Unterhaltung geht weiter - Michael Mielke - E-Book

Unterhaltung geht weiter E-Book

Michael Mielke

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Beschreibung

Nach "Unterhaltung ist anders" geht die Unterhaltung weiter. Es gibt noch viele Geschichten zu erzählen. Die Straßen, die Umgebung und die Menschen sind gut für Fortsetzungen. Hier ist die erste von ihnen.

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Seitenzahl: 62

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für Florian

Inhalt

Liebe Ansichtskarte

Bei Licht besehen

Irgendein Tag beginnt

Rolf Zacher spielt eine Lesung

Starren auf geronnenes Damals

Aus dem Leben einer Eintagsfliege

Die neue Eieruhr

Die blaue Narbe

Die Sanduhr

Ehrliche Geschäfte

Aus dem Leben einer Pappnase

Auf der Suche nach der Zukunft

Besuch im Jenseits

Sich stellen

Illusionen

Theo die Gans

Erlebnisse eines Einkaufswagens

Die Blume

On the Road

Eine unfertige Geschichte

Müde bin ich geh zur Ruh

Sonntag - Warum fühlt es sich an diesem Tag anders an?

Irgendwann

Wo läufst du hin, Alter?

Die Sylt Trilogie

Liebe Ansichtskarte

Liebe Ansichtskarte,

ehrfurchtsvoll halte ich Dich in meinen Händen.

Du bist weit gereist. Aus New York kommst Du zu mir. New York in den USA. Ich drehe Dich von vorne nach hinten. Und von hinten nach vorne. Ich sehe mir die Bilder auf Deiner Vorderseite an. Verschiedene Motive von New York sind darauf abgebildet. Bei sehr schönem Wetter aufgenommen.

Was willst Du mir erzählen, Du liebe Ansichtskarte?

Vielleicht etwas von dem Fotografen?

Wer mag er gewesen sein.

Ein junger Mann?

War er an dem Tag, als die Bilder entstanden sind, entspannt oder stand er unter Druck.

Vielleicht bekam seine Frau gerade ein Kind und er musste sich beeilen, die Fotos noch rasch im Studio abzugeben.

Vielleicht wurde dieses Kind ja ein Mädchen.

Ein wunderschönes Mädchen mit dunklem Haar, das später einmal ein Model werden sollte.

Ach, wer weiß.

Ich drehe dich wieder um, liebe Ansichtskarte, und sehe den Text auf deiner Rückseite.

Was steht da und von wem ist der Text überhaupt verfasst worden?

Eine unleserliche Unterschrift.

Sie ist mir völlig unbekannt und ich fange an zu rätseln.

Wer von meinen Bekannten könnte denn im Moment in den USA sein?

Mir fällt keiner ein und ich lasse mich lieber von der bunten Briefmarke ablenken. Wer ist denn darauf abgebildet? Ich muss die Lupe nehmen, um das zu erkennen. Es ist George Washington. Aha, der war ja der erste Präsident der USA. Viel Ehre für einen Menschen, auf einer Briefmarke in Erinnerung bleiben zu dürfen.

Wie ich dich so zwischen meinen Fingern halte liebe Ansichtskarte, spüre ich nicht einfach nur dünne Pappe, sondern auch deine Geschichte.

Deine Geschichte beginnt in irgendeinem Wald, der den Baum geliefert hat. Aus diesem Baum und anderen Materialien, wurdest du zusammen gerührt, gepresst und getrocknet, geschnitten und beschriftet. Bis du so geworden bist, wie du jetzt zwischen meinen Fingern ruhst.

Wenn du fühlst, fühlst du manches Mal den Wald aus dem du kommst?

Ich konzentriere mich wieder auf den Text, den man auf deinen Leib geschrieben hat. Es sind nur belanglose Urlaubsgrüße ohne literarischen Wert. Ein hastiger Erlebnisbericht aus der Stadt, die niemals schläft. Jetzt merke ich erst, dass ich nicht gemeint bin. Schade.

Die Ansichtskarte ist für meinen Nachbarn geschrieben worden. Vorsichtig stecke sie in seinen Briefkasten.

Es ist schön, dass es Dinge wie Ansichtskarten gibt. Dinge, die Gedanken in das Land der Phantasie verreisen lassen.

Bei Licht besehen

Wie lange stehe ich hier eigentlich schon?

Die Jahre sind wie im Fluge vergangen. Eben war ich noch strahlend schön. Jetzt fange ich an zu verwittern.

Es wird jeden Tag kälter. Die unangenehme Feuchtigkeit des Novembers setzt mir bereits schlimm zu. Mein morsches Innenleben rostet so vor sich hin. Die Lebensadern verhärten sich. Hoffentlich werden die Ströme nicht durch einen Kurzschluss in ihrem Bewegungsdrang behindert.

Ach, wie schön ist doch der Frühling, wenn die Sonne auf meinen Panzer scheint. Ihn durchdringt und mich innerlich aufheizt. Aber das dauert noch.

Wie alt bin ich überhaupt? Das muss 1930 gewesen sein, als ich die Umgebung zum ersten Mal wahrgenommen habe. Was ist bloß alles in der Zwischenzeit passiert.

Aufmärsche, Krieg und wieder Frieden. Dann wieder Aufmärsche und zwischendrin auch manchmal Ruhe. Dafür dann wieder Baulärm, Menschengeschrei und Köter mit ihren feuchten Geschäften.

Ein Genuss dagegen waren die regelmäßigen Untersuchungen meines Innenlebens und die Überholung meines Äußeren.

Das war wie ein Bad in einem Jungbrunnen. Ich muss mich gedulden, denn die nächste Schönheitsrunde steht erst in acht Monaten an.

Da freue ich mich schon so darauf.

Es wird jetzt schnell dunkel.

Wie immer um diese Jahreszeit.

Bereits um kurz nach fünf.

Ah, da ist es schon. Ich spüre das Kribbeln.

Dieses wunderbare Kribbeln, das aus der Erde kommt.

Es ist jeden Tag aufs Neue ein herrliches Erlebnis.

Ich möchte es nicht missen.

Dann flutet der Strom unaufhaltsam nach oben.

Bis hinauf in meinen fünf Meter entfernten Kopf.

Zehn Glühlampen werden munter.

Ich strahle und meine Umgebung wird erleuchtet.

Bei Licht besehen bin ich doch eine noch sehr gut erhaltene Laterne.

Irgendein Tag beginnt

Paul Götze erwacht an irgendeinem Tag.

Er hat den fauligen Geschmack von billigem Fusel im Mund und blickt mit rot geränderten Augen in den grauen Morgenhimmel. Die fettigen Haare wischt er mit seiner schwieligen rechten Hand aus der zerfurchten Stirn. Seine Glieder schmerzen vom Liegen auf dem kalten, harten Boden. Hose, Windjacke und Schuhe sind in demselben erbärmlichen Zustand wie er.

Früher lebte Paul nicht auf der Straße. Früher, als seine Frau noch lebte. Als sein Leben wie auf Schienen gestellt ablief. Vorbei. Paul Götze schüttelt sich den Dreck von der Hose und geht zur Arbeit. Es ist eine sehr harte Arbeit. Das Betteln um Münzen für Brötchen und neuen Fusel. Fusel, der ihn immer wieder in eine wärmende Scheinwelt entführt. Ein Stadtstreicher wie Paul hat keine andere Wahl.

Die Sonne verdrängt gemächlich die grauen Wolken. Das tut dem gelbschwarzen Mischlingsrüden gut. Er streckt sich genüsslich und lässt den Rest einer halb verwesten Ratte in seiner Schnauze verschwinden.

Ein kräftiger Windstoß bläst den Duft frisch gebrühten Kaffees weg von dem angelehnten Küchenfenster des Abrisshauses. Vor wenigen Minuten hat der letzte Mieter das Haus verlassen. Strom, Gas und Wasser sind abgestellt und das Haus ist nur noch eine leere Hülle. Die Sprengladungen werden Explosionen mit Staub und Dreck auslösen. Die Druckwelle wird noch weit zu spüren sein. Wie üblich werden die Gaffer neugierig glotzen, beißende Asche schmecken und feuchten Mörtel riechen.

Da schleudert ein rostiger VW Golf viel zu schnell um die Ecke. Fridolin Fest ist in Eile.

Sein Ziel ist die Kugellager-Fabrik mit der hellroten Fassade. Menschen strömen hinein, bemüht, pünktlich zu sein. Sie hasten zu den Umkleideräumen, wo sie der abgestandene Geruch ihres gestrigen Schweißes bereits erwartet. Fridolin Fest springt aus seinem Auto und fühlt sich krank. Das Sodbrennen ist wieder da. Er ist bereits zum dritten Mal zu spät. Seine Stelle als Werkspraktikant hängt an einem seidenen Faden. Das hat ihm der Werkleiter zu verstehen gegeben. Der Werkleiter ist ein Freund seines Vaters. Sie kennen sich seit Studientagen und der gemeinsamen Zeit in der schlagenden Verbindung Teutonia Germania.

Fridolin rennt mit geröteten Wangen in sein kleines Büro.

Das Abrisshaus stürzt krachend in sich zusammen.

Ruhe will sich gerade über die staubverhüllte Straße legen, als eine zweite, alles zerfetzende Detonation erfolgt.

Ratlosigkeit breitet sich aus.

Stumme Fragen nach dem Warum.

Dann Schreie von Verletzten.

Später wird man wissen, dass ein Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg übersehen worden ist.

Der Staub legt sich und gibt den Blick frei auf ein Trümmerfeld.