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Er nennt sich Simon, seitdem er illegal nach Deutschland eingeschleust und in Niedersachsen abgesetzt wurde. Nur mit dem, was er am Leibe trägt, und seinen bruchstückhaften Erinnerungen versucht er, sich im fremden Land zurechtzufinden. Wenigstens spricht er Deutsch. In einer verlassenen Mühle trifft er auf Valentina und den jungen verstörten Roddy - auch sie Flüchtlinge aus Osteuropa. Simon möchte für die beiden sorgen, etwas Neues aufbauen. Sie tun sich zusammen und für die Wahlfamilie beginnt eine lange und beschwerliche Reise. Alle drei sind traumatisiert und ohne Angehörige. Sie leben in ständiger Angst, entdeckt zu werden, schlagen sich durch und hoffen, irgendwann anzukommen. Oft denkt Simon an seine erste Nacht auf dem Feld unter freiem Himmel, auch die dunklen Bilder aus der Vergangenheit tauchen auf. Dann gelingt es ihm, Arbeit in einem Fahrradladen zu finden, der alte Besitzer will ihnen sogar bei der Legalisierung helfen, aber es ist ein täglicher Kampf. Nach einem Streit läuft Roddy weg, Valentina und Simon suchen das behinderte Kind verzweifelt. Obwohl sie sich nähergekommen sind, driften die beiden während der Suche auseinander. Jeder geht seinen eigenen Weg, in die Mühle können sie nicht zurück. Die junge Valentina sehnt sich nach dem großen Leben in der Stadt. Simon nimmt mehr als die Oberfläche anderer Menschen wahr, aber er wird von seinen Erinnerungen und Verletzungen gequält. Erst als Valentina wieder zu ihm stößt, bekommt er neuen Mut. Als sie auf die vierzehnjährige Kari treffen - sie kam mit Simon in derselben Flüchtlingsgruppe nach Deutschland -, scheint der Traum einer Familie in greifbare Nähe zu rücken: Doch dafür müssen sie Roddy finden. Wie Koch durch Simons Blick die Atmosphäre, das soziale und psychische Gefüge dieser kleinen Gruppe in deutscher Gegenwart lebendig werden lässt, das ist poetischer Realismus in Reinform.
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Veröffentlichungsjahr: 2013
Roland E. Koch
Unter fremdem Himmel
Roland E. Koch
Roman
Dieses Buch entstand mit finanzieller Unterstützung der
Die Arbeit an diesem Roman wurde durch ein Arbeitsstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.
Bibliografische Information der DeutschenNationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über >http://dnb.ddb.de< abrufbar.
ISBN 978-3-937717-46-3
eISBN 978-3-943941-37-1
© Dittrich Verlag GmbH, Berlin 2010Lektorat: Bettina HesseUmschlaggestaltung: Guido Klütsch
www.dittrich-verlag.de
Das erste Haus, in dem ich in Deutschland wohnte, war das schönste. Es war nur ein Feldhaus, wie es genannt wird, eine niedrige Hütte aus Bruchsteinen, in der ich kaum aufrecht stehen konnte. Niemand weiß, wozu diese Häuser gebaut wurden, sie liegen mitten zwischen den Feldern, wie aufgegeben von einem Zwergenvolk, das längst weitergezogen ist. Das Land, in das ich kam, hieß Niedersachsen, und ich stellte mir zuerst vor, dass dieser Name etwas mit den geduckten Häusern zu tun hatte. Das ist jetzt ein Jahr her.
Das Haus lag am Rande eines Moors, hatte keine Fenster, nur Luken, ein enger Raum, der Fußboden aus gestampftem Lehm, eine Bank, ein Tisch, wie geschaffen für mich. Wir waren mehrere Nächte gefahren, hatten uns tagsüber versteckt, und ich schlief sofort auf der Bank ein. Die anderen hatte ich schon verloren, vielleicht glaubten sie, etwas Besseres finden zu können.
Erst am Morgen sah ich das Haus wirklich. Die Luft war nicht kalt, die Sonne schien, es stank überall, wahrscheinlich hatten sie gerade Dünger gefahren. Ich musste mich wieder verstecken. Ich hatte nichts zu essen oder zu trinken, aber ich war froh, hier zu sein, die Märzsonne zu sehen, ich beobachtete durch meine Luke die Vögel, es war einsam, und niemand konnte mich finden. Am Abend musste ich mir Wasser und Vorräte besorgen.
Später lachte ich über meine Dummheit, ich hätte gleich in die nächste Stadt gehen können, keiner hätte mir etwas getan, ich wäre kaum aufgefallen, dort lebten nicht meine Feinde. Aber es war gut, dass ich erst später in die Stadt kam.
Warum fühlte ich mich so heiter? Ich sah nichts von der Gefahr und spürte keine Angst, ich hatte tagelang keine Toilette benutzen oder mich waschen können, ich war durstig und hungrig. Nachts konnte es sehr kalt werden. All das nahm ich nicht wahr. Ich sah nur an einem Silo vorbei einen Weg, der nie aufzuhören schien. Unbedingt wollte ich diesen Weg gehen, ich hatte eine solche Sehnsucht nach dem Feldweg durch das flache Land, dass ich mich fast nicht bezähmen konnte. Meine Uhr besaß ich noch, und kaum war es sechs, aber noch nicht dunkel, lief ich los. Auf diesem endlosen Weg vergaß ich, woher ich kam, was ich gesehen hatte. Ich war ein Mann über vierzig, noch nicht zu alt, gerade hier angekommen, ich konnte mich durchschlagen.
Ich fror in meiner Jeans und den Turnschuhen. Die silbrige Jacke, die ich anhatte, wärmte nicht, stattdessen reflektierte sie, und ich nahm mir vor, eine andere zu besorgen. Es wurde nicht dunkel, ein paar Vögel sangen, es war, als hörte ich eine Lerche ganz weit oben, aber konnte das im März sein? Ich ging weiter, auf dem unendlichen Weg, die Felder standen unter Wasser, es musste viel geregnet haben, und meine Füße wurden nass.
Diesen ersten Abend werde ich nie vergessen, ich war so naiv, hoffnungsvoll und glücklich, weil ich frei war. Ich fand eine Weide mit Schafen, schon von Weitem sah ich die hellen Wollfäden im Stacheldraht leuchten und fühlte mich ein wenig zu Hause. Ich kletterte über den Zaun und lockte die Schafe an. Sie hatten zwei Lämmer dabei, die frisch geboren aussahen und kaum stehen konnten, war das nicht ungewöhnlich früh? Sie würden frieren. Ich hielt eins der Mutterschafe fest und rieb mich an seinem Fell, wärmte meine Hände und roch daran, als wollte ich mich verwandeln, bei ihnen bleiben. Ich bedankte mich bei dem Schaf für meine Rettung.
Bis zum Dunkelwerden lief ich, ohne jemandem zu begegnen, geriet ins Moor und kehrte um, die Bewegung hatte mir gutgetan. Ich fand einen Tankwagen mit Wasser für die Schafe und trank gierig, soviel ich konnte, wusch mir die Hände und das Gesicht. Ich nahm etwas Heu und kaute darauf herum, ja ich war kurz davor, dort zu bleiben, um nicht allein zu sein.
Dann lief ich zurück, voller Hoffnung, dass am nächsten Tag alles besser würde, den Weg fand ich sofort, ich war ja einfach nur geradeaus gegangen und beschloss, noch eine Nacht in dem Feldhaus zu bleiben.
Es war eine klare Nacht, überall raschelte es, die Vögel bewegten sich und andere kleine Tiere, ich litt unter dem Hunger, die Kälte hinderte mich am Schlafen, aber mich beschäftigte etwas anderes. Ich versuchte, nicht an die Vergangenheit und nicht an die Zukunft zu denken, nur da zu sein. Allmählich lösten sich die Bauchschmerzen auf in ein Gefühl zu existieren, ohne Angst, ohne Sorge. Durch meine Luke sah ich die Sterne, und ich wünschte mir in dieser Nacht etwas immer wieder. Ich glaube, es ist nicht eingetreten, aber es war trotzdem die schönste Nacht, die ich nach meiner Ankunft erlebt habe.
Als es dämmerte, stand ich auf, ich musste etwas zu essen finden und suchte einen Bauernhof, wo ich mich aufwärmen durfte. Ich hatte ja Deutsch gelernt, sprach es sogar gut, und ich versuchte, mich an die Kurse und an meine Lehrerin zu erinnern, aber es war nur eine tiefe leere Stelle zu spüren.
Ich muss schrecklich ausgesehen haben, schmutzig und unrasiert, jedenfalls machten sie mir beim ersten Bauernhof nicht auf. Aber ich hatte nicht weit weg ein Dorf oder eine Stadt gesehen. Ich konnte sogar einen grauen Kirchturm aus Beton erkennen, daran orientierte ich mich. Bei einem Pfarrer musste man etwas zu essen bekommen.
Der Weg war länger, als ich gedacht hatte, und die Stadt erschien mir seltsam. Ich kam an vielen neuen Häusern vorbei, mit kleinen Gärten und Holzhütten darin, als habe man Feldhäuser nun aus Holz gebaut. Die Häuser sahen unterschiedlich aus, aber doch so neu und sauber und gerade, dass sie sich ähnelten. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten.
Überall stiegen Leute in ihre Autos und fuhren los. Die Straßen waren gerade und gefegt, es gab eine Menge größerer Gebäude und Geschäfte. Entlang einer Straße und vor einem Bahndamm waren nebeneinander drei Supermärkte mit großen Parkplätzen und eine Tankstelle aufgereiht.
Die Kirche war nicht hoch und schön, eher grau und gedrungen, wie ein Klotz oder Bunker, der Beton schmutzig und hässlich, und ich dachte darüber nach, warum sie wohl eine solche Kirche gebaut hatten. Sie war abgeschlossen, aber ich fand den Eingang zur Wohnung des Pfarrers und klingelte. Eine junge Frau öffnete und sah mich an. Sie hatte einen blonden Jungen an der Hand, trat mit ihm aus der Tür, ließ sie zufallen und ging auf die Straße. Ich klingelte wieder. Der Pfarrer blinzelte, als würde ich ihn blenden, aber diesmal brachte ich meine Bitte vor, und er konnte die Tür schlecht wieder zumachen. Er zuckte mit den Schultern und schickte mich zu einem Gebäude, das an die Kirche angebaut war. Ich wartete, und er gab mir ein Brötchen, das wohl das Kind angebissen und liegengelassen hatte.
In dem Gebäude war ein älterer Mann damit beschäftigt, Kisten auszupacken, die alles enthielten, von dem ich nur träumen konnte, Obst, Brot, Konserven, Flaschen, er murmelte etwas und ließ mich nehmen, was ich brauchte.
Es ist gar nicht schwer, sich durchzuschlagen, dachte ich, ich nahm zwei Plastiktüten voller Lebensmittel mit, der Mann sagte, es könnte alles alt und verdorben sein, aber das störte mich nicht.
Er zeigte mir noch einen Raum mit Kleidung, und ich suchte mir eine neue Hose, einen Pullover, eine Jacke, Schuhe und einen Mantel aus. Da, wo ich herkam, wären diese Sachen zu dünn gewesen. Hier hatten sie alles und warteten nur darauf, dass jemand wie ich kam. Waren die anderen schon geschnappt und zurückgeschickt worden? Verhungert oder woanders gelandet?
Niemand hatte mich nach einem Ausweis oder meiner Herkunft gefragt, die Leute wirkten abwesend, wie mit großen Sorgen beschäftigt. Endlich biss ich in das Brötchen, und mir schossen viele Empfindungen gleichzeitig durch den Körper. Ein starkes Frösteln, ein Schauder, eine Erinnerung an ein Stück Fladenbrot, das ich als Kind gegessen hatte, nachdem ich lange krank gewesen war. Das Brötchen schmeckte wunderbar, es war mit weichem Käse bestrichen, und ich fühlte all meine Kraft zurückkehren.
Pfeifend ging ich mit den schweren Tüten den Weg, den ich gekommen war, ich hatte keine Genehmigung, kein Geld, nicht mal eine einzige Münze, ich wusste nicht, wo ich bleiben sollte, aber ich ging vorwärts wie jemand, der eine Aufgabe, einen Platz, eine Geschwindigkeit hat, mit der er seine Arbeit erledigt. Ich roch die Abgase der Autos, in der Ferne sah ich eine große Fabrik, trug meine Schätze und wusste, dass ich schon einmal so gegangen war.
Der Rhythmus meiner Schritte erinnerte mich an früher, an eine Zeit, die ich erlebt oder nicht erlebt hatte, so weit lag sie zurück. Es war der Rhythmus der Schritte, derer, die auf dieser Straße gegangen waren, vorgestern, vor zehn Jahren, vor siebzig Jahren, ich hörte ihn, ich hörte ihre Schuhe, ihre Stiefel, ihre Sandalen und ihre nackten Füße.
Ich war einmal so gegangen, dachte ich plötzlich, ich war einmal ein richtiger Mensch gewesen. Ich hatte eine Familie, ich hatte eine Arbeit, ich erinnerte mich schwach, vielleicht war ich sogar Lehrer gewesen, aber wie sie ausgesehen hatten, meine Familie, meine Schüler, meine Geliebte, ich selbst, das wusste ich nicht mehr. Es war alles gelöscht. Es lebte nichts mehr. Ich fiel in eine Art Trance, ging immer weiter und dachte an eine lange Wanderung, an Hunderte von Kilometern, die vor mir lagen.
In einer der Tüten hatte ich Toastbrot, Oliven, Dosenfisch, Käse, es konnte mir nicht schlecht gehen. Unterwegs betrachtete ich die Lebensmittel. Das Haltbarkeitsdatum war abgelaufen, die Oliven schmeckten gut. Aber ich aß lieber vorsichtig, hob es für später auf und ging weiter.
Dann fühlte ich mich kaum noch hungrig, ich fror nicht mehr und dachte nach. Wo sollte ich schlafen, ich hatte vergessen, den Mann danach zu fragen, ob es einen Platz für mich gab. Ich wollte nicht zurückgeschickt werden. Ich wollte einen Bauernhof finden, auf dem ich mich verstecken, schlafen und vielleicht arbeiten konnte, Autos reparieren, Kälber und Ferkel füttern, pflügen oder mähen, ich hoffte, man könne mich irgendwo brauchen und ich würde eine Genehmigung bekommen.
Während ich ging und auf das Schlurfen meiner zu großen Schuhe achtete, fuhr ein Fahrrad vorbei, ein ziemlich altes Damenfahrrad, mit doppelten, geschwungenen Rohren, es erschien mir vertraut, ich kannte mal jemanden, der so eins fuhr, oder hatte ein ähnliches einmal repariert, das kann ich, Fahrräder reparieren.
Ich achtete zuerst auf das Fahrrad, nicht auf die Frau, die darauf saß und beinahe umkippte, so voll beladen war es. Sie hatte schwer zu treten und schwankte immer weiter, als sie mich überholt hatte. Sie trug einen gelben Anorak und sah nass aus, obwohl es nicht regnete. Im Gegenteil, die Sonne schien und wärmte, es würde wieder ein klarer, trockener Tag werden, aber nachts nahe am Frost. Die blonden Haare der Frau fielen mir auf, sie trug schwere Wanderschuhe und eine weite Hose. Ich ging einfach weiter, aber jetzt war es, als folgte ich ihr, denn sie fuhr immer langsamer.
Schließlich blieb sie stehen und drehte sich zu mir um, aber so, als habe sie etwas verloren. Ich schüttelte den Kopf, sie lachte und blieb stehen, bis ich näher gekommen war. Sie untersuchte ihr Fahrrad, und ich sah, dass sie einen Platten am Hinterreifen hatte.
Wie ist das denn passiert, schimpfte sie und sah mich an, als hätte ich damit etwas zu tun.
Haben Sie eine Luftpumpe?, fragte ich. Vielleicht können wir den Schlauch flicken.
Meine Stimme klang heiser, weil ich bis auf die paar Sätze am Morgen kaum gesprochen hatte. Bestimmt hörte man auch den Akzent.
Nichts dabei, sagte sie, aber es ist nicht mehr weit.
Ich bückte mich und sah mir den Reifen an.
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