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Für alle LeserInnen von Alex Capus’ »Reisen im Licht der Sterne« und Pascal Merciers »Nachtzug nach Lissabon«.
Gleißendes Licht und tanzende Farben im rosafarbenen Sand. Ein blauer Himmel, der in der türkisblauen Weite des Meeres zerfließt, und weißstrahlende, vom Wind ausgehölte Felsen. Als der junge Mann aufwacht, weiß er nicht mehr, wer er ist oder wie er an diesen Südseestrand gelangte. Die Eingeborenen nennen ihn Mauke Nuhar, Lächelnder Rücken, nach der Wunde, die er auf dem Rücken trägt. Das Einzige, was das Meer ihm gelassen hat, ist ein Gedichtband von Dylan Thomas, dem walisischen Nationaldichter. Langsam werden Bilder einer Frau in ihm wach, und mit ihnen ein Gefühl, das ihn erdet und ihn am Leben hält. Er weiß, er muss sie suchen, um sich selbst zu finden. Es wird die ebenso spannende wie berührende Suche nach seinem Leben und seiner einzig wahren, großen Liebe.
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Seitenzahl: 736
Veröffentlichungsjahr: 2014
FRANCESCO ZINGONI
UNTER DENSTERNEN
Roman
Aus dem Italienischen vonVerena von Koskull
Zur Erinnerung daran, dass diese Reise vor nunmehr sechs Jahren unter einem anderen Titel begann:
Demian Sideheart
Für Chiara
Ich habe die dreizehn Meere durchstreift,
bis zu den Pforten von Llandbyyrd
Ich bin nur ein Kind,
doch aus meiner klaffenden Brust
quellen riesige Strände aus Licht,
aus meinem stirnmittigen Auge
Klippengebirge und Dünen, minarettbekrönte Städte,
Sonnen und Monde
Hingestreckt auf dem kochenden Sand
folge ich einem Adler mit geschlossenen Augen
frage Gott, warum er mich drängt
neben der seinen andere Welten zu schaffen
Es war einmal ein geheimer Strand. Wie gern hätte ich diese Geschichte so begonnen, glaub mir. Doch leider hat das, was jetzt kommt, nichts mit einem Märchen zu tun. Ich kann dir nicht einmal ein Happy End versprechen. Natürlich mag man die eine oder andere Wendung für reine Phantasie halten. Doch handelt es sich um eine wahre Geschichte. Genauer gesagt, um meine. Nein, kein Märchen.
Der geheime Strand. Den Namen hatten wir erfunden. Wie alle Verliebten gaben wir den Dingen neue Namen. In Wirklichkeit war es bloß eine winzige, auf keiner Seekarte verzeichnete Insel. Unterwegs mit dem Segelboot in diesen riesigen Wasserweiten musste man schon zufällig darauf stoßen.
Wir wussten nur, dass die Pazifikvölker sie Poy’Atewa, »rosa Perle«, nannten. Für sie war sie eine Art heiliger Ort. Wir dachten, es hätte vielleicht etwas mit einer primitiven religiösen Furcht zu tun, dass sie auf keiner Karte zu finden ist. Oder damit, dass es sich angeblich um kaum mehr als einen Ring aus rosa Sand irgendwo im Ozean handelt. Niemand verriet die exakten Koordinaten, und wenn darüber geredet wurde, dann nur flüsternd, mit verstohlenen Blicken, gefolgt von hartnäckigem Schweigen.
Ein Juwel an der Meeresoberfläche, irgendwo im einsamen Ozean. Das letzte Tor zu Awu’kumea, dem Paradies auf Erden.
So sagte man. Und ich will nicht verhehlen, wie unwiderstehlich verlockend ein solcher Ort für uns war. Doch dann ließen wir davon ab: Wir machten Ferien, die Suche nach unbekannten Ufern gehörte nicht zu den Nervenkitzeln, die wir uns vorgenommen hatten, und traumhafte, gut ausgewiesene Segelziele gab es genug. Garantiert war es nur eine der zahllosen Legenden, die man den Fremden auf die Nase band, eine clevere Anekdote, um Touristen und Träumer einzuwickeln.
Doch wir irrten uns. Den geheimen Strand gab es wirklich.
Durch eine Laune des Zufalls oder eine Fügung des Schicksals fanden wir ihn schließlich, ohne es überhaupt zu wollen.
Jetzt sind wir dort.
Vielleicht verschollen, ich weiß es nicht mehr. Seit wir dort sind, ist mir, als träumte ich mit offenen Augen. Oder als träumte ich einen längst vergessenen Traum aus frühester Kindheit.
Da sind nur blendendes Licht und leuchtende Farbflecke. Farben, die alle anderen Sinne betäuben.
Das Rosa des Sandes. Das Blau des Himmels, das im Türkis des Meeres zerfließt. Die weißstrahlenden, kreisförmig angeordneten Felsen, ausgehöhlt vom Wind und in zauberhafte Bögen verwandelt. Überall flirren Punkte, zwischen sandbeperlten Wimpern gebrochenes Sonnenlicht.
Und dann bist da natürlich du.
Ausgestreckt im glühenden Sand, neben mir. Du bist die freudestrahlende Quelle dieses Lichts. Der Grund, weshalb ich hier bin, weshalb ich solch ein reines, kindliches, unbändiges Glück empfinde.
Es ist so plötzlich passiert. Ein unverhofftes Geschenk, als ich es am nötigsten brauchte. Ich fahre mir mit der Zunge über die Lippen und schmecke den süßen Geschmack des Salzes. Ein Buch in meinen Händen.
Mein einziger Wunsch ist, die Zeit anzuhalten, so zu sein, mit dir, bis ans Ende aller Tage.
Dann explodiert die Sonne.
Die Luft wird schwarz und reißt entzwei.
Es kreischen die Vögel im Himmel
und die Fische im Meer.
Die Wolken und die Sterne stürzen nieder
und werden Schatten. Werden Wasser.
Nichts atmet mehr.
Nichts ist mehr.
Sechs Monate später.
Kaum hatte ich ihr alles bis ins Detail erzählt, bereute ich es schon. Mit ironisch hochgezogener Braue und einem ungläubigen, fast mitleidigen Lächeln saß die schneeweiß bekittelte Doktor Caerdydd hinter ihrem weißen Schreibtisch und sah mich an.
Ich Trottel! Ich Trottel!, dachte ich und biss mir auf die Lippen. Ich hätte ihr nur das erzählen sollen, was ich mir zurechtgelegt hatte. Kein Wort mehr.
Doch der teilnehmende Blick der jungen Ärztin hätte selbst einen Stein zum Reden gebracht. Und bei allem, was ich durchgemacht hatte, hatte ich am Ende nicht widerstehen können. Erst jetzt wurde mir klar, was diese großen blauen Augen in Wirklichkeit waren: zwei fühllose Lote, die ihre Messungen abgeschlossen hatten.
»Du musst zugeben – ich darf dich doch duzen, oder? –, dass deine Geschichte ziemlich unglaublich klingt.«
Ich verkrampfte noch mehr. Gleich unterdrückte die Ärztin ihr Misstrauen und kehrte zu ihrer Strategie zurück. Wie ein neugieriges Mädchen lächelte sie mich mit ihren großen Augen in dem sommersprossigen, runden, von blonden Locken umrahmten Gesicht an.
»Aber eines kann ich dir versichern. Es bestand nie die Gefahr, dass du wirklich wahnsinnig wirst. Ich will damit sagen, alles, was du durchgemacht hast, was auch immer es gewesen ist, dürfte keine psychischen Schäden hinterlassen haben. Zumindest keine bleibenden.«
Das glaub ich gern, Psychoziege, dachte ich grimmig. Mir geht’s blendend.
Die Ärztin griff nach ihrer Brille und reckte die Schultern. Sie hatte lange zugehört, nun war sie mit Reden und Erklären dran. Offensichtlich mochte sie diesen Teil ihrer Arbeit besonders.
»Was du mir geschildert hast, sind recht typische Symptome für eine sogenannte radikale posttraumatische Amnesie.«
Sie hielt inne, ließ den Begriff theatralisch nachklingen, und schon hing ich an ihren Lippen.
»Einige Traumata sind so heftig, dass sie selbst die tiefsten Schichten des Gedächtnisses ausknipsen«, fuhr sie fort. »Das kann so weit gehen, dass man die eigene Sprache vergisst. Man kann sich an kein Wort mehr erinnern, nicht an das kleinste.«
Ganz genau. Red weiter, dachte ich und nickte.
»In solchen Fällen wird es unmöglich, richtig zu sprechen oder gar zu denken. Die unartikulierbaren Gedanken werden zu einer willkürlichen Kette von Impulsen, zu blind durchs Hirn zuckenden, abstrakten Empfindungen. Das sogenannte Steinberg-Syndrom. Ein psychischer Extremzustand, der als Wahnsinn wahrgenommen werden kann. Doch das ist er nicht. Normalerweise erholt sich das Sprachgedächtnis recht schnell, und man erlangt seine mentalen Fähigkeiten vollständig wieder. Der Prozess ist allerdings nicht ohne: Häufig durchlebt man einen Zustand der Verwirrung, der einen glauben lässt, etwas erlebt zu haben« – die Ärztin betonte jedes Wort –, »was sich in Wirklichkeit nur im Kopf abgespielt hat.«
Sie lächelte zufrieden. Jetzt hatte sie mir die wissenschaftliche Theorie vorgesetzt, die ihre These zweifelsfrei belegte: Meine Schilderung, meine Version der Fakten, beruhte im Wesentlichen auf der Einbildung eines vernebelten Gehirns. Schweigend und mit einem unausstehlichen Pseudolächeln erwartete sie meine Reaktion. Aber ich hatte nicht mehr die Kraft, dem etwas entgegenzusetzen.
Die Ärztin irrte sich. Zwar trafen die Symptome zu, ich hatte das Gedächtnis verloren und dann wiedererlangt, allerdings nicht vollständig: Auch weiterhin konnte ich mich nicht an die Zeit vor der Amnesie erinnern, und vor allem hatte ich keine Ahnung, welches Trauma sie ausgelöst hatte. Doch erstens hatte ich mir weder etwas ausgedacht, noch meinte ich, jemals den Realitätssinn verloren zu haben. Und zweitens machte es sich die Ärztin einfach, ich war tatsächlich nur einen Schritt vom Abgrund des Wahnsinns entfernt gewesen. Das wusste ich sehr gut, besser als sie, schließlich hatte ich es durchlitten. Und weder die medizinische Wissenschaft noch ihre psychiatrischen Theorien hatten mir helfen können.
Nein, die Rettung war von weiter her gekommen. Eine Hand, die sich mir entgegenstreckte, Zeichen, denen ich trotz der Angst und des Schmerzes folgen musste, Erinnerungen, die nach und nach wieder aufblinkten.
Dann war da sie. Sie, die mich rätselhafterweise bis dorthin gebracht hatte. Sie, der einzige Grund, weshalb ich alles auf mich genommen hatte. Und jetzt, da ich nach all dem Leid erkannt oder vielmehr wiedererkannt hatte, wer sie war, sollte ich sie endlich treffen. Zumindest hoffte ich das inständig.
Um es mit einem Wort zu sagen, die Rettung war durch die Liebe gekommen. So missbraucht und sinnentleert dieses Wort sein mag, ich könnte es nicht anders sagen. Der Liebe hatte ich es zu verdanken, dass ich überlebt, meinen Namen und mein Gesicht zurückerhalten hatte. Noch fehlte das Wichtigste: das Wiedersehen mit dem Quell dieser Liebe, mit Ursache und Wirkung, mit ihr. Und damit die Enthüllung des großen Rätsels, das der Träume.
Bald wäre alles geklärt, selbst der letzte Schattenbalken auf meiner Vergangenheit.
In einem Punkt allerdings hatte die Ärztin recht: Meine Geschichte war unglaublich. Doch das änderte nichts daran, dass alles genauso gewesen war. Nun, da die Mosaiksteinchen an ihren Platz rückten, hatte ich die Gewissheit, diese Tage tatsächlich erlebt zu haben. Ich hatte nicht bloß geträumt. Sie gehörten zu meiner Vergangenheit.
Jetzt wartete meine Geschichte nur noch auf ihr Happy End, auf die ultimative Krönung, die Liebe.
Bald schon würde ich sie wiedersehen. Ich ersehnte es mehr als alles andere. Ich ersehnte es so sehr, dass ich von vornherein die Möglichkeit ausschloss, es könnte nicht geschehen.
Doch so sehr ich die Angst auch in Schach hielt, sie wartete auf mich, grausam und geduldig.
Hinter mir das Abenteuer eines Mannes ohne Erinnerung, verschollen an den Grenzen der Welt. Ein Abgrund, der sich geschlossen hatte.
Vor mir tat sich jetzt, noch unsichtbar, eine ganz andere Schlucht auf – sie hatte sich nicht geschlossen, sondern nur die Form geändert. Noch immer erwartete sie mich, noch immer verlangte sie nach mir.
I WIE EINE WIEDERGEBURT
1 Erwachen
Wir liegen bei Seesand, schauen Gelb
Ein Sonnenstrahl durchdrang seine geschlossenen Lider.
Und die ernste See, verhöhnen die Spötter,
Seine Ohren nahmen das Rauschen der Meeresbrandung wahr.
Die den roten Strömen folgen, wölben
Nische der Worte aus Zikadenschatten.
Mit größter Mühe öffnete der Mann die Augen. Das Salz hatte ihm die Wimpern verkrustet und die Lider verklebt. Er reckte den Hals und versuchte, seine Umgebung zu erfassen. Er lag in einer kargen Hütte. Die Wände aus Schilfrohr, das Dach aus trockenem Laubwerk: ein von feinen Lichtstrahlen durchsickerter Kegel. Ein wehender Vorhang, hinter dem ein Stück schneeweißer Sandstrand hervorblitzte, und ein paar Meter weiter die trägen Wellen, die fast bis an die Schwelle krochen.
Er versuchte sich aufzusetzen. Ein stechender Schmerz im Rücken ließ ihn auf sein Lager zurückfallen, mit dem Gesicht in den groben Strohsack, auf dem er geschlafen hatte. Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und schmeckte die Salzkristalle, die sich in der Nacht auf seinem Körper abgelagert hatten.
Wieder versuchte er hochzukommen, diesmal langsamer. Mit zusammengebissenen Zähnen, um den Schmerz zu ertragen, richtete er sich auf. Auf dem mit Matten ausgelegten Boden standen Körbe mit Früchten und seltsame Statuetten. Er konnte sich nicht erinnern, sie am Abend vorher gesehen zu haben: Während der Nacht musste jemand in die Hütte gekommen sein. Jetzt bemerkte er auch den Spiegel, der an der Wand lehnte. Nach langem Zögern blickte er hinein. Zwischen den Blindflecken hindurch sah er sich selbst, das strohige Haar und den verfilzten Bart, die sonnengedörrte, zerschürfte Haut, die hervortretenden Rippen und Schlüsselbeine. Er mochte dreißig, vielleicht fünfunddreißig Jahre alt sein, schwer zu sagen in diesem Zustand. Ein grauer Pareo war um seine Hüften geschlungen. Andächtig wanderte sein Blick über das eigene Spiegelbild und blieb hier und da hängen. Dann traf er seine Augen, verstört und grün. Sie erschienen ihm riesig und verloren in den knochigen Augenhöhlen. Er blickte sie an, Auge in Auge mit sich selbst. Minutenlang saß er so da, dumpf und reglos. Sein Blick gehörte einem Unbekannten. Dieses Bild bot keine Erkenntnis, keine Erinnerungen, keinen Halt für sein leeres Hirn.
Schaudernd presste er die Lider zusammen und kauerte sich auf die Knie. Die Fäuste fuhren an die Schläfen, dann lösten sie sich und glitten schützend vors Gesicht.
Was war mit ihm geschehen? Seit wie vielen Tagen war er dort?
Er hatte das Gedächtnis verloren.
Nicht nur das: Er hatte auch die Worte verloren. Die Erinnerung an seine Sprache.
Ohne den Filter der Worte stürzte die Wirklichkeit in konfusen Bildern, mit zuckenden, angstgeladenen Blitzen auf ihn ein, die ihn bis hin zu physischem Schmerz bedrängten und verwirrten.
Er brauchte Worte, um seine Wahrnehmung zu ordnen und ihr einen Sinn zu geben. Er konnte es nicht mehr. Er konnte nicht mehr denken.
Er war wie ein wenige Monate altes Kind, für den die ganze Welt rein und ohne Namen ist. Er war Adam im Paradies. Es mochte als Gnade erscheinen, doch es war alles andere als das: Trotz der totalen Amnesie empfand er das vage Echo einer verlorenen Vergangenheit. Tränen rannen ihm über die Wangen.
Vielleicht werde ich wahnsinnig.
Er dachte diese Worte nicht, sondern fühlte zitternd ihren emotionalen Wert. Lange hockte er mit geschlossenen Augen da, den Kopf zwischen den Fäusten verborgen, und wartete darauf, dass sich der trübe Strudel auf den Grund seines Verstandes absetzte und einer Klarheit wich, in der er atmen konnte.
Ein Schatten fiel über ihn. Im Gegenlicht des Hütteneingangs stand ein Mann und lächelte ihn an. Sofort erkannte er das Gesicht wieder. Es war das erste Bild gewesen, auf das sein Blick in seinem neuen, erinnerungslosen Leben gefallen war. Er spürte, dass dieser Mann ihn vor einer ernsten Gefahr, vielleicht vor dem Tod gerettet hatte.
Horu.
Dieser Name echote durch sein Hirn. Er versuchte ihn auszusprechen, doch seine Stimmbänder versagten.
Horu trat näher und musterte ihn wie ein gewissenhafter Arzt seinen Patienten. Selbst als er seinen verängstigten Blick traf, blieb sein Lächeln unverändert.
»Mauke Nuha!«
Horus tiefe Stimme rief ihn. Wie ertappt fuhr er zusammen.
Mauke Nuha, dachte er stumm. Das war sein neuer Name. So hatte man ihn nach seinem Erwachen genannt. Obwohl er spürte, dass dies nicht sein wirklicher Name war, musste er sich fürs Erste damit zufriedengeben. Mauke Nuha. Schon bald würde er die Bedeutung dieser beiden Worte erfahren.
Horu setzte sich neben ihn und fing an, behutsam auf ihn einzureden. Seine Gesten brachten die aus Muscheln gemachten Ketten und Armbänder zum Klimpern. Seine Stimme war melodiös und angenehm, doch seine Worte waren für Mauke Nuha Geräusche ohne Bedeutung. Zwar konnte er sich an seine eigene Sprache nicht erinnern, doch wie bei seinem Namen ließ irgendetwas ihn ahnen, dass dies nicht die Sprache war, die der Gedächtnisverlust aus seinem Kopf gelöscht hatte.
Da er nichts verstand, beschränkte er sich aufs Beobachten. Horu war zwei Handbreit kleiner als er, hatte dunkle Haut, einen gedrungenen Körper und strahlte trotz des fortgeschrittenen Alters etwas Kraftvolles aus. Zahllose feine Falten furchten sein rundes Gesicht. Mund und Nase waren groß und fleischig, das Haar war schwarz und dicht, die länglichen Augen, die aussahen wie zwei dunkle Fenster, waren ebenfalls tiefschwarz.
Als er merkte, dass seine Worte ins Leere gingen, verstummte Horu. Er beugte sich über eine Kiste und holte einen Stapel Bücher hervor. Er nahm eines, setzte sich wieder und fing an, langsam darin zu blättern. Mauke Nuhas Blick folgte den Bewegungen der Seiten und blieb hier und da an Texten und Bildern hängen. Seit der junge Mann auf der Insel war, hatte sich Horu jeden Tag etwas einfallen lassen, um ihm zu seiner Erinnerung zurückzuverhelfen. Erfolglos.
So verbrachten sie mehrere Stunden und gingen die Büchersammlung durch, an die Horu irgendwie gekommen war. Mauke Nuha blieb ungerührt, für ihn waren Worte unentzifferbare Zeichen, die Abbildungen und verblichenen Fotos ohne jeden Sinn. Auch dieser Versuch war gescheitert. Dennoch hörte Horu nicht auf zu lächeln, er war ein sehr geduldiger Mann, der nie den Mut verlor.
Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedete er sich von Mauke Nuha und ging zur Tür. Ein plötzlicher Einfall ließ ihn innehalten. Er winkte Mauke Nuha, ihm zu folgen, dann trat er aus der Hütte und verschwand im blendenden Morgenlicht.
Das von Wasser und Sand zurückgeworfene Licht war so stark, dass die Augen einige Minuten brauchten, bis sie die Schönheit des Ortes erfassen konnten. Das Erste, was Mauke Nuha sah, war der weiße Strand, an dem die Hütte stand: geformt wie ein Bumerang, erstreckte er sich kilometerlang und umfing eine ruhige Bucht, strahlend blau wie der Himmel. Hinter der Hütte stieß das Hellweiß des Sandes an das schattige Grün eines Dickichts aus Palmen und seltsamem Strauchwerk mit wehenden Luftwurzeln. Weiter hinten stieg das Gelände an und gipfelte in perlfarbenen, von der Phantasie des Windes geformten Felsnadeln. Jenseits der Lagune schlug das dunkelblaue, von weißem Schaum gesträhnte Meer seine Wellen gegen das Korallenriff, das ab und zu aus dem Wasser blitzte und die Insel mit seinem Halbrund schützte.
Lange stand Mauke Nuha da und gab sich reglos diesem Anblick hin. Sein Sinn für Schönheit war mit der Amnesie nicht verschwunden, und er verspürte ein flüchtiges Gefühl der Erleichterung. Licht und Farben hatten die Ahnung eines Wunsches in ihm geweckt, der darauf wartete, entdeckt zu werden. Der Hauch einer Hoffnung, die sich für kaum mehr als einen Wimpernschlag festhalten ließ.
Langsam stapfte er hinter Horu her, einen Schritt nach dem anderen. Am Strand und zwischen dem Grün drängten sich zahlreiche andere Hütten zu einem kleinen Dorf zusammen. Dutzende von Menschen, die Horu ähnelten, gingen ihrer täglichen Arbeit nach. Im Wasser tummelten sich die Kinder, deren helles Lachen die Meeresbrise davontrug. Ein paar Männer am Ufer schleppten primitive Netze hinter sich her, andere reparierten ihre Boote, lange Kanus, die sie auf den Strand gezogen hatten. Eine Gruppe Frauen bestückte ein Netz aus zwischen den Hütten gespannten Schnüren mit großen Blättern. Ihr Singsang erfüllte die Luft.
Als er vorbeiging, hielten alle inne und blickten ihn an. Manche grüßten ihn mit breitem Lächeln, andere mit bekümmerten oder mitleidvollen Blicken. Die Kinder ruderten mit den Armen und riefen:
»Mauke Nuha! Mauke Nuha!«
Ohne eine Reaktion ging er weiter, verbarg das Gesicht in den Händen und versuchte die Augen möglichst geschlossen zu halten. Sein fragiles inneres Gleichgewicht konnte all diese Stimmen, Gesichter und Farben kaum ertragen. Sie bescherten ihm eine Art Schwindel und Übelkeit.
Die beiden Männer erreichten eine stattliche, von vier Palmen beschattete Hütte: das Haus von Horu, dem Häuptling der Insel. Darin stapelten sich die unterschiedlichsten und unmöglichsten Gegenstände, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, dass sie von der Sonne ausgeblichen und mit einer Salzkruste bedeckt waren. Ein uraltes, augenscheinlich kaputtes Radio hatte einen Ehrenplatz auf einem Bambusregal. Daneben, durch eine Glasscheibe geschützt, prangte eine große Weltkarte. Horu schob ihn davor.
Erinnerst du dich, woher du kommst?, fragte ihn sein Blick. Lange betrachtete Mauke Nuha die Karte. Mit den Augen zeichnete er die farbigen Formen nach, die die Physiognomie der Erde beschrieben, doch in seinem Kopf herrschte regloses Dunkel. Horu wartete geduldig, dann lachte er laut los und umarmte ihn, als wollte er ihn trösten. Er deutete auf seine Füße und dann auf die Weltkarte, mitten auf den größten blauen Fleck. Er wiederholte die Geste etliche Male und lachte dabei weiter. Verstehst du? Wir befinden uns auf einer Insel inmitten des Pazifischen Ozeans, umgeben von Tausenden Kilometern Wasser.
Glücklicherweise konnte Mauke Nuha das nicht verstehen.
Und so wurde der Mann ohne Erinnerung mit einer herzlichen Umarmung aus Horus Hütte entlassen. Er würde diesen Tag verbringen wie den Tag zuvor und wie alle vorhergehenden: Er würde sich möglichst weit vom Dorf und seinen Bewohnern entfernen und sich auf die felsige und unbewohnte Seite der Insel flüchten. Sein Zustand verlangte nach Einsamkeit und Stille.
Er wanderte den ganzen langen Strand nach Osten hinunter und umging die dichte Vegetation und die kleine gebirgige Felsenkette, die das Rückgrat der Insel bildete. Die hohe Küste auf der anderen Seite fiel schroff zum Meer hin ab und bildete zahllose teils steile, teils sanftere Buchten mit sandigen Schluchten und kleinen Grotten.
Dort setzte er sich hin, ließ reglos die Stunden verstreichen und starrte auf das glitzernde Wasser. Nur in diesen Momenten kam seine Seele zur Ruhe und versank in einem trüben Nichts, die Sinne stumpf, für Durst und Hunger unempfindlich. Selbst der ständige Rückenschmerz hörte auf, ihn zu quälen. Die im Wind rauschenden Palmen schienen ihn zu beobachten, sich zu ihm zu beugen und ihn zu fragen: Wer bist du? Was machst du hier? Vielleicht wollten sie ihn vor der Gefahr warnen: Eine dichte Blase aus Finsternis drohte ihm die Luft abzudrücken. Dieser friedliche, taube Dämmerzustand barg einen Abgrund ohne Wiederkehr, von dem er nur einen Schritt entfernt war.
Kurz vor Sonnenuntergang kehrte Mauke Nuha ins Dorf zurück. Nur die Dunkelheit ließ ihn Gesellschaft suchen. Sie machte ihm Angst wie einem Kind.
Die Nacht sank herab. Wieder lag er stumm und benommen vor seiner Hütte und starrte in den schwarzen Himmel. Wie lange war er schon hier? Tage? Monate vielleicht? Er hatte völlig das Zeitgefühl verloren. Und würde es jetzt für immer so sein?
In Wirklichkeit waren seit seinem Erwachen zwei Wochen vergangen. Die Tage hatten sich vollkommen gleich aneinandergereiht und ihn Stunde um Stunde näher an den Rand des Abgrunds geschleift.
So vergingen weitere zwei Wochen.
Dann kam die Neumondnacht, die den Monat beschloss, und brachte die Offenbarung der ersten Erinnerung mit sich.
2 Suche
Chiang Kai-shek International Airport.
Der Schriftzug prangte hoch oben auf einer Leuchttafel, dem einzigen Fixpunkt im Strudel aus Ziel- und Abflugsorten, Flugzeiten und Gates. Die Zeitanzeige darunter, 06:08 AM, war eines der wenigen Dinge, die Ian inmitten dieses Feuerwerks aus blinkenden Symbolen verstand. Auf all den Schildern und Werbetafeln, die er bis jetzt gesehen hatte, hatte er noch keine zwei identische Schriftzeichen entdeckt.
Wer hatte behauptet, Flughäfen seien »anonyme und stereotype Nicht-Orte, die in der ganzen Welt gleich sind«? Bestimmt einer, der noch nie im Fernen Osten war.
Fast unbemerkt schoss ihm dieser nebensächliche Gedanke durch den Kopf, dem die Schilder der Duty-free-Läden ringsherum zum Teil widersprachen. Versace und Marlboro, Chanel und Jack Daniel’s. Abgesehen von der leicht veränderten Anordnung der Boutiquen konnte man den Eindruck haben, als wären sie noch am selben Flughafen, von dem sie rund zehn Stunden zuvor abgeflogen waren. Das galt auch für das Starbucks-Schild hinter ihm, das an jedem Flughafen der Welt zu finden war. Trotzdem ließ es sich bei Starbucks gut frühstücken, wenn man keine Lust hatte zu raten, was sich hinter Gerichten wie jyuhiké, obìko, boba tea, aju-peng, chu-kaké verbarg.
Er hatte sich an ein Tischchen auf der Terrasse gesetzt, die auf die große runde Halle mit den Check-in-Schaltern hinausging. Trotz der frühen Morgenstunde wimmelte es schon vor Menschen. Von hier oben sahen sie wie ein wuselnder Haufen trostlos unbedeutender Insekten aus.
Genauso fühlte er sich.
In der einen Hand hielt er einen isolierten Pappbecher mit kochend heißem Kaffee. In der anderen drehte er einen Schokoladenmuffin und konnte sich nicht entschließen, hineinzubeißen. Wie einen Anti-Stress-Ball knetete er ihn zwischen den Fingern.
»Was hat die Stewardess gesagt, in welche Richtung spürt man den Jetlag am wenigsten?«
Ian hörte die Frage, als käme sie von weither. Er reagierte nicht sofort.
»Hey, Ian, hörst du mir zu?«
Samuel, der neben ihm saß, legte ihm die Hand auf die Schulter. Sie waren beide um die sechzig, weißes, kurzes Haar, gut gekleidet, obwohl die Jacketts und dunklen Hosen von der langen Reise zerknittert waren.
»Ja, entschuldige«, schreckte er hoch. »Ich schlafe mit offenen Augen. Was hast du gesagt?«
»Ach, nichts.« Samuel gähnte. »Mach dir nichts draus, ich bin auch am Ende. Das Einzige, was ich jetzt will, ist ein acht Stunden langes Schläfchen, und das um sechs Uhr morgens.«
Sie blickten sich an. Im Gesicht des anderen sahen sie die Zeichen der eigenen Müdigkeit: tiefe Augenringe, trübe Augen, die faltige Stirn, die sich nicht mehr glätten wollte.
Und daran war nicht nur die Reise schuld.
Ihnen gegenüber saß Rachel, eine blonde Dame gleichen Alters in grauem Kostüm. Schweigend nippte sie an einem dampfenden Zitronentee und warf hin und wieder einen Blick auf die vor dem Tisch geparkten Trolleys. Ihre Stimme zitterte, als sie das Schweigen unterbrach.
»Wann ist das Treffen mit der Polizei?«
»Um halb zehn, in drei Stunden. Wir sollten sofort hinfahren und nicht erst ins Hotel«, antwortete Ian, um der vermuteten nächsten Frage seiner Frau vorzugreifen. »Wir wissen nicht, wo die Polizeistation ist, und Taipeh ist ein chaotischer Moloch. Wir dürfen nicht zu spät kommen.«
Die Frau nickte abwesend. Ian erhob sich, öffnete seinen Koffer und versicherte sich zum x-ten Mal, dass der Aktenordner an seinem Platz und sämtliche nötigen Dokumente und Formulare noch da waren. Seit ihrer Abreise hatte er das mindestens zehn Mal getan, doch er konnte nicht anders. Diese Akte war zu wichtig, seit einem Monat beherrschte sie seine Gedanken. Seine Reisegefährten nahmen seinen kleinen Tick nicht mehr wahr.
Sie standen auf und gingen den langen Gang zum Taxistand hinunter. Abgesehen von den Druckstellen, die die nervösen Fingerspitzen im weichen Teig hinterlassen hatten, blieb der Schokoladenmuffin unversehrt auf dem Tisch zurück.
Ian bemerkte, dass seine Frau ein paar Meter zurückgeblieben war. Er drehte sich um und sah, dass sie den Kopf beim Gehen gesenkt hielt und so unmerklich bebte, dass nur er es wahrnahm. Wartend blieb er stehen, dann fasste er ihr sanft unters Kinn. Ihre Augen standen voller Tränen.
»Ian, glaubst du, es bringt was?«, hauchte Rachel und wischte sich die Augen.
Ihr Mann blickte sie an und bemühte sich, weniger erschöpft und bekümmert auszusehen, als er war.
»Wir müssen es glauben. Das ist unsere einzige Hoffnung.«
Abgesehen von einem Wunder.
Er beendete den Satz nur in Gedanken. Er hakte sie unter und stützte sie, bis sie den Flughafenausgang erreicht hatten.
3 Die erste Erinnerung
Es war ein Traum, der ihm die erste Erinnerung offenbarte.
Mauke Nuha lag auf dem kalten Sand vor seiner Hütte, das Gesicht in den mondlosen, von Millionen Sternen durchsiebten Himmel getaucht. Die Milchstraße war ein weißes, im Nichts schwebendes Feuerwerk, der Finsternis entrissen, ein von der ewig langen Reise erschöpftes Licht, das sich unmerklich aufs Wasser, auf den Sand und seine Augen legte.
Er betrachtete all das wie ein Fremder. Mit jedem Tag schwand mehr und mehr das Wenige, das ihn noch mit der wirklichen Welt verband. Er wurde verrückt, auf die einfachste und subtilste Weise: Langsam löste er sich von der Wirklichkeit ab wie alte, brüchige Folie.
Gewiegt vom Geräusch der Brandung schlief er ein.
Seit dem Verlust seines Gedächtnisses hatte er nie etwas geträumt. Schlafen war für Mauke Nuha wie in schwarzem, reglosem, undurchdringlichem Morast zu versinken. Zusammen mit seiner Vergangenheit und seinen Worten schien er auch die Fähigkeit zu träumen verloren zu haben.
Die Nacht verlief ruhig. Wegen der Schmerzen im Rücken schlief er auf dem Bauch, die Arme unter die Brust gezogen, das Gesicht verzerrt, die Zähne gebleckt. Nur der schwache Atem unterschied ihn von einem leblosen, nach langem Todeskampf verkrümmten Körper.
Gegen Ende der Nacht entspannte sich sein Gesicht, und er atmete tief. Die Lider begannen zu zittern, Hände und Füße zuckten leicht.
Auf der schwarzen Leinwand seiner Lider schimmerte etwas. Leuchtende Kugeln, durchscheinende, tanzende Kreise, die sich rhythmisch übereinanderschoben und wieder trennten.
Sein erster Traum nahm Formen an.
Die Kreise vermehrten sich und wurden schnell größer. Im nächsten Moment nahmen sie das gesamte Blickfeld ein und zerflossen in einem endlosen Raum, in einer Wüste aus reinem Licht. Offenbar war dort nichts, denn es gab keine Schatten. Einzig die Farben widerstanden dem glühenden Schein: Eine verschwommene Horizontlinie trennte ein Lachsrosa von einem leuchtenden Himmelblau, eine Erdenahnung von einer Himmelsvision.
Er streckte die Hand aus. Seine Fingerspitzen verschwanden vor seinen Augen, wie von den Farben verschluckt. Die riesige, ferne Landschaft war in Wirklichkeit ein unberührbarer, leuchtender Nebel, der seinen Körper mit nur wenigen Zentimetern Distanz einhüllte. Er versuchte, sich um sich selbst zu drehen, sich umzublicken.
Wo bist du …?
Eine Stimme.
Du bist hier …
Eine Stimme flüsterte in sein Ohr.
… ganz nah.
Die Stimme einer Frau.
Er konnte die Worte verstehen. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, mit Licht geschrieben.
Vor allem – sein Körper fuhr zusammen, und beinahe wäre er aufgewacht – erkannte er die Stimme.
Er versuchte zu antworten, doch es gelang ihm nicht. Die Luft vor ihm bewegte sich leicht. Konzentrische Kreise dehnten sich aus wie auf einen senkrechten Wasserspiegel fallende Tropfen.
Irgendetwas trat aus dem Nebel.
Jetzt endlich … sehe ich dich …
Das Gesicht einer Frau.
Helle Haut, weiche Züge. Zwei große dunkle Augen, die ihn ansahen. Er erkannte dieses Gesicht. Zitternd träumte er weiter.
Die Frau lächelte, sie bewegte die Lippen, und wieder erfüllte ihre Stimme die Luft.
Ja, du bist es. Ich erinnere mich an … deine Augen, dein Gesicht.
Aber nicht mehr an deinen Namen.
Mauke Nuha streckte die Hand aus, und die Frau tat es ihm nach. Ihre weißen, zarten Finger reckten sich aus dem leuchtenden Dunst.
Ihre Hände kamen aufeinander zu.
Wer bist du? Wer bin ich?
Ihre Finger berührten sich fast.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, aber …
Seine Hand versank in eisigem Schleim, und die Vision verschwand mit dem letzten Echo seiner Stimme.
… ich muss dich wiederfinden.
Er erwachte. Er weinte. Unter den Tränen verspürte er etwas, das wohl Freude war. Oder doch eher süßes, schmerzliches Sehnen. Wer war sie?
Er erinnerte sich nicht an sie, kannte ihren Namen nicht, und dennoch spürte er, dass zwischen ihr und ihm eine Bindung bestand, die so stark war, dass sie die dunkle Tür der Amnesie für einen Moment aufgestoßen hatte.
Wer bist du?
Eine Antwort brach sich Bahn, doch noch gelang es ihm nicht oder vielleicht wagte er nicht, sie zu hören. Er blickte zur aufgehenden Sonne empor. Die Schönheit des über der Lagune anbrechenden Morgens berührte etwas in ihm.
Zum ersten Mal, seit er sein Gedächtnis verloren hatte, ersehnte er etwas. Mit aller Macht.
Horus Hand legte sich auf seine Schulter und griff in seinen Gefühlsstrudel ein. Schluchzend, aber mit einem Blick, der nie zuvor so lebhaft gewesen war, drehte sich Mauke Nuha zu ihm um. Wie gern hätte er ihm alles erzählt, doch er konnte noch immer nicht sprechen. Es war nicht nötig: Seine strahlenden Augen sagten mehr als alle Worte. Horu ahnte, dass eine tiefe Erschütterung Mauke Nuha ins Leben zurückgebracht hatte. Lächelnd setzte er sich neben ihn und legte ihm den Arm um die Schultern, bis er sich wieder beruhigt hatte.
Mauke Nuha verbrachte den Tag wie alle anderen, allein an einem einsamen Ort, den Blick auf das Sonnenfunkeln des Ozeans gerichtet. Doch diesmal gab er sich nicht dem Vergessen hin, sondern zwang sich zum Nachdenken. Er dachte ohne Begriffe, in emotionalen Impulsen, tierhaft. Zahlreiche Fragen ohne Antworten waren in ihm geboren. Wer war die Frau aus dem Traum? Wo war sie jetzt? Was bedeutete ihre Begegnung?
Seine nackte, verwirrte, schutzlose Seele schwankte zwischen Hochgefühl und Verzweiflung, zwischen der berauschenden Erinnerung an seinen Traum und der Angst, es wäre nur ein Hirngespinst, und er würde sie vielleicht nie wiedersehen.
Bei Sonnenuntergang lag er, erschöpft vom inneren Kampf, hingestreckt auf dem Strand. Der letzte Sonnenstrahl sickerte durch die halb geschlossenen Lider. Langsam verklang das Rauschen der Meeresbrandung in seinen Ohren. Er schloss die Augen.
Im Halbschlaf verwandelte sich der Schmerz seiner sonnenverbrannten Haut in den zehrenden Wunsch, sie wiederzusehen. Diese Unbekannte, von der er jedoch spürte, dass er sie mehr liebte als alles andere, das er im Universum verloren hatte.
4 Suche (2. Teil)
Zwei Stunden vor dem Termin trafen Ian, Samuel und Rachel in der Polizeihauptwache von Taipeh ein und wurden aufgefordert, im Wartebereich Platz zu nehmen. Er bestand aus drei Zweisitzern und einem Kaffeeautomaten in der hinteren Ecke eines riesigen Großraumbüros, in dem es vor Beamten, Schreibtischen, Computern, ununterbrochen klingelnden Telefonen, brüllenden Uniformierten und ohrenbetäubendem Sirenengeheul, das von der Straße hereindrang, nur so wimmelte. Wenn Taipeh genauso ist wie seine Polizeihauptwache, dachte Ian benommen, müssen wir durch das reinste Chaos, ein Wahnsinn.
Sie waren müde und angespannt und bereuten es, keinen Zwischenstopp im Hotel eingelegt zu haben, um sich wenigstens frischzumachen. Ian hockte auf der Sofakante und wippte nervös mit dem Bein. Alle zehn Sekunden legte Rachel ihm die Hand aufs Knie. Für einen kurzen Moment gab Ian Ruhe, um dann umso stärker wieder damit anzufangen.
Er beruhigte sich erst, als er den Ordner aus der Tasche zog.
Er musterte den Deckel und dachte an die glückliche Fügung, die ihm den Termin mit dem Polizeichef von Taipeh ermöglicht hatte. Würde es etwas nützen? Die Hoffnung wog nicht mehr als ein Staubkorn, doch endlich hier zu sein, verschaffte ihm eine gewisse Erleichterung.
Es war bereits ein Monat vergangen. Hektische Anrufe bei Botschaften und Konsulaten, Privatdetektive, Spezialorganisationen, mehr oder weniger vertrauenswürdige Internetseiten, E-Mail-Ketten: Es hatte zu nichts geführt. Lediglich der Tatbestand des Verschwindens ließ sich ansatzweise und mit vielen schwarzen Flecken rekonstruieren. Mit hoher Fehlerwahrscheinlichkeit hatte man das Wann und das Wie bestimmen können.
Sie konnten nicht länger warten. Also hatten sie beschlossen zu fahren und die Suche selbst fortzusetzen. Gerade noch rechtzeitig, um Pässe und Visa zu bekommen, und nun waren sie dort, in Taiwan, wo alles angefangen hatte.
Abwesend blätterte Ian durch die ersten Seiten.
AUSSERORDENTLICHE STAATLICHE KOMMISSION FÜR VERMISSTE PERSONEN – ABTEILUNG INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT
Internationale Vermisstenanzeige
Prot.Nr. ##### vom ####, c/o Dienststelle von #####.
Zusammenfassendes Formular entsprechend der EXSO-Vorgehensweise
Seite 8 von 52
Abschnitt E [Fortsetzung von Seite 7]:
E6. Waren die (in Abschnitt A meldeamtlich beschriebenen) Personen im Ausland unterwegs?
[X]JA [ ]NEIN
E7. Wenn JA, geben Sie den Namen des Ortes an:
Das Geschrei einiger Polizisten ließ Ian aufsehen. Samuel war eingenickt, der Glückliche, trotz des Durcheinanders ringsherum. Er übersprang ein paar Zeilen und las weiter.
E20. Gab es während Ihres Aufenthalts in dem unter E7 bezeichneten Ort Telefonkontakt mit den betreffenden Personen?
[X]JA [ ]NEIN
E21. Wenn JA, nennen Sie Datum und Uhrzeit des letzten Kontaktes:
Ian hatte das Formular so oft gelesen, dass er es fast auswendig kannte. Er überblätterte rund zwanzig Seiten.
Daraus geht hervor, dass die von den Vermissten angegebene Auslandsadresse nicht mit der letzten von ihnen tatsächlich genutzten, bislang unbekannten Adresse übereinstimmt.
Dies führt zu einem hohen Maß an Ungewissheit bezüglich des Zeitfensters und vor allem des geografischen Gebietes, in dem sich das Verschwinden ereignet haben soll.
Aus der Auswertung der Kreditkarte (siehe Anhang 4) geht die Zahlung eines Fluges nach Taipeh, Taiwan, International Airport Chiang Kai-shek, hervor. Darüber hinaus gibt es keinen weiteren, für die Untersuchungen relevanten Zahlungsverkehr. Die eventuelle Zahlung von weiteren Flug-, Zug- oder Schiffsfahrkarten, Mietwagen, Hotels oder sonstigen Unterkünften sind nicht mit Kreditkarten beglichen worden.
Die letzte geglückte Verbindung ist per Satellitentelefon erfolgt (ausgehende Telefonate an die Nummer ###-######). Der erste unbeantwortete Kontaktversuch erfolgte vier Tage später (eingehender Anruf der Nummer ###-######).
Aus der Auswertung der Telefonlisten (siehe Anhang 3) gehen drei Anrufe an eine andere Nummer hervor, die jedoch
Wieder hielt Ian nachdenklich inne. Er übersprang ein Dutzend Seiten.
Code, aus dem hervorgeht, dass das Gebiet als durch organisierte Verbrecherbanden äußerst bedroht eingestuft ist.
D) Naturkatastrophen und gefährliche Tiere
Ausgehend von:
– dem in Absatz E benannten mutmaßlichen geographischen Gebiet;
– dem in Absatz B genannten mutmaßlichen Zeitfenster
ist von folgenden (gemäß dem asymptotischen Schadensdiagramm, Anhang 9) als katastrophal eingestuften Naturereignissen auszugehen:
ein Naturereignis größeren Ausmaßes, bei dem jedoch, soweit bekannt, keine Menschen zu Schaden kamen, ist das Erdbeben der Stärke 6 mit Epizentrum in
Er hörte auf zu lesen. Rachel hatte sich an seinen Arm geklammert und blickte sich ängstlich um. Wenige Meter entfernt brüllten Beamte auf einen Jungen in Handschellen ein. Der Junge ließ die Beschimpfungen apathisch über sich ergehen und fing plötzlich an, um sich zu treten und wie wahnsinnig zu schreien. Man hörte einen dumpfen Schlag und einen Schmerzensschrei: Ein Schlagstock hatte das Gesicht des Jungen in eine blutige Maske verwandelt. Instinktiv drängte sich Rachel an ihren Mann und verbarg das Gesicht an seiner Schulter. Die brutale Atmosphäre der Polizeistation verängstigte sie. Sie fühlte sich bedroht, obwohl es dafür keinen Grund gab.
Samuel erwachte, erhob sich ahnungslos vom Sofa und reckte sich.
»Will jemand einen Kaffee?«, fragte er gähnend.
Ehe jemand antworten konnte, rief ein junger Polizist sie auf.
»Herr Direktor Kasumi ist bereit zu empfangen«, sagte er in gebrochenem Englisch. »Sie bitte folgen.«
Das Büro des Polizeichefs lag ein Stockwerk höher, gut abgeschirmt vom chaotischen Großraumbüro seiner Untergebenen. Kasumi empfing sie mit einem kräftigen, unterkühlten Händedruck und ließ sie vor seinem eleganten Schreibtisch aus Glas und gebürstetem Stahl Platz nehmen. Er beherrschte ihre Sprache fehlerfrei, wenn auch mit starkem chinesischem Einschlag.
Schon Kasumis erste Äußerungen ließen Ian den Unwillen spüren, ihr Anliegen hielt er offenbar für totale Zeitverschwendung. Ian beschloss, sofort zum Punkt zu kommen, und hielt ihm die Akte hin.
Kasumi setzte seine Lesebrille auf, vertiefte sich minutenlang in die Unterlagen und murmelte Unverständliches. Sein altersloses Gesicht zeigte keine Regung, es blieb ausdruckslos wie das einer Porzellanpuppe: helle Haut, feine Augenbrauen, glasiger Blick, regelmäßige, starre Züge.
Er blickte auf und zog die Brille auf die Nasenspitze.
»Die Unterlagen für die offizielle Suche sind in Ordnung«, grunzte er beinahe missmutig. »Ich muss Ihnen nicht sagen, dass dies eine zwar notwendige, aber in der Regel völlig ungeeignete Maßnahme ist, um etwas zu erreichen. In unserem Archiv stapeln sich Tausende Vermisstenanzeigen, und täglich kommen neue dazu. Sie werden bereits wissen, dass die Erfolgsquote bei derlei Recherchen gegen null tendiert.«
Unwillkürlich stieß Rachel ein unterdrücktes Stöhnen aus. Kasumi ging darüber hinweg und fächelte sich mit der von Ian peinlich genau ausgefüllten Akte Luft zu.
»Natürlich werden wir diese Daten in unser Computersystem einspeisen und Sie benachrichtigen, falls sich etwas ergeben sollte. Doch leider passiert das so gut wie nie. Außerdem ist der Hergang des Verschwindens in Ihrem Fall äußerst unklar.«
Ian wollte etwas erwidern, doch er hatte einen Kloß im Hals. Schweigend ging Kasumi die letzten Seiten des Berichts durch, dann stand er auf, machte auf seinem Schreibtisch Platz, holte eine lange Papierrolle aus einem Schrank und rollte sie vor ihnen aus. Es war eine Landkarte, die einen großen Ausschnitt des Pazifiks mit Taiwan, Japan, den Philippinen, Indonesien, Papua-Neuguinea und Mikronesien zeigte. Er holte einen Zirkel und einen Taschenrechner aus einer Schublade. Anhand eines Blattes aus der Akte fing er an, Kreise und Linien auf der Karte einzuzeichnen, Berechnungen anzustellen und blitzschnell auf der Tastatur seines Computers herumzutippen.
Eine Viertelstunde später druckte er das Ergebnis aus und ordnete die rund zehn Seiten auf seinem Schreibtisch an.
»Nach den von Ihnen zusammengetragenen Informationen wäre dies das potentielle Suchgebiet.«
Auf den Blättern war eine Karte mit einem roten, dreitausend Meilen umfassenden Kreis zu sehen.
»Das ist ja riesig!«, rief Ian ungläubig.
»Nicht nur das«, fuhr Kasumi leicht gereizt fort. »Es umfasst auch verschiedene Nationen, zwischen denen keinerlei polizeiliche Vernetzung besteht. Die einzige Chance, hoffen zu dürfen und sich reinen Gewissens sagen zu können, dass man alles Menschenmögliche unternommen hat, besteht darin, sich persönlich auf die Suche zu machen. Man kann die Polizei in Kenntnis setzen und Privatdetektive anheuern, aber trotzdem ist es unerlässlich, selbst vor Ort zu sein«, schloss er und zeigte fahrig auf den Dreitausend-Meilen-Kreis.
»Genau deshalb sind wir ja hier«, sagte Ian nachdrücklich. »Wir wollen selbst Untersuchungen anstellen!«
»Sehr gut«, entgegnete Kasumi, »das ehrt Sie. Aber ehe Sie eine endgültige Entscheidung treffen, sollten Sie mir gut zuhören.«
Der Polizeichef setzte sich räuspernd auf, legte die Brille auf den Schreibtisch und musterte seine Besucher mit der Kälte eines Menschen, der es gewohnt ist, schlechte Nachrichten zu überbringen.
»Wenn Sie ausschließen, dass die fraglichen Personen ihre Spuren willentlich verwischt haben …«
»Natürlich schließen wir das aus!«, platzte Samuel heraus, der bis dahin noch nichts gesagt hatte.
»Wenn man«, hob Kasumi nochmals gereizt an, »wie in diesem Fall über mehrere Wochen keine Nachrichten von den vermissten Personen erhält, schrumpft die Palette der Möglichkeiten drastisch zusammen. Das Ausbleiben spontaner Kontakte lässt vermuten, dass die Betroffenen sozusagen unfähig, das heißt, nicht mehr in der Lage sind, frei zu handeln. Sie könnten verletzt oder gefangen sein oder sich an einem abgelegenen, von der Zivilisation abgeschnittenen Ort ohne Transport- und Kommunikationsmittel befinden. Des Weiteren wäre denkbar«, Kasumis Augen verengten sich zu zwei Schlitzen, »dass die Vermissten Traumen mit nachfolgenden Amnesien erlitten haben. In diesem Fall bestehen keine objektiven Hinderungsgründe, abgesehen von der Tatsache, dass man sich weder an die eigene Identität noch an die zu kontaktierenden Menschen erinnert. Und zu guter Letzt ergibt sich manchmal die unglückliche Verquickung dieser beiden Faktoren.«
Kasumi legte die Fingerspitzen zusammen. Seine metallische Stimme klang, als käme sie von einem allzu oft abgespielten Tonband.
»Natürlich dürfen wir auch die einfachste und meist zutreffende Erklärung nicht ausschließen: den Tod der Vermissten.«
Ein zweites Stöhnen entrang sich Rachels Kehle. Sie barg das Gesicht in den Händen und brach in lautloses Schluchzen aus. Kasumi redete ungerührt weiter.
»In diesem Fall sollten Sie sich fragen: Lohnt es sich, erhebliche Mittel aufzuwenden und sich großen Gefahren auszusetzen, nur um«, er unterstrich das Wort mit einer Grimasse, »den Leichnam zu finden? Angesichts der enormen Gesetzeswillkür bei Bestattungen und der Angst vor Krankheiten ist die Auffindung eines toten Vermissten in diesen Gegenden so gut wie unmöglich. Bestenfalls werden sie umgehend und ohne bürokratisches Drumherum eingeäschert oder beerdigt.«
Ian drückte die noch immer von Schluchzern geschüttelte Rachel an sich. Er empfand einen tiefen Hass gegen diesen Mann, der so teilnahmslos und leichthin vom Tod sprach. Wut stieg in ihm auf, und er konnte sich nur mühsam beherrschen, dieses Porzellangesicht nicht mit einem Faustschlag klirrend zu zerschlagen.
Der solche Reaktionen gewohnte Kasumi ließ sich nichts anmerken und schüttelte lediglich den Kopf. Ihre Auffassungen von Leben und Tod gingen einfach zu weit auseinander, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Es war offensichtlich, dass das Treffen beendet war.
Der Polizeichef reichte ihnen die Blätter mit dem Suchgebiet und einen Hefter mit diversen Adressen und Telefonnummern, die ihnen nützen könnten, sollten sie die Suche doch auf eigene Faust fortsetzen. Dann verabschiedete er sie noch unterkühlter, als er sie begrüßt hatte.
Um zehn Uhr dreißig morgens verließen Rachel, Ian und Samuel die Polizeistation. Ratlos und verstört gingen sie durch die schwüle Hitze Taipehs davon, um inmitten des tobenden Verkehrs ein freies Taxi zu finden. Ihre Hoffnungen hingen an einem fast unsichtbar dünnen Faden. Dennoch wollte Ian nicht aufgeben.
Er würde nicht eher nach Hause fahren, bis er nicht alles Mögliche unternommen hätte, und vielleicht noch mehr.
5 Yla homa
Mauke Nuha träumte nicht wieder. Tage, vielleicht Wochen vergingen. Ständig kehrten seine Gedanken wie besessen zu dem Bild dieser Frau zurück. Es war sein Rettungsanker, um nicht durchzudrehen, aber auch eine Sturmwelle, die ihn in die Tiefen des Ozeans riss, rauf und runter, rauf und runter, immer weiter aufs offene Meer hinaus. Dieser Gefühlsstrudel war das Einzige, was ihn noch am Leben hielt.
Auch das sonnige Klima der Insel hatte sich verändert und schien das Wechselbad seiner Seele widerzuspiegeln. Stürme fegten jaulend über den Strand und drückten die Palmen nieder, und kurz darauf strahlte wieder die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Mit jedem Regen verwusch das Bild dieses geliebten Gesichts mehr, und die Sonne bleichte seine Farben.
Allmählich schloss sich der vom Traum geöffnete Spalt, und die Welle der Emotionen zog sich ins Dunkel zurück. Schon bald würde er sich wieder in seine Welt wortloser Gedanken einschließen.
Da kam der Taifun.
Nach einem strahlenden Morgen tauchten riesige dunkle Kumuluswolken am Horizont auf, Berge kurz vor dem Einsturz. Ohne Vorwarnung schoben sie sich über die Insel. Der Himmel wurde schwarz, der Gesang der Vögel erstarb, die Natur versank in unwirkliches Schweigen. Mauke Nuha begriff, dass dies kein vorübergehender Sturm sein würde. Eine animalische Urangst packte ihn. So schnell er konnte rannte er durch die dichte Vegetation Richtung Dorf.
Die ersten Regentropfen fielen, groß wie Walnüsse. Die Lagune schwoll an, schon leckten die Wellen an den Hütten.
Der erste Donner explodierte.
Ein Blitz entlud sich in einer der großen Palmen, gefolgt von einem Brüllen, das die Luft erzittern und die Erde beben ließ. Mauke Nuhas Ohren gellten, die Kinder fingen an zu weinen, alle drückten sich auf den Boden und legten die Arme schützend über die Köpfe. Von der in Splitter gehauenen Palme blieb nur noch ein qualmender Stumpf. Heftiger Wind erhob sich, blies Sandwolken in den Himmel, drückte die Bäume nieder, deckte die Hütten ab. Blitzsalven tauchten die Insel in gespenstisches weißes Licht, der Wind wirbelte immer stärker, entwurzelte Mangroven und riss sie zusammen mit trockenem Geäst, Kleidungsstücken, Körben und Arbeitsgerät in einem kreiselnden Tanz in den Himmel. Die Frauen schrien vor Angst, die Männer starrten einander wie gelähmt an. Jetzt hatten die schwarzblauen Wellen die Vegetation erreicht und zogen alles mit sich, was sie fassen konnten.
Wenige Minuten der Angst erschienen wie Stunden. Dann zog der Taifun ohne weitere Schäden davon.
Die Dorfbewohner waren sichtlich aufgewühlt, einige fielen sich in die Arme, andere suchten ihre Kinder. Horu vergewisserte sich, dass alle unverletzt waren, und streichelte Mauke Nuha über den Kopf. Binnen weniger Stunden lösten sich die Wolken auf, und die Sonne brach hervor. Um sich zu beruhigen, kehrte Mauke Nuha auf die felsige Seite der Insel zurück. Bis zum Sonnenuntergang streifte er allein umher und gab sich dem Schauspiel der tobenden Wellen hin, die die Trümmer der Sturmflut an die Küste warfen.
In jener Nacht sah er sie wieder.
Im Schlaf erschienen die leuchtenden Kreise. Wie beim ersten Traum vervielfältigten sie sich und dehnten sich zitternd zu einem Raum aus reinem Licht. Doch diesmal begann der leuchtende Nebel sich aufzulösen. Umrisse einer Traumlandschaft erschienen, wabernd wie eine Fata Morgana: ein kleiner, weißer Sandstrand zwischen grauen Felsen, umspült von Wellen, deren Gischt die Luft erfüllte.
Mauke Nuha war es, als kenne er diesen Ort. In der Ferne ein Aufblitzen. Dann noch eins und noch eins, wie ein winziger Spiegel, der ihn mit Sonnenstrahlen blendete.
Das war sie.
Vor den Felsen kam sie ihm entgegen.
Nackt, nur verhüllt vom Gegenlicht. Geschmeidige Bewegungen, schlanker blasser Körper, strahlendes Lächeln.
Dann war sie bei ihm. Erst da bemerkte er die weiße Kugel in ihren Händen. Sie streckte die Arme nach ihm aus.
Auch er streckte seine Arme aus, überwältigt vom Wunsch, sie zu umarmen.
Wieder waren sie kurz davor, einander zu berühren.
Er schreckte aus dem Schlaf. Die Hütte war in fahles Licht getaucht, das den Sonnenaufgang ankündigte. Er fühlte sich merkwürdig klar. Von einem neuen Gefühl erfüllt, sprang er auf: Zum ersten Mal, seit er auf der Insel war, wusste er genau, was zu tun war.
Er fing an zu laufen, doch sein von der langen Apathie steifer Körper rebellierte, nach nur wenigen Schritten schlug er hin. Sand spuckend rappelte er sich hoch und rannte stolpernd weiter. Er durchquerte das noch schlafende Dorf, erreichte das Ende des Strandes, nahm Kurs auf die felsige Inselseite und ließ drei kleine Sandbuchten hinter sich. Als er die steile Klippe über der vierten Bucht erreicht hatte, blieb er stehen und blickte hinab.
Er erkannte den Strand aus seinem Traum.
Er war sich ganz sicher. Das war der Ort.
Die Sonne ging auf. Hals über Kopf kraxelte er die Felswand hinunter, ohne auf die scharfen Kanten zu achten, die ihm Hände und Füße zerschnitten. Als er keuchend unten angelangt war, starrte er erwartungsvoll in die Richtung, aus der die Frau im Traum aufgetaucht war. Dann ließ er den Blick suchend über jeden Zentimeter der kleinen Bucht wandern.
Nichts.
Er wurde unruhig. All seine Hoffnung hing an diesem winzigen Augenblick, doch es passierte nichts.
Die rote Scheibe der Sonne stieg schnell, schon teilte der Horizont sie mittendurch.
Etwas funkelte zwischen den Klippen. Genau dort, wo sie aufgetaucht war.
Das Funkeln verschwand, erschien wieder, verschwand. Mauke Nuha stand da, ohne sich zu rühren, mit angehaltenem Atem und starrem Blick.
Er begriff, dass es der Widerschein von etwas war, das zwischen den Klippen klemmte und sich im Rhythmus der Wellen hob und senkte.
Er ging näher heran.
Als er nur noch wenige Meter entfernt war, sah er sie, tanzend im Schaum der Wellen. Er traute seinen Augen nicht.
Die Kugel aus dem Traum.
Er ging ins Wasser und umkreiste die Klippen. Und da war sie, zum Greifen nah, von der Meeresströmung ans Ufer getrieben.
Eine zusammengeknüllte Plastiktüte. Er wusste, was es war, obwohl er wie auch für alles andere kein Wort hatte, es zu benennen. Behutsam, als wäre es eine Reliquie, die in seinen Fingern zu Staub zerfallen könnte, griff er danach und kehrte ans Ufer zurück. Er drehte die zerknüllte Plastiktüte, um das Wasser aus den Falten tropfen zu lassen, und öffnete sie vorsichtig. Sie war mehrmals um sich selbst gewickelt und fest verschlossen. Er löste die Henkel. In der Tüte befand sich eine weitere, die etwas Weiches enthielt. Mit zitternden Fingern öffnete er auch diese. Er steckte die Hand hinein und zog einen triefenden, aufgequollenen Gegenstand hervor. Etwas, das irgendwann einmal ein Buch gewesen sein musste.
Der Buchdeckel ließ sich nicht mehr entziffern, die durchtränkten Seiten waren zu einem dunklen, festen Klumpen verschmolzen. Er bemerkte, dass es sich an einer Stelle noch öffnen ließ: Dort klebte eine Plastikhülle als Lesezeichen zwischen den Seiten. Mit pochendem Herzen schlug er das Buch auf den einzigen beiden Seiten auf, die das Wasser verschont hatte.
Darauf waren lange, ordentliche Reihen unverständlicher Symbole, genau wie in den Büchern, die Horu mit ihm durchgeblättert hatte. Enttäuschung stieg in ihm auf und wurde zu Wut. Er musste sich auf die Lippen beißen, um das Buch nicht wieder ins Wasser zu schleudern.
Dann bemerkte er ein Detail. Etwas Gekritzeltes am unteren Seitenrand. Er sah genauer hin: Die Buchstaben waren verwaschen und ebenfalls unlesbar.
Doch während er sie betrachtete, regte sich in seinem Kopf etwas.
Abermals starrte er sie an, bis sie vor seinen Augen verschwammen. Alles wurde doppelt, dann grau, dann schwarz. Als er wieder hinsah …
yla homa
Er erkannte diese Zeichen. Es waren Buchstaben. Buchstaben des Alphabets, das er vergessen hatte. Was bedeuteten sie? Es war gleichgültig. Seine Hände bebten vor Erregung, und das Buch fiel in den feuchten Sand. Panisch bückte er sich danach und öffnete es wieder.
Er betrachtete die Seite und spürte, wie seine Beine versagten.
Er konnte lesen.
Dieser Tag läuft ab nun
Am Gott-voran-befohlenen Sommerende
In heißstürzender Lachssonne
In meinem see-erschütterten Haus
Auf einem felsigen Halsbrecher
Umstrickt von Tschilpen und Flöten,
Früchten, Finnen, Federn und Schaum
Langsam, Buchstabe für Buchstabe, formten sich die Worte in seinem Kopf. Er konnte wieder ihre Bedeutung verstehen. Ein Schauder durchzuckte ihn wie ein elektrischer Schlag.
Unterm tanzenden Huf des Blätterdachs,
an der Flutlinie beschäumten Seesternsands
Mit den Fischweiberkreuzen
Bei Möwen, Strandläufern, Muscheln und Fels,
Die Männer im Wolkenbehang
Auf Knien, krähschwarz, in der Außenwelt
Vor Netzen niedergeholter Sonne,
Jesus, beinah wie Gänse am Himmel,
Und Reiher, schlitzende Jungen
Und Muscheln, die in sieben Meerschaum
Zungen lauten, von den Städten der neun
Tägigen Nacht in ewiger Wasserflucht
Die geheimnisvollen Worte durchströmten seinen Kopf. Manche wälzten sich zäh und schwer voran und hoben sich wie riesige Skulpturen schwarz vom Sonnenlicht ab. Andere segelten sanft und von den Luftströmungen getragen dahin. Die vergessenen Worte waren wieder da: Er lief ihnen nach, hielt sie fest, wägte sie ab, kostete sie.
Auf diesen der See abgegriffenen Blättern,
Sie fliegen und fallen nieder
Wie Baumesblätter und
Zerstäuben also unsterbend und dämmern
In die hundstagende Nacht
Während er las, stieg ein undeutliches Grunzen in seiner Kehle auf.
Sieh: Ich bau meine lärmende Arche
So gut wie ich liebe,
Da die Flut beginnt
Aus dem Quellmund
Von Angst, Rotwut, Mannaleben
Geschmolzen und bergig zu strömen
Über den Schlaf der Wunde
Schafweißer Talfarmen
Nach Wales in meinen Armen.
Das Grunzen verwandelte sich auf seinen halb geöffneten Lippen in ein Wispern. Eine immer stärkere Silbenfontäne sprudelte hervor wie aus der Amnesiewunde austretendes Blut. Sie wurde Stimme.
Wir wollen allein ausreiten und dann,
Unter den Sternen von Wales,
Rufen: Unzahl von Archen! Kreuzen
Über wassergelidertes Land,
Mit Lieben bemannt, werden sie
Hügel zu Hügel, waldiger Inselsaum.
Holla, meine stolz-schiffsschnäblige Taubenflöte!
Ahoi, seebeiniger Fuchs der Brecher
Seine Stimme brach aus in einen Schrei, der über den Strand wirbelte.
Meine Arche singt in der Sonne
Am Gott-voran-befohlenen Sommerende,
Und die Flut erblüht nun.
Die Seite war zu Ende.
Der Klang seiner Stimme, dieser seltsamen, vergessenen Stimme, hallte ihm in den Ohren. Schwer atmend vor Ergriffenheit sah er von dem Buch auf.
Alles erschien anders. Sengendes Licht durchstieß Iris und Pupille, durchfloss ihn. Er verlor das Gleichgewicht, fiel hin und brach in irres Gelächter aus.
Die Lichtwoge zog sich zurück, strömte ihm aus den Augen, verebbte und versickerte im Sand seines Bewusstseins. Jeder Buchstabe war in den Sand geschrieben. Sämtliche Worte waren wieder da, für ihn, in diesen endlosen Strand geritzt, den er in sich trug.
Er sah seine Hände, und das Wort, das er suchte, erschien klar vor seinem inneren Auge. Wieder musste er lachen. Dann holte er tief Luft und brüllte zum Himmel hinauf.
»Hände, das sind meine Hände! Und du bist der Himmel!«, schrie er so laut er konnte und mit ausgebreiteten Armen. Und so benannte er alles, von einer unbändigen Freude gepackt.
»Wasser! Und das ist Sand! Und du bist eine Muschel!«, erschreckte er einen Einsiedlerkrebs, der sich an seine Handfläche klammerte.
Es war wunderbar, die eigene Stimme zu hören: Sie klang eigenartig und sehr vertraut zugleich. Als würde nach Jahren das Lieblingslied aus der Kindheit ertönen.
Johlend, mit den Armen rudernd, stolperte Mauke Nuha den Strand entlang. Er sah aus wie ein Wahnsinniger.
»Horu! Horu!«, rief er, kaum waren die ersten Hütten in Sicht. »Ich kann wieder sprechen! Versteht ihr mich? Ich kann SPRE-CHEN!«
Entgeistert starrten die Dorfbewohner ihn an: Hatte er jetzt endgültig den Verstand verloren? Doch Horu, dessen feines Gespür einem sechsten Sinn gleichkam, ahnte, was los war. Lachend schloss er Mauke Nuha in die Arme, der nicht aufhören konnte zu reden. Horu begriff, dass Mauke Nuha von seinem rätselhaften Leiden, das ihn zum Schweigen verdammt hatte, geheilt war.
Er freute sich für ihn. Er mochte diesen merkwürdigen Jungen, den der Ozean gebracht, den er dem Tod entrissen hatte und der sein Sohn hätte sein können. Gerührt drückte er ihn an sich, und das ganze Dorf brach in Freudenschreie aus.
6 Lächelnder Rücken
Horu spürte etwas Warmes, Klebriges seinen Arm bis zu den Fingerspitzen hinabrinnen. Er löste sich aus der Umarmung mit Mauke Nuha und schreckte zurück: Seine Hände waren voller Blut.
Der Jubel der Dorfbewohner verstummte abrupt, die Mienen verfinsterten sich, ein paar Frauen schrien auf. Mauke Nuha verstand nicht, dann bemerkte er das Blut, das seinen Pareo durchtränkt hatte und auf den Sand troff.
Er fühlte sich entsetzlich schwach. Sein Kopf fiel kraftlos nach vorn, ein Schmerz durchfuhr seinen Rücken.
Er war der Ohnmacht nahe.
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