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Dreizehn Erzählungen Mojca Kumerdejs, in denen sie die Innenwelt ihrer Figuren an die Oberfläche bringt. Unter den Oberflächen lauern mitunter dunkle, beängstigende Dinge - wie etwa bei der Frau, die nach außen hin den Schein der ihre kleine Tochter liebenden Mutter aufrechterhält, sich im Innern aber nach ihrem selbstbestimmteren Leben vor der Geburt zurücksehnt und dann nicht einschreitet, als sich eine Katastrophe anbahnt. Oder bei der Frau, die nur dann selbst glücklich sein kann, wenn es ihrer Freundin schlecht geht. Mit feinem psychologischen Gespür schildert Mojca Kumerdej die Innenwelt ihrer Figuren, die Beweggründe für ihr Verhalten - auch wenn das Bewusstsein seinen Sitz mitunter schon nicht mehr in einem Körper hat, sondern sich dieses in einer frisch transplantierten Leber zu befinden scheint. In ihren brillant geschriebenen Erzählungen offenbart sie uns die Schrecken und Träume ihrer Figuren, die sie auch immer mit intelligentem Humor begleitet.
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Mojca Kumerdej
Unter die Oberfläche
Erzählungen
Übersetzungen aus dem Slowenischen von Erwin Köstler, Liza Linde, Karin Almasy und Fabjan Hafner
Unter die Oberfläche
Der Rächer
Der Schutzengel
Glücksbarometer
Defekt
Der Lebermann
Der Dritte im Bunde
Marija auf der Terrasse
Manchmal sagt Michael nichts
Katsa
Der Nussbaum
Aufgrund irgendeiner Eigenheit meinerseits
Ein Leben mit Erik
Textnachweise
»Kommst du echt nicht mit?«, fragte er mich, als er über den Kies am Seeufer langsam ins Wasser glitt.
»Das weißt du doch … ich schwimme nicht gern«, antwortete ich, so wie jedes Mal, wenn er mich fragt; als hätte er es vergessen, oder vielleicht hatte er das auch, weil er sich nicht erinnern wollte.
Den wahren Grund wirst du nie erfahren. Ich werde ihn dir nie verraten. Dafür, dass wir schon den dritten Sommer, unseren gemeinsamen Sommer, allein verbringen, ohne dass uns jemand dabei stört, brauchte es ein Opfer. An jenem frühen Nachmittag im Juli sah ich nicht nur alles, ich tat auch nichts – und damit alles. Wahrscheinlich war es eine Fügung des Schicksals – dass ich vom Strand ins Haus ging, weil ich schon seit dem Morgen an Übelkeit litt und ich mich übergeben musste. Vielleicht las ich etwas, vielleicht auch nicht, wahrscheinlich machte ich nichts, außer durchs Haus zu streifen und ein paarmal auf die Terrasse zu treten. Ich sah euch beide, wie ihr am Strand spieltet, du und die Kleine mit ihren langen blonden Locken. Es stimmt nicht, dass ich nicht daran gedacht hätte, was später an jenem Nachmittag passierte, dass ich es mir nicht sogar gewünscht hätte. Mir war nie viel an Kindern gelegen, ich hatte gar nicht darüber nachgedacht, und mir schien nur, dass auch wir beide einmal eins haben würden – einfach weil das in der Beziehung zweier Menschen, die sich lieben, für gewöhnlich passiert. Wahrscheinlich hätte ich nicht ernsthaft darüber nachgedacht, hätte ich nicht diese Frau bemerkt, wie berechenbar sie deine Nähe suchte, dich umgarnte, sich absichtlich eine Haarsträhne zurechtstrich, wenn sie mit dir sprach, wie ihre Mundwinkel zitterten, bevor sie etwas sagte, wie sie sich in die Unterlippe biss und – scheinbar beiläufig, in Wahrheit aber perfide und berechnend – mit der Zunge darüberfuhr, und wie glasig und fixiert dein Blick dabei wurde.
Da wusste ich, dass ich eingreifen muss. Nicht zuletzt war sie attraktiver als ich und besaß die Fähigkeit, eine Art warmes Magnetfeld um sich herum zu bilden, wozu ich schlichtweg nicht fähig bin. Und so passierte es halt. Als du zum ersten Mal deine Hand auf meinen Bauch legtest, wusste ich, ich habe dich, und beschloss, dich für immer zu haben, ganz und gar, ohne störende Elemente dazwischen, die unsere Liebe gefährden könnten.
Als aber die Kleine auf die Welt gekommen ist, hast du dich verändert, vor allem mich hast du nicht mehr so wie früher gesehen. Nicht mehr als Geliebte, sondern als Mutter deines Kindes. Als Mutter des Babys, aus dem langsam ein Mädchen wurde und dann, wie ich bemerkte, immer mehr ein kleines Fräulein. Jedes Mal wenn du nach Hause kamst, umarmtest du zuerst die Kleine, spieltest mit ihrem honiggelben Haar und küsstest sie auf die Wange, erst dann kam ich an die Reihe. Und die Kleine weinte die ersten Monate, sie weinte so unbeschreiblich viel, dass ich schon da überlegte, ob man nicht etwas unternehmen müsste. Jede Nacht weckte sie mich mit ihrem durchdringenden Gebrüll, sodass ich aufstand und versuchte, sie zu beruhigen, während du nur selten aufgestanden bist, denn du musstest am nächsten Morgen ausgeschlafen sein, als hätte ich das nicht nötig, weil ich mit ihr zu Hause blieb. Um für sie zu sorgen. Um für dein Kind zu sorgen. Für deinen liebsten Schatz, wie du oft gesagt hast, ohne dabei überhaupt zu bemerken, wie weh mir das tat. Sie wusste ganz genau, dass sie an erster Stelle stand, dass du sie lieber mochtest als mich. Nicht selten konnte ich dieses hämische Grinsen in ihren großen hellen Augen sehen, wenn du sie fest umarmtest und ich danebenstand, wartete, bis ich an der Reihe war, bis ihr genug voneinander hattet. Die Kleine konnte gehässig, sehr gehässig und gemein sein. Sie dachte sich die wildesten Unwahrheiten aus: zum Beispiel, dass sie nicht zu essen bekommen hätte, was sie sich an dem Tag gewünscht oder ich ihr einen Tag zuvor versprochen hatte, und ich hätte ihr ein paar Ohrfeigen verpasst, als sie im Einkaufszentrum nicht auf mich gehört und sich von mir losgerissen hatte, nur um Aufmerksamkeit zu erregen, und die Angestellten sie dann über Lautsprecher gesucht und die Verkäuferinnen mit mir zusammen zwischen den Kleiderbügeln nach ihr gekramt und gewühlt hatten, bis man sie endlich in der Sportabteilung fand. Sie lachte mir ins Gesicht, als wollte sie sagen, schau, wie viele Leute nach mir gesucht haben, alle haben mich finden wollen, einschließlich dir, die du auf der Welt niemanden hast, der dich am liebsten hat. Und in dem Moment, als man sie zu mir brachte, verpasste ich ihr in Wahrheit keine Ohrfeige, ich fasste sie nur etwas fester an und strich ihr übers Haar, sie aber brüllte, als würde es wehtun; aber das tat es nicht, ich war es, der es wehtat, weil sie mich, wie so oft zuvor, bloßgestellt hatte; alle Augen waren auf mich gerichtet, wie ich sie nur so schlecht hatte erziehen können, was für eine Mutter ich sei, solches und Ähnliches konnte ich in ihren Blicken lesen. Und zu Hause warst du dann nicht wütend auf sie, sondern auf mich, weil ich sie aus den Augen verloren hatte, weil ich zugelassen hatte, dass sich dein Kind den sicheren Händen der Mutter entriss.
Unzählige Male tat sie das, nur um im Mittelpunkt zu stehen. Wenn Freunde zu Besuch kamen, setzte sie sich aufs Sofa, überkreuzte die Beine und stellte den Gästen dann, wie ein kleines Fräulein, für Kinder ziemlich ungewöhnliche, auch mit Sexualität verbundene Fragen. Oh, wie sehr alle sie vergötterten, das wird eine richtige Femme fatale, die wird alle in Schach halten, man sieht jetzt schon, was für ein heller Kopf sie ist, und außerdem ist klar, dass aus ihr eine richtige Schönheit wird. Klug und schön, sagten die Gäste und blickten dabei zu dir. Ganz der Vater, dachten sie bestimmt, zum Glück hat sie eher wenig von der Mutter. Sie hat seine grünblauen Augen, seine großen Lippen und das entwaffnende Lächeln, mit dem man alles erreichen kann, seine außergewöhnliche Fähigkeit zu kommunizieren … Bestimmt fragte so mancher sich, was du überhaupt in mir siehst. Gut, seit wir ein Kind haben, nicht mehr, aber was hast du damals gesehen, als du wahrscheinlich noch in mich verliebt warst? Menschen kalkulieren das immer irgendwie und verlieben sich in Personen, die ähnlich schön sind, irgendwie wägen sie immer ab, für wen sie nicht schön und attraktiv genug sind und wer ihrer selbst nicht wert ist. Wenn sie uns so ansahen, merkten sie das wahrscheinlich und dachten sich, du hättest vielleicht eine Attraktivere als mich verdient. Aber keine auf der Welt hätte dich so sehr lieben können wie ich, keine hätte tun können, was ich getan habe – gerade indem ich im entscheidenden Moment nichts getan habe.
Seitdem die Kleine da war, hatte sich alles verändert. Unsere Sonntage waren nicht mehr wie früher, als wir uns bis mittags im Bett wälzten, mit einem riesigen Holztablett daneben auf dem Boden mit Obst, Vollkornbrot, Käse und Kaffee mit Kardamom. Nein, wenn wir gerade dabei waren, aufzuwachen, und du mich an dich zogst, ging für gewöhnlich die Tür auf, und sie lief im Nachthemd zu uns, sprang aufs Bett und umarmte dich. Und damit war es für den Sonntag, für die Woche vorbei. Unsere Zeit wurde immer mehr die Zeit der Kleinen, sie war es, die den Rhythmus unserer Morgen und Nächte angab. Du wolltest die Tür nicht, wie ich es einst vorschlug, einfach abschließen; man kann nie wissen, wann sie der Hafer sticht und sie aus ihrem Zimmer in unser Schlafzimmer geschlichen kommt. Das ist nicht gut, das ist unmenschlich, sagtest du, sie ist noch ein Kind und braucht uns … Ja, schon, habe ich gesagt, aber doch nicht immer, wenn ihr danach ist … und was ist mit uns? Sie ist unsere Tochter, hast du mich jedes Mal böse angeschaut, vorwurfsvoll, als würde ich dein Kind nicht lieb genug haben. Immer wenn ich morgens aufgewacht bin, dich neben mir gespürt und angefangen habe, dich zu berühren, habe ich besorgt zur Tür geschielt, gelauscht und mir gewünscht, die winzigen Schritte in Richtung unseres Schlafzimmers nicht zu hören und nicht zu sehen, wie die Türklinke sich senkt.
Immer gelang es ihr, die Aufmerksamkeit zu stehlen. Auch an meinen Geburtstagen. Ich hatte alles sorgfältig vorbereitet, mich schön angezogen, alles war in bester Ordnung, aber dann, wenn die Gäste kamen, einige davon auch mit ihren Kindern – so ist das eben, wenn man im Sommer Geburtstag hat und alle sich aufs Grillen im Garten freuen, wo die Kinder gefahrlos spielen können –, war wieder alle Aufmerksamkeit und jegliches Interesse auf die Kleine gerichtet. Und kaum hatten sie mir die Geschenke übergeben, hatten sie schon wieder vergessen, warum sie überhaupt gekommen waren. Zweimal habe ich dir gesagt, dass ich gern anders feiern würde, nicht nachmittags, im Garten und mit all diesen Kindern, sondern abends, wir beide zusammen, allein, die Kleine hätten wir zu den Großeltern gebracht. Beide Mal warst du dagegen, weil mein Geburtstag ein Festtag für die ganze Familie sei und auch unsere Eltern gekränkt wären, würden wir sie nicht einladen. Ich habe nachgegeben, nur deshalb, weil ich alles für dich tun würde, weil ich dich so sehr liebe wie noch niemanden zuvor und vor allem so sehr, wie ich noch nie geliebt wurde. Aber du weiß nicht, wie es ist, wenn du jemanden mehr liebst als er dich, wenn du weißt, dass seine Berührung und seine Umarmung jemand anderen stärker drücken können, während du bereit bist, ihm alles zu geben, was du hast, und alles dafür tun würdest, ihm auch das geben zu können, was du nicht hast. Und genau das habe ich für dich getan und mir einmal im Leben das genommen, was mir am meisten bedeutet und was mir schon das fünfte Jahr in Folge entging.
Die Kleine war jenen Sommer viereinhalb Jahre alt. Es war ein sehr heißer Sommer, so einer, über den ich mich früher unendlich gefreut hätte, wie etwa die Sommer vor der Geburt der Kleinen, die wir an der Adria verbracht hatten, allein. Seit sie da war, machten wir Familienurlaub mit unseren Freunden und deren Kindern. Das Paar, mit dem wir vor drei Jahren den Juli verbracht hatten, hatte auch eine Tochter, die aber schon lange kein Kind mehr war. Sie war fünfzehn Jahre alt, groß und schlank, sogar ein bisschen größer als ich und mit einer so vollkommenen Haut, wie sie nur wenige Teenagerinnen haben. Glaubst du, ich hätte nicht bemerkt, wie sie wie ein Puma ihren jungen, langen, noch nicht ganz entwickelten Körper reckte, wie sie schnurrte und einen Schmollmund zog, wenn du sie etwas fragtest, und sie sich scheinbar ohne besonderes Interesse, in Wahrheit aber völlig verliebt mit dir unterhielt? Worüber bloß, fragte ich mich, wenn ich euch von Weitem beobachtete, die Worte nicht verstand und nur eure Körpersprache las, die unmissverständlich und klar war: Wir gefallen uns sehr. Ich weiß, du hättest dich nicht getraut, irgendetwas zu machen, sie war erst fünfzehn, die Tochter unserer Freunde, nur zehn Jahre älter als deine Tochter. Aber als ich dieses Wesen beobachtete, diese werdende Frau, die du schon in ein paar Jahren, drei vielleicht, und in einem anderen Umfeld bestimmt berührt hättest, und es wäre nicht nur bei dämlichen Gesprächen geblieben – ich bitte dich, worüber kann man sich denn mit einer Teenagerin schon unterhalten, wenn das Gespräch nicht nur als Ausrede dafür dient, mit ihr zusammen zu sein, gerade noch so, wie es Anstandsregeln zulassen –, entdeckte ich in ihr immer mehr die Kleine.
Wahrscheinlich war es Schicksal – dass ich an jenem Nachmittag im Juli aufstand und vom Strand zum Haus darüber ging. Ich erinnere mich nicht genau, was ich dann getan habe, wahrscheinlich nichts Besonderes, außer dass ich ein paarmal auf die Terrasse gegangen bin und dich beobachtet habe, wie du dich mit der Fünfzehnjährigen unterhalten und dabei mit der Kleinen gespielt hast. Als ich das nächste Mal runtergeschaut habe, haben deine Meeresprinzessin und du Sandburgen gebaut. Ihr wart alleine, unsere Freunde und auch das Mädchen hatten sich vom Strand in den Schatten zurückgezogen.
Als ich das letzte Mal durchs Fenster schaute, lag dein gebräunter Körper unter dem geöffneten Sonnenschirm. Die Kleine spielte neben dir im Sand. Der aufblasbare Delfin, den ihr am Wasser gelassen hattet, begann sich mit der langsam nahenden Flut zu bewegen. Die Kleine bemerkte das. Als das Meer den Delfin umspülte und die erste stärkere Welle ihn davonzutragen begann, lief sie ihm hinterher. Ich ging auf die Terrasse und wünschte mir in dem Augenblick genau das, was hier seinen Anfang nahm. Du schliefst immer noch, und die Kleine tapste hinter dem Delfin her und versuchte ihn zu kriegen, aber er entglitt ihr immer mehr. Ich wusste: Ein Schrei von mir, ein lauter Ruf hätte dich geweckt, du wärst der Kleinen hinterhergesprungen und hättest sie der Gischt entrissen, die salzig ihren Körper umschäumte. In dem Moment sah ich die Gelegenheit, dass alles wieder so werden könnte, wie es einmal war. Ich und du, allein, und zwischen uns niemand, der den Rhythmus unserer Stunden, Tage, Nächte, unserer kommenden Jahre angab. Mir schien, als würde um mich herum alles stehen bleiben, die Geräusche verstummten, und das Licht war blendend grell. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete ich die Szene, und ich glaube, ich spürte nichts. Keinen Schmerz, keine Angst, ich beobachtete nur, was ich währenddessen dachte. Für einen Augenblick klammerte die Kleine sich am Griff der Flosse fest, dann entriss eine große Welle ihr mit aller Kraft das aufblasbare Tier, und sie ließ los. Ich sah ihre kleinen Hände, die versuchten, den Delfin zu erwischen, und dann, wie es sie in die Tiefe zog … Weiter beobachtete ich nicht. Ich drehte mich um und ging ins Haus, schenkte mit ein Glas Kognak ein und ließ mich aufs Bett fallen. Ich schloss die Augen, und die Welt vor und hinter mir wurde dunkel. Ich fiel in einen traumlosen Schlaf. Und als ich dann nach einer Weile eine Hand auf mir spürte und die Tränen in den Augen unserer Freundin sah, wusste ich, dass es passiert war. Dass die Geschichte zu Ende war. Die Kleine, sagte sie, umarmte und drückte mich fest an sich. Es ist etwas ganz Schlimmes passiert, brach sie in Tränen aus. Ich stand auf, benommen vom Kognak und wahrscheinlich auch vom seltsamen Schlaf, und erblickte dich, wie du dort in eine sandfarbene Decke gewickelt im Wohnzimmersessel saßt und den kleinen aufblasbaren Delfin im Schoß hieltst. Neben dir saß unser Freund, und auf dem Sofa daneben seine fünfzehnjährige Tochter, die zum ersten Mal in ihrem Leben einen Tod miterlebt hatte. Im Haus waren noch ein paar Leute, dann kamen die Polizei und der Leichenbeschauer. Das Mädchen hatte sie gefunden. Als es vom Mittagessen an den Strand zurückgekehrt war, hatte es auf der Wasseroberfläche den Körper der Kleinen treiben sehen, mit dem Gesicht nach unten. Wie ein Wahnsinniger sollst du ins Meer gesprungen sein und versucht haben, deine Meeresprinzessin wiederzubeleben, die schon in andere Meere, Ozeane, Flüsse und Seen entschwommen war. Ja, ich habe das Gefühl, dass ihr Körper, obwohl wir ihn beerdigt haben, sich irgendwie ins Gewässer der Erde ergossen hat. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, mich daran erinnern zu können, dass sich, als sie sich mit letzter Kraft am Delfin festzuhalten versuchte, unsere Blicke gekreuzt haben, dass sie gesehen hat, dass ich alles beobachtet habe, ohne ihr zu helfen. Dass ich sie habe einfach sterben lassen.
Nicht dass es mir nach ihrem Tod nicht schlecht gegangen wäre; immerhin war die Kleine auch meine Tochter. Doch in den langen Monaten danach hatte ich vor allem Mitleid mit dir, der du dir ihren Tod vorwarfst, weil du, wie es halt passieren kann, im falschen Moment nur für eine halbe Stunde am Strand eingeschlafen warst. Und du hattest mir, der Mutter deines Kindes, gegenüber Schuldgefühle, weil du es nicht vor dem Tod bewahrt hattest. Ich war dir gegenüber liebevoll, sehr liebevoll und verständnisvoll, ich redete dir gut zu, tröstete dich, dass es ein Unfall gewesen sei, dass du keine Schuld habest, dass es halt so passiert sei. Ich habe das Gefühl, ihr Tod hat dich endgültig an mich gebunden, obwohl ich gleichzeitig weiß, dass das, was du für mich empfindest, nicht so sehr Liebe ist, sondern eher ein Gefühl der Schuld.
Einmal, für einen Augenblick, hast du, glaube ich, an mir gezweifelt und mich gefragt: Aber du hast sie doch auch sehr lieb gehabt, oder? Natürlich, habe ich geantwortet, sie war unser Kind. Ich kann mich an deinen Blick erinnern, als wärst du mit der Antwort nicht zufrieden, als wolltest du noch etwas anderes von mir hören …
Und dann habe ich dich umarmt, ganz eng habe ich mich an dich gekuschelt, und wir haben angefangen uns langsam und zärtlich zu lieben. Es war ein Sonntagvormittag, und nichts konnte uns stören.
Mit dem Tod der Kleinen hast du dich verändert, du bist verletzlicher und sanfter geworden und tauschst keine Blicke mehr mit anderen Frauen und Mädchen aus. Wenn du vorsichtig ansprichst, dass du dir wünschtest, wir würden noch ein Kind bekommen, drehe ich mich traurig weg und antworte: Du weißt doch, das kann ich nicht, es tut zu sehr weh. Du streichelst mich und gibst mir mit einem Kuss zu erkennen, dass du mich verstehst. Aber das tust du nicht. Du wirst nie erfahren, dass ich in Wahrheit nicht schwimmen mag, weil ich das Gefühl habe, ich müsste nur ins Wasser gehen, dann würde ich auf der Haut ihr weiches, honigfarbenes Haar spüren, und ihre kleinen Hände, die mich umklammern und mit aller Kraft unter die Oberfläche ziehen.
Manchmal träume ich, wie es sie auf dem blauen Delfin aufs Meer hinausträgt und ich ihr hinterherlaufe, dann wieder, wie der Delfin und sie mich packen und auf den Meeresboden ziehen. Aus solchen Träumen wache ich immer mit einem furchtbaren Schmerz auf, verkrampft und regungslos liege ich da, kann kaum atmen, und das Herz schlägt mir bis zum Hals, aber nicht nur eines, neben meinem Herzschlag höre ich zudem das beschleunigte Schlagen eines kleineren Herzens. Nie wecke ich dich auf. Immer warte ich, dass es vorbeigeht, gehe dann ins Bad, um zu duschen. Anschließend komme ich zurück, lege mich neben dich, küsse dich fest, ganz fest mit unermesslicher Liebe und schmiege mich eng an dich.
Als sich dein Zustand schon einige Monate hinzog, hatte ich genug. Ich konnte dich nicht mehr so sehen. Du sahst aus wie ein zerkratztes mittelalterliches Fresko, verblasst und ganz ohne Leben. Du schienst mir sogar alt geworden zu sein. Gerade du, die in ihren besten Momenten nicht aufzuhalten war und deren Leidenschaftlichkeit oft schon an Mutwillen grenzte. Als ich dich kennenlernte, dachte ich, du lebtest den typischen Widerspruch einer Femme fatale, die – während die Männer von ihr träumen – allein und einsam zu Hause im Bett liegt. Nein, bei dir war es nicht so. Immer wenn du den Namen eines Mannes erwähntest, achtete ich darauf, wie du ihn aussprachst, ob du ihn so nebenbei hinwarfst oder ob sich deine Stimme verdächtig hob, woraus ich zu schließen versuchte, ob du dich mit ihm schon irgendwie eingelassen hattest oder es dir erst wünschtest und wahrscheinlich noch tun würdest. Männer und Burschen – meine Teure, manchmal viel zu junge Burschen, sogar jüngere als ich! – sammeltest du je nach aktueller Befindlichkeit und Laune auf.
Das machte mich rasend, aber genau deswegen warst du ja, was du bist – in erster Linie anders als die Frauen, die ich kenne. Denn von all den vielen Typen hatte dich in Wahrheit keiner. Und in Wahrheit irritierte mich deine Art zu leben nie so besonders, nicht zuletzt waren wir nur Freunde. Wir waren vor allem Freunde. Sehr gute, sehr intime Freunde. Eigentlich mochte ich dich viel mehr, als ich sollte. Ich hatte nämlich selbst eine Freundin – ja, und ich liebte mein Mädchen. Aber dich – dich mochte ich auf ganz eigene Art. Bei dir war es weit mehr, als dich nur zu mögen.
Und dann, wie der Blitz aus heiterem Himmel, tauchte er auf. Ich hatte schon länger den Eindruck, dass mit dir etwas vor sich ging – na ja, etwas ging immer vor sich –, und wahrscheinlich hättest du es mir früher oder später gesagt; denn ob du glücklich oder unglücklich warst, du konntest es schwer für dich behalten.
An einem schwülen Frühsommermittag saßen wir im Garten einer bescheuerten Latino-Bar und betranken uns mit billigen Cuba-Libre-Imitationen. Es hob dich förmlich vom Sitz, du redetest viel, sticheltest gegen den Kellner, reiztest mich und schmeicheltest mir – und schlugst ihn mir dann um die Ohren.
»Mit wem!?«, erwachte ich aus dem lasziven Rhythmus.
»Er hat geschrieben, dass er kommt.«
Und dann warst du nicht mehr zu bremsen: wann du ihm zum ersten Mal begegnet warst – soweit ich verstand, bei irgendeiner Kulturprozession –, erklärtest lang und breit in deinem Rausch, wie wahnsinnig interessant du ihn fandst, und vor allem nicht nur interessant, sondern auch, dass du ihn wolltest, so stark wie schon lange keinen. Ich presste die Lippen zusammen und war ehrlich wütend. Und was war das damals, als wir in einer kalten Nacht durch die Stadt gestapft sind und uns erst ein paar Monate gekannt haben, und du hast mich an eine Mauer gedrückt und mich zu küssen begonnen?! Ich sage ja nicht, dass ich es nicht gemocht habe, im Gegenteil, noch ein paar Tage nach dem Ereignis habe ich nicht schlafen können; nicht nur, weil ich ausprobieren wollte, wie es mit einer anderen Frau wäre, sondern vor allem, weil ich es mit dir wollte. Aber schon damals ahnte ich, dass du es, wenn dich der Hafer sticht, rasch und rückhaltlos machst. Ich spürte, dass ich dir gefiel, so wie du mir gefielst, doch ich hatte eine Beziehung, und du hattest gleich mehrere – obwohl ich mir noch nicht ganz sicher war –, und ich wies dich an jenem Abend ab. Gar nicht deshalb, weil du älter bist, und nicht nur ein paar Jahre, sondern ein ganzes Jahrzehnt; sondern weil du mit einer Frivolität und Leichtigkeit zu Werke gehst, als bestelltest du im Restaurant dein Abendessen.
Ich vergötterte dich: die Art, wie du sprachst, wie du die Lippen bewegtest, wie du mit deinem Atem die Sätze unterbrachst und sie zu ganz eigenen Bedeutungen verbandst. Manchmal wirktest du weich und feminin, ein andermal wieder wie eine auftrainierte ostdeutsche Schwimmerin, und deine Gangart war rustikal und dein Auftreten viel weniger sanft. Manchmal sticheltest du sehr direkt und sogar ein wenig grob, dann wieder streicheltest du zärtlich mein Haar, küsstest mich auf die Wangen und auch auf den Mund. Und dann erwachte wieder etwas in dir, und du legtest Bedeutung in deine Küsse. Fast immer wollte ich Gleiches erwidern, aber ich brach es jedes Mal ab. Ich wusste, dass wir uns am nächsten sind, wenn wir bloß und vor allem Freunde bleiben, ohne miteinander zu schlafen, was du nie ganz verstanden hast. Diese Begriffe waren bei dir von jeher vermischt. Wenn dir jemand sehr gefiel und du mit ihm eine Nähe aufgebaut hattest, war es für dich selbstverständlich, mit ihm auch zu schlafen. Kommunikation halt, sagtest du lachend, es geht immer um die Sprache, manchmal mit Worten, ein andermal bestehen die Botschaften aus Berührungen und Küssen. Wenn du so redetest, konnte ich nie entscheiden, ob du nun vulgär warst oder nicht, aber es wirkte bei dir so naiv und rein, dass ich in Wahrheit an deinem Verhalten nichts Obszönes fand. Außerdem genoss ich deine Geschichten sehr, obwohl ich dich, wenn wir zusammen in Männergesellschaft saßen, am liebsten an den Haaren gepackt und dich vom Tisch weggezerrt hätte. Ein paarmal neigte ich mich zu dir und sagte dir ins Gesicht, dass man wirklich nicht immer und überall kokettieren muss. Tu ich ja nicht, verteidigtest du dich, zumindest nicht mit Absicht, sagtest du. In solchen Momenten hätte ich dir am liebsten eine gedonnert, und dann noch all diesen Deppen, die schmachteten, während du sie reihenweise verputztest und dir dabei deinen scheinbar unschuldigen Enthusiasmus bewahrtest. Wirst schon sehen, dachte ich, eines Tages gehst auch du in die Falle, und es wird für dich überaus lehrreich sein, schon dass du einmal spürst, was andere spüren, wenn du sie mit einem Lächeln zerbröselst und sie sich dann zu Hause – natürlich, wenn du einen mal nicht abgeschleppt hast –mühsam und stückweise wieder zusammensetzen.
Und dann geschah es auch wirklich. Über niemanden hast du je mit solcher Glut gesprochen. Du beschriebst ihn so genau, dass ich entsetzt war, als ich ihn dann später traf. Na ja, der Typ sah in Wahrheit gar nicht so gut aus, ja, er war wirklich groß, klug auch, keine Frage, immerhin hatte er sich zu diesem dämlichen Job in der Europäischen Kommission hochgearbeitet, und er vermarktete recht geschmacklos sein letztes Buch, das gar nicht seins, sondern nur ein zusammenkompilierter kulturpolitischer Sammelband war. Vom ersten Moment an, seit deiner ersten Erwähnung, ging er mir auf die Nerven. Ein aufgeblasener EU-Karrierist! Und von Anfang an hatte ich so eine Ahnung, dass der Typ in Wahrheit keine Eier hat. Ein bürokratischer Kompromissler halt, der jahrelang Scheiße gefressen hat, um endlich an diesen idiotischen Job zu kommen, sich aus zweiter Hand Sportautos aus Plastik zu kaufen und damit prahlerisch von einer Konferenz zur anderen durch Europa zu düsen. Ein biederer, angestreberter Schaumschläger eben!
»Wenn ich recht verstehe, meine Liebe, hast du dich in einen EU-Bürokraten verliebt …«
»Er ist nicht nur Bürokrat, er hat schließlich ein Doktorat!«
»Sag ich ja, ein biederer, angestreberter Schaumschläger eben«, wiederholte ich, und du gingst mir beleidigt an den Hals.
Ich verstand nicht, warum gerade er. Warum ausgerechnet er den Abgrund in dir aufriss, der nicht zu schließen war, und einen so starken Wunsch erweckte, dass es mich an jenem Sommernachmittag, als du deine Loblieder auf sein Aussehen, seine Klugheit und seinen Sinn für Humor sangst, an die Wand drückte. Vor allem aber, meine Liebe, hatte er, wie ich später feststellen sollte, nicht den leisesten Sinn für Humor. Und alle deine Psalmen waren nur eine Wirkung des Spiels deiner Hormone, das abgesehen davon, dass du verliebt warst, mit der Wirklichkeit absolut nichts zu tun hatte.
Der mächtige Wunsch, den er in dir ausgelöst hatte, ließ dich derart leuchten, dass du attraktiver warst als je zuvor. Mich interessierte brennend, was an diesem Deppen dran war, dass es dich durch die Stratosphäre katapultierte, an einen Ort, wo keiner von uns, die wir dich kennen, Zugang hatte. Manchmal trafen wir uns nur, um über deine Euphorien zu quatschen, und wir versuchten uns zu erinnern, wann wir zuletzt einen Film gesehen hatten, in dem jemand so unendlich verliebt war, und wie es überhaupt das Phänomen geben kann, dass sich eine ansonsten sehr intelligente Frau so ohne jede Reserve und jeden Schutzreflex verliebt. Ich hoffe, ich wünsche mir, merkte einmal einer unserer Freunde an, dass es ein gutes Ende nehmen wird, oder besser gesagt, dass es gar kein Ende nehmen wird, denn das wird eine sehr harte Landung. Und dann wird sie wieder krank sein, voller Schmerzen, eingebildeter Tumore, geschwollener Drüsen, und von einer sandigen, ausdruckslosen Hautfarbe, sie wird nichts sagen, und ihr Blick wird verletzt und tot sein.
»Ich bring ihn um, wenn er mit ihr spielt«, sagte ich damals. Und derselbe Freund antwortete mir: »Ich hoffe, du hältst Wort.« Wir lachten, was sollten wir auch tun, es war Sommer, der Abend war warm, und es schien – wahrscheinlich gerade wegen deiner grenzenlosen Verliebtheit –, dass es keine Grenzen gab und alles möglich war. Wirklich alles.
Der Typ kam dann tatsächlich. Wie er aussah, konnte damals keiner von uns verifizieren. Denn an dem Abend, an dem er mit so einem Plastikcabriolet angeschwebt sein soll, schaltetest du das Telefon ab und verstecktest ihn vor uns allen wie eine Katze ihre Jungen. Ein paar Tage danach klingelte – endlich! – mein Handy.
»Hast du irgendwelche Pilze gegessen?«, unterbrach ich dich und hielt das Telefon, aus dem du mir euphorisch ins Ohr schriest, dass es bisher noch mit keinem so schön war und solchen Schwachsinn, etwas weiter weg. Wenn der Typ in dem Moment auf Armlänge gewesen wäre, hätte ich ihm sicher eine aufs Maul gegeben. Einfach so, ansatzlos. Ich ahnte, dass es nicht gut ausgehen würde. Du kanntest ihn überhaupt nicht. Du hattest einfach entschieden, in deinem Kopf eine Seifenoper laufen zu lassen, und als Hauptfigur hattest du ihn ausgewählt. Es hätte auch jemand ganz anderer sein können, aber du warst in dem Augenblick, als ihr euch begegnet seid und nachdem du ihm dann andauernd schreiben solltest, einfach bereit für die Liebe. Gut, vielleicht turnte er dich an mit seiner gekünstelten Korrespondenz – die verglichen mit deiner wesentlich spärlicher war –, doch es hätte garantiert auch jemand anderer sein können, jemand aus einem anderen Land, der ganz anders aussieht als er, gar nicht nötig, dass er ein paar Jahre älter ist als du und so einen dämlichen Job hat … ja, letzten Endes hätte es auch ich sein können. Natürlich, wenn du nicht so gelebt hättest, wie du gelebt hast … Wenn ich keine feste Beziehung gehabt hätte … Wenn … In dieser Zeit ging von dir eine Energie aus, die Tote aufgeweckt hätte. Während wir andern uns abends in Jacken und Pullover hüllten, untermaltest du deine Lobgesänge weit ausholend mit bloßen Armen und strahltest eine spürbare Wärme ab.
»Meine Liebe, aber du kommst bald in den Wechsel«, stichelte ich.
»Absolut«, antwortetest du, »in einen Lebenswechsel …«
Manchmal vertrautest du mir ein Detail aus eurer Beziehung an, das mich brennend interessierte, zugleich aber wurde ich immer wütender auf ihn. Und wütend war ich auch auf dich – weil du ihn vor uns allen verstecktest, und vor allem, weil du ihn vor mir verstecktest. Wenn ich ihn damals, gleich am Anfang, getroffen hätte, hätte ich dir manches ersparen können. Ich hätte ihn sicher durchschaut, hätte in seinem lauen, furchtsamen und zugleich aufgeblasenen Charakter gelesen wie in einem Buch. Nicht nur, dass er nicht in dich verliebt war, er mochte dich nicht einmal, und ich bin immer mehr überzeugt, dass er nur mit dir zusammen war, um sich rächen zu können – weil er dir deine Leidenschaft und die Fähigkeit, zu genießen, neidete. Und mit dir rächte er sich auch an all den Frauen, die ihn in seiner frühen Jugend, als er die Technik der Verführung noch nicht beherrschte, wie auch immer fertiggemacht hatten oder für ihn unerreichbar gewesen waren.
Dass er ein total egoistisches männliches Schwein war, zeigte sich schon nach einem knappen Monat. Na, schreibt er dir, dein EU-Bürokrat, reizte ich dich, ja, antwortetest du zuerst, nicht so oft, sagtest du etwas später, eigentlich selten … sozusagen nein, murmeltest du einmal mit nicht mehr leuchtendem Gesicht und meintest noch, dass du sowieso vorhättest, ihn zu besuchen. Ich hoffe, du wirst es fein haben, wünschte ich dir, als du dich zum Zug nach Brüssel aufmachtest, in Wahrheit aber wollte ich, dass du enttäuscht zurückkommst, ihn möglichst schnell verschmerzt und vergisst und wieder so wirst, wie du warst. An diesen Tagen, die du bei ihm verbrachtest, schlief ich schlecht; abends wurde ich unruhig, und ich konnte nicht anders, als dir wenigstens eine SMS zu schicken. Mit großer Mühe schaffte ich es, dich nicht schon um sechs Uhr morgens anzurufen, aber um acht entschied ich: Es reicht, steh endlich auf, und ich schickte dir irgendeinen schönen Gedanken, um dir einen guten Tag zu wünschen, wobei ich nicht anders konnte, als irgendeinen scharfen Zynismus auf seine Kosten vom Stapel zu lassen.
Nach der Rückkehr war deine Freude gemäßigter und ruhiger. Ich dachte überrascht, dass die biochemische Verliebtheit dabei war, sich in partnerschaftliche Liebe zu verwandeln, und bald war klar, dass ich recht hatte.
»Na, wie geht’s mit deinem Bürokraten, meldet er sich?«, reizte ich dich. Dass ihr euch täglich SMS-Nachrichten schreiben würdet, sagtest du zuerst, dann, dass er immer seltener antworte, nach ein paar Wochen aber zucktest du immer zusammen, wenn ich dir diese Frage stellte, sagtest, dass ich das mit Absicht täte und genau wisse, dass ich dich mit dieser Frage quäle. Als ich einmal die Fotos ansah, die ich im Sommer von dir geschossen hatte, und sie mit den anderen verglich, die im Herbst, nach der Rückkehr von ihm, entstanden waren, bemerkte ich, wie dein Blick und auch deine Erscheinung an Ausstrahlung verloren hatten. Deine Stimme war leiser geworden und die Worte immer karger. Dein Humor war verpufft, es gab keine witzigen Sticheleien mehr, und ich bemerkte, dass das Ganze für dich bereits sehr schmerzhaft war. Ich weiß nicht, sagte ich, um dich wach zu kriegen, wie eine so intelligente Frau nicht einsehen kann, wie du nicht einsehen kannst, dass du ihm nichts bedeutest und dass du für ihn nicht mehr bist als eine Schachfigur. Ich verstehe nicht, gab ich mich verwundert, wie eine solche Amazone an einem nuttigen EU-Deppen kleben kann. »Ich bin in ihn verliebt«, antwortetest du mir, und deine Stimme wurde zusehends monoton. Du warst immer seltener bereit, dich mit Freunden zu treffen, immer seltener schicktest du mir eine SMS, und auf meine Mails antwortetest du überhaupt nicht mehr. Es war unerträglich schmerzhaft für mich, weil es schmerzhaft für dich war. Du Schwein, sagte ich oft bei mir und stellte mir vor, wie ich ihn traf, ihn durch eine Fleischmaschine drehte und ihn dann im nächstgelegenen Park irgendwelchen verschissenen Vögeln vorwarf, damit sie sich an seinem faschierten Körper sattfraßen, den du, wie du sagtest, so sehr bewundertest.
Da war aber etwas im Zusammenhang mit ihm, worüber du nicht reden wolltest, es sei nicht richtig, es irgendjemandem zu sagen, sagtest du einmal leise. Was ist es denn, fragte ich dich, du aber verstummtest und würgtest nur heraus, dass du überzeugt seist, ihn sehr berührt zu haben.
»Dieser Pragmatiker ist zu berechnend«, versuchte ich dich zu überzeugen, »um zuzulassen, dass ihn irgendetwas berührt, außer wenn er daraus einen Nutzen ziehen kann. Du hast nie sein Spiel durchschaut – du bist mit Haut und Haar darauf eingestiegen, er aber hat die Puppen tanzen lassen. Was weißt du, wo dieser Pastor der Europäischen Union im Moment sein Evangelium verbreitet, vielleicht überzeugt er gerade die assoziierten Partner in Ungarn oder in Tschechien, während er sie ohne Emotionen – zu denen er nicht fähig ist, hast du das nicht bemerkt – gnadenlos fickt!«
Du warst nicht mehr böse wegen meiner groben Kommentare, sondern hast nur noch leise vor dich hin gesagt, dass du nicht weißt, wie das Ganze enden wird – etwas, das überhaupt nie begonnen hat! –, dass du nicht mehr kannst und dass du von dem unendlichen Verlangen wahrscheinlich noch wahnsinnig wirst oder überhaupt stirbst, dass dir das Herz brechen wird …
»Das Herz brechen?!«, sagte ich, enttäuscht von einer gelutschten pathetischen Erklärung, wie ich sie von dir nicht erwartet hätte.
»Du bist ja nicht herzkrank, du bist nur verliebt – und zwar in einen Vollidioten. Du verdienst etwas ungleich Besseres, er ist deiner wirklich nicht würdig«, so redete ich auf dich ein. Du aber bliebst still und schautest nur noch vor dich hin, und es tat mir weh, als ich sah, wie du von innen heraus langsam und sicher zerfielst.
Und damals entschied ich mich und wiederholte bei mir, was ich einmal im Scherz, aber trotzdem ein wenig im Ernst, gesagt hatte: Ich bring ihn um, den Dreckskerl! Nicht physisch, aber doch so, dass es für ihn lehrreich sein wird. Ich werde ihn so vollständig erledigen, dass seine Bürokratenkarriere wenigstens für eine Weile Staub ansetzen wird!
Als wir an jenem Sommernachmittag in der billigen Pseudo-Latino-Bar saßen, erwähntest du nebenbei, dass du den Eindruck gehabt hättest, dass er nicht nur auf Frauen, sondern auch auf Männer stehe; hinterher habe sich ja herausgestellt, dass er nur auf Frauen stehe, und zwar vor allem auf dich. Ich kannte deine Unfehlbarkeit in diesen Dingen, du solltest diese Feststellung aber später vergessen, weil das Serotonin deine Wahrnehmung verzerrte und du die Wirklichkeit nur noch deinen Wünschen anpasstest. Meine Entscheidung – dich auf die wirksamste Weise zu erlösen und zu rächen – besänftigte mich. Ich sagte natürlich zu niemandem etwas. Binnen einiger Tage hatte ich einen präzisen Plan parat. Er war absolut niederträchtig – aber gerecht. Und danach widmete ich mich, zugegebenermaßen mit einem Genuss, wie er mir selten beschert war, seiner Durchführung. Zuerst bestellte ich mir übers Internet seine Bücher und Publikationen und überflog sie rasch. Es waren beileibe nicht viele, im Wesentlichen kompilieren sie ein und dasselbe Material. Dann machte ich mich an die Kommunikation. Ich kam an seine E-Mail-Adresse, was bei EU-Beamten wahrlich nicht schwerfällt, und trat mit ihm in Kontakt. In einer Nachricht stellte ich mich als Journalist vor – was nicht weit von der Wahrheit ist –, der sich mit der europäischen Kulturpolitik befasse und mit ihm – dich erwähnte ich natürlich nicht – ein Interview machen wolle. Ich schmeichelte ihm mit einigen Superlativen, was seine Texte betraf, warf nebenbei ein paar Bedenken hinsichtlich seiner EU-Evangelien ein und gab ihm zu verstehen, dass ich eine Nuss sei, die er mit seiner oberflächlichen Schnulzigkeit nicht so leicht knacken würde. Ich warf ihm den Handschuh hin und hängte noch mein Foto an – eines, auf dem ich mich selbst geil finde. Der Trottel nahm natürlich auf der Stelle an und antwortete mir, dass er meine Kommentare höchst interessant finde und sehr gern zu einem Gespräch bereit sei. Es war klar, dass er wie eine fette Fliege auf die Marmelade gegangen war und dass nur noch der Deckel aufs Glas geschraubt werden musste, damit das Insekt in all dem zuckrigen Zeug erstickt.
»Sollen wir das Gespräch übers Internet führen?«, fragte er mich per E-Mail, und ich schrieb ihm begeistert zurück, dass ich in zwei Wochen auf das Filmfest in Rotterdam fahre und unterwegs bei ihm vorbeischauen könne. »Das finde ich direkt wunderbar«, antwortete er. Den Karpfen hatte ich fett an der Angel, und ich musste ihn nur noch herausziehen und auf den Grill werfen.
Zwei Tage vor der Abfahrt ging ich zum Friseur, ließ mir die Haare schneiden und skandinavisch-blond färben, und auf dem Heimweg lieh ich mir in der Videothek »Tod in Venedig« aus und studierte dann anhand einzelner Szenen ein paar präadoleszente Posen Tadzios und übte sie vor dem Spiegel ein. Ich stöberte im trendigen Teil meiner Garderobe und wählte Klamotten der Firma Gap aus. Bereite dich nur vor, wetzte ich beim Anprobieren meine Gedanken, ich dresch dich zusammen wie einen Taliban, ich mach dich nieder wie die Twin Towers in New York, so drohte ich ihm in Gedanken und freute mich diebisch.
