Unter dem Strand - Petra Misovic - E-Book

Unter dem Strand E-Book

Petra Misovic

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Beschreibung

Die Tierpflegerin Barbara reist überstürzt nach Diani Beach, an den berühmten Strand südlich von Mombasa in Kenia. Ihr Mann Harald ist dort tödlich verunglückt und jetzt sitzt sie in dieser komfortablen Hotelanlage und muß feststellen, daß nichts mehr so ist, wie es war. An Haralds Leiche wird man nicht herankommen, die sitzt fest, in einer versunkenen Yacht, rund hundert Meter unter dem Meer. Daran besteht kein Zweifel. Oder doch? In den folgenden Tagen - es ist Weihnachten, es herrscht Hochsaison - entdeckt Barbara, daß ihr Mann über einige Jahre hinweg und ohne ihr Wissen in Ostafrika seinen Urlaub verbracht hat. Er war dort ein beliebter Gast und das Undenkbare wird offensichtlich: Harald war Sextourist. Im Hotel trifft Barbara auf Stammgäste, die ihre Erfahrungen gern mit Neuankömmlingen wie Barbara teilen und außerdem eigene Theorien über Haralds Schicksal entwickeln. Am Strand und vor den gut bewachten Portalen des Hotels lungern die sogenannten beach boys (& girls), die den Kontakt zu Touristen suchen, um mit ihnen ins Geschäft zu kommen. Im Fall des verunglückten Haralds ermittelt Kommissar Mandizha, der berechtigte Zweifel am Hergang des Unfalls hegt, jedoch den aktuellen Stand seiner Ermittlungen mit niemandem teilt, wofür er tatsächlich auch Gründe hat. Wäre da nicht Marlene, Vielreisende und in Diani Beach sesshaft geworden, arbeitet sie in einem kleinen Hotel abseits der Bettenburgen. Marlene erkennt, daß Barbara - überfordert von der Situation - unter Schock steht. Sie bemüht sich um Barbara und führt sie behutsam durch den Behördendschungel der Ermittlungsarbeit und ermöglicht ihr einen Blick hinter die Kulissen, in den "backstage" Bereich des Massentourismus.

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2016

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1

Hier war alles spiegelverkehrt! Zeit verrinnt und Barbara weigert sich aufzuwachen. Sie will nicht darüber nachdenken, welche Schritte als nächstes einzuleiten wären, nicht darüber, daß Harald weg war. Harald war weg und es gibt Leute, die gesehen haben, wie die Segelyacht abgesoffen ist, wie schnell es ging und wie Harald nicht mehr raus kam, weil er gerade auf dem Klo gewesen ist, sagt Uwe. Uwe war an Deck gewesen und konnte sich mit einem Sprung ins Wasser retten, als der Gaskocher explodiert ist. Uwe hat überlebt und Harald nicht. Und jetzt liegt sie auf einem Sofa, was genauso aussieht, wie das Sofa in ihrem Zimmer. Seltsam verdreht liegt sie da, ihre Hüfte schmerzt und sie hat keine Kraft, sich anders hinzulegen und das Hirn weigert sich. Sie betrachtet die Decke, unter der sie da liegt und die gar nicht afrikanisch aussieht. Sie betrachtet die Wäsche, die am Boden liegt. Ihre Wäsche ist nicht dabei und der Koffer, der aufgeklappt in der Ecke steht, gehört ihr nicht. Außerdem war das Zimmer spiegelverkehrt. Und man konnte das Meer sehen.

Barbara bleibt ruhig liegen, stellt sich schlafend, als sie ein Geräusch hört, Schritte, ein Tablett wird hingestellt, die Schritte entfernen sich vorsichtig, jemand hatte sie entdeckt und wollte sie nicht wecken. Barbara ist es egal, wer sie nicht wecken wollte und sie versucht, das Aufwachen weiter rauszuzögern, das Hirn im Leerlaufbetrieb zu halten, in einer Art Schwebezustand zwischen Tag und Nacht, zwischen Leben und Tod. Normalerweise fällt ihr das leicht, doch ihr Schädel fühlt sich jetzt furchtbar an, das Hirn liegt blank in der Schale und schwappt bei der kleinsten Bewegung schmerzhaft gegen die Schädelwand.

Uwe schleicht an ihr vorbei ins Bad. Aus den Augenwinkeln beobachtet sie, wie er sich nach dem Duschen nackt neben seinen Koffer kniet und was zum Anziehen raussucht. Er hat sich nicht abgetrocknet, sein Rücken glänzt und seine haarlosen Beine glänzen auch. Rasch zieht er eine Hose an und ein T-Shirt, dann packt er die herumliegenden Kleidungsstücke eilig in seinen Koffer. Er gießt Tee ein und hockt sich neben Barbara auf den Boden. Er versucht Barbara sanft zu wecken. Sie will keinen Tee, sie will schlafen. Aber Uwe muß sich von ihr verabschieden. Er muß heim. Ist alles o.k. mit Dir? Brauchst Du irgendwas? Soll ich Dir eine Kopfschmerztablette besorgen? - Ja, bitte. Eine Tablette.

Sie muß aufgeben und wach werden, sie muß mit ihm reden. Er weiß besser, als sie, daß sie sich gestern Abend beinahe ins Koma befördert hat. Sie konnte nicht mehr laufen, hat sich auf dem Weg von der Hotelbar zu Uwes Pavillon zweimal übergeben und Uwe hatte einen Wachmann suchen müssen, damit die Sache beseitigt werden konnte. Marlene war auch dabei gewesen. Als die meisten Gäste sich längst verabschiedet hatten, war sie aufgetaucht. Uwe hat dem Barkeeper seine CD gegeben und Marlene und Uwe haben getanzt, während Barbara an der Bar saß, ihnen zusah und Gin Tonic trank. Sie hatte nicht bemerkt, wie sie allmählich betrunken wurde. Marlene und Uwe hatten getanzt und Uwe hatte sie auf sein Sofa gebracht. Sie hatte ihre Zimmernummer nicht mehr gewußt und der Schlüssel war nirgends. Und jetzt verabschiedet sich Uwe von ihr, und sie will ihn noch was fragen. Ruf mich bitte an, und sag mir Bescheid, wenn ich Dir helfen kann. Halte mich auf dem Laufenden, ja? Ich kann den Laden jetzt nicht länger allein lassen. (Was wollte sie ihn verdammt nochmal fragen?) Das verstehst Du doch. Das hab ich Dir doch erklärt. Uwe legt ihr die Unterlagen für die Polizei hin und für die Versicherung und dann ist er fort.

2

Die Bootsversicherung. Harald war nicht reiseversichert und es war überhaupt nicht klar, wie sie Haralds Leiche, die in mehr als hundert Metern Tiefe auf dem Grunde des indischen Ozeans lag, jemals wieder ans Tageslicht befördern sollten. Möglicherweise, daß die Versicherung des Bootsverleihers die Yacht bergen wollte, um dem Eigentümer eine Schuld nachzuweisen. Und die Erben (es gab keine Erben) bekämen eine kleine Entschädigung. Barbara legt auf die Entschädigung keinen Wert. Sie findet es auch nicht tragisch, daß Harald auf dem Meeresgrund in einer Yacht aus Plastik seine womöglich letzte Ruhestätte gefunden hat. Er würde dort nach kurzer Zeit von kleinen Wassertierchen genauso zernagt und zerfressen sein, wie in einem kühlen Grab in der Heimat. Wo sollte die auch sein? Sie weiß nicht, wo Haralds Eltern beigesetzt sind und sie, würde sie Haralds Grab besuchen wollen?

Bei den Eingeborenen gab es den Brauch, die Leiche am Lieblingsplatz des Verstorbenen auszulegen, um die wilden Tiere zu einem Festmahl einzuladen. Das Ansehen stieg unter den Hinterbliebenen, wenn sich zum Beispiel ein Löwe höchstpersönlich zur Beseitigung der sterblichen Überreste herabließ. Heute machen sie das natürlich nicht mehr, wegen der Hygiene, so ist es zu lesen im Journal der Fluglinie, die sie hierher gebracht hat.

Barbara sitzt auf einer zu großen Couch in der riesigen Lobby, Regen trommelt aufs Palmendach, Wind kommt auf und das Meer verschwindet hinter einem Schleier aus Gischt, die an großen Schiebefenstern leckt. Unten kommt es durch, Regenpfützen sammeln sich, einige Gäste flüchten ins Trockene, nehmen lauthals Aufstellung an der Bar. Angestellte sichern im Garten die Möbel vor einem aufkommenden Sturm. Good morning, what can I do for you? Was darf ich ihnen bringen? Eine sehr junge, sehr hübsche Kellnerin beugt sich Barbara entgegen. Die bestellt Tee mit viel Zucker und blättert wieder in ihrem Heft, auch weil sie dem Blick ausweichen muß, den Kerstin vom Nachbartisch aus probeweise herüberwirft. Unverhohlen lauert sie dort, eine dicke, fleischige Frau mit praktischem Kurzhaar, verbringt sie Jahr für Jahr jeden Winter hier am Äquator und verbreitet mit rheinischer Mitteilsamkeit ungefragt ihr Wissen und ihre Erkenntnisse unter den winterbleichen Neuankömmlingen.

Eine hungrige Katze schleicht zwischen den Tischen und reibt sich dann sanft an Barbaras Beinen. Sie bietet ihr Milch von ihrem Tablett und einen Keks an, den die Katze dankbar verschlingt. Na komm mal her. Du bist hungrig, was? Mit einer sanften Stimme, von der sie selbst überrascht ist, lockt sie die Katze und muß immer noch diesem Blick standhalten, der auf ein Zeichen der Hilflosigkeit wartet, um einzuspringen und Ratschläge auszuteilen.

In der Mitte des Raums stehen kniehoch Ochs und Esel unter der Palme vor dem Stall von Bethlehem. Neben der Krippe ein Rentier aus Stoffresten kunstvoll zusammengenäht, mit einem Schlitten, in dem sitzt Father Christmas im colaroten Rock, mit Zipfelmütze, weißem Wattebart und verdächtig roten Wangen, dazu Rocking around the Christmas Tree, jetzt Stille Nacht in allen Sprachen und es erinnert sie an die Geschwister, mit denen sie ungeduldig unterm Weihnachtsbaum ausharren mußte, bis die Platte zuende war, Freue Dich ’s Christkind kommt bald, und endlich die Geschenke freigegeben wurden. Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Gegen sentimentale Weihnachtsstimmung ist Barbara immun. Weihnachten war immer nur ein leidiges Fest gewesen, bei dem sich alle aus der Familie in die Haare kriegten, das niemals so wurde, wie es sich alle gewünscht hatten, harmonisch und friedlich und obwohl sie sich die allergrößte Mühe gegeben hatten, ist es ihnen nie gelungen, die Katastrophe wenigstens mit einigem Abstand zu umschiffen, in seichten Gewässern zu kentern.

Sie betrachtet die hungrige Katze. Ich weiß, Du hasts auch nicht leicht. Dreaming of a White Christmas, die ganze Zeit diese Weihnachtslieder und die meisten passen gar nicht hierher in die Tropen, aber die Gäste scheint das nicht zu irritieren, nur für Barbara fühlt es sich falsch an, seltsam unwirklich, weiße Weihnacht, Glöckchen am Rentierschlitten von Father Chrismas und man sitzt dazu leicht bekleidet in der Lobby eines komfortablen Hotels und bestellt ganz selbstverständlich am späten Vormittag schon spirituelle Getränke. Niemand hatte ihr gesagt, daß es hier regnen würde. Barbara fröstelt, sie hat nur ein dünnes Kleid an. Sie nimmt die Katze auf ihre Knie, damit sie sie wärmen mag, gegen den Kater, der ihr Hirn immer noch lahm legt. Sie mag nicht auf ihr Zimmer gehen. Sie mag die Unterlagen nicht durchsehen, die Uwe ihr hingelegt hat. Sie will noch warten. Außerdem hat sie ein Sandwich bestellt.

Durchs Fenster beobachtet Barbara wie Marlene näher kommt, geradewegs aus dem Wasser scheint sie zu kommen, das Badetuch klebt an ihren Hüften, ihre dunklen Locken kleben an ihrem Kopf, den Regen bemerkt sie gar nicht. Unter einem Sonnenschirm gibt ihr der Wachmann ein trockenes Handtuch, sie nimmt es und rubbelt ihre Haare ein wenig damit. Sie lacht mit dem Wachmann, dann holt sie aus einer schwarzen Plastiktüte ein Päckchen mit Zigaretten, bietet dem Wachmann eine an, der will nicht. Sie redet auf ihn ein, schließlich steckt er zwei ein, dann begleitet er sie mit dem Schirm bis an die Schiebetür, öffnet diese einen Spalt breit durch den Marlene in die Lobby schlüpft und schließt die Tür schnell, bevor noch mehr Wasser reinkommt. Dann geht er weiter.

Barbara weiß nicht, ob sie froh ist, Marlene zu sehen, die schöne, hochgewachsene Marlene, sonnengebadet und ein freundliches Lächeln um die Lippen, schreitet sie durch den Saal, als würde der und das ganze Hotel ihr gehören, und Barbara denkt, daß sie jetzt gerne unsichtbar wäre, sie würde unter den Tisch kriechen, das Hirn ablenken, mit einem Weihnachtslied oder einem Getränk von der Bar und könnte den Abgrund vergessen, der sich vor ihr befindet, den gestrigen Abend und die Scham darüber, daß sie sich an fast gar nichts erinnert.

Und Marlene steuert unerbittlich auf Barbara zu, Na? Was macht die Leiche? Und spricht von Barbara und nicht von Harald. Von der verkaterten Barbara, die gestern Abend die Kontrolle verloren hat und die sich jetzt mit Vorwürfen quält. Marlene bemerkt den Fauxpas, Barbara nicht, aber es tut gut, als Marlene sich ernsthaft dafür entschuldigt.

Nach dem Abendessen hat Marlene sich ganz selbstverständlich zu Uwe und Barbara an den Tisch gesetzt. Sie wußte, daß Uwe und Barbara kein Paar sind, sie hatte auch Harald gekannt. Und sie war diejenige, die endlich aussprach, was beim Abendessen in der Luft lag. Es tut mir sehr leid, das mit Deinem Mann.

Marlene will sich nicht setzen, sie ist naß. Sie spricht mit einem Angestellten kisuaheli, er bringt ihr was zu schreiben und sie kritzelt ihre Nummer auf einen Block. Weißt Du schon, ob du hier bleiben kannst? Wir haben nämlich Hochsaison gerade. Haben die ein Zimmer für dich? Hier ist meine Nummer, wenn du reden willst oder wenn du Hilfe brauchst. Barbara steckt die Nummer ein und muß sich überwinden: Hast du Harald gut gekannt? Und Uwe? Marlene überlegt einen kleinen Moment. Ja. Schon.

3

Das Sandwich kommt und Barbara verfüttert es an die Katze. Der Polizist am Tresen beobachtet sie schon eine Weile, sie, eine zierliche blonde winterweiße Frau, in einem schlichten dunklen Baumwollkleid, das jede weibliche Form ignoriert, und sie füttert hingebungsvoll eine von diesen Katzen. Meist nehmen diese Art Frauen dann eine arme und gebeugte Katzenkreatur mit nachhause, fort, in eine Welt, wo ein ganzer Industriezweig mit hochwertigem Tierfutter gutes Geld macht.

Sie hatte es nicht gewußt, daß ihr Mann in Afrika war. Mandizha hatte sie angerufen in Deutschland, aber sie war ganz sicher, daß es sich um eine Verwechslung handelte. Vielleicht war ihr Englisch auch einfach nur schlecht. My husband is in the mountains, driving ski, you know? Skifahren, in den Bergen. Und dann hatte sie aufgelegt. Mandizha mußte das Konsulat um Amtshilfe bitten.

Das aufmerksame Publikum in der Lobby kennt ihn bereits, den Kriminalkommissar, den sie unter sich Kofi nennen, weil er eine Ähnlichkeit hat, mit dem ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, ein fein geschnittenes Gesicht, schmale elegante Hände, eine schlanke Figur in einem guten, einem sehr teuren Anzug, etwas jünger, als das Original so Ende 40, Anfang 50 vielleicht, und wer Barbara ist, das muß Kerstin nur den neu angereisten Gästen erklären. Und dann stellt sich Kerstin ihm in den Weg und begrüßt den Polizisten wie einen alten Bekannten, und kann doch nur mit Mühe vor ihm verbergen, wie sehr sie die Blicke der anderen Gäste genießt, die sie nachher fragen werden, was der Polizist denn gesagt hat.

Some news from our accident? Gibt es was Neues? Haben Sie schon einen Plan, wann sie das Schiff endlich da raus holen? und: Ein paar Freunde und ich, wir würden gerne hinkommen und zuschauen, das ist sicherlich aufregend. Und Mandizha weiß nicht, wie er angemessen auf solch eine Bitte reagieren soll, er läßt sie wortlos stehen und tritt an Barbaras Couchtisch. Do we know us? Kennen wir uns? Er stellt sich ihr vor. I am really sorry about what has happened to your husband. I am afraid I don’t carry good news for you. As far as I know there is no chance to recover the wreck. Sein Englisch klingt anders, nicht so, wie das afrikanische Englisch der Angestellten hier im Hotel, eher wie das der Austauschschülerin, die aus England in ihre Klasse gekommen war, damals. Barbara begreift, daß er sein Beileid ausdrückt. Daß die Yacht vielleicht nicht geborgen werden kann. Eigentlich ist er gekommen um mit Uwe zu sprechen. Dem einzigen Zeugen. Die Hotelleitung war so freundlich, ihm mitzuteilen, daß sie, die Ehefrau des Verstorbenen bereits angereist sei, und ob sie wüßte, wo er Uwe finden könne. Mr. Bahrmann has gone home. - To germany? - Yes to germany. - When? Mandizha wirkt plötzlich nicht mehr so gelassen und freundlich. Do you know which flight? - Very early in the morning he left the hotel. Maybe six o clock. I don’t know. Mandizha greift zum Handy und geht ein paar Schritte in Richtung Rezeption, leitet eine landesweite Fahndung nach Uwe ein.

Daß Bahrmann einfach abgereist ist, macht ihn wütend, ist er doch der bislang einzige Zeuge bei einem schweren Unfall mit tödlichem Ausgang. Vielleicht ist er ein Totschläger, ein Mörder. Solange die Yacht nicht gehoben ist, wird es schwer sein, das herauszufinden. Und seit dem frühen Morgen gibt es eine Leiche, eine schwarze Frauenleiche, die sie weiter oben an der Küste herausgefischt haben, eine junge Frau, so um die 20, schwere Verbrennungen, die von einer Explosion stammen könnten. Ein paar große Bisse von Raubfischen, vermutlich postum. Vieles spricht dafür, daß sie an Bord gewesen ist. Vielleicht gibt es weitere Personen, die tot sind oder untergetaucht. Bahrmann hatte nichts gesagt. Und jetzt war er flüchtig.

Und wie sein Ärger wächst, am Telefon, als diese ungehobelte Person die Gunst des Augenblicks benutzt, um sich mit Barbara bekannt zu machen. Ungeniert ist sie herangerückt und streichelt jetzt die Katze in Barbaras Schoß und erst als sie den Polizisten bemerkt, wie er eilig näher kommt, beendet sie das einseitige Gespräch, das können sie mir glauben, Schätzchen. Ich fahre seit 18 Jahren hierher. Was sie brauchen ist ein Anwalt. Rufen sie den Konsul an, die sollen ihnen einen besorgen, einen guten. Kerstin betrachtet Mandizha etwas zu lange. Dann räumt sie das Feld. Mandizha setzt sich. We don’t have to talk here, we can go to your room, if you like. Or to an office of the management.

Sie bleiben sitzen. Er erklärt ihr, daß es sicherlich noch eine Weile dauern wird, bis sich alles geklärt hat. Bislang will niemand die Kosten aufbringen und das Segelboot bergen. Der Staat nicht, der Bootsverleiher nicht, laut Bahrmann gibt es keine Versicherung. Mandizha erzählt ihr nichts von der toten Frau.

If there is anything I could do for you, you let me know. Es tut mir sehr leid, wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann? sagt er und geht an der Rezeption vorbei raus in den Regen. Barbara schaut ihm nach, wie er im strömenden Regen allmählich weniger wird.

4

Am Nachbartisch fragt Kerstin ungeniert den Kellner aus. Sie will wissen, was der Polizist am Telefon gesagt hat. They searching for the other guest. - Bahrmann? - Yes. They look for him at the airport. Uwe soll das Land nicht verlassen sagt Kerstin vom Nachbartisch rüber. Barbara will zahlen. Es ist schwierig, das auszuhalten, hier in der Halle, sie fühlt sich von allen beglotzt. Der Kellner kommt und Barbara wühlt in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie. Sie brauchen hier nicht zu bezahlen, sie unterschreiben einfach die Rechnung, das geht dann aufs Zimmer. Auf ihrem Korbsessel rückt Kerstin ganz selbstverständlich wieder ein Stück näher heran. Weiß man denn schon, wann das Boot hochgeholt wird? Sie müssen denen wirklich Beine machen, sonst sitzen sie Ostern noch hier und nichts ist passiert. Sie reicht Barbara einen Zettel mit einer Telefonnummer, der Konsul in Mombasa, den rufen sie an. Ich bin übrigens Kerstin. Sie sind Barbara, nicht? Und schon schüttelt Kerstin Barbaras Hand, wuchtet ungefragt ihren mächtigen Leib, neben Barbara auf das Sofa. Ein persönliches Gespräch mit der Witwe, endlich, und sie versucht ihre gute Laune etwas zu dämpfen, schlägt einen pietätvollen Ton an. Ich hab Harald ja ganz gut gekannt, hat er ihnen mal von mir erzählt? Sie fragt sich, was Harald mit Kerstin zu tun hatte, mit dieser Matrone, die ihre ausladende Gestalt unter einem zeltartigen Kleid in afrikanisch-frohen Farben nur vage verbirgt, die glamouröse Accessoires liebt und alberne Sonnenbrillen und die offensichtlich nur wenig von dem, was man ihr anvertraut, für sich behalten kann. Ich hab mich ja manchmal gefragt, warum er sie nie mitgebracht hat, und Barbara muß ihre Füße betrachten, die ungeschnittenen Nägel, die aus den Sandalen rauskucken. Ihre Hand legt sich hilfsuchend auf den Bauch der Katze, die sich in ihrem Schoß zusammengerollt hat und ihr Blick fällt auf die anderen Gäste, die in den Regen starren, Zeitung lesen und hin und wieder verstohlen die Witwe betrachten und den meisten gelingt es nicht, ihre Vorfreude zu verbergen, auf ein paar Informationshappen, mit denen Kerstin sie später, wenn Barbara weg wäre, anlocken würde.

Diesmal sind es fast drei Monate, wissen sie, Weihnachten zu hause, das ist mir ein Gräuel. Die Kälte, der Regen, überall nur Weihnachtsmärkte und man soll Geschenke kaufen. Da bin ich doch lieber hier und Barbara schafft es nicht in den Momenten, die Kerstin braucht, um Luft zu schöpfen, das Gespräch höflich zu beenden. Na gut, an Tagen wie diesen, da geht einem das Weihnachtsgeträller hier auch ein bißchen auf die Nerven, das geb ich ja zu, aber wann regnet es denn schon mal so? Einmal in zehn Jahren vielleicht. Ich hab das noch nie erlebt. Und Barbara wagt es nicht, diesem Impuls nachzugeben, einfach aufzustehen, ohne Worte, einfach wegzugehen. Oder in eine Ohnmacht zu sinken. Also Harald und Uwe, die waren ja auch gerne hier über Weihnachten, Harald hat ja nicht so viel erzählt, aber das war schon ein sehr angenehmer Gast, Uwe natürlich auch. Barbara will raus. Alles ist bezahlt. Ihr wird übel. Tschuldigung. Sie geht zur Toilette. Die Klimaanlage rattert, es ist kalt und Barbara schließt sich in eine der Kabinen ein. Sie setzt sich auf den Klodeckel und muß gar nicht pinkeln. Was soll das hier? Barbara versucht sich zu erinnern, an das Gespräch mit Uwe. Hat Uwe versucht, ihr etwas zu erklären? Sie weiß es nicht mehr. Wie kann es sein, daß sie mit einem Mann zusammenlebt und der fährt in Urlaub und sie weiß nicht wohin. Warum hat Harald ihr nicht gesagt, daß er nach Afrika fährt? Warum hat er sie angelogen, und zwar jedes Jahr?

Jemand schnauft zur Tür herein, erleichtert sich geräuschvoll auf dem Nachbarklo. Barbara kramt nach ihrem Zimmerschlüssel und verläßt die eisige Toilette. Draußen prallt sie gegen eine Wand aus Hitze und Dampf, wie warm es hier ist, trotz des Regens. Sie geht an der Rezeption vorbei nach draußen. Ein sehr junger Boy drückt ihr einen aufgespannten Regenschirm in die Hand und sie kämpft mit dem Wind und dem Schirm, auf dem Weg zu ihrem Bungalow.

Barbara legt sich erschöpft aufs Bett. Sie versucht den Gedanken, den sie auf dem Klo hatte, wieder zu finden. Was war das für eine Beziehung, zu einem Menschen, so nah. Sie teilten das Bett, den Tisch, die Wohnung, den Hund. Sie hatte Harald im Tierheim getroffen, er wollte sich einen Hund zulegen, einen großen und starken, der ihn auf dem Fahrrad begleiten sollte und beim Joggen, der sich am Abend freute, wenn er nachhause kam. Barbara ließ ihn einen Fragebogen ausfüllen, und er war als Polizist mit Wechselschichtdienst und wenig Möglichkeiten, sich ordentlich um den Hund zu kümmern eher ungeeignet gewesen als Hundebesitzer. Harald hat das nicht eingesehen und sie haben diskutiert. Sie haben sich öfter gesehen, weil Harald immer wieder ins Tierheim kam, unbelehrbar, wollte sich neue Hunde ansehen. Dann haben sie sich gesehen, weil er in ihre Nachbarschaft gezogen ist. Manchmal sind sie zusammen spazieren gegangen und Harald hat sich mit dem Hund angefreundet. Barbara hatte sehr lange keinen Freund gehabt, Harald hatte Ausdauer gezeigt. Sie war spröde gewesen, konnte monatelang von händchenhaltenden Hundespaziergängen zehren, bis er dann einmal abends mit zwei Flaschen Bier und einer Dose Hundefutter vor ihrer Tür stand und in dem Moment bei ihr eingezogen ist. Seine kleine Wohnung hat er behalten. Aber gewohnt hat er bei ihr. Hat den Kampf mit dem Hund gewonnen, der jetzt nicht mehr im Bett und nicht mehr im Schlafzimmer schlief. Der Hund hat das respektiert und Barbara hat das Einverständnis des Hundes als guten Segen genommen. Harald war jetzt ihr Lebensgefährte geworden und der Hund wurde Hund.

5

Als sie aufwacht ist es finster. Der Regen hat aufgehört. Ein Sternenzelt über dem Garten. Jambo. How are you tonight, Madame? Ein Wachmann, der patroulliert. Thank you... And you? Der Wachmann scheint gerührt, daß sich ein Gast nach seinem Befinden erkundigt. Very well thank you. Its your first time in Kenya? - Yes. - Karibu Kenya. Karibu means welcome in Swahili. Karibu. Lala Salama. Goodnight. Der Wachmann geht weiter, die operettenhafte Uniform schlottert um seine schmale Gestalt, ein paar Schritte und er ist lautlos im Dunkel des Gartens verschwunden. Barbara zieht eine Jacke über, dann schließt sie die Verandatür und sucht sich einen Weg zum Strand. Die Anlage liegt still, in der Entfernung singt eine dunkle Frauenstimme Malaika, eine Band spielt zum abendlichen Amüsement der Gäste, die sich auf der großen Terrasse um das Büffet scharen.

Die Wellen plätschern nun kraftlos und eine stetige Brise flüstert in den Bäumen, kein Mond leuchtet und am Strand keine Lampe, um so klarer die Sterne, so viele. Barbara geht zum Wasser, es ist ganz warm. Sie schiebt ihr Kleid hoch, geht ein bißchen tiefer ins Meer rein, vergräbt die Füße im Sand. Wie lange sie geschlafen hat? Sie weiß es nicht. Das Meer bewegt sich nur müde, eine träge Masse. Sie wendet sich um und betrachtet den Strand. Obwohl es dunkel ist, leuchtet der weiße Sand hell, oben sieht man die Bühne, die Band, Lampen beleuchten die Tanzfläche. Sie kann es von hier unten nicht sehen, aber sie spürt, wie da oben ausgelassen getanzt wird, hört das Gelächter, hört die Absätze auf dem Steinboden klappern, ganz leise kaum wahrnehmbar unter der Musik, die über den Strand zu ihr herüberweht. Sie geht zurück und setzt sich in den Sand, gräbt Löcher rechts und links, sie hatte nicht gewußt, daß es so feinen Sand gibt, der klebt an den Fingern und an den nassen Füßen.

Jambo. Good evening. How are you? Ein anderer Wachmann. Good... How are you? - Very well thank you. May I ask you one question, madame? Er will ihr eine Frage stellen. Barbara hat nichts dagegen. Why are you sitting here all alone? ... It is not good, sitting alone. ... You have problems? Was soll sie da sagen. Ja, scheiße, eine ganze Menge davon und unerwartet auch noch große Lust zu rauchen, das kommt nicht oft vor und sie fragt ihn: You have a cigarette? - No, I don’t smoke cigarettes. Der Wachmann verschwindet hinter der Strandbar und kehrt mit einem Stuhl zurück. You sit here und Barbara setzt sich folgsam auf den Liegestuhl und er fragt sie freundlich What is your name? - Barbara. Und er wiederholt ehrfurchtsvoll ihren Namen, er läßt ihn sich schmecken. Barbara... a very beautifull name.

Barbara streichelt den Hund, der freundlich und bestimmt den schweren Kopf zwischen ihre Beine presst und die Stimme des Wachmanns wird leise, er fällt in einen rauen Singsang, als wollte er sie in seine Geheimnisse einweihen: My name is Salomon. Like the old king. You know, the wise king, the one who made very good decisions for his people. - Yes König Salomon. Sie tätschelt den Hundekopf. It is a Rottweiler. - Oh yes Rottweiler. Good dog. Comming from Germany. - I come also from Germany. - Gut Deutschland. Gute Hunde, sehr schlau. Das ist Elsa, Hund aus Deutschland. Gefährliche Hund. Jagt Gangster fort.

Salomon verabschiedet sich, muß weiter, mit Elsa den Strand runter. Barbara schaut ihnen nach und als sie verschwunden sind, lehnt sie sich zurück, betrachtet die Sterne. Ein dumpfer Schmerz zwischen ihren Brüsten, und auf einmal fällt ihr das Atmen schwer. Der Schmerz breitet sich aus, erfaßt ihren Magen, klettert nach oben, ihr Nacken wird steif und es schnürt ihr die Kehle zu, das Schlucken tut weh und sie möchte weinen und schluchzen, ihren Kummer herausbrüllen, aber da kommt nichts. Wie ein Geschwür, wie ein böses Tier macht er sich in seinem Wirtskörper breit und hilflos läßt sie sich von der Liege zurück in den Sand gleiten, muß auf dem Boden liegen, den Sand spüren und die Liege neben ihr stört. Und sie hat keine Kraft, aufzustehen und die Liege zurück zu schleppen, hinter die Strandbar. Also kullert sie über den Strand, fort von der Liege. Und der warme Sand tut ihr gut, sie räkelt sich eine Kuhle zurecht und kann bald wieder atmen, den Sand spüren und riechen, greift mit beiden Händen danach und läßt ihn sich auf die Beine rieseln, kneift die Augen zu, saugt die warme feuchte Luft ein, den Duft von modernden Algen. Wühlt sich immer tiefer in den heilenden Sand, oben kündigt eine glucksende Männerstimme den nächsten Song an, unverständliche, exotische Rhythmen wabern zu ihr herunter. Die Sterne, die Milchstraße, der Orion. Wie Harald, mit seinem Gürtel, an dem er alles befestigt hatte: Walkie-Talkie, Handschellen, Pistole, Handy. Skifahren! Harald hatte sich ausrechnen können, daß sie es nicht rausfinden würde, nur über seine Leiche. Sie hält sich für unglaublich blöde. Naiv! würden die Kolleginnen aus dem Tierheim Barbara vor sich selbst in Schutz nehmen. Aber denen würde sie es nicht sagen. Das kann man eigentlich niemandem sagen, im Ernst, wem sollte sie das erzählen?

Salomon und Elsa sind wieder da. Elsa will ihr das Gesicht ablecken und Barbara hat Mühe, sie davon abzuhalten. Salomon zündet sich eine Zigarette an und reicht sie an Barbara weiter. Sie zögert, unsicher, dann nimmt sie die Zigarette und zieht daran und will sie dem Wachmann zurückgeben, der will sie nicht haben. Barbara raucht weiter und Salomon faßt sich ein Herz: I remember you, this morning. I was at the reception. I saw you. It was raining. Barbara raucht und Salomon sucht nach Worten. Ich habe gehört, Deine Papa is dead. Du kannst mir Bescheid sagen, wenn Du brauchst neue Papa. Ja? Keine Angst, bitte. Ich bin ein gute Mann. Good Husband. You good wife for me. You take me home and I can work and we can have a baby child. Chocolate baby with beautiful hairs like yours. Hakuna matata. No problem.

Ein Wahnsinniger. Sie wird von einem Wahnsinnigen bewacht. Gehört er wirklich zum Personal oder hat sich einfach nur so eine bescheuerte Uniform angezogen? Läuft damit am Strand auf und ab? Salomon lächelt sie freundlich an, versucht ihre Sympathie zu gewinnen. Barbara steckt die Zigarette in den Sand, verabschiedet sich hastig, eilt die Stufen nach oben zu ihrem Pavillon.

6

Sie kann sich nicht erinnern, wie sie dorthin gekommen ist, wie lange sie schon dort liegt, flach auf dem Rücken im weichen Bett unter dem Moskitonetz. Wer hat das da aufgespannt? Sie liegt schwer und unbeweglich in diesem Zimmer, ihre Arme und Beine wie in Beton eingelassen, sie kann sie nicht bewegen, muß aufs Klo und kann sich nicht erheben, so sehr sie sich auch darauf konzentriert. Es ist dunkel und dort wo sie die Veranda vermutet, hört sie den Wind flüstern, als hätte jemand kleine Muscheln an dünnen Fäden aufgehängt, daß sie mit ihr sprechen, sie beruhigen. Ihr Kopf liegt in einem Frauenschoß und fremde Hände flößen ihr einen bitteren Tee ein. Zwischen ihren Beinen wird es warm, sie pinkelt und es gelingt ihr immer noch nicht, sich zu bewegen, sie verliert das Bewußtsein. Später, viel später wird sie ihre Augen einen Spalt öffnen und sie erblickt einen fremden Mann, der, nur mit einem Leopardenfell bekleidet, mit beiden Fäusten zum Schlag ausholt. Er sieht sie nicht an, seine Augen sind auf ihr Herz gerichtet und er nimmt es nicht wahr, daß sie wach ist. Entsetzt schließt sie die Augen und ein Schmerz läßt sie aufbäumen, es ist, als hätte er ihr einen Pfahl durch die Brust getrieben.

Es dauert, bis sie zu sich kommt, aus einer tiefen Ohnmacht kehrt sie zurück in ihr Zimmer, in das Schwarz hinein dämmert der Morgen und sie hört wieder diese Frauenstimme, die vor sich hin summt, und als sie die Augen öffnet, steht Harald an ihrem Bett. Er trägt einen Kaftan, den sie nicht kennt, lange und nachdenklich blickt er sie an. Bevor er sich abwendet hält er kurz inne, entschließt sich, ihr seinen Talisman zu schenken, vorsichtig löst er die zierliche Kette vom Hals und reicht ihr unter dem Moskitonetz den kleinen, silbrigen Delfin, den sie schon immer gemocht hat, und durch den wehenden Vorhang geht er davon, nicht ohne das Windspiel anzurempeln und die Muscheln erzeugen wieder diesen elfenhaften Ton und die Frauenstimme verschwindet und sie schafft es nicht aufzustehen und ihm nachzugehen.

Er ist nicht tot, er lebt. Und sie versucht zu ergründen, was das bedeutet. Warum versteckt er sich vor ihr? Warum läßt er sie glauben, er hätte einen Unfall gehabt? So etwas würde er nicht machen, nicht mit ihr, denkt sie tatsächlich für einen Moment und wenig später fällt es ihr wieder ein: es gibt keinen Grund, ausgerechnet ihm zu vertrauen. Und sie bleibt liegen unter dem Moskitonetz und als es an der Tür klopft ist die Sonne längst weitergewandert und schickt ihre Strahlen bis zum Bett. Und sie liegt in diesem Bett, hilflos, erbärmlich und will nicht, daß jemand hereinkommt und sie so findet. Ein Schlüssel im Schloß und sie kann sich nicht erinnern, ob sie die Kette vorgelegt hat, zieht sich das Laken unters Kinn, die Tür öffnet sich langsam, ein junger Mann schiebt sein Gesicht durch den Spalt und sie krächzt ihm entgegen: No. I am sick! und er fragt, ob sie irgendwas möchte, tea, breakfast und sie sagt No! Just leave me alone!