Unter den Eichen vom Mühlenhof - Magda Kleiber - E-Book

Unter den Eichen vom Mühlenhof E-Book

Magda Kleiber

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Beschreibung

Mit ihren Großeltern, ihrer kleinen Schwester und ihrer Mutter wird die siebenjährige Magda 1946 aus Pommern vertrieben. Mit dem Schiff gelangt die Familie über die Ostsee nach Schleswig-Holstein und von dort über verschiedene Auffanglager zwei Jahre später auf den Cordinger Mühlenhof nach Benefeld in der Lüneburger Heide. Mit 12 Parteien und fast vierzig Personen, zu denen auch der Schriftsteller Arno Schmidt und seine Frau gehören, beginnt für Magda hier ein neuer Lebensabschnitt - mit beengten und einfachen Lebensverhältnissen, Entbehrungen und familiären Wirrungen. Trotz allem: Magda verbringt eine prägende Kindheit auf dem Mühlenhof. Mit Erlebnissen, die aus heutiger Sicht fern erscheinen, und Narben, die im Laufe ihres Lebens verheilen, aber immer ein Teil von ihr sein werden. Die Jugenderinnerungen von Magda Kleiber sind ein authentisches Zeitdokument aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie erinnern an das Schicksal, das Familien - damals wie heute - bei Flucht und Vertreibung ertragen und annehmen mussten.

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Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Zur Autorin:

Magda Kleiber, geb. Schulz, wurde 1939 in Stettin in Pommern geboren. Nach der Vertreibung gelangte sie 1946 nach Benefeld, wo sie eine neue Heimat fand, 1963 heiratete und zwei Söhne bekam. Sie lebt heute in Bomlitz.

Mit "Cieszyce", den Erinnerungen an ihre Kindheit in Pommern, und "Unter den Eichen vom Mühlenhof" hat sie nicht nur für sich, ihre Familie und die Leserinnen und Leser ein interessantes Zeugnis der jeweiligen Zeit geschrieben. Das Verfassen half darüber hinaus ihr selbst wie auch ihrer Familie, ihre Erlebnisse besser zu verstehen.

Inhalt

Aller Anfang ist schwer

Der Mühlenhof

Man muss sich zu helfen wissen

Der Nonnenwald und O.W.

Schlittenfahrt

Weihnachtsfeier bei den Briten

Mein schönstes Weihnachtsfest

Familie Pauls

Die EIBIA

Manöver

Ostern

Dornröschen und ihr Prinzgemahl

Die Onkel Ehe

Der Hühnerstall

Vehlows Kuh kalbt

Griebenschmalz

Sommerferien

O.W. kaufte ein Radio

Die neue Schule

Püppi ist geboren

Sirup kochen

Das Weihnachtsfest

Silvester 1949

Radfahren lernen

Milchzähne

Der Starenkasten

Besuch aus Liensfeld

Ostern 1950

Omchen und Opa bekommen ihr eigenes Zimmer

Der Vormund

Billige Helfer

Zeltlager

Arno Schmidts Spuren

Krippenspiel

Endgültig

Masern

Stubben

Ich musste immer einkaufen

Die Reise mit Omchen nach Northeim

Kleiderspende vom Pastor

Schulfahrt nach Hamburg

Langs schlachten ein Schwein

Alle Hunde vom Mühlenhof

Der Kleingarten

Vehlows haben Nerze

Entenleberwurst

Erholung in Rittmarshausen

Tauti kommt zu Besuch

Pilzvergiftung

Die neuen Großeltern

Noch ein Brüderchen

Blinddarm

Herzanfall

Verpfuschte Karriere

Bübchen verliert ein Auge

Tante Lang

Hochzeit auf dem Mühlenhof

Lederwarenfabrik

Ich bleibe bei Omchen

Blaubeeren

Eine Herde schwarzer Schafe

Wahre Freundschaft

Umzug

Der Mühlenhof

Nachwort

Aller Anfang ist schwer

Das Blätterdach der alten Eiche über meinem Kopf wurde undicht. Ich fröstelte, wischte mir die Tränen ab, und ging zurück. Einige Fenster des großen Hauses waren erleuchtet. Unsere im ersten Stock waren und blieben auch dunkel, wir hatten keine Glühbirne, noch nicht einmal eine Fassung. In unserem Zimmer glänzte nur milde ein Kerzenstummel. Vermisst wurde ich noch nicht. Omchen und Mama waren damit beschäftigt, die Schlafstellen auf dem Fußboden herzurichten. Wir blieben erst einmal in dem kleinen Zimmer, das ein Waschbecken hatte, aber leider nur kaltes Wasser. Die Fensterwand war in 16 kleine Scheiben unterteilt, von denen sich nur vier öffnen ließen. Das andere Zimmer hatte drei Flügelfenster und kein Waschbecken. Zur Toilette (mit Wasserspülung im Haus, das war die einzige Verbesserung) und ins Badezimmer mit Sitzbadewanne ging es über den Flur. Überall war es kalt und ungemütlich. Frau Vehlow, eine Nachbarin, brachte uns heißen Blümchenkaffee und für meine Schwester und mich heiße Milch. Dankbar nahmen wir es an. Wir beide antworteten mit einem artigen Knicks, als sie nach unseren Namen fragte. Ein bisschen mitgebrachtes Brot und die Getränke waren die erste Mahlzeit im neuen "Heim". Dann krochen wir unter die Federbetten.

Schon früh am Morgen kam der Flüchtlingsbetreuer Pfuhl, ein kleiner, etwas kurzatmiger Mann mit einer Aktentasche. Er sagte uns, wo wir Bettgestelle aus dem EIBIA-Lager bekommen könnten und gab uns den Bewilligungsschein. Opa holte sie mit einem geliehenen Handwagen ab. Es waren zwei Bettgestelle aus Holz und eins aus Eisen, die wir im großen Zimmer aufstellten. Das Eisenbett sollte Opa für sich alleine haben. In den beiden Holzbetten, die gut aneinander passten, wollten wir vier schlafen. Beim Bauern Hogrefe in Cordingen, ganz in der Nähe, durften wir die Strohsäcke (aus Liensfeld) stopfen. Opa fragte auch gleich nach Arbeit. Es war gerade Kartoffelernte, da wurden viele Hände gebraucht. In der folgenden Woche sollten wir alle kommen.

Die Strohsäcke waren sehr dick, Opa meinte, mit der Zeit würden sie sich schon platt drücken. Der Flüchtlingsbetreuer besorgte uns noch einen kleinen Kanonenofen mit Rohr, vier Stühle und einen Hocker, so konnten wir alle sitzen. Die Kiste diente als Tisch, man konnte nur nicht die Füße drunterstellen. Opa schaffte Feuerung heran und heizte den Ofen an. Omchen zauberte etwas zu essen und Mama machte die Betten fertig. Fast waren wir komplett eingerichtet, bis auf eine Lampe, an die kam man nur mit Beziehungen heran. So ward aus Morgen und Abend der erste Tag.

Wir schliefen im neuen "Schlafzimmer" nicht ganz wie im Himmel, denn am nächsten Morgen waren wir vier mit Wanzenstichen reich verziert. Nur Opa nicht, in seinem Eisenbett konnten die "Viecher" sich nicht verkriechen. Omchen hatte wie immer ein radikales Mittel. Die Bettgestelle und Strohsäcke wurden runter auf den Hof geschleppt, das Holz mit kochendem Wasser abgeschrubbt, das Stroh verbrannt und die Säcke in heißes Wasser gesteckt. Zum Trocknen hingen wir sie über'n Zaun, die Holzteile lehnten wir schräg an. Der Bauer hat schön gelacht, als wir noch einmal zum Strohsackstopfen kamen. Die Kopf- und Fußenden der Bettgestelle blätterten nach dem Trocknen ab. Omchen konnte nicht wissen, dass Sperrholz "kein kochendes Wasser" verträgt. Opa hat es so hergerichtet, dass wir uns keinen Splitter einziehen konnten.

Zwei Tage nach unserer Ankunft meldeten wir uns bei der Gemeinde Benefeld im Nonnenhof an. Opa sollte wegen Arbeit in der nahen Holzindustrie Cordingen nachfragen, die ihn sicher einstellen würde. Das hörte Opa nicht gerne, er wollte lieber beim Bauern anfangen. Mama bekam eine Karte, damit musste sie nach Walsrode zum Arbeitsamt. Wie ich erwartet hatte, schickte mich der Bürgermeister zur Schule. Um es mir ein wenig schmackhafter zu machen, sagte er: "Es gibt auch in Kürze Schulspeisung." Also das war nun wirklich kein Anreiz für mich. Ein bisschen hatten wir uns im Haus schon umgesehen. Zwölf Familien und Einzelpersonen mit zehn Kindern im Alter zwischen drei und achtzehn Jahren, insgesamt 37 Personen bewohnten drei Etagen. Jede Partei hatte ein bis zwei Zimmer. Mit den Toiletten musste man sich einigen. Zu der bei uns gingen fünfzehn Erwachsene und zwei Kinder. Wenn man gerade so nötig musste, war's besetzt. Meine Schwester und ich führten dann, wie wir sagten, den "Pieseltanz" auf.

Neben uns wohnte eine Familie Succo mit zwei großen Mädchen, einem Jungen, der Peter hieß und etwa so alt war wie ich, und noch einem kleinen Mädchen, das Julchen genannt wurde. Mit dem Jungen zusammen bin ich zur Schule gegangen, die am Ende des Dorfes in einer Baracke des ehemaligen Steinlagers untergebracht war. In den anderen Baracken wohnten überall Flüchtlinge. Der Klassenraum war für vier Klassen, etwa 60 bis 70 Schüler, mit Sechser-Holzbänken bestellt. Die Klassen fünf bis acht waren in einem ähnlichen Raum untergebracht. Die großen Öfen wurden mit Holz und Brikett beheizt.

In unserer Klasse hing eine Wandkarte von Niedersachsen. Ich blieb an der Tür stehen, bis die Lehrerin Fräulein Loosch kam. Sie wies mir einen Platz neben Lilly zu. In der Stunde fragte mich die Lehrerin, ob ich das "Alphabet" schon könne, was ich verneinte. Ein anderer sagte das "A B C" auf. "Das hätte ich auch gewusst. In meiner Schule in Liensfeld sagten wir A B C dazu", beklagte ich mich. "Halt' den Mund, du bist nicht dran", herrschte sie mich an. Die anderen Kinder kicherten. Nach dem Unterricht wollte ich wieder mit Peter zurückgehen, aber der war verschwunden. Weil ich den Weg nicht kannte, habe ich mich verlaufen und fing an zu weinen. Eine Frau brachte mich ein Stück, bis ich allein weiter wusste. Zu Hause fragte ich Peter: "Warum bist du weggelaufen?" Er antwortete für mich niederschmetternd: "Ich gehe nicht mit Mädchen!" Immerhin waren wir schon im fortgeschrittenen Alter von neun Jahren.

Später wurden wir doch noch Freunde. Am folgenden Montag fuhr Mama mit dem Zug von Cordingen nach Walsrode. Das sind ungefähr zehn Kilometer. Die Fahrt kostete damals hin und zurück 70 Pfennig. Im Wartesaal des Arbeitsamtes lernte sie eine Frau aus dem Steinlager in unserem Ort kennen. Sie nähte und änderte Kleidung auch für Fremde, um etwas Geld zu verdienen, deshalb wurde sie "Schneidermarie" genannt. Die Schneidermarie war unsere erste Bekannte in der neuen Heimat, später ließen wir auch bei ihr nähen.

Opa stellte sich an dem Montag im Büro der Holzindustrie vor und wurde angenommen. Statt darüber froh zu sein, sagte er zu Omchen: "Mutte, Mutte, nu‘ müssen wir verhungern, jetzt muss ich inner Fabrik arbeiten." "Richtige Arbeit" verstand Opa so: Den ganzen Tag schuften, dass der Schweiß den Rücken ‘runterlief, um abends todmüde ins Bett zu fallen. Fabrikarbeit war nur "Rumstehen". Seine Auffassung änderte sich ein wenig, als er den ersten Lohn bekam.

Bei der Kartoffelernte beim Bauern sammelten meistens Frauen hinter dem Kartoffelroder auf Knien rutschend die Knollen in Körbe. Diese wurden dann von Männern auf bereitstehende Treckeranhänger ausgeleert. Meine Schwester und ich sammelten auch welche in Mamas oder Omchens Korb. Es blieben noch genug Kartoffeln liegen, diese durfte man nach Feierabend, ohne zu bezahlen, "stoppeln" (für sich einsammeln). Um recht viele zu finden, musste man mit dem Krätzer ein wenig in der Erde scharren. So verdienten wir unsere Einkellerungskartoffeln.

Der Mühlenhof

Eine Familie Kannengießer erbaute dieses herrschaftliche Fachwerk-Gutshaus für sich und ihre Gäste im Jahr 1901. Es hatte zwei Stockwerke und die Form wie ein T. Alle Räume waren mit Zentralheizung und fließend Kalt- und Warmwasser ausgestattet. Die Doppelzimmer hatten ein Bad mit Toilette, in den Einzelzimmern waren nur Waschbecken. Zum Bad und WC musste man über den Flur. Es hatte drei große, schwere Haustüren und zweiflügelige Fenster mit Oberlicht. Hinter dem Haus war ein schöner Park mit einer gepflegten Rasenfläche. Rundherum standen sehr alte Bäume wie Linden, Ahorn, Buchen und Rotbuchen, Rot- und Weißdorn, Eiben, Rhododendren und verschiedene Sträucher. Der Park grenzte an einen Mischwald und eine Wiese, die bis an das Flüsschen Warnau reichte. Vom nahen Bahnhof konnte man nachts die schwerbeladenen Kohlenzüge aus dem Ruhrgebiet herandonnern hören, die zur Firma Wolff und Co. auf eigenem Gleis zum Werk rollten. Der ganze Berg bebte ein wenig und die Fensterscheiben klirrten leise.

Zu dem Haus gehörte ein Wirtschaftsgebäude mit Pferde- und Schweineboxen, Stellplätzen für Kutschen, drei Garagen, einer Waschküche und drei Zimmern, damals wohl für die Bediensteten. Auch hier waren Flüchtlinge untergebracht. In einem Zimmer wohnte ein älterer Mann und in den beiden anderen eine Familie mit zwei Mädchen, die so alt waren wie meine Schwester und ich. Hinter dem Wirtschaftsgebäude war ein Speicher mit Keller, in dem alle Bewohner ihre wenigen Vorräte aufbewahrten.

Vor dem Haupteingang war eine runde Rasenfläche, um die ein fester Weg führte. Schräg gegenüber war eine Wassermühle mit zwei Teichen, an denen hohe Kastanien wuchsen. Durch den einen Teich floss die Warnau. Das Müllerhaus war auch von alten Eichen und Kastanien umrahmt. Einige von den damals schon alten Bäumen stehen heute noch.

Schade, der Krieg hinterließ hier, wenn auch nur indirekt, seine Spuren. Dieses schöne Herrenhaus war bis unters Dach mit Flüchtlingen vollgestopft. Zwei Zimmer für Familien mit fünf oder sechs Personen war weniger als behelfsmäßig. Nach und nach wurden die Heizkörper entfernt, um "mehr" Platz zu haben, zumal die Zentralheizung sowieso nicht mehr funktionierte. Jeder schloss einen Ofen an, manchmal musste man mit dem Rohr durch den Nachbarraum zum Kamin. Wenn es nicht anders ging, wurde die Scheibe aus dem Oberlicht herausgenommen und ein Blech mit Loch für das Ofenrohr genagelt. Heute wäre das bautechnisch verboten. Aber damals? Es hat niemals gebrannt, obwohl alles sehr primitiv war.

Man muss sich zu helfen wissen

Nach kurzer Zeit hatten wir uns mit allen Nachbarn bekannt gemacht, sie waren fast alle aus Pommern. Man hatte sich viel zu erzählen, schließlich hatten alle die gleichen Probleme. Bei so vielen Menschen auf engstem Raum muss einfach Ordnung sein. Da war zunächst einmal die Hausordnung, darin war geregelt, wer wann den Flur oben, die Toilette, die Treppe, den Flur unten und die Stufen draußen putzen musste. Ebenso gab es einen genauen Plan, wer wann und wie lange die Waschküche benutzen durfte. Trotzdem gab es hier die meisten Streitereien, wenn einer nicht rechtzeitig fertig war oder nicht alles sauber gemacht hatte. Es ging meistens um nichts, die Nerven lagen eben blank, bei dem geringsten Anlass öffnete sich das Ventil. Aber sonst haben sich alle gut vertragen.

Unser erster Krach kam mit der Stromabrechnung ins Haus. Wir sollten fünfzehn Mark für Strom bezahlen, obwohl wir kein einziges Elektrogerät hatten, nicht einmal elektrisches Licht. Für das ganze Haus war nur ein einziger Zähler vorhanden. Der Stromverbrauch wurde durch die Haushalte anteilsmäßig errechnet, und wir waren eben auch dabei. Es half kein lamentieren, wir mussten bezahlen. Der eine oder andere fand es ja nicht gerecht, aber keiner hat uns das Geld zurückgegeben.

Von irgendwoher bekamen wir einen Küchenherd, den wir im größeren Zimmer anschlossen. Mit den Betten zogen wir in das kleine Zimmer, die dort gerade hineinpassten. Opa hatte im Büro der Holzindustrie Bretter für einen Tisch gekauft, das Geld wurde gleich vom Lohn abgezogen. Jeden Tag brachte er so viele Teile mit, wie er tragen konnte. Die Tischplatte leimte Opa mit viel Geduld aus sechs schmalen Brettern zusammen, dadurch war die Platte nicht ganz glatt. Dieser kleine Fehler wurde mit Wachstuch zugedeckt und rundherum eine Leiste am Rand angenagelt. Wir hatten einen wunderbaren Tisch, sogar mit Schieblade für's Besteck.

Der Tisch und diese Schieblade haben mir einmal aus einer misslichen Lage geholfen. Omchen und Opa hatten später ein Zimmer für sich allein. Damit ich bei den Schularbeiten mehr Ruhe hatte, machte ich sie in ihrem Zimmer an dem Tisch. Neben den Schulsachen hatte ich auch einen Lore-Roman mitgenommen und las darin. Es war so spannend, dass ich die Schritte auf dem Flur nicht hörte. Plötzlich standen Mama, O.W. und Omchen im Zimmer. Ich konnte gerade noch den Roman unter den Tisch halten. Aber wohin damit? O.W. fragte auch schon: "Warum hältst du den Arm so unter'm Tisch?" In meiner Angst hatte ich mit dem Heft den Spalt zwischen Schieblade und Tischplatte gefunden und steckte es hinein. Lächelnd hob ich die Hand hoch: "Ich hab nichts, ich sitz' manchmal so." Meine Angst war noch nicht vorbei, wenn Omchen die Schieblade aufgezogen hätte, wäre der Roman doch noch entdeckt worden. Sie hat aber nicht! Mama und O.W. gingen wieder und mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Omchen war meine Verbündete, ich zeigte ihr mein Versteck. Erleichtert sagte sie: "Da haben wir beide noch mal Glück gehabt." Heute besitze ich diesen Tisch und werde ihn immer in Ehren halten.

Zu drei Mark das Stück kauften wir beim Kaufmann Apfelsinenkisten mit Voranmeldung, denn sie waren sehr begehrt. Daraus bauten wir uns herrliche "Jaffa-Möbel". Neben- oder übereinandergestellt mit einem Vorhang waren sie eine Zierde für jede Wohnung. Auch als Nachtschränkchen eigneten sie sich hervorragend.

Aus Windelmull, den Mama in Walsrode kaufte, nähte uns die Schneidermarie wunderschöne Gardinen mit Rüschen, Opa besorgte bei der Firma die Gardinenbretter. Als alles angebracht war, war es bei uns so gemütlich wie in einer Puppenstube. Warm hatten wir es immer, Opa ließ das Feuer nicht ausgehen, denn draußen war es schon kalt.

Die Kinder sammelten überall Eicheln, Kastanien oder Bucheckern. Wenn ich meine Schularbeiten fertig hatte, gingen meine Schwester und ich mit zwei Blechdosen und einem Zentnersack auch zum Eicheln Sammeln. Der Weg war nicht weit, um das Haus herum standen ja viele Bäume. Wer seine Dose voll hatte, leerte sie im Sack aus. Wir eiferten manchmal um die Wette, wer es eher schaffte. Meine Schwester holte Opa, wenn der Sack gut gefüllt war. Ich blieb meistens dabei stehen, damit wollten wir vermeiden, dass er uns geklaut wurde. Sicher hätte ich es nicht verhindern können, aber gesehen, wer's war. Opa band den Sack zu und trug ihn auf seinen Schultern nach Hause.

Am Wochenende lieferten wir das Ergebnis bei Onkel Lang ab. Der hatte den hinteren Teil des Wirtschaftsgebäudes gemietet. Dort waren auch sein Pferd und sein Dreirad-Auto untergebracht. In seiner Heimat im Erzgebirge war er Förster, hier betrieb er mit seinem Sohn eine kleine Holzhandlung. Sie rodeten im Wald Stubben und brachten sie mit dem Pferdewagen nach Hause. Auf der Kreissäge wurden sie zersägt, dann gehackt. Mit dem Dreirad-Auto fuhren sie das ofenfertige Holz zu ihren Kunden.

Als ehemaliger Förster half er dem hiesigen ein wenig und nahm das Sammelgut an, dass in den Schweineboxen gelagert wurde. Für einen Zentner Eicheln gab es drei Mark, für einen Zentner Kastanien fünf Mark und für ein Kilo Bucheckern gab es auch fünf Mark. Bucheckern sammeln war ein sehr mühseliges Geschäft. Wenn es dabei auch noch nieselte, waren die Hände so kalt und steif, dass man die kleinen Bucheckern gar nicht mehr festhalten konnte.

Aus Eicheln und Kastanien bastelten wir beide uns kleine Püppchen. Zum Liebhaben waren sie zu klein, trotzdem spielten wir sehr schön mit ihnen. Im Zimmer wurden sie schnell schrumpelig, dann machten wir uns neue, wir hatten ja kein anderes Spielzeug.

Der Nonnenwald und O.W.

Jedes Wochenende war im Nonnenwald Tanz. Die Kapelle von damals gibt es heute noch mit dem Namen, natürlich mit anderen Musikern. Während des Krieges bekamen die Gefangenen, die im Steinlager untergebracht waren, im Nonnenwaldsaal ihr Essen. Die Gefangenen mussten alle in der EIBIA, dem Gelände der Pulverfabrik, arbeiten.

Mama ging mit jungen Leuten vom Mühlenhof dorthin, denn sie tanzte für ihr Leben gern. Dort traf sie auch unseren späteren Stiefvater, den ich O.W. nenne. Zunächst war diese Begegnung für Mama sehr schmerzhaft. Im Schwung des Tanzes trat er ihr so heftig auf den großen Zeh, dass der Knochen brach. Damit war die Verbindung für einige Zeit unterbrochen, sie haben sich aber wiedergefunden. Im November besorgte O.W. uns aus der EIBIA, wo er beschäftigt war, eine Fassung mit einer Glühbirne. Er schloss sie auch an, denn Opa hatte davon keine Ahnung. Als das Licht brannte, sagte Opa mit Tränen in den Augen: "Endlich Licht!" Dabei nahm er O.W. ganz fest in seine Arme.