Unter diesen Linden - AJAR - E-Book

Unter diesen Linden E-Book

AJAR

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Beschreibung

Sie war die Grande Dame der Westschweizer Literatur und verstummte nach dem tragischen Tod ihres einzigen Kindes im Jahr 1960. Von der Zeit danach blieben ihre Tagebuchskizzen, sensible Momentaufnahmen einer liebenden, trauernden und endlich wieder hoffenden Mutter - ein Gang durch die existentiellen Empfindungen des menschlichen Herzens: Esther Montandon, geschaffen vom Autorenkollektiv AJAR. Die Vereinigung junger Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Romandie verwirklicht in ihrem ersten, aufsehenerregenden Roman die Utopie des kollektiven Schreibens und ruft mit achtzehn Stimmen eine einzige Erzählerin ins Leben. Berührend, ja unerhört authentisch sind ihre Aufzeichnungen, die die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verwischen. Ehrengabe zum Gottfried Keller-Preis 2016.

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EPUB

Seitenzahl: 72

Veröffentlichungsjahr: 2017

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www.lenos.ch

AJAR

Unter diesen Linden

Roman von Esther Montandon

Aus dem Französischenvon Hilde und Rolf Fieguth

Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia unterstützt.

Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

Titel der französischen Originalausgabe:

Vivre près des tilleuls. Par Esther Montandon

Copyright © 2016 by Editions Flammarion, Paris

E-Book-Ausgabe 2017

Copyright © der deutschen Übersetzung

2017 by Lenos Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Neeser & Müller, Basel

Coverillustration: Neubau Welt Archive. © Neubau, Berlin

eISBN 978 3 85787 960 9

www.lenos.ch

Das Kollektiv AJAR

Das Kollektiv AJAR (Association de jeunes auteur-e-s romandes et romands) gründete sich im Januar 2012. Seine Mitglieder teilen dieselbe Leidenschaft: die Möglichkeiten auszuloten, wie in einer Gruppe Literatur entstehen kann. Unter diesen Linden ist der erste Roman des Kollektivs. Er wurde mit der Ehrengabe zum Gottfried Keller-Preis ausgezeichnet. www.jeunesauteurs.ch.

Die Übersetzerin und der Übersetzer

HILDE FIEGUTH, geboren 1944 in Schwabach, lebt seit 1983 in Freiburg i. Ü. Langjährige Beschäftigung mit meist literaturbezogener Malerei. Seit 2000 freie Literaturübersetzerin; sie hat vor allem Werke von S. Corinna Bille und, zusammen mit Rolf Fieguth, von Maurice Chappaz und Nicolas Bouvier ins Deutsche übertragen; für den Lenos Verlag übersetzte sie zudem Jean-François Haas und Mahi Binebine. ROLF FIEGUTH, geboren 1941 in Berlin. Studium der Slavistik und der osteuropäischen Geschichte in Berlin und München. 1983–2007 Professor für slavische Sprachen und Literaturen an der Universität Freiburg i. Ü. Wissenschaftliche und literarische Übersetzungen aus dem Russischen, Polnischen und Französischen. www.fieguth.ch.

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Fiktion ist nicht das Gegenteil des Wirklichen

Vorwort

Als Esther Montandon mir 1997 ihr Archiv anvertraute, sah ich mich einer grossen Anzahl unterschiedlichster Dokumente gegenüber: Postkarten, amtliche Schriftstücke, Briefe, Zeitungsausschnitte … Dazu all das, was unsereinem bei jedem Schriftsteller das Herz höherschlagen lässt: einzelne hingekritzelte Entwürfe, Typoskripte mit oder ohne handschriftliche Anmerkungen, drei Notizhefte.

Ich war dankbar für diesen Vertrauensbeweis und übernahm die Aufgabe mit Begeisterung, die allerdings angesichts der Fülle des Materials mehr und mehr dahinschwand. Der Tod der Autorin im Jahr darauf belebte zwar eine Zeitlang das Interesse des Publikums an ihrem Werk, aber dann geriet es allmählich in Vergessenheit.

Manch einer hielt ihr anspruchsvolles Œuvre für zu schmal – Esther Montandon hat zu Lebzeiten nur vier Bücher veröffentlicht. Oft wird sie im Übrigen auf Klavier im Dunkeln (1953) reduziert, ihren ersten und bekanntesten Text. Damit unterschätzt man aber den Reichtum der drei anderen Bände. Man muss nur Die Kraftprobe (1959) wieder lesen, das bissige und jubelnde Porträt einer zwischen Tradition und Moderne schwankenden Schweiz, oder Drei grosse Affen (1970), Novellen, in denen die Autorin mit ihrer schonungslosen Schilderung einer patriarchalischen Gesellschaft ihr feministisches Engagement bekundet. Und schliesslich bieten ihre Kindheitserinnerungen, in den Fragmenten der Unverlierbaren (1980) wunderbar zu einem Strauss gebunden, in puristischem Stil einen poetischen, dokumentarischen Blick auf das Ruanda und die Schweiz der 1930er Jahre. Mehr gibt es nicht.

Der gesamte Nachlass Esther Montandon enthält nur Material ab dem Beginn der 1960er Jahre. Alles Vorherige – Hefte, Entwürfe, Manuskripte, laufende Projekte, die in ihrer Korrespondenz bezeugt sind – fiel dem Autodafé nach dem Unfalltod ihrer Tochter Louise am 3. April 1960 zum Opfer. Von dieser Tragödie, nach der die Autorin zehn Jahre lang keine Veröffentlichung mehr vorlegte, findet sich in Drei grosse Affen und auch in den Unverlierbaren keine Spur. Nie hat Esther Montandon über den Verlust ihrer Tochter geschrieben. Das war jedenfalls lange die Meinung.

Wie soll ich also meine Gefühle beschreiben, als ich an einem Wintermorgen im Jahr 2013 das mir anvertraute Material in Schachteln einordnete und dabei den Inhalt eines Umschlags mit der Aufschrift »Rechnungen« entdeckte, eines Umschlags, den ich hundertmal in der Hand gehabt haben muss, ohne ihn zu öffnen – und darin befand sich ein kleines Bündel Manuskriptseiten.

Und auf einmal ist alles da, wunderbarerweise bewahrt.

Es ist kein Roman, auch kein abgeschlossenes Werk, sondern eine Sammlung von Eindrücken, Geschehnissen, Gedanken und Erinnerungen. Eine kleine Soziologie der Trauer. Dass dieses Manuskript nicht vernichtet wurde, lässt Deutungen zu. Wollte Esther Montandon, dass ihre so persönlichen Texte jemandem in die Hände fallen?

Wie dem auch sei, eine genauere Betrachtung der Fragmente ergibt, dass sie sich wahrscheinlich über den Zeitraum zwischen Anfang 1956 (Louise wurde am 4. Oktober geboren) und den zwei Jahren nach Louises Tod am 3. April 1960 verteilen. Die Blätter sind weder nummeriert noch datiert, für die vorliegende Ausgabe wurden sie sorgfältig geordnet, um die Lektüre zu erleichtern. Bemerkungen in eckigen Klammern stammen selbstverständlich nicht von der Autorin.

In Unter diesen Linden – den Titel hat nicht Esther Montandon gewählt, aber er bezieht sich auf eine Schlüsselstelle – oszilliert die Erzählung zwischen Vergangenheit und Gegenwart; man kann nicht mit Gewissheit feststellen, welche Episoden im Zeitpunkt ihres Erlebens und welche im Nachhinein aufgeschrieben wurden. Aber die genaue Chronologie spielt kaum eine Rolle. Esther scheint sich vielmehr wie im Nebel durch diese Momente zu tasten, sie bahnt sich einen Weg durch ein Labyrinth aus intimen Reflexionen und gesellschaftlichen Anforderungen.

Kann man sich überhaupt um jemand anderen kümmern als um sich selbst bei einem solch unwiederbringlichen Verlust? Esthers Beziehung zu ihrem Mann Jacques war schon von der Schwierigkeit, ein Kind zu bekommen, geprägt, sie wird durch das Drama weiter zermürbt. Trotz aller Differenzen (das Paar trennt sich in den 1970er Jahren) kommt es nie zur Scheidung. Respekt war an die Stelle der Liebe getreten.

Nichts blieb der Autorin erspart. Das heisst aber nicht, dass nicht auch Glücksmomente auf diesen Seiten vorkommen. Esther Montandon bleibt sich treu und gestaltet trotz ihrer Verwundung geduldig und hartnäckig einen Schmerz, der nur ihr gehört. Die Erinnerung an Louise, für immer tragisch und auf ewig glücklich und im Schreiben verklärt, ist nun ganz und gar Literatur geworden.

Vincent König,Verwalter des Archivs Esther Montandon

1

Es brauchte fast zehn Jahre. Fast zehn Jahre lang hing mein Menstruationskalender mit allen Daten im Schlafzimmer. Zehn Jahre lang warteten wir beklommen den kompetenten Bescheid erst des Arztes, dann eines grossen Spezialisten ab, dem wir die Entscheidung über das Daseinsrecht unseres Kindes übertragen hatten. Zehn Jahre, in denen wir regelmässig eine neue Grossmutterbehandlung auf uns nahmen, an die wir selbst nicht glaubten. Schon seit Monaten wurde das Thema dann überhaupt nicht mehr zur Sprache gebracht. Jacques hatte verstanden, dass dies unweigerlich einen Sturm ausgelöst hätte. Je länger es nicht klappte, desto weiter entfernten wir uns voneinander. Schliesslich gab ich es auf, liess los, fing an, um dieses Kind zu trauern, das nicht geboren werden sollte. Der Arzt sagte mir später, dieser Verzicht habe das Wunder sicherlich erleichtert.

Während der ersten vier Monate waren meine Augen ständig feucht. Ich hatte so lange zwischen Hoffnung und Verzweiflung gelebt, dass ich diese Wartezeit nicht richtig einschätzen konnte. Mir war nicht übel, und ich hatte keine Rückenschmerzen. Nur dieses Kind, das bereits wuchs, die Wärme, die die Leere ausfüllte, Jacques, der sich wieder traute, mich anzuschauen. Ich hatte so lange darauf gewartet, dieses Baby an meine Brust zu drücken, und trotzdem wünschte ich mir, diese Zeit würde noch einmal zehn Jahre lang dauern.

2

Heute Morgen kam M. vorbei, ein alter Schulfreund von Jacques, und nahm einen Hobel aus seiner Werkzeugtasche. Die Wiege, die wir ihm abgekauft hatten, passte nicht durch die Tür des kleinen Zimmers, in dem das Kind schlafen sollte. Soll man das Kind schreiben? Was sonst? Mein Kind kommt mir noch zu unwirklich vor, unser Kind zu förmlich. An manchen Tagen kam mir dieses Wort mit seiner einzigen Silbe, das man ständig hört und sagt, verdächtig und seltsam vor, versetzte mich aber zugleich in Entzücken.