, die Postkarte fest in der Hand. Auf der Türschwelle hielt er inne, um einen letzten Blick auf die Karte zu werfen und sich zu vergewissern, dass sie tatsächlich existierte, bevor er sie in die Tasche seiner Jeans schob und das Haus betrat.
Joy Sheldon saß in der Küche, auf dem Tisch vor sich eine dampfende Kaffeetasse und die ausgebreitete Zeitung. Es war ihr Morgenritual. Seit der Schulzeit der Kinder und selbst heute noch, wo sie erwachsen und aus dem Haus waren, las sie jeden Tag die Arizona Republic, bevor sie mit dem Putzen und Wäschewaschen begann. Sie wusste über alles Bescheid, was in Arizona geschah. Wer gestorben war, was für politische Rangeleien im Staat vor sich gingen, wo neue Wohnsiedlungen gebaut wurden. Sie las sogar die Anzeigen und malte sich aus, sie würde sich auf eine der Stellen bewerben.
Nachdem sie die Zeitung gelesen hatte, saß sie am Küchentisch und sah zu, wie sich die Welt vor ihrem Fenster weiterdrehte, dann raffte sie sich auf. All die Jahre hatte sie es an Wochentagen so gehalten.
Seit allerdings ihr Vater gestorben war, genügte dieses Ritual nicht mehr, damit sie durch den Tag kam. In den vergangenen Monaten war sie immer ruheloser geworden.
In wenigen Wochen jährte sich sein Tod, dennoch konnte sie noch immer nicht recht glauben, dass sie ihn nie wiedersehen würde. Nur Dad hatte ihre Liebe zur Natur verstanden, denn er trug sie selbst in sich und hatte sie auch in ihr wachsen lassen. Wer wollte behaupten, dass die Wüste karg und öde war? Das Arizona von Joy jedenfalls nicht, wo jeden Frühling der Goldmohn, lilafarbene Opuntien, Wüstenwegwarte und die roten Pinsel der Castilleja durch die harte Erdkruste brachen. Jedes Mal aufs Neue erschien es ihr unerwartet und spektakulär. Dieses Erlebnis hatte sie mit ihrem Vater geteilt, wenn sie sich zu ihren gemeinsamen Wanderungen aufmachten, bevor der Sommer einsetzte und es so tief im Süden zu heiß dafür wurde.
Jedes einzelne Jahr ihrer Kindheit hatten Joy und ihr Dad diese Zeit miteinander erlebt. Ihre Mutter hatte so getan, als freue sie sich darüber, doch Joy wusste, dass sie sich ausgeschlossen fühlte. Wenn Dad aber vorschlug, dass sie mitkam, schüttelte Mom den Kopf.
»Ach nein, Jack. Du weißt doch, dass ich für die Natur nichts übrighabe.«
Joy empfand das als eine ausgesprochen merkwürdige Aussage. Während Mom es vollkommen normal fand, die Hauptstraße von Scottsdale auf einem Pferd entlangzureiten, kam ihr nie in den Sinn, mit ihrer Familie zum Wandern in den Tonto National Forest zu gehen.
»Im Grunde bin ich ein Stadtkind«, sagte sie dann, steckte Joy das Hemd in die Hose und setzte ihr einen breitkrempigen Hut auf den Kopf. »Und du bedeck immer schön die Haut! Ich will nicht, dass du einen Sonnenbrand kriegst. Du hast ohnehin schon so viele Sommersprossen.«
Joys Vater war genau in der Jahreszeit gestorben, in der sie sonst zu ihrer jährlichen Wanderung aufgebrochen wären. Aber es war nicht nur sein Tod, der Joy umtrieb, sondern auch das, was er ihr am Tag seines Todes gesagt hatte. Als sie, erschüttert von seinen Worten, plötzlich verstand, warum Mom nie richtig zufrieden mit ihr gewesen war.
Joy hatte keine Brüder oder Schwestern. Hätte ihre Mutter Ablenkung durch weitere Kinder gehabt, hätte sie vielleicht nicht so große Erwartungen in ihre einzige Tochter gesetzt.
»Heutzutage haben Mädchen so viele Möglichkeiten«, erklärte sie Joy, als sie noch zur Schule ging. »Du kannst machen, was immer du willst. Geh aufs College. Mach Karriere.«
Joy hatte den enttäuschten Ehrgeiz in der Stimme ihrer Mutter gehört. Man hatte ihr erzählt, dass Mom in New York Jura studiert hatte, als sich ihre Eltern begegnet waren. Sie hatte alles aufgegeben, um Ehefrau und Mutter zu werden. Joy schuldete ihrer Mom den beruflichen Erfolg. Doch sie hatte sich schwergetan mit Büchern und Bildung. Sie hatte keinen Sinn für juristische Finessen. Viel lieber mochte sie die sinnliche Welt der Pflanzen.
Von dem Tag an, an dem sie nach Scottsdale gezogen waren, hatten ihre Eltern Geld für Joys Collegeausbildung angelegt. Vermutlich war das Geld immer noch auf irgendeinem Sparbuch. Sie war nie aufs College gegangen. Sie hatte ihre Eltern enttäuscht. Sie hatte noch nicht einmal die Highschool abgeschlossen, und ihre Mutter hatte ihr das nie verziehen. Selbst jetzt noch, mehr als zwanzig Jahre später, hielt sie es ihr vor.
»Du hättest alles Mögliche mit deinem Leben anstellen können«, klagte Mom oft. »Aber du musstest dich ja mit diesem Eddie Sheldon einlassen.«
Den Namen ihres Schwiegersohns sprach sie immer noch so aus, als hinterließe er einen bitteren Nachgeschmack im Mund.
»Ich habe mich nicht mit ihm eingelassen, ich habe mich in ihn verliebt«, erwiderte Joy dann, und Mom warf ihr einen geringschätzigen Blick zu.
»Ich bitte dich. Du warst siebzehn. Du wusstest doch gar nicht, was Liebe ist. Du hast über die Stränge geschlagen. Keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte, ich jedenfalls habe dich nicht so erzogen. Und dann hat es dich kalt erwischt.«
»Mom, bitte, das ist so lange her. Können wir aufhören, darüber zu reden?«
Es machte Joy unglücklich, wenn ihre Mutter sich so ausließ und sie daran erinnert wurde, dass Mom nie an Eddie und sie geglaubt hatte. Mom hatte nie verstanden, was sie beide verband. Es war mehr als Liebe. Liebe war etwas so Zerbrechliches, sie war so leicht zu zerstören. Eddie und sie aber hielt etwas Stärkeres zusammen. In Joys Vorstellung war es etwas Urwüchsiges. Deswegen war sie auch beim ersten Sex schwanger geworden. Wie unwahrscheinlich war so etwas! Und was sonst hätten sie als Katholiken tun sollen? Sie mussten heiraten. Natürlich hatten sie wie jedes Paar ihre Höhen und Tiefen, aber Joy konnte sich ihr Leben nicht ohne Eddie vorstellen.
Sie trank einen Schluck Kaffee, senkte den Blick wieder auf die Zeitung, und eine Überschrift stach ihr ins Auge.
Seltenes Himmelsspektakel: Polarlicht über Arizona
Ihr Vater hatte oft davon erzählt, wie er als junger Soldat in Alaska stationiert war und das Nordlicht gesehen hatte. Er hatte gesagt, sie solle unbedingt versuchen, es einmal selbst zu erleben.
Infolge eines ungewöhnlich starken Sonnensturms bekommen die Menschen in Arizona die seltene Gelegenheit, das Nordlicht zu sehen, ein farbenfrohes Schauspiel, das entsteht, wenn winzige geladene Teilchen des Sonnenwindes auf die oberen Schichten der Erdatmosphäre treffen.
Joy las weiter, und ihre anfängliche Ungläubigkeit verwandelte sich in Aufregung. Wie war es möglich, dass man das Polarlicht so weit im Süden zu sehen bekam?
Astronomen empfehlen, kurz nach vier Uhr nach einem hellen Schein am Nordhimmel unterhalb des Großen Wagens Ausschau zu halten.
Im Artikel wurde noch darauf hingewiesen, dass die städtische Beleuchtung die Sicht stören würde, und empfohlen, hinaus in die Wüste zu fahren.
Ihr erster Impuls war, zum Telefon zu greifen und Eddie anzurufen.
»Ich habe gerade in der Zeitung gelesen, dass man heute Nacht in Arizona das Polarlicht sehen kann!«, sagte sie.
»Was sehen kann?«, fragte er und klang gereizt.
»Du weißt schon, das Nordlicht! Normalerweise gibt es das nur in der Arktis oder in Alaska, aber dieses Mal sieht man es sogar bei uns im Süden. Wenn wir um vier Uhr morgens in die Wüste hinausfahren, kriegen wir es auf jeden Fall zu sehen.«
»Joy, ich stecke mitten in der Arbeit, können wir später darüber reden?«
»Aber wollen wir das machen? Das ist etwas absolut Außergewöhnliches.«
»Ich weiß nicht, Joy. Du sprichst von vier Uhr nachts? Ich muss doch arbeiten.«
»Aber es ist eine einmalige Gelegenheit, das gibt es nie wieder …«
»Okay, wir schauen mal«, sagte er. Er wirkte kein bisschen begeistert. »Ich muss aufhören, Schatz.«
Ohne ein weiteres Wort legte er auf, und es fühlte sich an wie eine Ohrfeige, auch wenn sie wusste, dass er es nicht böse gemeint hatte. Er hatte einfach viel zu tun.
Immerzu arbeitete er. Verdiente Geld, wie er sagte, für sie, für die Hochzeit ihrer Tochter im April, für die Zukunft. Aber was war mit dem Jetzt? Warum hatte ihr Mann keine Zeit mehr für sie?
Den ganzen Tag über hatte Lewis die Postkarte vor Augen. Er versuchte, sich auf die anstehende Arbeit zu konzentrieren. Es ging um das Layout einer Broschüre der Bibliothek von Scottsdale, aber während er Buchstabe für Buchstabe setzte, hatte er die Ansicht auf der Postkarte im Kopf. Er konnte hören, wie sich der Atlantische Ozean an der Westküste brach, roch die salzige Luft, schmeckte sie beinahe auf den Lippen, und über dem Rauschen der Wellen meinte er ein Lachen zu hören, in dem so viel mitschwang. Diese Bilder und Geräusche verfolgten ihn so sehr, dass er beinahe vergessen hätte, im Pink Pony anzurufen und einen Tisch zu reservieren. Sie gingen jedes Jahr am Hochzeitstag in dasselbe Restaurant. Er fragte sich, warum er sich nicht vorstellen konnte, Samantha woandershin auszuführen. Er war sich unsicher, ob sie sich über die Veränderung freuen würde. Selbst nach all den Jahren wusste er nicht, was seine Frau sich wünschte.
Heute Abend trug Samantha ein korallenfarbenes Top, das ihrem hellen Haar und der sonnengebräunten Haut schmeichelte. Er konnte eine Andeutung des hübschen Mädchens ausmachen, das er vor so langer Zeit kennengelernt hatte. Was zwischen ihnen geschehen war, hatte sich so plötzlich und so schnell abgespielt; dennoch hatten sie all die Jahre zusammengehalten. Eigentlich hätten sie stolz sein können auf ihre erfolgreiche Ehe, doch dieses Essen am Jahrestag fühlte sich nicht wie eine Feier an.
»Du siehst wunderschön aus heute Abend«, sagte Lewis, weil er sich plötzlich dringend wünschte, Samantha lächeln zu sehen.
Überrascht blickte seine Frau auf. Ihre Miene war streng.
»Es ist lange her, dass du mir ein Kompliment gemacht hast, Lewis.«
Warum nur musste sie das immer machen? Etwas Positives in etwas Negatives verkehren? Dem einfachsten Kompliment alle Freude nehmen?
Ernüchtert zuckte er die Schultern. »Ich wollte nur sagen, dass du hübsch aussiehst.«
»Okay, danke.« Sie schnitt ihr Steak in Stücke und stocherte darin herum.
Lewis spürte, dass sie unglücklich war, aber es widerstrebte ihm, nach dem Grund zu fragen.
»An Ostern fahre ich mit Jennifer nach Santa Fe, geht das in Ordnung?«, fragte sie, schob den Rest des Essens an den Tellerrand und legte Gabel und Messer ab.
»Wollten wir Ostern nicht bei deinen Eltern sein?«
»Du kannst ja hingehen, wenn du willst«, erwiderte Samantha. »Sie scheinen dich sowieso mehr zu mögen als mich.«
»Komm schon, Sam.« Er streckte die Hand nach ihr aus, aber sie zog ihre fort und griff nach dem Weinglas. Während sie trank, hielt sie seinem Blick stand. Einen Augenblick lang meinte er, sie würde vielleicht weinen, aber dann veränderte sich ihre Miene.
»Ich brauche eine Auszeit«, sagte sie, und auf ihrem Gesicht war keinerlei Regung zu erkennen.
Wenn überhaupt, dann hätte dieser Abend einer sein sollen, an dem er mit seiner Frau schlief, doch als Samantha sagte, sie sei müde und wolle ins Bett gehen, machte Lewis keine Anstalten, von der Couch aufzustehen. Stattdessen zog er, kaum dass sie weg war, die Postkarte aus der Jeans, die er auf den Badezimmerboden hatte fallen lassen, bevor sie zum Essen gegangen waren. Er nahm die Karte mit nach unten in die Küche. Er war sich nicht im Klaren, was er damit anstellen sollte. Sollte er sie nicht wegwerfen, wenn er seine Frau liebte? Doch das brachte er nicht über sich.
Die Worte auf der Rückseite waren fein säuberlich in schwarzen Großbuchstaben geschrieben.
IRGENDWANN KOMMT DIE WAHRHEIT ANS LICHT
Wieder und wieder las Lewis diese Worte, bis sie ihn zu jenem Morgen zurückführten, an dem sie gesprochen worden waren. Beinahe konnte er ihre Stimme hören. Er stellte sich ihren sanften irischen Tonfall vor und wurde in die Vergangenheit zurückversetzt, in eine ganz und gar andere Welt, als er ein anderer Mensch gewesen war.
Behutsam legte er die Karte vor sich auf die Küchentheke und blickte aus dem Fenster in den sternenklaren Nachthimmel, der sich über die dunkle Silhouette der McDowell-Berge breitete. Sein Haus stand direkt am Rand der Wüste, und der weite Himmel gab ihm Hoffnung – so wie diese Worte.
Er lehnte sich an die Spüle und starrte hinaus in den Wilden Westen. Immer noch erfüllte es ihn mit einer gewissen Scheu, wenn er daran dachte, dass er ein Engländer war, ein Fremder hier im Land der Cowboys.
Gerade wollte er die Jalousien herunterlassen, da entdeckte er ein schimmerndes rotes Leuchten am Wüstenhimmel. Es faszinierte ihn, denn die Sonne war längst untergegangen. Das rote Licht verwandelte sich in violette und hellgrüne Bahnen, die in Wellen über den Bergen wogten. Nie zuvor hatte er etwas Derartiges gesehen.
Es war die schwärzeste Stunde vor dem Morgengrauen. Joy saß auf der alten Navajo-Decke, die sie auf einer kleinen Felsenerhebung am Fuß des Papago Butte ausgebreitet hatte. Eddie hatte sich geweigert, in die Wüste zu fahren. Er hatte gesagt, er sei zu müde, und hatte ihr abgeraten, allein hinauszufahren.
»Da treiben sich womöglich irgendwelche Leute herum«, hatte er gemeint.
Sie hatte ihm nicht erzählt, dass sie ständig allein in die Wüste fuhr, wenn auch nicht unbedingt nachts.
Als sie ins Bett gegangen waren, hatte sie versucht, sich die Idee aus dem Kopf zu schlagen. Aber sie konnte nicht einschlafen. Dad hatte ihr vom Wunder des Polarlichts erzählt und dass sie es unbedingt erleben müsse. Und jetzt geschah es direkt vor ihrer Haustür. Sie verreiste niemals. Da galt es jetzt oder nie.
Sie hatte abgewartet, bis Eddies Atemzüge anzeigten, dass er im Tiefschlaf war, und war leise aufgestanden. Sie hatte sich eine Thermoskanne Kaffee gemacht und war aus dem Haus geschlichen, bevor sie es sich anders überlegen konnte.
Jetzt, in der Wüste, war sie nicht allein. Mehrere Pärchen waren in der Nähe, die die Arme umeinander gelegt hatten und warteten. Hin und wieder wurde geflüstert, mehr nicht. Es herrschte erwartungsvolle Stille, als sie den Blick wieder zum Himmel wandte. Bildete sie sich das nur ein, oder knisterte an der Kuppel des Nachthimmels tatsächlich eine Art elektrische Energie? Sie erschauderte, zog sich die Decke enger um die Schultern und legte die Hände um die Kaffeetasse. Wenn nötig, würde sie die ganze Nacht hier sitzen, denn Joy vertraute auf das, was ihr Dad gesagt hatte.
Erst als Lewis das Auto am Straßenrand abgestellt hatte und dabei war, den Papago Butte hinaufzuklettern, wurde ihm bewusst, dass er Samantha hätte wecken und hierher mitnehmen sollen. Er war spontan aufgebrochen, aber dieses Ereignis hätte er eigentlich mit seiner Frau gemeinsam erleben sollen. Wäre es nicht ein wunderbares Sinnbild für ihren einundzwanzigsten Hochzeitstag gewesen?
In Wahrheit aber war er froh, allein zu sein. Samantha wüsste genau, was dieses Leuchten am Himmel über der Wüste ausgelöst hatte. Mit ihren wissenschaftlichen Erklärungen hätte sie das Erlebnis jeder Magie beraubt, und das wollte er in diesem Augenblick gar nicht wissen.
All die Farben am Himmel nahm er tief in sich auf. Dunkelviolette Wogen, berauschendes Rosa und phosphoreszierendes Grün durchdrangen ihn. Ihm erschienen sie wie eine Botschaft. Die Dinge waren veränderbar. Etwas Unerwartetes konnte geschehen. Womöglich war die Postkarte erst der Anfang.
Wenn er nur mutig genug wäre.
Lewis kletterte den Papago Butte weiter hinauf. Sein Weg wurde von fantastischen Lichtern erhellt, sein Herz hämmerte. Er fühlte sich den Naturgewalten ausgesetzt, und das Bewusstsein, etwas Ungewöhnliches zu tun, erregte ihn.
Joy blickte hinauf, und der Anblick nahm ihr den Atem. Er übertraf all ihre Vorstellungen. Schwaden aus strahlendem Rot und Lila, durchsetzt von mystischen Grüntönen, wogten hoch oben im Himmel und schimmerten über den Weiten der Wüste.
Sie bemerkte, dass die Leute um sie herum aufstanden. Fotoapparate klickten beim Versuch, diesen außergewöhnlichen Moment einzufangen.
Joy trat einen Schritt zur Seite, um den Kamerablitzen aus dem Weg zu gehen, und rempelte dabei jemanden an.
»Entschuldigen Sie«, sagte sie und stolperte ein wenig, weil sie aus dem Gleichgewicht geraten war.
Eine Hand griff nach ihr und packte sie am Ellbogen, um sie zu stützen. »Achtung, nicht dass Sie hinfallen!«
Es war eine Männerstimme. Ein britischer Akzent.
Etwas an der Stimme weckte ihr Vertrauen. Er war groß, doch im Dunkeln konnte sie sein Gesicht nicht ausmachen.
»Das ist unglaublich«, sagte er.
»Ja«, flüsterte sie.
Stumm beobachteten sie das Schauspiel. Ihr fiel auf, dass sie die Einzigen waren, die keine Fotos machten. Am liebsten hätte sie den anderen gesagt, dass sie die Kameras weglegen sollten. Dadurch, dass sie zwischen sich und dem Erleben der Lichter dieses Hindernis errichteten, versäumten sie es, dachte Joy.
Sie wandte den Blick dem Mann an ihrer Seite zu. Er war reglos, als stünde er unter einem Bann.
Jetzt konnte sie seine Augen erkennen. In ihnen spiegelte sich das Polarlicht. Sie sehnte sich nach ihrem Mann. Wenn sie diesen Moment doch mit Eddie gemeinsam erleben und in seinen Augen die Sterne sehen könnte.
Sie dachte an das erste Mal, dass Eddie sie zur Kenntnis genommen hatte. Er war in der Highschool einen Jahrgang über ihr gewesen, und alle Mädchen hatten für ihn geschwärmt. Der junge Eddie hatte alles in sich vereint, was den Abenteuergeist des Arizona-Cowboys so aufregend machte. Auf einem Pferd wirkte er so authentisch, als wäre er auf dem Rücken des Tiers geboren worden.
Eddie hatte anders als die meisten Jungs, die immer herumalberten, nicht viel geredet. Er beobachtete nur. Mit verschränkten Armen lehnte er am Zaun des Schulhofs, die Augen schmale blaue Schlitze, und betrachtete die anderen. Hin und wieder sah Joy ihn mit einem Mädchen im Kino, beim Flanieren auf der Main Street oder aus dem Sugar Bowl kommen, wo sie sich ein Eis geteilt hatten. Meistens war es eine von den angesagten, coolen Mädels, den hübschesten und beliebtesten der Schule, und er hatte ihr den Arm um die Taille gelegt. Er war sich seiner selbst und der Macht, die er über das Mädchen hatte, so sicher gewesen. Joy war fasziniert: Die Art, wie er sich bewegte, sich so unübersehbar wohlfühlte in seiner Haut und mit seiner Körperlichkeit.
Und dann, eines Tages, war etwas Bemerkenswertes geschehen. Sie und Mary Lynn Baxter waren im Sugar Bowl und teilten sich ein extragroßes Bananensplit. Eddie kam herein, wandte sich ihr zu – und sah sie tatsächlich an.
»Darf ich mich zu den Ladys setzen?«, hatte er gefragt.
In diesem Augenblick hatte es sie erwischt. Mary Lynn schien es nicht weniger die Sprache verschlagen zu haben, denn auch sie hatte nichts gesagt, sondern beide waren tief errötet und hatten auf den halb leer gegessenen Eisbecher gestarrt.
Diese Stunde hatte Joys Leben verändert. In den folgenden Jahren hatte sie Eddie oft gefragt, warum er sich zu ihr und Mary Lynn an den Tisch gesetzt hatte. Er zog sie damit auf, dass er eigentlich hinter ihrer Freundin her gewesen war und sie die zweite Wahl war, aber in ernsteren Momenten hatte er ihr gesagt, dass es ihre Augen gewesen waren. Als er an jenem Tag ins Sugar Bowl gekommen war und ihren Blick bemerkt hatte, konnte er nicht anders, als stehen zu bleiben und sie anzusprechen.
»Du warst so ganz anders als die anderen Mädchen. Mit deinem schwarzen Haar und der blassen Haut sahst du aus wie Elizabeth Taylor. Ich wollte etwas anderes.«
Sie waren miteinander ausgegangen, und die komplette Scottsdale Highschool war in Aufruhr über diese Neuigkeit. Warum nur ging Eddie Sheldon mit der kleinen Joy Porter aus? Sie war kein angesagtes, cooles Mädel. Sie konnte noch nicht einmal reiten.
Die hübschen Mädchen an der Highschool hatten Joy immer verunsichert; die meisten besaßen ein eigenes Pferd. Ihr war es lieber gewesen, sich an die weniger Angesagten zu halten. Die unscheinbare Mary Lynn Baxter mit den dicken Brillengläsern, Rosa Fowler, das einzige »Mischlingskind«, deren weißer Vater es irgendwie geschafft hatte, sie auf der Highschool unterzubringen, und Brian Delaware, der zwar kein Schwächling war, aber nicht dazugehörte, weil er mindestens so große Angst vor Pferden hatte wie sie.
Ihre Eltern konnten diese Panik vor Pferden nicht nachvollziehen. Doch schon vom ersten Tag an, als sie versucht hatten, die vierjährige Joy auf die Stute der Mutter zu setzen, hatte sie geschrien wie am Spieß. Mom hatte es Joys Eigensinn zugeschrieben, doch ihr Vater hatte sich alle Mühe gegeben, ihre Angst zu verstehen. Sanft redete er ihr zu, brachte sie dazu, ihm beim Striegeln seines Pferdes zur Hand zu gehen, und versuchte, ihr zu helfen, eine Beziehung zu dem Tier aufzubauen, aber Joy konnte in den Augen eines Pferdes nur Wahnsinn erkennen – etwas, dem nicht zu trauen war.
Nur zu gern wollte sie ihren Eltern gefallen, aber sosehr sie sich auch bemühte, ihre Angst konnte sie nicht überwinden. In Scottsdale galt es als soziale Unzulänglichkeit, kein Pferd zu haben und noch dazu nicht einmal zu reiten. Im Herzen waren alle Jungs Cowboys, und sie suchten Cowgirls, die waren wie sie.
Dennoch hatte Eddie sie gewollt, und um seinetwillen hatte sie sich sogar auf ein Pferd gesetzt. Sie war verrückt nach ihm gewesen. Er hatte ihr versprochen, bei ihr zu bleiben, die Zügel zu halten und sie zu führen, also hatte sie zugelassen, dass er ihr mit einer Räuberleiter hinaufhalf, und sie war auf Amber, eine riesige Araberstute, geklettert.
Gefallen hatte es ihr nicht. Sie hatte gespürt, wie sich das Tier unter ihrem Gewicht unruhig bewegte, als wittere es ihre Angst.
»Kann ich jetzt wieder runter?«, bat sie Eddie.
»Noch nicht, Joy, vertrau mir.«
Sie waren auf der Gainey Ranch, wo sein Vater arbeitete. Doch an diesem Tag war niemand außer ihnen da gewesen.
»Hier trainieren wir mit den Araberschönheiten«, hatte er ihr erklärt, während er sie auf der Reitbahn im Kreis führte.
»Hilfst du deinem Dad?«, fragte Joy.
»Klar.«
Sie hatte sich am Horn des Sattels festgeklammert und spürte, wie das Pferd sich in wiegendem Gang bewegte, aber es war in Ordnung. Sie schaffte das.
»Möchtest du nach der Schule hier arbeiten?«
»Ganz sicher nicht. Ich glaube nicht, dass es die Ranch noch viel länger geben wird. Wahrscheinlich wird hier bald eine Wohnsiedlung hingestellt. Jedenfalls will ich da hin, wo es Geld gibt.«
Er hatte zu ihr aufgesehen, und ihr war aufgefallen, wie anders er wirkte – nicht so cool wie sonst. Er war nicht so auf der Hut. Seine Wangen waren gerötet, das blonde Haar an der Stirn war feucht, und eine große helle Locke klebte genau in der Mitte. Sie wollte vom Pferd heruntergleiten und die Locke küssen.
»Immobilien. Das ist es, was ich machen will«, hatte er gesagt. »Pass auf, Baby, ich komme noch groß raus.«
Sie war begeistert von seinem Ehrgeiz. Er hatte sie mitgerissen. Wie wäre es, mit so jemandem zu leben?, fragte sie sich. Sie würden gemeinsam reisen, Abenteuer erleben, den großen Traum verwirklichen. Er würde mit ihr bis nach Mexiko fahren, damit sie im Golf von Kalifornien schwimmen könnten.
»Okay«, hatte er gesagt, war stehen geblieben und hatte ihr die Zügel gereicht. »Du nimmst sie so in die Hand. Jetzt versuch, allein zu reiten.«
»Jetzt? Ich kann das nicht, Eddie.«
»Natürlich kannst du das. Du bist doch ein Mädchen aus Scottsdale.«
Mit zittrigen Händen hatte sie die Zügel genommen. Im Magen regte sich Übelkeit, und der Schwindel schwirrte wie ein Schwarm Fliegen in ihrem Kopf. Sie wollte absteigen. Aber noch mehr wollte sie Eddie, und wenn sie von seinem Pferd abstiege, würde er sich nie wieder mit ihr treffen wollen. Er würde sie lächerlich finden.
»Jetzt los«, hatte er gesagt und dem Pferd einen Klaps aufs Hinterteil gegeben.
Amber hatte angefangen zu traben, und Joy war wie ein Sack Mehl auf dem Rücken herumgehopst. Das Pferd hatte gespürt, dass sie keine Kontrolle hatte, und war schneller geworden, und ehe Joy sich versah, ritt sie in leichtem Galopp. Eine Woge der Angst überrollte sie. Sie wollte stehen bleiben, aber sie wusste nicht, wie. Sie hatte versucht, an den Zügeln zu ziehen, aber Amber hatte sie ignoriert.
»Geh einfach mit, Joy«, hatte Eddie ihr zugerufen.
Es hatte einen Moment gegeben, in dem Joy die Freiheit gespürt hatte, die ein Reiter empfinden musste, der eins mit seinem Pferd war, aber das Gefühl hielt nur kurz an. Als Amber immer schneller wurde, hatte Panik von ihr Besitz ergriffen.
»Zieh die Zügel an, Joy – bring sie zum Stehen!«, hatte Eddie gebrüllt.
Aber Amber hatte gewusst, dass sie das Sagen hatte. Das Pferd war auf die Bande der Reitbahn zugestürmt, und erst im letzten Moment war Joy klar geworden, dass es über den Zaun springen wollte. Sie schrie, ließ die Zügel los und stürzte vom Pferd auf den harten Sandboden.
Eddie hatte sie in die Arme genommen und hochgezogen, und sie hatte ihr Gesicht und die Demütigung in seiner Brust vergraben, während er ihr über das Haar strich.
»Es tut mir leid, Baby, es tut mir leid.«
Eddie Sheldon hatte sich entschuldigt, aber sie konnte die Tränen nicht aufhalten, die ihr über die Wangen liefen.
»Ich bin so ein Idiot«, sagte sie.
»Ich hätte dich nicht überreden dürfen.« Er strich ihr die Haarsträhnen aus der Stirn. »Ich verspreche, dass ich dich nie wieder zum Reiten zwinge.«
»Wo ist Amber? Ist sie weggelaufen?«
»Nein.« Eddie schenkte ihr sein überwältigendes Lächeln. »Das Biest ist hier. Sie hat sich einfach einen Scherz mit dir erlaubt.«
An dem Abend hatten sie sich auf dem Rücksitz von Eddies Plymouth zum ersten Mal geliebt. Sie erinnerte sich an die zittrige Erregung in der Brust, als sie spürte, wie seine Finger sich unter den Bund ihrer Jeans schoben und sie aufknöpften. Sie hätte ihn aufhalten sollen. Sie war katholisch erzogen worden – sie beide –, und sie wussten, dass sie eine Sünde begingen. Doch ihre Verletzlichkeit und seine Stärke waren unwiderstehlich gewesen, und sie waren nicht in der Lage gewesen, sich einander zu versagen. Sie hatte ihn gewollt. Sie hatte ihn ermutigt. Und so hatten sie die Kleider abgestreift und waren auf den Rücksitz geklettert, und eine Weile hatten sie nur die Nacktheit des anderen erforscht. Sie hatte noch nie einen Mann aus dieser Nähe gesehen und dachte, sie würde Angst haben, stattdessen aber fand sie ihn einfach wunderschön und war neugierig, wie es sich anfühlte, wenn er in ihr war. Woher sollten sie wissen, dass dieser eine Moment ihrer beider Leben für immer verändern würde?
Neun Monate später waren sie verheiratet, zogen in ihr eigenes kleines Haus in Scottsdale und hatten einen kleinen Sohn – Ray. Zwei Jahre später kam die kleine Heather auf die Welt. Sie und Eddie hatten in kürzester Zeit eine Familie gegründet.
»In Windeseile«, sagte ihr Vater und klang nicht allzu glücklich.
Jetzt, als sie an ihren Vater dachte, kamen ihr wieder seine letzten Worte in den Sinn. Sie fühlten sich an wie alte Stichwunden, die unter der Haut pulsierten. Sie hatte ihrer Mutter ein ganzes Jahr Zeit gegeben, um die Sache anzusprechen, aber Mom hatte kein Wort darüber verloren. Nicht in all der Zeit, die sie seither zusammen verbracht hatten.
Joy wollte nicht länger warten. Ihr Vater hatte ihr nur einen kleinen Teil der Wahrheit erzählt. Sie musste die ganze Geschichte erfahren.
Es war einer jener seltenen Momente von Vertrautheit mit einem fremden Menschen gewesen. Lewis hatte so etwas schon erlebt, mal in einem Zug oder Flugzeug … mal in einer Bar. Man teilte ein Erlebnis und wusste zugleich, dass man selbst und der unbekannte Begleiter sich in einer eigenen Sphäre und Gedankenwelt befanden. Die Frau hatte ihm von dem Kaffee in der Thermosflasche abgegeben. Es war ihm ganz natürlich erschienen, so als seien sie alte Freunde. Und trotzdem: Nachdem die Lichter abgeklungen waren, hatte er sich verabschiedet und war den Papago Butte wieder hinuntergeklettert, ohne dass sie auch nur Namen ausgetauscht hätten.
Jetzt war er wieder zu Hause. Er bezweifelte, dass Samantha überhaupt bemerkt hatte, dass er mitten in der Nacht das Haus verlassen hatte. Er holte die Postkarte, die noch in der Küche lag, und ging damit in die Garage, wo er sie unter dem oberen Einsatz des Werkzeugkastens verstaute. Er versteckte sie vor Samantha, als wäre sie ein heimlicher Schatz.
In dieser Nacht träumte er von Marnie. Sie trug ihren unverkennbaren grünen Mantel, ihr dunkles Haar glänzte kastanienbraun, und in der Hand hielt sie einen Regenschirm. Sie rechnete mit Regen. Tatsächlich aber lief sie in der Mittagshitze barfuß durch die Sonora-Wüste und betrachtete die Umgebung. Auf ihr Kommando hin veränderten sich die Formen und Farben. An den Kakteen sprießten Wüstenblüten, auf den ausgedörrten Ebenen bildete sich ein Meer aus Goldmohn. Sie dirigierte ein Bilderorchester. Sie erschuf ein neues Land nur für sie beide.
Lewis stand vor Marnies Wohnungstür und klingelte. Nach wenigen Minuten öffnete sie mit schlaftrunkenem Blick die Tür. Sie trug ein schwarzes Chiffonnachthemd, und ihr offenes dunkelbraunes Haar lockte sich um das vom Traum noch benommene Gesicht. Aber es waren die vollen Lippen, die ihn über die Türschwelle zogen. Er beugte sich vor und küsste sie wortlos, und sie küsste ihn. Er legte die Arme um sie und vergrub seinen Kopf an ihrer Brust. Sie duftete nach ihrem Lieblingsparfüm Ma Griffe.
»Was machst du so früh hier?«
»Sag nichts …« Er legte ihr einen Finger auf die Lippen und küsste sie weiter, dann streifte er ihr die Träger des Nachthemds von den Schultern, sodass es zu Boden glitt. Er zerrte sich die Jacke herunter und schob Marnie rückwärts ins Schlafzimmer auf das schiefe Bett.
Sie war nicht weniger kühn als er und zog ihm die Kleider vom Leib, bis sie beide nackt waren. Sie wälzten sich auf dem Bett und streichelten einander, bis er in sie eindrang. Er blickte auf sie hinunter. Ihre Augen waren geschlossen, der Mund leicht geöffnet, die rosa Zunge an die Zähne gepresst. Das Fenster stand offen, und die Vorhänge flatterten gegen das Bett. Er nahm den Duft der Kirschblüten von den Bäumen draußen wahr und hörte den Regen auf die Blätter plätschern. All das vereinte sich mit dem Liebesakt mit Marnie. Die Herrlichkeit eines Londoner Frühlingsmorgens, das Aroma nasser Kirschblüten, die Regenpfützen, in denen sich ein Regenbogen spiegelte, und das Versprechen, das der neue Tag mit sich brachte.
Danach lagen sie nebeneinander auf dem Rücken und teilten sich eine Zigarette. Er sah zu, wie der Rauch sich über ihnen kräuselte, als wäre er Dampf, der von ihren Körpern aufstieg.
»Wir sollten lieber mal aufstehen und zur Arbeit gehen«, sagte Marnie schließlich, setzte sich auf und band das Haar zu einem Knoten am Oberkopf zusammen.
Plötzlich war sie schamhaft, als sie aus dem Bett aufstand und das schwarze Nachthemd an sich drückte, das ihre Nacktheit nicht ganz verdeckte. Sie versuchte, die Wildheit, die sie in sich spürte, zu unterdrücken, aber es war genau ihr freies, ungestümes Wesen, das ihn angezogen hatte.
Lewis dachte an den Tag, als er Marnie das erste Mal begegnet war. Vor sechs Monaten hatte George Miller sie ins Grafikatelier mitgebracht und sie ihnen als das neue Mädchen für alles vorgestellt.
»Na, was sagt ihr, Leute? Ist doch ein hübscher Anblick«, hatte George gesagt, sobald Marnie in der Küche verschwunden war, um ihnen Tee zu kochen. »Hey, was meinst du, Pete, ist sie ein Mädchen mit modernen Ansichten?«
Lewis’ Kollege Pete Piper hatte verlegen gewirkt und etwas Undeutliches gemurmelt. Frankie, der italienische Grafiker in ihrem Atelier, hatte Pete auf den Rücken geschlagen. »Ist sie zu sehr Frau für deinen Geschmack, Pete?«
Doch George hatte sich getäuscht. Marnie war nicht leicht zu haben, und die Arbeit erledigte sie einwandfrei. Nie war es in der Agentur so reibungslos gelaufen. Lewis hatte Marnies cooler Gleichmut gefallen. Er mochte die Herausforderung. Seiner Erfahrung nach hatte jedes Mädchen, egal wie unnahbar es scheinen mochte, einen schwachen Punkt.
Marnies Schwachstelle hatte ihn überrascht. Es waren nicht die Komplimente und Geschenke, wie die dicken Blumensträuße, die George ihr gekauft hatte, oder die Pralinen, die ihr Frankie auf den Schreibtisch legte. Beide waren verheiratet, und sie hatte keinerlei Absicht, ihren ständigen Bitten nachzukommen, nach der Arbeit kurz was trinken zu gehen.
Was Marnie wirklich elektrisiert hatte, waren Kunst und Design. Das hatte Lewis auf der Weihnachtsfeier herausgefunden, auf der er sie mit so vielen Gin Tonics abgefüllt hatte, dass die Fassade einer Eiskönigin schließlich von ihr abfiel. Sie hatte ihn bezaubert, als sie ihm von ihrem Traum erzählte, selbst Designerin zu werden. Hatte Lewis in Marnie etwas wiedererkannt, womit er sich identifizierte? Bis vor wenigen Jahren war es schwer gewesen, zwischen einem kommerziellen Designer und einem Grafikdesigner zu unterscheiden, aber Lewis hatte die wegweisenden Leute in der Branche aufgespürt. Aus diesem Grund hatte er sich um George Miller bemüht und ihn dazu gebracht, ihn einzustellen, kaum dass er mit der Kunsthochschule fertig war. Marnie hatte ihn an seine eigene Leidenschaft und seinen Tatendrang erinnert. Wäre sie ein Mann gewesen, hätte er sich davon bedroht gefühlt, aber er wusste, dass ihr Geschlecht ein Hindernis war. Und so war sie zur Kollaborateurin statt zur Rivalin geworden.
Nach der Party hatte Marnie ihm erlaubt, sie in der U-Bahn nach Hause zu begleiten. Auf der Türschwelle hatten sie sich geküsst, und nach kurzem Zögern hatte Marnie ihn auf eine Tasse Tee hereingebeten. Zu seiner Überraschung hatte Marnie ihm eine Reihe von Entwürfen gezeigt, die sie für die Rasierer-Werbung angefertigt hatte, an der er gerade arbeitete. Mithilfe von Fotomontagen hatte sie ein schnittiges Design gestaltet, das auf die gegenwärtige Begeisterung für alles, was mit dem Weltraum zu tun hatte, anspielte. Er hatte ihr gesagt, dass er ihre Entwürfe für sehr gut hielt, war gleichzeitig aber auch ein bisschen verstimmt. Wieso war dieses Mädchen mit einem solchen Talent gesegnet?
»Meinst du, ich sollte sie George zeigen?«, hatte sie ihn gefragt.
Lewis wollte Marnie helfen, aber George war so ein Chauvinist. Sein Chef hätte Marnies Arbeit nicht für voll genommen, egal wie gut sie war.
»Ich glaube, es wäre besser, wenn ich sie ihm zeige«, hatte Lewis vorgeschlagen.
»Du meinst, du willst so tun, als hättest du sie gemacht?«
»Nein, aber vielleicht könnte ich sagen, dass wir gemeinsam daran gearbeitet haben.«
»Aber das haben wir nicht.« Argwöhnisch hatte sie ihn angeblickt.
»George ist sehr altmodisch. Wir müssen ihn langsam an den Gedanken gewöhnen, eine Frau als Grafiker bei Studio M zu haben.«
»Meinst du wirklich, sie sind gut genug?«
»Ja, Marnie.«
Er war auf die Knie gegangen und über die Entwürfe hinweg zu ihr gekrabbelt.
»Pass auf die Bilder auf! Gib acht, wohin du trittst!«, hatte sie kichernd gesagt.
»Ich habe eine Idee.« Er hatte sich zu ihr vorgearbeitet.
»Und die wäre?«, hatte Marnie gefragt und zugelassen, dass er ihre Bluse, Knopf für Knopf, öffnete.
»Lass uns eine eigene Agentur gründen.«
»O ja!« Abrupt hatte sie sich aufgerichtet. »Meinst du das ernst?«
Es war der Alkohol gewesen, der ihn das hatte sagen lassen, aber tatsächlich war es ihm in dem Moment wie eine großartige Idee vorgekommen.
»Mit deiner Begabung und meinen Überredungskünsten wären wir unschlagbar.«
»Wann können wir anfangen?«, hatte sie gefragt und sich die Bluse über den Kopf gezogen. Ihr praller Busen kam zum Vorschein.
Das gegenseitige Verlangen war zu keinem Zeitpunkt abgeflaut. Wann würde es aufhören? Lewis machte sich Sorgen. Er dachte, er sollte sich eigentlich auch anderweitig austoben, aber er konnte gar nicht anders, er begehrte nur Marnie.
In den ersten Wochen hatte Marnie oft gefragt, wann sie ihre eigene Agentur gründen würden, und Lewis hatte versucht zu erklären, dass sein alkoholisierter Zustand ihn etwas voreilig hatte werden lassen.
»Noch nicht«, meinte er. »Ich brauche mehr eigene Kunden. Und du brauchst mehr Erfahrung.«
Nachdem sie ihn bei drei weiteren Werbekampagnen unterstützt hatte, begann sie nachzufragen, warum er George nicht von ihr erzählte. Hatte der Chef wirklich eine derart negative Haltung gegenüber weiblichen Grafikern? Hin und wieder hatten sie beruflich durchaus mit Frauen zu tun gehabt.
Was also hielt Lewis davon ab, seinem Chef vorzuschlagen, Marnie zu befördern?
War er eifersüchtig auf ihre Begabung? Nein, natürlich nicht. Er war stolz auf sie. Was war es dann?
Schließlich wurde ihm klar, dass es mit George Miller zu tun hatte. Sein Leben lang hatte Lewis Konflikte vermieden, und er wusste, es würde schwierig werden, die Sache George gegenüber zur Sprache zu bringen. Würde der von ihm so geachtete Mann seine Meinung über ihn, Lewis, revidieren und seine Fähigkeiten als Designer plötzlich geringer schätzen? Würde Marnie ohne ihn aufsteigen – und, sobald sie Erfolg hätte, nichts mehr von ihm wissen wollen?
Marnie kam aus dem Badezimmer. Das Haar hatte sie hochgebunden, und an beiden Seiten hing eine lange rotbraune Lockenspirale herunter. Auf den Lippen glänzte dicker Lippenstift. Sie trug ein saphirblaues Etuikleid, das dem Blau ihrer Augen entsprach und wunderbar mit dem türkis schimmernden Lidschatten harmonierte. Alles an ihr leuchtete und schillerte, als käme sie geradewegs von den Sternen. Das Mädchen von morgen. Mit den silberlackierten Fingernägeln strich sie das Kleid glatt. Wie ein Wasserfall schmiegte es sich um die Konturen ihres Körpers. Er packte sie an der Taille.
»Ich will dich«, sagte er.
»Wir haben keine Zeit«, hielt sie dagegen.
»Komm schon, Baby, wir können uns beeilen.«
Es war ein waghalsiger Vorschlag. Sie waren ohnehin schon spät dran, aber in diesem Moment begehrte er Marnie mehr als alles andere auf der Welt.
Marnie spielte mit ihren silbernen Armreifen. Sie sahen aus wie umeinander kreisende Miniplaneten.
»Wenn du mich mit in die Arbeit nimmst, dann reicht uns die Zeit vielleicht.«
»Du weißt, das geht nicht. Wir waren uns einig, dass wir dort nicht zusammen eintreffen dürfen.«
Sie nahm den grünen Mantel vom Haken an der Rückseite der Tür.
»In dem Fall sollte ich mich auf den Weg machen. Von South Kensington zum Russell Square kann es mehr als eine halbe Stunde dauern, noch dazu bei Regen.«
Er zog am Ärmel ihres Mantels.
»Jetzt mach mir kein schlechtes Gewissen.«
Anfangs war es Marnie gewesen, die ihre Affäre geheim halten wollte. Sie hatte verhindern wollen, dass George dachte, Lewis gebe ihr nur deswegen Designarbeiten, weil sie miteinander schliefen. Sie wollte, dass man ihr für ihr Talent Anerkennung zollte.
»Ich könnte dich am Green Park absetzen«, schlug er vor.
»Und wenn du George heute von mir erzählst, dann können wir morgen den ganzen Weg zusammen fahren.«
In ihren Augen war ein herausforderndes Funkeln.
Er sah zu, wie sie eine zweite Schicht farblosen Lippenstift auftrug.
»In Ordnung, Liebes.« Noch einmal küsste er sie, schmeckte den künstlichen Lippenstift und begehrte sie dennoch. »Mein Gott, du bist umwerfend.«
Sie lächelte ihn an, aber in ihren Augen lag ein ganz bestimmter Ausdruck. Sie ging auf Abstand – das konnte er spüren.
»Ich bin einfach nur ein Mädchen«, sagte sie. »So wie jedes andere auch.«
»Du wirst nie einfach nur ein Mädchen sein, Marnie. Du bist mein leuchtender Stern.«
»Lewis Bell, du bist ein unverbesserlicher Charmeur.« Sie gab ihm einen leichten Klaps auf die Wange. »Du weißt ja gar nicht, was für ein Glück du hast. Bloß weil du ein Mann bist. Für dich ist es so viel einfacher.«
Sie hakte sich bei ihm ein, als sie die Treppe hinuntergingen.
Draußen auf der Straße spannte sie den Regenschirm auf, und sie drängten sich zusammen darunter. Er legte den Arm um sie und zog sie dicht an seine Seite. Im Gleichschritt gingen sie los und umrundeten die Regenpfützen. Sie könnten unbesiegbar sein. Sie waren kein Ehepaar, aber sie waren eine festere Einheit, als es die meisten Ehen jemals waren.
»Lewis, du redest heute mit George über meine Entwürfe, ja?«
»Natürlich.«
Und das meinte er wirklich so.
»Versprochen?«
Warum vertraute sie ihm nicht?
»Ich muss es mit Feingefühl angehen. Du weißt ja, wie altmodisch George ist.«
»Wie frauenfeindlich, meinst du wohl.« Sie klang verdrossen.
Auf der zehnminütigen Fahrt zum Green Park sagte sie kein Wort mehr. Als sie aus dem Auto stieg, beugte er sich hinüber und berührte sie am Arm.
»Marnie?«
»Ja.« Sie wandte sich zu ihm um.
»Ich liebe dich.« Er zog sie nach unten und küsste sie auf die Lippen, aber sie blieb kühl.
»Vertrau mir.«
»Irgendwann kommt die Wahrheit ans Licht, Lewis.«
Sie lächelte, doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Er wartete darauf, dass sie ihm sagte, sie liebe ihn auch, aber stattdessen stieg sie aus und winkte matt, bevor sie wegging.
Er sah ihr nach, wie sie die Straße überquerte und die Stufen hinunter zur U-Bahn ging. Männer drehten sich nach ihr um. Es bestand kein Zweifel: Sie war eine atemberaubende Erscheinung; ihre Taille war unglaublich schlank, eingeschnürt vom Gürtel des grünen Regenmantels, und das rotbraune Haar saß ihr wie eine Krone auf dem Kopf. Sie war ein Juwel – etwas ganz und gar Außergewöhnliches im trüben Londoner Regen.
Magnetfeld
Es war genau zwei Jahre her, dass Joy und ihr Vater Jack auf dem Apache Trail gewandert waren. Es war das letzte Mal gewesen, dass sie zusammen aufgebrochen waren, um das Erblühen der Wildblumen zu erleben. Auf dieser Tour hatte ihr Vater ihr gesagt, dass er Krebs habe. Sie wusste genau, wo das gewesen war. Sie hatten am Hang unterhalb der Superstition Mountains gestanden, umgeben von Mexikanischem Goldmohn und wilden Hyazinthen. Die Furcht, die sie erfasste, war erdrückend gewesen. Über ihr hatten sich die dunklen Berge gedrängt, und ihre langen Schatten hatten bis in Joys Seele gereicht.
»Was für ein Krebs, Daddy?«, fragte sie.
»Lungenkrebs … Aber ich bekomme eine Chemo, Schatz. Alles wird gut.«
»Bestimmt, Daddy.« Sie hatte seine Hand umklammert und ihre Handfläche an seine raue, wettergegerbte Haut gedrückt. »Du bist ein Kämpfer. Du wirst ihn besiegen.«
Sie hatte sich Mühe gegeben, um seinetwillen zuversichtlich zu bleiben, aber die Stimmung war getrübt gewesen. Die Fahrt am Apache Trail hatte ihren Zauber verloren. Sie waren nicht mehr hier gewesen, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, und hatten diesen gemeinsamen Ausflug ein ganzes Jahr lang geplant. Als sie den steilen, schroffen Weg am Fish Creek Canyon im Schneckentempo hinaufkrochen, hatte sie den Impuls, die Hände vom Lenkrad zu nehmen und das Auto rückwärts ins Nichts rollen zu lassen. Wie sollte sie ohne ihren Vater überleben, ohne den Fels, an dem sie sich immer wieder aufrichten konnte?
»Er wird nicht sterben«, sagte sie sich. Aber tief im Innern hatte sie etwas anderes gespürt. Sie hatte ihren Vater beobachtet, als sie die Hänge voller Wildblumen erkundeten. Er mit Bleistift und seinem kleinen Notizbuch, in das er Zeichnungen kritzelte und Bemerkungen eintrug, und sie mit der Kamera, mit der sie ein paar schöne Bilder zu machen versuchte. Schon jetzt wirkte Jack Porter weniger robust. Wie hatte sie übersehen können, dass er in letzter Zeit so viel Gewicht verloren hatte? Seine Gesichtsfarbe war fahl, und die dunkelbraunen Augen waren trüb.
Dann kam der Tag, an dem er verschwand. Sie waren auf einem der vielen Pfade gewandert, den die Salado-Indianer angelegt hatten, hatten unzugängliche Schluchten bestaunt und all die versteckten Höhlen erforscht. Gerade war ihr Vater noch direkt hinter ihr gewesen, dann war er plötzlich weg. Sie war denselben Weg zurückgegangen, hatte nach ihm gerufen, aber nur ihr Echo hatte geantwortet. Dann war sie wieder an die Stelle gegangen, wo sie vorher gewesen waren, doch dort war keine Spur von ihm, also war sie zum Ausgangsort zurückgekehrt, und da stand er plötzlich.
»Wo warst du, Daddy?«, fragte sie ihn.
»Nirgends. Ich war direkt vor dir. Was ist?«
Sie hatte sich auf die Lippe gebissen und den Kopf geschüttelt. Sie wollte ihn nicht beunruhigen. Für einen Augenblick war er ihr entglitten. An jenem Tag war er zurückgekommen, aber sie wusste, dass er eines Tages wegbleiben würde.
Am letzten Tag hatten sie die archäologischen Stätten am Tonto National Monument erreicht und auf das saphirblaue Wasser des Roosevelt Lake hinabgeblickt. Die viele Jahrhunderte alten Saguaro-Kakteen reichten bis hinauf in den Himmel, ihre dicken, stacheligen Finger deuteten ins Jenseits.
Sie erinnerte sich daran, wie ihr Vater gehustet hatte, als wolle er sich räuspern. Er hatte ihr etwas sagen wollen, aber sie wollte es nicht hören. Sie dachte, es ginge wieder um den Krebs, und fühlte sich nicht in der Lage, noch einmal darüber zu reden. Sie wollte die Tatsachen verdrängen. Im Nachhinein glaubte Joy, dass er ihr in diesem Moment die Wahrheit über sie selbst hatte offenbaren wollen. Sie war sich ganz sicher.
Ihr Vater hatte angefangen zu reden. »Joy, ich muss dir etwas sagen …«
Aber sie hatte so getan, als höre sie ihn nicht. Sie war ins Auto gestiegen und hatte den Motor angelassen.
»Komm, Daddy, wir müssen los.«
Wortlos und schnell waren sie nach Hause gefahren. Das Schweigen war undurchdringlich gewesen, und weder sie noch ihr Vater konnten es brechen, bis sie Scottsdale erreichten und die unausgesprochenen Augenblicke weit zurückgelassen hatten.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte Mom.
Joy zitterte, aber nicht etwa, weil ihr kalt war. Nie zuvor hatte sie ihrer Mutter die Stirn geboten. Sie saßen am Küchentisch, Mom war noch im Morgenmantel. Sobald die Sonne am Papago Butte aufgegangen war, war Joy direkt zu ihr gefahren. Sie wollte nicht erst nach Hause fahren, weil sie wusste, dass Eddie ihr das Ganze ausgeredet hätte.
»Mom, ich muss mit dir reden.«
Skeptisch sah Mom sie an. »Na, dann hoffe ich mal, es ist wichtig, wenn du mich so früh am Morgen aus dem Bett zerrst.«
»Mom, ich habe das nicht früher angesprochen, weil ich dich nicht aufregen wollte. Ich weiß, das vergangene Jahr war hart, aber ich muss dich nach etwas fragen, was Daddy am Tag seines Todes zu mir gesagt hat …«
»Nein!« Die Stimme ihrer Mutter war plötzlich schneidend.
Mit einem Mal war alles klar. Ihrer Mutter war bewusst, dass Joy Bescheid wusste. Wie konnte sie trotzdem so tun, als wäre nie ein Wort gefallen? Wie hatte sie ein ganzes Jahr darüber schweigen können?
Als Lewis aufwachte, fühlte er sich anders als sonst, so als befände er sich noch halb im Traum. Er stand auf und blickte auf den Wecker. Es war sechs Uhr. Samantha hatte ihm den Rücken zugewandt, eine reglose Gestalt unter der Decke.
Er ging hinunter in die Garage. Das schwere Tor schlug laut gegen die Wand. Er zog den Werkzeugkasten hervor, nestelte ungeschickt am Schloss und hob mit klopfendem Herzen den oberen Einsatz heraus, wobei Schrauben und Nägel herausfielen und sich auf dem Boden verteilten. Er sah sie sofort, sie lag ganz unschuldig auf dem Hammer. Er wurde also nicht verrückt. Diese Botschaft aus der Vergangenheit existierte wirklich.
Er nahm die Karte in die Hand, starrte auf die Badeszenerie an diesem irischen Strand und drehte sie noch einmal um, um die Nachricht zu lesen. Er versuchte sich einzureden, dass es nur Wehmut war angesichts einer Zeit in seinem Leben, die längst vergangen war. Diese Postkarte verkörperte einen unmöglichen Traum. Und dennoch hielt er sie hier in Händen: eine echte Möglichkeit.
IRGENDWANN KOMMT DIE WAHRHEIT ANS LICHT
Mehr stand nicht auf der Karte. Kein Name, kein Absender. Nur diese Worte – und seine eigene Adresse, die keinen Zweifel daran aufkommen lassen sollte, dass dieser eine Satz an ihn gerichtet war. Er versuchte, sich an Marnies Handschrift zu erinnern, aber es wollte ihm nicht gelingen.
Er betrachtete die Briefmarke. Eire stand darauf, das irische Wort für Irland. Die Karte musste von Marnie kommen, denn es war ihre Heimat, und es waren ihre Worte.
Welche Wahrheit meinte sie, fragte er sich. Die Wahrheit ihrer Liebe? Oder die Wahrheit seines Verrats? All die Jahre hatte er nichts mehr von ihr gehört, warum dann jetzt?
Zu dem Zeitpunkt, als Dad endlich dazu kam, es ihr zu erzählen, war er kaum noch in der Lage gewesen zu sprechen, aber Joy erinnerte sich daran, wie er sie angesehen hatte. Sie hatte seinen Kummer gespürt, als er ihre Hand drückte.
»Joy, ich muss dir etwas sagen …«
»Nicht reden, Daddy. Ruh dich aus.«
Er hatte sich im Bett abgemüht, als wolle er sich aufsetzen.
»Bald habe ich Zeit genug zum Ausruhen«, hatte er gekrächzt und versucht zu lächeln. »Es gibt da etwas, was ich dir sagen muss, vorher finde ich keinen Frieden.«
»Daddy, bitte mach dir keine Sorgen. Es ist doch nicht wichtig.« Sie hatte versucht, ihn zu beruhigen, wollte, dass er sich wieder hinlegte. Doch Jack Porter war fest entschlossen gewesen. Er hatte sich auf die Ellbogen gestützt und seinen verzweifelten Blick auf sie gerichtet.
»Versprich mir, dass du mir verzeihst, Liebling.«
Ein Angstschleier legte sich über sie. Wovon redete er? Was konnte er getan haben?
»Daddy, ich liebe dich. Nichts kann daran etwas ändern.«
»Mein Mädchen, Liebling«, hatte er geflüstert und seine Augen kurz geschlossen, als sein Kopf zurück aufs Kissen sank. »Deine Mutter wird wütend auf mich sein, aber ich muss es dir einfach sagen …«
»Alles gut, Daddy, du musst es mir doch nicht erzählen …«
Aber ihr Vater hatte sie mit ungewohntem Nachdruck unterbrochen. Plötzlich war seine Stimme ganz deutlich.
»Joy, du wurdest adoptiert.«
Beinahe hätte sie seine Hand losgelassen und wäre vom Stuhl gefallen. Es war das Letzte, was sie erwartet hatte.
»Nein, Daddy, das kann nicht sein …«
Aber ihr Vater hatte einfach weitergeredet. Er erzählte, dass er und ihre Mutter etwa fünf Jahre nach der Hochzeit festgestellt hätten, dass sie keine Kinder bekommen konnten. Es war ein schwerer Schlag für ihre Mutter gewesen, sie hatte sich so dringend ein Kind gewünscht. Eine Cousine in New York wusste von einer jungen Frau in Irland, die ihr Baby zur Adoption freigeben wollte. Es schien, als wäre es so bestimmt. Als sie mit der kleinen Joy nach Amerika zurückgekommen waren, beschlossen sie, an einem Ort neu anzufangen, wo sie niemand kannte und keiner wusste, dass ihre Tochter ein Adoptivkind war. Deswegen waren sie nach Scottsdale gezogen und nie mehr nach New York zurückgekehrt.
Joy war benommen, in der abgestandenen Schlafzimmerluft drehte sich ihr der Kopf.
»Es tut mir so leid, dass wir es dir nie gesagt haben«, flüsterte ihr Vater. Schon jetzt wirkte er anders auf sie. »Deine Mutter dachte, es sei besser so.«
»Aber Daddy.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Warum musste er es ihr ausgerechnet jetzt sagen? Warum ihr in dem Moment das Herz brechen, in dem sie ihn verlieren sollte?
»Du meinst, du bist gar nicht mein echter Vater? Und Mom ist nicht meine echte Mutter?«
»Doch, natürlich sind wir das, Liebling. Ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt. Du bist immer meine Tochter gewesen.«
Sie spürte, dass er alle Kraft zusammennahm, um ihre Hand zu drücken.
»Als ich dich sah, wusste ich gleich, dass du mein Mädchen bist«, flüsterte er. »Du hast mir die Arme entgegengestreckt, und ich habe dich hochgehoben und in den Arm genommen. Wir haben einander ausgesucht.«
Joy hatte ihn nicht drängen wollen, noch mehr Einzelheiten zu erzählen. Er war so schwach und zerbrechlich gewesen, und sein Bekenntnis, so dramatisch es auch war, war nichts im Vergleich dazu, dass er im Sterben lag. Sie hatte nicht gefragt, warum er es ihr ausgerechnet jetzt sagen musste. Sie hatte ihn nicht nach ihrer leiblichen Mutter gefragt.
Joy hatte die Tatsache, dass sie adoptiert war, verdrängt. Sie hatte sogar vermieden, ihre trauernde Mutter darauf anzusprechen. Ein Jahr lang kein Wort. Aber die Wahrheit zerriss ihr das Herz.
Die Adoption erklärte so vieles. Die Tatsache, dass sie nicht aussah wie ihre Eltern. Oder dass sie sich manchmal wie eine Außenseiterin im eigenen Leben fühlte. Dass sie sich nach etwas sehnte, was sie in Arizona nicht finden konnte. Diese Träume, die voller Gerüche und Bilder von Orten waren, an denen sie nie gewesen war. Das Land, aus dem sie stammte und von dem sie nichts wusste.
Anfangs hatte sie versucht, mit Eddie zu reden. Er war genauso schockiert wie sie.
»Was sagt man dazu«, meinte er und kratzte sich am Hinterkopf, während er sie mit neuen Augen betrachtete. »Du bist gar keine echte Amerikanerin. Du bist ein irisches Mädchen.«
»Ich muss mehr darüber herausfinden. Ich will wissen, woher ich komme.«
»Das ist es doch nicht wert, Joy«, hatte Eddie eingewandt. »Die Menschen, die dich aufziehen, sind deine Eltern. Lass das Ganze auf sich beruhen. Du machst dich nur unglücklich, Baby.«
Das Problem war, dass Joy es nicht auf sich beruhen lassen konnte. Sie musste wissen, wer sie war.
Lewis legte die Postkarte zurück in den Werkzeugkasten. Es war idiotisch, überhaupt an Marnie zu denken. Er und Samantha waren schon so lange verheiratet. Das musste doch mehr zählen als ein Hirngespinst aus der Vergangenheit.
Um es wiedergutzumachen, stellte er für Samanthas Frühstück einen Obstteller zusammen: Ananas, Erdbeeren und Orangenschnitze, die er auf einer der farbenfrohen mexikanischen Platten anrichtete. Mit einer Tasse Kaffee brachte er sie ihr hinauf ans Bett.
»Oh … danke, Lewis.« Samantha setzte sich auf und wirkte überrascht angesichts dieser unerwarteten Aufmerksamkeit.
»Das magst du doch, oder?«, sagte er und setzte das Tablett auf ihrem Schoß ab.
»Du hast mir seit Jahren kein Frühstück mehr ans Bett gebracht.«
»Ich weiß. Es tut mir leid.« Er beugte sich vor und strich ihr eine lose Haarsträhne hinters Ohr. »Tut mir auch leid wegen gestern Abend.«
»Wie meinst du das?« Misstrauisch blickte sie ihn an.
»Es hätte besonders sein sollen.«
»Es war gut so, Lewis, ehrlich.« Sie steckte sich eine Erdbeere in den Mund.
»Lass uns verreisen«, sagte er aus einer plötzlichen Eingebung heraus. »Wie könnten über Ostern wegfahren. Was hältst du von Hawaii?«
»Das geht nicht. Ich fahre doch nach Santa Fe.«
»Aber würdest du nicht lieber mit mir Urlaub machen?«
»Das ist es nicht«, sagte sie und mied seinen Blick. »Ich habe es Jennifer versprochen …«
»Okay.« Er verstand das nicht. Was machte er nur falsch?
»Es tut mir leid, Lewis.«
Er bemühte sich, die Enttäuschung vor ihr zu verbergen, ging an den Kleiderschrank und holte ein frisches Hemd heraus.
»Na gut, was ist mit diesem Sommer?«
»In Ordnung.« Sie klang nicht begeistert.
»Hier wird es immer so heiß – es wäre doch schön, irgendwohin zu fahren, wo es kühler ist.«
Er beobachtete sie im Spiegel. Sie nahm ein Stück Ananas und biss hinein.
»Lass uns nach London fahren«, sagte er.
Ihre Augen weiteten sich erschrocken.
»Spinnst du?«
Er trat ans Bett. »Es ist so lange her, Samantha. Ich möchte meine Heimat mal wiedersehen.«
»Aber warum? London, so wie wir es kannten, gibt es doch gar nicht mehr.«
Sie streichelte ihm über den Arm, und als er ihr in die Augen blickte, sah er ihre Angst.
»Ich kann nicht zurück«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Das weißt du.«
Er bemerkte, dass ihr Tränen in die Augen traten. Er war sich nicht sicher, ob sie aufrichtig waren oder nicht, aber sie rührten ihn, und er küsste Samantha – und ausnahmsweise erwiderte sie seinen Kuss. Sie zog ihn zu sich herunter, der Teller glitt vom Bett, und das Obst verteilte sich über den Boden.
Das erste Mal seit Monaten schliefen sie miteinander, doch selbst am Höhepunkt ihrer Leidenschaft war keiner der beiden in der Lage, dem anderen in die Augen zu sehen. Es war eine Erlösung, das schon, aber es fühlte sich auch an wie eine Entschuldigung.
»Daddy hat mir erzählt, dass ihr mich adoptiert habt.« Joy ließ nicht locker, auch gegen den Willen ihrer Mutter.
»Ich weiß wirklich nicht, warum er das tun musste, Joy.«
»Also stimmt es?«
»Ja«, sagte Mom und klang aufgewühlt. »Es stimmt.«
»Warum habt ihr mir das nie gesagt?«
