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Als Tina Hellmann in einer Gewitternacht von einer Geburtstagsfeier nach Hause fährt, versperrt plötzlich ein Ast die einzige Straße, die in ihr Dorf führt. Während sie noch überlegt, was zu tun ist, hält ein weiteres Auto neben ihr und ein Mann steigt aus. Gemeinsam gelingt es ihnen, den Ast von der Fahrbahn zu entfernen. Als sie ihren Weg fortsetzen, ahnt Tina nicht, dass es ihr Leben, so wie sie es kannte, ab diesem Zeitpunkt nicht mehr gibt. Bei der Durchsuchung der Wohnung von Stefan Barnert stößt Kommissarin Claudia Heims auf die gefrorenen Leichenteile einer Frau und eines Mannes. Das pathologische Ergebnis zur Identität der Toten ist selbst für die erfahrene Kommissarin und ihr Team schockierend. Ist Stefan Barnert tatsächlich der Mörder? Und warum will er unbedingt mit Tina Hellmann reden? Welche Rolle spielt der Psychologe Robin Meerbaum bei der Aufklärung des Falls? Und wer sind Tinas Eltern wirklich? Nichts ist wie es scheint. Ein Psychothriller, der bis zu letzten Seite voller Spannung und Überraschungen ist.
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Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Ute Christoph
Unter schweren Schatten
Psychothriller
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Prolog
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Epilog
Leseprobe aus: Im Land der drei Zypressen
Impressum neobooks
Für meine Mutter
Danke für Deine Unterstützung!
Deine Geduld, immer wieder meine überarbeiteten Manuskripte zu lesen, ist bewundernswert.
Zu Beginn, ganz am Anfang, war er nicht allein gewesen. Das wusste er genau. Aber an diese Zeit erinnerte er sich nicht mehr, so sehr er sich auch bemühte. Er fühlte, dass sie ihm etwas Lebensnotwendiges genommen, etwas aus ihm herausgerissen hatten.
Besonders schlimm fühlte es sich an, wenn er nicht brav gewesen war und Mama ihn bestrafen musste. Dann war dieses Gefühl übermächtig und er bekam üble Bauchschmerzen.
Erst gestern hatte Mama ihn wieder bestrafen müssen. Denn er war sehr böse gewesen.
Er war mit der ersten Morgensonne aufgewacht und hatte sich kräftig die blauen Augen gerieben, bevor ihm bewusst wurde, dass heute ein ganz besonderer Tag war – sein Geburtstag.
Das war aufregend. Es gab ein Geschenk von der Geburtstagsfee, wie zu Weihnachten vom Christkind.
Sein kleines Herz begann schneller zu schlagen. Vielleicht hatte Mama Kuchen und Kerzen für ihn besorgt.
Er schlug die Bettdecke ordentlich zurück, so, wie Mama es ihm gezeigt hatte, und schlüpfte in die vor seinem schmalen Kinderbett im Wohnzimmer stehenden abgewetzten Mickey Mouse-Pantoffeln, die er mit Mama auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Während er dem Vogelgezwitscher vor dem Fenster lauschte, tapste er noch ein wenig schlaftrunken durch die Diele mit dem alten, knarrenden Holzboden und anschließend über die kalten, grauen Küchenfliesen in das angrenzende Schlafzimmer seiner Mama.
Neben ihr räkelte sich ein Mann. Mama hatte häufig Besuch, fast jede Nacht. Viele Männer kannte er, doch diesen hatte er noch nie gesehen.
Er hätte sich gern an Mamas warmen, weichen Körper gekuschelt, den Daumen in den Mund gesteckt, obwohl er jetzt schon vier Jahre alt war, und einfach nur friedlich dagelegen, bis Mama wach wurde. Aber Mama hatte ihm verboten, zu ihr ins Bett zu kommen, wenn ein Mann bei ihr lag.
Daher schloss er leise die Schlafzimmertür, schlurfte in die Küche und kletterte auf seinen Stuhl am Tisch. Er stützte seinen Kopf in die kleinen Hände, baumelte mit den Beinchen und musterte neugierig den in Geschenkpapier gewickelten Karton mit der riesigen dunkelblauen Schleife.
Was mochte die Geburtstagsfee ihm wohl gebracht haben? Vielleicht das knallrote Feuerwehrauto, das neben der schwarzglänzenden Eisenbahn im Spielwarengeschäft stand? Oder den orangefarbenen Müllwagen, den er im Schaufenster zwischen den vielen bunten LKW entdeckt hatte, als Mama ihn dort zurückließ, während sie in das Haus mit den roten Lampen und den roten Herzchen ging.
Er hätte das Geschenk so gerne aufgemacht, doch das mochte Mama nicht. Sie wollte dabei sein, wenn er die Geschenke der Geburtstagsfee oder vom Christkind auspackte.
Neben dem Karton lag ein eckiger, in Folie geschweißter Kuchen. Er betrachtete die Verpackung, auf die das Bild eines saftigen Schokoladenkuchens gedruckt war.
Den aß er am liebsten.
Mama würde die Folie aufreißen und den Kuchen vorsichtig herausnehmen, damit er nicht bröselte, vier Kerzen hineinstecken und sie anzünden. Und vielleicht würde sie sogar ein Lied für ihn singen.
Wann sie wohl aufstand?
Manchmal las Mama ihm eine Geschichte vor. Das machte sie allerdings nicht sehr oft. Wenn er ein bisschen Glück hatte und sie gut gelaunt war, vielleicht läse sie ihm heute vor.
In den Geschichten wohnten Kinder mit ihrer Mama und ihrem Papa zusammen, manche mit einem Bruder oder einer Schwester. Und einige Kinder hatten sogar beides.
Er hatte keinen Papa, keinen Bruder und auch keine Schwester. Nur Mama und Onkel Rolf. Onkel Rolf war Mamas Bruder. Warum er mit ihnen zusammenlebte, wusste er nicht.
Er wünschte sich sehr, dass Mama vor seinem Onkel zu ihm in die Küche kam. Ohne Onkel Rolf war alles schöner.
Er mochte Onkel Rolf nicht. Wie hätte er ihn auch mögen können? Onkel Rolf war grausam und gemein.
Und er tat ihm weh.
Plötzlich lehnte Mama verschlafen im Türrahmen, verschränkte müde die Arme vor der Brust und lächelte ihn erschöpft an. Der fremde Mann schlurfte an ihr vorbei, schenkte dem Jungen ein fades Grinsen und durchquerte die Küche. Als er die Wohnungstür öffnete, knarrte diese laut. Das tat ein bisschen weh in seinen Zähnchen. Dann fiel die Tür ins Schloss.
Endlich war er allein mit Mama. Das fühlte sich gut an.
„Guten Morgen, mein kleiner Mann. Alles Gute zum Geburtstag“, sagte Mama mit ihrer rauchigen Stimme, die jetzt ganz weich klang.
Er rutschte rasch von seinem Stuhl, rannte zu ihr und umarmte sie fest.
„Nicht so stürmisch, mein Liebling. Mama hat ganz schäbige Kopfschmerzen.“
Und sie roch komisch – nach diesem roten Saft, den sie Rotwein nannte, und nach etwas, wonach sie immer roch, wenn sie mit einem der Männer in ihrem Schlafzimmer gewesen war.
Aber Mama durfte nicht merken, dass ihm das nicht gefiel. Sonst wurde sie böse. Wenn Mama böse wurde, schimpfte sie laut, raufte sich die langen, blonden Locken und schrie, dass sie ein besseres Leben verdiente und gar nicht wüsste, warum sie mit allem so bestraft würde.
Meinte sie mit allem auch ihn?
Er wollte keine Strafe für Mama sein. Er wollte, dass sie lachte und ihn in ihre warmen, weichen Arme schloss. Er wollte, dass sie liebe Sachen zu ihm sagte und ihn in ihrer Umarmung beschützte.
„Möchtest du dein Geschenk auspacken?“ fragte sie jetzt, fasste ihn an der Hand und ging mit ihm zum Tisch zurück.
Er nickte, setzte sich brav an seinen Platz und ließ wieder die Beine baumeln. Er war sehr aufgeregt.
„Zapple nicht so rum. Das macht mich ganz nervös“, sagte Mama, und ihre Stimme klang ein wenig gereizt.
Er bewegte sich nicht mehr.
„Na, dann pack mal aus. Lass sehen, was die Geburtstagsfee dir gebracht hat.“ Mama nahm den eingeschweißten Kuchen in beide Hände und riss die Folie auf. Sie stürzte den Kuchen aus der Verpackung auf das Holzbrett, das immer am Kühlschrank lehnte und steckte vier kleine Kerzen hinein. Dann nahm sie eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug aus der Tasche ihres Morgenmantels. Bevor sie die Kerzen anzündete, pickte sie sich mit ihren langen, roten Fingernägeln eine Zigarette aus der knittrigen Packung und schob sie zwischen ihre Lippen. Die Spitze der Zigarette glomm auf.
Er hasste den muffigen Gestank und den graublauen Qualm, der unangenehm in seinen Augen brannte. Aber im Moment war es ihm fast egal – denn gleich erfuhr er endlich, was in seinem Geburtstagspäckchen auf ihn wartete.
Er knibbelte ungeschickt die Schleife auf und zupfte ungeduldig mit seinen kleinen Fingern das Papier mit den lustigen Trompeten und Trommeln von dem Karton. Und dann sah er das Foto auf der Pappe. Es war das Feuerwehrauto.
„Du grinst ja wie ein Honigkuchenpferd“, sagte Mama leise und tätschelte kurz seinen Kopf.
Er öffnete den Karton, nahm das Auto zärtlich in beide Hände und betrachtete es. Er öffnete die Türen, zog die gelbe Leiter aus und drehte sie vorsichtig. „Das habe ich mir so gewünscht“, flüsterte er andächtig.
„Das ist schön“, antwortete Mama, erhob sich und nahm zwei Teller aus dem Küchenschrank.
Sie öffnete die quietschende Schublade mit dem leicht angelaufenen Besteck und kramte nach einem Messer. Dann setzte sie sich wieder.
„Puste die Kerzen aus und wünsch dir was“, sagte Mama. „Du darfst aber niemandem verraten, was du dir gewünscht hast. Sonst geht es nicht in Erfüllung.“
Er kniete sich auf seinen Stuhl und beugte sich über den Kuchen. Dann holte er so tief Luft, wie er nur konnte, und pustete, bis die Flammen erloschen waren und grauer Rauch von den Kerzen aufstieg.
„Das hast du gut gemacht“, lobte Mama, leckte Daumen und Zeigefinger und kühlte damit die Dochte, dass es zischte.
Er strahlte über das ganze Gesicht, lief zu ihr und kletterte auf ihren Schoß.
„Du bist schwer geworden. Lange kann ich dich nicht mehr auf den Schoß nehmen“, klagte Mama und seufzte tief. „Aber du bist ja jetzt schon ein großer Junge.“
Er lächelte sie an, kuschelte sich an ihre Brust und legte seinen Kopf an ihre Schulter.
Das tat gut.
„Du tust mir weh. Steh auf!“ fuhr Mama ihn an.
Er hatte sich so sehr gewünscht, ein bisschen mit ihr zu schmusen, auch wenn sie so komisch roch. Aber sie wollte das nicht.
Also rutschte er von ihren Knien auf den Fußboden. Dabei fiel der Morgenmantel auseinander, und er starrte erschrocken auf die vielen blauen Flecke an ihren sonst ganz weißen Oberschenkeln.
Mama ignorierte seinen Blick. Sie stand auf, hob den alten Wasserkocher von der Basisstation, hielt ihn unter den Kran über der Spüle und ließ Wasser in das Gerät laufen. Sie klatschte es sorglos auf die Basisstation zurück und stöpselte den Stecker ein. Dann drückte sie auf den roten Knopf. Während sie ungeduldig wartete, dass das Wasser heiß wurde, nahm sie zwei Tabletten aus einer Schachtel auf dem Regal neben der Spüle, warf sie in eine Tasse und goss das kochende Wasser darüber.
Mama nannte das Katerfrühstück. Solange der denken konnte, schlürfte sie dieses Katerfrühstück fast jeden Morgen.
Nun schnitt sie zwei Stücke Kuchen ab, legte sie auf die Teller und schob einen davon zu seinem Platz. Der Schokoladenduft stieg ihm angenehm in die Nase und er spürte, wie sein Magen knurrte. Er war hungrig.
„Nun iss deinen Geburtstagskuchen“, sagte sie ein bisschen ungeduldig.
Er lief schnell zurück zu seinem Stuhl, kletterte hinauf und kniete sich auf die Sitzfläche. Er beugte sich nach vorn und griff nach seinem Kuchenstück. Dabei stieß er gegen die Tasse mit den Tabletten und dem heißen Wasser, das sich nun über den Tisch ergoss und auf Mamas Oberschenkel tropfte.
Sie sprang auf und warf dabei den Küchenstuhl um.
„Was bist du nur für ein ungeschickter Junge“, schrie sie aufgebracht.
Ja, das war er – ungeschickt. Solche Dinge passierten ihm ständig. Er war kein gutes Kind. Das wusste er.
„Es tut mir leid“, wisperte er und beeilte sich, zu ihr zu laufen, um sie zu drücken.
„Geh weg! Womit habe ich das nur verdient?“
Mama raufte sich das lange, blonde Haar. „Womit habe ich das verdient?“ sagte sie noch einmal und sah ihn wütend an.
Er wusste, was jetzt kam. Er war böse gewesen. Jetzt musste Mama ihn bestrafen.
„Geh zu Onkel Rolf“, befahl sie scharf.
Er schluckte.
„Mama, bitte nicht. Ich bin ein böser Junge, aber ich will nicht zu Onkel Rolf, nicht heute. Bitte nicht!“ wisperte er ängstlich.
Er spürte, wie sein Magen zusammenschrumpfte und ihm übel wurde. Er wollte sich nicht übergeben. Es war doch sein Geburtstag.
„Allein werde ich mit dir nicht fertig. Geh zu Onkel Rolf!“ sagte sie.
Er hätte so gern von seinem Kuchen genascht. Aber jetzt war ihm schlecht. Er hatte keinen Hunger mehr. Der Kuchen war ihm egal.
Langsam, ganz langsam, durchquerte er die Diele, machte vor der Tür zu Onkel Rolfs Schlafzimmer halt und legte zögerlich die Hand auf die Klinke.
„Muss ich es noch mal sagen?“ hörte er Mama in der Küche fragen – mit einem Ton in ihrer Stimme, der keinen Widerspruch zuließ.
Kopfschüttelnd zog er die Klinke herunter, schob die Tür auf und schloss sie leise hinter sich zu. Dann zog er seinen Schlafanzug mit den kleinen, braunen Bambis aus, faltete ihn, so, wie Mama es ihm gezeigt hatte, und schlüpfte zu Onkel Rolf unter die Bettdecke.
Es war schon weit nach Mitternacht. Eine dichte Wolkendecke verbarg den vollen Mond und die zahlreichen Sterne der kühlen Sommernacht. Ein scharfer Wind trieb den fliehenden Regen in großen Böen vor sich her und heulte um das freistehende Restaurant. Die Geburtstagsgesellschaft hatte sich gerade auflösen wollen, als sich der Sturm plötzlich zusammenbraute und ein tosendes Gewitter losbrach. Jetzt saßen die Gäste, wieder in Gespräche vertieft, an den Fenstern und beobachteten geduldig, wie der Regen langsam nachließ und die klaren Tropfen, die an den Scheiben herabperlten, weniger wurden.
„Ein fürchterliches Sommergewitter, doch ich glaube, wir können uns nun langsam auf den Heimweg machen“, stellte Tina fest und knetete ihre Finger, sah Astrid aber dennoch fragend an.
Astrid nickte zustimmend. Die zwei Frauen standen auf, verabschiedeten sich erneut von der Gastgeberin, winkten den anderen Gästen kurz zu und verließen das Restaurant. Mit hochgezogenen Schultern strebten sie zum Parkplatz.
„Wir hätten einen Schirm mitnehmen sollen. Der gehört doch in diesem Sommer zur Standardausrüstung“, klagte Astrid. Dann blickte sie Tina mit zusammengezogenen Brauen an. „Ruf mich an, wenn du gut zuhause angekommen bist, okay? Und richte Michael gute Besserungswünsche aus.“
Astrid und Tina umarmten sich, dann schloss Astrid ihr Fahrzeug auf und glitt mit einer eleganten Bewegung hinter das Lenkrad. Tina nickte und schlug Astrids Autotür kräftig zu, was die Freundin mit einem bösen Blick quittierte. Sie stakste über den regendurchweichten Boden zu dem schwarzen Audi, der nur ein paar Meter weiter parkte.
Ihre Riemchensandalen versanken bei jedem Schritt tief im Matsch, der schwarz zwischen ihren Zehen hervorquoll. Tina öffnete die Fahrertür und ließ sich auf den Sitz fallen.
„Verdammt“, fluchte sie leise.
Mit einem Papiertaschentuch säuberte sie notdürftig Füße und Schuhe und warf das schmutzige Tuch dann in den ansonsten leeren Fußraum auf der Beifahrerseite.
Sie startete den Wagen, setzte rückwärts und fuhr anschließend zügig auf die verlassene Straße, die tief in den Wald führte. Sie atmete auf, als die Räder des Audis auf dem Asphalt griffen.
Die Dunkelheit ließ die tropfnassen Bäume, durch die ein kräftiger Wind blies, geisterhaft erscheinen. Sie bogen sich mal hierhin, mal dorthin, wie von Geisterhand gezogen und geschoben. Der Regen war wieder stärker geworden. Die Scheibenwischer leisteten gute Arbeit. Trotzdem klebten Tinas blaugrüne Augen aufmerksam auf der Fahrbahn. Sie hasste es, nachts zu fahren, ganz besonders wenn es so regnete wie jetzt und sich das grelle Licht der Scheinwerfer diffus in der Nässe spiegelte.
„Achte auf die Straße“, mahnte sie sich selbst. „Konzentrier dich.“ Sie biss sich schmerzhaft auf die Unterlippe. Wenn sie mit ihrem Mann unterwegs war, fuhr Michael nach Sonnenuntergang oder bei schlechtem Wetter. Ihm machte das nichts. Sein Sehvermögen war der schlechtesten Witterung und der tiefsten Dunkelheit gewachsen.
Sie lächelte bei dem Gedanken an ihren Mann. Ganz gewiss ging es ihm schon wieder besser. Astrids Genesungswünsche wollte sie mit einem leicht ironischen Unterton in ihrer Stimme und einem süffisanten Grinsen ausrichten.
Seine plötzliche leichte Unpässlichkeit, über die er seit dem frühen Nachmittag geklagt hatte, war sicherlich augenblicklich verschwunden, nachdem sie das Haus verlassen und sich allein zu der Geburtstagsparty im Nachbarort auf der anderen Seite des Waldes aufgemacht hatte. Und ganz sicher hatte er den Abend ohne seine Frau gemütlich mit ein paar Flaschen Bier und einigen Tüten Chips vor dem Fernseher auf der Couch verbracht. Ein Fußballspiel? Ein Tennistournier?
Ihr Ehemann ließ sie selten allein zu Feiern und Veranstaltungen fahren, selbst wenn er keinerlei Lust dazu hatte. Nur ab und zu gönnte er sich eine Auszeit von Festlichkeiten, die Tinas Freunde und Kollegen ausrichteten. Auch wenn er wusste, dass sie das durchaus akzeptierte, schob er Übelkeit oder Kreislaufschwierigkeiten vor.
Michael war ein schöner Mann. Mit seinen ein Meter achtzig war er zwanzig Zentimeter größer als sie. Er besaß eine gute Figur und ein Gesicht wie Curt Cobain, nur waren Michaels Augen tiefbraun.
In der Ferne zerrissen grelle Blitze den düsteren, wolkenverhangenen Himmel. Sie zählte bis zehn. Erst danach folgte der grollende Donner.
Wenigstens das Gewitter ist abgezogen, bemerkte sie beruhigt und spürte, dass sie immer noch an ihren Mann dachte und dabei lächelte.
Das Lächeln gefror ihr auf den Lippen, als ein plötzlicher Adrenalinstoß ihr schmerzhaft bis in die Fingerspitzen fuhr. Sie stieg fest auf die Bremse und das Fahrzeug schlingerte bedrohlich, bevor es vor dem quer über die Fahrbahn liegenden Ast zu stehen kam.
Tina legte ihre Hände an ihr schmales Gesicht. Puh, das war knapp, schoss es durch ihren Kopf.
Der schwere Regen trommelte auf das Autodach und der Wald war schwarz und unheimlich. Doch es half ja nichts. Hier sitzen zu bleiben, brachte sie nicht weiter.
Sie stieß die Wagentür auf und verließ das Auto.
Regentropfen prasselten ihr spitz ins Gesicht.
Sie nahm den Ast in Augenschein. Er war oberschenkeldick mit zahllosen Zweigen und reichte von einer Leitplanke bis zur anderen. Das Wasser tropfte von den Blättern schwer auf die Straße.
Tina stöhnte auf. Es war unmöglich, das Hindernis zu umfahren. Da war keine Lücke. Was sollte sie bloß tun? Die einzige Straße, die nach Hause führte, war diese. Und genau diese Straße versperrte jetzt dieser unsägliche Ast.
Der Regen durchdrang kalt ihre Kleidung. Sie fühlte, wie er ihre Haut erreichte und begann zu frieren.
Sie schalt sich selbst. Ihr Mobiltelefon lag wie so oft auf dem Garderobentischchen in ihrem warmen, gemütlichen Haus.
Tina erschrak, als sie plötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht eines zweiten Wagens stand.
Die Tür des fremden Autos öffnete sich, ein Mann stieg aus und schlug die Tür mit Schwung ins Schloss. Den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen drückte er auf die Fernbedienung, verriegelte den BMW und steckte das Modul dann in seine Hosentasche, während er auf Tina zuschritt.
Wider Willen musste sie schmunzeln. Wir sind ganz allein, mitten im Nirgendwo, und der schließt seinen Wagen ab.
Gleichzeitig war sie erleichtert. Vor einem solchen Mann musste sie sich nicht fürchten. Oder doch?
„Na, das ist ja eine schöne Bescherung“, sagte er jetzt und zog die Lippen zwischen die Zähne. „Was glauben Sie? Sind wir beide zusammen stark genug, um dieses Ungetüm beiseite zu schaffen? Oder soll ich die Feuerwehr rufen?“
Auch wenn sie ihr Handy dabei gehabt hätte, wäre dieser Gedanke Tina selbst nicht gekommen. Auch die naheliegende Möglichkeit zurückzufahren und ein Zimmer in dem hübschen Gasthaus zu beziehen, in dem sie gefeiert hatten, fiel ihr erst jetzt ein. Sie war in Panik geraten. Und das lähmte ihr Gehirn.
Angst ist kein guter Berater, dachte sie und hob unwillkürlich die Schultern. Dann stieß sie die Luft mit aufgeblasenen Wangen aus. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie dem Fremden. „Aber lassen Sie es uns versuchen, bevor wir die Feuerwehr rufen oder sogar umkehren.“
Der Mann nickte. „Ich habe in meinem Kofferraum eine Motorsäge. Damit zerteilen wir den Ast in der Mitte und ziehen die Einzelteile anschließend an den Straßenrand! In meinem Auto liegt auch ein Schirm. Könnten Sie den über die Säge halten, während ich versuche das Ding in zwei Stücke zu zerlegen?“
Tina nickte stumm. Gut, ein Schirm im Kofferraum! Aber eine Motorsäge? Dieses Mal spürte sie eine leichte Panik in sich aufsteigen. Aber was sollte sie tun? Weglaufen? Er hätte sie in null Komma nichts eingeholt.
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen folgte sie dem Fremden, der mit großen Schritten zum Kofferraum seines Wagens eilte, die Klappe öffnete und Tina bestimmt einen Schirm in die Hand drückte. Sie öffnete ihn über der Säge, die er sich jetzt griff. Der Mann knallte den Kofferraum wieder zu und gemeinsam liefen sie zu dem Ast zurück, dessen nasse Zweige im Wind die Straße peitschten.
Das laute Motorengeräusch durchschnitt die Nacht und übertönte den Regen um mehrere Dezibel.
Eine leichte Gänsehaut kroch Tinas Arme hoch. Nun steh ich hier mitten in der Einsamkeit mit einem Fremden, der mit einer Motorsäge herumfuchtelt. Doch wenn er mir etwas tun wollte, hätte er es längst getan und nicht erst, wenn er wie ich pitschenass ist. Oder?
Die Motorsäge verendete abrupt. Der Ast barst in der Mitte und die Enden knallten dröhnend auf den Asphalt. Die Zweige sprühten klirrend Tropfen. Ein Geräusch, das Tina unter normalen Umständen liebte.
Ja, unter normalen Umständen!
Der Mann nickte Tina zu. Sie verstanden sich ohne Worte. Zusammen hasteten sie zu seinem BMW zurück und er verstaute die Säge im Kofferraum. Tina legte den Schirm daneben. Ihre Kleider troffen vor Nässe. Aus den langen Haaren, die gewöhnlich in großen, braunen Locken über ihre Schultern fielen, floss das kalte Wasser. Die Motorsäge war jedoch trocken geblieben und hatte gute Arbeit geleistet. Tina fuhr sich mit beiden Händen mehrfach durch das regennasse Gesicht.
„Was meinen Sie? Sollen wir zwei jetzt einmal unser Glück versuchen, dieses Monstrum beiseite zu ziehen?“ fragte der Mann.
Tina nickte nur. Nach Sprechen war ihr einfach nicht zumute.
Der Fremde ging voran und griff ein Ende des durchtrennten Asts. „Stellen Sie sich mit leichtem Abstand hinter mich und packen Sie den Ast mit beiden Händen“, befahl er.
Tina folgte stumm seiner Anweisung.
„So. Und jetzt ziehen wir auf Drei“, fügte er hinzu. „Eins, zwei …“
Auf Drei zogen die junge Frau und der Unbekannte gemeinsam mit aller Kraft an dem Ast. Zentimeterweise bewegte sich das Ungetüm Richtung Leitplanke.
„Wir schaffen das. Los! Kommen Sie, noch einmal“, forderte der Mann. „Wieder auf Drei.“
Sie stemmten die Füße in den schwarzen Asphalt und legten sich mit ihrem gesamten Gewicht in die gemeinsame Zugbewegung. Tinas Muskeln brannten höllisch. Einen kurzen Augenblick lang glaubte sie, sie könnten reißen.
„Und noch einmal“, wiederholte der Mann.
Sie arbeiteten mit ganzem Körper, hievten den Ast Stück für Stück von der Fahrbahn und ließen ihn schließlich neben die Leitplanke fallen. Erschöpft rieb Tina ihre schmerzenden Oberarme und betrachtete die freie Spur.
„Das sollte ausreichen. Die Autos können jetzt von beiden Seiten passieren – falls heute Nacht überhaupt noch jemand außer uns diesen Weg nimmt“, beschloss der Mann. „Ich stelle ein Warndreieck auf und informiere die Polizei. Und wir zwei fahren jetzt heim und gönnen uns eine heiße Dusche“, lachte er dann.
„Ja, das ist eine gute Idee“, erwiderte Tina tonlos. „Ich friere und bin vollkommen durchnässt.“
„Machen wir, dass wir nach Hause kommen. Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Tina eilte zu ihrem Audi.
Was für ein Abenteuer! Was für eine Geschichte! Kulisse und Akteure wie in einem Horrorfilm – eine junge Frau ganz allein in stockfinsterer Nacht mit Blitzen, Donner, dem wütenden Sturm und Regen, der wie an Bindfäden aufgezogen vom Himmel fällt, eine einsame Straße, die mitten durch einen gespenstischen Wald ins Nichts führte. Ein Hindernis auf dieser Straße und ein unbekannter Mann mit Kettensäge.
Wie gruselig!
Aber jetzt endlich ging es nach Hause. Tina freute sich darauf, ihre nasse Kleidung auszuziehen, auf eine lange heiße Dusche, ein kuscheliges Nachthemd und ihr weiches, warmes Bett, in dem sie sich fest an Michael schmiegen würde.
Der Mann knipste die Innenbeleuchtung in seinem Wagen an und gab ihr ein Zeichen. Er ließ Tina die Vorfahrt.
Sie bedankte sich, indem sie die Hand hob. Lächeln – wie sonst – konnte sie nicht, trotz der Gewissheit, nun nach Hause zu kommen. Sie manövrierte den Audi durch die Lücke zwischen den beiden Teilen des Astes und gab Gas. Die Scheinwerfer des anderen Autos blendeten sie im Rückspiegel.
Wir haben uns gegenseitig nicht einmal vorgestellt, ging es ihr durch den Kopf. Dann konzentrierte sie sich mit fest um das Lenkrad gekrümmten Fingern auf die Fahrbahn vor sich.
Plötzlich blinkten die Schweinwerfer des BMW einige Male hell auf.
Sie blickte in den Rückspiegel.
Wieder das Fernlicht!
Wollte der Typ nicht ein Warndreieck aufstellen? Stattdessen klebte er an der Stoßstange ihres Audis. Was soll das?, schoss es Tina wie ein bedrohlicher Blitz durch den Kopf. Was will der von mir?
Wieder blendete sie die Lichthupe.
Tinas Puls beschleunigte sich. Sie drückte fester aufs Gaspedal, aber der Fremde in dem BMW hielt mit.
Sie war verwirrt. Sie hörte ihr Herz laut in den Ohren dröhnen.
Sollte sie anhalten und ihn fragen, weshalb er sie ständig mit der Lichthupe bedrängte?
Nein, das kam überhaupt nicht in Frage. Sie hielte nicht an. Sie führe so schnell es bei diesem Unwetter irgend möglich war zu Michael.
Jetzt war der Fremde ihr unheimlich. Dabei hätte er ihr doch längst etwas tun können. Gelegenheiten dazu hatte es reichlich gegeben.
Aber wer weiß, was das für ein Irrer ist, dachte Tina. Möglicherweise wollte er erst den guten Menschen spielen, den Retter, um mich damit in Sicherheit zu wiegen. Und jetzt macht er Jagd auf mich, um mit mir weiß Gott was anzustellen.
Sie umklammerte das Lenkrad noch fester und erhöhte die Geschwindigkeit weiter. Doch der BMW holte auf und jagte sie bedrohlich über die menschenleere Straße durch den gruseligen Wald.
Einige Kilometer weiter lichteten sich die Bäume. Nun war es nicht mehr weit bis zu dem Straßenschild mit dem Namen des Dorfes, in dem sie lebte. Wenig später schälte es sich aus dem diffusen Licht der Scheinwerfer aus der Dunkelheit.
Tina warf einen verzweifelten Blick in den Rückspiegel Der Unbekannte in dem BMW machte immer noch Jagd auf sie.
An der Kreuzung warf sie weder einen Blick nach links noch nach rechts sondern bog einfach ab. Das Heck des Audis brach bei diesem Manöver auf der regennassen Fahrbahn aus, doch Tina bekam das Fahrzeug schnell wieder unter Kontrolle.
Ihre Gedanken purzelten übereinander. Ich habe mich nicht vergewissert, ob ein Auto kommt. Nur wer ist bei diesem Wetter so spät unterwegs?
Leute wie ich, die von einer Feier zurückkehren, antwortete sie sich selbst.
Die nächste Ampel war rot. Sie hupte ein paar Mal kurz, während sie über die Kreuzung bretterte. Noch drei Seitenstraßen, dann hätte sie die Straße erreicht, in der sie wohnte, die Straße mit ihrem Haus, mit Michael.
Tina schaute wieder in den Rückspiegel. Der BMW war dicht hinter ihr.
Sie stieß mit der rechten Hand hektisch in ihre Tasche, die sie am Gasthaus nach dem Abschied von Astrid auf den Beifahrersitz geschleudert hatte, und tastete unsicher nach der rechteckigen Fernbedienung für das Garagentor. Als sie sie zwischen Portemonnaie und Taschentüchern ertastete, betätigte sie den linken Knopf. Das war der Grüne, das wusste sie. Der, auf den man drücken musste, damit sich die Garage öffnete.
Da kam ihre Seitenstraße.
Gott sei Dank!
Sie bremste mit quietschenden Reifen, riss das Lenkrad herum und gab Gas, als die Hinterräder wieder griffen.
Da war ihr Haus.
Das Garagentor glitt gerade unter das Dach zurück.
Tina bremste abrupt, schoss in die Garage und drückte gleichzeitig auf die rechte Taste der Fernbedienung, die rote, um das Tor zu schließen. Sie schaltete den Motor ab und riss reflexartig die Handtasche an sich.
Im nächsten Moment schalt sie sich gedanklich dafür. Gab es jetzt nichts Wichtigeres als diese blöde Handtasche? Sie wollte ins Haus, in die Geborgenheit ihres Heims, zu ihrem Mann.
Sie stieß die Autotür auf, sprang aus dem Wagen und eilte zur Tür, die die Garage mit dem Haus verband.
„Michael!“ schrie sie panisch, stocherte hektisch den Schlüssel ins Schloss und drückte die Klinke herunter.
Ihr Mann kam ihr entgegengelaufen. Labradorwelpe Kasper begleitete ihn und sprang an Tina hoch.
„Tina, was ist los?“ fragte Michael besorgt, stupste Kasper beiseite und umschlang sie fest. „Du bist ja ganz nass.“
Der kleine Hund leckte ihre Hand. Er spürte immer, wenn sein Frauchen sich aufregte oder sie sich unwohl fühlte.
In dem Moment läutete es an der Eingangstür.
„Was ist denn hier los?“ wiederholte Michael.
„Mach nicht auf! Mir ist jemand gefolgt. Ein Mann“, stammelte Tina aufgeregt und krallte die Finger in Michaels Rücken. „Ruf die Polizei!“
„Schscht“, machte er tröstend. „Du bist ja komplett aufgelöst.“
„Ich habe Angst.“
„Das brauchst du nicht. Ich bin ja jetzt bei dir. Es wird sich aufklären. Und wahrscheinlich ist alles ganz harmlos.“
Michael nahm Tina bei der Hand und lief zur Haustür. Der Hund trottete leise knurrend neben dem Paar her. Michael öffnete mit einem Ruck die Eingangstür, vor der der Fremde wie ein begossener Pudel wartete, und blickte den Unbekannten herausfordernd an. Tina schaute hinter ihn und bemerkte, dass er die Fahrertür seines BMW nicht geschlossen hatte. Der Wind blies den Regen ins Wageninnere und durchnässte den Sitz.
Michael hatte Unrecht. Die Situation war ganz und gar nicht harmlos, sondern ziemlich ernst. Denn im einsamen Wald hatte dieser Mann sein Auto abgeschlossen. Hier, mitten in der Stadt, ließ er sogar die Wagentür sperrangelweit geöffnet. Was war so dringlich?
Dass er Tina oder vielleicht sogar Michael etwas antun wollte, glaubte sie jetzt nicht mehr.
„Was wollen Sie von meiner Frau?“ fragte Michael fordernd.
Der Mann hustete trocken und strich sein triefendnasses Haar aus der Stirn, aus dem jetzt Tropfen sprühten. „In Ihrem Auto …“, begann er atemlos und sah Tina eindringlich an. „In Ihrem Auto sitzt jemand.“
Tina zitterte und war sich nicht darüber im Klaren, ob die nasse Kleidung oder der Nachhall ihrer panischen Angst dafür verantwortlich war. Michaels Hand lag warm und beruhigend in ihrem Rücken. Wenigstens war sie jetzt nicht mehr allein.
„In Ihrem Auto, hinter dem Fahrersitz, sitzt jemand“, wiederholte der Mann eindrücklich.
„Ich verstehe nicht“, sagte Tina stockend und trat einen Schritt näher zu Michael.
„Ich habe immer wieder versucht, Sie mit dem Fernlicht zu warnen und zum Anhalten zu bewegen. Aber anstatt anzuhalten, haben Sie Gas gegeben. Sie hatten Angst vor mir, oder?“
Tina schluckte und atmete tief durch.
Wie dumm von mir. Eine vollkommen irrationale Reaktion, dachte sie jetzt.
„Ja“, gab sie zurück. „Ich hatte Angst. Und ich komme mir deshalb gerade ziemlich bescheuert vor. Entschuldigen Sie! Sie hatten vorher ja genügend Gelegenheiten.“
Irre war dieser Fremde wohl doch nicht.
Michaels fragenden Gesichtsausdruck kommentierte Tina mit: „Erzähle ich dir später. Jetzt rufe ich die Polizei.“ Sie forderte den Mann mit einer Geste auf einzutreten.
Michael drehte sich um. „Ich sehe nach, wer in deinem Audi sitzt.“
„Nein, bitte tu das nicht. Lass uns warten, bis die Polizei hier ist.“ Tina hielt bereits den Hörer in der Hand und tippte mit unsicheren Fingern die Notrufnummer.
„Ihre Frau hat Recht“, sagte der Mann. „Wir wissen nicht, wer in dem Wagen sitzt, und können nicht ausschließen, dass dieser Jemand gefährlich ist. Vielleicht ist er sogar bewaffnet.“
„Dann schließe ich die Tür zur Garage ab“, erklärte Michael bestimmt.
„Sei vorsichtig“, rief Tina ihm hinterher. „Möglicherweise ist er ausgestiegen und befindet sich bereits im Haus.“
Als Michael zurückkehrte, traf er Tina und den Fremden im Wohnzimmer an. Sie saßen in gekrümmter Haltung auf den Kanten ihrer Sessel, die Ellbogen auf den Knien und die Köpfe müde in die Handballen gestützt. Auf dem Boden lagen zwei blaue Handtücher, mit denen sie sich offensichtlich Gesicht und Haare notdürftig trockengerieben hatten.
Michael durschritt den Raum, nahm drei Gläser und eine halbvolle Flasche Cognac aus dem hellen Holzschrank, kippte mehr als zwei Fingerbreit in jedes Glas und reichte Tina und dem Mann anschließend den Drink. „Auf den Schrecken“, sagte er dann und ließ sich auf die Couch fallen.
„Und zum Aufwärmen“, ergänzte der Unbekannte. „Vielen Dank.“
Tina trank den Alkohol in einem Zug und genoss die wohltuende Wärme, die sich sekundenschnell in ihrem Körper ausbreitete. Endlich erlangte sie die Kontrolle über ihre Gliedmaßen zurück. Endlich zitterte sie nicht mehr. Kasper ließ sich auf ihren Füßen nieder und Tina genoss den weichen, warmen Hundekörper.
Die drei schwiegen. Was hätten sie auch sagen sollen?
Plötzlich pulsierte unruhiges Blaulicht durch das Wohnzimmerfenster und tauchte die drei Gesichter abwechselnd in ein gespenstisches Licht. Michael sprang auf und stürzte zum Fenster. Zwei Einsatzfahrzeuge der Polizei parkten direkt vor ihrem Haus. Fast im selben Moment klopfte es.
Michael eilte zur Eingangstür und riss sie auf. Unter dem Vordach drängelten sich vier uniformierte Polizisten, um sich vor dem Regen zu schützen. Tina und der Mann traten hinter Michael. Kasper wedelte aufgeregt mit dem Schwanz.
„Befindet sich der Mann noch in Ihrem Fahrzeug?“ wollte einer der Beamten wissen.
Michael zuckte kurz mit den Schultern. „Zumindest ist er noch in der Garage“, fügte er dann hinzu und wies auf das Gebäude, in dem sich Tinas Wagen befand. „Sie ist mit dem Haus durch eine Tür verbunden, die ich vorhin verriegelt habe.“
„Gut gemacht“, lobte der Polizist. „Haben Sie eine Fernbedienung für die Garage?“
Tina nickte.
„Geben Sie sie mir“, forderte der Beamte und drängelte sich mit einem weiteren Polizisten an der kleinen Gruppe vorbei ins Haus.
Tina folgte den beiden und griff nach ihrer Handtasche. Sie wühlte hastig darin herum und reichte dem Uninformierten die Fernbedienung. Er nickte seinen auf den Treppenstufen stehenden Kollegen kurz zu. Die beiden rannten im Laufschritt die wenigen Meter bis zur Garage. Das Klappern ihrer Schuhe schluckten der Regen und die Häuserwände. Sie postierten sich breitbeinig mit eingeschalteten Taschenlampen über gezogenen Pistolen vor dem verschlossenen Tor. Die beiden anderen Beamten ließen sich von Michael den Weg zu der Tür zeigen, durch die Tina vor nur wenigen Minuten ins Haus gestolpert war und die Michael jetzt entriegelte.
„Okay, wir machen jetzt das Tor auf“, flüsterte einer der Polizisten in sein knarrendes Funkgerät. „Sie gehen bitte wieder zurück“, befahl er und hielt Tina und die beiden Männer mit seinem Arm zurück. Doch die drei blieben wie angewurzelt stehen.
„Hauen Sie ab, verdammt noch mal“, wiederholte der Beamte. „Sie behindern eine Polizeiaktion.“
Michael fasste Kasper am Halsband und zog sich mit Tina und dem Fremden einige wenige Schritte zurück. Der Labrador wedelte freudig mit dem Schwanz.
„Das ist ganz und gar nicht lustig, Kasper. Du bist ein dummer Hund“, raunte Tina ungehalten.
Aber das Tier wedelte weiter mit dem Schwanz und tänzelte auf der Stelle.
Tina schüttelte den Kopf über die ungetrübte Spiellust des Labradors.
Die Polizisten zückten ihre Waffen und Taschenlampen und öffneten die Verbindungstür zwischen Haus und Garage.
Zwei weitere Lichter durchschnitten die Dunkelheit, als das Garagentor langsam hochglitt. Die Polizistenpaare betraten gleichzeitig den Raum, in dem Tinas Audi stand.
Die vier Uniformierten hatten mir einigen wenigen Blicken gescannt, dass niemand in der Garage war und postierten sich nun hochkonzentriert zu beiden Seiten des Wagens. Sie richteten ihre Waffen und Taschenlampen auf die hinteren Fensterscheiben und blendeten den Passagier, der immer noch bewegungslos auf dem Rücksitz verharrte.
„Zeigen Sie uns Ihre Hände“, rief einer der Beamten laut. Tina machte in seiner Stimme die gleiche Spannung aus, die sich durch ihre Eingeweide fraß.
Der Fremde blieb bewegungslos sitzen. Der Aufruhr um ihn herum ließ ihn offensichtlich völlig unberührt.
Ein Polizist riss die Wagentür auf.
Der Mann auf dem Rücksitz drehte in Zeitlupentempo den Kopf und starrte mit großen tiefblauen Augen vollkommen verwirrt in das grelle Licht der auf ihn gerichteten Lampen.
Er wehrte sich nicht, als der Beamte seinen Jackenkragen packte und ihn grob aus dem Audi zerrte. Widerstandslos und mucksmäuschenstill ließ er sich gegen die Motorhaube drücken und folgte mit spärlichen Bewegungen dem Befehl, die Hände auf den Rücken zu legen. Die Handschellen klickten, als der Uniformierte sie um die Gelenke des Fremden legte.
Es war vorbei.
Der blinde Passagier stellte keine Gefahr mehr da.
Tina drängelte sich an Michael vorbei und spähte vorsichtig durch die geöffnete Tür. Sie blickte in das Gesicht des Mannes und fragte sich erstaunt, wo sie ihm schon einmal begegnet war.
Draußen krachte es wieder einmal. Blitz und Donner – wie Boten des jüngsten Tages. Der Regen klatschte aus düsteren Wolkenbergen schwer gegen die hohen Fensterscheiben, spülte den Straßenstaub vom Glas auf die Fensterbank und verteilte ihn von dort aus über die Fassade des alten Gebäudes. Die Spannung in den Wolken schien sich direkt über dem Polizeipräsidium zu entladen.
Kommissar Dirk Plock warf immer wieder einen Blick auf den vollgekritzelten Notizblock vor sich, während er seiner Chefin ausführlich Bericht erstattete.
„Der Typ war bislang völlig unauffällig“, erklärte er gerade. „Arbeitet als Mechaniker in einer kleinen Autowerkstatt. Ich hab‘ heute ziemlich lange mit seinem Chef gesprochen. Der hat mir erzählt, dass der Kerl ein erstklassiger Mitarbeiter ist. Einer, der seine Arbeit immer gründlich macht und immer pünktlich, ruhig und zuverlässig ist. Schiebt, ohne zu murren, massig Überstunden, wenn es nötig ist, weil zu viele Aufträge reinkommen. Gut für den Chef. Der musste so keinen einzigen Auftrag ablehnen oder Kunden vertrösten. Unser Mann ist extrem pingelig und ordnungsliebend. Völlig schleierhaft, wie der so austicken konnte.“ Plock hob die Achseln. „Kaffee?“ fragte er dann, lief die wenigen Schritte zur Kaffeemaschine und füllte Claudia Heims‘ Tasse bis zum Rand, als diese nachdenklich nickte.
„Habt ihr bei den Nachbarn irgendetwas in Erfahrung gebracht, das uns weiterhilft?“ wollte Heims wissen und runzelte die Stirn, als sie bemerkte, wie viel Kaffee Plock in ihre Tasse geschüttet hatte.
Er ignorierte den vorwurfsvollen Blick und wog bedächtig den Kopf hin und her. „In der Gegend ziehen die meisten Leute ein und aus. Da nimmt keiner großen Anteil am Leben seiner Nachbarn. Allerdings behaupten die Familien aus Barnerts Haus, dass neben seiner Mutter ein älterer Herr mit in der Wohnung lebte. Den hat das Einwohnermeldeamt dort auf jeden Fall nicht verzeichnet. Ansonsten sagen alle einstimmig über Barnert, dass er immer sehr freundlich grüßt, wenn er im Treppenhaus jemandem über den Weg läuft, sich aber auf keine Unterhaltung einlässt. Wenn es stimmt, was die Nachbarn sagen, hat er nie Besuch und geht außer zur Arbeit nur sehr selten aus dem Haus.“
Claudia Heims fuhr sich durch das kurze, platinblondgefärbte Haar und ließ die Hand flach auf ihrem Hinterkopf liegen. In dieser Position konnte sie am besten nachdenken.
Was wussten sie bis jetzt über Stefan Barnert? Gut – seinen Namen. Den hatte er ihnen widerstandslos bei seiner unkomplizierten Festnahme genannt, ebenso wie seine Geburts- und Kontaktdaten. Aber ansonsten hatte er nichts gesagt, keine einzige Frage beantwortet. Und er schien dieses eiserne Schweigen nicht brechen zu wollen.
Warum trieb sich dieser bisher vollkommen unauffällige Mann plötzlich mitten in tiefster Nacht bei einem gefährlichen Unwetter im Wald herum und schlich sich dann unbemerkt in Tina Hellmanns Wagen? Was war der Auslöser gewesen, der ihn dazu gebracht hatte, mit seiner Unauffälligkeit zu brechen, auffällig zu werden?
„Das macht alles bisher überhaupt keinen Sinn. Wir müssen in seine Wohnung. Wir brauchen einen Durchsuchungsbefehl.“ Plock starrte sie an, während er sich mit Zeige- und Mittelfingern die pochenden Schläfen massierte.
„Läuft schon“, erwiderte Heims knapp und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf die neue, noch sehr dünne Akte: Stefan Barnert, zweiunddreißig, wohnhaft in derselben Stadt, in der er geboren und aufgewachsen war, keine Vorstrafen. Wie jeder Durchschnittsbürger ein paar Knöllchen wegen zu schnellen Fahrens oder Falschparkens, sonst nichts. Er ging einer geregelten Arbeit nach – völlig normal.
Sie musterte die Fotos, die die Kollegen von ihm gemacht hatten, bevor sie ihn nach dem Verhör, das keins gewesen war, zurück in die Zelle brachten – tiefblaue Augen in einem schmalen, athletischen Gesicht, eine gerade, wohlgeformte Nase, volle Lippen, lockiges, dunkles Haar, gepflegter Drei-Tage-Bart.
Hübscher Kerl. Nur die Augen – ausdruckslos. Vielleicht ein bisschen gleichgültig? Oder eher traurig?
Heims raufte sich wieder die Haare und verharrte in der Bewegung, als die Hand ihren Hinterkopf erreichte. Das alles machte bislang wirklich keinen Sinn. Doch möglicherweise fanden sie etwas in seiner Wohnung, das sie endlich weiterbrachte.
Ohne ein Klopfen wurde stürmisch die Bürotür aufgestoßen.
„Hier – der Durchsuchungsbeschluss.“ Eine Assistentin mit üppiger Oberweite, tief ausgeschnittenem Shirt und zu kurzem Rock betrat das Zimmer und reichte Heims einen Briefumschlag.
Na, wenigstens das bekommt sie hin, dachte Heims und verzog unmerklich die Mundwinkel. „Danke“, sagte sie knapp und an Plock gewandt setzte sie hinzu: „Das wird uns hoffentlich weiterbringen.“
