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Unterhalten kann man sich auf unterschiedliche Weise. Sich anders zu unterhalten ist schwieriger, aber unterhaltsamer. Kurze Geschichten mit überraschenden Wendungen sind für den schnellen Leser genau das Richtige. Es wird nicht viel Zeit benötigt, um sich anders zu unterhalten.
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Seitenzahl: 51
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für Marion
Das erste Mal
Das Meer
Der Erbsensuppentest
Der Krug geht solange „Zum Brunnen“ bis er bricht
Die goldgelbe Sonne über Neukölln
Die Insel
Die Oase
Domina Bertha M. und ihre Romanze
Erlebnisse bei denen man dabei ist ohne anwesend zu sein
Gespräch mit einem Unterkiefer
Inne halten
Interview mit einem Toten
Leidenschaft
Raum der Erinnerungen
Rollenspiele
Sinne
Verbrauchte Zeit
Für ihn ist es das erste Mal.
Er liegt in einem weiß bezogenen Bett.
Die Bettwäsche riecht frisch gewaschen, ist gestärkt und knistert, wenn er sich bewegt. Merkwürdig diese glatte, seidig schimmernde Oberfläche. Er streicht mit der Hand darüber. Die Glätte strahlt Kälte aus. Ihm ist kalt, obwohl die Heizung voll aufgedreht sein muss.
Er kann sich nicht bewegen. Er will sich auch nicht bewegen. In dieser Lage ist er schmerzfrei.
Endlich.
Er wird wach.
Es ist dunkel. Die Gardinen sind nicht zugezogen und er kann die Sterne und die Sichel des Mondes sehen. Er will nicht essen und nicht trinken. Einfach nur daliegen. Bewegungslos daliegen.
Er schläft wieder. Immer wieder schläft er ein. Einfach so.
Ob das an den Medikamenten liegt? Es ist ihm gleichgültig. Außerdem ist es unter seiner Decke angenehm warm.
Nicht das er schwitzt. Es ist besser, als zu frieren.
Er träumt.
Er träumt in letzter Zeit immer denselben Traum.
Wie er als kleiner Junge über die dunkelgrüne Wiese hinter schwarzweißen Kühen herrennt. Wie er lacht und sie nicht kriegen kann. Wie seine Mutter ihn immer wieder ruft und sein Vater ihn schließlich fängt und auf dem Arm zur Mutter trägt. Wie alle lachen. Alle glücklich sind.
Wie die Sonne brennt auf dieses Idyll.
Wo Schmerz nicht existiert hat.
Er wird geweckt.
„Herr Meier, es ist Zeit. Sie müssen ihre Medikamente nehmen.“ Eigentlich ist die Person hinter der Stimme freundlich und zuvorkommend. Heute klingt sie jedoch ernst und fordernd. Die Augen zu öffnen fällt ihm noch schwerer, als sonst.
Der Traum kommt wieder. Die Wiese.
Die Kühe. Die Eltern.
Wie oft noch?
Der Schmerz lässt ihn aufschreien.
Der Schmerz ist so heftig, wie noch nie.
Er raubt ihm den Atem. Er fühlt sich einsam. Keiner ist da. Gerade jetzt ist keiner bei ihm.
Die Mattigkeit. Diese Mattigkeit verbunden mit Gleichgültigkeit. Wenn er wach wird, möchte er schlafen. Wenn er schläft, träumt er. Immer denselben Traum. Wie lange noch?
Er fühlt Hände.
Er wird hoch gehoben. Man wäscht ihn.
Man trocknet ihn ab. Man zieht ihn wieder an und deckt ihn zu. Er fühlt die Nadel in seiner Armbeuge. Er spürt die Flüssigkeit in seinen Arm rinnen.
Er blickt auf den Menschen, der in dem Krankenhausbett liegt. Hohlwangig und krank sieht der Mensch aus. Sehr abgemagert und ganz grau. Leblos.
Mit einem unwirklichen, entrückten Lächeln auf dem eingefallenen Gesicht.
Eine Krankenschwester tritt an das Bett und nimmt den Arm des Menschen. Sie fühlt den Puls und geht hinaus. Die Krankenschwester kommt mit einem Arzt wieder. Auch der Arzt fühlt keinen Pulsschlag mehr bei dem Menschen. „Er ist gestorben. Bitte veranlassen Sie alles weitere. Vielen Dank.“
Das Zimmer ist dunkel.
Er sieht den Menschen nicht mehr. Ihm ist so leicht. Er hat keine Schmerzen mehr. Ihm ist weder kalt noch warm.
Was kommt jetzt? Er weiß es nicht.
Für ihn ist es das erste Mal.
Titanweiß strahlt der Mond über dem grünlich schimmerndem Wasser.
Er erinnert an einen am Himmel aufgehängten Lampion. Einer Leuchtspur gleich tanzt sein grelles Licht auf der gekräuselten Oberfläche des Meeres.
Was hat dir der Wind über mich erzählt?
Böen peitschen heulend das Wasser.
Dass du leicht erregbar bist. Denn wenn du den Wind kommen hörst, bäumst du dich auf. Deine Wellen steigen hoch. und höher. So hoch, bis deine Spitzen Schaumkronen aufsetzen.
Windstille.
Der Wind versteht sich darauf, mich zu umgarnen. Er schmeichelt mir. Er vermag mich umzustimmen. Ich liebe es, wenn er zärtlich meine Wogen tätschelt. Dann fange an, mich zu entspannen. Endlich komme ich zur Ruhe.
Ein ruhiges Meer liegt glatt und grün im Mondlicht.
Wie gefällt dir mein Parfum?
Ehrlich gesagt halte ich es für unverschämt belebend.
Ich danke dir.
Nicht doch.
Aber es ist nun einmal so: Der Geruch deines Wassers ist köstlich. So frisch und wohltuend.
Eine duftend spritzende Welle platscht in den Horizont.
Ja, gut gemacht.
Die kleinen Wassertropfen spritzen in alle Richtungen und schmecken wunderbar salzig. Man kann nicht genug davon bekommen.
Wenn der Morgen das helle Blau des Himmels freigibt, kann die Sonne endlich die ruhige Oberfläche des Meeres wärmen.
Ich bin immer noch völlig entspannt und glücklich. Ich lasse die Boote auf mir dahin gleiten und beobachte sie, wie sie in der Ferne verschwinden.
Warum wirst du in der Nacht immer so grün, wenn der Mond dich anstrahlt?
Ist das so? Ich habe nie darauf geachtet. Jetzt, wo du es sagst, muss ich darüber nachdenken.
Lass dir ruhig Zeit. Es eilt nicht.
Nein, nein. Es hängt vielleicht daran, dass ich den Tag mehr liebe, als die Nacht. Das Grün steht für die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Nacht.
Das Meer schweigt und hängt seinen Gedanken nach.
Viele halten dich für heimtückisch und unberechenbar. Sie sagen, du wärst gefährlich.
Das Meer schreckt hoch und sagt mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme: Für die werde ich immer gefährlich sein und bleiben. Für die anderen lasse ich die Sonne im Blutrot des Horizonts eintauchen und schenke Ihnen meine Endlosigkeit für Ihre Sehnsüchte.
Die Erbsensuppe dampft und der krummbeinige, schwarz befrackte Kellner stöhnt. Ihm brennen die alterskrummen Finger, weil der Teller die Küche viel zu heiß verlassen hat.
Der Kellner eilt durch das dunkel gehaltene, für seine hervorragende Küche berühmte, Restaurant. Es strahlt eine unaufdringliche Gemütlichkeit aus mit seinen Milchglaslüstern und seinen Nischen mit Tischen und rot gepolsterten Stühlen. Wer hier herkommt, schätzt den ungestörten Essensgenuss. Der Kellner wird sich im nächsten Monat zur Ruhe setzen, das Restaurant ganz schnell vergessen und das machen, auf das er so lange
